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Das Verbrechen in Tavistock-Square

Oskar Panizza: Das Verbrechen in Tavistock-Square - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Menschenfabrik und andere Erzählungen
authorOskar Panizza
year1984
publisherBuchverlag Der Morgen
addressBerlin
isbn3-371-00227-6
titleDas Verbrechen in Tavistock-Square
pages171-184
created20010830
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Oskar Panizza

Das Verbrechen in Tavistock-Square

Hüten wir uns, immer nur allein den Menschen schuldig zu finden; überall, in der gesamten Natur, steckt, unter einem feinen Schleier verborgen, die Sünde.

Swedenborg

Vor zehn Jahren etwa sandte mich mein Vater, der mich in der englischen Rechtspflege sowohl als in der englischen Sprache ausgebildet zu sehen wünschte, nach London. Durch einige Empfehlungsschreiben, die nicht ganz ohne Einfluß waren, gelang es mir, in den Schutz eines Staats-Sekretärs im Justiz-Ministerium zu gelangen, der, wie ich wohl wußte, vortreffliche Beziehungen zum Minister selbst unterhielt: – »Junger Mann!« – sagte der Erstgenannte am Schluß einer Audienz zu mir – »ich weiß, daß Sie als Deutscher vor allem nach Bildung streben, und da Sie die niedere Gerichts-Praxis in erster Linie bei uns kennenlernen sollen, so habe ich Sie an Sir Edward Thomacksin, den Vorstand der metropolitan police-station in der Marylebone Street, verwiesen. Lassen Sie sich die paar Schrullen des alten Herrn nicht kümmern; er ist ein Mann von gründlichem Wissen, kennt ein wenig Ihre Verhältnisse drüben, und Sie werden dort in der kürzesten und einfachsten Weise das Verfahren unserer niederen Rechtspflege kennenlernen können. Und damit leben Sie wohl!« – Ich verbeugte mich, und die Audienz war zu Ende. – Für den, der die englischen Verhältnisse nicht näher kennt, möchte ich nur kurz bemerken, daß jedes reat in England, das einfachste und schwerste, das Vergehen und Verbrechen, zunächst vor die police-station des betreffenden Bezirks gebracht wird; und dort wird entschieden, ob es sich zu eigener Behandlung eignet, oder vor den höheren Gerichtshof, den justice-court, unser Schwurgericht, gebracht werden muß. Ist es einfacher Natur, so wird es sofort abgeurteilt und damit die wichtige Frage entschieden, ob der Täter verhaftet oder auf freiem Fuß behandelt werden kann. Ist es schwerer Natur, so wird der Täter meist sofort in Haft behalten und das Ganze dem höheren Gerichtshof hinübergegeben.

Mr. Edward Thomacksin – oder wie man dort drüben sagt, Sir Edward – war ein Original im besten Sinn des Worts. Dieser Mann war für mich eine Fundgrube für den englischen Charakter weit mehr als für die englische Gerichtsbarkeit, die, ich darf wohl sagen, nach vierzehn Tagen mich nicht mehr interessierte als die Gerichtsbarkeit irgendeines anderen Landes. Er war ein langer, ausgemergelter Mensch mit glattrasiertem Gesicht, mit dünnem, schnappendem Fisch-Maul, einer langen, großlöchrigen Nase und graublauen vigilierenden Augen, die einen heißen, stets paraten Gedankenschatz hinter sich hatten. Immer in dem gleichen alten, abgeschabten schwarzen Rock erscheinend, war sein ganzes dienstliches Bestreben, weniger nach Recht und Gerechtigkeit zu urteilen, als Material für seine speziellen Ansichten und Bestrebungen hinsichtlich der Anlage und Erziehungsfähigkeit des menschlichen Herzens zu sammeln. Dieser rein immaterielle