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Das verbrannte Bett

Alice Berend: Das verbrannte Bett - Kapitel 14
Quellenangabe
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typefiction
authorAlice Berend
titleDas verbrannte Bett
publisherS. Fischer Verlag A.G.
printrunNeunte bis zwölfte Auflage
year1926
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
thirdcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Als Zeitungsleser wußte der Herr Kanzleioffizial aus zahlreichen Plaudereien, daß die Verlobungszeit als die reichste des Lebens galt.

Die Wirklichkeit brachte ihm volle Bestätigung dafür.

Seine Tage waren ausgefüllt mit der unermüdlichen Folge neuer Erlebnisse, sie strotzten voll wichtigfroher Geschäftigkeiten, aus denen sich die Zukunft zimmern sollte.

Jeder Morgen brachte einen Brief aus Berlin voll klarer Wünsche und Anordnungen.

Vor jedem Abend mußte die Antwort darauf abgegangen sein mit genauer Auseinandersetzung, in welcher Weise man versucht hatte, allen gestellten Wünschen volle Gerechtigkeit geschehen zu lassen. Oder warum dies beim besten Willen nicht gelungen war.

Im Kaffeehaus saß der Herr Kanzleioffizial nicht mehr allein. Zum Zeitungslesen kam er nicht mehr. Er vermutete, daß sein Wohlbefinden, sein Behendsichfühlen wahrscheinlich davon käme. Er wußte nun nichts mehr von den Unglücksfällen, weder lokaler noch internationaler Art.

Er erlebte statt dessen lange Besprechungen mit Fräulein Steffi Pichler, die er, bezüglich provisorischen Ladenaustausches, in Konstanzes Namen zu führen hatte. Die Damen wollten zuerst auf ein Probejahr gegenseitige Stellvertretung übernehmen.

Der Herr Kanzleioffizial war einverstanden damit, daß keine längergehenden Verpflichtungen übernommen wurden.

Er hatte eigene Hoffnung und Pläne in dieser Hinsicht. Seit er in einer Zeitschrift Abbildungen kleiner Erfindungen studiert, die zu großem Vermögen geführt hatten. Wie beispielsweise die Sicherheitsnadeln, der Druckknopf, die Rasierklinge.

Ihm schwebte etwas Ähnliches vor. Ein Regenschirm aus Gummi, aufpustbar und somit tragbar in der Tasche oder am Gürtel hängend wie ein Taschentuch. Mit ihm wäre die Menschheit auf allen fünf Erdteilen ein für allemal vor dem Naßwerden auch des überraschendst kommenden Regens geschützt. Ein Radikalmittel zugleich gegen Grippe, Schnupfen, Rheumatismus.

Erst im eigenen Heim, gesichert vor Späheraugen am Schlüsselloch, wollte sich der Herr Kanzleioffizial der friedlichen Arbeit dieser Erfindung zuwenden.

Gelang sie ihm, würde eine schöne Frau nicht lange mehr nötig haben, fremde Finger in die Hand zu nehmen. Herr Blümel also ahnte schon die Vorteile eines eigenen Heims. Er nahm es daher nicht als Last auf, daß er nun Wien, suchend nach einem solchen, durchwandern mußte in der Mittagpause, am Feierabend, oft selbst vor dem Frühstück.

Es lief sich leicht. Wien war schön überall. Und jeder Weg war ihm mit Glückwünschen gepflastert. Alle lächelten den Herrn Bräutigam an. Ein Zufriedener, Hoffnungsvoller scheint die Freude mit sich zu führen.

Auf Anraten Konstanzes sollte nur eine fertige Wohnung übernommen werden. Eigenes erst gekauft und gesucht werden, wenn Konstanze selbst herausgefunden haben würde, welcher Winkel Wiens ihr der liebste geworden.

Der neuverheiratete Kollege half zum raschen Gelingen bei dieser Pflicht durch seine Kenntnisse des Selbsterprobten.

Ein wenig beunruhigte diese Hilfsbereitschaft den Herrn Kanzleioffizial. Glaubte der Jüngere vielleicht, daß späte Ehe das Leben verkürze, wie Herr Blümel selbst irgendwo einmal zu lesen gehabt haben glaubte, in dem ärztlichen Ratgeber einer Zeitungsbeilage?

Aber er hatte jetzt nicht Zeit, sich mit solchen Bedenken aufzuhalten. Der nächste Moment mußte sie verschlingen.

