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Das wandernde Licht

Ernst von Wildenbruch: Das wandernde Licht - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorErnst von Wildenbruch
titleDas wandernde Licht
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeZehnter Jahrgang. Band 3
year1893
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid9602c426
created20070105
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An der kleinen Station, die nicht weit hinter Breslau an dem großen Schienenstrange liegt, der, Schlesien durchquerend, Berlin mit Wien verbindet, war zu später Abendstunde der Eisenbahnzug angekommen.

Es war keiner von den Kurierzügen; wenige Fahrgäste nur saßen in den Wagen verteilt; auf der Station stiegen nicht mehr als zwei Reisende aus. Dies waren zwei Männer, von denen der eine, der bejahrter und dicker als der andre war, sogleich von dem Gepäckträger des Bahnhofs in Empfang genommen und begrüßt wurde. Er schien am Orte bekannt zu sein, und das war natürlich genug, denn es war der Arzt, der in der kleinen, etwa zwei Meilen hinter der Station landeinwärts gelegenen Stadt seinen Wohnsitz hatte.

»Ist der Wagen da?« fragte er den Gepäckträger; dem er seine Reisetasche anvertraute; er war offenbar nur zu einem kurzen Ausfluge von Hause fort gewesen.

»Is da, Herr Dukter,« erwiderte jener; »die Frau Dukter hat och den Mantel für'n Herrn mit eingelegt, wird aber nicht nötig sein, is scheenes Wetter heut abend zur Nacht.« Jetzt wandte sich der Arzt an den Mitreisenden.

»Wollen Sie nicht auch nach – fahren?« Und er nannte den Namen des Städtchens.

Der Angeredete bejahte. Er wollte am nächsten Tage noch weiter ins Land hinein; darum hatte er die Absicht gehabt, in der Stadt zu übernachten.

Mit einem raschen Blick stellte der Doktor fest, daß außer einem Koffer nichts weiter an ihm hing.

»Wenn's Ihnen also recht ist,« meinte er, »steigen Sie mit ein, und wir fahren zusammen.«

Das wurde angenommen, und bald darauf rasselte der Wagen mit seinen Insassen durch das Gitterthor des Bahnhofgebäudes auf die Chaussee hinaus, die sich im Mondlicht wie ein weißes flimmerndes Band in das Land hinein verlor.

Es war, wie der Gepäckträger gesagt hatte, schönes Wetter heut abend zur Nacht.

Man befand sich im Juli; zu beiden Seiten der Chaussee stand das reifende Korn auf den Feldern; über dem weiten, flachen Lande lag die tiefe, süße Stille der Sommernacht, nicht unterbrochen, sondern nur eindringlicher gemacht durch das Gequak der Frösche, in das sich von Zeit zu Zeit der dumpfe Ruf der Rohrdommel mischte.

Um die Fahrt zu verkürzen, bog jetzt der Kutscher von der Chaussee in einen Weg ab, der quer durchs Land einen Bogen der großen Fahrstraße abschnitt. Obschon man hier stellenweise durch sandigen Untergrund hindurch mußte, blieben die kräftigen Braunen, die vor den Wagen gespannt waren, in munterem Trabe, so daß man gut vom Flecke kam.

Nach einer halben Stunde etwa tauchten vor den Reisenden die dunklen Umrisse eines baumreichen Parks auf, und indem man näher kam, sah man über den Bäumen ein Haus emporsteigen. Vielleicht war es das Dunkel der Nacht, welches die Linien des Gebäudes undeutlich machte – jedenfalls erschien es, von hier unten gesehen, außerordentlich groß, beinahe kolossal.

»Ist das das Schloß, das zu dem Park gehört?« unterbrach der zweite Reisende, der im Lande fremd zu sein schien, die Stille, die bisher im Wagen geherrscht hatte.

»Jawohl, das ist das Schloß,« erwiderte der Arzt. »Ein gehöriger Kasten! Nicht wahr?«

Die Bezeichnung traf zu. Einem ungeheuren finstern Kasten sah das Bauwerk ähnlich, wie es in seiner schweren Masse, lautlos, scheinbar leblos, auf der Terrasse über dem Parke lag, und mit den schwarzen, lichtlosen Fenstern in die dunkle Nacht hinausstierte.

Indem die Blicke des Reisenden noch an dem merkwürdigen Bilde hafteten, griff der Kutscher mit einem plötzlichen Ruck in die Zügel, so daß die Pferde zum Stehen kamen.

»Herr Dukter,« wandte er sich vom Bocke zum Wagen um, »itze sucht er wieder – da!«

Mit dem Peitschenstiele deutete er auf das Schloß hin; die Augen des Arztes und seines Begleiters folgten der angegebenen Richtung.

In dem toten Hause war es lebendig geworden.

Hinter einem der dunklen Fenster, und zwar demjenigen, welches sich an der äußersten Ecke des Hauses befand, dämmerte ein Lichtschein auf, der sich allmählich verstärkte, so daß es aussah, als käme eine Leuchte aus dem hinteren Teile eines weitläufigen Gelasses langsam nach vorn. Dann blieb das Licht stehen, flackerte eine Zeitlang hin und her, als würde die Leuchte von der Hand, die sie trug, im Kreise umhergeführt; alsdann verdunkelte sich das erste Fenster, das danebenliegende wurde hell – das Licht wanderte. Man konnte wahrnehmen, wie es aus dem ersten Zimmer in das anstoßende Gemach ging. Dort blieb es abermals stehen, und der Vorgang von vorhin wiederholte sich. Aus dem zweiten wanderte es in das dritte, und so die ganze lange Flucht von Zimmern entlang, und jedesmal das flackernde Umherfahren, jedesmal aber hastiger, als würde die Hand, die die Leuchte trug, immer erregter, als suchte das Licht etwas in den Ecken der Gemächer, und fände nicht, wonach es suchte. Wie das Ringen einer stummen, verzweifelten Seele, beinahe gespensterhaft sah das alles aus.

Zwölf Fenster befanden sich in der langen Front des Schlosses; an allen zwölf wanderte das Licht entlang, bis daß es endlich in das letzte, von dem ersten Zimmer entfernteste Gemach gekommen zu sein schien.

Hier wurden die Bewegungen noch ungestümer als zuvor, das Licht fuhr herauf und herab, daß es aussah, als suchte es am Fußboden umher.

»Itze is er in ihrem Schlafzimmer,« sagte der Kutscher, der kein Auge von dem Vorgange verwandt hatte.

»Ja, jetzt ist er in ihrem Schlafzimmer,« bestätigte der Arzt. In dem Augenblick aber trat eine neue Erscheinung ein: das Licht, das ganz tief am Boden umhergeglitten war, als suchte es unter Möbeln und Betten, wurde plötzlich hoch gehoben und stand ruhig und still, ohne weiter umherzuirren und zu flackern. Es sah aus, als wäre eine andre, festere Hand hinzugekommen, die es der ersten abgenommen hatte und emporhielt. Dies dauerte einige Zeit, dann verdämmerte der Lichtschein nach dem Hintergrunde des Zimmers, verschwand sodann völlig, und gleich darauf lag das Schloß wieder finster und leblos da, wie es zuvor gelegen hatte.

»Itze is der Johann gekommen und hat ihn geheißen vernünftig sein,« sagte der Kutscher, indem er leise in sich hineinlachte, wie jemand, der sich gegrauelt hat und froh ist, daß der Spuk zu Ende ist.

»Es scheint,« erwiderte der Arzt, »jetzt ist der Johann gekommen. Also – fahr auch zu.«

Er lehnte sich zurück; der Kutscher schnalzte mit der Zunge, und die Pferde zogen wieder an. Wenige Minuten später lag das Schloß den Fahrenden im Rücken.

Der zweite Reisende, der das abenteuerliche Schauspiel schweigend beobachtet hatte, wandte sich jetzt an seinen Begleiter. Aus dem Gespräche des Arztes und des Kutschers hatte er entnommen, daß der rätselhafte Vorgang ihnen verständlich erschien.

