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Das verbrannte Bett

Alice Berend: Das verbrannte Bett - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/berend/verbrann/verbrann.xml
typefiction
authorAlice Berend
titleDas verbrannte Bett
publisherS. Fischer Verlag A.G.
printrunNeunte bis zwölfte Auflage
year1926
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
thirdcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20090225
modified20150128
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Man darf den Flüchtigen ihre Gleichgültigkeit nicht übel nehmen. Konstanze wußte aus ihrer Kinderzeit, jenen verwöhnten Tagen, daß auch Leichtlebige nicht so leichtlebig sind, wie es Zuschauern scheint. Angst ist der Hintergrund all unserer Taten. Jeder versucht, sich auf seine Weise vor dem Schicksal zu verstecken. Der eine verschanzt sich hinter Arbeit, der andere sucht hinter Vergnügungen Unterschlupf. Notwendig sind alle. Die Leichtlebenden erhalten das Lachen.

Konstanze lachte gern. Konstanze verstand zu lachen. Wozu durchaus nicht jeder befähigt ist.

So hatte Udo von Silken behauptet. Er kannte Konstanze von Kindheit an. Ihre Väter waren Freunde gewesen.

Udo war einer der treuesten unter Konstanzes Kundschaft. Er kaufte unermüdlich Handschuhe. Das heißt, er ließ die Schuld dafür ankreiden.

In diesem Punkt war Udo Meister.

Er entschuldigte dies mit der Erklärung, daß er unmöglich Geld besitzen könne, denn er wäre etwas, das es heut überhaupt nicht mehr gäbe. Adel wäre abgeschafft, Besitz ausgerottet, Tradition weggeblasen.

Er aber bildete das Ergebnis von allen dreien. Durfte man ihn dafür verantwortlich machen?

Udo hatte eine lässige Art sich zu bewegen, zu sprechen und zu urteilen, über die sich Konstanze zu ärgern glaubte. Kein anderer bewegte sich so. Wenigstens kannte Konstanze niemanden, der ihm vergleichbar wäre. Wenige auch brauchten solche kleine Handschuhnummern und verfügten trotzdem über solchen festen Griff.

Udo verlangte manchmal Damenhandschuhe. Immer in flottester Ausführung. Natürlich auch auf Kredit.

Es konnte Konstanze gleichgültig sein, was sie dem Jugendfreund auf Konto schrieb, ob Handschuhe für Damen oder für Herren.

Aber wir kümmern uns gern um Dinge, die uns nichts angehen sollten. Auch Konstanze konnte dann einige Bemerkungen nicht unterdrücken über Dummheit, Leichtgläubigkeit, Kurzsichtigkeit.

Udo lächelte dazu in seiner frechen Lässigkeit und sagte, daß alle seine Vorfahren den Frauen gedient hätten. Bei Tag und bei Nacht. Er erinnerte daran, daß er in einem Schloß geboren, Stammsitz der Familie am Ufer der Elster, das sich ein Freund und Staatsmann August des Starken erbaut hatte, eigens nur dazu, um Udo von Silkens Ahn zu werden. Außerdem glaubte Udo, daß man sich im Grunde nur in einen Schloßpark verlieben könne oder in ein Auto. Allenfalls noch in einen Edelstein . . .

Konstanze überlegte, ob Udo wohl Kredit und Plauderkunst auch bei Fräulein Steffi Pichler suchen würde? Ohne viel Unterschied dabei zu finden in der Trägheit seiner Empfindung?

Oder würde er Konstanze nach Wien folgen? Wenn es ihn überhaupt nicht gab, wie er behauptete, konnte es ihn doch ebensogut nicht in Wien geben . . .

Herr Blümel hatte sich geräuspert, vernehmlich und mehrmals.

Er bedauerte, das Fräulein aus ihrer Versunkenheit aufgeschreckt zu haben. Aber ihr Gesicht hatte so ernsten Ausdruck getragen, daß er diese Unterbrechung für kein Unrecht hielt.

Er berichtete über das Gespräch, eben geführt mit dem Herrn Kunstfahrer.

