Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Pedro Calderón de la Barca >

Das Versteckspiel

Pedro Calderón de la Barca: Das Versteckspiel - Kapitel 4
Quellenangabe
pfad/calderon/versteck/versteck.xml
typecomedy
authorPedro Calderón de la Barca
booktitleMeisterlustspiele der Spanier
titleDas Versteckspiel
publisherPropyläenverlag
seriesMeisterlustspiele der Spanier
volumeZweiter Band
year1925
firstpub
translatorLudwig Fulda
correctorreuters@abc.de
senderkoch.text@t-online.de
created20091106
Schließen

Navigation:

Dritter Akt

Erster Auftritt

(Morgendämmerung.) Don Cesar (kommend durch die Geheimtür, die ohnmächtige) Celia (auf seinen Armen tragend; er geht mit ihr ins Wohnzimmer und läßt sie dort auf einen Sessel nieder)

Don Cesar
Was liegt an mir und meinem Schicksal?
Nur auf das Leben Celias
Muß ich noch achten, einerlei,
Was Lästerzungen flüstern möchten,
Wenn ruchbar würde, daß mit mir
Ich sie verschloß. In Ohnmacht liegt
Sie schon seit Stunden, teils vor Angst,
Ihr Bruder find' und töte sie,
Teils weil sie sich in diesem Haus
Rings von Gefahr umlauert sieht.
Was soll ich nur in dieser Not
Beginnen? Ruf ich wen zu Hilfe?
Nein, nein, das geht nicht. Oder soll
Ich hier sie sterben lassen, einsam
Und ohne Beistand? Nein, das wär'
Unmenschlichkeit, zumal sie nur
Sich herbegab, um mich zu retten.
O Celia, wenn durch dein Kommen
Du mir die Freiheit schenken wolltest,
Weshalb mußt grade du's nun sein,
Du selber, die mich drum beraubt?
Nur einem einz'gen Wesen könnt' ich
Mich anvertrauen: Beatriz,
Die meiner Liebe zu Lisarda
Stets wohlgesinnt war, oder auch
Bloß meinen reichlichen Geschenken,
Sie springt gewiß ihr bei; kein Weib
Ist ja für Mitleid unempfänglich,
Und eine, die bedrängt ist, findet
Den besten Rückhalt an der andern.
Sei's drum, ich will mich ihr entdecken;
Ja, bleibt's auch ein gewagtes Spiel,
Ich habe keine Wahl. Der Morgen
Bricht an; Gefahr ist im Verzug.
Vergib mir Celia; bald bring' ich
Dir eine Samariterin.

(Er öffnet mit seinem Schlüssel die Mitteltür rechts, geht dort ab)

Zweiter Auftritt

Celia (allein)

Celia
(kommt langsam zur Besinnung)
Weh mir, mich würgt mein eigner Atem;
Denn meiner Brust erlaubt mein Mund
Nicht Luft zu schöpfen. Leb' ich denn?
Ich leb', ich fühl' und bin doch tot.
Cesar, wenn du vielleicht … (Umhersehend) Wo bin ich?
Nicht im Versteck mehr und allein!
Und keine Seele, die mich hört!
O Cesar! Cesar! Er verließ mich,
Er ging hinweg, kein Zweifel mehr!
Ach, Undankbarer, bringst du früher
Dich selbst in Sicherheit als mich?
Was wird aus mir? Wo find' ich Rat?
Soll ich Lisardas Schutz erflehn,
Die feind mir ist aus Eifersucht?
Soll ich an Don Juan mich wenden,
Der sich als meines Bruders Freund
Aufwirft zum Rächer seiner Ehre?
Der helle Wahnsinn wäre das.

Am ehesten könnt' ich Don Diego
Den ganzen Vorfall eingestehn;
Denn er ist vornehm, und gesichert
Ruht man im Schatten grauer Haare.
Von allen Übeln scheint mir dies
Noch das geringste; doch zunächst
Ist's unausführbar. Schon vernehm' ich
Lisardas Stimme. Nochmals muß
Das Grab mich decken, das ich selbst
Mir wie ein Seidenwurm gefertigt.
(Sie geht durchs Kabinett und die Geheimtür ab)

Dritter Auftritt

(Gleichzeitig kommen) Lisarda, Beatriz (durch die Mitteltür links und) Don Juan, Castanio (durch die Seitentür links)

Lisarda
(zu Beatriz)
Horch, ob mein Vater sich noch immer
Im Schlafe wiegt. Welch böse Nacht!

Don Juan
(zu Castanio)
Schau, ob Don Diego noch nicht wacht.
Mein Zustand wird beständig schlimmer.

Beatriz
Es regt sich was in seinem Zimmer.

Castanio
Mein Ohr vernimmt Geräusch von da.

Lisarda
Ich will ihm sagen, was ich sah.

Don Juan

Bestell ihm ohne viel Verbrämen,
Ich wolle von ihm Abschied nehmen.
(Castanio ab Mitteltür rechts)

Lisarda
Wie? Don Juan?

Don Juan
        Lisarda?

Lisarda
                Ja.

Don Juan
Bereitete dir solche Sorgen
Der Mann, der in die Wohnung schlich?

Lisarda
Verstörte so die Dame dich,
Die hinterm Schleier sich geborgen?

Don Juan
Daß du schon wachst am frühen Morgen.

Lisarda
Du bist von Sinnen offenbar.

Don Juan
Was ich gesehn, macht' ich dir klar.

Lisarda
Was ich gesehn, sagt' ich dir ehrlich.

Don Juan
Und dies ist keine Lüge?

Lisarda
        Schwerlich.
Und das ist Wahrheit?

Don Juan
        Ganz und gar.

Lisarda
Nicht weiter, Don Juan; es schwindet
Mir sonst, beim Himmel, der Verstand.

Don Juan
Auch meiner geht aus Rand und Band,
Wenn Scham die Zunge dir nicht bindet.

Lisarda
Da sich doch niemand hier befindet,
Der nicht, was heute nacht geschehn,
Mit eignen Augen angesehn,
So laß uns reden ohne Schranken.

Don Juan
Wie kann ich, wenn schon beim Gedanken
Daran die Sinne mir vergehn?

Lisarda
Was also sahst du?

