Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ludwig Anzengruber >

Das vierte Gebot

Ludwig Anzengruber: Das vierte Gebot - Kapitel 7
Quellenangabe
typedrama
booktitleDas vierte Gebot
authorLudwig Anzengruber
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000418-7
titleDas vierte Gebot
pages1-6
created19990513
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1878
Schließen

Navigation:

Dritter Akt

Prospekt: Freie Gegend, eine weithin flachliegende Au, in der Ferne von Gebirgen abgeschlossen. Links ein ganz kleines Häuschen, schräg gestellt, sich in der zweiten Kulisse verlierend. über der Bank, linker Hand neben der Türe, hängt an dem Nagel eines Hutrechens eine geladene Flinte. Ein Zaun, in der Mitte offen, schließt sich an das Häuschen an und läuft parallel mit dem Prospekte bis an das andere Ende der Bühne, welche sonst nach keiner Seite geschlossen erscheint. Es stehen vier Tische auf dem Podium, zwei vorne, zwei rückwärts, zwischen denselben bleibt in der Mitte eine breite Gasse. Der Tisch vorne links muß etwas abseits von den Kulissen stehen, da er nur einen kleinen Teil der rechten Seite des Hauses decken darf.

Erste Szene

Frey an der linken Ecke des Tisches vorne links, Johann an der rechten Ecke des Tisches vorne rechts, ihm gegenüber sitzt Minna, etwas seitwärts Stille. Berger nimmt – von dem rückwärtigen Tische rechts – ein Damentuch und einen Sonnenschirm auf.

Berger. Minna, dein Tuch und dein Schirm.

Minna (sich erhebend und ihm entgegenhüpfend). Danke, Papa, ich bin recht froh, daß wir gehen.

Frey (unruhig). Es ist kaum glaublich, daß sie jetzt noch kommt. Was mag sie abgehalten haben?

Berger (mit Minna am Arme vortretend). Herr Stille!

Stille. Ja?

Berger. Sie haben bezahlt?

Stille. Ja.

Berger. So kommen Sie, wir gehen.

Stille (rasch aufstehend). Ja.

Berger. Das war ein hübscher Tag heute.

Stille. Ja.

Berger. Ihre Gesellschaft abgerechnet. Sagen Sie mir nur, wie ein Mensch weniger Worte haben kann als ein Papagei? (Geht mit Minna nach rückwärts.)

Stille (nachfolgend). Hm, ein Papagei sucht sich vermutlich angenehm zu machen. Ich nicht.

Berger. Nein – das kann Ihnen niemand nachsagen.

(Alle drei hinter dem Zaune nach links ab.)

Johann (mit hochgerötetem Gesichte, in der linken Hand ein Sacktuch, lockert sich mit der rechten die Halsbinde). Ich darf in kein Wirtshaus mehr gehen – nein – der Schmerz in einem trinkt mit, und dann wird's z' viel.

 
Zweite Szene

Frey, Johann. Von rechts hinter dem Zaun treten auf und kommen durch die Mitte vor Schalanter, Martin, Stötzl, gleich darauf Barbara und Sedlberger. Später aus dem Hause Mostinger und Tonl.

Schalanter. Da wärn wir an Ort und Stell', (verstohlen nach Frey deutend) und dort sitzt a unser Mann. Aber wo bleiben denn die andern? So kommt's doch!

Barbara (noch hinter dem Zaun). Na, na, da sein mer ja schon.

Johann (ist aufgestanden). Guten Abend, Herr Schalanter!

Schalanter. Ah, guten Abend, Johann! Sein Sö a da? Wie geht's?

Johann. Danke –

Schalanter. Na, das is recht! Heda, Wirtshaus!

Barbara (ihren Begleiter auf die Achsel dreschend). Sedlberger, da schaun Sö Ihner nachher um, daß i was Guts krieg'!

Mostinger (kommt eilig aus dem Hause, der kleine Tonl hängt sich an seine Schürze und läuft nebenher). Guten Abend – guten Abend wünsch' ich! (Zu Tonl.) Laßt aus, du! Mußt d' übrall dabei sein? Wirst net bei der Mutter in der Kuchel bleib'n? (Zu den Gästen.) Was is denn g'fällig?