»Können Sie mir denn sagen,« fragte er, »was das alles für eine Bewandtnis hat?«

Es erfolgte zunächst keine Antwort. Der Arzt saß in seiner Wagenecke und brummte vor sich hin; er schien nicht recht aufgelegt, Auskunft zu erteilen.

»Sie sind wohl nicht aus der Gegend?« fragte er dann zurück.

»Nein – warum?«

»Hm – nu ja –« meinte der Arzt, »weil sonst – haben Sie nie von den Fahrenwalds gehört?«

»Fahrenwalds?« »Nu ja – die Freiherren von Fahrenwald.«

»Niemals gehört,« versicherte der Gefragte.

Der Arzt brummte wieder vor sich hin; es klang beinahe wie Mißbilligung. Als echter Schlesier konnte er kaum begreifen, daß jemand von einem Geschlechte, wie das der Fahrenwalds, nichts wissen sollte.

»Gehört denen das Schloß?« fuhr der Reisende nach einer Pause fort.

»Nu, das versteht sich,« entgegnete der Arzt, »der Baron, der jetzt da oben sitzt, ist der letzte von ihnen.«

Er drückte sich tiefer in seinen Sitz.

»Aber wenn Sie fremd sind – es sind Sachen – man thut schon besser, man spricht nicht viel davon.«

Der andre wurde immer neugieriger.

»Ist etwas los mit dem jetzigen Baron?«

»Nu – was soll mit ihm los sein?« sagte der Arzt, dessen Antworten immer zögernder wurden, »man könnte halt eben von ihm sagen: es blakt bei ihm ein wenig.«

»Es – blakt?« fragte der Gefährte. »Was meinen Sie damit?«

Der Arzt lachte in sein feistes Doppelkinn.

»Nu, sehen Sie, das Gehirn der Menschen, damit ist's so ungefähr wie mit den Lampen. Bei den einen brennt das ruhig und manierlich, bei den andern flickert's und flackert's, und endlich gibt's welche, bei denen die Lampe blakt.«

»Also – irrsinnig?«

Der Arzt schlug mit der Hand durch die Luft und wandte den Kopf nach der andern Seite.

Eine längere Pause entstand.

Dann fing der andre wieder an. »Und – er hat also eine Frau?«

Der Arzt warf den Kopf herum.

»Wieso?« fragte er.

»Nun – weil Sie doch vorhin sagten, daß er jetzt in ihrem Schlafzimmer wäre.«

Der Arzt stieß einen schnaubenden Seufzer aus. Es war ihm offenbar nicht lieb, daß er so ausgeholt wurde, und er ärgerte sich, daß er schon zuviel gesagt hatte.

»Eine Frau,« sagte er dann, »kann ja sein, daß er eine hat, oder wenigstens gehabt hat. Aber das ist eine Sache, wo es schon am besten ist, wenn man halt gar nicht davon spricht.«

Er seufzte noch einmal; seine Stimme sank herab, daß es wie ein Selbstgespräch klang: »Die Frauensleute – das ist ja manchmal nicht viel anders als die Schafe, die ins Feuer laufen, weil es glänzt. Nachher, wenn sie drinnen sind, merken sie, daß es auch brennt, aber dann ist's zu spät.«

Er schüttelte die Achseln und reckte sich auf.

»Aber, wie gesagt – da wird alles Mögliche geredet – denn wovon reden die Leute nicht – und wenn man nachher zusieht, wer etwas weiß, ist niemand, der etwas Sicheres weiß. Darum mein' ich schon, es ist halt das beste, man spricht nicht davon. Und ich für mein Teil, ich meine, es ist gut, wenn einer keine Verpflichtung hat, sich um gewisse Dinge zu bekümmern. Dann soll er sich auch nicht darum bekümmern. Und ich habe keine Verpflichtung, mich geht's nichts an – also bekümmere ich mich nicht drum.«

Damit lehnte er sich tief in die Wagenecke zurück, wie jemand, der genug gesagt hat und nichts weiter sagen will. Der andre schien es zu fühlen und schwieg. Die Andeutungen des Arztes hatten ihm die Sache beinahe noch dunkler gemacht, als sie gewesen war. Irgend ein Vorgang mußte sich da oben abgespielt haben, vielleicht sogar ein schrecklicher, aber was?

Immerfort sah er das stumme Licht hinter den Fenstern des toten Hauses dahinwandern, von Zimmer zu Zimmer, wie ein schlummerloses böses Gewissen, immerfort das zuckende Umherfahren der Leuchte, das Suchen in den Ecken der Gemächer, am Fußboden entlang, unter Möbeln und Betten, das wilde verzweifelte Suchen. Wer war der nächtliche Wanderer? Wen suchte das Licht? Ein Schauder bedrückte ihm das Herz – was mochte das finstere Haus gesehen haben?

In den Breslauer Gesellschaftskreisen war vor einiger Zeit eine Persönlichkeit aufgetreten, deren Erscheinen in den Familien, denen sie Besuch machte, jedesmal eine gewisse Aufregung, eine Mischung von geschmeicheltem Stolz und von beklommener Sorge hervorrief. Das war der Baron Eberhard von Fahrenwald.

Alle Welt kannte den Namen und den Reichtum des Geschlechts, alle Welt aber munkelte auch, daß es mit den Fahrenwalds nicht recht richtig sei.

Jahrelang nach dem Tode des Vaters war der Baron Eberhard unsichtbar, wie verschwunden gewesen. Wo hatte er gesteckt? Einige behaupteten, er hätte Reisen um die Welt gemacht, andre, er wäre gar nicht von seinem Schlosse fortgekommen, sondern hätte vergraben und verborgen unter seinen Büchern gelebt, eine dritte Art von Berichterstattern endlich wußte zu erzählen, daß er ganz einfach in einer Anstalt untergebracht gewesen sei. Anverwandte, von denen man Gewisses und Genaues hätte erfahren können, waren nicht vorhanden; die Fahrenwalds waren wie ein alter, verdorrender Baum, der keine Aeste mehr treibt, von dem nur noch der Stamm übrig geblieben ist.

Und nun tauchte diese geheimnisvolle Persönlichkeit plötzlich auf, machte Besuche und that alles das, wodurch Menschen anzudeuten pflegen, daß sie mit Menschen verkehren wollen. Und doppelt auffällig – seine Besuche galten vornehmlich den Familien, wo Töchter im Hause waren. Was hatte das zu bedeuten? Etwa, daß er daran dachte – ? Man konnte es den Eltern im Grunde nicht verdenken, wenn sie sich aufgeregt fühlten.

Einen Freiherrn von Fahrenwald zum Schwiegersohn zu besitzen, die eigene Tochter als Gebieterin eines großen Vermögens, als Besitzerin eines von aller Welt gepriesenen Herrensitzes zu wissen – unter normalen Umständen wäre es ja ein Ziel gewesen, »aufs innigste zu wünschen«. Aber so – wie nun einmal die Verhältnisse jetzt lagen –

Erklärlicherweise bemächtigte sich die Aufregung der Eltern in noch stärkerem Maße der Töchter selbst. Neugier mischte sich mit Grauen; es war eigentlich ein noch nie dagewesener Gesellschaftsreiz.

Sobald es feststand, daß der »verrückte Baron« – denn unter dieser Bezeichnung ging er kurzweg – zu einer Gesellschaft eingeladen sei und erscheinen würde, flogen die jungen Damen auf, von Haus zu Haus, herüber und hinüber, und es gab ein Gewisper und Geflüster, ein Kichern und Lachen, und ein wollüstig wonnevolles Graueln.

Wie doppelt begehrenswert man sich erschien! Wie man sich gegenseitig darauf ansah, auf welche von ihnen wohl der unheimliche Mensch die Augen richten, nach welcher von ihnen er die Hand ausstrecken würde! Die blühenden Wangen beugten sich zu einander, die kleinen Hände drückten sich mit gegenseitigem Verständnis – es war wie ein erregter Taubenschwarm, über dem der Habicht in Lüften steht.

Man kann sich hiernach vorstellen, wie eigentümlich und gepreßt der Empfang war, der dem Baron Eberhard von Fahrenwald zu teil wurde, so oft er in Gesellschaften erschien.

