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Das verbrannte Bett

Alice Berend: Das verbrannte Bett - Kapitel 12
Quellenangabe
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typefiction
authorAlice Berend
titleDas verbrannte Bett
publisherS. Fischer Verlag A.G.
printrunNeunte bis zwölfte Auflage
year1926
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
thirdcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20090225
modified20150128
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Zur rechten Zeit ist alles recht. Wie selten aber geschieht etwas im rechten Augenblick.

Sobald nach Herrn Blümels Berechnung die Möglichkeit einer Antwort von Fräulein Konstanze vorhanden war, hatte Herr Blümel jeden Augenblick des Tages in Erwartung zugebracht.

Und zwar nicht mehr allein der anzulegenden Bildersammlung wegen.

Er war um dieser Angelegenheit willen eine Wette eingegangen. Obwohl er sonst Feind von Hasardspielereien.

Er hatte mit sich selbst gewettet.

Jener Josef Blümel, der mit Wohlbehagen den Sommerduft der Rosen und reifen Beeren einatmete mit mancherlei Früchtewünschen ans Leben, hatte mit dem maßvolleren Herrn Kanzleioffizial gewettet, daß die Antwort des Fräuleins ihr Bildnis bringen würde, jugendfrisch, reizvoll, lebendig.

Der Herr Kanzleioffizial dagegen glaubte nicht daran. Wünschte nicht, daran zu glauben.

Diesen ärgerte es, daß sich dieser inkonsequente Josef überhaupt in solchen Briefwechsel eingelassen hatte.

Verlor er die Wette, würde er dem Herrn Blümel eine flottere Krawatte kaufen müssen. Als Sieger dagegen würde er der warmen Hausschuhe für den Winter sicher sein.

Vielleicht geht es bei jedem Hasardspiel dieses Lebens so, daß wir auch bei Verlust etwas gewinnen. Was wissen wir Kurzsichtigen von diesen Dingen?

Wie dem auch sei, verständlich jedenfalls Herrn Blümels brennende Ungeduld.

Fast scheint es unmöglich, daß Herr Blümel jedoch gerade in der Sekunde, wo er das Bild wirklich in Händen hielt, nicht daran dachte. Sich nicht einmal des Triumphs bewußt werden konnte, eine Wette gewonnen zu haben. Doch so geschah es.

Herr Blümel war ächzend bemüht gewesen, den Herrn Kanzleioffizial zu rasieren vor dem Bürodienst.

Vorsicht war geboten. Untüchtige Handhabung des recht oft benutzten Messers barg Lebensgefahr.

Der Briefträger, gerade heut, genau zehn Minuten zu früh erscheinend, geradezu eine Abnormität für einen Wiener, mußte Schreck einjagen, Verdruß, Unbeholfenheit.

Der Brief glitt aus feuchten Fingerspitzen in den Napf voll heißen Wassers. Eine Seifenblase rundete sich glasbuntschillernd, platzte jäh und wurde zum ekligen klebrigen Klümpchen.

Abergläubischen, Vorahnungsuchenden hätte dies zu denken geben können.

Herr Blümel aber glaubte vor allem dankbar sein zu müssen, daß das ausgerutschte Rasiermesser keinen Schaden angerichtet hatte.

Der Wunsch der Selbsterhaltung ist unser stärkstes Ziel. Dafür sind wir nicht zur Verantwortung zu ziehen. Er ist angeboren jedem Geschöpf. Vom Beherrscher bis zur Mücke fürchtet sich alles, das lebt, insgeheim vor dem Tod.

Eine Entschuldigung, die sich Herr Blümel selbst zubilligen zu können glaubte, als er nun erst sorgfältig getrockneten Gesichts endlich bemüht war, den untergetauchten Brief aus dem Seifennapf zu angeln.

Kläglich war dieser Augenblick einer großen Wunscherfüllung.

Konstanzes wohlgeformtes Antlitz schimmerte feucht wie das einer Ertrunkenen.

Der Ruf zum Wiedersehen war zerflossen, wie wenn dicke Tränen aus unerschöpflichem Quell ihn aufgelöst.

Unglück bindet die Menschen. Wahrscheinlich schon die Mahnung daran.

Nur auf diese Weise wenigstens konnte sich Herr Blümel erklären, daß ihm dies Bild ein Heiligtum dünkte. Immer stärker sein Sinnen, Denken, Hoffen, Wünschen, Wollen in Anspruch nahm.

Er trug das Bild nicht bei sich aus Furcht, es verlieren zu können.

Er freute sich auf die Rückkehr in sein Zimmer, wo es verborgen war.