Gesichtspunkt ließ ihm manche Willkür in seinem Dienst entschuldbar erscheinen. Er war Inquisitor. Und nicht die Strafe eines Menschen zur Besserung war ihm so wichtig als die Analyse der innersten Triebfedern einer Persönlichkeit. Als ich ihm zum erstenmal meine Aufwartung machte, schaute er mich fast grimmig einige Minuten starr an und sagte dann lauernden Blicks, zögernd und mit scharfer Betonung: »Ich weiß nicht, ob Ihr Auge, mein junger Freund, genügend reinen Sinn verspricht, um der moralischen Aufgabe, die Ihrer hier wartet, gewachsen zu sein!« – Diese erste Ansprache machte mich nicht wenig perplex, und die nächsten Tage brachten dann noch mehr derartige Überraschungen. Doch bald hatte ich mich an die Eigentümlichkeit seiner Ausdrucksweise gewöhnt. Mit der Offenherzigkeit, die den Engländer auszeichnet, hatte er mich im Lauf der ersten Wochen in seine gesamten Anschauungen eingeweiht. Er war Swedenborgianer. Er glaubte an einen fortschreitenden Reinigungs-Prozeß der Menschheit bis zur endlichen Gottähnlichkeit. Er hatte aber seine höchst persönlichen Meinungen und Vorschläge zur Erreichung dieses Ziels. Nach ihm war es vor allem die Wollust und was drum und dran hing, die ihm auf dem Wege zur angestrebten Vergeistigung der Menschheit im Wege stund. Die »lust«, wie er es nannte, war das Ziel seiner Vernichtungspläne. Wenn er das Wort »lust« aussprach, gewann sein Gesicht einen unsäglich harten, wilden Ausdruck; mit den grauen erbarmungslosen Augen schaute er wie mit Marbelsteinen zu mir herüber, und die geöffneten Lippen zeigten die Härte eines Henkers. – »Junger Mann!« – sagte er mir eines Tages in einer Stunde vertrautesten Gesprächs, in dem er mir seine letzten Gedanken mitzuteilen schien – »wenn ich den Wollust-Faktor aus dem Kalkül der Menschen-Erzeugung eliminieren könnte, dann hätten wir gewonnen. Swedenborg war ein braver Mann; aber seine Ziele hingen in der Luft; das intensivste Mittel zur Erreichung höchstmöglicher Gottgleichheit glaube ich konstruktionsweise am sichersten angedeutet zu haben; ich bin jetzt nahe an die Siebzig und halte meine Lebensaufgabe für vollendet, wenn ich weiß, daß meine Mitmenschen den von mir gewiesenen Pfad betreten. Wir müssen die ›lust‹, den bestialischen Komponenten, aus dem Zeugungs-Akt entfernen, ohne die Fortpflanzung selbst zu stören; durch diese zwei engen Felsen muß der Weg gehen... Studieren Sie, junger Mann, studieren Sie, um unser Ziel zu erreichen! Meine mathematische und naturwissenschaftliche Bibliothek steht Ihnen außer meinen sämtlichen Manuskripten zur Verfügung.« – Im übrigen war Mr. Thomacksin ein milder, freundlicher Mann von der größten Herzensgüte. Über alle Delikte konnte er mit der größten Nachsicht hinweggehen; aber wehe, wenn ein Fall das sexuelle Leben oder dessen Ausschreitungen betraf! Hier ließ er die volle Gesetzesstrenge walten, und ich glaube, er ging sogar über das gesetzlich zulässige Maß hinaus. Diebe behandelte er mit rührender Nachsicht. Wer einen Laib Brot gestohlen hatte, ging straflos aus, wofern er nur arm war. »Er hat recht!« – sagte er mir einmal während der Gerichtssitzung, als er einen Brot-Dieb aus der Mincing Lane nicht nur freisprach, sondern ihm noch ein Geldgeschenk machte – »er hat ganz recht; er muß doch leben und essen, weil er sonst nicht denken kann; und um besser zu werden, muß er doch zunächst vorzüglich denken! Er hat ganz recht! Warum backen die Bäcker ihre Brote mit so verlockender Rinde! Es war mir lieb, daß er einen feinen Laden erwischt hat.«

