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Das verbrannte Bett

Alice Berend: Das verbrannte Bett - Kapitel 7
Quellenangabe
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typefiction
authorAlice Berend
titleDas verbrannte Bett
publisherS. Fischer Verlag A.G.
printrunNeunte bis zwölfte Auflage
year1926
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
thirdcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20090225
modified20150128
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Das Leben wird schwer, sobald wir uns die Zukunft vorstellen wollen. Wahrscheinlich, weil solches Tun unnatürlich ist. Wie könnte die Rose verschwenderisch zu blühen, zu leuchten und zu duften vermögen, würde sie darüber grübeln, daß wenige Tage nur später sie vielleicht nichts sein wird als ein kahler häßlicher Stengel. Wie könnten es die Bäume fertigbringen, ihre Blüten, Früchte, ihr Sorglosigkeit zurauschendes Laub freudig zu wiegen im Hellen wie im Dunkeln, bedächten sie, wann Sturm nach Sturm sie kahl schütteln, wie bald sie der Winter schwer mit Schnee belasten werde. So lang einer noch nicht dahinter gekommen, daß heute heut ist, wird er sein Leben nicht zu balancieren verstehen.

Herr Blümel selbst hatte sich diese Nachdenklichkeit zurechtgelegt. Sich als Kommentar dazu erläutert, daß frühes Altwerden der Ehemänner damit in Verbindung zu bringen wäre. Ehemänner hatten nicht nur an die eigene, sondern sogar an die Zukunft anderer beständig zu denken.

Das Standesamt war eine Guillotine.

Jedermann, der dort ehelich eingeschrieben, wurde dort um ein Stück Lebenszeit verkürzt.

Aber Anschauungen sind wandelbar, wenn wir auch selbst immer die gleichen bleiben.

Seit der neue Herr Kollege dicht neben den Herrn Kanzleioffizial gerückt war, hielt es Herr Blümel für möglich, daß nicht, wer allein steht, am festesten steht, sondern daß vielleicht zwei Einige eine Riesenkraft im Widerstand bilden könnten. Daß sich nicht zum mindesten manche Unannehmlichkeit verringern, wenn nicht sogar unwirksam machen ließ, indem man sie jemandem wirklich Anteilvollen auseinandersetzte. Jemand, dessen Los so eng mit dem eigenen verknüpft war, daß er schon allein aus Selbstschutz genötigt war, nichts von den anvertrauten Besorgnissen weiterverlauten zu lassen.

Wie beispielsweise diese Beunruhigung, diese Friedensstörung, die der neue Kollege auf Herrn Blümel ausübte.

Der Verlobungsring am Finger dieses Neuen schien Morgen nach Morgen schärfer zu blitzen, warf Kringel in Blümels Augenglas, beeinträchtigte den Blick, mußte allmählich schädigend auf die Diensttüchtigkeit wirken.

Die Handschrift des Neuen, seine Schnelligkeit, Ziffern und Namen zu finden, im Gedächtnis wie in den Akten, reichte dicht an die bewährte, gerühmte, bestgekannte des Herrn Kanzleioffizials heran.

Er selbst, dieser zweite Josef, bildete sich vielleicht sogar ein, seine Leistungen überragten die des Älteren. Meinungen sind übertragbar. Möglich, daß schließlich die Kollegen, die Vorgesetzten, alle zur Mißgunst stets bereit, schon das gleiche dachten.

Eine kluge Gefährtin würde wahrscheinlich klarzulegen verstehen, daß es sich nur um Schrullen, allzu geringe Selbstunterschätzung, um übermäßige Empfindsamkeit handelte. Würde an die eigenen Vorzüge und Verdienste des Beunruhigten erinnern, diese womöglich vergrößern, wie es die Blicke des Gefühls gern tun. Das könnte wohltuende stützende Wirkung üben. Der Mensch neigt nun einmal dazu, andern mehr zu glauben als sich selbst.

Einer Frau, die durch Selbständigkeit Lebenserfahrung gewonnen, wäre dergleichen vielleicht nicht unmöglich.

Nebenbei gedacht, traute Herr Blümel blonden Frauen mehr Klarheit, Bewußtsein im Denken und Gefühl zu als Brünetten. Und von diesen Blonden wieder den hochgewachsenen Schlanken mehr als den Üppigen. Äußere Fülle verhindert innere.

Solches Versenken in Nachdenklichkeit über Möglichkeiten hätte manchen andern von praktischen Dingen zurückgehalten.