Was man geworden ist, ist man. Jetzt mußte Herr Blümel darauf bedacht sein, seinem neuen fröhlichen Lebenszustand gerecht zu werden.

Auch äußerlich schien ihm dies gelungen zu sein. Er trug nun auch die Strümpfe in der gleichen vergnügten Farbe des Schlipses und die Schuhe verschwenderisch in genau passender kleiner Nummer . . .

Auf diesen bunten Socken hatten sich die Tage karussellschnell abgedreht.

Schon reichte der Hochsommer die reifen Früchte dem farbigen September.

Früher Herbstwind wehte Blümels Hochzeitstag heran.

Übermorgen hieß es, den Zug nach Berlin zu besteigen.

Sein Zimmer, lange ihm Heimat und Welt, war Herrn Blümel schon fremd geworden.

Nicht nur der eigene, schon gepackte Koffer, der übrigens unangenehm sargähnlich wirkte, veränderte den ganzen Raum. Es waren schon Möbelstücke nachfolgender Mieter, bunt durcheinander verstaut, in diesem Raum, der sonst nur behagliche Korrektheit gekannt hatte. Kommoden, Stühle standen kreuz und quer, dazwischen eine Wiege.

Der junge Herr Kollege, auch beim Packen des Koffers kollegial behilflich, lebenskundig und umsichtig, konnte sich's nicht versagen, zu dem hochzeitlichen Bräutigam einen Scherz zu machen über die Anwesenheit dieser ersten menschlichen Ruhestätte des Lebens.

Er bereute diese Respektlosigkeit sofort.

Zu seiner Freude aber konnte er bemerken, daß Herrn Blümels Gesicht keinen beleidigten Ausdruck angenommen hatte. Im Gegenteil, es trug das Lächeln des sich geschmeichelt Fühlenden . . .

Der Koffer wurde schon am Vorabend der Reise zum Bahnhof gebracht.

Dadurch wurde das Zimmer wenigstens wieder zur Hälfte vertrauter.

Das war gut. Denn Herr Blümel hatte den Plan, hier noch eine geheime Feierlichkeit vor sich gehen zulassen vor seinem Fortgehen für immer.

Ganz ohne Poesie sollte dieser Abschiedsabend vom Junggesellentum nicht in die Ewigkeit fallen.

Über solche letzten Stunden eines Junggesellentums hatte ein Mann wie Herr Blümel, abgeneigt jeder Weiblichkeit, bis auf diese einzige Ausnahme, die er nur als Bestätigung dieser Tatsache aufnahm, oftmals nachgedacht, sich ihre Empfindung vorgestellt. Sie ähnlich vermutet den Gefühlen vor einer schweren Operation mit langer Narkose.

Wann die Kindheit fortgeht, wann das Alter kommt, kann niemand spüren, bevor es nicht schon geschehen.

Den Abschied vom Einzelleben zu nehmen aber ist der Mensch imstande.

Der Herr Kanzleioffizial wollte von dieser Fähigkeit vollen Gebrauch machen. Er wollte mit vollem Bewußtsein, mit feierlicher Nachdenklichkeit diese Lebensbiegung überschreiten.

Ganz ohne Anleitung, ohne Vorbild, brauchte er auch hier nicht zu handeln. Viele vor ihm hatten Ähnliches beabsichtigt und ausgeführt.

Auch über diese sonderbaren Augenblicke des Menschenlebens erschienen dann und wann Plaudereien, gedankliche und ernsthafte, auch spöttische und scherzhafte, die einem gewiegten Zeitungsleser nicht hatten entgehen können.

Am eindrucksvollsten war dem Herrn Kanzleioffizial aus solcher Lektüre der Ratschlag zurückgeblieben, diesen letzten Abend unbeschränkter Freiheit allein zu verbringen, vor einem Ofen, indem man sein Junggesellenbett mit allen seinen Erinnerungen verbrannte. Gleichzeitig sich auch innerhalb wärmend, indem man in schweren Schlucken langsam eine Flasche besten Burgunders leerte.

Diese Feier in ihrer leidenschaftlichen Größe dünkte dem Herrn Kanzleioffizial beinah heidnisch. Außerdem bedeutete sie für ihn keine große Kostspieligkeit.

Sein Bett, Erbteil aus urväterlichem Hausrat, war morsch, war durchbohrt, durchpocht vom Holzwurm, hatte sich selbst längst überlebt.

Herr Blümel hätte es mit eigenen Händen leicht zu Brennholz brechen können. Es würde keinem Umzug mehr standgehalten haben.

