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Das verbrannte Bett

Alice Berend: Das verbrannte Bett - Kapitel 6
Quellenangabe
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typefiction
authorAlice Berend
titleDas verbrannte Bett
publisherS. Fischer Verlag A.G.
printrunNeunte bis zwölfte Auflage
year1926
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
thirdcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20090225
modified20150128
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Wissen gibt Sicherheit. Herr Blümel hätte sich unbesorgt vor unliebsamen Begegnungen Café und Zeitung zuwenden können.

Merkwürdigerweise war ihm jedoch jetzt gleichgültig geworden, was sich in Japan Entsetzliches begeben hatte. Selbst naheliegende Neuigkeiten, wie den Kampf der Sängerinnen, glaubte er entbehren zu können.

Schließlich verfügten wohl alle diese Leute über Nahestehende, die mit ihrem Schicksal verknüpft waren und deren Pflicht es war, sich um sie zu kümmern.

Der Lindenduft heute abend war unerträglich. Diese gesteigerte Süßigkeit der Luft drängte sich in alle Blicke und Bewegungen. Der Zuckergeschmack des Blütenduftes legte sich auf die festverschlossensten Lippen.

Lächerlich, aber man wurde gezwungen, an zärtliche Berührung verschiedenster Art zu denken.

Im Stadtpark perlten zudem Wiener Walzertakte, vortrefflich gespielt.

Blümel, der Wiener, bedurfte solcher Abendmusik wie der Münchner seines Bierschoppens.

Heute dünkte ihm dies alles zusammen beinah zuviel.

Er fühlte sich einsam.

Vor wenig Wochen noch hätte der Herr Kanzleioffizial jeden für närrisch gehalten, der ihm zu sagen gewagt hätte, er könne sein Alleinsein einmal bedauern.

Immerhin durfte sich Herr Blümel zu seiner Rechtfertigung sagen, daß er sich dieser Schwäche voll bewußt war. Obendrein mutig genug war, sich selbst die Schuld daran zuzuschieben. Fehler, die man einsieht, sind halbe Fehler.

Jedoch mußte sich Herr Blümel eingestehen, daß gerad aus halben Sachen gern ganzes Unglück entsteht.

Ein Mann seiner Gesinnung, von seinen Grundsätzen hätte jeder weiblichen Bekanntschaft aus dem Weg gehen müssen, ohne Ansehen der Persönlichkeit.

Wie er es bisher durchgeführt hatte. Für Pflichtmenschen darf es keine Ausnahmen geben. Ausnahmen sind Selbstbetrug. Jeder Betrug jedoch untergräbt die Ruhe und somit die Lebenskraft.

Denn alle Gespräche wirken nach. Selbst wenn sie im Freien geführt worden und sofort vom leichten Sommerwind verweht schienen. Sie leben, wirken, wachsen weiter. Kein Hauch, keine Bewegung im Weltall ohne Nachwirkung. Wer das weiß, wer sich dessen bewußt geworden, hätte nicht so leichtsinnig handeln dürfen, wie es sich Herr Blümel jetzt vorzuwerfen hatte.

Bei gleichem Walzerklang hatte Fräulein Konstanze behauptet, daß alle Kinder schön wären.

Diese Worte wehten wieder hervor in dem Lindenduft. Herr Blümel konnte nichts daran ändern. Vor Naturgesetzen muß jede Tatkraft haltmachen.

Herr Blümel, solchem Zwang gehorchen müssend, fühlte sich genötigt, über Fräulein Konstanzes Behauptung nachzudenken.

Er überlegte, ob es nicht Pflicht eines nach Ehrsamkeit, Vervollkommnung Strebenden wäre zu versuchen, einer Vaterstadt, die als Kleinod der Kultur galt, tadellose Mitbürger zu schenken.

Ein Sohn, in die Welt gesetzt, mit männlich reifer Überlegung und bei vollem Bewußtsein, würde vielleicht eines jener nützlichen, förderlichen, notwendigen Individuen werden, wie sie die Welt stets dringend benötigt, zumal die einer alten Kultur.