Seine persönliche Erscheinung und die Art seines Auftretens bestärkte alles das, was über ihn gemunkelt und geredet wurde.

Man mußte, daß er stets von seinem Diener begleitet wurde, der nie von seinen Schritten wich und ihm zu jeder Gesellschaft folgte.

Dieser Diener war ein langer, hagerer, eisgrauer Mann, mit einem von schweren Runzeln durchfurchten Gesicht, aus dem eine starke, gekrümmte Nase hervorragte. Stets in schwarzem Frack und weißer Krawatte, wie ein versteinerter Ueberrest aus der Zeit, da es noch große Herren und große Kammerdiener gab.

Nie hatte man ein Wort aus seinem Munde vernommen, kaum einmal hatte man gesehen, daß er nach rechts oder links blickte – an einem einzigen Gegenstande haftete sein Denken und Sinnen, das war sein Herr.

Jeden Abend, wenn er den Baron zu einer Gesellschaft begleitete, wiederholte sich ein besonderer Vorgang: er stand hinter seinem Herrn und nahm ihm mit schweigender Würde den Mantel ab; währenddem wandte der Baron sich zu ihm um und sagte: »Geh nach Haus, Johann, und hole mich nachher ab.« Jedesmal, so oft der Baron dieses sagte, verneigte sich der alte Johann, feierlich wie ein Senator, nahm den Mantel seines Herrn an sich und ging nicht nach Haus. Im Dienerzimmer setzte er sich nieder, ernst, würdevoll und schweigsam, und wartete, bis die Gesellschaft zu Ende war. Sobald der Baron dann heraustrat, stand der Alte schon wieder da, den Mantel in beiden Händen, stumm, regungslos, wie eine Bildsäule. Natürlich hatten die Diener und Hausmädchen der Häuser, wo die Gesellschaften stattfanden, sich bemüht, den komischen alten Kerl zum Sprechen zu bringen und über seinen Herrn auszuholen, aber sie hatten ihre Versuche aufgeben müssen; sie hätten ebensogut zu einem Stein sprechen können; der Alte hatte nicht einmal gethan, als ob er sie überhaupt vernähme.

Ein einziges Mal hatte er ein Lebenszeichen gegeben – der Fall war sorgfältig registriert worden – als einmal ein schnippisches Stubenmädchen in seiner Gegenwart gesagt hatte, nun würde der Herr Baron wohl nächstens heiraten und eine Frau Baronin nach Haus bringen. Er wäre so zusammengezuckt, erzählte das Mädchen, als er das gehört, daß es nicht anders ausgesehen hätte, als wenn er sich schüttelte, und dann hätte er sie mit einem Blick angesehen – ganz gräßlich, sagte das Mädchen. Und dann hätte er die Achseln gezuckt, ganz hoch hinauf, und alsdann wieder stumm dagesessen. Und das Achselzucken, das hatte ausgesehen, als wollte er sagen: »Was redst du denn? Weißt du denn nicht, daß er verrückt ist?«

Seitdem stand es für die Dienerschaft fest: der Baron von Fahrenwald war verrückt. Der alte Johann war sein Wärter, und der Wärter hatte es gesagt.

Und aus dem Dienerzimmer flüsterte sich das, wie es ja stets geschieht, in die herrschaftlichen Zimmer hinüber: der Baron von Fahrenwald war verrückt.

Und wer, der ihn ansah, hätte zweifeln können, daß es wirklich also war?

Wenn die Thür sich aufthat und er hereintrat mit langsam schleppendem Schritt, ein langer, eckiger Mann, mit dunklem, fast schwarzem Haar, das bleiche, beinahe marmorweiße Gesicht von dunklem Barte umrahmt, dann legte es sich unwillkürlich wie ein Alp auf die Anwesenden, Wirte und Gäste, Herren und Damen.

Und dieser Bann ging hauptsächlich von den Augen des Mannes aus, die ganz tief, wie zwei dunkle tiefe Löcher in dem bleichen Gesichte lagen, und aus denen ein starrender, suchender, bohrender Blick hervorgekrochen kam, langsam, beinahe wie ein Wurm.

»Er sieht eigentlich kolossal interessant aus,« hatte die junge Komtesse Karmsdorf, als sie ihn zum erstenmal erblickte, hinter dem Fächer hervor zu ihren Freundinnen gesagt, »aber da man weiß, wie es mit ihm steht, ist es des Interessanten denn doch ein bißchen zu viel.«

Die Freundinnen hatten kopfnickend und kichernd bestätigt, daß es so sei, und als der Baron Miene machte, auf sie zuzutreten, waren sie samt und sonders, wie von einem panischen Schrecken erfaßt, nach einer andern Ecke des Saales entwischt, und es hatte nicht viel gefehlt, so hätten sie laut aufgekreischt.

So erging es dem Baron Eberhard von Fahrenwald. Die Wirte, die ihn eingeladen hatten, konnten sich seiner Begrüßung natürlich nicht entziehen. Aber wenn er alsdann mit schwerer, eckiger Verbeugung auf sie zutrat, sah man ihm an, wie wenig er in fröhlich ausgelassene Gesellschaft paßte. Er versuchte, sein Gesicht zu einem verbindlichen Ausdruck zurechtzulegen, zu lächeln, aber das Lächeln wollte sich so gar nicht mit dem bleichen, schwermütigen Gesicht verstehen, es sah aus, als thäte es ihm weh.

Beim Tanze blieb er Zuschauer, am Kartenspiel nahm er nicht teil, so blieb er einsam, und das wiederholte sich in jeder Gesellschaft, so daß man sich unwillkürlich fragte, wie lange er die zwecklosen Besuche und Versuche fortsetzen würde.

Offenbar fühlte er das selbst, denn der Ausdruck dumpfer Schwermut in seinem Gesichte verstärkte sich von einem zum andern Mal, seine Bewegungen wurden immer schleppender, es sah aus, als ermüdete der Mann unter der Last des Daseins.

So näherte sich der Winter seinem Ende. Ein großes Ballfest wurde gegeben, dem der Baron, einsam und teilnahmlos wie gewöhnlich, beiwohnte.

Indem er, an den Thürpfosten des Nebenzimmers gelehnt, dem wirbelnden Tanze zuschaute, der im Saale auf und nieder flog, richtete er plötzlich das Haupt zur Seite – es war ihm gewesen –

Auf einem Stuhle, dicht an die Wand gerückt, saß ein junges Mädchen. Sie nahm nicht teil am Tanze, offenbar, weil sie nicht aufgefordert worden war, ein Mauerblümchen, wie man zu sagen pflegt.

Wenn man sie ansah, begriff man das einigermaßen; sie hatte etwas Unscheinbares; sie war nicht besonders hübsch und, wie es schien, arm. Ein schmaler Silberreif um den Hals, das war der ganze Schmuck des jungen Körpers; ihr dürftiges weißes Tüllkleidchen stach von den Gewandungen ihrer reicheren, glücklicheren Altersgenossinnen ab.

Indem der Baron den Kopf nach ihr umwandte, bemerkte er, daß sie ihn schon längere Zeit von der Seite betrachtet hatte. Er sah zwei runde, nicht besonders schöne, aber unendlich gutmütige Augen, die stumm beobachtend, aber ohne Neugier auf ihm ruhten. Jetzt, da er zu ihr hinblickte, senkte sie die Augen, und er gewann Zeit, sie von seiner Seite zu betrachten.

Sie war in Verlegenheit etwas errötet; um den kleinen Mund, der sich ein wenig nach vorn zuspitzte, war ein unmerkliches Zittern; dadurch erhielt das ganze Gesichtchen etwas Trauriges, beinahe, als wenn es mit verhaltenem Weinen kämpfte.

Er war also nicht der einzige Einsame heute abend; da war noch eine, und er sah es ihr an, sie fühlte sich unglücklich. Solch ein junges Mädchen, das zum Balle eingeladen, nicht zum Tanze aufgefordert wird und in der Ecke sitzen bleibt, leidet ja in Wirklichkeit ganz bitterlich; alle Qualen der Zurücksetzung lasten auf der armen jungen Seele.

