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Das vierte Gebot

Ludwig Anzengruber: Das vierte Gebot - Kapitel 9
Quellenangabe
typedrama
booktitleDas vierte Gebot
authorLudwig Anzengruber
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000418-7
titleDas vierte Gebot
pages1-6
created19990513
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1878
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Vierter Akt

Dekoration: Garten wie im ersten Akte. Es ist früh am Morgen.

Erste Szene

Schön und Anna im Garten beschäftigt; Eduard tritt durch die Mitte ein.

Eduard. Guten Morgen, liebe Eltern!

Schön. Grüß' dich Gott, Eduard!

Anna (zu Schön). Du setz'st halt schon wieder 'n Respekt aus 'n Augen! (Zu Eduard.) Guten Morgen, hochwürdiger Herr Sohn, was führt denn dich so zeitlich in aller Gottesfruh her?

Eduard. Die Sorge hat mich hergetrieben. Gestern ist dem unseligen Menschen, dem Martin Schalanter, das Todesurteil publiziert worden, und heute morgens soll er erschossen werden. Ich denke nun, es wäre gut, wenn man diese Vorgänge hier im Hause vertuschen könnte und für einige Tage die Zeitungsblätter beiseite schaffte. Die Kenntnis von all diesen düsteren Einzelheiten würde Fräulein Hedwig, ich wollte sagen, die junge Frau Stolzenthaler – seit sie von ihrem Manne geschieden ist, bin ich immer uneins, wie ich sie nennen soll, – es würde sie, glaube ich, zu sehr erschüttern.

Anna. Ah ja freilich, das wär' g'fehlt! Mein Gott, seit s' vor acht Tagen ihr Kinderl begraben hat, is s' eh nimmer zum kennen. Dö Nachtwachen und die Kränkung haben das arme Weib ganz z'sammg'rackert. Ja, ja, da mach' liaber ein Sprung h'nein – bei ihnen is alles fruh auf – sonst kommt etwa doch d' heutige Zeitung auf 'n Tisch, und dös dürft' nit ratsam sein, da hast schon recht.

Schön. Ja, jetzt hat er schon recht, unser hochwürdiger Herr Sohn, aber zu Anfang von derer Affär' hat er ein Bock geschossen.

Anna. Das g'schieht ein'm hochwürdigen Herrn nie. Wer hat's denn wissen können, wie's ausgeht? Hintnach is leicht reden.

Schön. Na, wann dürften wir denn nachher was reden, wann net hintnach, mir Leut' aus 'm Volk, dö mir von vornherein überhaupt nix z' sag'n hab'n?! Ich bleib' dabei, er hat damals a bissel voreili 'n Gehorsam empfohlen.

Anna. Hätt' er vielleicht 's Gegenteil predigen sollen?

Schön. Dös schon gar net, und ich weiß ganz gut, wie unserans nit so und nit so sag'n soll, damit mer ein'm nit nachsagen kann, er hätt' so oder so g'sagt, das kann er a nit; aber was er können hätt', dös will i ihm wohl sag'n – wal das auf der Hand liegt – und völli selbstverständli is – ganz natürli – nämlich, wann man die Sach' betracht – so – na ja! – Na ja... das is guat, jetzt waß i selber nit, was er eigentli hätt' tun sollen!

Eduard. O ich weiß es heute nur zu gut. Ich hätte mich erst ganz genau mit den Verhältnissen vertraut machen sollen, und dann wäre es am Platze gewesen, ohne der Neigung des Mädchens irgendwie das Wort zu reden, dem Vater Hedwigs die geplante Verbindung auf das eindringlichste abzuraten.

Schön (bedauernd). Ganz richtig!

Anna. Du lieber Gott! Daß dir das net früher hat einfalln können!

Eduard. Leider! Aber, daß ich es sage, ich dachte damals nur an euch und mich, und ich war gewohnt, euch immer zu gehorchen, geschah es nun, um euch eine Freude zu machen, oder weil ich ganz gut einsah, daß es zu meinem Besten war.

Schön. Ja, ja, mein lieber Eduard, du warst aber a unser Einzigs, mir haben nie ganz allani auf uns denkt; was di a ernstlichs Opfer kost't hätt', das hätt' uns ja eh gar kein Freud' machen können, und wann was hat sein müssen, so hat mer dir immer durchblicken lassen, warum und weswegen. Gelt ja?