Vielleicht lohnte es sich, die Masse der kleinen Sorgen aufzuladen, um ein Geschöpf aufwachsen zu sehen, das alle Vorzüge besaß, die man sich selbst gewünscht hatte. Stattliche Figur, Kühnheit in Wort und Blick, Sicherheit im Reisen, Raschheit des Entschlusses im Umgang mit jedermann. Einer von denen, die durch die Spiegeltüren der Luxusgeschäfte so geschickt und vertraut aus- und einzugehen verstehen wie der Fromme durch die Dompforten. Einer, der zu Haus im tiefen Sessel sitzt, im flauschigen oder seidenen Hausrock, je nach der Jahreszeit, und der niemals erfährt, wie leicht ein bis zur Fadenscheinigkeit gebürsteter Beamtenrock Staub annimmt und allmählich eng wird wie eine Zwangsjacke.

Solch Liebling des Geschicks vermochte möglicherweise auch einer von jenen zu werden, die auf den Feldern der Kunst und Wissenschaft blühten. Auch solche wuchsen schließlich nicht aus dem Erdboden. Im Gegenteil, sie entstammten oft recht bescheidener Herkunft. Jede Zeitung brachte täglich Beispiele davon.

Wenn sich Herr Blümel nicht irrte, leitete man im allgemeinen Spezialeigenschaften des Genies vom Wesen der Mutter her.

Trotz Geringschätzigkeit aller Weiblichkeit wollte sich Herr Blümel dieser Möglichkeit nicht verschließen.

Im besonderen Ausnahmefall. Für die Entwicklung der Nachkommenschaft zu sorgen, war nun einmal eigenstes Gebiet der Frau. Hier war sie sozusagen als Fachmann hinzunehmen.

Der Walzer verklang. Die Luft wurde kühler, Tau schluckte dem Blütenduft die allzu große Weiterwirkung fort.

Herr Blümel sagte sich, daß er dieses Vaterproblem nur rein theoretisch mit sich erörtert hatte.

Ein Lokomotivenpfiff fegte den zarten Nachklang der Dreivierteltakte scharf hinweg. Der aufdringliche Ton durchschnitt Herrn Blümels Grübelei. Aber er zwang auch seine immer bereite Nachdenklichkeit dazu, ganz unfreiwillig an Reisende zu denken und damit schließlich an das die Sommernacht durchfahrende Fräulein Konstanze. Reiste sie allein? Falls dem Weizenblonden Begleitung gestattet war, würde er sich gewiß korrekt benehmen. Vermutlich aber auch mit aller kavaliermäßigen Übertreibung der Höflichkeit, die auch von Frauen ernster Anschauung leider übermäßig geschätzt wurde.

Die Musik hatte wieder eingesetzt. Ein einzelnes Waldhorn spielte: »Ach wer doch so mitreisen könnte in der herrlichen Sommernacht.«

Niemals hatte Herr Blümel so deutlich bemerkt, welch plumpes Instrument das Waldhorn war. Wie begrenzt seine Taktmöglichkeiten.

Dieses Geblase trieb Herrn Blümel immer weiter aus dem Stadtpark fort, schließlich über die Donaubrücke dem Prater zu.

Erst als es zu spät war, wurde er sich bewußt, daß er vom Regen in die Traufe gekommen. Hier tobten die grellen Orgeln der Karusselle, Rutschbahnen und Schaukeln in ungehörig zusammengeschweißten Tonsprüngen wildverschlungen durcheinander.

Erst einmal hier ungewollt dazwischen, war es kein Wunder, daß sich Herr Blümel der tätowierten Dame im perlenverhangenen Zelt erinnerte.

Wie das so ist, sie wurde Herrn Blümel sogar zum Probefeld seiner Gedächtnisprüfung. Herr Blümel wunderte sich wieder selbst einmal, wie wenig leichtsinnig er veranlagt war. Denn das einzige, was ihn im Augenblick mit diesem verfänglichen Feld beschäftigte, war die Selbstprüfung, wieweit sich sein trainiertes Gedächtnis auf die einzelnen Tätowierungen festgelegt hatte. Sich ihrer erinnerte, klar und bestimmt in der Zeichnung an sich wie auch insbesondere der Körperteile, an denen sie angebracht waren.

Er stockte plötzlich nicht ohne Erschrecken. War die Kraft seines Gedächtnisses im Abnehmen? Er wußte plötzlich nicht mehr, ob der merkwürdige Anker mit Pfeil und Stern sich unter der linken Achsel befunden hatte oder unter der rechten?

Er konnte nur hoffen, daß der Grund dieser Gedächtnisschwäche in der Gleichgültigkeit lag, die er dieser Unwichtigkeit beigemessen hatte.

