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Das Wesen des Christentums

Ludwig Feuerbach: Das Wesen des Christentums - Kapitel 13
Quellenangabe
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typeessay
authorLudwig Feuerbach
titleDas Wesen des Christentums
publisherPhilipp Reclam jun. Stuttgart
seriesUniversal-Bibliothek
volumeNr. 4571 (7)
year1988
isbn3150046711
firstpub1849
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Elftes Kapitel

Das Geheimnis der Vorsehung und Schöpfung aus Nichts

Die Schöpfung ist das ausgesprochene Wort Gottes, das schöpferische Wort, das innerliche, mit dem Gedanken identische Wort. Aussprechen ist ein Willensakt, die Schöpfung also ein Produkt des Willens. Wie der Mensch in dem Worte Gottes die Göttlichkeit des Wortes, so bejaht er in der Schöpfung die Göttlichkeit des Willens, und zwar nicht des Willens der Vernunft, sondern des Willens der Einbildungskraft, des absolut subjektiven, unbeschränkten Willens. Der höchste Gipfel des Subjektivitätsprinzips ist die Schöpfung aus Nichts. Wie die Ewigkeit der Welt oder Materie nichts weiter bedeutet als die Wesenhaftigkeit der Materie, so bedeutet die Schöpfung der Welt aus Nichts weiter nichts als die Nichtigkeit der Welt. Mit dem Anfang eines Dings ist unmittelbar dem Begriffe, wenn auch nicht der Zeit nach, das Ende desselben gesetzt. Der Anfang der Welt ist der Anfang ihres Endes. Wie gewonnen, so zerronnen. Der Wille hat sie ins Dasein gerufen, der Wille ruft sie wieder zurück ins Nichts. Wann? die Zeit ist gleichgültig. Ihr Sein oder Nichtsein hängt nur vom Willen ab. Der Wille, daß sie ist, ist in einem der Wille, wenigstens der mögliche Wille, daß sie nicht ist. Die Existenz der Welt ist daher eine momentane, willkürliche, unzuverlässige, d. h. eben nichtige Existenz.

Die Schöpfung aus Nichts ist der höchste Ausdruck der Allmacht. Aber die Allmacht ist nichts, als die aller objektiven Bestimmungen und Begrenzungen sich entbindende, diese ihre Ungebundenheit als die höchste Macht und Wesenheit feiernde Subjektivität – die Macht des Vermögens, subjektiv alles Wirkliche als ein Unwirkliches, alles Vorstellbare als ein Mögliches zu setzen – die Macht der Einbildungskraft oder des mit der Einbildungskraft identischen Willens, die Macht der Willkür. Der tiefere Ursprung der Schöpfung aus Nichts liegt im Gemüt – was ebensowohl direkt als indirekt in dieser Schrift ausgesprochen und bewiesen wird. Die Willkür aber ist eben der Wille des Gemüts, die Kraftäußerung des Gemüts nach außen. Der bezeichnendste, stärkste Ausdruck subjektiver Willkür ist das Belieben, das Wohlgefallen – »Es hat Gott beliebt, eine Körper- und Geisterwelt ins Dasein zu rufen« – der unwidersprechlichste Beweis, daß die eigne Subjektivität, die eigne Willkür als das höchste Wesen, als allmächtiges Weltprinzip gesetzt wird. Die Schöpfung aus Nichts als ein Werk des allmächtigen Willens fällt aus diesem Grunde in eine Kategorie mit dem Wunder, oder vielmehr sie ist das erste Wunder nicht nur der Zeit, sondern auch dem Range nach – das Prinzip, aus dem sich alle weitem Wunder von selbst ergeben. Der Beweis ist die Geschichte selbst. Alle Wunder hat man aus der Allmacht, die die Welt aus Nichts geschaffen, gerechtfertigt, erklärt und veranschaulicht. Wer die Welt aus Nichts gemacht, wie sollte der nicht aus Wasser Wein machen, aus einem Esel menschliche Worte hervorbringen, aus einem Felsen Wasser hervorzaubern können? Aber das Wunder ist, wie wir weiter sehen werden, nur ein Werk und Gegenstand der Einbildungskraft – also auch die Schöpfung aus Nichts als das ursprüngliche Wunder. Man hat deswegen die Lehre von der Schöpfung aus Nichts für eine übernatürliche erklärt, auf welche die Vernunft nicht von selbst hätte kommen können, und sich auf die heidnischen Philosophen berufen, als welche aus einer schon vorhandenen Materie die Welt durch die göttliche Vernunft bilden ließen. Allein dieses übernatürliche Prinzip ist kein andres als das Prinzip der Subjektivität, welches sich im Christentume zur unbeschränkten Universalmonarchie erhob, während die alten Philosophen nicht so subjektiv waren, das absolut subjektive Wesen als das schlechtweg, das ausschließlich absolute Wesen zu erfassen, weil sie durch die Anschauung der Welt oder Wirklichkeit die Subjektivität beschränkten – weil ihnen die Welt eine Wahrheit war.

