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Gutenberg > Pedro Calderón de la Barca >

Das Versteckspiel

Pedro Calderón de la Barca: Das Versteckspiel - Kapitel 2
Quellenangabe
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typecomedy
authorPedro Calderón de la Barca
booktitleMeisterlustspiele der Spanier
titleDas Versteckspiel
publisherPropyläenverlag
seriesMeisterlustspiele der Spanier
volumeZweiter Band
year1925
firstpub
translatorLudwig Fulda
correctorreuters@abc.de
senderkoch.text@t-online.de
created20091106
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Erster Akt

Freie Gegend bei Madrid

Erster Auftritt

Don Cesar (und) Mosquito (in Reisekleidern, mit Stiefeln und sporen, treten geräuschvoll auf)

Don Cesar
Da wir, bevor die Nacht hereinbricht,
Uns nach Madrid nicht wagen dürfen,
So bind an jene Bäume dort
Die Pferde. Hier auf diesem Teppich
Von Blumen, den der Frühling wob,
Laß uns die Dunkelheit erwarten.

Mosquito
Die Pferde hab' ich angebunden,
Obwohl es richtiger mir schiene,
Sie bänden uns, anstatt wir sie.

Don Cesar
Warum?

Mosquito
        Weil sie die Klügern sind.

Don Cesar
Dann wären also wir zwei Narren?

Mosquito
Die Folgerung erkenn' ich an;
Jedoch mit einem Unterschied.

Don Cesar
Mit welchem?

Mosquito
        Ihr seid's von Natur,
Ich als Begleitung; denn zum Zweck,
Mit Euch durch dick und dünn zu gehen,
Werd' ich bezahlt.

Don Cesar
        Worin besteht
Nach deiner Meinung unsre Narrheit?

Mosquito
Beim Leiden Christi, kaum drei Monat
Ist's her, seitdem wir aus Madrid
Uns heimlich drückten, weil im Zweikampf
Wir einen Ritter umgebracht,
Der allem Anschein nach der Bruder
Von einer der zwei Damen war,
Für die zu gleicher Zeit Ihr schwärmtet;
Denn wie ein Bühnenprinzipal
Verfügt Ihr neben einer ersten
Liebhabrin über eine zweite.
Kurzum, wir fliehn nach Portugal,
Und weil ein Briefchen uns erreicht
(Von dessen Inhalt ich nichts ahne),
Wird Knall und Fall und ohne Rücksicht
Auf die Gefahren kehrt gemacht.
Da fragt Ihr noch, worin die Narrheit
Bestehen soll? Bedenkt Ihr nicht,
Daß in Madrid kein Richter ist,
Der Eurethalb nicht Funken speit,
Zufrieden erst, wenn Euch der Kopf
Zu Füßen liegt und meine Füße
Hoch über andern Köpfen baumeln?

Don Cesar
Dies alles stimmt, ich geb' es zu.
Mein Leben setz' ich in Madrid
Aufs Spiel; weil aber mein Geschick
Sich gleicht, ob ich in Lissabon
An meinem Heimweh sterben soll,
Ob in Madrid an meinem Unstern,
Und zwischen beiden Todesarten
Die Wahl mir freisteht, laß, Mosquito,
Mich meinen Tod im Angesicht
Der göttlichen Lisarda finden.

Mosquito
Ich, wenn man auch den Katalog
Der röm'schen Märtyrer mir brächte,
Damit ich eine Todesart
Aussuchen möge nach Geschmack,
Ich hieße das verlorne Müh',
Weil ich Geschmack an keiner fände.
Was hab' ich Euch zuleid getan,
Daß ich, wenn Ihr den Tod ersehnt,
Mitsterben soll, Euch zur Gesellschaft?

Don Cesar
Was fürchtest du, da nicht am Zweikampf
Du schuld bist und nicht an ihm teilnahmst?

Mosquito
Herr, mitgefangen, mitgehangen.

Don Cesar
Wann sah man solche Riesendummheit!

Mosquito
Erklärt mir wenigstens den Grund,
Weshalb, obschon Ihr bis hierher
Mich schlepptet, Ihr es mir verbergt,
Wohin Ihr weiter mich wollt schleppen,
Und was Ihr tun wollt in Madrid.