Man war eigentlich gleicher Meinung über das Leben. Bremsen müssen hieß es auf Schritt und Tritt. Nur, daß der Herr Kraftfahrer dies haßte und der Herr Kanzleioffizial den Sinn des Daseins darin sah.

Einige Tage später saßen sich Fräulein Konstanze und Herr Blümel wirklich gegenüber im Park von Schönbrunn. Unter Laubgrün, zwischen Sonnenkringeln, Kaffeeduft und gut gestrichenen Walzerweisen.

Jedes Blättchen wiegte sich mit im warmen Julihauch. Jedes Insekt summte und brummte im Dreivierteltakt.

An allen Tischen saßen fröhliche Herzen.

Hier schien sie sich versteckt gehalten zu haben, die verlorengegangene, gute, alte Zeit.

Nichts Schweres gab es mehr, nicht Billig mehr und Teuer, nicht Gut und Böse, kein Sparen und kein Versagen, kein Kranksein mehr oder gar Schlimmeres, nur wiegen, sich wiegen, weil man noch lebte, Heiteres denkend, leicht sich fühlend im Walzertakt.

Konstanzes blonde straffe Schlankheit wirkte eigentlich nicht ganz rhythmisch zwischen den Wienerinnen, rundlich und brünett.

Herr Blümel hatte vor dieser Art Frauen früher etwas wie Angst empfunden. Wahrscheinlich in Erinnerung an eine allzu gestrenge Lehrerin der Kindheit.

Was uns fürchten macht, zieht uns an. Darum also wohl musterte Herr Blümel Konstanze gründlich.

Starr und unverwandt blickte er auf sein Gegenüber. Mit der Aufmerksamkeit, wie er sie bisher nur für Dinge aufgebracht, die ihn in Schaufensterauslagen angelockt hatten und deren Kauf er in Erwägung gezogen. Beispielsweise jene Krawatte, rotbraun mit grünen Punkten, deren Erwerb er wochenlang täglich überlegt hatte. Bei jedem Spaziergang war das Stückchen Seidenband scharf fixiert worden. Als er sich zum Kauf entschlossen hatte, war die Krawatte verkauft worden, gerad in den wenigen Sekunden, die Herr Blümel gebraucht hatte, um von draußen nach drinnen zu gelangen.

Er hatte darin Schicksalsfügung gesehen. Man soll nichts überstürzen, er freute sich der aufgedrungenen Ersparnis . . .

Konstanze ertrug Herrn Blümels Blicke ohne Schwierigkeit. Sie genoß Walzermelodie und Sommerstunde. Alles schien tanzen zu wollen. Selbst Herrn Blümels Nase. Die nicht ganz Konstanzes Beifall hatte. Sie glich einem kleinen Knopf und vermochte auf kurzem Rücken nicht einmal einen Kneifer reiten zu lassen.

Konstanze meinte, Udo von Silkens lässiges Lächeln darüber wegtanzen zu sehen.

Zu Udo paßte weder Kneifer noch Brille.

Udo trug ein Monokel vor seinem kurzsichtigen Auge. Dazu war es nötig, das andere Auge, das nüchtern-normal sehende, zuzukneifen. Auf diese Weise war Udos Lebensperspektive entstanden. Keine Weltanschauung ohne Gründe . . .

Herr Blümel plauderte vom alten Wien. Er erzählte von Frühlingsfesten, die einst gefeiert wurden. War das erste Veilchen des Jahres entdeckt, meldete man das damals sofort auf der »Burg«. Kurz darauf verkündeten Fanfarenbläser auf allen Straßen, auf allen Plätzen, daß der Frühling gekommen. Bereitwilligst stockte gleichen Augenblicks alle Arbeit. Alles zog in die Schenken vor die Stadt zum Weingenuß. Überall wurde Harfe gespielt. Oder die Pikkoloflöte. Sie wurde von den Wienern picksüßes Hölzel genannt.

Konstanze lachte auf.

Herr Blümel fand es nicht uninteressant zu beobachten, wie sich Lustigkeit zwischen die energischen Züge eines klugen klaren Gesichts zwängte.