Das war bei Herrn Blümel nicht der Fall. Trotz alles Gedankengedränges über Mögliches und Unmögliches, trotz dieses Abwägens zwischen Richtig und Unrichtig, hatte er an einem dieser Tage den Laden von Fräulein Steffi Pichler betreten, um den notwendigen Handschuhkauf vorzunehmen. Ordnung muß sein. Er bedurfte nun einmal dieses Gegenstandes.

Wenn auch nicht gerade im Augenblick. Er besaß noch zwei Paar Sommerhandschuhe, Gelegenheitskäufe, im Winter gekauft, doch war sein Prinzip, daß rechts im Mittelfach des Wäscheschrankes drei Reservepaare zu liegen hatten.

Fräulein Pichler bediente den Herrn Kanzleioffizial mit größter Höflichkeit. Obwohl diese neue Kundschaft nach dem einzigen Paar fischte, das, als Lockangel ins Schaufenster gelegt, keinen Gewinn abwarf.

Sie erkannte Herrn Blümel nicht wieder. Sein Gesicht erinnerte sie zwar an jemand. Aber sie sagte sich, so sehen sie alle aus, die an Schaltern und unter Bürolampen auf Einzelstühlen das Leben verhocken.

Steffis Geschäftslächeln vertiefte sich, es glitt zur Kasse, auf der das Bild des Rennfahrers zu finden war, neben einer roten Rose . . .

Es gibt verschiedene Arten Gewinn. Auch dieser Verkauf sollte sich für Steffi Pichler lohnen. Ihr Frohsinn wurde um ein gut Teil Vergnüglichkeit bereichert, als sich der schmale blasse Herr beim Anpassen der Handschuhe zierte wie ein Backfisch und bei jeder Berührung errötete wie ein Gymnasiast.

Dabei versuchte er mit sandtrockener Stimme von dem schon allzu tief gesetzten Preis noch etwas abzuhandeln.

Geiz erweckt Verschwendungssucht. Steffi setzte kühn den umzurechnenden Preis noch um ein Drittel herab und sog mit Genuß die Sommerluft ein, die süß mit Jasmin- und Rosenduft durchtränkt durch die weitgeöffnete Tür wehte. Sie erinnerte daran, daß draußen Gärten lagen und weiterhin als grüner Kranz der Wiener Wald, durch den man hügelauf, hügelab sausen konnte auf dem Motorrad, aufsitzend hinter dem Sattel, die Hände gestützt auf breite Mannesschultern. Das ganze Gesicht Steffis, rosig, rund, mit kurzer Nase und Grübchen im Kinn, war jetzt ein Lächeln.

Herr Blümel konnte sich Steffis heitere Miene nur auf seine Weise deuten, somit nicht richtig auffassen. Das sollte mancherlei Irrung zufolge haben. Ein falsch gedeutetes Lächeln hat manchen Lebensweg ins Zickzack gebracht.

Herr Blümel nämlich glaubte, doch von Steffi erkannt zu sein. Und nur aus Neckerei als gänzlich Fremder behandelt zu werden.

Als Spielball weiblichen Übermutes wünschte er jedoch, nicht genommen zu werden.

Und darum erinnerte er kurz und bündig an das Bekanntwerden durch Fräulein Konstanze.

Einmal dazu genötigt, erfüllte er auch die Pflicht, sich nach dem Grund der plötzlichen Abreise zu erkundigen, sowie nach dem genauen Aufenthaltsort der gemeinsamen Bekannten.

Um die Rose zur Seite des Rennfahrerbildnisses summte eine Hummel den Ewigkeitssang vom blütenreichen Sommer. Sie mahnte Fräulein Steffi daran, daß es im Wiener Wald neben den schnellen breiten Wegen auch versteckte Winkel gab zum Rasten, zwischen Federnelken, Butterblumen, schnappendem Löwenzahn und Käfergesurr, alles miteinander wohlig gewärmt von Sonne, von Gottes- und von Nächstenliebe.

Der tiefe Brummsang dieser Hummel, dieses Tiers mit Flügeln und Stachel, war es vielleicht, der Fräulein Steffi, völlig in Ungewißheit über Konstanzes Entschlüsse, Pläne, Ziele, zu antworten reizte, daß Fräulein Konstanze anscheinend enttäuscht von Wien gewesen wäre. Steffi wünschte nicht indiskret zu sein, doch dürfe jeder wohl eigene Meinung weitergeben. Ihr sei es vorgekommen, als habe Fräulein Konstanze, obwohl der Grund ihrer Reise ein geschäftlicher gewesen, hier Privatgefühle gefunden. Sie wäre merkwürdig wechselvoll gewesen in Launen wie in Entschlüssen. Es schien, wie wenn sie sich dauernd nach Wien gewünscht hätte und doch zu keinem Entschluß hatte kommen können. Ein Entschluß, der auch für Fräulein Steffi nicht ohne Bedeutung gewesen wäre.