Don Juan
        Einen Mann,
Der diese Tür, als er sich trollte,
Mit einem Schlüssel öffnen wollte.

Lisarda
Nun hör mich.

Don Juan
        Rede.

Lisarda
                Don Juan,
Erst gestern zog ich ein, und wann
Hatt' ich die Zeit, um einem Gecken
Zur Tür den Schlüssel zuzustecken,
Selbst wenn ich's wünschte? Merkst du nicht,
Wieviel weit eher dafür spricht,
Daß hier ein Strolch zu Diebeszwecken
Eindrang, vom Einzugslärm geschützt?

Don Juan
Das glaub', wer mag; die Diebe pflegen
Nicht solchen kühnen Mut zu hegen.

Lisarda
Wenn doch nur Kühnheit ihnen nützt!
Wird die Vermutung nicht gestützt
Dadurch, daß hier zur selben Zeit
Gestohlen ward in Wirklichkeit?
Besteht im Ernst bei dir der Glaube,
Mein Liebster war' es, dem zum Raube
Gefallen Beatrizens Kleid?

Beatriz
Ein nagelneues!

Lisarda
        Hundertfach
Gewisser war, was ich entdeckte.

Don Juan
Was denn?

Lisarda
        Ein Weib, das sich versteckte
Dort just in deinem Schlafgemach.

Don Juan
Wie? Wenn ich unter deinem Dach
Zum erstenmal die Nacht verbringe,
Kannst du mir zutraun, ich empfinge
Hier eine Weibsperson?

Lisarda
        Wer sacht
Noch ausgeht lang nach Mitternacht,
Ist fähig noch ganz andrer Dinge.

Don Juan
Siehst du nicht ein, daß beide Klagen
Sich miteinander schlecht vertragen?
Wer geht ein Weib zu suchen aus,
Wenn sie schon heimlich steckt im Haus?
Drum hell wie Sonne muß dir's tagen:
Entweder hat mich fortgetrieben
Ein gänzlich anderes Belieben,
Oder die Frau, die dort hinein
Geschlüpft, kann nicht mein Liebchen sein;
Sonst wär' ich ja daheim geblieben.
Es sei denn, daß dein Argwohn glaubt,
So wenig gelte mir mein Name,
Daß nah mir stehn kann eine Dame,
Die Beatrizens Kleid geraubt!

Beatriz
Bevor ich's anhatt' überhaupt!

Lisarda
Da deine Klage mit der meinen
Die gleichen Färbungen vereinen,
Werd' ich die Gründe nicht gewahr,
Weswegen deine glaubhaft zwar,
Doch meine zweifelhaft soll scheinen.

Don Juan
Selbst wenn hier volle Gleichheit wäre,
Bleibt meine stets von größrer Schwere,
Da sie weit mehr mich grämen muß:
Die deine gilt nur dem Genuß,
Die meine gilt jedoch der Ehre.

Lisarda
Ich weiß genau, daß hier am Orte
Kein Mann sich mir zu nahn gewagt.

Don Juan
Die Wahrheit ist, was ich gesagt.

Lisarda
So gibt es, traut man deinem Worte,
Wahrheiten von verschiedner Sorte.

Don Juan
Mein wund Gemüt, mit Zweifeln ficht's.

Lisarda
Mein lautres Herz, für Glauben spricht's.

Don Juan
Ich sah doch einen Mann hier schleichen.

Lisarda
Ich ein verschleiert Weib desgleichen.

Vierter Auftritt

Don Juan. Lisarda. Beatriz. Don Diego (durch die Mitteltür rechts)

Don Diego
Was hat es hier gegeben?

Don Juan, Lisarda
                Nichts.

Don Diego
So zeitig habt ihr Tag gemacht?
Wie, Neffe? Bot, so muß ich fragen,
Dies Haus dir solches Unbehagen,
Und schliefst auch du, mein Kind, heut nacht
So wenig, daß ihr zwei schon wacht
Von Kopf zu Füßen angekleidet?

Don Juan
(für sich)
Mein Herz muß bergen, was es leidet.
(Laut)
Wißt ihr denn nicht, wie Liebeslast
Vom Lager Ruhe scheucht und Rast,
So daß der Schlaf das Auge meidet?

Lisarda
Das gleiche sagen würd' auch ich,
Möcht' es die Sitte mir erlauben.

Don Juan
(für sich)
Wer ist imstande, das zu glauben?

Lisarda
(für sich)
Wer hielte frei von Zweifel sich?

Don Diego
Der Grund, ich geh' es zu, hält Stich,
Und daß ihr sehen mögt, wie weit
Ihr mir zu Dank verpflichtet seid :
Ich hab' heut früh mich fortgestohlen,
Um den Erlaubnisschein zu holen,
Der die geraume Wartezeit
Des Aufgebotes euch erspart,
So daß ihr heut euch könnt vermählen.

Don Juan
Nie wird's an meinem Dank Euch fehlen;
Habt Ihr doch Güte jeder Art
Tag ein, Tag aus mir offenbart.
Doch war's nicht an Dispens genug?
Ich muß gestehn, mir scheint nicht klug,
Daß wir die Wartezeit verkürzen
Und unsre Trauung überstürzen,
Zumal wir …

Lisarda
        Ja, laß um Verzug
Auch mich, mein Vater, dringend flehn;
Verschieb die Hochzeit möglichst lange.

Don Diego
Bist du beseelt von solchem Drange,
Dann wird sie besser nie geschehn.
Ich Narr, vor Tag schon aufzustehn,
Bloß um von euch -- wie soll ich's fassen? --
Mich an der Nase ziehn zu lassen,
Weil ihr mein graues Haar nicht scheut!
Paßt eure Trauung euch nicht heut,
So wird sie morgen mir nicht passen.

Don Juan
Hört, Oheim …

Lisarda
        Vater hör …

Don Diego
                Ich sprach.
Ein zweites Mal foppt ihr mich nimmer.
Ich gehe wieder in mein Zimmer
Und hole da den Schlummer nach,
Den euch zulieb ich unterbrach.
(Ab Mitteltür rechts)

Fünfter Auftritt

Don Juan. Lisarda. Beatriz.

Lisarda
Siehst du nun deine Torheit ein?

Don Juan
War etwa nicht in diesem Streite
Die Torheit nur auf deiner Seite?