Die Schöpfung aus Nichts ist, als eins mit dem Wunder, eins mit der Vorsehung; denn die Idee der Vorsehung ist – ursprünglich, in ihrer wahren religiösen Bedeutung, wo sie noch nicht bedrängt und beschränkt worden durch den ungläubigen Verstand – eins mit der Idee des Wunders. Der Beweis der Vorsehung ist das Wunder. »Die zuverlässigsten Zeugnisse von einer göttlichen Vorsehung sind die Wunder.«. H. Grotius (de verit. rel. christ. üb. I. § 13). Der Glaube an die Vorsehung ist der Glaube an eine Macht, der alle Dinge zu beliebigem Gebrauche zu Gebote stehen, deren Kraft gegenüber alle Macht der Wirklichkeit Nichts ist. Die Vorsehung hebt die Gesetze der Natur auf; sie unterbricht den Gang der Notwendigkeit, das eiserne Band, das unvermeidlich die Folge an die Ursache knüpft; kurz, sie ist derselbe unbeschränkte, allgewaltige Wille, der die Welt aus Nichts ins Sein gerufen. Das Wunder ist eine Creatio ex nihilo, eine Schöpfung aus Nichts. Wer Wein aus Wasser macht, der macht Wein aus Nichts, denn der Stoff zum Wein liegt nicht im Wasser; widrigenfalls wäre die Hervorbringung des Weins keine wunderbare, sondern natürliche Handlung. Aber nur im Wunder bewährt, beweist sich die Vorsehung. Dasselbe, was die Schöpfung aus Nichts, sagt daher die Vorsehung aus. Die Schöpfung aus Nichts kann nur im Zusammenhang mit der Vorsehung, mit dem Wunder begriffen und erklärt werden; denn das Wunder will eigentlich nichts weiter aussagen, als daß der Wundertäter Derselbe ist, welcher die Dinge durch seinen bloßen Willen aus Nichts hervorgebracht – Gott, der Schöpfer.