Jetzt schrak die einsame Kleine leise auf, die Röte auf ihren Wangen wich einer tiefen Blässe, ihre Hände, die einen mageren Fächer im Schoße hielten, preßten sich zusammen – der Baron Eberhard von Fahrenwald hatte sich neben sie gesetzt. Sie hatte natürlich, wie alle andern, von dem »verrückten Baron« erzählen gehört, und nun saß er plötzlich neben ihr, nicht durch Zufall, sondern weil er sie aufgesucht hatte. Es wurde ihr unheimlich zu Mute.

Vorhin, als sie den blassen einsamen Mann, dem man das Unglück am Gesicht ansah, an der Thür hatte lehnen sehen, war ihr Herz ganz von tiefem Mitleid erfüllt gewesen – jetzt fühlte sie eine Angst, die ihr die Nähe des unheimlichen Menschen verursachte.

Eine Zeit lang saßen beide schweigend, dann erhob der Baron das Gesicht.

»Es thut mir so leid,« sagte er, »daß ich nicht tanze, gnädiges Fräulein, sonst würde ich um die Erlaubnis bitten, Sie dort hineinführen zu dürfen,«

Er hatte mit dem Kopfe nach dem Tanzsaale gedeutet; mit unwillkürlichem Staunen wandte sie sich zu ihm um und sah ihm ins Gesicht. War das die Stimme eines »Verrückten«?

Ein so tiefer, milder Wohlklang lag in den einfachen Worten; etwas so Sanftes, so Warmes, so Gütiges kam von ihm zu ihr herüber, daß es ihr war, als hätte eine Hand ihre Hand erfaßt, mit liebem, tröstendem Drucke.

Schweigend blickte sie ihn an und war sich kaum bewußt, daß sie es that. Schweigend hielt er die Blicke in die ihrigen gerichtet; in seinen tiefen geheimnisvollen Augen erwachte etwas, wie eine sehnende Frage, wie ein Hoffen, das sich nicht hervorgetraut, wie ein verstohlenes Leuchten in lichtloser Nacht.

So saßen die beiden, von niemand beachtet, nach niemand fragend, wie zwei Leidensgefährten, die unausgesprochenes Verständnis zu einander führt, und nach einiger Zeit schob er, ohne ein Wort zu sagen, die Hand zu ihr hin, und ohne ein Wort zu erwidern, löste sich ihre kleine Hand vom Fächer, den sie immer noch krampfhaft umspannt hielt, und senkte sich zitternd in seine Hand. Und als sie nun den leidenschaftlichen Griff fühlte, mit dem er ihre Finger zusammenpreßte, erschrak sie; aber als sie dann fühlte, wie er sogleich, indem er ihren Schreck empfand, den Druck mäßigte, faßte sie neues Vertrauen. Welche Aufmerksamkeit sprach aus seiner Bewegung, welche Zartheit; es war, als streichelten seine Finger ihre erschreckte Hand, als spräche seine Hand: »Ich thue dir nichts, fürchte dich nicht.«

Sie kamen dann ins Gespräch, und im Verlaufe desselben erfuhr er Genaueres über die Kleine.

Anna von Glassner hieß sie und war eine Waise. Ihre Eltern hatten ihr so gut wie nichts hinterlassen, und weil sie doch irgendwo bleiben mußte, war sie von einem entfernten Onkel, einem alten pensionierten Major und dessen Frau aufgenommen worden. Bei denen wohnte sie in Breslau, und es war nicht schwer, aus ihren Andeutungen zu entnehmen, daß der Aufenthalt ein ziemlich trübseliger war.

Die alten, kränklichen, kinderlosen Leute besuchten keine Gesellschaften, weil sie sie nicht erwidern konnten; bei Gelegenheiten, wie die heutige eine war, ließen sie das junge Mädchen allein gehen und durch das Dienstmädchen aus der Gesellschaft abholen.

»Wollten Sie mir sagen,« fragte sie nach einiger Zeit den Baron, »welche Zeit es ist? Ich darf nicht zu spät nach Haus kommen.« Der Baron sah nach der Uhr. Sie raffte ihr dünnes Kleidchen zusammen. »Dann muß ich gehen.« »So früh schon?«

»Mein Onkel und meine Tante schlafen so schlecht,« erwiderte sie, »und haben es nicht gern, wenn ich sie so spät in der Nacht störe.«

Sie erhob sich: zugleich mit ihr stand er auf.

»Ich werde auch gehen,« sagte er.

Sie senkte das Köpfchen und errötete.

Auf dem Flure draußen saß die Köchin, die sie erwartete. Eine Person mit groben, mißmutigen Zügen, der man ansah, wie wenig Vergnügen es ihr bereitete, daß sie, neben der gewöhnlichen Tagesarbeit, jetzt auch noch durch die Winternacht laufen mußte, um das »Fräulein« nach Haus zu bringen.

Ein Paar Gummischuhe standen neben ihr, die sie dem jungen Mädchen mit nicht übermäßiger Verbindlichkeit zuschob. Während Anna ihre kleinen, mit weißen Atlasschuhen bekleideten Füße in die Ueberschuhe zwängte, stand der Baron hinter ihr und sah zu. Die Köchin trat heran und gab ihr den Mantel um, ein dickes, schweres Kleidungsstück von grobem, dunklem Tuch, unter dem die jugendliche Gestalt ganz unkenntlich und unförmlich wurde. Jetzt wandte sich Anna, und da sie den Baron noch immer stehen sah, wollte sie mit einer flüchtigen Neigung des Kopfes an ihm vorüber.

Mit einem hastigen Schritte war er an ihrer Seite.

»Darf ich Sie um eine Gnade bitten?« fragte er.

Erstaunt, beinahe erschreckt, blickte sie auf.

»Wollen Sie meinen Wagen benutzen, damit er Sie nach Haus bringt?«

Nun erschrak sie wirklich.

»Ach nein – wie könnte ich das – nein wirklich –«

Er wich einen halben Schritt zurück: ihre Schüchternheit erschien ihm als Angst; sie fürchtete sich also auch vor ihm. Als er so jählings verstummte, erhob sie unwillkürlich das Haupt. Sie sah, wie der Kummer in seine Züge zurückgekehrt war,

»Ich – weiß wirklich gar nicht« – begann sie stockend. »Sie – sind wirklich – so gut zu mir –«

Wie neubelebt trat er wieder heran.

»Ach, wenn Sie es annehmen wollten,« flüsterte er, »wenn Sie wüßten, was für eine Freude Sie mir damit bereiten würden.«

Nun konnte sie nicht mehr »nein« sagen; mit einer leisen Neigung senkte sie das Haupt.

Der Baron wandte sich rasch zurück. Hinter ihm stand der alte Johann, den Pelzmantel seines Herrn in Händen, regungslos wie eine Bildsäule, mit starren, sonderbaren Augen auf den Baron und das Fräulein blickend.

»Ist der Wagen da?« fragte der Baron.

Der Alte verneigte sich mit schweigender Würde. Hurtig fuhr der Baron in den Mantel, dann bot er Anna von Glassner den Arm.

»Darf ich Sie hinunterführen?«

Von ihm geleitet stieg das junge Mädchen die Treppe hinab; die Köchin folgte hinterdrein.

Vor der Hausthür stand ein verdecktes Coupé mit einem mächtigen Pferde bespannt; zwei strahlende Wagenlaternen warfen ihr Licht in die Straße hinaus.

Anna wich beinahe zurück – in solch' eleganten Wagen sollte sie sich hineinsetzen?

Der Baron aber hatte bereits den Schlag geöffnet und bot ihr die Hand zum Einsteigen. Indem er ihre Hand ergriff, zog er sie an die Lippen, und sie fühlte, wie er den Mund darauf preßte, einmal, zweimal, leidenschaftlich.

»Leben Sie wohl,« sagte er leise, »leben Sie wohl, ich sehe Sie wieder? Nicht wahr, ich sehe Sie wieder?«

Anna war keiner Antwort fähig. Wie in Betäubung stieg sie in den Wagen und sank in eine Ecke, nach ihr kam die Köchin, die sich gesperrt und geweigert hatte, und erst auf ein »nur zu« des Barons sich zum Einsteigen entschloß.