Lisarda
Darauf erwidr' ich einfach: nein;
Ich wahrte wenigstens den Schein.

Don Juan
Mir widerstrebt es, zu verhehlen,
Was mich für Kümmernisse quälen,
Und bis mir nicht vollkommen klar,
Wer jener Eingedrungne war,
Denk' ich nicht dran, mich zu vermählen.
(Ab Mitteltür rechts)

Sechster Auftritt

Lisarda. Beatriz.

Lisarda
O Gott im Himmel, doppelt schmerzt
Ein Schimpf, der gänzlich unberechtigt!
Wird so mein guter Ruf verdächtigt?
Wird meine Treue so verschwärzt?
Hätt' ich aus Liebe nicht beherzt
Mich allen Stürmen ausgesetzt,
Mich preisgegeben ohne Zittern
Des wilden Meeres Ungewittern,
Selbst wenn es mich verschlang zuletzt?
Und wie vergilt er mir das jetzt?

Beatriz
Um einen Mann sich so zu kränken,
Ist unvernünft'ger Überschwang.

Lisarda
Ach, vor mir selber ist mir bang.

Beatriz
Ihr solltet, um Euch abzulenken,
An Euren Putz nun lieber denken.
Zeit wird's, daß Ihr zur Messe geht.

Lisarda
Da mir der Kopf danach nicht steht,
So will ich auf den Putz verzichten.
Du magst mir nur den Schleier richten;
Denn ungern käm' ich dort zu spät.

Beatriz
Der Schleier ist hier schon bereit
Und gut geplättet, sollt' ich meinen.

Lisarda
Leg ihn mir an und hol den deinen.
Ruf auch Otaniez zum Geleit.

(Beatriz legt ihr den Schleier an und geht dann ab Mitteltür links. Lisarda allein, setzt sich auf den Sessel, auf dem zuvor Celia saß, und versinkt in Nachdenken)

Wer ist vor Lästerung gefeit?
Dem Reinsten gönnt sie keine Schonung.
Ein fremder Mann in unsrer Wohnung?
Wer war wohl dieser dreiste Tor?

Siebenter Auftritt

Lisarda. Don Cesar (durch die Mitteltür rechts)

Don Cesar
(für sich)
Zwar fand ich Beatriz nicht vor;
Fast aber dünkt's mich wie Belohnung,
Daß keinem sonst ich kam in Sicht.
Erleichtert wird mir so die Pflicht,

Nun Celia vor allen Dingen
Geschwind in Sicherheit zu bringen.
(Laut zu Lisarda)
Wie geht's dir, Teuerste?

Lisarda
                Wer spricht?
Don Cesar
Ich.

Lisarda
        Ihr, Don Cesar?

Don Cesar
                Täuscht mein Blick?
Lisarda!

Lisarda
Hier im Haus?

Don Cesar
        Unsäglich!
Lisarda
In meinem Zimmer?

Don Cesar
        Unerträglich!
Lisarda
Was soll das heißen?

Don Cesar
        Ich erstick'
An meinem Schreck.

Lisarda
        Welch Ungeschick!

Don Cesar
Die Zunge klebt …

Lisarda
        Welch dreiste Tat!

Don Cesar
Am Gaumen ...

Lisarda
        Welcher Wahnsinnsgrad!

Don Cesar
Das Auge starrt …

Lisarda
        Welch Unterwinden!

Don Cesar
Der Atem kann nicht Atem finden,
Und die Vernunft sucht ratlos Rat.

Lisarda
Warum denn, als du mich aus Nöten
Gerettet, bargst du dein Gesicht
Vor mir und birgst es heute nicht,
Da du genaht bist, mich zu töten?
Wie, Cesar? Mußt du nicht erröten,
Da deiner Handlung Sinn und Wert
Sich in das Gegenteil verkehrt,
Dein jetzig Tun mit tausend Zungen
Sich ausströmt in Beleidigungen
Und deine gute Tat entehrt?
Wenn, als mich zu den Sternen trug
Dein Herz, dich meins nicht hat erkoren,
Und ich dir völlig ging verloren,
Als mir dein Arm den Bruder schlug --
Genug, Don Cesar, nun genug!
Stell dich dem Schicksal nicht entgegen :
Ich bin verlobt; nicht Hoffnung hegen,
Noch was dran ändern kannst du mehr.
Und kommst du nicht aus Rache her,
Weswegen kommst du? Sprich, weswegen?

Don Cesar
(für sich)
Was kann ich, zwiefach in Bedrängnis,
Erwidern? Hätte Celia
Sich nicht erholt, wär' sie noch da.
Sie weilt im heimlichen Gefängnis
Und kann mich hören. O Verhängnis!

Lisarda
Du schweigst?

Don Cesar
        Weshalb an dieser Stätte
Du mich erblickst, in diesem Raum,
Wüßt' ich auch dann zu sagen kaum,
Wenn mehr Beredsamkeit ich hätte;
Denn des Geschehens wirre Kette,
Ich selbst kann sie nicht übersehn.
Nur dies laß mich dir eingestehn:
Vermag ich nicht für die zu leben,
Der sich mein ganzes Herz ergeben,
Will ich mit ihr zugrunde gehn.
Denn hier seit gestern weilt sie schon,
Die ich geliebt hab' und verloren.

Lisarda
Cesar, hab' ich dich nicht beschworen,
Vermeiden mögst du solchen Ton?
Halt ein damit; er klingt wie Hohn.
Warst du's, der von der Nacht verhangen
Sich gestern einschlich, im Verlangen,
Mich meuchlings hier zu töten?

Don Cesar
                Nein.

Lisarda
Wohlan, zwei Leben seien dein
Für eins, das ich von dir empfangen.
Solang es Zeit ist, räum das Feld;
Denn falls dich hier mein Vater sähe,
Mein Vetter, mir bestimmt zur Ehe,
Wie furchtbar wär' ich bloßgestellt,
Wie würden beide zorngeschwellt

Sich auf dich stürzen! Drum hab acht
Und geh!

Don Cesar
(für sich)
        Wer hätte wohl gedacht,
Daß man mich gehn heißt und ich bleibe?
Doch Celia darf ich beileibe
Im Stich nicht lassen.