Die Vorsehung bezieht sich aber wesentlich auf den Menschen. Um des Menschen willen macht die Vorsehung mit den Dingen, was sie nur immer will, um seinetwillen hebt sie die Gültigkeit des sonst allmächtigen Gesetzes auf. Die Bewunderung der Vorsehung in der Natur, namentlich der Tierwelt, ist nichts andres als eine Bewunderung der Natur und gehört daher nur dem, wenn auch religiösen, Naturalismus an; Der religiöse Naturalismus ist allerdings auch ein Moment der christlichen – mehr noch der mosaischen, so tierfreundlichen Religion. Aber er ist keineswegs das charakteristische, das christliche Moment der christlichen Religion. Die christliche, die religiöse Vorsehung ist eine ganz andere, als die Vorsehung, welche die Lilien kleidet und die Raben speist. Die natürliche Vorsehung läßt den Menschen im Wasser untersinken, wenn er nicht schwimmen gelernt hat, aber die christliche, die religiöse Vorsehung führt ihn an der Hand der Allmacht unbeschädigt über das Wasser hinweg. denn in der Natur offenbart sich auch nur die natürliche, nicht die göttliche Vorsehung, die Vorsehung, wie sie Gegenstand der Religion. Die religiöse Vorsehung offenbart sich nur im Wunder – vor allem im Wunder der Menschwerdung, dem Mittelpunkt der Religion. Aber wir lesen nirgends, daß Gott um der Tiere willen Tier geworden sei – ein solcher Gedanke schon ist in den Augen der Religion ein ruchloser, gottloser – oder daß Gott überhaupt Wunder um der Tiere oder Pflanzen willen getan habe. Im Gegenteil: wir lesen, daß ein armer Feigenbaum, weil er keine Früchte trug zu einer Zeit, wo er keine tragen konnte, verflucht wurde, nur um den Menschen ein Beispiel zu geben, was der Glaube über die Natur vermöge, daß die dämonischen Plagegeister zwar den Menschen aus-, aber dafür den Tieren eingetrieben wurden. Wohl heißt es: »kein Sperling fällt ohne des Vaters Willen vom Dach«; aber diese Sperlinge haben nicht mehr Wert und Bedeutung, als die Haare auf des Menschen Haupt, die alle gezählt sind.

Das Tier hat – abgesehen vom Instinkt – keinen andern Schutzgeist, keine andere Vorsehung, als seine Sinne oder überhaupt Organe. Ein Vogel, der seine Augen verliert, hat seine Schutzengel verloren; er geht notwendig zugrunde, wenn nicht ein Wunder geschieht. Aber wir lesen wohl, daß ein Rabe dem Propheten Elias Speisen gebracht habe, nicht jedoch (wenigstens meines Wissens), daß je um seinetwillen ein Tier auf andere Weise als natürliche erhalten worden sei. Wenn nun aber ein Mensch glaubt, daß auch er keine andere Vorsehung habe, als die Kräfte seiner Gattung, seine Sinne, seinen Verstand, so ist er in den Augen der Religion und aller derer, welche der Religion das Wort reden, ein irreligiöser Mensch, weil er nur eine natürliche Vorsehung glaubt, die natürliche Vorsehung aber eben in den Augen der Religion soviel als keine ist. Die Vorsehung bezieht sich darum wesentlich nur auf den Menschen – selbst unter den Menschen eigentlich nur auf die religiösen. »Gott ist der Heiland aller Menschen, sonderlich aber der Gläubigen.« Sie gehört, wie die Religion, nur dem Menschen an – sie soll den wesentlichen Unterschied des Menschen vom Tiere ausdrücken, den Menschen der Gewalt der Naturmächte entreißen. Jonas im Leibe des Fisches, Daniel in der Löwengrube sind Beispiele, wie die Vorsehung den (religiösen) Menschen vom Tiere unterscheidet. Wenn daher die Vorsehung, welche in den Fang- und Freßwerkzeugen der Tiere sich äußert und von den frommen christlichen Naturforschern so sehr bewundert wird, eine Wahrheit ist, so ist die Vorsehung der Bibel, die Vorsehung der Religion eine Lüge, und umgekehrt. Welch erbärmliche und zugleich lächerliche Heuchelei, beiden, Natur und Bibel zugleich huldigen zu wollen! Die Natur, wie widerspricht sie der Bibel! die Bibel, wie widerspricht sie der Natur! Der Gott der Natur offenbart sich darin, daß er dem Löwen die Stärke und schicklichen Organe gibt, um zur Erhaltung seines Lebens im Notfall selbst ein menschliches Individuum erwürgen und fressen zu können; der Gott der Bibel aber offenbart sich darin, daß er das menschliche Individuum den Freßwerkzeugen des Löwen wieder entreißt! Der Verfasser hatte bei dieser Entgegensetzung der religiösen oder biblischen und natürlichen Vorsehung besonders die fade, bornierte Theologie der englischen Naturforscher vor Augen.