Der Baron ließ sich Straße und Hausnummer angeben, rief sie dem Kutscher zu, und im nächsten Augenblick rasselte der Wagen von dannen.

In ihren Mantel gewickelt saß Anna da und fragte sich, ob das alles ein Traum sei, was sie erlebte.

Für gewöhnlich reichten ihre Mittel gerade zu einer Fahrt auf der Pferdebahn – und jetzt sauste sie durch die Straßen von Breslau, daß das Pflaster unter den Rädern knatterte!

Die Köchin, die ebenfalls ganz sprachlos vor Staunen gewesen war, hatte angefangen, mit tastenden Händen den Stoff der Polster zu untersuchen, auf denen sie saß. Jetzt seufzte sie in Bewunderung auf.

»Du meine Gütte – gnä' Fräulen,« sagte sie, »die reine Seide alles, die reine Seide!«

Die weibliche Neugier siegte über Annas Befangenheit; sie zog den Handschuh von der einen Hand und tastete ebenfalls auf den Wagenpolstern herum. Die Köchin hatte recht gehabt. Alles Seide – die Polster, die Wände des Wagens, alles Seide. Lautlos sank sie in ihre Ecke zurück. Was bedeutete das alles und wohin ging das alles?

Sie, das arme, unscheinbare Mädchen, das sich zu Gesellschaften ein paar armselige Fähnchen zusammenstückelte, um nur nicht gar zu erbärmlich gegen den Reichtum der andern abzustechen, plötzlich, wie durch die Hand eines Zauberers, mitten hineinversetzt in Fülle, Glanz und Pracht!

Ihr, an der die Menschen auf der Straße vorübergingen, wie an einem Nichts, die man auf Bällen in der Ecke sitzen ließ, weil es sich nicht der Mühe lohnte, mit ihr zu tanzen oder gar sie zu unterhalten – ihr näherte sich plötzlich ein Mann, einer der reichsten Männer von ganz Schlesien, und bat sie schüchtern, ängstlich und demütig, ihm zu erlauben, daß er seinen Reichtum in ihren Dienst stellen dürfe. Sie schloß die Augen; war das Wirklichkeit, was ihr geschah? Dann aber schrak sie innerlich auf: der Mann war ja ein Wahnsinniger; alle Welt sagte es ja? Und also war es nur die Phantasie seines kranken Hirns, die ihn zu alledem getrieben hatte, was er heute abend gethan? Aber, indem der Schauder sie übermannen wollte, kam ihr die Erinnerung an den Ton seiner Stimme zurück, die zu ihr gesprochen hatte, wie noch keines Menschen Stimme je zuvor. Nein, nein, nein – es war ja doch nicht möglich; es konnte ja nicht sein!

Während Anna unter solchen wechselnden Empfindungen zu ihrer in der fernen Vorstadt gelegenen Wohnung fuhr, wanderte der Baron Eberhard von Fahrenwald, von seinem Diener gefolgt, zu Fuß nach Haus.

Sein Haupt, das für gewöhnlich zur Erde hing, war aufgerichtet, seine ganze Gestalt hatte etwas Aufatmendes, Befreites, ein Glücksgefühl wie heut abend hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht empfunden.

Welche Wonne, daß das Mädchen arm war! Immer wieder vergegenwärtigte er sich den süßen Augenblick, als sie in ihrer Bescheidenheit gezögert hatte, den prächtigen Wagen zu besteigen – und dieser Wagen war der seinige! All die Behaglichkeit, all die weiche Ueppigkeit, die sie jetzt umgab, kam ihr von ihm! Er lachte still glückselig vor sich hin. All sein Denken und Thun war ein beständiges brütendes Grübeln über sich selbst, über seinen Zustand und über das Verhängnis, das auf ihm lastete – zum erstenmal konnte er an etwas andres denken, an einen andern Menschen; und dieser andre Mensch, dieses liebe Wesen konnte glücklich werden durch ihn. Glücklich durch ihn, der sich wie ein zum Unglück Geborener, wie eine Last der Menschheit empfand! Hatte er nicht den dankbar erstaunten Ausdruck in ihrem bescheidenen Gesichtchen gesehen und hatten ihre Augen ihm nicht gesagt, daß er stark genug sei, um Glück auf Menschen ausgehen zu lassen? Ja, ja, ja, es war so, und unwillkürlich, indem er so seinen Gedanken nachhing, reckte er die Arme aus, als wollte er dem Kraftgefühle Ausdruck geben, das ihn durchströmte.

Einige Schritte hinter ihm kam der alte Johann. Den Kopf weit vorgebeugt, kein Auge von seinem Herrn verwendend, ging oder schlich er vielmehr hinter dem Baron einher. In seiner ganzen Haltung war etwas Beobachtendes, Lauerndes. Als er sah, wie der Baron die Arme ausreckte, war er unhörbar mit einem Sprunge ganz dicht hinter ihn herangekommen, das hagere Gesicht zu einer Aufmerksamkeit gespannt, die beinahe feindselig aussah. Seine Hände, die er in den Taschen des Ueberziehers getragen, hatte er hervorgezogen und frei gemacht, so daß es den Anschein bekam, als bereitete er sich darauf vor, sich im nächsten Augenblick auf seinen Herrn zu stürzen, wie der Wärter eines Wahnsinnigen sich auf seinen Schutzbefohlenen stürzt, um ihn von irgend einer schrecklichen That zurückzuhalten. Denn der Mensch da vor ihm war ja ein Kranker, ein Wahnsinniger, Verrückter, das mußte er ja wohl genau genug, er, der ihn als Kind auf den Armen getragen hatte, der ihn hatte heranwachsen sehen und um ihn gewesen war zu jeder Zeit und an jedem Orte. Und seit heute abend wußte er ja auch, daß er seine Aufmerksamkeit verdoppeln und vervierfachen mußte. Für den unglücklichen Menschen da vor ihm gab es nur eine Möglichkeit zum Leben, Ruhe, Ruhe und immerdar Ruhe. Das hatte ihm vor Jahren der Arzt gesagt, und wenn es der Arzt nicht gesagt hätte, würde sein Instinkt es ihm verraten haben. Ein Tag mußte sein wie der andre, gleichmäßig, immer, immer gleichmäßig, Und heute abend hatte er mit ansehen müssen, wie dieser Mann anfing, sich zu verlieben!

Verlieben! Wohl etwa gar heiraten?

Er war ganz wütend, er knirschte beinahe mit den Zähnen. So wenig also kannte der unglückselige Mensch seinen Zustand? Na – es war nur gut, daß er da war, der alte Johann; er würde schon acht auf ihn geben, ja, das würde er, ja!

Und er schob die Hände, indem er sie zu Fäusten ballte, in die Taschen seines Ueberziehers zurück, weil er sich überzeugt hatte, daß der Baron vorläufig nichts weiter Gefährliches unternahm.

Am nächsten Vormittag, und zwar am ziemlich frühen Vormittag, klingelte es an der Wohnung von Annas Onkel, und als die Köchin öffnete, ging ein verständnisvolles Grinsen über ihre Züge; der Herr von gestern stand vor der Thür, der Baron Eberhard von Fahrenwald.

Ein sprachloses Erstaunen bei dem Onkel und der Tante, ein glühendes Erröten bei Anna – und im nächsten Augenblick, noch bevor man ihn eigentlich hereingebeten hatte, stand er schon auf der Schwelle. Auch wenn man ihn abgewiesen hätte, er würde sich nicht haben abweisen lassen, das sah man ihm an. Seine Brust ging auf und nieder, und in dem bleichen Gesicht glühten die Augen wie Kohlen.

Beinahe wie ein Spieler, der das letzte Geld auf eine Karte gesetzt hat, so sah er aus.

Es kostete ihn Mühe, die äußerlichen Regeln der Höflichkeit innezuhalten; seine Blicke hingen an Anna, unverwandt, beinahe mit angstvollem Ausdruck, als fürchtete er, daß sie hinausgehen, daß sie ihm entfliehen könnte.