Achter Auftritt

Vorige. Beatriz (durch die Mitteltür rechts)

Beatriz
(für sich)
        Herrin, ach!

Lisarda
Was gibt's? Ein neues Ungemach?

Beatriz
Sie raufen sich zum Zeitvertreibe
Vor unserm Haustor drunten.

Lisarda
                Wer?

Beatriz
Soweit ich sah von ungefähr,
Ist's Don Juan mit einem Kunden,
Den er am Eingang vorgefunden.

Don Cesar
(für sich)
Mein Elend häuft sich mehr und mehr.

Lisarda
(leise zu Beatriz)
Wie schaff ich Cesar nun von hinnen?
Denn wenn ihn Don Juan bemerkt,
Wird dann sein Argwohn nicht bestärkt?
Sag' ich ihm auch, daß meinen Sinnen
Nicht kund war Cesars keck Beginnen
Und hinterrücks er hier erschien,
Dann schwerlich überzeug' ich ihn.
Wer hat es jemals unternommen,
In seines Feindes Haus zu kommen,
Das er doch Ursach hat zu fliehn,
Falls nicht ein heißbegehrtes Ziel
Ihm die Besonnenheit entrissen?

Don Cesar
Was sprichst du?

Lisarda
        Cesar, du sollst wissen,
Worauf ich in der Not verfiel:
Ich setze meinen Ruf aufs Spiel
Für meinen Ruf. -- Durch jene Türe
Sofort in deine Kammer führe
Ihn, Beatriz.

Don Cesar
(nach dem Kabinett schielend)
        Auf kurze Frist
Laß mich noch hier.

Lisarda
        Nein, nein, hier ist
Gefahr, daß man dich gleich erspüre.

Don Cesar
(für sich)
Ob ich ihr alles jetzt entdecke?
Wer weiß, was dann sie würde tun?
Da Celia zum Glück sich nun
Vorerst geschützt sieht im Verstecke,
Dient Schweigen besser meinem Zwecke.

Beatriz
Vernehmt Ihr, Herrin, den Trara?
Sie kommen her; gleich sind sie da.

Lisarda
(zu Don Cesar)
Kannst du noch zaudernd überlegen?
Verbirg dich meiner Ehre wegen.

Don Cesar
Nur deiner Ehre wegen -- ja.

Neunter Auftritt

Lisarda. Don Juan (durch die Mitteltür rechts. Hinter ihm wird) Mosquito (von) Otaniez (und) Castanio (gewaltsam hereingeschleppt. -- Später) Beatriz

Don Juan
Hier bringt ihn her und haltet ihn
So lang in diesem Zimmer fest,
Bis er gestehn wird, wo sein Herr ist.

Mosquito
Gott sei mein Zeuge, daß die zwei
Der Obrigkeit ins Handwerk pfuschen.
Wie könnt ihr ohne Richterspruch
Und Haftbefehl so mir nichts, dir nichts
Mich dingfest machen?

Lisarda
Was geht vor?

Mosquito
Herrin, soweit ich es versteh',
Ward ich von den zwei Bütteln hier,
Wenngleich nicht gänzlich umgebracht,
Mit Degenstichen doch durchlöchert
Und hergeschleppt, Gott weiß, warum.

Beatriz
(leise zu Lisarda)
Das ist Mosquito, Cesars Diener.

Lisarda
(leise)
O weh, sie haben ihn erkannt!

Don Juan
Lisarda, dieser Mensch hier steht
Im Dienst von deines Bruders Mörder.
Behutsam ging er durch die Straße
Und musterte mit Späheraugen
Dies Haus. Ich kann demnach nicht zweifein,
Daß Cesar heimlich in Madrid
Sich aufhält und erfahren hat,
Daß ich ihn suche. Diesen schickt er,
Um meine Wohnung auszuforschen,
Weil er beiseit mich räumen will.
Doch ihm zuvorzukommen wünsch' ich,
Und darum soll der Bursch mir sagen,
Wo sich sein Herr befindet.

Lisarda
(leise zu Beatriz)
                Sagt er's,
Bin ich des Todes.

Don Juan
        Weder Drohn
Noch Bitten konnten seine Treue
Bis jetzt erschüttern, und so bleibt
Nur die Gewalt. Ich werd' ihn töten,
Sagt er mir nicht, wo Cesar ist.

Mosquito
(für sich)
Ich würd' es augenblicklich sagen,
Wenn sie wohin geschleppt mich hätten,
Wo nicht er selbst mich hören kann.

Don Juan
Willst du's nun sagen oder nicht?

Mosquito
Ja doch, ich will es.

Lisarda
(leise zu Beatriz)
        Alles aus,
Wenn er verrät, er sei da drinnen!

Mosquito
Mein Herr ist gar nicht weit von hier.

Lisarda
(leise zu Beatriz)
Weh mir!

Mosquito
(für sich)
        Das ist die Wahrheit.

Don Juan
                Flink!
Sag, wo?

Mosquito
        Je nun, in Portugal.
Dort ließ ich ihn vergnügt zurück
Beim Anblick der berühmten Tänze,
Wie nur dies Nachbarvolk sie tanzt.

Don Juan
Du lügst! Hier ist er, in Madrid,
Ist vor drei Tagen angekommen,
Nahm insgeheim in einem Gasthof
Quartier, und Celia begab
Sich hin zu ihm. Das alles weiß ich,
Und du Halunke hast die Stirn,
Es abzuleugnen?

Mosquito
        Ist das nicht
Die reine Folter? Werft Ihr Euch
Mit gleicher Ungebühr wie diese
Zum Henker auf?

Don Juan
        Mir ist bewußt,
Was hier zu tun. Ich gab mein Wort
Don Felix, weder öffentlich
Noch heimlich etwas zu vollbringen,
Bevor ich ihm davon berichtet;
Denn fast noch dringlicheren Anlaß
Hat er zur Rache jetzt als ich.
Deswegen muß ich meinen Fang
Ihm melden. In den paar Minuten,
Bis mit Don Felix eine Kutsche
Mich wieder herbringt, mag der Kerl
In diesem Zimmer eingesperrt
Verharren oder nebenan
Im Kabinett, weil ohnehin
Dies keinen eignen Ausgang hat.

Lisarda
(leise zu Beatriz)
Dem Himmel dank' ich, daß er geht;
Kann ich doch mittlerweile Cesar
Bequemlich aus dem Haus befördern.

