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Das verbrannte Bett

Alice Berend: Das verbrannte Bett - Kapitel 15
Quellenangabe
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typefiction
authorAlice Berend
titleDas verbrannte Bett
publisherS. Fischer Verlag A.G.
printrunNeunte bis zwölfte Auflage
year1926
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
thirdcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Wirklich wälzte sich das Ungetüm fort. Mit solcher Wucht, daß Herr Blümel vom Stuhl stürzte.

Alle seine Knochen schienen zerschmettert.

Er wollte sich retten, wollte leben, gesund bleiben, alt werden.

Mit peinigender Anstrengung gelang es ihm, sich zu bewegen.

Er saß auf dem Boden seines ausgeräumten Zimmers. Es war kalt wie auf einer Gartenbank im Winter.

Der Ofen war ausgebrannt.

Von einem Ungeheuer war nichts mehr zu sehen.

Doch neben dem Herrn Kanzleioffizial lagen Punschflasche und Glas und Scherben.

Scherben sollten Glück bedeuten. Endlich konnte der Herr Kanzleioffizial einmal seine Nichtachtung des Aberglaubens beweisen.

Er wußte es besser. Scherben waren eine Warnung. Hier standen sie deutlich im Zusammenhang mit dem schweren Traum.

Herr Blümel wollte denken, überlegen, herausfinden, welche Zeit es sein könnte, welcher Tag und was er Besonderes für diesen vorgehabt hatte. Finster ahnte er, daß es etwas Wichtiges gewesen sein müsse.

Aber sobald er den Kopf heben wollte, wurde dieser zu einer Kugel.

Es war noch still auf der Straße. Es mußte also noch früh sein.

Im Zimmer war es totenstill. Nur etwas hämmerte und pochte.

War denn sein Bett noch vorhanden? Hatte er es nicht verkauft oder verbrannt? Oder beides?

Er wälzte sich auf die Seite, dem Pochen zu.

Er lag nun neben der Wiege.

Das Ticken kam von dort . . .

*

Alleinstehende Damen glauben leicht etwas Unheimliches zu vernehmen. Aber wenn spät nachmittags merkwürdiges Geräusch, ähnlich wie Männergeschnarch, dringt aus einem Zimmer, das unbewohnt sein mußte, weil sein Bewohner es schon in erster Morgenfrühe hatte verlassen müssen, um zu seiner eigenen Hochzeit zu fahren, so darf man das schon für etwas Schreckhaftes halten.

Herrn Blümels besorgte Wirtin ließ die Tür seines Zimmers gewaltsam öffnen.

Unter Beihilfe eines männlichen Beschützers, jenes Weinbergbesitzers, der immer noch im Studium von Fräulein Jolanthe begriffen, ohne zu einem Endresultat gekommen zu sein.

Man fand den Herrn Kanzleioffizial zwischen Schlaf und Wachsein, recht übel sich befindend.

Man nahm sich seiner fürsorglich an.

Besonders Fräulein Jolanthe. Sie bedauerte ihn so heftig, wie wenn feste Freundschaft hier waltete oder noch ernstere Bande. Sie erbot sich überaus eilig an, das Telegramm zu besorgen, das Herrn Blümels Fehlen bei seiner Hochzeit entschuldigen sollte.

Der Herr Weinbergbesitzer wagte auf dem Begleitweg zum Telegraphenamt endlich die Werbung . . .

Herr Blümel hatte gerade noch die Kraft gehabt, das Telegramm aufzusetzen.

Er hatte die Hochzeit ein für allemal abgesagt. Der Einfachheit halber.

Er wußte nicht, ob er sich je wieder instand fühlen könnte, zu dauernder Lebensbindung zu schreiten.

Der Traum stand als Warnung zwischen Pflichtgefühl und Selbsterhaltungstrieb. Den die Schöpfung nun einmal als höchste Gabe verliehen hatte.

Kaum, daß Herr Blümel seine Absage unterwegs wußte, fiel er in festen Schlaf.