Die Vorsehung ist ein Vorzug des Menschen; sie drückt den Wert des Menschen im Unterschied von den andern natürlichen Wesen und Dingen aus; sie entnimmt ihn dem Zusammenhange des Weltganzen. Die Vorsehung ist die Überzeugung des Menschen von dem unendlichen Wert seiner Existenz – eine Überzeugung, in der er den Glauben an die Wahrheit der Außendinge aufgibt – der Idealismus der Religion – der Glaube an die Vorsehung daher eins mit dem Glauben an die persönliche Unsterblichkeit, nur mit dem Unterschiede, daß hier in Beziehung auf die Zeit der unendliche Wert als unendliche Dauer des Daseins sich bestimmt. Wer keine besondern Ansprüche macht, wer gleichgültig gegen sich ist, wer sich nicht von der Natur absondert, wer sich als einen Teil im Ganzen verschwinden sieht, der glaubt keine Vorsehung, d.h. keine besondere Vorsehung; aber nur die besondere Vorsehung ist Vorsehung im Sinne der Religion. Der Glaube an die Vorsehung ist der Glaube an den eignen Wert – daher die wohltätigen Folgen dieses Glaubens, aber auch die falsche Demut, der religiöse Hochmut, der sich zwar nicht auf sich verläßt, aber dafür dem lieben Gott die Sorge für sich überläßt –, der Glaube des Menschen an sich selbst. Gott bekümmert sich um mich; er beabsichtigt mein Glück, mein Heil; er will, daß ich selig werde; aber dasselbe will ich auch; mein eignes Interesse ist also das Interesse Gottes, mein eigner Wille Gottes Wille, mein eigner Endzweck Gottes Zweck – die Liebe Gottes zu mir nichts, als meine vergötterte Selbstliebe.

Wo aber die Vorsehung geglaubt wird, da wird der Glaube an Gott von dem Glauben an die Vorsehung abhängig gemacht. Wer leugnet, daß eine Vorsehung ist, leugnet, daß Gott ist, oder – was dasselbe – Gott Gott ist; denn ein Gott, der nicht die Vorsehung des Menschen, ist ein lächerlicher Gott, ein Gott, dem die göttlichste, anbetungswürdigste Wesenseigenschaft fehlt. Folglich ist der Glaube an Gott nichts, als der Glaube an die menschliche Würde, »Die, welche Götter leugnen, heben den Adel des Menschengeschlechts auf.« Baco (Verul. Serm. Fidel. 16). der Glaube an die göttliche Bedeutung des menschlichen Wesens. Aber der Glaube an die (religiöse) Vorsehung ist eins mit dem Glauben an die Schöpfung aus Nichts und umgekehrt: diese kann also auch keine andere Bedeutung haben, als die eben entwickelte Bedeutung der Vorsehung, und sie hat auch wirklich keine andere. Die Religion spricht dies hinlänglich dadurch aus, daß sie den Menschen als den Zweck der Schöpfung setzt. Alle Dinge sind um des Menschen willen, nicht um ihretwillen. Wer diese Lehre, wie die frommen christlichen Naturforscher, als Hochmut bezeichnet, erklärt das Christentum selbst für Hochmut; denn daß die »materielle Welt« um des Menschen willen ist, das will unendlich weniger sagen, als daß Gott oder wenigstens, wenn wir Paulus folgen, ein Wesen, das fast Gott, kaum zu unterscheiden von Gott ist, um des Menschen willen Mensch wird.