Don Juan
Lisarda, geh in dein Gemach!

Lisarda
In jedem Punkt gehorch' ich dir.
(Ab mit Beatriz Mitteltür links)

Don Juan
(zu den Dienern)
Laßt ihn ihr beide hier allein,
Und daß er nicht entrinnen kann,
Verschließt von außen die zwei Türen
Und stellt als Wachen euch davor.

Castanio
Herr, nach Befehl! Es kommt kein Mäuschen,
Verlaßt Euch drauf, dort aus noch ein,
Geschweige dieser Schuft.

Mosquito
        Seid still!
In Haft mich halten könnt ihr zwar;
Doch Schimpfen muß ich mir verbitten.

Don Juan
Wenn du die Wahrheit nicht gestehst,
So stirbst du. Denk darüber nach
Und geh mit dir zu Rat, ob lieber
Du dein Geheimnis preisgibst oder
Dich dieser Stahl durchbohren soll.
(Er geht mit den Dienern ab Mitteltür rechts. Diese und dann die Mitteltür links werden von außen abgeschlossen)

Zehnter Auftritt

Mosquito (allein)

Mosquito
Ob dieser Stahl dich soll durchbohren,
Ob das Geheimnis du verrätst,
Darüber geh mit dir zu Rat:
Der Fall, bei Gott, liegt äußerst heikel.
Und doch, ich Tropf, daß ich ins Bockshorn
Mich jagen lasse! Dieser Kerker,
Verschließt er nicht auch meinen Herrn?
Und sicher wartet er schon längst
Auf das Ergebnis meiner Sendung.
Ihn rufen will ich.
(Er geht ins Kabinett und klopft an die Geheimtür)
        Holla! He!
Jetzt könnt Ihr unbesorgt heraus.
Ich bin hier ganz allein; denn niemand
Ist bei mir außer meiner Furcht.

Elfter Auftritt

Mosquito. Celia (kommt verschleiert durch die Geheimtür)

Celia
(für sich)
Ich muß wohl öffnen; sonst verübt
Womöglich dieser Einfaltspinsel
Noch größern Lärm. Ich bin halb tot.

Mosquito
Ei, Herr, was macht Ihr für Geschichten?
Habt Ihr Euch auch ein Kleid gestohlen,
Damit Ihr meinem Beispiel folgend
Vermummt hinaus könnt? Sehr gescheit!
Hier nämlich wohnt ein alter Herr,
Der äußerst ehrerbietig Damen
Hinausbegleitet. In die Wange
Hat er mich nicht einmal gekniffen.
Doch lassen wir die Scherze. Wißt Ihr,
Was unterdessen sich begab?
Sprecht! Himmel, seid Ihr stumm geworden?

Celia
Weh mir!

Mosquito
        Es scheint, Ihr habt zugleich
Die Stimme mit dem Kleid gestohlen.
Habt Ihr inzwischen Euch gemausert?
Denn ich verließ Euch doch als Baß,
Und als Sopran find' ich Euch wieder.
Jedoch was gilt's? Euch gab Lisarda
Zum Dank dafür, daß Ihr so sterblich
In sie verliebt wart, dieses Kleid,
Damit Ihr …

Celia
        Schweig! Du machst mich rasend!

Mosquito
Heiliger Gott, das ist ein Weib.
Zwar hört' ich hundertmal erzählen
Von einer Nonne, die sofort,
Als ihr infolge starken Räusperns
Ein kleines Äderchen geplatzt war,
In einen Mönch sich hat verwandelt.

Doch daß aus einem jungen Ritter
Urplötzlich eine Dame wird,
Hab' ich mein Lebtag nicht gehört.

Celia
Schweig, Dummkopf, oder meine Wut
Wird dich erwürgen.
(Sie entschleiert sich)

Mosquito
Celia!

Celia
Jawohl, ich bin's.

Mosquito
        Was heißt denn das?

Celia
Das heißt, ich, die hier mit Gefahr
Für Ehr' und Leben herkam, mußte
Den schmählichsten Verrat hier sehn.
Er, den ich retten wollte, Cesar
Hat mich zum Lohn dafür zermalmt.
Wohl wissend, in welch arger Drangsal
Ich mich befand, verließ er mich,
Um sich Lisarda zu erklären.
Ihr sei sein ganzes Herz geweiht,
So sprach er; nur zu gut verstand ich's.
Ich wollt' entfliehn, als ich die Leute
Vernahm, die dich hereingeschleppt,
Und blieb deshalb trotz meiner Liebe,
Trotz meiner Eifersucht versteckt,
Bis du mich riefest.

Mosquito
        Und mein Herr?

Celia
Liegt jetzt Lisarda wohl zu Füßen.

Mosquito
Potz Blitz, auf unsern Schultern könnten
Nicht knifflichere Lasten ruhn,
Wenn wir zwei Advokaten wären
Mit einem Haufen von Prozessen.

Celia
Und du, wie bist du hergeraten?

Mosquito
Als ich vermummt entkommen war,
Berichtet' ich den ganzen Handel
Dem Don Rodrigo, Cesars Freund
Und Vetter, um ihn zu bewegen,
Daß er heut nacht hier meinem Herrn
Den Rücken decke. Schnell bereit
Befahl er mir, daß ich das Haus
Ihm zeigen soll; wir nahten uns,
Und ich blieb stehen, während er
Mit scharfem Spähn daran vorbeiging.
Doch Don Juan erkannte mich
Und ließ mich hier gefangensetzen,
Worüber ich nicht trostlos war,
Weil meinen dagebliebnen Herrn
Am gleichen Ort noch anzutreffen
Ich glaubte, nach der Spielerregel:
Setz wenig und gewinne viel.

Celia
Was aber sollen wir nun machen?

Mosquito
Wenn ich das wüßte!

Celia
        Jedenfalls
Muß ich, bevor mein Bruder anrückt,
Von hier verschwunden sein. Ich will
Drum an die Tür Lisardas pochen

Und kurzerhand mich ihr entdecken,
Vertrauend auf ihr Mitgefühl.

Mosquito
Das scheint auch mir am sichersten.