Das letzte hörte Herr Blümel nicht mehr. Fräulein Pichlers Privatangelegenheiten bekümmerten ihn nicht.

Außerdem beeilte er sich, der Dame zu versichern, daß er sich hier nur ganz im allgemeinen als wienerischer Kavalier erkundigte. Da er befürchtet hätte, daß der unvermuteten Abreise der Berlinerin ein Trauerfall oder sonst etwas Betrübliches zugrund hätte liegen können. Zumal er ihr im Namen eines Dritten noch eine Mitteilung, natürlich geschäftlicher Art, weiterzuleiten habe, wozu die genaue Adresse der Dame natürlich Vorbedingung. Fräulein Steffi schrieb diese Adresse geschwind nieder mit den großen steilen Buchstaben, die sie sich schon als Lehrmädchen eingeübt hatte, nach dem Vorbild einer erzherzoglichen Unterschrift, gefunden in einem illustrierten Blatt. Denn damals träumte sie von Trauung linker Hand in Schloßkapellen, mit späterer Erhöhung in den Adelstand. Gereifter nun, doch frisch noch wie die neue Zeit, wußte sie, daß Kraft und Mut Adel verleihen und Glückseligkeit.

Blümel wünschte weiter zu beweisen, daß sein Besuch hier im Laden nicht etwa als Privatangelegenheit aufzufassen wäre.

Er sagte also, während Fräulein Steffi die gewünschte Auskunft notierte, daß er gewillt wäre, zwei Paar dieser Handschuhe mitzunehmen, wenn sie als Sechsteldutzend billiger berechnet würden.

Die Hummel summte unverdrossen. Steffi dachte, wer weiß wozu es gut sein könne, das Glücksgefühl eines Geizigen zu erhöhen. Sie sagte zu.

Als der Herr Kanzleioffizial zufrieden in vieler Beziehung das zweite Paar Handschuh anprobierte, lachte Steffi und sagte, daß bei einem Einkauf von zwei Paar Handschuhen eigentlich eine Gratiswahrsagung aus den Handlinien Geschäftsgebrauch bei ihr wäre. Sie habe das Wahrsagen einmal gelernt drüben im Tschechenland.

Herr Blümel zeigte sich heftig abweisend. Er benannte Wahrsagung unrechtmäßige Beihilfe zur Verwirrung gesunden Sinnes, zur Verminderung praktischer Nüchternheit, kurzum zur Erhöhung weitverbreiteter, höchstbedauerlicher Fahrlässigkeit.

Jedoch als er sich den zweiten Handschuh anpassen ließ, im Argwohn, daß billiger Preis mit Mottenschaden etwaig in Verbindung stehen könne, sagte sich der Herr Kanzleioffizial, daß es Vergeudung wäre, etwas nicht mitzunehmen, was in einem Kauf einbegriffen wäre. Mochte ihm also gewahrsagt werden, glauben konnte er noch immer davon, sowenig wie ihm beliebe.

Er vertraute also die Innenfläche seiner Linken Fräulein Steffi an, zu näherer Durchsicht.

Die junge Dame ließ die rosenlackierte Fingerspitze ihres rechten Zeigefingers auf den scharfgezeichneten Handlinien vorwärts tasten, langsam feierlich, als blicke sie direkt in die Zukunft hinein.

Wahrheit erfahren zu wollen ist immer eine kitzliche Sache.

Herr Blümel fühlte dies aufs neue bestätigt.

Fräulein Steffi murmelte, daß Herr Blümel freigebig sei, leidenschaftlich, zynisch, willensstark. Alles im Leben werde ihm glücken. Nur nach dem Tode scheine ihn etwas Unangenehmes zu erwarten.

»Welcher Art?« fragte Herr Blümel heftig.

Er glaubte kein Wort von alledem. Aber Unannehmlichkeit bleibt Unannehmlichkeit.

Steffi lächelte verschmitzt. Sie sagte, in das Reich zu blicken, das hinter dem Leben lag, lerne man nicht einmal bei den Tschechen. Doch denke sie, daß sich der Herr Kanzleioffizial um so weit hinausgeschobenes Pech nicht zu beunruhigen brauche.

Draußen brauste der Mittagslärm der Stadt, Glockengeläut vom hohen Himmelszeiger des Stefansturms, das Surren der Autos, Omnibusse, Trambahn, der ganze Globus schien Steffi ein blumenbesteckter Motor, geführt von einem einzigen, der in Steffi den Mittelpunkt des ganzen Spektakels sah.