Wenn aber der Mensch der Zweck der Schöpfung, so ist er auch der wahre Grund derselben, denn der Zweck ist das Prinzip der Tätigkeit. Der Unterschied zwischen dem Menschen als Zweck der Schöpfung und dem Menschen als Grund derselben ist nur, daß der Grund das abstrakte, abgezogne Wesen des Menschen, der Zweck aber der wirkliche, individuelle Mensch ist, daß der Mensch sich wohl als den Zweck der Schöpfung weiß, aber nicht als den Grund, weil er den Grund, das Wesen als ein andres persönliches Wesen von sich unterscheidet. Bei Clemens Alex. (Coh. ad gentes) findet sich eine interessante Stelle. Sie lautet in der lateinischen Übersetzung (der schlechten Würzburger Ausgabe 1778): At nos ante mundi constitutionem fuimus, ratione futurae nostrae productionis, in ipso Deo quodammodo tum praeexistentes. Divini igitur Verbi sive Rationis, nos creaturae rationales sumus, et per eum primi esse dicimur, quoniam in principio erat Verbum. Noch bestimmter hat aber die christliche Mystik das menschliche Wesen als das schöpferische Prinzip, als den Grund der Welt ausgesprochen. »Der Mensch, der vor der Zeit in der Ewigkeit ist, der wirket mit Gott alle die Werke, die Gott vor tausend Jahren und nach tausend Jahren noch je gewirket.« »Durch den Menschen seind alle Kreaturen ausgeflossen.« Predigten vor und zu Tauleri Zeiten. (Ed. c. p. 5, p. 119.) Allein dieses andre persönliche, schöpferische Wesen ist in der Tat nichts andres, als die außer allen Zusammenhang mit der Welt gesetzte menschliche Persönlichkeit, welche sich durch die Schöpfung, d.h. das Setzen der Welt, des Gegenständlichen, des Andern als eines unselbständigen, endlichen, nichtigen Daseins die Gewißheit ihrer Alleinwirklichkeit gibt. Bei der Kreation handelt es sich nicht um die Wahrheit und Realität der Natur oder Welt, sondern um die Wahrheit und Realität der Persönlichkeit, der Subjektivität im Unterschiede von der Welt. Es handelt sich um die Persönlichkeit Gottes; aber die Persönlichkeit Gottes ist die von allen Bestimmungen und Begrenzungen der Natur befreite Persönlichkeit des Menschen. Daher die innige Teilnahme an der Kreation, der Abscheu vor pantheistischen Kosmogonien; die Kreation ist, wie der persönliche Gott überhaupt, keine wissenschaftliche, sondern persönliche Angelegenheit, kein Objekt der freien Intelligenz, sondern des Gemütsinteresses; denn es handelt sich in der Kreation nur um die Garantie, die letzte denkbare Bewährung der Persönlichkeit oder Subjektivität als einer ganz aparten, gar nichts mit dem Wesen der Natur gemein habenden, über- und außerweltlichen Wesenheit. Hieraus erklärt es sich, warum alle Versuche der spekulativen Theologie und der ihr gleichgesinnten Philosophie, von Gott auf die Welt zu kommen oder aus Gott die Welt abzuleiten, mißglücken und mißglücken müssen. Nämlich darum, weil sie von Grund aus falsch und verkehrt sind, nicht wissen, worum es sich eigentlich in der Kreation handelt.

Der Mensch unterscheidet sich von der Natur. Dieser sein Unterschied ist sein Gott – die Unterscheidung Gottes von der Natur nichts andres, als die Unterscheidung des Menschen von der Natur. Der Gegensatz von Pantheismus und Personalismus löst sich in die Frage auf: ist das Wesen des Menschen ein außerweltliches oder innerweltliches, ein übernatürliches oder natürliches Wesen? Unfruchtbar, eitel, kritiklos, ekelhaft sind darum die Spekulationen und Streitigkeiten über die Persönlichkeit oder Unpersönlichkeit Gottes; denn die Spekulanten, insbesondre die Persönlichkeitsspekulanten nennen das Kind nicht beim rechten Namen; sie stellen das Licht unter den Scheffel; sie spekulieren in Wahrheit nur über sich selbst, spekulieren selbst nur im Interesse ihres eignen Glückseligkeitstriebes, und doch wollen sie es nicht Wort haben, daß sie sich nur über sich selbst die Köpfe zerbrechen, spekulieren in dem Wahne, die Geheimnisse eines andern Wesens auszuspähen. Der Pantheismus identifiziert den Menschen mit der Natur – sei es nun mit ihrer augenfälligen Erscheinung oder ihrem abgezogenen Wesen – der Personalismus isoliert, separiert ihn von der Natur, macht ihn aus einem Teile zum Ganzen, zu einem absoluten Wesen für sich selbst. Dies ist der Unterschied. Wollt ihr daher über diese Dinge ins reine kommen, so vertauscht eure mystische, verkehrte Anthropologie, die ihr Theologie nennt, mit der wirklichen Anthropologie und spekuliert im Lichte des Bewußtseins und der Natur über die Verschiedenheit oder Einheit des menschlichen Wesens mit dem Wesen der Natur. Ihr gebt selbst zu, daß das Wesen des pantheistischen Gottes nichts ist als das Wesen der Natur. Warum wollt ihr denn nun nur die Splitter in den Augen eurer Gegner, nicht aber die doch so leicht wahrnehmbaren Balken in euren eignen Augen bemerken, warum bei euch eine Ausnahme von einem allgemein gültigen Gesetz machen? Also gebt auch zu, daß euer persönlicher Gott nichts andres ist, als euer eigenes persönliches Wesen, daß ihr, indem ihr die Über- und Außernatürlichkeit eures Gottes glaubt und beweiset, nichts andres glaubt und beweiset, als die Über- und Außernatürlichkeit eures eignen Selbstes.