Don Cesar
Du sollst es wissen; denn die Sorgen
Erleichtern, recht nach Weiberart,
Am gründlichsten sich durch die Zunge,
Lisarda, dieses Meisterstück
Der Schöpfung, das die sonst einander
Feindlichen Mächte Geist und Schönheit
Zu niegeschautem Bund vereinigt,
War, wie du weißt, ein Tempelbild,
Vor dem unzählige Besiegte
Anbetend lagen auf den Knien.
Ich, schon beim ersten Blick entwaffnet,
Vermehrte dieser Opfer Zahl
Und schmachtete zu ihren Füßen.
Doch weil die schöne Zauberin
Dem so Bezauberten Erhörung,
Ja selbst Beachtung vorenthielt,
War ich gewillt, sie zu vergessen.
Als könnt' -- o Wahn -- Vergessen finden,
Wer keine Liebe fand! Ich warf,
Um wie mit einem Gegengift
Durch Liebe Liebe zu vertreiben,
Mein Auge nun auf Celia,
Die jeder müßt' ein Wunder nennen,
Stünd' ihr Lisarda nicht im Lichte.
Doch wenn auch von ihr zugelassen,
War mir bei Celia zumut,
Als wär' ich gleichsam in der Fremde;
Denn in der Tiefe meines Herzens
Blieb eine Stelle, wo Lisarda
Gebietrisch thronte nach wie vor.
So hat ein Fürst in seinem weiten
Palast ein allerheiligstes
Gemach, das er mit Strenge hütet,
Und will's ein adliger Besucher
Betreten, sagt der treue Vogt:
In diesem einen Zimmer darf
Kein andrer weilen als mein König.
So zwischen beiden, von Lisarda
Verschmäht, von Celia begünstigt,
Schwebt' ich, mein Herz bei dieser täuschend
Mit der Erinnerung an jene.
Da, mitten in dem Widerstreit,
Begab es sich, daß Don Alonso,
Der unbarmherz'gen Schönen Bruder,
Um Celia begehrlich warb.
Wer dächte wohl, daß Eifersucht
Von solcher Macht ist, um auch dort
Emporzuglühn, wo Liebe fehlt?
Ach, nur zu sehr erfuhr ich dies!
Ich hatte tausendmal die Zeichen
Und Handlungen von seiner Seite
Bisher mit Absicht übersehn,
Als eines Tags im ersten Frühling
Alonso neben Celia
Den Park betrat. Ich konnte nun,
Weil dort ich ihrer wartete,
Nicht länger ohne schweren Makel
Für meine Würde blind mich stellen.
Doch Celia, kaum daß ich beiden
Entgegentrat, rief: ,»Seid willkommen,
Don Cesar. Eure Gegenwart
Bewegt, so hoff ich, Don Alonso,
Mich zu verlassen, da mein Wunsch
Ihn nicht dazu bewegen kann.«
Er, unbedacht hierauf erwidernd,
Sprach … doch ich weiß nicht, was er sprach.
Entsinnt sich doch kein Edelmann
Der Worte später, die der Grimm
Hervorrief zwischen Zung' und Degen.
Wir zogen, und von einem Stich
Durchbohrt sank er entseelt zu Boden.
Zum Glück vermochte Celia
In dem Getümmel, das der Zwist
Herbeigelockt, sich unerkannt
Ins Haus zu retten; ich fand Zuflucht
In einer Kirche, drin ich blieb,
Bis wir nach Portugal entrannen.
Doch dort erhielt ich einen Brief
Von Celia, der also lautet:

»Wäre ich nicht überzeugt, daß Ihr an Eurem Unglück mir keine Schuld beimeßt, so würde mein Leben das zweite sein, das Ihr geraubt hättet. Mein Bruder ist noch abwesend; Ihr könnt daher kein besseres Asyl finden als unser Haus; denn da wird Euch niemand suchen. Kommt also, um Eure Sache an Ort und Stelle betreiben zu können, dahin, wo Ihr so sicher sein werdet, wie Ihr wünscht, wenn auch nicht so bewirtet, wie Euch zukommt. Celia.

Dies ist der Brief, der mich bestimmt,
Noch heute nach Madrid zu eilen.
Denn wo, Mosquito, wär' ich besser
Geborgen als in jenem Haus,
Von wo bei Nacht ich ausgehn kann
Zu meinen dringlichsten Geschäften?
Die führt so gut ja doch kein Freund
Und kein Verwandter wie der Herr
In eigener Person. Zudem,
Daß ich's bekenne, treibt mich mehr
Als dies und jenes das Verlangen,
Zur Nachtzeit vor Lisardas Fenster
Zu stehn, obwohl mir jede Hoffnung
Auf sie durch ihres Bruders Tod
Verloren ging. Denn war sie grausam,
Als ich ihr huldigte, wie wird sie's
Erst sein, nachdem ich sie gekränkt?

Mosquito
Ich war der Ansicht von jeher,
Daß allermindestens ein Mann
Zwei Frauen müss?' auf einmal lieben,
Da, wenn er nach zwei Scheiben schießt,
Er doch vermutlich eine trifft.
Inés und Beatriz bezeugen's;
Denn diese beiden sind im Dienst
Von Celia und von Lisarda
Zwar etwas mehr als Scheuermägde,
Doch etwas weniger als Zofen.
Damit, wenn eine flöten geht,
Die andre sich nicht auch verkrümelt,
Trag' ich im Herzen alle zwei
Wie doppelt ausgestellte Briefe.
Doch sagt mir, welche Rolle ward
Mir zugedacht in der Komödie
Von dem verborgnen Kavalier?

Don Cesar
Da dir nichts droht, so wirst du draußen
Dich frei bewegen und von allem
Bericht mir bringen, was geschieht.

Mosquito
Und wenn inzwischen, um zu prüfen,
Ob ich es bin, ob nicht, man mich
Beim Kragen packt?

(Großer Lärm hinter der Bühne.)

Lisarda
(hinter der Bühne)
        Halt!

Beatriz
(ebenso)
                Stillgehalten!
Du Trunkenbold, was machst du?

Don Cesar
                        Horch!

Mosquito
Mich dünkt, es rief mich wer beim Namen.

Don Cesar
(hinausblickend)
Die Kutsche dort fiel in den Graben.

Mosquito
Und wälzt im Wasser sich herum.

Don Cesar
Sie war besetzt von Fraun. Die Pflicht
Gebietet, ihnen beizustehn.

Mosquito
Steht ihnen bei! Gott mach' aus Euch
In Gnaden einen stehnden Ritter;
Ein fahrender seid Ihr schon längst.
Ha, der gestürzte Walfisch platzt
Und speit auf seiner freien Seite
Schon seine Jonasse heraus.
Herrgott, ist jene, die zuerst
Zum Vorschein kommt, nicht Beatrizchen?
Dann ist auch ihre Herrin da.
(Er verbirgt sich.)

Zweiter Auftritt

Mosquito. Beatriz. (von) Gonzalo (gestützt). Otaniez

Beatriz
Ach, weh mir! Ich bin tot. Mein Schleier
Ist ganz zerfetzt, mein Unterrock
Mit Schlamm besudelt, und am Kopf
Hab' ich mehr als viertausend Beulen.

Gonzalo
Verflixt.