Zufällige Rücksprache jedoch mit einem Tischler, der in Angelegenheit der künftigen Mieter das Zimmer betrat, belehrte Herrn Blümel eines besseren. Er erinnerte ihn, wenn auch nicht auf unangenehme Weise, daran, daß man nie Urteile fällen sollte auf Gebieten, wo man nicht Fachmann ist.

Der Sachverständige bot für solches Bett immer noch soviel, wie für eine Flasche guten Burgunderweins zu verausgaben war.

Obendrein erklärte er sich bereit, einen der Bettpfosten, jenen, in dem sich der Holzwurm häuslich eingenistet hatte seit Generationen, dem Herrn Kanzleioffizial zurückzulassen.

Herr Blümel war einverstanden. Schneller wie er sich sonst zu Entschlüssen verstand.

Es war ihm klar, daß sein feierliches Vorhaben heute abend eine symbolische Handlung bedeuten sollte. Es würde also vollkommen ausreichend sein müssen, wenn nur ein Teil des Bettes verbrannt werden würde.

Bei näherer Überlegung sagte er sich, daß die Verbrennung des ganzen Bettes sogar ungesund erhitzend gewirkt haben würde.

Zumal noch kein Winterfrost zu überwinden war.

Wenn sich auch das Wetter diesem heidnischen Brandfackelfeld heftig anpassen zu wollen schien.

Es kühlte sich ab von Stunde zu Stunde.

Der Wind warf welke Blätter gegen die Scheiben.

Regen, steinkalter, siebtropfiger, setzte ein, als Herr Blümel seinem Heim zueilte, im Arm die gekaufte Flasche Burgunder.

Das heißt, seinem Zimmer zustrebte, das nur noch ein halbes Heim war. Ebenso wie der Burgunder nur zur Hälfte Burgunder war. Vielleicht nicht einmal das.

Genau gesagt, nur dem Namen nach Verwandtschaft mit jener köstlichen Flüssigkeit des Sonnenrots aufzuweisen hatte.

Es war eine Punschsorte dieses Namens, zu der man dem Herrn Kanzleioffizial freundlich zugeraten, als man ihn hatte erblassen sehen über den Preis der echten Weinsorte.

Dieser Punschextrakt war mit heißem Wasser zu verdünnen, mit Zucker zu versüßen. Beides eine Kleinigkeit für den Herrn Kanzleioffizial.

Das heiße Wasser lieferte der Ofen, sobald ihn das brennende Holzbein des fortgetragenen Junggesellenbettes anzufeuern begann.

Zucker hatte Herr Blümel als Stammgast eines guten Cafés stets in allen Rocktaschen . . .

Die Feier begann. Das Feuer flackerte. Der Punsch wärmte. Er glitt hinunter, schnell wie das Leben selbst, sobald es sich um angenehme Stunden handelte.

Der Wind, erst draußen heulend, war plötzlich in den Ofen gefahren, er jammerte dort, wie wenn eine Hexe verbrannt würde. Oder ein Stück lebendiger Lebenszeit.

Herr Blümel trank zwei Gläser geschwind hintereinander leer.

Das tat gut.

Wundervoll war doch das Leben.

Leicht.

Federleicht.

Was man sich wünschte, hatte man schon. Man brauchte sich nur einmal rasch auf dem eigenen Absatz herumzudrehen, und man war jeden Ärger los.

Warum sich denn ärgern? Worüber denn?

Wem's kalt ist, der trinke etwas Warmes. Wem es zu heiß ist, der löffle Eis. Wem's zu süß ist, der nehme Zitrone. Wem's zu sauer ist, der lasse Zucker über den Rand des Glases springen.

Das Glas war übrigens merkwürdig rund.

Auch das Zimmer.

Niemals war dem Herrn Kanzleioffizial so augenfällig klar geworden, wie sich alles im menschlichen Dasein der Erdform anpaßte. Auch ihren Drehungen und Schwingungen.

Er fühlte sich verpflichtet, über diese neue Entdeckung nicht flüchtig hinwegzugehen, sondern sich in sie zu vertiefen, indem er fest und lange auf einen Punkt zu starren suchte.

Da hatte er's. Deutlich bemerkte er, wie sich die Erde um sich selbst drehte.

Er starrte weiter. Alle Erfindungen verdanken ihre Entstehung der Beharrlichkeit . . .

Funken, die aus dem Ofenloch stiebten, lenkten Herrn Blümels erweckten Forschersinn dorthin.

Sie erinnerten ihn an ein Feuerwerk.