Wie überall, so verdecken auch in der Kreation die beigemischten allgemeinen, metaphysischen oder selbst pantheistischen Bestimmungen das eigentliche Wesen der Kreation. Aber man braucht nur aufmerksam zu sein auf die nähern Bestimmungen, um sich zu überzeugen, daß der Kern der Kreation nichts andres als die Selbstbewährung des menschlichen Wesens im Unterschiede von der Natur ist. Gott produziert die Welt außer sich – zuerst ist sie nur Gedanke, Plan, Entschluß, jetzt wird sie Tat, und damit tritt sie außer Gott hinaus als ein von ihm unterschiednes, relativ wenigstens, selbständiges Wesen. Aber ebenso setzt der Mensch, wie er sich von der Welt unterscheidet, sich als ein von ihr unterschiednes Wesen erfaßt, die Welt außer sich als ein andres Wesen – ja dieses Außersichsetzen und das Sichunterscheiden ist Ein Akt. Indem daher die Welt außer Gott gesetzt wird, so wird Gott für sich selbst gesetzt, unterschieden von der Welt. Was ist also Gott anders, als euer eignes, subjektives Wesen, wenn die Welt außer ihn tritt? Man kann hiegegen auch nicht einwenden die Allgegenwart Gottes, das Sein Gottes in allen Dingen, oder das Sein der Dinge in Gott. Denn abgesehen davon, daß durch den einstigen wirklichen Untergang der Welt das Außer-Gott-Sein der Welt, d. h. ihre Ungöttlichkeit deutlich genug ausgesprochen ist – Gott ist nur im Menschen auf spezielle Weise; aber nur da bin ich zu Hause, wo ich speziell zu Hause bin. »Nirgend ist Gott als eigentlich Gott in der Seel. In allen Kreaturen ist etwas Gottes, aber in der Seel ist Gott göttlich, dann sie ist seine Ruhestatt.« Predigten etzlicher Lehrer etc., p. 19. Und das Sein der Dinge in Gott ist, zumal da, wo es keine pantheistische Bedeutung hat, die aber hier wegfällt, ebenso nur eine Vorstellung ohne Realität, drückt nicht die speziellen Gesinnungen der Religion aus. Indem die listige Reflexion hinzutritt, so wird freilich der Unterschied zwischen Außen und Innen als ein endlicher, menschlicher (?) Unterschied geleugnet. Aber auf das Leugnen des Verstandes, der ein purer Miß- und Unverstand der Religion, ist nichts zu geben. Ist es ernstlich gemeint, so zerstört es das Fundament des religiösen Bewußtseins; es hebt die Möglichkeit, ja das Wesen der Schöpfung auf, denn sie beruht nur auf der Wahrheit dieses Unterschieds. Überdies geht der Effekt der Schöpfung, die Majestät dieses Aktes für Gemüt und Phantasie ganz verloren, wenn das Außersichsetzen nicht im wirklichen Sinne genommen wird. Was heißt denn machen, schaffen, hervorbringen anders, als etwas, was zunächst nur ein Subjektives, insofern Unsichtbares, Nichtseiendes ist, gegenständlich machen, versinnlichen, so daß nun auch andre, von mir unterschiedne Wesen es kennen und genießen, also etwas außer mich setzen, zu etwas von mir Unterschiednem machen? Wo nicht die Wirklichkeit oder Möglichkeit eines Außer-mir-Seins ist, da ist von Machen, Schaffen keine Rede. Gott ist ewig, aber die Welt entstanden; Gott war, als die Welt noch nicht war; Gott ist unsichtbar, unsinnlich; aber die Welt ist sinnlich, materiell, also außer Gott; denn wie wäre das Materielle als solches, die Masse, der Stoff in Gott? Die Welt ist in demselben Sinne außer Gott, in welchem der Baum, das Tier, die Welt überhaupt außer meiner Vorstellung, außer mir selbst ist – ein von der Subjektivität unterschiednes Wesen. Nur da, wo ein solches Außersichsetzen zugegeben wird, wie bei den ältern Philosophen und Theologen, haben wir daher die unverfälschte, unvermischte Lehre des religiösen Bewußtseins. Die spekulativen Theologen und Philosophen der neuern Zeit dagegen schwärzen allerlei pantheistische Bestimmungen mit ein, obwohl sie das Prinzip des Pantheismus verwerfen, aber sie bringen deswegen auch nur ein absolut sich widersprechendes, unausstehliches Geschöpf zur Welt.