Bevor ich auf den kuriosen Fall, den die gegenwärtige Erzählung zum Gegenstand hat, näher eingehe, muß ich noch mit wenigen Strichen eine Persönlichkeit aus der Umgebung des Sir Edward zeichnen, die zwar eine untergeordnete Stellung im Polizeiwesen, aber keine untergeordnete Rolle in der vorliegenden Episode innehat. Jonathan war unter dem niederen Polizei-Personal, das den Aufsichtsdienst in dem betreffenden Bezirke zu besorgen hatte, ein feiner junger, blonder Bursche, von delikatem Aussehen, mit großen leuchtenden Augen, einer mädchenhaften, einschmeichelnden Stimme, weißen, schön gebauten Händen, kurz, von jener Sorte Menschen, die sich auf den ersten Anblick als aus besserem Menschenmaterial gebaut erweist und der auffällig gegen die übrigen Polizisten roheren Schlags abstach. Wie ich hörte, hatte Sir Edward den jungen Mann aus einer nebensächlichen Lebensstellung veranlaßt, in seinem Sprengel als policeman Dienst zu nehmen. Tatsache war, daß mein Chef dienstlich mit niemandem lieber verkehrte als mit Jonathan und daß dieser, dessen Lebens-Gewohnheiten gänzlich von denen der Leute niederer Gattung abwichen, nur dadurch sich bei seinen Kameraden zu halten vermochte, daß er durch seine Fürsprache bei Sir Edward diesen manche dienstliche Vorteile und Erleichterungen verschaffte, die sonst sicher ausgeblieben wären. Und wenn ich einer inneren Empfindung Gehör gab, so schien es mir, als sei Jonathan nicht nur ein gehorsamer und pflichtgetreuer Untergebener, sondern hätte auch mit einem gewissen Enthusiasmus die eigentümlichen Anschauungen seines Herrn in sich aufgenommen.

Es mochten wohl sechs oder acht Wochen her sein, daß ich den Vorgängen in den Gerichts-Zimmern der Marylebone Street tagtäglich mit großem Interesse gefolgt war. Weniger der schwierigen Rechtsfragen wegen, die etwa hier unter den großen und kleinen Bagatellen einer Großstadt-Vagabondage zum Austrag kamen, als wegen der originellen Entscheidungen, die mein Chef oft entgegen der allgemeinen Meinung und den Vorschriften der Gesetz-Bücher zu treffen sich erlaubte. Und nicht selten hatte ich Gelegenheit, über den feinen Instinkt und den großen Scharfsinn des Mr. Thomacksin zu staunen, der namentlich versteckte und sich aufs Leugnen verlegende Missetäter mit einer ganz bestimmten, nie fehlenden, sicheren Methode zu entwaffnen verstand. – Meist konnte man schon aus den Gesichtern der Polizisten und den im Vorzimmer unter ihnen geführten Reden auf die Art des Falles schließen. Denn dort im Vorzimmer gab meist der jeweilig Meldung Tuende oder frisch von seinem Patrouilliergang Zurückkehrende seinen Kameraden mit wenigen Schlagworten die kriminelle Neuigkeit kund; und dort waren meist einige ältere Sergeanten, die ein unfehlbares Urteil über die Person des Vorgeführten im Zusammenhang mit dem Tatbestand abgaben; derart, daß, wenn die Vorführung vor Sir Edward endlich stattfand, bereits eine Art Stimmung, eine Art Dunstkreis um den unsichtbaren und der Aufklärung bedürftigen Kern des verzwickten Vorfalls sich gebildet hatte. – Mr. Thomacksin und ich waren eines Nachmittags im Gerichtszimmer im eifrigen Gespräch begriffen, wie immer, wenn nichts Neues und Wesentliches vorlag und die Bureau-Zeit noch nicht abgelaufen war. Es war um Frühlings-Sommerwende. Aber