Steffi lächelte verschmitzt, wie würde man miteinander lachen, wenn sie diesem Einzigen dies Geschichtchen von dem Herrn Kanzleioffizial berichtete. Nie waren Liebesfreuden heftiger, als nachdem man gelacht hatte, daß der ganze Körper ins Beben geraten war und man befürchtet hatte zu ersticken.

Herr Blümel zahlte.

Er warf die Münzen lässig auf den Tisch, wie es Freigebige zu tun gewohnt sind.

Als er den Zettel mit Konstanzes Adresse in seine Brieftasche legte, zog er den Mund schief zum Lächeln des Zynikers.

Aber als er den Laden verließ, stolperte er. Seine Gedanken hatten ihn schon weit über diese Schwelle hinwegdenken lassen, denn er grübelte über Möglichkeiten, die einem ehrbaren, strengkorrekten Menschen nach dem Tode zustoßen könnten . . .

Wir haben über nichts Gewißheit. Nie können wir sagen, wie wird es enden. Kaum, daß wir von der Vergangenheit wissen, wie sie gewesen.

Würde jemand Konstanze gefragt haben, warum sie Wien plötzlich verlassen hatte, um wieder in Berlin zu sein, sie hätte keine Antwort geben können.

An jenem Tag, der die Stunde ihrer Abreise mit sich führte, ohne daß sie es am Morgen gewußt hatte, war sie in den Park von Belvedere gegangen. Hatte sie gewünscht, dem Herrn Kanzleioffizial zu begegnen? Vielleicht. Diese Sommertage beunruhigten. Wäre eine korrekte Ehe nicht Zuflucht, Geborgenheit auch vor sich selbst? Könnte es nicht herrlich beruhigend sein, sich beschützt zu wissen, jemand zur Seite zu haben, der alles Ziffernhafte gewissenhaft übernehmen würde, was der Morgen jedes Alltags auf den Frühstückstisch warf und das in keinem Kassenbuch von selbst zur Ruhe kam, auch wenn der Feierabend dunkelte?

Obendrein ein Jemand, durch den man nie in beschämende Eifersucht versetzt werden könnte, kein Moderner, zu dessen Anschauung es gehörte, daß man Liebe und Ehe nicht miteinander verwechseln dürfe.

Eine Meinung, die zum Bestand von Udo von Silkens Weltanschauung gehörte. Wenn seinen Worten zu trauen war.

Feindschaft mit Udo wäre aus diesen Gründen nicht nötig. Jeder mußte verbraucht werden, wie er gewachsen. Udo könnte zu Gast kommen. Als Besuch war er famos. Immer brachte er Heiterkeit, wußte er Neues über irgend etwas in der Welt, was den Geist in Bewegung brachte.

In Wien, der Stadt der Galanterie, vermochte man mit Berliner Tüchtigkeit, Zähigkeit und Preisfestigkeit vielleicht schneller zur Ersparnis zu kommen, als mancher glaubte. Zumal das Wirtschaftliche von einem Ehemann getragen sein würde. Wer konnte wissen, wie bald man sich ein Auto anzuschaffen vermochte, Udo würde sich gewiß mit Vergnügen als Chauffeur hergeben. Würde für diese Bemühung tagsüber allein herumsausen können, auch Benzin ist ja en gros um so billiger, bis er am Feierabend vorfahren würde, um Konstanze abzuholen. Natürlich auch ihren Ehemann.

Aber vielleicht sagte schnelles Autofahren dem ruhigen Herrn Kanzleioffizial nicht recht zu. Dann konnte er indessen frei und ungehindert einen kleinen Spaziergang unternehmen. Gegenseitige Rücksichtnahme mußte Grundbedingung sein in jeder ehrlichen Ehe.

Zärtlich hatte Konstanze niedergeschaut von der Terrasse des Belvedere auf die liebe Heimatstadt der Musik, die im Sonnenlicht geglänzt hatte, grünumkränzt von Wäldern und Wiesen.

Und irgendwo sang natürlich eine Geige . . .

[Eine] Begrüßung hatte Konstanze aus betrachtender Versunkenheit aufgestört.

Es war nicht der Herr Kanzleioffizial gewesen. Ein Freund Udo von Silkens war hier zufällig mit Konstanze zusammengetroffen. Seine Fahrt sollte nach Triest gehen und von dort an weiter, unbekannt noch wohin.

Er war Udo grad am Tag seiner Abreise begegnet, in einem Kaufhaus.