Eduard (beide an den Händen fassend). Ich weiß es. Ihr wart die sorglichsten Pfleger meiner Kindheit, die treuesten Berater des heranwachsenden jungen Mannes, und jetzt, nachdem wir Jahre mit gleichem Herzschlag durchlebt und uns alle kleinsten und größten Erinnerungen gemeinsam verbinden, jetzt seid ihr meine ehrlichsten, meine trautesten, meine besten Freunde. Gott erhalte euch mir, treue Elternherzen! (Drückt ihnen die Hand und geht in den Haustrakt ab.)

Schön (kleine Pause). Du, hörst Alte? Der Bub wird a bissel weinen, wann wir sterben.

Anna (trocknet sich die Augen). So sterb'n mer halt net.

 
Zweite Szene

Vorige ohne Eduard. Josepha, darauf Schalanter und Barbara.

Josepha (durch die Mitte, sie hat einen abgetragenen Morgenanzug an, das Haar nur zurückgestrichen und durch ein Netz zusammengehalten, darüber aber ein kokettes Häubchen und an den Füßen Stöckelschuhe mit Aufputz). Gut'n Morg'n. Sie verzeihn schon. I hab' 'n geistlichen Herrn zum Tor hereingehn sehn, i soll ihm a Post sag'n, die net mehr viel Zeit hat.

Schön. Müssen halt warten, er kommt glei.

Anna (halblaut). Na, das machet si schön, wann er mit so aner redet.

Schön (ebenso). Natürli wird er mit ihr reden. Er is ja Geistlicher, und bei ihm muß eins, wann's gleich von aller Welt veracht wird, noch a Ansprach suchen können, und hat unser Herrgott mit Sünderinnen g'redt, wird doch er sich nicht z' gut dafür halten! (Schalanter und Barbara erscheinen hinter dem Gittertor.)

Barbara. Pepi!

Josepha. Wer ruft? A Sö san's!

Barbara. Wir hätten dich was z' fragen.

Josepha. Na, da bin i.

(Schalanter und Barbara treten in den Garten. Ersterer bleibt an der Türe mit gesenktem Kopfe stehen.)

Barbara (zu Schön). Erlauben S', Herr Schön – mir sein nur unserer Tochter nach, weil mer s' über d'Straßen haben laufen g'sehn – wir sein gleich ferti – wir gehn heut eh lieber allen Leuten aus 'm G'sicht. (Zu Pepi.) Warst du beim Martin drin, Pepi?

Josepha. Nein, er hat nit nach mir verlangt, und es is das nix für mich. I hab' eh die ganze Nacht g'want. Ich hab' ihm gestern die Schoberlechner-Leni, die er früher gern g'sehn hat, hineing'schickt und ihr Zigarrn und a paar Groschen Geld für ihn mitgeb'n.

Barbara. Sie hab'n uns gestern nit zu ihm lassen. Hat er nix g'sagt, ob er uns sehn will?

Josepha. Nein!

Barbara (zu Schalanter). Gehn mer halt hin.

Schalanter (nickt, ohne aufzublicken).

Josepha. Na, da gehn S' in Gott's Nam', daß's nit etwa z' spät wird, bei mir versamen S' nix, 's hat wohl no a Weil' hin, bis S' mi im Spital aufsuchen können, aber es bleibt nit aus.

Barbara (wendet sich). Mir hab'n a Unglück mit die Kinder!

Schalanter. Ja, ja – mir mit sö – (hebt den Kopf, sieht alle starr der Reihe nach an) oder sö mit uns! (Senkt den Kopf wieder und geht mit Barbara durch die Mitte ab.)

Anna (schlägt die Hände zusammen). Wie denen sein muß – wie denen sein muß, das kann i mer gar nit vorstellen!

Schön. I a nit, Gott sei Dank!

 
Dritte Szene

Schön, Anna, Josepha. Aus dem Trakte treten auf: Hutterer, der ein Bettkissen unter dem Arme trägt, und Sidonie. Beide führen Hedwig in ihrer Mitte, Eduard folgt.