(Sie gehen ins Wohnzimmer. Celia klopft an die Mitteltür links)

Beatriz
(von innen)
Nicht öffnen kann ich dir, Mosquito,
So gern ich's täte, meiner Seel';
Denn Don Juan nahm, als er wegging,
Den Schlüssel mit. Nur laß dir sagen,
Daß Cesar jetzt in meinem Zimmer
Sich unterhält mit meiner Herrin
Und ohne dich nicht fort will.

Mosquito
(zu Celia)
                Dies
Ist Beatriz, Lisardas Zofe.

Celia
Ach, alles, was ich hör' und seh',
Verschlimmert meine Qual.

Mosquito
(zu Celia)
                Versuch,
Ob du nicht dennoch öffnen kannst.
Ich glaube fast, ich leid' am Stein,
Weil mich nichts heilen kann als Öffnung.

Beatriz
(von innen)
Du hörtest doch, daß ich nicht kann.
Es tut mir ungeheuer leid,
In solcher Patsche dich zu wissen;
Doch drüber weinen kann ich nicht.

Mosquito
Ich glaub 's dir, Schlange; denn ich bin
Ja nur ein armer dummer Kerl,
Den du geliebt hast bloß aus Mitleid.

Beatriz
(von innen)
Antworten könnt' ich dir darauf;
Es lohnt mir aber nicht der Müh'
Für einen eingesperrten Schwätzer.

Celia
Daß Don Juan den Schlüssel mitnahm,
Verschließt den Durchgang für mein Heil,
Um für mein Unheil ihn zu öffnen.

Beatriz
(von innen)
Befiehl nun deine Seele Gott,
Mosquito; denn soeben grad
Ist Don Juan zurückgekehrt
Mit seinem Freund.

Celia.
        Allmächtiger,
Das ist mein Bruder!

Mosquito
        Nichts bleibt übrig,
Als wieder ins Versteck. Solang
Die das Geheimnis nicht ergründen,
Um so viel länger leben wir.
(Er eilt ins Kabinett)

Celia
Ja, du hast recht.
(Sie will ihm eilig nach und fällt hin)
        O weh! Halt ein!
Ich bin gestolpert und gefallen.

Mosquito
Bedaure; kommt ihr nicht zur Zeit,
Muß ich allein die Burg verschanzen.
(Ab durch die Geheimtür, die er hinter sich abschließt)

Celia
Du Schändlicher, so warte doch!
(Sie geht ins Kabinett, findet die Geheimtür verschlossen)

Zwölfter Auftritt

Celia. (Die Mitteltür rechts wird von außen aufgeschlossen; durch sie kommen) Don Juan, Don Felix

Don Juan
Hier, wie gesagt, sperrt' ich ihn ein.

Don Felix
So will ich von der Tür nicht weichen,
Damit er nicht uns durch das Netz geht,
Bevor er Cesars Aufenthalt
Euch eingestanden. Doch wo ist er?

Don Juan
Wo sonst als dort im Kabinett?
(Er geht an die Tür zum Kabinett, spricht hinein)
Nun hilft dir, Bursch, kein Zieren mehr.
Darum bekenne …
(Er sieht Celia, die sich inzwischen wieder verschleiert hat)
        Was erblick' ich?
Anstatt des Dieners, den ich hier
Zurückließ, eine Dam' im Schleier?

Don Felix
Ihr habt mir doch erzählt, es könne
Hier niemand ein und aus.

Don Juan
                Gewiß.

Don Felix
Ein kleiner Irrtum, da der Diener
Hinauskam und die Dam' herein.

Don Juan
Ich selber hatte ja die Schlüssel
Zu mir gesteckt.

Don Felix
        So laßt uns gründlich
Doch dies Mirakel untersuchen.

Don Juan
Ich will's. Bleibt Ihr nur an der Tür.
(zu Celia)
Wollt näher treten, Gnädige.
(Celia kommt zitternd ins Wohnzimmer)
Wie sehr auch jedem Edelmann
Die Sitte heilig ist, es gibt
Ausnahmefälle, die gebietrisch
Erheischen, daß man sie verletzt.

Celia
(für sich)
Ich bin verloren!

Don Juan
        Sagt: Wer seid Ihr?
Wie kamt Ihr in dies Haus, dies Zimmer?
Zu welchem Zweck? In welcher Absicht P
Und wißt Ihr nicht, was aus dem Diener
Geworden, der hier eingesperrt war
Und jetzt verschwunden ist? Nehmt ab
Den Schleier, wollt Ihr mich nicht zwingen,
Unsänftlich mit Euch zu verfahren.

Celia
Besinnt Euch, Don Juan; bedenkt,
Daß Ihr mir Rücksicht schuldig seid
Um Euret- und um meinetwillen.

Don Juan
Nicht kenn' ich, noch versteh' ich Euch.
Zum letztenmal: Wie kamt Ihr her?
Wer seid Ihr? Und wo blieb der Diener?

Celia
Drei Fragen stellt Ihr, und ich will
Auf zwei davon Bescheid Euch geben.
Euch suchend kam ich her;
Mit Euch zu sprechen trieb mich mein Begehr.
Grad als ich eingetreten in das Haus,
Kam aus dem Zimmer hier ein Mann heraus;
Weil ich des Glaubens war, daß er Euch diene,
Befragt' ich ihn nach Euch. Mit wirrer Miene
Gab er zur Antwort mir: »Wenn Ihr den Herrn
Erwarten wollt, er bleibt nicht lange fern.«
Er wies mich in dies Zimmer, und im Nu
Schloß er die Tür von außen wieder zu.
Wenn also hier zu sein ich mir gestatte,
So liegt's daran, daß er den Schlüssel hatte.
Ihr habt nunmehr vernommen,
Wie er hinaus und ich herein gekommen;
Indessen: wer ich bin,
Verschweig' ich.

Don Juan
        Doch gerade daraufhin
Zielt mein so groß Verlangen,
Daß ich, obgleich der Schlingel mir entgangen,
Ihn nicht verfolge, bis Ihr's mir erfüllt
Und Euch vor mir enthüllt.

Celia
Ich bitt' Euch …

Don Juan
        Nehmt den Schleier vom Gesicht!
Celia
(lüftet den Schleier ein wenig)
Saht Ihr genug?

Don Juan
        Trügt mich mein Augenlicht?