Beatriz
        Gonzalo, weiß der Himmel,
Hübsch bist du mit uns umgesprungen.

Gonzalo
Solang ich Kutscher bin, ist so was
Mir nicht begegnet.

Otaniez
                Zweifellos
Kann, wer so viel Talent verrät,
In einem Jahr schon eine Schule
Begründen, wo die Kunst gelehrt wird,
Wie Kutschen man in Gräben wirft.

Beatriz
Hätt' er sein ganzes Leben lang
Nichts anderes getan als das,
Hätt' er's nicht besser machen können.

Otaniez
Und unsre Herrin?

Gonzalo
        Hat ein Ritter
Herausgeholt, mehr tot als lebend.

Otaniez
Das muß ich ihrem Vater melden,
Der dort in jenen Gärten weilt.

Gonzalo
Und ich will zu dem Wartturm laufen,
Damit man mir zu Hilfe kommt.
(Ab)

Mosquito
(hervortretend)
Gott grüß' dich, Beatriz.

Beatriz
        Mosquito!
Du hier? Wieso denn?

Mosquito
        Leicht gesagt.
»Ich komm' aus fernen Landen, um dich zu sehn, mein Kind.
Ich finde dich gefallen ; drum kehr' ich um geschwind.«

Beatriz
Jedoch dein Herr?

Mosquito
        Du siehst ihn dort.

Beatriz
Wie soll ich das verstehn?

Mosquito
                Was weiß ich?
Doch eins vor allem, Beatriz:
Festbinden mußt du deine Zunge.

Beatriz
Bei meiner losen Zunge geht
Das nicht so leicht.

Mosquito
        Ich helfe nach.

Beatriz
Du bist ja nicht umsonst ein Strick.

Dritter Auftritt

Mosquito. Beatriz. Don Cesar (bringt die ohnmächtige) Lisarda (getragen)

Don Cesar
O Sonne, sink noch nicht ins Meer;
Du leuchtender Rubin, blick her!
Lisarda, träum' ich dies bei Tage,
Daß ich in meinem Arm dich trage?
Und dennoch ist das Herz mir schwer.
Ach, bloß weil du nicht bist bei Sinnen,
Hast du mir dieses Glück beschert;
Du hättest mir es nie gewährt,
Wär' dein Bewußtsein nicht von hinnen:
Glück mußt' aus Unglück ich gewinnen,
So daß es nimmer mir gedeiht;
Denn ich empfinde bittres Leid,
Dich so zu schauen, und die Tücke
Des Schicksals raubt im höchsten Glücke
Mir Unglücksel'gem Seligkeit.
Du schönstes Bild, bei dessen Schwäche
Zu bleichen scheint und zu verblühn
All dieser Fluren prangend Grün
Und alles Blau der Himmelsfläche,
Den starren Frost in dir zerbreche
Die Glut, die deinem Aug' entloht.
Schau, wie beim Anblick deiner Not
Das Firmament verhangen trauert
Und jede Blume leis erschauert,
Als brächt' ihr deine Pein den Tod.
Die schöne Welt ist ohne Licht,
Und die geschmückten Aun erblinden;
Bist du die Sonne, magst du schwinden,
Doch nimm uns nur die Sterne nicht.

Lisarda
Ach, ich Unselige!

Don Cesar
        Sie spricht!

Lisarda
Mein Gott, was ist mit mir geschehn?

Don Cesar
(für sich)
Wenn sie mich säh', wie würd' entbrennen
Ihr Zorn! Sie darf mich nicht erkennen.
(Er verhüllt das Gesicht.)

Lisarda
Wer sprach? Wen seh' ich vor mir stehn?

Don Cesar
Ihr seht, erhabne Herrin, den,
Der, als aus ihrer Bahn sich schwang
Die Sonne, mit dem Zufall rang;
Denn auszulöschen in dem Schlamme,
Das war' für eine solche Flamme
Kein würd'ger Sonnenuntergang.

Lisarda
Sprangt Ihr in Wirklichkeit mir bei,
Mich rettend vor des Unheils Grimme,
Warum verstellt Ihr dann die Stimme
Und tragt nicht Euer Antlitz frei?
Fast glaub' ich an Betrügerei;
Sonst wär' dies Mittel schlecht gewählt.
Daß er Gesicht und Stimme hehlt,
Dazu war niemals der verpflichtet,
Der eine gute Tat verrichtet,
Nur, den ein bös Gewissen quält.

Don Cesar
Wer dient, weil er Verdienst begehrt,
Verdient nichts, Herrin, für sein Dienen;
Denn er betont mit Wort und Mienen,
Sein Handeln schein' ihm dankenswert.

Lisarda
Doch wer so ritterlich verfährt,
Zeigt ein Verdienst von hohem Range,
Wohl würdig, daß er Dank empfange.
Sagt, wen ich vor mir habe.

Don Cesar
                Nein.

Lisarda
Soll mein Verhalten ärmlich sein,
Damit das Eure fürstlich prange?
Noch einmal bitt' ich, gebt mir kund :
Wer seid Ihr?

Don Cesar
        Wollt Ihr Dank mir zeigen,
So laßt auch fürder mich verschweigen,
Was Euch bisher verschwieg mein Mund.

Lisarda
In Zweifeln such' ich nach dem Grund,
Weshalb Ihr schweigt.

Don Cesar
        Weil, wenn Ihr jetzt
Mich seht, mein Anblick Euch verletzt;
So muß ich meine Lippen schließen,
Um voll die Stunde zu genießen,
In der noch zweifelnd Ihr mich schätzt.

Lisarda
Wie? Daß Ihr Euch mir anvertraut,
Soll mich verletzen?

Don Cesar
        Und mir graut,
Ihr würdet mir dadurch entrissen.

