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Das verbrannte Bett

Alice Berend: Das verbrannte Bett - Kapitel 9
Quellenangabe
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typefiction
authorAlice Berend
titleDas verbrannte Bett
publisherS. Fischer Verlag A.G.
printrunNeunte bis zwölfte Auflage
year1926
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
thirdcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20090225
modified20150128
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Herr Blümel nahm den Brief mißtrauensvoll in Empfang.

Er sah ihm sofort an; daß er von Damenhand gesandt sein müsse.

Er war sich keiner derartigen Bekanntschaft bewußt.

Von Fräulein Konstanze erwartete er keine Antwort. Daß er dem Briefträger seit einigen Morgen stets schon einige Schritte entgegenging, hatte einen ganz anderen Grund. Dies erfolgte nur, weil ihn die Einbildung möglicher Wohnungskündigung quälte. Unbegründet allerdings.

Außerdem war er überzeugt davon, daß Fräulein Konstanze einfaches Geschäftspapier benutzen würde.

Er hatte wieder einmal vergessen, daß Frauen unberechenbar sind.

Als Herr Blümel den Brief geöffnet, die Absenderin erfahren hatte und die vielen geschriebenen Blätter in Händen hielt, war er aufrichtig erfreut. Und zwar, wie er sich sagte, aus dem natürlichen Grunde, daß hier wieder einmal das Briefporto vernunftgemäß und haushälterisch ausgenutzt worden.

Auch der geistige Inhalt befriedigte Herrn Blümel. Er mußte zugeben, daß er einer amüsanten Zeitungsplauderei in nichts nachstand. In diesem Punkt glaubte sich Herr Blümel mit Recht für vollkommen urteilsfähig halten zu dürfen. –

Die Dinge erzwingen sich selbst den Platz, der ihnen gebührt. Herr Blümel bemerkte dies wieder, nachdem er diesen scharmanten Plauderbrief diesem neuen Kollegen mit dem Goldreif vorgelesen hatte in der Frühstückspause, ohne es eigentlich gewollt zu haben. Die amüsanten Bemerkungen über Wien wollten und mußten wohl weiterwirken.

Der zweite Josef war sehr geehrt über das Vertrauen des älteren Vorgesetzten. Er hielt obendrein den hageren, kurzgeschorenen Wortkargen für bedeutend älter, als es der Herr Kanzleioffizial war.

Der junge Kollege vermutete als Absenderin ein Fräulein Nichte.

Gemäß Herrn Blümels bisheriger Anschauung wäre es nur als Schmeichelei aufzufassen gewesen, daß man intimen, weiblichen Briefaustausch überhaupt nicht mit ihm in Gedankenverbindung zu bringen wagte.

Seine Anschauung hatte sich in nichts verändert, natürlich. Sie war nur differenzierter geworden.

Jedoch von jemandem, der selber mit Sonnenlicht aufsaugendem Liebespfand am Finger friedliche Arbeitsträume abblendete, enthielt diese Schmeichelei Grobheit, bedeutete es eine Minderbewertung, anderen Kollegen nur Nichten zutrauen zu wollen.

Die Meinung anderer ändert nichts am Wert oder Unwert des eigenen Selbst. Was jedoch nicht hindert, daß es unnatürlich bleibt, selbst zu eigener Geringschätzung beizutragen, respektive nicht zu verhindern zu suchen, diese zu beseitigen.

Schon aus diesem Grund mußte Herr Blümel Fräulein Konstanzes anmutiges Schreiben beantworten. Ganz abgesehen davon, daß es die geringste wienerische Höflichkeit verlangt hätte.

Es war klar, daß Herr Blümel wünschen mußte, durch Andeutungen auf weiteren Briefwechsel, wenn natürlich auch nur kavaliermäßig, lückenhaft, dem vorschnellen jungen Kollegen anzudeuten, daß selten jemand berechtigt ist, dem anderen weniger zuzutrauen als sich selbst.

Eine Übereilung dieser geplanten Antwort verhinderten die Erwägungen Herrn Blümels, ob er sich zu dieser auch des schweren Büttenpapiers bedienen sollte, das durchaus nicht wohlfeil war.

Erst nach einigen Tagen entschied er sich, bei dem soliden, kostenlosen Kanzleipapier zu beharren. Gerade weil bei Beginn menschlicher Beziehungen nie feststellbar war, wohin sie führen könnten, hielt der Herr Kanzleioffizial Charakterfestigkeit, festbewiesen, von Anfang an für strenge Notwendigkeit. –

Konstanze hatte nicht mehr erwartet, ein neues Schreiben des Wiener Verehrers, wie die fischschmale Nachbarin den Herrn Kanzleioffizial bereits in kurzen, spitzschnellen Nebenfragen benannt hatte, hinter den Spiegel stecken zu können.