Immerhin, ein Mann der Gewissenhaftigkeit muß alles, was er gesehen und was er erlebt, so genau wissen, daß er es beschwören könnte.

Einmal im Zweifel an seinem Wissen foltern, bohren, zwacken ihn Nachdenklichkeit, Ungewißheit, es zu versuchen, selbst mit Opfern zu erlösender Genauigkeit zurückzufinden.

Rettungspflicht gegen sich selbst zwang ihn, die Unwissenheit des Halbwissens gegen exakte Zweifellosigkeit einzutauschen, wo es die Möglichkeit dazu gab.

Und die war da. Herr Blümel war zufällig direkt vor das Zelt geraten.

Gerad wurde die tätowierte Schöne einen Augenblick lang, verschleiert, sichtbar hinter schnell zurückgeschlagener und wieder niederfallender Zeltwand. Während ein Tamtam derart ungehörig lautschmetternd geschlagen wurde, daß man die eigene Wirbelsäule sich wie einen Schlangenleib schlängelnd zu fühlen glaubte.

Der Anpreiser, vorm schmalen Zelteingang mit Türkenmütze und Schärpe breitbeinig aufgepflanzt, rief, daß nur die schönen Damen hereinzuspazieren brauchten. Wenn Eva vorangehe, folge Adam nach.

Darüber ärgerte sich Herr Josef Blümel ernstlich.

Dieses herabgekommene Individuum von Marktschreier setzte wieder einmal die ganze Männlichkeit herab, zugunsten dieses sogenannten schönen Geschlechts.

Ein wahrer Mann braucht keine weiblichen Vorbilder. Weder bei großen Entschlüssen noch bei kleinen.

Resolut und aufrecht schritt der Herr Kanzleioffizial, die Perlenstreifen teilend, in das Zelt hinein als erster und einziger.

Moschus und Tätowierung mischten sich hier zu merkwürdigem Dunst.

Der Herrn Blümel anekelte.

Dafür erfreute er sich jedoch bald der Erleichterung, feststellen zu können, daß sich seinem Gedächtnis noch nicht die geringste Verminderung nachsagen ließ.

Der Anker mit Pfeil und Stern befand sich genau an der Stelle, wo ihn der Herr Kanzleioffizial gemutmaßt hatte.

Die Tätowierte war kitzlich. Ein bekanntes Merkmal für Unbeherrschtheit des Weibtums. Aber Herr Blümel, beeifert von seinem gewissenhaften Feststellungswunsch, ließ sich weder beirren noch hindern. Doch achtete er diesmal auf seine Brieftasche.

Als er das Zelt verließ, sagte er sich, wenn ich manchmal tue, was viele andere tun, so tue ich es weder aus Frivolität noch Gewohnheit, sondern aus Gründen der Hygiene sowohl wie denen des Mitleids und der Nächstenliebe. Und auch dies, nur bezwungen von zufälligen Umständen, also nicht aus eigenem, freiem Willen . . .

Am andern Morgen fand der Herr Kanzleioffizial Blümel einen neuen jungen Beamten in das gewohnte Viereck der Kanzlei gerückt.

Herr Blümel, Feind jeder Art von Veränderung und heute Morgen nicht ganz unbelastet in der privatesten Abteilung seines Gewissens, prüfte den Neuling scharf.

Er war bedeutend jünger als Josef Blümel. Steckte in ihm der vorzeitige Nachfolger?

Josef Blümel blickte noch schärfer.

Der Neue nannte seinen Namen und fügte reichlich viel Verbeugung hinzu.

Damit war weder viel gesagt noch getan.

An Namen war nur bemerkbar, daß der Höfliche den gleichen Rufnamen mit Josef Blümel teilte.

Herr Blümel mußte plötzlich an Josef I., Josef II. denken, an Kaiser und Könige, die hintereinander regierten, die einander ablösen mußten, ob der vordere wollte oder nicht.

Jedesmal, wenn Josef Blümel in das Café am Graben ging, versagte er es sich nicht, den kleinen Umweg um die Kapuzinerkirche zu nehmen, in deren Gruft vierundvierzig Kaiser und Kaiserinnen, Erzherzöge und Erzherzoginnen ruhten, darunter die große Maria Theresia. Was hatten sie nun von ihrer Herrlichkeit? Josef Blümel war nur Kanzleioffizial, bescheiden im Budget, aber er lebte. Unerhört wohltuend war es bei solcher Feststellung, die Beine zu großen Schritten zu bewegen, in das Café zu treten, den Duft der braunen Wunderbohne schon vorschmeckend einzuatmen.