es wurde noch früh dunkel. Und die Gasflammen, bedeckt mit riesigen Schirmen, die den Chef wie den Meldetuenden in dunkle Schatten warfen, waren gerade angezündet worden. Mein Chef hatte wieder sein altes Thema vorgenommen: Swedenborg, seine guten Ideen, aber seine Halbheiten, sobald es sich um Ausführungen handelt: vollständige Unklarheit hinsichtlich der Mittel und Wege, die er, Mister Edward Thomacksin, nach gründlichen Studien aufs präziseste angegeben. »Schneiden Sie sie aus, die Wollust, diesen Dorn, an dem sich alle blutig ritzen, und alles wird gut gehen«, – rief er mit Emphase aus und begann ein längeres Kapitel aus Darwin zu zitieren, wonach eine Funktion, die durch Jahrhunderte langes Gehenlassen ungeahnte Dimensionen angenommen, innerhalb weniger Jahrzehnte durch planmäßiges Ersticken ausgerottet werden könne... In diesem Augenblick drang verworrenes Gemurmel aus dem Vorzimmer zu uns herüber. »Don't! Don't! Don't! Tell us stories! Don't slander!«... Etwa: »Um Gottes willen, Freund, halt ein! Schwätz keinen Unsinn! Hör auf!«... In der Art schienen sich die Meinungen zwischen einem und dem Rest der Polizisten hin und her zu schieben und auszugleichen. Mein Chef runzelte die Stirn wegen der Störung. Endlich ging die Tür auf, und Jonathan, in vorschriftsmäßiger Ausrüstung mit dem schwarzen Tuchhelm, dem Handpickel im Gürtel und die Blendlaterne in der Hand, trat ein. Sir Edward wandte sich um. Gegen Jonathan war er immer milder als gegen die andern. – »Was ist los?« – rief er; dann hinzufügend: »Ich habe hier mit meinem jungen Freund Wichtiges zu besprechen; stört mich nicht mit Kleinigkeiten!... Hat wieder einer in eine falsche Hosentasche gelangt?«... – »No, Sir!« – sagte Jonathan in tiefer Erregung – »es hat sich etwas Außerordentliches zugetragen!« – Sir Edward wandte sich jetzt dem Sprecher voll zu. Der Brustton, mit dem der Polizist sprach, und das Vibrierende in seiner Stimme waren Symptome, die einem Menschenkenner wie meinem Chef nicht entgingen. – »Wo kommt Ihr jetzt her, Jonathan?« frug der Beamte. – »Ich komme von meiner Privatwohnung, Sir,« – antwortete der junge Mann – »ich habe den ganzen Tag gezaudert und überlegt, ob ich meine Beobachtung von vergangener Nacht amtlich mitteilen soll, aber das Vertrauen auf Euer Lordschaft, das Vertrauen auf Eure Weisheit, Sir, und meine Pflicht, – ich mußte es zur Anzeige bringen.« – »Was ist passiert? Heraus mit der Sprache!« rief Mr. Thomacksin und setzte sich in Positur. – Draußen im Vorzimmer hatte man leises Gemurmel und unterdrücktes Gekicher. – »Sir,« – begann Jonathan – »als ich gestern nacht auf meiner Runde durch Tavistock-Square kam und meine Blendlaterne durch die Zweige gleiten ließ, sah ich – wie soll ich es nennen, – es ist nicht zum Sagen, Sir,...« – »Hol dich der Henker mit deiner Laterne, wenn du nichts gesehen hast!« – »Ich hab' etwas gesehen!« – »Was hast du gesehen?« – »Es war im südlichen Eck des Parks, wo eine Gruppe Rosen und Magnolen beieinanderstehen!« – »Was war dort los? Hast du jemand drunter gesehen?« – »Ich habe niemand drunter gesehen, Sir, die Gruppe stund frei.« – »Beim Henker, was war denn dann dort los?« – »Sir, es drang Gekicher aus den Hecken!« – »Es drang Gekicher aus den Hecken? Gut, hast du die Kichernden erwischt?!« – »Nein, Sir!« – »Wollt' es dir auch nicht raten, Johny! Jedermann darf in England unter Rosen und Magnolen kichern, wenn er welche hat.