Es gehörte dies auch nicht mehr zu den dringenden Bedürfnissen des Tages. Das Sommerleben Konstanzes hatte eine andere Wendung genommen.

Konstanze war dem Tanzteufel verfallen. Mit einem Partner, der äußerlich wirklich vom Fegefeuer hätte zusammengeschmolzen sein können.

Es war der kleine bucklige Herr Kilian, Besitzer des Buchladens gegenüber. Nur wenige Zoll hoben ihn über das Zwergtum hinaus. Sein Brustkorb war gewölbt wie der einer Amme, sein kurzgeschorener runder Kopf schien eine der Schöpferhand des Herrn entglittene Billardkugel. Zufällig gerollt zwischen seine spitzen Schultern und die Schulterhügel. Aber seine Augen waren die eines Fernsichtigen, eines Gottsehers, Kindes oder Künstlers.

Konstanzes hohe Schlankheit erweckte in dem kleinen Herrn Kilian die schreckhafte Freude, die sich ihm als Schuljunge offenbart hatte, als er, geführt vom Lehrer, inmitten der Klassenschar die wundergewachsene Griechenplastik im Museum hatte anstarren dürfen. Und dies auch gewagt hatte, wenn auch mit Beiseiteblick.

Inzwischen war er vom Straßenhändler, durch die Flughaftigkeit der Zeit und die eigene Festigkeit, zum selbständigen Kaufmann geworden. Belesen wie nur einer und doch mit eigener Meinung über alles, was diese Zeit aufwarf an Erfindung, Zerstörung, Umbau, nicht nur auf materiellem Gebiet, sondern auch in politischen, künstlerischen und anderen abstrakten Reichen.

Udo von Silken, wieder Bequemlichkeit halber auch hier liebenswürdiger Schuldner, würdigte Herrn Kilian oft eingehender Gespräche. Bevor er sich verabschiedete, neueste, buntfarbige Magazine leihweise an den erstklassigen Stoff des Ärmels geklemmt, klopfte er Herrn Kilian mit hellgelb belederter Hand auf die spitzkantig nach oben gerichteten Schulterkegel und sagte, daß erworbener Verstand mehr wäre, als ererbte Dummheit.

Herr Kilian empfand diese Vertraulichkeit als Ritterschlag . . .

Das Schokoladenfräulein kaufte alle illustrierten Blätter der Welt bei Herrn Kilian. Sie fand den kleinen Buchhändler apart und romantisch. Seine Augen erinnerten sie an die Blicke der armen stummen Fische in den Verkaufsbottichen der Mutter, mit denen sie von Kindheit an ängstlich versucht hatte, vertraut zu werden.

Zuerst wurde diese Behauptung eigentlich nur aufgestellt, um einen straffen Sportjüngling, der Verabredungen allzu nachlässig nahm, eifersüchtig zumachen. Aber Worte sind Widerhaken, an denen der Sprecher schließlich selbst hängen bleibt. Und Lügen sind gefährlich, weil wir sie schließlich selbst glauben.

Allmählich kreiste die ganze geheime Phantasie der Forellenschlanken um den romantischen Herrn Kilian. Sie bedachte, wie schrankenlos die Leidenschaft eines Menschen sein müsse, der sich vergeblich nach Besitz von Frauen hatte sehnen müssen.

Herr Kilian wunderte sich wohl manchmal über die hungrige Steilheit ihrer blanken Blicke und die Erregtheit ihrer gefahrvollen roten Lippen. Er sagte sich dann, daß die Linie ihres Lächelns irgendeinem von denen gelten werde, mit denen er sie nach Feierabend davonflirren sehen mußte.

Ihren bunten, leckeren Laden hatte er noch nie betreten. Wer reich werden will, kauft keine Süßigkeiten.

Dagegen war Herr Kilian bestzahlender Besucher des Handschuhgeschäftes von Fräulein Konstanze.

Die Handschuhe, die er aussuchte, hatten stets einen Stich ins Kanariengelbe. Auch die Krawatten, gern orangegelb oder grasgrün gewählt, überschritten mit ihrer Grellheit jene paar Zoll, die den guten Geschmack von Geschmacklosigkeit trennen. Und umgekehrt Herrn Kilian an der Höhe seiner Gestalt fehlten. Ebenso wie sein Anzug stets auffällig gemustert war, wie wenn die Unebenheit des Wollstoffs die körperliche glattmachen sollte.