Er schlief, bis auf die kurzen Unterbrechungen zur Nahrungsaufnahme, beinahe drei Wochen.

Nach dieser Zeit glaubte er mutig erwachen zu dürfen. Nachdem sich niemand aus Berlin gemeldet hatte, nicht einmal ein Schriftzeichen gekommen war. Außer der Rücksendung eines schmalen Goldreifs wortlos und umgehend.

Herr Blümel fühlte sich kräftiger werden von Tag zu Tag.

Alles geriet ihm nun ausnehmend glatt und erwünscht.

Er konnte in seinem gewohnten Zimmer bleiben. Wiege und anderer fremde Hausrat verschwanden wieder. Mit ihnen der Holzwurm, wie Herr Blümel annahm.

Sogar sein Bett kam zurück. Mit einem neuen Pfosten. Die Unkosten waren gering. Besonders für jemanden, der sich berechnen konnte, welche Ersparnisse er in diesen Tagen erreicht hatte.

Der Herr Kanzleioffizial vermochte die Dinge endlich wieder zu nehmen, wie sie der Wirklichkeit entsprachen.

Das spürte er deutlich, als er einen Briefumschlag erhielt, beschrieben von unbekannter Hand, der die Mitteilung brachte, daß sich Fräulein Konstanze Krause mit einem Herrn Udo von Silken verlobt habe.

Herr Blümel fühlte heftiges Bedauern darüber.

Weil dieses junge Mädchen noch immer nicht gescheit genug geworden, sich seiner Selbständigkeit und seines Unabhängigkeitstums wahrhaft zu freuen und nicht allen Ernstes gewillt war, sich beide zu wahren. Daß sie sich nicht selbst zu sagen wußte, daß das Leben im überengen Zusammensein mit einem andern Menschen alles Geheimnisvolle verlieren müsse.

Herr Blümel überwand sich sogar, ein kurzes warnendes Schreiben in diesem Sinn aufzusetzen und abzusenden, wieder auf dem guten Büttenpapier, von dem gerade noch ein einzelner restlicher Bogen vorhanden.

Obwohl ihn diese Leistung tagelang in Anspruch nahm und wieder ein wenig aus der festgefügten Ordnung brachte, wenn auch nur vorübergehend.

Doch er hatte dieses Schreiben für eine Pflicht von Mitmensch zu Mitmensch erachtet. Hatte es für innere Notwendigkeit gehalten, wenigstens den Versuch zu machen, ein schönes kluges Wesen vor schwerer Torheit zu bewahren . . .

Dieses Schreiben fand großen Beifall.

Bei Udo von Silken.

Udo hatte es einrahmen lassen wollen.

Aber dann war es plötzlich verschwunden gewesen. Wahrscheinlich hatte es der junge Hund aufgefuttert, den Udo als beinah einziges Ergebnis seiner Langfahrt mitgebracht hatte.

Udo war wenige Augenblicke nach dem Eintreffen von des kranken Herrn Kanzleioffizials höflicher Absage angelangt. Er traf Konstanze noch im Brautschmuck.

Konstanze glaubte, er würde lachen.

Aber sie sah in seinem Gesicht, das gebräunt und hart geworden wie das eines Seemanns, einen Ernst, den sie nicht kannte.

Udo sagte, daß er sich, um Konstanze aus der Verlegenheit zu helfen, sofort als Stellvertreter anbieten würde für den Herrn Kanzleioffizial.

Es wäre dies eigentlich schon seine Absicht vor seiner Abfahrt gewesen und der Zweck seiner ganzen Reise. Die nur Hoffnung auf Verdienst gewesen. Denn er könne doch nicht sich und sein Ahnentum seiner Frau als Habenichts aufladen?

Da hatte ihn Konstanze an die Weiber von Weinsberg erinnert. Die ihre geliebten Männer meilenweit auf den Rücken zu tragen verstanden hatten. Warum sollte auch nicht ein Weib von heute ihren Mann ein Stück Lebensweg zu tragen versuchen?

Und Udo hatte sich überzeugen lassen . . .

*

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