Er berichtete weiter vom Zauber der Vergangenheit. In dem Wunsch, sich selbst angenehm zu machen, holte er die unsterbliche Anmut der Vaterstadt Wien hervor, Abglanz ihrer Reize fiel auf jeden Wiener.

Herr Blümel erbot sich, Fräulein Konstanze am nächsten Tag nach Belvedere zu führen, ihr das Schloß des Prinzen Eugen zu zeigen.

Konstanze wurde lebhaft. Prinz Eugen, der edle Ritter, ihn hatte man schon in der Schule besungen, dreistimmig. Alle Mädchen hatten für Prinz Eugen geschwärmt.

Alle Mädchen? Herr Blümel war gewiß keiner, dem an der Bewunderung aller Mädchen gelegen war.

Aber ihn durchschoß doch die Feststellung, welche Bevorzugung solch Prinz genoß, noch nach Jahrhunderten, dank einer poesievoll scheinenden Position.

Gleich darauf berichtete Herr Blümel jedoch, ohne Spur von Konkurrenzneid, Näheres aus des Savoyardenritters interessantem Leben. Intim, zusammengehörig, so wie ein echter Wiener vom anderen echten Wiener spricht.

Genau beschrieb er den Steinadler, grau, breitflügelig, melancholisch, zahm geworden, den der feurige Prinz seinen Bruder genannt. Den er täglich in der Morgenfrühe gefüttert hatte, der ihn um fünfundsiebzig Jahre überlebte. Der merkwürdigerweise gerad in der Stunde verendet war, als Napoleon in Wien eingezogen.

Konstanze hatte Tränen in den Augen. Sie entschuldigte dies lächelnd. Sie wisse selbst nicht, warum sie plötzlich traurig sein müßte. Wien wäre so weich und rührend.

Herr Blümel hatte Weibertränen bisher für eine der übelsten, verlogensten und raffiniertesten Naturerscheinungen gehalten.

Sogar zu jenen Natürlichkeiten, die sich so täuschend nachahmen ließen, daß man meistens nur Imitation zu sehen bekam.

Gerad heut jedoch hatte er in der Zeitung gelesen, daß frische Tränen tötend auf Krankheitserreger und Bazillen wirkten.

Möglich, daß dies die Ursache war, daß er sich eingestehen zu müssen glaubte, daß diese Tropfen des Gefühls wie Edelsteine glänzten. Er hielt Aufrichtigkeit durchaus für Pflicht.

Man hörte schweigend den »Schönbrunner« des Meisters Lanner.

Man war nicht unzufrieden, daß nach seinem Verklingen ein kleiner Zwischenfall die Aufmerksamkeit beschäftigte. Einem Bübchen war der Luftballon entflogen. Das Kind weinte, die Mutter schalt.

Ein alter Herr, kleingestaltig, zusammengeschrumpft wie ein Heinzelmann, trat zu dem Weinenden und sagte, der Bub müsse darüber lachen, daß der Bunte so hoch hatte fliegen können, wie er Kraft in sich hatte. Oben werde er zerplatzen vor Freude darüber, daß er der Sonne so nah kommen gedurft. Im Zimmer wäre er verschrumpft wie ein Bratapfel.

Bei diesem fröhlich vertrauten Wort lachte der Junge auf, getröstet.

Zur scheltenden Mutter meinte der zierliche Alte, daß sich ihre Ausgabe für den Davongeflogenen reichlich belohnt hätte. Der hätte den Jungen in wenigen Augenblicken alles durchleben lassen, was man an Empfindungen gewinnen könne. Sehnenden Wunsch, Erfüllung, Freude am Besitz und den Schmerz des sich ins Unbekannte verlierenden, nie zu haltenden Glücks.

Herr Blümel sah in Kindern eigentlich Störenfriede.

Heute rührte ihn der kindliche Kummer. So war also auch solch Kleiner schon einverleibt in den Kreislauf des Schmerzes, mit der ganzen Wucht des Menschseinmüssens. Ein echt Wiener Gesichtchen hatte der Junge.

Herr Blümel äußerte zu Konstanze, daß es wohl nur in Wien solche Art Bübchen, tief empfindend und reizend, geben könnte.