Herr Kilian kaufte die Handschuhe stets ohne Anprobe. Fräulein Konstanze hielt ihn deshalb für einen Frauenfeind.

Herr Kilian aber tat dies aus Vorsicht. Er sagte sich in bittersüßem Ingrimm, ein kleiner Mann ist leicht umgeworfen. Er fürchtete umzufallen bei der Berührung von Konstanzes Fingern.

Aber zu plaudern, wenn auch erst auf der Schwelle, gelang ihm meistens. Er geizte dann nicht mit Kenntnissen, lustigen Lebenserfahrungen, brauchbaren Ratschlägen. Immer waren es vergnügliche Minuten.

Kürzlich konnte Herr Kilian mit etwas Besonderem aufwarten.

Er hatte eine Karte von Udo von Silken erhalten. Sie brachte die Ansicht eines großen Hotels, das ebensogut in Berlin hätte stehen können. Dazu die Mitteilung, daß auch in Melbourne mit Wasser gekocht werde.

Konstanze blickte nur flüchtig auf die Karte. Sie gehörte Herrn Kilian, sie wollte ihn nicht berauben.

Herr Kilian steckte die Karte zurück in seine aufgebauschte Brieftasche, die wie Leder aussah. Er schien um einige Zoll gewachsen.

Auf der Ladenschwelle kam Herr Kilian auf Melbourne zu sprechen und schließlich zu einer Beschreibung des ganzen Australiens.

Konstanze wurde neugierig, wo eigentlich auf dem Globus Australien herumgondelte?

Herrn Kilians Bücherregale waren durch solchen Globus gekrönt.

Konstanze brauchte also nur einen Schritt über die Straße zu tun, um die ganze Welt nach Belieben herumdrehen zu können. Wer ließe sich solche Gelegenheit entgehen?

Die Erde mußte unter Konstanzes großen kräftigen Händen tanzen. Konstanze wünschte Australien näher an Europa zu schütteln.

»Warum?« fragte Herr Kilian. Unruhe in seinen Hundeaugen.

Konstanze vergaß zu antworten. Sie dachte gerade über einen Einfall nach, der ihr durch den Sinn geschossen. Die alte Madam Erde kannte nur altmodische Rundtänze. Jazz und Foxtrott waren der Kugeligen versagt. Die konnte sich nur drehen im ewigen Geleise.

So war man aufs Tanzen zu sprechen gekommen. Herr Kilian hätte niemals gewagt, Fräulein Konstanze zum Tanzen aufzufordern. Obwohl er ein vorzüglicher Tänzer war. Verunstalteten Körpern ist die Leichtigkeit der Wünsche gegeben.

Also mußte wohl von Fräulein Konstanze der Vorschlag ausgegangen sein, daß Herr Kilian sie einmal zum Tanz führen könnte?

Jedenfalls tanzten sie miteinander, Abend für Abend.

Gesprochen wurde nichts. Wer wirklich tanzt, hebt sich auf Zehenspitzen um des Tanzes willen, um jener Befreiung willen, jenes Leichtwerdenwollens im Rhythmus, nach dem unsere Erdschwere beständig sucht.

Herr Kilian verstand, daß er für Fräulein Konstanze wesenlos war.

Er begnügte sich dankbar. Auch Kleingeld bereichert, war eine seiner Lebensdevisen.

Einmal hatte Konstanze mitten im Tanz aufgelacht. Herrn Kilian zugenickt und ihm geraten, spaßeshalber nach Melbourne zu schreiben, daß er jeden Abend tanze.

Auch zu verraten, wer seine Partnerin wäre . . .

Einige Tage später meldete Herr Kilian eifrig Fräulein Konstanze, daß ihr Vorschlag erfüllt wäre. Er hatte nach Melbourne berichtet, daß jemand und jemand jeden Abend zusammen tanzten.

Aber gerade an diesem Tag war dies nicht mehr Wahrheit. Fräulein Konstanze klagte über ermüdete Füße. Das Tanzen wurde aufgegeben.

Herr Kilian war gewöhnt, sich dem Geschick zu fügen. Er begnügte sich nun damit, sich täglich nach der Gesundheit des gnädigen Fräulein Nachbarin zu erkundigen.

Konstanze gewann wieder Zeit für praktische Notwendigkeiten, die der Tanzteufel gewissenlos verdrängt hatte. Im Schreibtischschub schichteten sich geschäftliche Schreiben, sie verlangten Durchsicht, Beantwortung.