Lisarda
Nein, wer Ihr seid, ich muß es wissen.

Don Cesar
Weil Ihr darauf besteht, so schaut.
(Er enthüllt sich.)

Lisarda
Wohl hattet Ihr ein Recht, zu denken,
Daß Euch zu sehn mich würde kränken.
Wohl wahr ist's, daß ich nur mit Groll
Euch hören kann, nur kummervoll
Den Blick auf Euch vermag zu lenken.
Ist es denn möglich? Triebet Ihr
Die Kühnheit bis zu solchem Maße,
Daß man Euch sieht auf offner Straße?

Don Cesar
Wann fehlte je die Kühnheit mir?

Lisarda
Was führt Euch her?

Don Cesar
        Vielleicht Begier,
Den Fehler wieder aufzuheben.
Weil damals ich den Tod gegeben,
Ach, Eurem Bruder, mußt' ich fliehn,
Und nun ich wieder hier erschien,
Gab zum Entgelt ich Euch das Leben.

Lisarda
Doch weckt mir Euer hilfreich Walten
So herzbeklemmenden Verdruß,
Daß ich mein Leben hassen muß,
Weil ich's von Euch zurückerhalten.

Don Cesar
Ich aber fühl' in tiefsten Falten
Des Herzens einen Trost sich regen,
Grad weil Ihr Eurem Heil entgegen
Euch solchem Unmut überlaßt;
Denn die das eigne Leben haßt,
Wie könnt' für mich sie Liebe hegen?

Beatriz
Seht, Euer Vater ist in Sicht,
Kommt aus den Gärten graden Weges
Hierher.

Don Cesar
        Was tun?

Lisarda
                Ich überleg' es
Und werde folgen meiner Pflicht.
Don Cesar, glauben sollt Ihr nicht,
Es könne stärker in mir sprechen
Die Hoffnung, mich an Euch zu rächen,
Als der Erkenntlichkeit Geheiß;
Nein, was ich Übles von Euch weiß,
Das möge meinen Dank nicht schwächen.
Den Vater halt' ich auf; geht fort.

Don Cesar
Ich will es tun, weil Ihr's befohlen.

Lisarda
Jedoch ich sag' Euch unverhohlen,
Nachdem ich also hielt mein Wort:
Merkt Euch, daß Ihr an keinem Ort,
Wenn man Euch trifft, Euch könnt erretten.

Don Cesar
Was dies besagt, ich möchte wetten,
Ihr ahnt's nicht.

Lisarda
        Wie?

Don Cesar
                Dies hat den Sinn,
Daß ich an Euch gekettet bin.

Lisarda
Fortschicken, heißt das etwa ketten?

Don Cesar
Ja, wie verirrt in Waldesnacht,
Bin um den Ausweg ich gebracht.
Euch suchend, mußt' ich heimwärts ziehen,
Und abermals treibt mich zum Fliehen
Und Wiederkehren gleiche Macht.
(Ab. Mosquito folgt ihm)

Vierter Auftritt

Lizarda. Beatriz. Don Diego. Gonzalo

Lisarda
Der Kutscher!

Don Diego
        Tölpel, wunderbar,
Was du vollführt hast!

Gonzalo
        Glaubt Ihr gar,
Daß ich ...

Don Diego
        Du willst es woh! noch wagen,
Zu widersprechen?

Beatriz
        Er will sagen,
Daß niemals er ein Kutscher war.

Don Diego
Lisarda, sag, was ist geschehen?

Lisarda
Die Kutsche fiel aus ihrer Bahn.

Don Diego
Mein Kind, hast du dir weh getan?

Lisarda
Kaum.

Don Diego
        Laß uns rasch nach Hause gehen.

(Alle ab.)

Wohnung des Don Felix. Die Hinterwand ist schräge gestellt, so daß die rechte Seite der Bühne schmäler ist als die linke. Eine Zwischenwand, von hinten nach vorn verlaufend, teilt zwei ungleiche Räume ab, die durch eine in ihr befindliche Tür verbunden sind. Der kleine Raum rechts ist Celias Kabinett; es hat in der Ecke rechts eine nicht wahrnehmbare, mit Teppichen verhängte Geheimtür. Der große Raum links ist das Wohnzimmer, mit zwei Mitteltüren und einer Seitentür links; auf einem Tisch darin stehen brennende Lichter.

Fünfter Auftritt

Don Felix, Celia, Inés (im Wohnzimmer)

Celia
Absonderlich ist dein Betragen.

Don Felix
Ei, Celia, warum auch soll's
Nicht für absonderlich dir gelten,
Wo du der Anlaß dazu bist?

Celia
Der Anlaß ich, daß aus dem Feldzug
Du plötzlich heimkommst nach Madrid,
Bloß um in unserm ganzen Haus,
Wo trotz der Trauer um dein Fernsein
Du mich noch ganz lebendig findest,
Vorsichtsmaßregeln anzuordnen,
So Tür wie Fenster zu verrammeln
Und auf dem Dach nicht eine Luke
Zu lassen ohne Gitterwerk!
Weswegen, Felix, marterst du
Mit so viel Argwohn deine Schwester
Und mit so lächerlicher Obhut,
Nicht eingedenk, wie meinem Ruf
Zuliebe du den deinen schädigst?

Don Felix
Ich will nicht leugnen, Celia:
Der Argwohn ist ein ausgemachter
Beweis von Dummheit, ganz gewiß.
Doch die Vergitterung der Fenster
Verkleinert ihn; er wird hierdurch
Beseitigt nicht, jedoch beschwichtigt.