Hutterer (sein Haar ist ergraut). So! Komm nur, mein Kind, du kannst schon im Freien sein, wenn du willst, die Luft ist ganz mild, die schadt dir nix. (Sie geleiten sie zu einer Bank, er schiebt ihr das Polster an der Lehne zurecht.)

Josepha (tritt zu Eduard, der etwas seitwärts von der Gruppe steht). Hochwürden, sein S' nit bös, aber mein Auftrag hat Eil'. Sie wern mi wohl kennen?

Eduard (nickt und sieht besorgt nach der Kranken hinüber). Ja. Keinen Namen. Was bringen Sie?

Josepha. Mein Bruder hat sagen lassen, er möcht' Ihnen gern no amal segn, und Sie wissen...

Eduard. Ich weiß. Ich gehe sofort zu ihm. (Zur Hedwig tretend.) Gnädige Frau, ich empfehle mich. Fassen Sie Vertrauen. Gott, der so schwere Prüfungen über Sie verhängte, wird Ihnen auch die Kraft verleihen, dieselben zu ertragen.

Hedwig (sehr bleich und angegriffen aussehend, sie spricht schwach, aber mit klarer Stimme und langsamer, nachdrücklicher Betonung). Keine Phrasen, Hochwürden. – Wissen Sie, wie man das nennt, wenn jemand eine Prüfung veranstaltet, um ein Ergebnis herbeizuführen, auf das er ganz gut im voraus rechnen kann? Man nennt das experimentieren. – Vor Jahren wohnte ein Mediziner in unserm Hause, den ich, als kleines Mädchen, von ganzem Herzen verabscheute, weil er arme Kaninchen lebend zerschnitt. Er wußte ganz genau, wie weit er sich auf die Stärke dieser Tierchen verlassen konnte, ob sie ihm tot unter dem Messer bleiben würden, oder wie lange sie lebend und leidend zu erhalten waren, wenn er ihnen durch gute Pflege »Kraft verlieh, die Prüfungen zu ertragen«. – (Leise lächelnd.) Wollen Sie mich glauben machen, Gott wäre so ein Mediziner? (Da Eduard sprechen will, hebt sie abwehrend die Hand und fährt fort.) Ich will Ihnen sagen, was mich tröstet. Ich habe mich einem Gebote gefügt, das das einzige ist, das eine Verheißung in sich schließt, »auf daß du lange lebest und es dir wohl gehe auf Erden«. Das Wohlergehen hat nicht zutreffen wollen; ich hoffe zu Gott, daß auch der andere Teil der Verheißung sich als trügerisch erweist und daß mich mein Kind bald nachholt.

Eduard. O, wenn ich es doch vermöchte, diese Gedanken aus Ihrer Seele zu bannen.

Hedwig (schüttelt sanft lächelnd den Kopf). Nein. Sie vermögen's nicht. (Reicht ihm die Hand.) Leben Sie wohl, Hochwürden!

Eduard (verbeugt sich und geht durch die Mitte ab).

Sidonie (näher tretend). Mein arme Hedwig!

Hedwig (bittend). Ich möchte jetzt gerne allein sein.

Hutterer. Kind, es wär' vielleicht doch besser, wenn jemand in deiner Näh' bleibet.

Hedwig (schüttelt leicht den Kopf). Ich danke für euere Sorgfalt.

Hutterer (schmerzlich). Du meinst, die kommet a bissel spät.

Hedwig. Ich sage ja nichts. Wenn ich euch jetzt wie ein lebendiger Vorwurf bin, so laßt euch doch vor mir nichts merken, ich werde es ja nicht mehr lange sein.

Hutterer (erschüttert). Kind? – (Er faßt ratlos nach der Hand seiner Frau.) Sidi! – (Fährt sich mit beiden Händen in die Haare, in Tränen ausbrechend.) Ah, grau – grau – das ist die richtige Farb' – die richtige – (Von Sidonie gefolgt in den Trakt ab.)

Schön (schiebt Anna zur Gartentür hinaus). Geh fort, Mutter! (Kommt vor zu Josepha, legt ihr die Hand auf die Achsel.) Sö! Kommen S'!

Josepha (die mit ihrer Schürze über die Augen fährt). Ja!