« – »Sir, es war nicht das! Es war kein menschliches Gekicher; es war etwas Verdächtiges, und glänzende Stoffe fielen aus den großen Magnolenkelchen zur Erde, und ein unkeuscher Geruch verbreitete sich; ein Blitz, Sir, fuhr mir gleich durch den Kopf!« – »Jonathan, ich verstehe dich nicht. Besinne dich, was du sprichst!« – Der Polizist stund fiebernd vor Erregung; seine Augen strahlten; in dem rohen, schwarzen Polizeikittel stund der blonde, zarte Mensch dort wie ein junger Prediger. – »Sir, es war ein unbegreiflicher Vorgang!« – fuhr der Polizist weiter – »ich kann vielleicht nicht alles angeben, um meine Meinung zu stützen...« – »Nenn mir deine Meinung, Jonathan, – und laß die Einzelheiten!« – Der Polizist rang im Zwang mit sich selbst und fuhr heraus: »Ich kann nicht!« – »Du kannst mir ruhig deine Meinung sagen, Jonathan« – sagte Mr. Thomacksin. – »Sir, die englische Sprache ist nicht ausreichend, um die Scheußlichkeit zu umfassen!« – Sir Edward wandte hier den Kopf zu mir herüber und zeigte mir die zwei entblößtem Reihen Zähne, dann fügte er leise hinzu: »Sehen Sie, solche Leute haben wir! Welche klassische Ausdrucksweise! Ein wunderbarer Kerl! Wie?... Ich habe ihn mit Mühe herangezogen...«, dann laut zu Jonathan gewendet, – »also mein Junge, jetzt frisch, sag mir, was du gesehen hast!« – »Sir,« – fieberte der junge Polizist weiter – »es war unter den Rosen und Magnolen...« – »Das weiß ich schon, Jonathan; was geschah denn?« – »... Bewegungen, wie sie... Polizisten oft nachts auf der Pritsche machen...« – »Johny,« – sagte mein Chef mit väterlicher Milde zu seinem Untergebenen – »Lokomotiven machen bestimmte Bewegungen, und Polizisten machen wieder besondere Bewegungen nachts auf der Pritsche; das alles ist kein Maßstab, du mußt dich präziser ausdrücken. Was hast du gesehen?« – »Sir, es war zum Grausen; es war ein Verbrechen wider die Natur; ich stund wie angewurzelt; ich konnte mir nicht helfen!« – »Hast du denn deine Pfeife nicht gezogen?« – »Sir, da war nichts zu pfeifen!« – »Du konntest doch immerhin pfeifen!« – »Sir, es war kein Fall zum Pfeifen!« – »Aber bei der Merkwürdigkeit des Vorfalls, wie du sagst, war es doch immer geraten, durch die Pfeife deinen Kameraden an der nächsten Ecke wenigstens zu avertieren!« – »Sir, der Vorfall war so wenig nach der Richtung geeignet, daß er die Möglichkeit der Anwendung der Pfeife direkt ausschloß!« – »Johny, paß auf: Die Geneigtheit des Vorfalls steht doch in keinem Verhältnis zu der Möglichkeit der Inbewegungsetzung der Pfeife!« – »Sehr wohl, Sir, die Möglichkeit des Pfeifens war nicht ausgeschlossen; aber ich hielt einerseits den Gegenstand nicht für wertvoll genug, um mir durch die Pfeife materiellen Beistand zu sichern; andererseits ging er doch wieder zu weit über die Bedeutung des Pfeifens hinaus; mit anderen Worten, er war extraordinary, aber nicht gefahrdrohend; – abgesehen davon wäre mir der Ton beim Versuch in der Kehle steckengeblieben.« – Hier wandte mir der Richter wieder sein Gesicht mit jenem eigentümlichen Zuge zu, wobei er die beiden Reihen Zähne entblößte, leise bemerkend: »Es ist ein Prachtkerl! Der Bursch paßt zum Theologen, zum Sophisten, zum Swedenborgianer, zu allem. Ich halte seine Karriere noch nicht für abgeschlossen. – Haben Sie ähnliches in Deutschland?