Nachdem er den alten Major und dessen Frau begrüßt hatte, trat er auf das junge Mädchen zu.

»Darf ich Sie sprechen?« fragte er. »Darf ich Sie allein sprechen?«

Seine Stimme war heiser vor innerer Erregung.

Anna stand gesenkten Hauptes mitten im Zimmer. Herz und Kehle waren ihr durch die Angst wie zugeschnürt; sie hatte in diesem Augenblick die sichere Empfindung, daß sie es mit einem Wahnsinnigen zu thun hatte. Etwas Aehnliches schienen auch der Onkel und die Tante zu empfinden, die sich gegenseitig stumm fragend ansahen.

Der Baron bemerkte das alles. Plötzlich ging er auf die beiden alten Leute zu, streckte beide Hände aus und faßte den Onkel an der linken, die Tante an der rechten Hand.

»Aengstigen Sie sich nicht,« sagte er, und das Wort kam feierlich aus der Tiefe seiner Brust; in seinen Augen war ein flammendes Leuchten.

Die beiden alten Leute sahen ihn ganz verdutzt an, machten eine verlegene Verbeugung und zogen sich in das Nebenzimmer zurück.

Anna stand noch immer, wo sie gestanden hatte. Als sie sich jetzt mit ihm allein sah, überkam sie die Angst so heftig, daß sie sich nicht mehr zu raten und zu helfen wußte. Sie zog ihr Taschentuch hervor, drückte es an die Augen und fing an zu weinen. Der Baron stand einige Schritte von ihr entfernt und sah ihr schweigend zu.

»Bin ich Ihnen so schrecklich?« fragte er endlich. Der Ton klang wieder so sanft und herzlich, daß sie einigermaßen zu sich selbst kam. Sie steckte das Tuch in die Tasche und schüttelte leise das Haupt.

»Denken Sie denn gar nicht mehr an gestern?« fuhr er fort, »Gestern abend waren Sie doch so – so lieb und gut, denken Sie denn gar nicht mehr daran?«

Er war zu ihr herangetreten und hatte sie an beiden Händen erfaßt; Anna fühlte, wie behutsam er sie berührte, trotzdem vermochte sie noch nicht, das Gesicht zu ihm zu erheben.

Er behielt ihre Hände in den seinigen.

»Gestern abend,« sagte er, »bin ich so glücklich gewesen, und darum bin ich heut so früh wiedergekommen. Bitte, seien Sie doch nicht böse darum. Wenn Sie sich auch vor mir fürchten, dann habe ich ja niemand mehr.«

Seine Stimme war ganz leise geworden.

»Denken Sie doch einmal,« sprach er weiter, »Sie gehen auf der Straße, und indem Sie da gehen, sehen Sie einen Menschen am Wege liegen, dem irgend ein Unglück geschehen ist, und der ruft Sie um Hülfe an. Und Sie könnten ihm helfen, wenn Sie wollten, aber Sie fürchten sich und laufen davon – glauben Sie nicht, daß Sie sich einmal Vorwürfe machen würden, wenn Sie dann erfahren, daß der Mensch zu Grunde gegangen ist?«

Das alles war so einleuchtend, kein Vernünftiger hätte es klarer auseinandersetzen können. Sie wurde wieder schwankend, wieder ganz verwirrt. Vor ihr stand ein Mann, der über Reichtümer gebot, von denen sie sich kaum eine Vorstellung machen konnte, und sagte ihr, daß sie ihm helfen könne, sie, die in der ärmlichen Wohnung, in einem fadenscheinigen Morgenanzuge, in Morgenschuhen mit abgestoßenen Spitzen, in aller Kläglichkeit eines ärmlichen, erbärmlichen Lebens steckte. War es denn möglich, das alles?

Sie erhob das Gesicht und sah seine Augen mit dem fragenden, flehenden Ausdruck vom gestrigen Abend auf sich gerichtet. Ja ja, es war ja derselbe Mensch – leise drückte sie seine Hände, und indem sie es that, leuchtete sein Gesicht auf.

»Darf ich sprechen?« flüsterte er.

»Aber ich – Ihnen helfen –« stammelte sie – »wenn ich nur begriffe –«

Er zog sie an den Händen zu einem Stuhle,

»Kommen Sie,« sagte er, »kommen Sie, bitte, setzen Sie sich, ich will Ihnen eine Geschichte erzählen, eine ganz kurze.«

Sie setzte sich nieder, er schob einen Sessel neben den ihrigen und legte den einen Arm über die Rücklehne ihres Stuhles, so daß sein Oberleib sich zu ihr hinüberbeugte und sein Mund nahe an ihrem Ohre war.

»Ich kenne einen Menschen,« begann er, und seine Stimme war so gedämpft, als wollte er verhüten, daß irgend jemand, außer Anna, seine Worte vernähme, »ich kenne einen Menschen, der in einem Boote auf einem Wasser fährt. Er sitzt ganz allein in dem Kahn, und das Wasser, auf dem er fährt, ist ein breiter Fluß, und der Fluß hat einen starken Strom, denn er fließt einem Abhang zu, über den er sich hinunterstürzen wird. Der Abhang ist gar nicht mehr weit und er ist sehr hoch, so daß man den Donner des Wassersturzes bereits hört. Und da treibt nun der Kahn hin, in dem der Mann sitzt. Und obschon er weiß, daß er zerschmettert werden wird, wenn er in den Sturz gerät, läßt er den Kahn dennoch treiben und thut nichts, um ihn aufzuhalten – ist das nicht sonderbar von dem Mann?«

Er unterbrach sich und blickte Anna von der Seite an. Sie saß aufgerichtet, wie erstarrt, ihre Hände hatten sich ineinandergeschoben, ihre Augen blickten vor sich hin. Es ahnte ihr, wer der Mann war, von dem er erzählte.

Er beugte sich noch näher zu ihr.

»Soll ich Ihnen nun sagen, warum er das thut?«

Sie blieb regungslos; nur ihre bleichen Lippen bewegten sich.

»Warum?« fragte sie tonlos.

»Sehen Sie,« fuhr er fort, »weil im Wasser neben dem Kahn etwas einherschwimmt, und weil er nichts thun und nichts denken kann, als immer und immer und immerfort auf das, was da neben ihm schwimmt, hinzublicken.«

Seine Stimme sank zu einem heiseren Flüstern herab. »Und das, was da schwimmt, sehen Sie, das ist etwas Schreckliches, etwas Gräßliches, das ist ein Ungeheuer, so etwa, verstehen Sie, wie die Seeschlange, von der die Schiffer erzählen, daß sie ihnen auf der See begegnet sei. So müssen Sie sich das denken. Mit einem schuppigen Leibe, verstehen Sie, und ganz lang. Und das Schrecklichste an dem Dinge, sehen Sie, das ist der Kopf. Der läßt sich eigentlich gar nicht beschreiben, aber er sieht so ungefähr aus, wie ein ungeheurer Papageienkopf. Ein Schnabel ist daran, ein großer krummer Schnabel, und zwei Augen sind in dem Kopfe –«

Er verstummte. Anna vernahm, wie sich die Luft in seiner Kehle zusammenpreßte, als fände sie keinen Ausweg.

»Die Augen,« fuhr er fort, »sehen Sie, die sind es, auf die der Mann in dem Kahne immerfort hinschauen muß. Die Augen sind fürchterlich, ganz groß und ganz grün, wie die Augen von einem furchtbaren bösen Menschen. Und die Augen blicken immerfort zu dem Manne herauf, und wenn sie ihn ansehen, dann ist's wie ein Lächeln darin, wie ein grauenvolles, und als wollten sie sagen: ›ich habe dich, du entkommst mir nicht‹. Und das, sehen Sie, das ist es, was den Mann gefesselt hält und gefangen hält und gebannt hält, daß er nichts thun und nichts denken und sich nicht helfen und nicht retten kann, obschon er hört, wie der Wassersturz immer näher und näher kommt.«

Abermals verstummte er, und da auch Anna, von Grauen versteinert, keinen Laut hervorbrachte, herrschte eine Zeit lang ein beklommenes Schweigen.