Celia
Soll dieser hübsche Vorwand etwa
Rechtfertigen, daß aus Italien
Du plötzlich heimgekehrt zum Schaden
Für deinen Namen, deinen Ruhm?
Du zogest aus der Hauptstadt fort,
Kriegrisch gestiefelt und gespornt;
Doch augenscheinlich hat der Lärm
Der Trommeln dir nicht hold getönt,
Noch auch das Pulver gut gerochen,
Weil dir's an Rosenöl gebrach.

Und nun soll's deinen tollen Streich
Entschuldigen, daß …

Don Felix
        Celia,
Genug. -- Inés, geh du hinaus.

Inés
(leise zu Celia)
Jetzt wird sich sein Gemüt entladen.
(Ab Mitteltür rechts)

Don Felix
Da du so meiner Ehre spottest,
Will ich dir sagen rundheraus,
Was ich dir zu verhehlen dachte;
Spricht man doch nicht von Ehrensachen
Gern mit der Schwester Aug' in Aug'.
Ich, Celia, war in Italien,
Als mit vermeßnem Aberwitz
Uns die Franzosen bei Valenza
Am Po (jedoch wie bin ich töricht,
Daß ich von Krieg und Waffen rede
Mit dir) ... kurz, in Italien war ich,
Da sandte mir dorthin ein treuer
Freund unsres Hauses einen Brief,
Worin er schrieb, an einem heitren
Apriltag, der die ganze Stadt
Ins Freie lockte, habest du
Verschleiert dich zum Park begeben
In der Begleitung Don Alonsos,
Und dort hab' ihn (ich sage leider)
Ein anderer Galan erstochen.
Noch Glück, daß man dich nicht erkannte;
Sonst hätte sich dein guter Ruf
Vor dem Gericht zugrundgerichtet.
Das ist der Anlaß meiner Rückkehr;
Denn wozu nützt mir's, daß im Feld
Ich Ehre finde, wenn inzwischen
Zu Haus die deine du verlierst?
Was hab' ich von dem ganzen Ruhm,
Den meine hohen Taten mir
Erringen, wenn du seinen Glanz
Mit solchen niedern Taten trübst?
Nun, Celia, nun frag dich selber,
Ob ich hier überflüssig bin.

Celia
Vorwürfe machst du mir, die nicht
Geeignet sind, mich einzuschüchtern:
Wo die Behauptung falsch ist, Bruder,
Da folgt aus ihr ein falscher Schluß.
Ich hätte mich zum Park begeben?
Ich dort, von irgendwem begleitet?
Ich Ursach' einer Rauferei?
Wer das dir schrieb, der log dich an,
Und ich …

Inés
(kehrt zurück)
        Herr, Euer Freund kommt Euch
Besuchen, Don Juan de Silva.

Don Felix
(leise)
Laß, Celia, von alledem
Nichts vor Inés verlauten. Wenig
Geziemen würd' es, wenn von Dingen,
Die wir verhandeln unter uns,
Die Dienerschaft etwas erführe.
Doch nun begib dich in dein Zimmer.
Ich habe hier mit Don Juan
Zu sprechen.
(Ab Mitteltür rechts)

Inés
        Herrin, sagt, was kam
Bei dieser langen Unterhaltung
Heraus?

Celia
        Ach, denk dir nur, mein Bruder
Weiß alles.

Inés
        Auch von dem geheimen
Verschlag?

Celia
        Nein, davon ahnt er nichts.
Der beiden Z wiesprach' wird wahrscheinlich
Sich drehn um mich; drum laß uns horchen.
(Beide gehen in das Kabinett)

Sechster Auftritt

Vorige. Don Felix, Don Juan (durch die Mitteltür rechts)

Don Juan
(aufgeregt)
Die Hand laßt Euch, Don Felix, schütteln.

Don Felix
Seid mir willkommen, Don Juan.

Don Juan
Zum Glücke treff' ich hier Euch an.

Don Felix
Was könnt' Euch so zusammenrütteln?

Don Juan
Ihr wißt, wie lang für meine Base,
Die reizende Lisarda, schon,
Treu werbend um den Liebeslohn,
Vor Leidenschaft ich förmlich rase;
Wißt auch, daß manchen Schwierigkeiten
Zum Trotz mir einen Hoffnungsstrahl
Sie gab, ich dürf' als ihr Gemahl
Sie nächstens zum Altar geleiten;
Wißt ferner, daß zu frühem Tod
Um eine Frau, die niemand kannte,
Mein Vetter in den Degen rannte,
Mit dem Don Cesar ihm gedroht.
Um von dem Gram sich zu erholen,
Den der Verlust ihr stets erneut,
Fuhr über Land Lisarda heut.
Auch ich, der ich ihr stets verstohlen
Folg' als ihr Schatten, ging dorthin
Und wollt' in einem nahen Garten
Mit ihrem Vater auf sie warten;
Doch als ich bei der Brücke bin,
Erblick' ich ihren leeren Wagen,
Der ohne Pferde langsam naht
Mit einem abgebrochnen Rad,
Weil sich ein Unfall zugetragen.
Kaum daß beschwingten Schrittes ich
Nahn wollte meinem Lebenssterne,
Sah einen Mann ich in der Ferne,
Der ihres Bruders Mörder glich.
Zwar, daß der Anschein mich betrüge,
War möglich; denn im Dämmergrau,
Das schon begann, konnt' ich genau
Nicht unterscheiden seine Züge.
Ich folgt', um es herauszufinden,
Mit meinem Diener seiner Spur
Bis in die Stadt und sah dort nur
Ihn schließlich in ein Haus verschwinden.
Ich bitt' Euch, helft mir nun entdecken,
Ob er es ist, ob nicht; kommt mit
Und lenkt vor mir ins Haus den Schritt:
Vor Euch wird er sich nicht verstecken;
Kamt Ihr ihm nie doch zu Gesicht.
Hierzu seid Ihr gewiß erbötig;
Denn unter Freunden ist es nötig,
Daß man sich beisteht.

