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Das verbrannte Bett

Alice Berend: Das verbrannte Bett - Kapitel 5
Quellenangabe
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typefiction
authorAlice Berend
titleDas verbrannte Bett
publisherS. Fischer Verlag A.G.
printrunNeunte bis zwölfte Auflage
year1926
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
thirdcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20090225
modified20150128
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Herr Blümel war wieder in seinem Zimmer. Dies dünkte ihm jedoch nicht mehr die sichere Burg, die es ihm bisher gewesen.

Nach dem heutigen Nachmittag war es nicht mehr unmöglich, daß an seine Tür geklopft wurde, daß ihm die Damen des Hauses Einladungen, Aufmerksamkeiten, Anfragen zukommen ließen. Kurzum, daß damit begonnen wurde, seine Ruhe zu unterminieren.

Herr Blümel überlegte, ob wir überhaupt leben können, wie wir wollen? Ob unsere Handlungen, unsere Wünsche nicht von unserer Umwelt bestimmt werden?

Herr Blümel versuchte jedes Hüsteln, Räuspern, ja beschleunigtes Atmen zu unterdrücken, um seine Anwesenheit zu verbergen, somit jedem Störungsversuch von außen vorbeugend. Sozusagen inkognito im eigenen Zimmer zu sitzen.

Denn er wünschte ungestört nachdenken zu können.

Aber merkwürdig genug, der ganze Mensch mag noch so nachgiebig sein, kein Teil seines Körpers läßt sich etwas befehlen, was er selbst nicht will.

Herrn Blümels Kehle hatte Laune, gerade heute zu kitzeln, kratzen, ihren Besitzer zum Räuspern zu zwingen. Kein Unterdrückenwollen überwältigte ihren hartnäckigen Willen.

Herr Blümel konnte sich nur dadurch helfen, daß er gleichzeitig den Fensterflügel knarren ließ und also diesen zu verdächtigen suchte, Urheber dieses Geräusches im leeren Zimmer zu sein.

Diese Doppelbetätigung behinderte natürlich die Nachdenklichkeit.

Herr Blümel mußte überlegen, was zu unternehmen sei, um endlich wieder auf den geordneten Gang seines Lebens zurückzukommen, äußerlich wie innerlich.

Zum äußeren Gleichmaß hätte es gehört, daß er um diese Stunde im oder vor dem Café am Graben anzutreffen gewesen wäre, um sich durch Zeitungslektüre um den Betrieb der Welt zu kümmern. Über verschiedene Vorkommnisse würde man heute Weiterführung oder Aufklärung erhalten. Da war der kleine nette Skandal in der Oper zwischen den zwei berühmten Kolleginnen, die sich im Kostüm der Walküren gegenseitig ein wenig angespien hatten. Sicher oder wenigstens sehr möglich, daß die Zeitungen heute schon Gewißheit brachten, welche von beiden den edlen Wettkampf begonnen hatte. Das war eine Frage, die im Augenblick ganz Wien beschäftigte. Worauf Wetten geschlossen wurden in Büros und Kanzleien. Denn mit seinen großen Künstlern glaubt der Wiener Bescheid zu wissen.

Außerdem hatte es in Japan wieder ein Erdbeben gegeben. Grauenhafte Einzelheiten darüber sollten heute in einer Extrabeilage gebracht werden. Dann war die Geschichte des leergefundenen Sarges auf dem Währinger Friedhof, die auch noch ihrer Aufklärung harrte.

Gar nicht zu reden von der Politik aller europäischen Staaten, die wieder einmal dem amüsantesten Schachspiel nichts nachgab.

Der Herr im fleckigen Bratenrock fraß sich gewiß längst durch alle köstlichen Neuigkeiten durch. Ungestört. Er würde triumphieren, sähe er den Herrn Kanzleioffizial hier sitzen, mit nichts beschäftigt, als Fensterflügel windbewegt knarren zu lassen.

Und warum das alles?