Der Schöpfer der Welt ist also nichts als der Mensch, welcher sich durch den Beweis oder das Bewußtsein, daß die Welt erschaffen, ein Werk des Willens, d. h. eine selbstlose, machtlose, nichtige Existenz ist, die Gewißheit der eignen Wichtigkeit, Wahrheit und Unendlichkeit gibt. Das Nichts, aus dem die Welt hervorgebracht wurde, ist ihr eignes Nichts. Indem du sagst: die Welt ist aus Nichts gemacht, denkst du dir die Welt selbst als Nichts, räumst du alle Schranken deiner Phantasie, deines Gemüts, deines Willens aus dem Kopfe, denn die Welt ist die Schranke deines Willens, deines Gemüts; die Welt allein bedrängt deine Seele; sie allein ist die Scheidewand zwischen dir und Gott, deinem seligen vollkommnen Wesen. Du vernichtest also subjektiv die Welt; du denkst dir Gott allein für sich, d. h. die schlechthin unbeschränkte Subjektivität, die Seele, die sich selbst allein genießt, die nicht der Welt bedarf, die nichts weiß von den schmerzlichen Banden der Materie. Im innersten Grunde deiner Seele willst du, daß keine Welt sei; denn wo Welt ist, da ist Materie, und wo Materie, da ist Druck und Stoß, Raum und Zeit, Schranke und Notwendigkeit. Gleichwohl ist aber doch eine Welt, doch eine Materie. Wie kommst du aus der Klemme dieses Widerspruchs hinaus? Wie schlägst du dir die Welt aus dem Sinne, daß sie dich nicht stört in dem Wonnegefühl der unbeschränkten Seele? Nur dadurch, daß du die Welt selbst zu einem Willensprodukt machst, daß du ihr eine willkürliche, stets zwischen Sein und Nichtsein schwebende, stets ihrer Vernichtung gewärtige Existenz gibst. Allerdings läßt sich die Welt, oder die Materie – denn beide lassen sich nicht trennen – nicht aus dem Kreationsakte erklären; aber es ist gänzlicher Mißverstand, solche Forderung an die Kreation zu stellen; denn es liegt dieser der Gedanke zugrunde: es soll keine Welt, keine Materie sein; und es wird daher auch täglich ihrem Ende sehnlichst entgegengeharrt. Die Welt in ihrer Wahrheit existiert hier gar nicht; sie ist nur als der Druck, die Schranke der menschlichen Seele und Persönlichkeit Gegenstand; wie sollte die Welt in ihrer Wahrheit und Wirklichkeit aus einem Prinzip, das die Welt verneint, sich deduzieren, begründen lassen?