Don Felix
        Zweifelt nicht.
(Für sich)
Wie, wenn der Mord geschehen wäre
Bei jenem Kampf, der sich entspann
Um Celia? So wär' ich dann
Zugleich der Rächer meiner Ehre.
(Laut)
Ja, die verrückte Sitte lehrt,
Daß ohne Zögern, Wissen, Fragen
Ein Mann sein Leben hat zu wagen
Für jeden, der's von ihm begehrt.
Ich geh' mit Euch.

Don Juan
        Dann zähl' ich drauf,
Daß er sich fängt in unsrer Schlinge.

Don Felix
O wieviel ungereimte Dinge
Zwingt uns der Ehrenkodex auf!
(Beide ab Mitteltür rechts)

Siebenter Auftritt

Celia
Weh mir! Inés, hast du vernommen?

Inés
Das Dienen dient mir ja dazu,
Daß, wenn was vorgeht, ich im Nu
Durch Lauschen muß dahinterkommen.

Celia
Die beiden stellen (ach, wie bin
Ich drum in Ängsten und in Nöten!)
Don Cesar nach, um ihn zu töten.

Kam es denn je mir in den Sinn,
Als ich in unser Haus ihn lud,
Damit in ihm er Zuflucht nehme,
Daß früher noch mein Bruder käme,
Um, kaum daheim, nach seinem Blut
Zu dürsten! Oh, wie zornentbrannt
Würd' er ihm erst zu Leibe dringen,
Könnt' er es in Erfahrung bringen,
Daß meinethalb der Zwist entstand!

Inés
Herrin, Ihr müßt so schwarz nicht sehn;
Denn was nicht schon geschah soeben --
Wie vielerlei muß sich begeben,
Bevor es wirklich wird geschehn.
Fragt sich, ob er der Mann gewesen,
Ob ihn zu fassen ihnen glückt,
Und ob, wenn man den Degen zückt,
Er umfällt ohne Federlesen.

Celia
Ach, wie vermöcht' ich wohl dem Fluch
Des harten Schicksals auszuweichen?
(Man hört einen Pfiff)

Inés
Horcht nur! Ist dieses nicht das Zeichen,
Das stets Euch kundgab den Besuch
Don Cesars?

Celia
        Ja doch.

Inés
                Eurer Klagen
Erbarmt sich Gott.

Celia
        Geh schnell hinaus,
Hol ihn und birg ihn hier im Haus,
Derweil die beiden nach ihm jagen.

(Inés ab Mitteltür rechts)

Celia
(allein)
Nun, Cesar, sei dir's offenbart,
Wie heut mein Geist als Lebensretter
Dich vor Lisardas Vater, Vetter
Und meinem Bruder treu bewahrt.

Achter Auftritt

Celia. Inés. Don Cesar, Mosquito (durch die Mitteltür rechts)

Don Cesar
Bevor ich, holde Celia,
Dir nahen konnte, wußt' ich nicht,
Ob ich am Leben bin, und nun,
Da dich mein Aug' umfangen darf,
Laß, Herrin, deine Hand mich küssen.

Mosquito
Und mich, Inés, wenn's dir beliebt,
Laß küssen deinen kleinen Finger.

Celia
Sei herzlich mir in diesem Haus
Willkommen, Cesar, kann ich auch
Dich heut nicht so darin empfangen,
Wie meiner Absicht es entspräche,
Da vor der Zeit mein Bruder ankam.

Don Cesar
Was sagst du da? Dein Bruder hier?

Celia
Am Tag, nachdem ich dir geschrieben,
Du mögest kommen, ward ich erst
Von seiner Rückkunft unterrichtet.
Wär' sie mir früher kund geworden,
Hätt' ich den Brief nicht abgeschickt.

Don Cesar
War er denn nicht im Kriege?

Celia
                Ja.
Und was zu so geschwinder Heimkehr
Ihn spornte, war, daß dort er Kenntnis
Erhalten hat von deiner Tat.

Don Cesar
So bin ich hier in größerer
Gefahr als anderswo.

Celia
        Warum?

Don Cesar
Ich darf nicht einen Augenblick
In diesem Haus verweilen.

Celia
                Mächtig,
Sobald sie sich verbünden, Cesar,
Sind Liebe, Schlauheit und ein Weib.
Ich hab' im Haus dir einen Platz
Bereitet, wo du weilen kannst,
Zwar nicht bequem, doch wenigstens
Vollkommen sicher.

Don Cesar
        Wie denn das?

Celia
Vernimm. Dies Haus hat zwei Quartiere,
Das untre Stockwerk und dies obre,
Worin wir wohnen. Jenes andre
Beherbergt einen fremden Kaufmann,
Der, glaub' ich, Handel treibt mit Rom.
Die beiden Wohnungen verbindet
Im Innern eine Hintertreppe,
Die jetzt jedoch, seit zwei verschiedne
Parteien sich hier eingemietet,
Nicht mehr gebraucht wird. An dem Tag,
Da nach des Briefes Übersendung
Ich hörte, daß mein Bruder kommt,
Und mich verwirrt und ratlos fragte,
Was mit euch beiden ich nunmehr
Anfangen sollte, da -- gib acht,
Was da mir einfiel. Auf den Absatz
Der Treppe stellt' ich allerlei
Gerumpel, und den untern Teil
Ließ ich durch einen Holzverschlag
Sehr fest verschließen. Doch die Tür,
Die zu ihr führt aus unsrer Wohnung,
Und zwar aus jenem Nebenzimmer,
Das ich als Ankleidkabinett
Benutze, ward mit Gips und Farbe
Der innern Wand so gleich gemacht,
Daß nicht die kleinste Spur von ihr
Erkennbar blieb, und obendrein
Verhängt' ich sie mit Teppichen.
So oft mein Bruder außer Haus ist,
Kannst hier im Zimmer du verweilen,
Und ist er da, so bietet sich
Dir zum Verbleib der Treppenabsatz.