Hatte sich Josef Blümel Selbstvorwürfe zu machen? Oder war er Opfer seiner Umwelt? Deutlicher gesagt, Opfer allzugroßer Lebhaftigkeit verschiedener Femina?

Warum hatte sich Fräulein Konstanze Krause damals unaufgefordert von irgend jemandem an den gleichen Tisch gesetzt, den der Kanzleioffizial sich mit Kennerblick ausgewählt hatte?

Warum hatte sie diesen Platz wählen müssen?

Warum?

Hatte sie besonderes Vertrauen zu diesem einzelnen Herrn gehabt? Oder hatte sie ihn für unbedeutend, für ein Nichts genommen, wie wenn sie sich einen leeren Tisch zu eigen machte? Oder hatte Sympathie unbewußt ihre Schritte geleitet? Wie das vorkommen soll. Wenn Herr Blümel auch nicht daran glaubte.

Herr Blümel fühlte Mattigkeit, er bemerkte, daß ihm der Kaffeetrunk, gewohnt, belebend fehlte.

Sollte er doch noch das Café aufsuchen, wenn auch verspätet?

Herr Blümel ertappte sich bei der schreckhaften Möglichkeit, Fräulein Konstanze wieder neben dem langen Weizenblonden begegnen zu können.

Er glaubte, jede persönliche Ursache bei dieser Empfindung des Unwillens ausschalten zu können. Sie war auf nichts anderes zurückzuführen als auf angeborene Gegensätzlichkeiten. Kontrast zwischen Parademarsch und Schubertlied . . .

Bei dieser Überlegung bemerkte Herr Blümel ein kleines Paketchen, bisher übersehen, vor sich auf dem Tisch.

Zufolge des zufälligen Erinnerns an Fräulein Konstanze im gleichen Augenblick, glaubte er zuerst, es könne sich um eine Sendung von Fräulein Konstanze handeln. Gedanken nehmen auch bei Klardenkenden unverhütbar vollkommen unmotivierte Seitenwege. Man könnte dies Gedankenlosigkeit der Gedanken nennen.

Erst nachdem der Herr Kanzleioffizial mit verschiedensten Vermutungen, welcher Art weiblicher Neckerei, Aufmerksamkeit, Anspielung, Überraschung dies Päckchen bergen mochte, viel überflüssige Zeit verloren hatte, überzeugte ihn energisches Zugreifen, daß es sich um etwas handelte, das er selbst dorthin gelegt.

Es war die Streichholzschachtel, die er sich heute morgen dort zurechtgelegt hatte, um sie nachmittags umzutauschen. Sie war, obwohl voll bezahlt, mangelhaft gefüllt. Sie enthielt siebenundfünfzig Hölzer, anstatt der vorgeschriebenen Zahl Sechzig.

Es war erstaunlich, wie wenig Menschen sich bewußt waren, wieviel Zündhölzer eine normale Streichholzschachtel zu enthalten hatte. Und wie wenig von diesen wenigen sich die Mühe nahmen, die Schachtel auf ihre Vollständigkeit zu revidieren. Auf solchen Leichtsinn aber baut der Spekulant. Diese Flüchtigkeit ist es, die den Schwindlern Häuser errichtet. Diese Trägheit, diese Bequemlichkeit mästet die Unredlichkeit. Diese Faulheit bringt den Fleiß Ehrlichgewillter zur Fäulnis.

Erregung steigerte sich in dem Herrn Kanzleioffizial bei diesen Feststellungen. Er fühlte, daß er eine Mission zu erfüllen habe.

Rasch erhob er sich, griff die Schachtel und ging dem Zigarrenladen zu, wo er sie gestern gekauft hatte.

Der Ladeninhaber, Herr Feigl, kannte die Gewohnheiten des Herrn Kanzleioffizials, ohne sich darüber zu erregen. Man muß die Kunden nehmen, wie sie sind. Bei sich selbst gab er es zu, Querulanten sind es, die die Konkurrenz anschüren, die Qualität auf gleicher Höhe zu halten, wenn nicht zu steigern.