Celia
(leise)
Ihr fragtet, wer ich wäre;
Frei schalten könnt Ihr nun mit meiner Ehre.
Jedoch ich weiß, Ihr werdet sie behüten
Vor meines Bruders Wüten
Und mich erretten aus dem Ungewitter;
Denn eine Frau bin ich und Ihr ein Ritter.

Don Juan
O Himmel, was beginnen?

Don Felix
(der an der Tür stehengeblieben ist)
Wollt Ihr Euch, Don Juan, noch lang besinnen?
Habt Ihr noch nicht entdeckt,
Wer unter jenem Schleier sich versteckt?

Don Juan
Geduld! (Für sich) Wer sagt mir, was ich soll?
Der Schwester Ehre muß ich schützen,
Des Bruders Rachsucht unterstützen:
Dort Ritterpflicht, hier Freundeszoll!
Dies oder das. Ich werde toll.

Don Felix
Die peinlichsten Verlegenheiten
Scheint Euch die Dame zu bereiten,
Mein Freund.

Don Juan
        Mein Freund, ich muß gestehn,
Daß Wunderdinge hier geschehn,
Die Menschenweisheit überschreiten.

Don Felix
Und Ihr vertraut sie mir nicht an?
Bin ich nicht Euer Freund, und teil' ich
Mit Euch nicht jeden Kummer?

Don Juan
                Freilich ;
doch …

Celia
(leise zu Don Juan)
        Denkt, was Ihr als Edelmann
Mir schuldet!

Don Diego
(pocht von außen an die Mitteltür rechts)
        Öffnet, Don Juan!

Don Juan
Das ist Don Diego.

Celia
(für sich)
        Neue Klemme!

Don Juan
Ich schloß die Tür doch auf!

Don Felix
                Ich stemme
Mich fest dagegen.

Don Diego
(draußen)
Laßt mich ein!

Don Felix
Soll ich ihm Einlaß geben?

Don Juan
                Nein!
(für sich)
Wenn ich Don Diego jetzt nicht hemme,
Dann sagt er seiner Tochter offen,
Daß er bei mir ein Weib getroffen,
Und ihr Verdacht wird zehnfach groß.
Und stell' ich Celia hier bloß,
Die meinen Schutz doch darf erhoffen,
Droht schrecklich ihr des Bruders Wut.
(Flüsternd zu Don Felix)
Mein Freund, es ist Lisardas wegen,
Daß ich die Frau, die hier zugegen,
Erst bringen muß in sichre Hut.
Versteht Ihr?

Don Felix
        Nun versteh' ich gut.

Don Juan
(zu Celia, sie an die Tür zum Kabinett führend)
Schnell dort hinein!

Celia
        Gott helfe mir!
Uns Fraun quält das Geschick am meisten.
(Sie geht ins Kabinett)

Don Felix
(zu Don Juan)
Soll ich ihr dort Gesellschaft leisten?

Don Juan
Nein, Gott bewahr'; bleibt lieber hier.

Don Diego
(draußen)
Wird's bald? Wann endlich öffnet Ihr?

Don Juan
Laßt jetzt ihn ein.

Dreizehnter Auftritt

Celia. Don Juan. Don Felix. Don Diego, Otaniez, Castanio (durch die Mitteltür rechts)

Don Diego
        Was denkt Ihr Euch!
Ihr sperrt mich aus in meiner Wohnung?
Seid Ihr denn immer noch beherrscht
Von wunderlichen Einbildungen?
Wo habt Ihr den bewußten Diener?

Don Juan
Ich fand ihn nicht mehr vor; vermutlich
Besaß er einen falschen Schlüssel.

Don Diego
Nein, Don Juan, Ihr weicht mir aus,
Um Weiterungen mir zu sparen;
Doch hierin tut Ihr wahrlich unrecht.
Wer kann es mit Euch besser meinen
Als ich? Ihr mögt verzeihn, Don Felix;
Vor Euch, dem Freunde Don Juans,
Brauch' ich nicht hinterm Berg zu halten.

Don Felix
Versteht sich, und mein Hiersein gilt,
Ihr wißt ja, der gemeinsamen
Begier, Don Cesar aufzufinden.

Don Diego
Nun also, was erfuhrt ihr beide
Von diesem Diener, den, Gott weiß
Weswegen, Ihr vor mir verbergt?

Don Juan
Mein Wort, er war, als ich zurückkam,
Spurlos verschwunden.

Don Diego
        Höchst unglaublich,
Da diese Leute von der Tür
Seither nicht einen Schritt gewichen.
Geht, sucht im ganzen Haus herum,
Ob er sich wo verkrochen hat.
(Er zeigt auf die Mitteltür links)
Von da beginnt.
(Otaniez, Castanio ab durch die Mitteltür links, die Don Juan ihnen aufschließt)
        Inzwischen suchen
Wir diesen Teil hier ab.
(Er will ins Kabinett)

Don Felix
        Halt!

Don Juan
                Wartet!

Vierzehnter Auftritt

Vorige. Lisarda, Beatriz (durch die Mitteltür links)

Lisarda
(im Eintreten leise zu Beatriz)
So konnte Cesar nicht hinaus?

Beatriz
(leise)
Nein; denn die Dienerschaft, bewaffnet
Bis an die Zähne, stand im Weg.

Lisarda
(leise)
Ach, will das Schicksal nie und nimmer
Aus all den Ängsten mich befrein?

Don Diego
Laßt mich hinein! Ich muß durchaus
Mit eignem Blick mich überzeugen …
(Er will wieder ins Kabinett)

Don Juan
Wer hindert Euch daran? Jedoch
Dies Kabinett ist schon durchsucht.
Sehn wir die andern Zimmer nach.

Lisarda
(leise zu Beatriz)
Die andern? Weh! Sie sind ihm also
Schon auf der Spur. Ich will Gewißheit.
(Laut)
Mein Vater, was erregt Euch so?

Don Diego
Mein Kind, was führte dich hierher?

Lisarda
Ich wollte hören, was hier vorgeht.

Don Diego
Nach einem Manne such' ich …

Lisarda
(für sich)
                Oh!

Don Diego
Und sie verwehren mir den Eintritt
In dieses Kabinett. Gebt Raum!

Don Juan
Ihr dürft hier nicht hinein.