Herr Blümel war ein Freund dieser luftigen Abendvergnügungen. Er hatte keine solcher Festlichkeiten versäumt. Immer wieder erregte es sein Verwundern, wie die abgeschossenen Leuchtkugeln, sternengleich, im Weltall zu tanzen verstanden.

Beinah noch mehr bestaunte er die vielen, die es für nötig hielten, Eintrittsgeld für diese Belustigung zu zahlen. Herr Blümel hatte noch immer einen Standort gefunden, von dem sich die Unterhaltung kostenlos genießen ließ. Wozu seiner Meinung nach für den Zuschauer nichts anderes nötig war, als eine Weile den Kopf recht hoch zu halten. Eine Übung, die jedermann nur gut tun konnte.

Schon wollte sich Herr Blümel auf den nächsten Sommer und auf diese seine Zerstreuungen freuen.

Da erinnerte er sich, daß er nicht mehr so einfach über sich selbst verfügen konnte.

Würde man eine Dame wie Konstanze in das Gedränge der außenstehenden Nichtzahler führen dürfen?

Würde er selbst wünschen, daß seine schöne Frau von jedem gestreift werden konnte, der hier im Gewühl Feuerwerk erleben wollte?

Man würde auf dieses Vergnügen verzichten müssen. Oder das Eintrittsgeld anlegen müssen für zwei Personen.

Ein Schluck, zwei, drei, vier Schluck des wärmenden Punsches ließen sich Herrn Blümel auch darüber hinwegdrehen, mit leichter Erddrehung auf nicht schief zu tretendem Gummiabsatz . . .

Das Ofenloch pustete weiter.

Aber was war das?

Zwischen den hübschen sprühenden Funken erschien ein gräulich unappetitlicher Wurm.

Er wuchs und wuchs, bis er einem Drachen ähnelte, einer Art Getier, wie es sonst nur in Sagen und Bilderbüchern vorkam und für das der Herr Kanzleioffizial niemals Interesse oder Sympathie gespürt.

Das Untier hockte sich breit zwischen die Ofenwärme und den Herrn Kanzleioffizial nieder. Kein Wunder, daß dieser zu frösteln begann.

Lächerlich, dieses Ungetüm, das es doch gar nicht gab, begann zu sprechen.

Herr Blümel war genötigt zuzuhören.

Er wäre gern aufgestanden. Sobald er sich jedoch zu bewegen begann, rutschte das Ungeheuer näher.

Herr Blümel war nicht feige. Darüber war er sich klar.

Aber er war auch nicht unhöflich. Aus diesem Grund war er nicht fähig, diesem Ungeheuer einfach zu sagen, daß er überhaupt nicht an seine Existenz glaube. Und daß er es für eine Erfindung halte. Obendrein für eine äußerst ungesund wirkende.

Er hörte also zu. Aus Höflichkeit.

Er lächelte sogar, als dieses Schauderwesen ihn mit Du anzureden begann. Mit der Begründung, daß es jahraus, jahrein mit ihm zusammengeschlafen hätte.

Wozu solchem Scheusal widersprechen?

Herr Blümel hielt gar nichts vom Widerspruch. Er brachte nur Erregung ohne Zielmöglichkeit. Irrtum muß sich selbst aufklären, Worte sind machtlos. Bedauerlich jeder, der sich dies nicht selbst sagen kann.

Aber beinah hätte Herr Blümel gelacht, als sich ihm der neue Duzbruder als der alte Holzwurm vorstellte, der in seinem Bett gehaust, seit sich dies aus einem Eichbaum in diesen nützlichen Gegenstand verwandelt hatte. Und der nun durch Herrn Blümels Vorgehen eigenmächtig und unerwartet obdachlos geworden war.

Herr Blümel, festgewillt, nicht widersprechen zu wollen, mußte doch ungläubig den Kopf geschüttelt haben.

Vielleicht laut gesagt haben, daß er es nicht liebe, zum Narren gehalten zu werden. Er wisse genau, wieviel Platz in der Höhlung eines Bettpfostens vorhanden wäre.

Das Ungetüm rückte näher.

Es fragte, ob Herr Blümel dies wirklich genau wisse? Ob er überhaupt etwas genau wisse?

Bevor der Herr Kanzleioffizial dieser beleidigenden Äußerung hätte gegenübertreten können, wurden ihm neue Fragen entgegengeschäumt.

Ob er wirklich Bescheid wisse in den Größen und Maßen?