Ohne Umstände zu machen, wechselte er die Schachtel aus, versichernd, daß, wenn auch diese mangelhaft gefüllt, er zu weiterem Umtausch jederzeit bereit. Nur die bedauernde Bemerkung gab er als Beigabe, daß er selbst durch andere Geschäfte verhindert sei, selbst alle Streichholzschachteln durchzuzählen.

Und gesellte, als der Herr Kanzleioffizial gleich im Laden die Durchzählung vornahm, noch die Nachdenklichkeit hinzu, daß es doch gut wäre, daß es Junggesellen gäbe. Sie hielten die Genauigkeit, die Korrektheit auf der Welt instand. Bewahrten die Pedanterie vor dem Aussterben. Ein Ehemann, der vergaß bald Sehen und Hören für solche Einzelheiten. Wer drei oder vier Köpfe zu erhalten hat, verliert den eigenen. Das wäre eins der merkwürdigen Rechenexempel des Bürgerlebens.

Diese Worte verdrossen Herrn Blümel. Was berechtigte diesen fremden Menschen, Herrn Blümel als lebenslänglichen Junggesellen abzustempeln? Konnte Herr Josef Blümel nicht schon in wenigen Wochen ebensogut ein Ehemann sein, wie es so viele andere waren? Bildete sich dieser kleine, runde Ladeninhaber ein, daß der Herr Kanzleioffizial nicht imstande wäre, Eindruck auf Frauen zu machen, daß er, als Bewerber eines schönen Mädchens, unweigerlich abschlägigen Bescheid erhalten würde?

Erst als Herr Blümel dreiundsiebzig Zündhölzer in einer Schachtel gezählt hatte, merkte er über dieser Unmöglichkeit, daß seine Gedanken wieder auf Nebensächliches abgewichen waren.

Nicht oft genug kann vor Gedanken gewarnt werden. Selbst im Ordentlichsten treten sie derartig massenhaft auf, daß er ihrer nicht dauernd Herr werden kann. So hatte auch Herr Blümel vergessen, daß er selbst dem Sprecher vor ihm erst kürzlich versichert hatte, daß er sich niemals selbst halbieren würde, indem er sich zur Hälfte eines Paars machen würde.

Unsere Mitmenschen erinnern sich unserer eigenen Worte genauer als wir selbst. Darum kennen sie uns auch besser, als wir selbst in uns Bescheid wissen . . .

Herrn Blümels verdrießliche Blicke verfingen sich am Telephon.

Wie, wenn er sich jetzt mit Fräulein Konstanze verbinden ließ? Nur um diesem rechthaberischen Tropf von Ladeninhaber zu beweisen, daß auch Junggesellen andere Zerstreuungen kennen, als Streichhölzer abzuzählen, rhythmischen Gründen ausgeprägten Ordnungssinns folgend?

Außerdem berechnete Herr Feigl seinen Kunden keine Ferngespräche.

Nachdem Herr Blümel die Nummer des Hotels gerufen, räusperte er sich stark.

Ohne eitel zu sein und nicht etwa, um einen besonders wohllautenden Stimmeindruck zu machen.

Er hielt es für seine Pflicht darauf zu achten, sich nicht mit heiserer Stimme an Mitmenschen zu wenden, die man durch den telephonischen Anruf gewissermaßen zu einem Gespräch zwang.

Rücksichtnahme ist ein Luxus. Sie wirft keinerlei Gewinn ab im scharfen Lebensgang.

Der Portier des Hotels, mit der Stimme abgenutzter Mechanik, rief auf die wohllautende, leise, doch präzis hörbar gesprochene Frage kurz und schnell zurück, daß Fräulein Krause soeben abgereist wäre.

»Allein?« rief der Herr Kanzleioffizial wieder zurück.

Seine Stimme, Unbeachtetheit nutzend, klang nun doch heiser, total heiser.

Keine Antwort kam zurück.

Nicht viele glauben so genau zu wissen, wann Verbindungen zu unterbrechen sind, wie ein gutgeschulter Hotelportier . . .

*

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