Wieder wünschte sich Konstanze irgendwen neben sich, dem sie jetzt diese Umschläge und Blätter voll Fragezeichen und Ziffern hätte zuwerfen können, zu korrektem, kundigem Ausdemwegräumen.

Hier wäre Herr Kilian nicht zu gebrauchen gewesen. Wer mit Spreewasser getauft ist, läßt keinen Nachbarn auf den Grund seiner Kasse sehen, auch nicht den treuherzigsten.

Auch das hatte Udo einmal gesagt. Konstanze hatte es sich zufällig gemerkt.

In dieser Weise beschäftigt, kam Konstanze der Brief des Herrn Kanzleioffizials wieder vor Augen. Sein einfaches Äußere hatte ihn unter die Geschäftsbriefe geraten lassen.

Konstanze erinnerte sich jetzt. Der Briefträger hatte ihn gebracht, als Herr Kilian schon wartend vor der Tür gestanden, sein hellgelbes Mäntelchen ordentlich zusammengelegt über dem kurzen Arm, die übergrüne Krawatte scharf beleuchtet von der Abendsonne.

Solche Augenblicke blieben peinlich, obwohl sich Konstanze vorgenommen hatte, sich um niemanden zu kümmern.

Sie hatte den Brief damals nur flüchtig überlesen. Er berichtete viel von Wien, Herr Blümel erzählte von neuen praktischen Straßenverbindungen, von der Erneuerung von Donaubrücken, Verbreiterung von Gehwegen. Es las sich wie eine Seite aus langweiligem Verkehrshandbuch.

Dazwischen waren die Gedanken der Lesenden zu der Frage gesprungen, ob es wohl auch über Melbourne Reisebücher gäbe. Es hätte Spaß machen können zu wissen, wo dieses europäisch aussehende Hotel gelegen war. Ob am Rand des Ozeans oder an einer Straße?

Konstanze gähnte heute wie damals, als sie das dünne knittrige Kanzleipapier zum erstenmal zwischen den großen wohlgeformten Händen gehalten.

Aber heute bemerkte sie eine Randbemerkung, die sie neulich übersehen hatte.

Das werte, geschätzte, gescheite Fräulein wurde ergebenst befragt, ob sie es für krankhaft erachte respektive als lebensuntüchtig, daß ein Beamter, sonst verläßlich und geachtet von Vorgesetzten wie Kollegen, stark beunruhigt würde, gestört in seiner Tätigkeit, durch nichts als das Blitzen des Verlobungsringes eines neuen Kanzleigenossen?

Konstanze mußte lachen. Sollte das eine Liebeserklärung sein? Oder war der Arme nicht ganz gesund?

Udo pflegte zu behaupten, daß in jedem ein Stück Verrückter stecke. Nur unter diesem Gesichtspunkt lasse sich der Verkehr mit seinen Mitmenschen ermöglichen.

Jedenfalls war diese Randbemerkung eine Frage. Also eine erleichternde Grundlage zur Beantwortung des Briefes.

Konstanze schrieb, daß sich ein Tüchtiger durch nichts beirren lassen dürfe. Ein Berliner würde sich im solchen Fall sagen: Jeder blinkt auf seine Weise.

Aber diese wenigen Sätze füllten nur wenig den großen festen Büttenbogen, auf den zu schreiben ähnlichen Genuß bereitete wie sanfte Musik in der Ferne oder das Zergehen einer reifen Himbeere auf der Zungenspitze.

Konstanze suchte also noch nach einigen Sätzen, die sich schicklich hinzufügen ließen. Nicht jedem jedoch, der zu schreiben sucht, fällt etwas ein.

Es war keine Lüge von Konstanze, wenn sie jetzt mit violetter Tinte auf gelbem Blatt vermerkte, daß Sprechen einfacher wäre als Schreiben. Und weil auch dies noch nicht geholfen hatte, wenigstens eine Seite auszufüllen, so fügte sie hinzu, ob der Herr Kanzleioffizial nicht nach Berlin kommen wolle, um seine Vaterstadt mit der ihren zu vergleichen?

Zu weiterer Raumfüllung malte Konstanze drei große Fragezeichen.

Und dann noch einmal drei, zur Übung.

Sie beabsichtigte Udo von Silken spaßeshalber einen Gruß zu senden, der aus nichts bestehen sollte, als aus solchen wohlgeschwungenen Zeichen der Interpunktion . . .

Konstanzes Schreiben an den Herrn Kanzleioffizial beendeten also sechs Fragezeichen, die in Sorgfältigkeit der Form beinah Violinschlüsseln glichen, die fröhlichen Melodien voranmarschieren . . .

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