Beim Durchblitz solcher Rückbezüglichkeiten hatte Josef Blümel am linken Ringfinger des Neuen den glatten Goldreif bemerkt, der in seinen Augen jeden Mann entmännlichte.

Dieser schmale Goldstreifen war vielsagender als Namensnennung, Lächeln und Verbeugung. Er verriet Herrn Blümel, daß, der ihn trug, hartnäckig, rücksichtslos, eisenfest nach Titel, Beförderung, Besoldungsverbesserung strebte. Daß nach jedem Büroschluß auf ihn die Frage aus weiblichem Munde lauerte: »Nun?«

Auch Lächeln kann Drohung sein.

Aber Blümel war nicht der Mann, der sich mit seinem Erkennungsvermögen wichtig machte. Er ließ diesen zweiten Josef nichts von seiner Beobachtungskraft spüren.

Im Gegenteil, er erwiderte dieses Lächeln. Erhöhte den Wert heimatlicher Liebenswürdigkeit sogar noch durch einige verbindliche Begrüßungsworte und widmete sich dann seiner Pflicht.

Diese Überwindung ließ ihn bedenken, wie einsam, armselig ein Mensch sei. Er lächelt selbst denen zu, von denen er weiß, daß sie einmal seinem Leichenbegängnis beiwohnen werden, in Besorgnis, sich dabei zu erkälten und beschäftigt mit allen Ansprüchen des Lebenden.

Wehmut beschlich Herrn Josef Blümel. Ihm wurde fast übel. Er mußte den Kognak aus dem Wandschrank nehmen und ein Gläschen trinken.

Obwohl er das Lächeln der Kollegen hinter seinem Rücken fühlte.

Das gehörte auch zu den merkwürdigen Widersprüchen des Menschenlebens. Jeder belächelt den andern. Und jeder hat eigentlich recht.

Diesen Einfall hätte Herr Blümel nicht ungern Fräulein Konstanze übermittelt. Sie war eine gescheite Person. Es wäre aufmunternd gewesen, zu erfahren, ob auch sie schon diese Beobachtung festgestellt und welchen Standpunkt sie solchen Wahrheiten gegenüber einnahm.

Über Klugheit mußte man sich freuen, wo man sie fand. Eine gescheite Frau durfte man nicht kurzweg mit weiblich abtun. Wenigstens nicht der gerechte geradsinnige Mann, für den sich der Herr Kanzleioffizial zu halten berechtigt fühlte.

Der schmale Neuling mit dem Goldring benutzte die Frühstückspause, um die Handschrift des Herrn Kanzleioffizials zu rühmen.

Lob ist ein Nichts. Herr Blümel wußte, daß es nichts an Menschen, Dingen und Tatsachen zu ändern vermochte. Sie sind, was sie sind. Auf dieser Nichtigkeit beruht es wohl, daß Lob niemals übel wirkt, selbst wenn es aus zahnfauligstem Mund kommt.

Diese Schmeichelei wirkte also auch auf Herrn Blümel weder abstoßend noch wohltuend. Die Exaktheit seiner Handschrift war dem Herrn Kanzleioffizial durchaus bekannt. Das erneute Hervorheben dieses Vorzugs brachte ihn jedoch auf die naheliegende und darum so sehr übersehene Möglichkeit, daß man Fragen an Entfernte handschriftlich stellen könne. Daß man sich auf diese Weise sogar vieles mitteilen könne, das mündlich schwieriger zu sagen wäre, weil man sekundlich Widerrede erwarten konnte.

Zumal Herr Blümel bei aller Separatachtung vor Fräulein Konstanze nun doch noch nicht überzeugt war, ob nicht auch sie plötzlich von der Sprachgewandtheit aller Weiblichkeit Gebrauch machen könnte.

Es bedurfte nur des Erinnerns an Fräulein Jolanthe und ihre Frau Mutter gestern im Park von Belvedere. Was war nicht alles geschwatzt worden. Das ganze Weltall mit allem Zubehör, mit allen seinen Daseinsmöglichkeiten, war zwischen diesen gepflegten, goldplombierten Damenzähnen zum Ragout vermengt worden während des kurzen Zusammentreffens.