Schalanter. Ein Wein, aber a guter, schlechten hab' ich heut schon gnug trunken. Bringen S' gleich a paar Flascheln mit, dö für uns ausreichen, wie S' uns da sehn.

Mostinger. Schön, solln z'frieden sein, Euer Gnaden. Verlassen S' Ihnen! (Eilig ab ins Haus.)

Tonl (läuft bis zur Türe mit, bleibt dort zurück, klettert auf die Bank und beginnt an dem Gewehrriemen zu spielen).

Schalanter. Jetzt sein mer erst no nit vollzählig. Da kann mer sich ja nie auf 'n Wirt sein Augenmaß verlassen. Wo is denn 's Madl und der Katscher?

Barbara. No im Dischkurs. Laß doch 'n jungen Leuten a a Freud'. Da kommen s' eh schon. (Josepha und Katscher werden hinter dem Zaune rechts sichtbar.)

Johann. Ah, jetzt gibt's mer ein Stich ins Herz!

 
Dritte Szene

Vorige (ohne Mostinger), Josepha, Katscher, später Mostinger zurück.

Barbara (droht ihnen mit dem Finger). Na, seid's amal da, ös Schlimmen?

Josepha (läßt Katschers Arm fahren). Jessas – du mein Gott – wer steht denn da? Der Johann!

Johann (linkisch und verlegen). Ja, ich bitt'!

Josepha (gibt ihm die Hand). Grüß' Ihnen Gott! Wie geht's Ihnen denn?

Johann (seufzend). Ach ja!

Josepha. War dös a Seufzer!

Johann. Ich bitt' Sie, das ist jetzt allgemeine Bedürfnis und noch am billigsten.

Josepha. Und wie Sö ausschaun! Ganz verwahrlost. Gehn S', halten S' Ihnen und lassen S' Ihnen a bissel aufgleich richten. (Sie schickt sich an, seine Halsbinde zu ordnen, wendet ihr Gesicht gegenüber dem seinen ab.) Ui – und trunken hat er a! Na, Sie braucheten schon wirkli wem, der auf Ihnen schauet.

Katscher (zu Barbara). Was is denn das für a Figur?

Barbara. Brauchen nit z' eifern, es ist nur a ehmaliger G'sell'.

Katscher (boshaft). Ah, wenn das a ehmaliger G'sell' von Ihnen is, Frau Schalanter, dann hab' ich kein Ursach'.

Mostinger (eilig aus dem Hause kommend; er trägt eine große Blechtasse, worauf Flaschen und Gläser stehen). So, meine Herrschaften... (Verstummt sofort, wie er Tonl mit dem Gewehrriemen spielen sieht – entsetzt) Tonl – du Himmelsapperment – gehst mer weg, gehst mer vom G'wehr weg, 's könnt' ja 's größte Unglück g'schehn!

Tonl (springt von der Bank auf und läuft ins Haus).

Barbara (aufkreischend). Jesses! Es wird doch net g'lad'n sein?

Mostinger (besorgt). Freili is's g'laden.

Schalanter. Tun Sie's weg, wann S' a Furcht hab'n.

Mostinger. Glaub'n Sö, ich rühr' das Ding an?! I kann ja nit umgehn damit. Es g'hört mein mittlern Bub'n, der allweil, wo er nur kann, mit dö Jager rennt. Wo er's nachher daheim hinlehnt oder hinhängt, da bleibt's schon von mir aus, dös können S' mer glaub'n. Aber dös is a wahr, der Sakermenter laßt si nia blicken, wann er's aus 'm Weg ramen soll. Ja, ich tät' schön bitten, wo setzen sich denn die Herrschaften hin?

Schalanter (nach dem Tische vorne links weisend). Da setzen mer uns her. Ruck' mer z'samm, hab'n mer alle Platz. Mit Verlaub. Guten Abend, Herr Feldwebel!

Martin (salutiert und setzt sich an das rechte Ende).

Frey (erwidert militärisch den Gruß).

Schalanter. Nur abirucken nacheinander.