Um die entwickelte Bedeutung der Kreation als die richtige zu erkennen, bedenke man nur dies eine ernstlich, daß in der Kreation keineswegs die Schöpfung von Kraut und Vieh, von Wasser und Erde, für die ja kein Gott ist, sondern die Schöpfung von persönlichen Wesen, von Geistern, wie man zu sagen pflegt, die Hauptsache ist. Gott ist der Begriff oder die Idee der Persönlichkeit als selbst Person, die in sich selbst seiende von der Welt abgeschlossene Subjektivität, das als absolutes Sein und Wesen gesetzte bedürfnislose Fürsichselbstsein, das Ich ohne Du. Da aber das absolute Nur-für-sich-selbst-Sein dem Begriffe des wahren Lebens, dem Begriffe der Liebe widerspricht, da das Selbstbewußtsein wesentlich gebunden ist an das Bewußtsein eines Du, da in die Dauer wenigstens die Einsamkeit sich nicht von dem Gefühle der Langweiligkeit und Einförmigkeit bewahren kann: so wird sogleich von dem göttlichen Wesen fortgeschritten zu andern bewußten Wesen, der Begriff der Persönlichkeit, der zuvörderst nur in ein Wesen zusammengedrängt ist, zu einer Vielheit von Personen erweitert. Hier ist auch der Punkt, wo die Kreation uns nicht nur die göttliche Macht, sondern auch die göttliche Liebe repräsentiert. »Wir sind, weil Gott gut ist.« ( Augustin.) Anfangs, vor der Welt war Gott allein für sich. »Vor allen Dingen war Gott allein, er selbst sich die Welt und der Ort und alles. Allein aber war er, weil Nichts außer ihm war.« ( Tertullian.) Aber kein höheres Glück gibt es, als andere zu beglücken, Seligkeit liegt im Aktus der Mitteilung. Aber mitteilend ist nur die Freude, die Liebe. Der Mensch setzt daher die mitteilende Liebe als Prinzip des Seins. »Die Ekstase der Güte versetzt Gott außer sich.« ( Dionysius A.) Alles Wesenhafte begründet sich nur durch sich selbst. Die göttliche Liebe ist die sich selbst begründende, sich selbst bejahende Lebensfreude. Das höchste Selbstgefühl des Lebens, die höchste Lebensfreude ist aber die Liebe, die beglückt. Gott, als gütiges Wesen, ist das personifizierte und vergegenständlichte Glück der Existenz. Wird die Person physisch gefaßt, als wirklicher Mensch, als welcher sie ein bedürftiges Wesen ist, so tritt sie erst am Ende der physischen Welt, wenn die Bedingungen ihrer Existenz vorhanden, als der Endzweck der Kreation auf. Wird dagegen der Mensch abstrakt als Person gedacht, wie es von der religiösen Spekulation geschieht, so ist dieser Umweg abgeschnitten: es handelt sich in gerader Linie um die Selbstbegründung, die letzte Selbstbewährung der menschlichen Persönlichkeit. Zwar wird die göttliche Persönlichkeit auf alle mögliche Weise von der menschlichen distinguiert, um ihre Nichtverschiedenheit von dieser zu verschleiern; aber diese Unterschiede sind entweder rein phantastische oder sophistische. Alle wesentlichen Gründe der Kreation reduzieren sich nur auf die Bestimmungen, die Gründe, welche dem Ich das Bewußtsein der Notwendigkeit eines andern persönlichen Wesens aufdrängen. Spekuliert so viel als ihr wollt: ihr werdet nie eure Persönlichkeit aus Gott herausbringen, wenn ihr sie nicht schon vorher hineingebracht habt, wenn nicht Gott selbst schon euer subjektives oder persönliches Wesen ist.

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