Zurückbesinnen auf jene Minuten brachte Herrn Blümel wieder ins Gedächtnis, daß ihn Fräulein Konstanze mit diesen beiden Damen gesehen hatte und der Mangel einer Begrüßung seinerseits ernste Beleidigung verursacht haben könnte.

Herr Blümel war kein Weiberknecht, aber Wiener genug, um keine Frau beleidigen zu wollen.

Es wurde ihm jetzt klar, daß es seine Pflicht war, an Fräulein Konstanze zu schreiben.

Allerdings, Fräulein Konstanzes Wohnung in Berlin war ihm unbekannt. Doch konnte diese vermutlich durch Fräulein Steffi Pichler in Erfahrung gebracht werden.

Trotzdem würde Herr Blümel, allein um seiner Ritterpflicht gegen Fräulein Konstanze zu genügen, nicht den Laden des Fräulein Steffi betreten haben. Allzu große Umstände konnte ihm nun einmal keine Angelegenheit wert sein, die mit Weiblichkeit verknüpft war.

Es traf sich nur zufällig so, daß Herr Blümel ohnedies den Pichlerschen Laden hätte aufsuchen müssen, um sich ein Paar Sommerhandschuhe zu kaufen, die auffallend billig ausgezeichnet auslagen im Schaufenster. Auch in der Mariahilferstraße würde sich kaum Preiswerteres entdecken lassen, dagegen bestand stets die Gefahr, seiner Brieftasche beraubt zu werden im Gedräng dieser überfüllten Geschäftsstraße.

Alles Gründe genug, um sich endlich in den Kreis von Fräulein Steffis Kundschaft einzureihen, in den man durch die Nachbarschaft vom Graben-Café von Rechts wegen längst gehört hätte.

Außerdem war Herr Blümel durchaus noch nicht fest entschlossen, sich bei diesem notwendigen Einkauf nach der Adresse von Fräulein Konstanze zu erkundigen oder überhaupt von der jungen Dame zu sprechen. Wenn nicht etwa Fräulein Pichler selbst das Gespräch auf diese gemeinsame Bekannte bringen würde.

Zwar wieder nach einigem Nachdenken schien es Herrn Blümel als die Pflicht primitivster Menschlichkeit, Erkundigung einzuziehen, warum Fräulein Konstanze unvorbereitet schnell hatte abreisen müssen? Ob etwa gar Trauerbotschaft aus Familienkreis Ursache dazu gewesen sei.

Herr Blümel empfand für jeden, der solcher Art in seiner Lebensfreude getroffen wurde, reichliches Mitgefühl. Ohne Unterschied des Geschlechts. Mensch ist Mensch . . .

Wehmütig war Herrn Blümel zumut, auch noch, als er aus dem Büro den gewohnten Weg zum Graben ging.

Obwohl es ein strahlender Hochsommertag war und milder Südwind den Hauch des Wiener Waldes über die Stadt fächelte.

Herr Blümel aber erblickte Trübseligkeit auf Schritt und Tritt. Trotzdem er sich bewußt war, daß solche Betrachtungen als lebensverkürzend galten. Und er sie gar nicht nötig hatte.

Er mußte überall Fadenscheinigkeit bemerken, die sich angstvoll versteckte hinter aufdringlichem, buntem Luxus. Edle Gesichtszüge, verunstaltet durch Verbissenheit der Enttäuschung. Überall flitzten die Kinder der Armen hindurch, deren Augen niemals jung blicken. Überall hörte er Krückengeklapper, Bettlergemurmel, Einsamkeitsgestöhn. An den Häusern zählte er die vielen Fenster, die der heißen Sommerluft verschlossen waren, Kranke, Sterbende vermutete er dahinter.

Aus der Kapuzinergruft schien Moderduft hervorzuströmen, der die Schritte wohl schneller in Bewegung brachte, aber nicht allein aus Übermut der Lebensfreude.

Ein Krüppel spielte hier auf seinem Leierkasten jenes Lied: daß es »immer einen Wein wird geben und immer hübsche Mädel wird geben, aber wir werden nicht mehr leben, wir werden nicht mehr leben . . .«

Herr Blümel hielt es ganz plötzlich für unnötig, sich noch ein Paar Sommerhandschuhe zu kaufen . . .

*

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