Konstanze lachte. Sie war der Meinung, daß Kinder überall etwas sehr Liebliches, Ernstes, Heiteres, Rätselhaftes, Kostbares wären. Auch in Berlin wäre das nicht anders.

Herr Blümel wurde plötzlich feuerrot, tupfte sich die Stirn und sagte, daß die Sommerhitze heute bis in den Abend zu dauern scheine.

Konstanze hatte dem zierlichen alten Herrn nachgesehen.

Sie sagte, er hätte die Lebhaftigkeit eines Kapellmeisters in den Bewegungen. Sicher wäre er einer von den bedeutenden Musikern Wiens. Oder sein Gespenst.

Als Antwort versuchte Herr Blümel aufs neue sich Glanz und Schimmer zu entlehnen zu eigenem Schmuck.

Er brauchte diesmal einen kleinen Umweg. Er schilderte große Landsleute, aber in ihren menschlichen Schwächen.

Schubert verstand zu komponieren, aber nicht hauszuhalten. Mozart sprudelte über von Melodien, aber auch von Launen. Beethoven der Gewaltige war unmöglich im Umgang, und seine Hände sollen behaart gewesen sein bis an die Fingerspitzen.

Diese Behauptung lenkte unwillkürlich die Blicke auf die eigenen Hände.

Herr Blümel war ein wenig eitel auf die seinen. Ein Mann, dessen Handwerkszeug Kantel, Bleistift, Federhalter und appetitlich weißes Papier waren, konnte es sich erlauben, seine Nägel zu pflegen. Herr Blümel sah darin sogar eine angenehme Zerstreuung, billig und beruhigend, wenn die Schere knipste, die Feile hobelte, das Leder polierte, sommers am offenen Fenster, winters im warmen Zimmer. Trotzdem waren es nicht die Hände eines Dandys.

Konstanze mußte sich eines Gesprächs mit Udo erinnern.

In der phlegmatischen Frechheit, mit der Udo alle seine Behauptungen aufstellte, hatte er über Hände gesprochen, diese unfreiwilligen Wappenschilder, mit denen Konstanze den ganzen Tag über in Beziehung stehen mußte.

Udo wollte wissen, daß es nur zwei wirkliche Unterschiede unter allen Abarten dieses menschlichen Werkzeugs, dieser Waffe, dieses Gerätes, Instrumentes, Spielzeugs gäbe: Finger, bei denen man spürte, daß sie jederzeit bereit waren, in Nasen und Ohren zu bohren, und solche, denen man solches niemals zuzutrauen wagte.

Konstanzes Blick spielte auf Herrn Blümels Hand, die auf dem Tisch Dreivierteltakt klopfte.

Konstanze errötete dabei. Wie wenn sie sich plötzlich eines hinterhältigen Gedankens gegen einen Arglosen schelten müsse.

Dabei glaubte sie nichts anderes gedacht zu haben, als daß solche korrekte Hände gewiß prachtvoll dafür zu sorgen vermochten, daß Geschäftsbücher ohne Eselsohren und Tintenflecke geführt würden . . .

Die Musik summte aus mit schmetterndem Schlußakkord.

Abendsonnenlicht durchströmte die Adern des grünen Laubes mit weinrotem Blut.

Aus dem nahen Tierpark rollte Brüllen nachtwach werdender Löwen und Tiger, schweres Rauschen machtvoller Adlerschwingen, die sich wie segnend vergeblich zum Flug auszubreiten suchten.

Nun eilte jeder der Stadt zu. Dreivierteltakt im Sinn und Schritt. Am Weg standen die Bettler.

Lachen, Geplauder vermischten sich mit der milden Luft.

An steiler Himmelswand, wo das Rot rasch erloschen, kletterte der kreisrunde Mond, langsam wie ein korpulenter Bergsteiger, hoch und höher.

Herr Blümel beeilte sich, noch einmal die Gemütlichkeit seines Wiens zu preisen.

In Konstanze bockte plötzlich etwas Böses, Traurigmachendes.

Sie antwortete, Gemütlichkeit wäre auch nichts anderes als grausame Gedankenlosigkeit.