Dann that er einen tiefen, seufzenden Atemzug und seine Stimme nahm wieder den ruhigen, sanften Ton vom gestrigen Abende an.

»Und nun, sehen Sie, nun kommt ein Augenblick, da gelingt es dem Manne, einmal für eine Sekunde den Blick über das Ding da im Wasser hinwegzubringen, und da sieht er am Ufer ein menschliches Wesen stehen. Und das menschliche Wesen, sehen Sie, das ist eine Frau, ein junges Mädchen, und er merkt, daß sie ihm zugesehen hat, eine ganze Zeit lang, und sich gewundert hat, was er da treibt. Und mit einemmal kommt ihm der Gedanke: wenn du dahin gelangen könntest, wo die steht, wenn du ihre Hand fassen könntest, daß sie dir hülfe, aus dem Kahn und dem Wasser herauszukommen, dann wärest du mit einemmal das Ding da los, das gräßliche, und brauchtest nicht in den Wassersturz hinunter und wärest gerettet! Und da, sehen Sie, faßt er mit einemmal das Ruder und wendet, und fährt auf die Stelle zu, wo sie steht – und dann, wie sie ihn kommen sieht, faßt sie der Schreck, weil sie denkt, er käme, um ihr ein Leides zu thun, und sie wendet sich, um davonzulaufen – und er sieht das, und schreit ihr nach – bleib doch, ich thue dir nichts! Sei doch barmherzig! Ich komme ja nur, damit du mich rettest! Und da –«

Mit einem Griffe hatte er ihre Hände erfaßt, sein Gesicht war dicht an ihrem Gesichte, so daß sie seinen keuchenden Atem auf ihrer Wange fühlte. Weiter bog er sich vom Stuhle und immer weiter zu ihr hinüber, bis daß er plötzlich auf beiden Knieen vor ihr lag.

»Anna – was thut sie da? Anna – läuft sie dennoch fort? Läuft sie dennoch fort?«

Sein totenbleiches Antlitz war zu ihr erhoben, kalter Schweiß netzte seine Stirn, seine Augen hatten den Blick eines Menschen, der den Spruch über Leben und Tod erwartet, und an ihren Knieen, an die seine Brust sich preßte, fühlte Anna das Herz in seinem Leibe pochen.

Ein namenloses Mitgefühl überschwoll ihr Herz. Ohne zu wissen, was sie that, breitete sie beide Arme um sein Haupt, und indem sie in Thränen ausbrach, drückte sie das Gesicht auf sein Haupt.

»O Sie armer, unglücklicher Mann,« sagte sie schluchzend.

Ein Stöhnen drang aus seiner Brust hervor. »Du gehst nicht? Du läufst nicht davon? Läufst nicht davon?«

»Nein, nein, nein, ich will nicht davonlaufen.«

Jählings fühlte sie sich von zwei gewaltigen Armen umfaßt. Er war aufgesprungen und hatte sie, wie ein Kind, an seine breite Brust gerissen.

»Ach du – mein Leben – meine Seligkeit – mein heiliges Heiligtum – mein Alles!«

Und er küßte, küßte und küßte sie.

Endlich beruhigte er sich einigermaßen, so daß Anna wieder zu Atem kam. Unter seinen Küssen und Umarmungen waren ihre Wangen ganz heiß geworden, so daß sie hübscher aussah als zuvor. Der Baron war einen Schritt von ihr hinweggetreten und blickte sie mit strahlenden Augen an, wie sie verwirrt und verschämt vor ihm stand. Sie drehte den Kopf zu ihm herum.

»Aber wenn ich nur wüßte, was ich thun soll?«

Mit einer stürmischen Bewegung hatte er sie an beiden Händen erfaßt.

»Gar nichts sollst du thun!«

Sie schüttelte langsam das Haupt.

»Gar nichts thun soll ich?«

Er lachte laut auf vor Vergnügen.

»Nur da sein sollst du und dir gefallen lassen, was ich thue.«

Sie lächelte leise. »Was wird denn das sein, was Sie vorhaben?«

Nun legte er beide Arme um ihren Leib, so sanft, so vorsichtig, als fürchtete er, sie zu erschrecken oder ihr weh zu thun.

»Dich glücklich machen,« sagte er.

Das Wort kam so aus der Tiefe eines von Liebe erfüllten Herzens hervor, daß das junge Mädchen unwillkürlich an seine Brust sank.

»Du guter Mann,« sagte sie. Ihre Augen suchten die seinen. Er hielt sie in den Armen, seine Hände strichen leise an ihren Seiten hinunter.

»Siehst du,« sagte er, »indem ich dich so halte, ist mir, als wäre der ganze liebe Körper und alles, was darinnen ist, ein Gefäß, ein zartes, zerbrechliches, und daß es so zerbrechlich ist, das ist gerade das Gute daran. Nun darf ich an nichts mehr denken, als daß es in meinen Händen nicht entzweigeht, und das gerade ist ja so gut. Siehst du, nun will ich in das Gefäß hineinthun alles, was der Mensch sich für den Menschen ausdenken kann an Gutem und Glücklichem. Und wenn wir da draußen auf meinem Gute leben, das nun auch dein Gut ist, wir beide ganz allein, jedesmal, wenn dann ein neuer Tag anbricht, will ich nach deinem lieben Gesichte sehen; und du brauchst mir nie zu sagen, daß du mich liebst, das verlange ich nicht, nur ob du glücklich bist, will ich in deinem Gesichte sehen, und wenn ich das sehe, siehst du, dann werde ich glücklich sein, glücklich, o – so glücklich.«

Seine Worte erstarben in einem tiefen leisen Flüstern. Sie hielt das Haupt gesenkt, als wollte sie lauschen und immer länger lauschen; als er schwieg, richtete sie sich auf und wiegte das Haupt und legte beide Arme um ihn her.

»Wie, soll ich dir denn nicht sagen, daß ich dich liebe,« sprach sie, und ihre Stimme war ruhig und fest geworden, »da ich dich jetzt schon liebe, von ganzer Seele, du teurer, du geliebter Mann.«

Sie hielten sich schweigend umschlungen, dann richtete sie sich auf.

»Komm,« sagte sie, »nun wollen wir den Onkel und die Tante rufen.«

Sie faßte ihn an der Hand und ging mit ihm an die Thür des Nebenzimmers, die sie öffnete. Die alten Leute traten heraus und blieben verblüfft stehen, als sie Anna Hand in Hand mit dem Baron gewahrten.

Mit einem ruhigen Lächeln sah sie sie an.

»Lieber Onkel,« sagte sie, »liebe Tante, ich teile euch mit, daß ich mich mit dem Herrn Baron von Fahrenwald verlobt habe.«

Am Nachmittag erst verließ der Baron seine Braut und deren Angehörige.

Als er die Treppe hinunterstieg und den letzten Absatz erreicht hatte, sah er im Hausflur einen Mann, der mit aufgeregten Schritten hin und her ging; es war sein Diener, der alte Johann.

Verwundert blieb er stehen; in dem Augenblick hatte der Alte den Kopf herumgedreht und seinen Herrn erkannt; er unterbrach seinen Gang und stand wie angewurzelt.

»Was soll denn das?« fragte der Baron. »Ich hatte dir doch gesagt, daß du mich nicht begleiten solltest.«

Der Alte lüftete den Hut, ohne die Augen von seinem Herrn zu lassen.

»Gnädiger Herr blieben so lange – « erwiderte er.

Der Baron lachte. Er war in so fröhlicher Stimmung, daß er sich über nichts geärgert hätte, am wenigsten über die übertriebene Sorgfalt seines alten Dieners.

»Hast gedacht, mir wäre ein Unglück passiert?« meinte er. »Na, du kannst dich beruhigen.«

Er ging die Stufen vollends hinunter und schlug ihn auf die Schulter.

»Will dir eine Neuigkeit sagen, Johann, ich habe mich verlobt.«

Der Alte riß die Augen weit auf und wich zwei Schritte zurück; der Mund stand ihm halb offen.

»Das Fräulein – da oben, im zweiten Stock?« stotterte er.