Don Felix
                Erwägt …

Don Diego
Ihr hindert mich, weil ihr die Rache
Vollstrecken möchtet ohne mich.
Das aber sollt ihr nicht; hinweg!
(Er stößt die beiden zurück, öffnet die Tür zum Kabinett, sieht hinein)
Wer ist das?

Celia
(kommt ins Wohnzimmer)
        Ein unselig Weib;
Unseliger als je zuvor.

Don Felix
(leise zu Don Juan)
Die Neugier bringt mich um, zu wissen,
Wer's ist.

Don Diego
        Wie, Don Juan, besitzt Ihr
So wenig Rücksicht auf Lisarda,
Daß Ihr in ihrem eignen Zimmer
Ein Weib versteckt? Zum Teufel, hat
Madrid nicht Platz genug für so was?

Don Juan
Ich, Herr, ein Weib versteckt? Wie könnt Ihr …

Lisarda
Sag, Don Juan, kannst du noch leugnen,
Daß meine Klage triftig war?
Du wenigstens hast den Verborgnen,
Von dem du sprachest, nicht entdeckt,
Ich aber die Verschleierte.

Don Juan
(für sich)
Nicht reden darf ich jetzt, noch schweigen.

Lisarda
Genug der Heimlichkeit, mein Fräulein.
Ich muß erfahren, wer es wagt,
In meinem Haus mich so zu kränken.

Don Juan
Halt! Nicht erblicken darfst du sie.

Lisarda
Du nimmst sie noch in Schutz?

Don Juan
                Ich muß.

Celia
(für sich)
Ach, wär' ich tausend Meilen weit.

Castanio
(hinter der Bühne)
Otaniez, halt ihn, daß er nicht
Entkommen kann.

Don Cesar
(ebenso)
        Laßt mich hinaus!

Don Juan
Was ist das für ein Lärm im Zimmer
Lisardas?

Don Diego
Not auf Not, und eine
Vergißt man um der andern willen.

Fünfzehnter Auftritt

(Vorige. Otaniez) (durch die Mitteltür links. Dann) Don Cesar

Otaniez
Herr, jenen Mann, nach dem Ihr sucht,
Wir fanden ihn. Er zog den Degen
Und droht, er werde sich den Ausgang
Zur Straße bahnen mit Gewalt.

(Don Cesar kommt durch die Mitteltür links, mit bloßem Degen, das Gesicht mit dem Mantel verhüllend)

Don Diego
Nun, Don Juan, ist das der Mensch,
Den Ihr vorhin hier einschloßt?

Don Juan
                Nein,
Das ist ein andrer. Haltung, Wuchs
Und Mut bezeugen's.

Celia
(für sich)
        Das ist Cesar!
(Sie eilt zu ihm hin)
Dein Leben schütze nun und meins!

Don Diego
(zu Don Cesar)
Wer bist du, der mit solcher Schmach
Mein ehrenvolles Haus belastet?

Don Cesar
Ein Mann.

Don Diego
        Zeig dein Gesicht!

Don Cesar
                Ich kann nicht.
Bevor ich's zeige, will ich fallen
Bei der Verteid'gung dieser Frau.
Denn sie und ich, wir müssen beide
Das Haus verlassen unerkannt,
Sofern es nicht mein Tod verhindert.

Don Diego
Mensch, Teufel, oder was du bist,
Hast du die Dreistigkeit, zu wähnen,
Wir ließen dich und diese Dame
Hinausgehn, ohne daß wir wissen,
Wie und weswegen sie und du
Hereinkamt?

Don Cesar
        Nimmer sag' ich das.

Don Felix
Wohlan, so werden unsre Degen
Dir einen Mund in deiner Brust
Eröffnen, der die Wahrheit sagt.
(Sie fechten. Hinter der Bühne fällt ein Schuß)

Lisarda
O Gott, was war das für ein Schuß?

Don Cesar
Das Zeichen war's, das ich erwartet.

Don Diego
Ihr Herren, haltet inne. Mann,
Ich gebe dir mein Wort, ich selbst
Will dich beschützen, wenn du redlich
Von allen Zweifeln mich befreist.

Don Cesar
Dies Wort, Ihr geht's mir?

Don Diego
Ja, das tu' ich.

Don Cesar
Ich bin Don Cesar. Schreckt euch das?

Don Diego
Du, der mir meinen Sohn getötet?

Don Felix
Du, der die Schwester mir geraubt?

Don Juan
Du, der ins Haus Lisardas drang?

Don Cesar
Ich bin's; jedoch ich kränkte niemand.
Wenn ich den Tod gab Don Alonso,
War's Aug' in Aug' in gleichem Zweikampf.
Wenn ich im Haus Lisardas bin,
Ist's, weil in jenem Nebenzimmer
Mich Celia verborgen hielt,
Und sag' ich das von Celia,
Geschieht es, weil es ihr nicht schadet:
Ich bin mit ihr verlobt, und wißt,
Sie selbst ist die Verschleierte.
Reicht aber alles das nicht aus,
Um euch Genugtuung zu bieten,
Schaff ich mir dennoch freie Bahn;
Denn Rückendeckung hab' ich jetzt,
Und jener Schuß gab mir das Zeichen,
Daß hinter mir mein Anhang steht.

Don Felix
Don Cesar, hättet Ihr sonst niemand,
War' ich verpflichtet, Euch zu schirmen,
Weil Ihr fortan mein Bruder seid.

Don Juan
Auch ich könnt' Euch vielleicht verzeihn;
Doch als Don Diegos Neffe muß ich …

Don Diego
Steckt ein; gab ich ihm doch mein Wort
Und will es wahren. (Zu Don Cesar) Aber sagt,
Wo hieltet Ihr Euch denn versteckt?

Mosquito
Ei, Herr, das könnte jeder fragen.

Don Diego
Seltsam!

Beatriz
        Hast du mein Kleid gestohlen?

Mosquito
Jawohl, und auch das Zuckerwerk.

Don Diego
Wer gibt uns nun des Rätsels Lösung?

Mosquito
Herr, niemand, weil sie niemand weiß.
(Zu den Zuschauern)
Ihr freilich habt wohl was gemerkt;
Jedoch ich bitt' euch, sagt's nicht weiter.

 << Kapitel 3 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.