Das Durcheinander der Autos hatte sie daran erinnert, daß Udo Erregung, Anspannung, Gefahr als höchste Güter pries. Daß, wenn er ein Auto lenkte in gewagtester Geschwindigkeit, er das damit entschuldigte, daß er Raubritterblut in den Adern, schon seine ältesten Vorfahren wären der Schrecken der Landstraße gewesen.

Herr Blümel war beunruhigt. Frauen blieben unverständliche Wesen. Eben noch lächelten sie, dann blickten sie fremd wie von einem anderen Stern herunter. Sie schienen aus anderem Stoff wie man selbst, waren niemals das, was man vermutete.

Herrn Blümels Unbehagen verstärkte sich, als Konstanze vor dem Parktor glattweg in ein Auto stieg. Nur weil sie müde war von allzuviel Sommerluft.

Die Fahrt verlief schweigsam. Konstanze hielt die Augen geschlossen. Herrn Blümels Blick war auf den Preiszeiger gerichtet. Dieser drehte sich schneller als irgendein Gestirn am Himmel.

Trotzdem beschloß Herr Blümel die Endsumme ohne Zögern zu bezahlen. Er fühlte sich verpflichtet, der Berlinerin zu beweisen, daß Wien noch immer die Stadt der Kavaliere.

Jedoch er konnte nicht verhindern, daß er im Sausen der Fahrt geschwind berechnen mußte, wieviel Wäscherechnungen oder wieviel Stiefelsohlen oder gar Mittagsmahlzeiten man für diese Summe hätte zahlen können. Als er die Menge Tassen Kaffee, die Unzahl knuspriger Kipfel fast zum Greifen deutlich vor sich sah, die man dafür hätte erstehen können, wurde ihm beinahe übel . . .

Trotzdem war Herr Blümel ein Verschwender.

Er hätte die rasche Wagenfahrt durch linden mondhellen Sommerabend, zur Seite einer jungen blonden Mitmenschin, vollauf genießen können.

Denn Konstanze bezahlte jene Summe, bevor Herr Blümel sich noch nach seiner Brieftasche zu durchstöbern begonnen hatte, die er, in Anbetracht der vielen und großen Verbrechen dieser Zeit, tief verwahrt trug.

Erst als Konstanze verschwunden war und sich Herr Blümel allein fand, zwischen Spaziergängern, die ihn alle so wenig angingen, wie sie sich um ihn kümmerten, spürte er das Vibrieren der Räder im Blut und das Bewußtsein, niemanden mehr neben sich zu haben.

Nicht ohne Mißmut begriff er gleichzeitig, daß er jegliche Verabredung eines Wiedersehens verabsäumt hatte. Daß Frauen vergeßlich sind, war begreiflich. Für sich als Mann hatte er weniger Verzeihung für diese Nachlässigkeit übrig.

Unruhig schritt er kreuz und quer durch die schlummerweiche Sommernachtluft. Überlegte dies und das, jenes und mancherlei, ohne auf die praktischen Tagesgedanken zu kommen, die ihn sonst in Anspruch nahmen und vor Langerweile bewahrten.

Er sagte sich, daß er sich telephonisch mit der jungen Dame in Verbindung setzen könne. Bei näherer Überlegung hielt er dies sogar für dringend nötig. Als Kavalier wünschte er das ausgelegte Fahrgeld möglichst schnell zurückzuerstatten.

Allerdings, dieses Reden ins Leere hatte leicht etwas Verwirrendes, wenn man mit Damen zu sprechen suchte. Man wiederholte leicht unnötige Worte, vergaß dagegen wichtige. Es brauchte nicht so zu sein, aber es konnte vorkommen.

Außerdem wußte Herr Blümel nicht, welchen Klang seine Stimme hatte.

Er wurde sich erstaunt bewußt, daß dies etwas war, worauf er noch nie geachtet hatte.

Sollte der Klang von auffallend unangenehmer Wirkung sein, würde er die junge Dame nicht damit zu erschrecken wünschen.

Er versuchte einige halblaut gemurmelte Worte zu belauschen, indem er vor sich hin zu flüstern begann.