»Jawohl, das Fräulein da oben, im zweiten Stock,« erwiderte gutlaunig der Baron. »Und nächster Tage ist die Hochzeit.«

Er wandte sich nach der Hausthür, und indem er ihm den Rücken drehte, konnte er nicht sehen, was der Johann hinter seinem Rücken für ein merkwürdiges Gesicht schnitt. Er warf einen wütenden, geradezu giftigen Blick nach der Treppe, die das Haus hinaufführte, dann glättete er mit dem Aermel seines Ueberrocks den Cylinderhut, den er noch in der Hand hielt, und während er das that, neigte er das Haupt, wie jemand, der sich plötzlich in eine schwere Notlage versetzt sieht und Mittel und Wege überdenkt, die nun zu ergreifen sind. Dann stülpte er den Hut mit einem Rucke auf, biß die Zähne aufeinander und folgte seinem Herrn. Die Hausthür fiel schmetternd zu, weil der Alte sie wütend ins Schloß geworfen hatte.

Am nächsten Tage ging bei Anna ein Brief ein.

Sie erhielt selten Briefe und zögerte ein Weilchen, den Umschlag zu öffnen. Die Handschrift war ihr nicht bekannt und sah so sonderbar aus; man hätte kaum sagen können, ob sie von einem gebildeten oder ungebildeten Menschen herrührte.

Endlich entschloß sie sich, und nun las sie folgende Zeilen:

»Haben Sie auch bedacht, was Sie thun? Sie wissen doch, daß der Mensch, mit dem Sie sich verlobt haben, ein Verrückter ist?«

Ein Name stand nicht darunter. Der Brief war unterschrieben:

»Ein Wissender.«

Anna hielt das widerwärtige Blatt in den Händen. Was sollte sie thun?

Das beste bei solchen Gelegenheiten ist ja, demjenigen, vor dem man gewarnt wird, den anonymen Wisch ruhig zu zeigen, damit man kein Geheimnis vor ihm behält. Aber das war doch in diesem Falle nicht möglich. Durfte sie den unglücklichen Mann lesen lassen, wie das, wovon er sich an ihrer Seite zu befreien und zu erlösen hoffte, ihm in so roher und gemeiner Weise auf den Kopf zugesagt wurde?

Sie faßte sich kurz, riß den Brief samt dem Umschlage in Fetzen und steckte sie in den Ofen. Die Sache war abgethan.

Eine Stunde später kam der Baron, und nun pries sie ihren Entschluß. Er sah so heiter aus, so klar; man merkte ihm an, wie in Annas Gegenwart der dunkle Schleier sich hob und lüftete, der seine Seele umdüsterte. Hätte sie, deren Nähe ihm die Gesundheit bedeutete, ihn in sein Leiden zurückstoßen sollen, indem sie ihn daran erinnerte? Nimmermehr!

Heut brachte der Baron ihr den Verlobungsring mit, einen goldenen Reif, der einen Brillanten umfaßte. Mit schüchternem Erröten ließ sie sich den Ring an den Finger stecken, und während sie die Hand hin und her drehte, um das Licht in dem geschliffenen Steine aufzufangen, griff der Baron schon wieder in die Rocktasche. Er holte ein Schmuckschächtelchen hervor, das er vor ihren Augen aufspringen ließ. Anna blickte hinein und fuhr zurück. Ein goldenes Armband mit einem prächtigen Amethyst leuchtete ihr entgegen.

»Aber nein!« erklärte sie, »nein, nein, das geht ja nicht, daß du mich so überhäufst! Das kann ich ja nicht annehmen!«

Er sah glücklich lächelnd zu ihr hinüber.

»Aber Anna,« sagte er, »weißt du denn nicht, daß ich mich beschenke, wenn ich dir ein Geschenk mache?«

Sie mußte es sich gefallen lassen, daß er ihren Arm ergriff und ihr das Armband umlegte. Die Haut an der Hand und dem Handgelenk war rot und aufgesprungen; man sah es ihr an, wie schonungslos die Hände des jungen Mädchens in der Hauswirtschaft mitarbeiten mußten. Anna deutete mit den Augen darauf hin.

»Sieh doch nur selbst,« sagte sie: »für solche Hände paßt doch ein so wundervolles Armband gar nicht.«

Der Baron hob ihre kleine gerötete Hand empor.

»Das ist Anna von Glassner,« sagte er. Dann schob er den Aermel ihres Kleides so weit zurück, daß die weiße, zarte Haut des Armes sichtbar wurde.

»Und hier kommt die Baronin von Fahrenwald heraus,« fügte er lächelnd hinzu. »In einigen Tagen sind auch die Händchen so weiß und zart wieder, wie das.« Er drückte die Lippen auf ihren entblößten Arm und schob das Armband so hoch hinauf, daß es auf der weißen Haut lag.

»Siehst du,« sagte er, »wie gut es sich hier ausnimmt!«

Sie mußte lächelnd zugestehen, daß er recht hatte, und dann siegte die weibliche Freude am Schmuck über alle ihre Bedenken.

Mit leuchtenden Augen fiel sie ihm um den Hals.

»Du wirst mich noch so verwöhnen, daß ich ganz hochmütig und schlecht werde.«

Er hielt sie an sich gedrückt.

»Sei was und wie du willst, nur sei glücklich.«

Es wurde alsdann zwischen ihnen verabredet, daß die Hochzeit möglichst bald stattfinden sollte.

»Wie ist es denn?« fragte er, »möchtest du eine Hochzeitreise machen?«

Anna lächelte.

»Nicht wahr,« sagte sie, »das ist doch dein Park, den sie das Schlesische Paradies nennen?«

»Wirklich?« erwiderte er, »davon habe ich ja noch gar nichts gewußt.«

»Ja, ja,« versicherte sie, »er soll ja auch wunderschön sein!«

»Nun, er ist groß genug, das ist wahr; nur vielleicht ein bißchen verwahrlost.«

Sie legte die Hände auf seine Schultern.

»Und da fragst du mich, ob ich eine Hochzeitreise machen will? Nach dem Schlesischen Paradies reise ich mit dir und da bleiben wir.«

»Das wolltest du? Wirklich?« Man sah ihm die Freude an, die ihre Entscheidung ihm bereitete.

»Aber daß du nur keinen Schreck bekommst,« fuhr er fort, »wenn du da hinauskommst; es ist etwas einsam, verstehst du. Ich habe da ganz allein mit meinem alten Johann gehaust.«

»Ach Gott,« versetzte sie, »das denke ich mir ja gerade so wunderschön! Siehst du, ich bin ja auch mein Leben lang so allein gewesen, so an die Einsamkeit gewöhnt. Nun richten wir uns das alte schöne Schloß ein, wie es für uns beide paßt, dann gehen wir durch den Park, und nicht wahr, den Park gibst du in meine Obhut? Ich denke mir das so köstlich, Gärtnerin zu sein!«

Sie war ganz lebhaft geworden; ihr Gesicht glänzte. Der Baron sah sie hingerissen an. Vor seinem Geiste erschien eine Reihe der lieblichsten Bilder: er sah seine junge Frau durch die düsteren Räume des alten Schlosses wandeln, wie den Geist des neuen jungen Lebens; er sah sie im Park umherschalten, anmutig zur Arbeit aufgeschürzt, und Haus und Garten wurden jung und lebendig und schön unter ihren Händen und seine Seele ward jung und freudig und stark in ihrer geliebten Nähe.

»Alles soll so sein, wie du es sagst,« rief er jauchzend, indem er sie an sein Herz drückte, »sobald das Wetter einigermaßen wird, fahren wir hinaus und ich zeige dir alles, und dann kommen wir zurück und kaufen Tapeten und Möbel und Blumensamen und alles was der Mensch sich denken kann. Und nachher, da leben wir da draußen zusammen, wie auf einer Insel im weiten Meer. Wir beide ganz für uns, und fragen nach keinem Menschen und nach keiner Welt!«

Er war wie trunken von Freude, als er sie endlich verließ, und auch vor Annas Phantasie begann die Zukunft wie ein helles freundliches Land emporzusteigen.

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