Mosquito
Potz Blitz, mein Herr als Lazarus,
Der vor der Tür liegt.

Don Cesar
        Celia,
Wo denkst du hin!

Celia
                Was schreckt dich dran?

Don Cesar
Ich sehe tausend Mißlichkeiten.

Celia
Was denn für welche?

Don Cesar
                Doch vor allem:
Ist's denkbar, daß dein Bruder nichts
Von dieser Treppe weiß?

Celia
                Nun freilich.
Die Wohnung hab' ich erst gemietet,
Als er schon fern war; darum blieb
Ihm ihr Geheimnis unbekannt.

Don Cesar
Zu schätzen weiß ich, Celia,
Von Herzen deine Güt' und Sorgfalt.
Jedoch weswegen, da dein Bruder
Nun einmal hier ist, sollen wir
In fortgesetzter Angst verharren?
Drum besser ist's, ich geh', voll Dank,
Daß mir's vergönnt war, dich zu sehn.
Leb wohl.

Celia
        Halt ein! Du darfst nicht, Cesar,
Dies Haus verlassen; denn dein Leben
Schwebt in der äußersten Gefahr.

Don Cesar
Wodurch?

Celia
        So wisse, daß zur Stunde
Man in dem Gasthof, wo du wohnst,
Dich töten will.

Don Cesar
        Wer will mich töten?

Celia
Mein Bruder Felix, aufgestachelt
Von Don Juan.
(Man hört draußen rufen)
        Die Stimme …

Inés
                Herrin,
Das ist Don Felix in Person.

Celia
(zu Don Cesar)
Nun kannst du nicht mehr fort von hier,
Mußt ins Versteck.

Inés
        Der Treppenabsatz
Ist gar kein übler Aufenthalt.
(Sie gehen alle vier ins Kabinett)

Don Cesar
Nur deinem Ruf zulieb' gehorch' ich;
Doch wenn er sich ins Bett gelegt,
Verlass' ich gleich das Haus.

Celia
                Inés,
Mach hurtig, öffne die Geheimtür
Und laß die beiden ein.

Mosquito
                Mich auch?

Inés
Natürlich, und nicht eher darfst du
Heraus, als bis das ganze Haus
Den Schlummer des Gerechten schläft.
Und ja nicht auf der Treppe poltern!

Don Cesar
Ich beuge blind mich dem Geschick.

(Inés hat die Geheimtür geöffnet, durch die Don Cesar und Mosquito abgehen, und macht sie hinter ihnen zu)

Neunter Auftritt

Celia. Ines. Don Felix, Don Juan (durch die Mitteltür rechts. Dann) Diener.

Don Felix
Ich bin am Ziele; geht getrost.

Don Juan
Ich hatt' Euch von hier fortgeholt,
Und Euch erkannten sie, mich nicht.
Drum muß ich Euch zur Seite stehn,
Bis ich in Sicherheit Euch weiß.

Celia
(leise zu Inés, mit der sie ins Wohnzimmer zurückgekommen ist)
Da Don Juan mit ihm zusammen
Zurückkehrt, fahnden sie gewiß
Nach Cesar hier.

Don Felix
(ruft)
        Heda, Bediente!

Ein Diener
Der Herr befiehlt?

Don Felix
        Schafft aus der Wohnung
Die ganzen Möbel augenblicklich
Ins untre Stockwerk zu dem Herrn
Aus Mailand, wo sie lagern sollen.
(Zu Don Juan)
Ich red' indes mit meiner Schwester.

Don Juan
Und ich will nach dem Rechten sehn.
(Ab Mitteltür rechts. Der Diener folgt ihm)

Celia
(leise zu Inés)
Vermutlich wollen sie das Haus
Umkehren, um ihn aufzuspüren.

Inés
(leise)
Da fangen sie, weiß Gott, schon an.

(Während des Folgenden kommen mehrere Diener durch die Mitteltür rechts und beginnen sämtliche Möbel fortzutragen, zuerst aus dem Wohnzimmer und dem hinter der Seitentür links gedachten Raum, dann aus dem Kabinett)

Don Felix
(zieht, während Inés den Dienern zuschaut, Celia in den Vordergrund)
Hör, Schwester …

Celia
        Bruder, was bedeutet
All diese Zurüstung?

Don Felix
        Du siehst mich
In tödlicher Verlegenheit.

Celia
Wie?

Don Felix
        Don Juan de Silva bat mich,
Mit ihm nach seinem Feind zu suchen
In dessen Gasthof. Ich als erster
Tret' ein und frage leis den Wirt,
Ob in der Abenddämmerung
Nicht heut ein Fremder eingetroffen.
Der Wirt bejaht; doch hab' er nur
Zwei Pferde bei ihm eingestellt
Und sei dann wieder fortgegangen.
Wir lauern drum auf seine Rückkehr
Geraume Zeit, und richtig kommt
Zuletzt ein Mensch, den Don Juan
Für den Gesuchten hält; ich mußt' ihm,
Weil niemals ich ihn sah, das glauben.
Wir gehn ihn an, er wehrt sich tapfer;
Doch das Geklirr der Degen zieht uns
Die Wächter auf den Hals, und einen
Davon streckt leider in der Hitze
Zu Boden Don Juan. Wir leisten
Noch Widerstand, bis einer ruft:
»Das ist Don Felix de Acunia.«
Weil ich somit erkannt war, nahmen
Wir wie der Wind Reißaus. Ein Totschlag,
Gepaart mit Widersetzlichkeit,
Das heißt, mein Leben ist gefährdet,
Und schleunigst muß ich fort von hier.
Auch du darfst hier allein nicht bleiben,
Damit man mir nicht hinterher
Aufs neue Dinge von dir meldet,
Die meiner Ehre schädlich sind.
Drum, Celia, komm ohne Säumen
In unsres Oheims Haus mit mir.
Erst wenn von deiner Sicherheit
In seinem Schutz ich überzeugt bin,
Darf ich an meine denken.