Im Eifer solcher Selbstprüfung war Herr Blümel aus stillen Straßen der Vorstadt plötzlich in den belebten Betrieb der Praterstätte geraten.

Der Herr Kanzleioffizial sah sich genötigt, seine Probeversuche einzustellen. Sie wären wertlos gewesen. Sein Geflüster wurde von dem Lärm der Stimmen, Drehorgeln, Rollbahnen verschluckt, ohne daß sich ihr Klang kontrollieren ließ. Dagegen ergab sich die unangenehme Möglichkeit, daß Vorübergehende den halblaut Flüsternden für bezecht halten könnten.

Jedoch Herr Blümel, Gegner sonst jeder Heftigkeit und Unbeherrschtheit, vermochte plötzlich nicht die Neugier auf den Klang seiner Stimme zu bezähmen.

Gerad seit dem Augenblick, wo Herr Blümel die Flüsterworte begonnen, lief ein junges Mädchen neben ihm her. Zufällig, wie Herr Blümel meinte.

Herr Blümel beschloß behufs Stimmprüfung eine belanglose Frage an dieses junge Mädchen zu richten, einfach, laut und deutlich.

Mit kräftig betonter Stimme, sie klang dem scharf Aufhorchenden zu seiner Freude durchaus angenehm, fragte er, ob das Fräulein wisse, wie viel Uhr es sei?

»Jawohl,« war die geschwinde Antwort. Das junge Mädchen hängte sich vergnügt in den rechten Arm des Herrn Kanzleioffizials.

Herr Blümel rief geärgert, daß dies ein Irrtum sei.

Die neue Bekannte antwortete, daß nichts menschlicher als Irrtum wäre, und wanderte weiter mit Herrn Blümel.

Aus Ungeschick wächst Ungeschick. Um dem Mädchen endlich zu entfliehen, blieb dem Herrn Kanzleioffizial nichts anderes übrig, als das Gedränge vor einer Schaubude zu nutzen und in diese hinein zu flüchten.

Aus freiem Wollen wäre Herr Blümel niemals an solche Stätte gelangt.

Zwischen den Bretterwänden schwärte Dämmerung, gefüllt von Geheimnissen, von denen man nichts wissen wollte. Aber einmal hier, bezahlt mit teurem Eintrittsgeld, fühlte sich Herr Blümel verpflichtet, sich auch umzusehen.

Was er sehen mußte, sobald der Scheinwerfer aufblitzte, mußte jeden entsetzen, geschweige einen Mann wie ihn, der schon jede Schaustellung der Gefühle verabscheute, wie sie beispielsweise Verlobungen oder Trauungen mit sich bringen. Seine Augen erblickten eine Frau in voller Unverhülltheit, an jeder Leibesstelle tätowiert mit Emblemen.

Als der Herr Kanzleioffizial die Blicke sofort entrüstet abwendete, gewahrte er obendrein, daß er der einzige Zuschauer war.

Er suchte sich eiligst zu entfernen. Da erlosch der Scheinwerfer.

Herr Blümel suchte vergebens den Riegel der Tür. Er brachte nur hinderliche Perlennetze ins Zappeln.

Mondlicht flimmerte durch das schlechte Bretterdach auf die Tätowierte, die schon mitten im Bericht einer fesselnden Lebensgeschichte war. Eine Kette wunderbarer Unglücksfälle. Wie Ausschnitt nach Ausschnitt erregendster Extrablätter. Ein Heer von Männern hatte nach der Unschuld dieses unberührten Geschöpfes getrachtet. Nie etwas anderes erreicht als die Erlaubnis äußerer Tätowierung. So merkwürdig ist manchmal das Leben.

Voll Spannung türmte sich Herrn Kanzleioffizial Blümels Mitgefühl. Ihm wurde Klarheit, daß man diese unglücklichen Geschöpfe unterschätzte. Daß man viel an ihnen gutzumachen hatte.

Seine Anteilnahme wuchs mit seiner Nachsicht. Verstehen heißt Vorurteile überwinden.

Bald fühlte sich der Herr Kanzleioffizial nur noch Mitmensch . . .

*

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