« – Ich verneinte kopfschüttelnd. Sir Edward fuhr dann laut zum Polizisten gewandt weiter: »Also, Johny, gepfiffen hast du nicht, soviel scheint festzustehen. Jetzt mach deine Sache kurz und sag uns, was du gesehen hast.« – »Sir, ich muß darauf zurückkommen, was ich schon gesagt, es...« – »Was du bis jetzt gesagt,« – unterbrach der Richter – »ist gar nichts; da wird keine Katz klug. Du mußt uns den Fall in seiner Materie auseinandersetzen; du mußt uns vor allem die Spitzbuben nennen!« – »Sir, um Spitzbuben in dem gewöhnlichen Sinne des Worts handelte es sich hier nicht.« – »In welchem Sinne denn?« – fügte mein Chef gleich mit Nachdruck hinzu. »Im Sinne des Großartig-Unmenschlichen!« – Wieder Kopfbewegung von Sir Edward zu mir herüber, und die Flüster-Bemerkung: »Das ist Swedenborg!« – Laut: »Warum gingst du denn nicht auf die Sache los?« – »Ich fürchtete, sie zu stören, Sir. Ich wollte die vollendete Scheußlichkeit erst konstatieren!« – »Welche Scheußlichkeit?« – »Das weiß ich nicht!« – »Worin bestand sie?« – »Es waren Tollheiten.« – »Was für Tollheiten?« – »Es waren Berührungen, Sir,« – rief der Polizist und holte tief Atem – »wie sie vor Gott und der Welt nicht erlaubt sind, es waren Liebkosungen, Entblößungen, Entleerungen, es war ein Gekicher, ein Schleifen, ein Von-sich-Geben, ein Umranken, eine Art Küssen... ein Küssen, Sir...« – »Ja, in drei Teufels Namen, hast du denn niemand gesehen? Zogst du nicht deine Blendlaterne heraus?« – »Sir, es war niemand da. Die Rosen und Magnolen waren unter sich. Auch waren die Geräusche und Berührungen nicht menschliche.« – »Nicht menschliche?« – frug mein Chef – »ja, was war es dann?« – »Sir,« – schrie und schluchzte der junge fanatische Polizist – »die Rosen und Magnolen im Tavistock Park trieben Selbst-Befleckung, es war veritable Pflanzen-Onanie!« –

In diesem Moment sprang Mister Edward Thomacksin, Vorstand der police station of Marylebone Street, wie von einer Tarantel gestochen in die Höhe. Einen Augenblick starrte der alte, ausgemergelte Mann, der, wie mir schien, in seinen Erwägungen hinsichtlich der Angaben des jungen Jonathan sich in einer ganz andern Richtung bewegt hatte, mit glasigen Augen den kühnen Polizisten an. Dann, als er sah, daß hier keine Illusion mehr möglich, streckte der verzweifelte Swedenborgianer krampfhaft die Hände empor, und mit einer veränderten heulenden Stimme, wie ich sie niemals von ihm gehört, schrie er zur Decke hinauf: »Lord, holy Lord, wende ab Dein Aug von der Schöpfung! Das scheußlichste Verbrechen haben jetzt die Rosen, die keuschesten Blumen, glücklich den Menschen abgeguckt. Lord, sie warten nicht mehr auf Deine Erlaubnis für den infernalen Akt. Du hast ihnen die Fähigkeit verliehen, sich zu vermehren. Aber das genügt ihnen nicht. Sie wollen um jeden Preis sündigen. Lord, schicke eine neue Sündflut und verderbe Deine Schöpfung, oder die Welt geht aus ihren Fugen!« – Dann stürzte Thomacksin, dessen Gesicht wie Mörtel geworden war, schluchzend zusammen und mußte fortgetragen werden. – Ich kam bald nach diesem Vorfall von London weg und hatte die Affäre wohl schon vergessen. Erst mehrere Jahre später bekam ich durch Zufall Gelegenheit, mit einem Freund mich über Londoner Neuigkeiten zu unterhalten. Sir Edward, so hörte ich, bekam eine höchst einflußreiche und wohldotierte Ober-Richterstelle und befand sich wohl. Er war sehr dick geworden. Nur der arme Jonathan kam ins Irrenhaus.








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