Udo war im Begriff gewesen, sich den billigsten Schiffskoffer zu kaufen, den man auf Lager hatte. Aber mit der Überlegenheit eines fürstlichen Oberhaupts und wie ein solches auch bedient. Von drei jungen Damen zugleich, die darin wetteiferten, ihm die Tüchtigkeit der einschnappenden Schlösser, die Pracht der Lederimitation klarzumachen. Ihre Hingebung hätte den strengsten Chef befriedigt.

Von diesem Bericht ganz in Anspruch genommen, hatte Konstanze eine steife Gestalt zwischen zwei sehr lebhaften. Damen bemerkt. Die sie an irgend jemand erinnerte, mit der wohl eigentlich ein Gruß hätte getauscht werden müssen. An der sie aber längst vorüber war, als sie noch immer überlegte, wozu sich Udo mit einem Schiffskoffer versorgte. Seereisen dauern lang, viel kann sich inzwischen zutragen.

Konstanze wurde sich in diesen Augenblicken klar, daß ihre geschäftlichen Angelegenheiten in Wien eigentlich beendet waren. Daß längerer Aufenthalt nur nutzlose Ausgaben verursachen würde.

Der Anblick Wiens stimmte sie jetzt traurig. War diese Stadt nicht totenstill gegen das brausende Berlin? Und immer von irgendwoher diese schwermütige Geige, sicherlich gespielt von einem Bettler vor dunklem Torgang.

Berlin war kälter, es fehlte ihm der zarte Vorhang großer Vergangenheit, aber dafür war es klarer, heller, ein breites Tor der Zukunft. Hatte dort der Wald weiter zurücktreten müssen, machte dafür der einzelne größere und schnellere Schritte. Für Gärten erübrigte sich selten ein Raum, aber die kleinen Balkone, zumal die der Dachwohnungen, so wie Konstanze einen zu eigen hatte, waren Flugbote in Luftwellen über steinernem Meer. Bewimpelt vom Bunt der Geranien.

Das Sausen des Weltalls überbrauste dort den eigenen Herzschlag, der nur ein kurzes Menschenleben abzuhämmern hatte. Über keinen der vielen Bäume, die dort drüben den grünen Wald zusammensetzten, gingen so wenig Sommer hinweg wie über den Menschen. Kostbar darum jeder Augenblick.

Wenige Stunden später war dann Konstanze vorübergefahren an diesen Bäumen und Wäldern, als das Abendlicht Rosen auf sie pflanzte . . .

Rosen hatte sie auch in den hübschen Vasen gefunden, die ihren zierlichen bunten Handschuhladen aufzufröhlichen verhalfen, bei ihrer Rückkehr. Es war ihre Vertreterin gewesen, die für diesen Begrüßungsschmuck gesorgt hatte.

In dem tadellos geführten Hauptbuch bemerkte Konstanze, daß sich der Kredit des Herrn Udo von Silken um eine volle Seite verlängert hatte.

Udo hatte selbst mit Bleistift dazu geklammert: Glückliche Sommerzeit, wo alles wächst.

Dies sollte wohl eine Art Abschiedsgruß sein. Herr von Silken hatte inzwischen eine Seereise angetreten, Ziel und Grund waren nach Bericht von Konstanzes Stellvertreterin, in viele Scherze eingewickelt, nur angedeutet worden.

Denn das war wohl nicht ernst zu nehmen, daß Udo von Silken seine Sprachkenntnisse, Eleganz und Beherrschung erstklassiger Manieren endlich pekuniär ausbeuten wollte als Hotelportier auf einem besseren Erdteil, als es Europa wäre. Um sich dann im Vermögen der Unabhängigkeit die Frau nehmen zu können, die er haben wollte.

Jedenfalls schien er allein gereist zu sein, das Konto erwies nur Einkauf von Herrenhandschuhen . . .

Konstanze mußte beobachten, daß es auch in ihrer Heimatstadt Geigen gab, die immer gespielt wurden.

Irgendwo hinter einem Fenster oder vor einer Tür wurde Musik gemacht. Kein schwermütiger Wiener Walzer, ein kräftiger Jazz wurde heruntergepeitscht. Er weckte keine Tanzlust in Konstanze. Er brachte sie nur auf den Gedanken, daß die Welt überall gleich wäre voll Wiederholung und Unerschöpflichkeit und darum wohl köstlich und traurig zugleich.

Dabei probierte sie höflich auf sommerheiße Finger Handschuhe, benutzte die freien Augenblicke, die Rosenstengel in engen Vasen zu beschneiden, damit sie länger blühten.

Als sie zu gleichem Zweck noch Salz in das Blumenwasser streute, dachte sie, daß auch der Ozean salzige Flut sei und viele Schiffe darüber hingehen . . .

*

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