Hedwig (aufblickend). Wer ist das? Das Mädchen soll ich kennen. (Sie erschauert.) Ach ja, ich weiß! (Streicht mit der Hand über die Stirne und den Scheitel.) Es war auch sonst von ihr die Rede. Wir gehören in eine Kategorie.

Schön (erzürnt). Frau von Stolzenthaler, wann sich wer anderer trauet, das von Ihnen zu sagen...

Hedwig. Nur ruhig, Alter! (Nimmt das kleine Bukett, das sie an der Brust trägt, herab.) Die hab' ich aus der Vase von den gestrigen zusammengelesen. (Eine weiße Rose herauslösend und sie Josepha hinhaltend.) Übernächtig, – bleich – und welk, – paßt das? Nehmen Sie! – Ob an einen oder an mehrere, wir sind ja doch zwei Verkaufte!

Josepha (hält mit beiden Händen die Linke Hedwigs und drückt sie an die Lippen).

(Zwischenvorhang fällt rasch.)

 
Verwandlung

Gefängniszelle. Die Türe befindet sich in der Hinterwand, nahe der linken Ecke des Gemaches; in der rechten Ecke steht die Pritsche. In der Mitte der rechten Wand ist das Fenster angebracht, durch welches auf die gegenüberliegende Mauer ein schmaler, brennender Streif vom Frühsonnenschein fällt.

Vierte Szene

Profoß Atzwanger, Martin, dann Eduard.

Atzwanger (steht unter der Türe). Die Alten derfen net h'rein?

Martin (sitzt auf der Pritsche, beide Arme auf die Knie, den Kopf in die Hände gestützt. Er schüttelt den Kopf).

Atzwanger. Solln s' draußt bleib'n? (Er tritt zurück.)

Eduard (erscheint unter der Türe und zeigt Atzwanger einen Zettel).

Atzwanger. Ich bitt' nur einzutreten, Hochwürden! (Läßt Eduard eintreten und geht, hinter sich die Türe schließend, ab.)

Martin (geht Eduard entgegen). Ah, du bist's Eduard? Das is schön, daß d' kommst!

Eduard. Ich finde dich gefaßt.

Martin. I nimm mi halt z'samm. Es g'schiecht mer ja recht – und es is jedenfalls gescheiter, wie noch länger als Auswürfling untern Menschen herumlaufen. I komm' mer vor wie a wilds Tier, das nachträglich zu einer menschlichen B'sinnung kommen is – (Er sieht nach der Türe.) Es is schon spät, gelt ja?

Eduard (ausweichend). Es ist nicht spät. – Wolltest du etwas von mir? Kann ich vielleicht etwas für dich tun?

Martin. Nein! Sehn wollt' i di no amal. Sag'n wollt' i der, daß d' mer der liabste von meine Spielkameraden warst, wann mer glei die spätern Jahr' immer weiter auseinanderkommen sein. Du warst ma der liabste und unliabste, denn du warst ma immer voraus, dir war i allweil neidi, i waß a seit kurzem auf was. Auf dein ruhigs, anständige Elternhaus. Wia's d' jetzt vor mir stehst, denk' i z'ruck an die Zeiten, dö glücklichen Täg' wo ma no von nix g'wußt hat. – 's hätt' ganz anders wern können.

Eduard. Du mußt nicht zurückdenken.

Martin. Net z'ruck, Eduard, wohin denn? Voraus liegt ja nichts. (Sieht wieder nach der Türe.) Es wird immer später.

Eduard. Du erwartest jemand?

Martin. Weißt, was muß der Mensch do haben, an das er si halten kann in schwerer Stund', a der schlechteste! An Herz, auf was er zähln kann, das's zutiefst ehrlich mit ihm meint, und wann er ihm a allweil nur wehtan hat. I ging' mer hart, recht hart, von da.

Eduard. Sage nur wer, Martin. Es ist wohl noch Zeit, daß man...

Martin. Hinschickt? Nein! Sie muß von selber kommen. Erbarmen hast ja a du mit mir, aber sie – sie hat mich immer gern g'habt, und a Liab, a Liab' möcht' ich noch seg'n, bevor i von der Welt geh'.

 
Fünfte Szene

Vorige, Atzwanger, Herwig.

Atzwanger (die Türe öffnend). Schalanter, da is wer!

Herwig (tritt unter die Türe).

Atzwanger (geht ab. Die Türe bleibt offen stehen).