Celia
                Felix,
Ich soll …

Don Felix
        Du hörtest.

Celia
                Überleg!

Don Felix
Nur vorwärts, ohne Widerrede! --
Inés, begleite deine Herrin-

Celia
(leise zu Inés)
O Gott, warum in aller Welt
Muß grade mir so was begegnen?

Inés
(leise)
Die beiden auf dem Treppenabsatz,
Was wird aus ihnen jetzt?

Celia
(leise)
                Ach, Himmel!

Don Felix
Kommt!
(Er geht mit Celia und Inés ab Mitteltür rechts)

Erster Diener
(im Kabinett)
        Nur der Putztisch ist noch übrig.
(Er nimmt ihn)

Zweiter Diener
Und da der Teppich an der Wand.
(Er nimmt den Teppich von der Geheimtür ab)
Sogar die Betten sind schon drunten;
Kein einz'ger Nagel bleibt zurück.
(Sie tragen die Sachen ins Wohnzimmer)

Don Juan
(durch die Mitteltür rechts)
Niemand darf länger hier verweilen.
Schließt hinter Euch die Türen ab.

(Alle gehen ab durch die Mitteltür rechts und schließen diese und die Mitteltür links von außen hörbar ab. Nur die kahlen Wände sind noch vorhanden. In einer Ecke des Wohnzimmers brennt ein vergessenes Licht)

Zehnter Auftritt

Don Cesar, Mosquito (kommen aus der Geheimtür ins Kabinett)

Don Cesar
Es ist schon Mitternacht vorüber.

Mosquito
Ob uns Inés vergessen hat?

Don Cesar
Kein Laut. Sie schlafen wohl schon alle.
Auch können wir uns schlimmstenfalls,
Wenn jemand käme, hinterm Teppich,
Der diese Tür verkleidet, bergen.
Erforschen muß ich unbedingt,
Warum hier solch ein Lärm verübt ward.

Mosquito
Je nun, wo kam der Teppich hin?

Don Cesar
Such nach Inés.

Mosquito
(rufend)
        Inés, holla!

Don Cesar
Leis, daß dich niemand hört noch sieht.

Mosquito
(hat behutsam den Kopf ins Wohnzimmer gesteckt)
Wer soll uns hier denn sehn und hören,
Da wir in einer Wüste sind?
Mir scheint, bei meiner armen Seele,
Piraten haben hier gehaust.

Don Cesar
Wieso?

Mosquito
        Weil alles ratzekahl
Geplündert ist.

Don Cesar
        Kerl, bist du toll?

Mosquito
Ihr seid es, wenn Ihr mir nicht glaubt.
Kommt dort hinein ins große Zimmer
Und seht, ob mehr Ihr seht als ich.
Denn offenbar, damit wir sehen,
Daß nichts zu sehn ist, ließ man drinnen
Aus Rücksicht oder Unbedacht
Ein Licht zurück; sonst aber blieb
Kein Sessel und kein Schrank darin,
Kein Bild, kein Schemel, keine Truhe,
Kein Tisch, kein Stuhl, kein Bett, kein Strohsack,
Kein Vorhang, keine Schnur, sogar
Auch keine Celia und keine
Inés.

Don Cesar
(ist mit Mosquito ins Wohnzimmer gekommen)
        Was heißt denn das? Ich hörte
Zwar das Geräusch; doch die Gespräche

Verstand ich nicht. Es hat sich fraglos
Hier etwas Ungewöhnliches
Ereignet.

Mosquito
        Herr, für uns kein Schade:
Wir wohnen jetzt geräumiger.
Nur wär' es nicht zu viel verlangt,
Daß uns Inés und Celia
Ein Brot zurückgelassen hätten.

Don Cesar
Wie kannst du jetzt an Essen denken!

Mosquito
Weil mich mein Magen dran erinnert.

Don Cesar
Nach diesem dunklen Vorfall ist
Nur eines dringlich: daß wir gehn.
Denn falls Don Felix mittlerweil
Erfuhr, daß wegen seiner Schwester
Alonso mir erlag und ich
Hier in Madrid bin, dann unstreitig
Ist dies ein Anschlag seiner Rache.

Mosquito
(nachdem er an den zwei Mitteltüren gerüttelt hat)
Wir sollen gehn? Doch wo hinaus?
Die beiden Türen sind verschlossen.

Don Cesar
(deutet nach der Seitentür links)
Dort.

Mosquito
(ängstlich)
        Aber wenn …

Don Cesar
                Schau nach.

Mosquito
(hat zitternd das Licht genommen, öffnet die Seitentür links)
                        Auf Eure
Verantwortung.
(Er geht hinein)

Don Cesar
        Geschwind!

Mosquito
(zurückkommend)
                Kein Ausgang.

Don Cesar
Dann durch ein Fenster.

Mosquito
        Die sind sämtlich
Vergittert.

Don Cesar
Oder durch den Schornstein.

Mosquito
Warum nicht durch die Mauer? -- Ha!

Don Cesar
Was?

Mosquito
Ich erschrak vor meinem Schatten.

Don Cesar
War irgendjemals irgendwer
In solcher Lage?

Mosquito
        Lieber Gott!
Ach, guter Gott!

Don Cesar
        Was heulst du, Memme?

Mosquito
Ich tu' mir so entsetzlich leid.

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