Ob er wirklich wisse, wie groß die Zuneigung seiner zukünftigen Frau ihm gegenüber wäre? Wieweit die eigene zu ihr ginge?

Wie hoch das Maß der Jahre zu messen sein würde, die sie beide zusammen verbringen sollten? Wie groß ihre Zufriedenheit, ihre gegenseitige, sein würde? Wieviel ihre Freude aneinander wiegen würde? Wie schwer oder leicht das beiderseitige Vertrauen abzuwägen sein würde? Wieweit es wäre zwischen seiner Frau und jenem blonden Herrn, den er neben ihr gesehen, als sie Herrn Blümel beinah noch eine Fremde gewesen sei? Wie weit überhaupt die Entfernung zwischen Mensch und Mensch?

Herr Blümel quälte sich, diesem Examinator standzuhalten. Nicht durch äußerliche Beantwortung. Erachtete seinen eigenen Willen, der ihm hier vornehmes Schweigen gebot. Aber um sich selbst Rechenschaft zu geben.

Es gelang ihm nicht, zur Klarheit der Beantwortung zu kommen. Im Wirbel dieser unangenehmen Herausforderungswucht.

Außerdem begann das Ungetüm schon wieder zu sprechen. Zudem noch ein wenig näherrückend.

Es schnarrte, daß es Beobachter aller Ahnen des Herrn Kanzleioffizial gewesen und also Herrn Blümel genau kenne. Alle Atome, aus denen er zusammengesetzt sei. Sparsamer Sohn des sparsamen Enkels. Zur Pfennigrechnung, beständiger, verurteilt zwischen Leben und Tod.

Das Scheusal grinste und behauptete jetzt, daß Herrn Josef Blümels Herrn Papa im Augenblick der Zeugung gerade eingefallen wäre mit scharfem Schreck, daß er am frühen Morgen dem Milchmann fünf Kreuzer zuviel gezahlt habe.

Das ganze Leben dieses Sohnes mußte nun dazu dienen, diese fünf Kreuzer wieder einzusparen, wieder und wieder, jeden Tag aufs neue . . .

Hatte Herr Blümel, trotz Abneigung gegen jegliche Art von Debatten, doch gerufen, daß er sich solche Unverschämtheiten verbitte?

Das Ungetüm lachte plötzlich so unangenehm grell auf und schnaufte, daß Bruder Blümel nicht immer alles besser wissen wollen sollte. Daß er endlich sich selbst erkennen sollte, sich und seine Art.

Alle waren sie einmal Hochzeiter und Hochzeiterin gewesen. Jede Jugend verblendete die gleiche Hoffnung. Allen dünkte geheimnisvoll, was so einfach ist wie die Urkraft unverbrauchter Affen, wenn Dunkelheit schützt. Wenn nur er und sie da ist und alle anderen Dinge ausgelöscht sind.

Aber alles, was später komme, ist überflüssig.

Die Freude, ein langes Leben vor sich zu haben, verpulvert sich ins tägliche Gleichmaß, das aus Hunger und Durst besteht, auf Reichtum und Wohlbehagen ausgeht. Sonntagskleider werden zur Schau getragen. Die Seele aber muß auch feiertags weiter rechnen . . .

Hatte sich Herr Blümel plötzlich so weit vergessen, dem Ungetüm einen Fußtritt zu versetzen?

Es hatte sich aufgerichtet, von einem Atemholen zum andern, es saß nun Aug' in Aug' mit Herrn Blümel und pustete ihm jetzt mitten ins Gesicht hinein, daß Modenschnitt und Tanzschritt allein sich ändern. Mann und Weib dieselben geblieben wären seit Adam und Eva. Sich das Lebensmark aussaugend im Opfergeben, Opfernehmen.

Wer allein lebt, wird alt.

Ganz nah, hart angepreßt an Herrn Blümel, zischte der wachsende Wurm:

»Folg' meinem Beispiel, Bruder. Wer allein sich durchnagt, hat überall Platz, wird nicht vom Nächsten betrogen, bestohlen, heimlich vergiftet und begraben unter Tränen. Diesen lieblichen Tröpfchen, die immer glänzen, gleichviel ob sie Trauer begießen oder Freude.

Nimmt man ihm heute sein Bett, kriecht er morgen in ein besseres.

Ich werde mich nun in jene Wiege nagen. Das wird mich verjüngen. Ich fange von neuem an. Vielleicht entdecke ich endlich, ob das Leben mehr Zweck hat oder der Tod. Jedenfalls sind es zwei unvereinbare Sachen . . .«

*

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