Martin. Großmutter! (Stürzt auf sie zu.)

Herwig. Rühr' mi nit an mit die Händ' – mit die Händ' nit! (Sie lehnt den Kopf an den Türpfosten links, leise weinend.) Das muß i an dir erleben, Martin? Das hätt' i nit denkt! Hätt's nit denkt!

Martin. O Großmutter, weil S' nur da sein! I waß ja, daß mi nix weiß brennen kann und daß i Ihner all die Liab', Treu' und Sorg' schlecht heimzahl', aber Sö san die anzige Seel' auf Gottes Erdboden, um die mer is. (Mit gefalteten Händen.) Sein S' gut mit mir, Großmutter, sein S' gut!

Herwig. Der Gang is mir recht hart worn bei meine alten Füaß', und weil's mer da (zeigt aufs Herz) sitzt, aber seg'n hab' i di do müssen, Martin, und i bin nit kummen, daß i dir 's Herz schwer mach'.

Martin. Dös wird's mer von selber. Wann s' mi nur allweil auf Ihnen hätten hören lassen, Großmutter, i könnt' jetzt als braver Bursch vor die Leut' dastehn, und Ihnen könnt' i für die alten Täg' manche Freud' machen, – so hab' i Schimpf und Schand' über dös weiße Haar bracht, und jetzt soll i hinaus, wo die Welt im liachten Sonnenschein liegt... Herrgott, i bin ja do nur a armer Teufel, der nach und nach so schwarz word'n is. I frag' nit, ob 's g'recht is – aber is's menschlich, ein hinknien z' lassen – an letzten Blick ins Land – d' schwarze Binden »fertig« – ah! (Bricht zusammen und umfaßt die Knie der Herwig.) Großmutter, helfen S'!

Herwig (wird ohnmächtig).

Eduard (steht ihr bei, leise). Martin!

Martin (fährt rasch empor). Jesus, Maria! Was is ihr? Großmutter, sein S' g'scheit! Großmutter, ich bin ja schon wieder kuraschiert – hörn S'? Eduard, nimm dich um sie an, schau', wie s' zittert, führ' s' nachher – wann mer schon a bissel weit weg sein – über die Stieg'n, bring' s' nach Haus, laß s' a nit so bald allein, tu mir die Lieb'! I bin schon wieder kuraschiert, Großmutter, es handelt sich ja nur um ein Augenblick, dann is ja alles vorbei, und 's is gut für mi, und 's is recht. Hab'n S' kein Angst um mi, i sorg' mi nur um Ihna, nur um Ihna.

Herwig. Sorg' di nit, i bin schon wieder, wie i sein soll. Bleib nur du stark, Martin!

Martin. Ja, Großmutter! (Ruhig.) Sie kommen über die Stieg'n herauf.

Eduard. Martin, wenn du deine Eltern doch noch sehen wolltest –

Martin. Nein! Sie hab'n mer nix zu verzeig'n und i ihna nix abz'bitten.

Eduard (im Tone versöhnlicher Einrede). Denk' an das vierte Gebot!

Martin. Mein lieber Eduard, du hast's leicht, du weißt nit, daß's für manche 's größte Unglück is, von ihrn Eltern erzog'n z' werd'n. Wenn du in der Schul' den Kindern lernst: »Ehret Vater und Mutter«, so sag's auch von der Kanzel den Eltern, daß s' darnach sein sollen.

(Außer der Türe marschieren Soldaten auf.)

Atzwanger (in die Türe tretend). Schalanter!

Martin. I komm' schon! Die wenigen Schritt', die i no z' gehn hab', will i nimmer vom Boden aufschaun, den letzten Blick mach' i in das ehrliche G'sicht, in die treuen Augen, denen i manche Tränen kost hab' und die schon über meiner Wieg'n g'wacht hab'n. Großmutter, niemand weiß, was darnach kommt, damit i aber – was auch kommt – ruhiger geh', verzeigt's mer!

Herwig (legt ihm die Hände auf den Kopf). Verzeih' dir Gott, wie i dir verzeih' – und die Welt, wie dir Gott verzeig'n wird.

Alle drei. Amen!

(Ein Armensünderglöcklein ertönt.)

(Der Vorhang fällt.)

Ende.

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