(Mostinger stellt die Flaschen und Gläser auf den Tisch, Schalanter schenkt ein, prüft das Getränk und füllt dann die Gläser der andern.)

Josepha (war, nachdem sie die Halsschleife Johanns geknüpft hatte, zurückgetreten, jetzt geht sie wieder auf ihn zu, vertraulich). Hab'n S' denn g'wußt, daß wir herkommen?

Johann. Ah nein, davon hab' ich kein Ahnung g'habt.

Josepha. Dös wär' jetzt weiter was g'wesen, wann S' ja g'sagt hätten und ließen mer die Freud'!

Johann. A Freud'? Ja, wann ich das g'wußt hätt'!

Josepha. Mein Lieber, wann Sie nit so schön lügen lernen wie die andern, werd'n Sie's bei die Madeln nit weit bringen.

Johann. Verlang' i das, Fräuln Pepi?

Josepha. Lassen S' doch d'Fräuln weg.

Johann. Haben Sie früher so was an mir bemerkt, oder leg' ich's vielleicht jetzt darauf an, wo ich mich verwahrlos', trink' und net auf mich schau'?

Josepha. Und muß denn das sein, daß S' Ihnen verwahrlosen, trinken und nit auf Ihnen schaun?

Johann. Das is ja eben 's Elend, es müßt' gar nit sein, wann man den natürlichen Dingen ihren Verlauf... wann man den Dingen ihren natürlichen Verlauf lassen hätt'. Ah, Ihre Leut' können's nit verantworten! Aber, Pepi, schaun S', wenn Sie mit Ihnen reden ließen, – alles wurd' glei anders, wann Sie mit mir durchgingen, wohin, wo wir allzwei fremd sein, wann Ihnen die Leut' gar nit kennen und wann i mi über alles hinaussetz', Pepi, über alles –

Josepha. Na, da hätten S' weiter was! Na, na, mein lieber Johann, aus Ihna redt jetzt der Wein. Ich denk' gar nimmer ans Heiraten; für ein Braven wär' i ein Unglück, und ein Schlechten möcht' ich selber nit.

Barbara. Aber, Pepi, wie kannst denn 'n Herrn Katscher so lang allani sitzen lassen?

Josepha. Jesses, er wird nit sterben! Ich kumm glei!

Katscher. D'Fräuln Pepi nimmt halt an G'selln auf.

Stötzl. Ein Altg'selln.

Sedlberger. Ein ätlichen Altg'selln.

Josepha. Wann S' zahlt hab'n, Johann, so gehn S'. I will nit, daß auf Sie g'stichelt wird. – B'halten S' mi im Andenken, aber schaun S' mir nit nach, mi tät's nur scheniern, und Ihnen machet's ka Freud'. Wann S' aber amal hörn, daß i g'storb'n bin, dann kummen S' zu meiner Leich', – g'wiß – damit doch ein ehrlicher Mensch dabei is, 's andere wird eh lauter G'lumpert sein.

Johann. O Pepi.

Josepha (tätschelt ihm. die Wange). Na, na, Tschapperl, am End' wanen mer gar, zahlet si aus! Sein S' g'scheit und schaun S' wieder auf Ihna – hörn S' – machen S' mer nit die Schand', als ob mein Wort bei Ihna nix geltat! – Bleiben S' g'sund, alles andere gibt si mit der Zeit. Den guten Willn gegen mi wir i Ihna nie vergessen, Johann. (Drückt ihm die Hand.) 's soll Ihna recht gut gehn dafür! (Schon halb gewendet, dreht sie sich rasch wieder gegen ihn.) Sö, wann i a bravs Madi find' – so ane, die sich d'Hand, an der i s' halt', sauber abwischt, wann s' erfahrt, wer i bin – soll i Ihnen s' rekommandiern? Ja? (Gibt ihm einen leichten Schlag auf die Wange.) B'hüt dich Gott! (Geht an den Tisch, wo die andern sitzen.)

Johann. Und das Madl hab'n s' mir verschandeln müssen! (Traurig durch die Mitte hinter dem Zaune links ab.)

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.