Er nahm nun andern Anteil an der Schnelligkeit der heimwärts gerichteten Schritte des jetzt verheirateten jungen Kollegen.

Auf jedem Rückweg, oft auch in der Gefängnisstille der Kanzlei, stellte er sich vor, Konstanze würde ihn erwarten in seinem Zimmer, in blühender Wirklichkeit.

Freude und Grauen mischten sich in ihm.

Er dachte sich Gespräche aus.

Er verdunkelte am Sonntag das Zimmer und spielte flüsternde Unterhaltung mit dem Bild.

Die Kollegen hänselten ihn ob seiner Bleichheit, seines Zerstreutseins. Er sehe angegriffen aus wie ein Neuvermählter. Der Herr Kanzleioffizial glaubte zu wissen, daß sich hier nicht Respektlosigkeit vergriff. Man wagte diesen Scherz nur, weil man hier Unmögliches mit ihm in Verbindung zu bringen meinte.

Unmögliches zu beweisen aber liegt in jedem von uns als geheimer Wunsch. Jeder sucht das auf seine Weise zu erreichen.

Herr Blümel wünschte den Kollegen zu beweisen, daß auch Unmögliches Tatsache werden könne. Diese Sicherheit, in der sich diese werten Herren Kollegen wiegten in dem Glauben, ihn genau zu kennen, verdroß ihn.

Er wünschte der Unerschütterlichkeit ihrer vermeintlichen Menschenkenntnis einen wohlverdienten Stoß zu geben. Ein starker Denkzettel dem ganzen Selbstdünkel der Allgemeinheit wäre damit geliefert.

Keineswegs also aus rein persönlichen Gefühlsgründen, deren Berechtigung der Herr Kanzleioffizial nicht anerkannte, sondern zur Besserung, vielleicht sogar zur Aufhebung bedauerlichen Kollegendünkels, überlegte sich Herr Blümel täglich heftiger, ob er eine Reise nach Berlin unternehmen sollte, um damit möglicherweise seinem Alleinsein ein Ziel zu setzen.

Die Besuche zum Bahnhof hatten ihn an die äußeren Notwendigkeiten zur Ausführung solches Planes gewissermaßen akklimatisiert. Er war mit allen Funktionen des Reiseverkehrs vertraut wie ein Fachmann.

Er begann bereits im Café Gespräche mit Stammtischnachbarn, die er für ähnlich geartet hielt, über Reisen und Heimbleiben, über Beständigkeit und Veränderung.

Man kam zu keinem Resultat. Das eine war gut. Das andere auch.

Über Berlin besaß hier zufällig niemand persönliche Erfahrung. Man kannte Linz, Graz, den Semmering, die Steiermark, auch Triest, Venedig und den Lido. Der Wiener liebt nun einmal vor allem die Heimat und alles, was einmal dazu gehört hatte.

Nur einer der Herren wußte von einem Vetter, der auf einige Tage nach Berlin hatte fahren wollen und aus Bequemlichkeit dort gleich dreizehn Jahr' geblieben war.

Dem Herrn Kanzleioffizial bedeutete dies kein schlechtes Zeichen. Er glaubte auch diesen Wink verstehen zu können.

Außerdem wußte er, daß Menschen, die mit dem Aberglauben hantierten, wozu er allerdings nicht gehörte, die Dreizehn als Glückszahl rechneten.

Er würde sich zur Reise somit entschlossen haben. Vielleicht schon unterwegs gewesen sein.

Wenn nicht wieder Bedenken aufgestiegen wären, ob nicht jemand, der möglicherweise vor dem Aufbau eines eigenen Haushaltes stand, sich nicht sorgsam genug vor großen Ausgaben zu schützen hatte, diese immer wieder überlegen müsse.

Der Herr Kanzleioffizial studierte Schaufenster voll Einrichtungsgegenständen, blinzelte auf die Auslagen, die Gebrauchsstücke der Frauenwelt zeigten, und berechnete sich, wieviel man davon hätte haben können für den Preis, den allein eine Fahrkarte nach Berlin verlangen würde.

Weitere Hindernisse reckten sich hoch.

Es war nicht unmöglich, daß sich in Berlin trotz längeren Aufenthaltes, trotz mancherlei Einladung mit Kostenaufwand keine Gelegenheit zu intimer Zwiesprache ergeben würde. Denn Herr Blümel mußte sich klar sein, daß er sich hier auf vollkommen fremdes Terrain zu begeben beabsichtigte.

Er war verpflichtet, diese innere Warnung seinem leichten Unternehmungsmut, den allzu kühnen Reisewünschen, entgegenzuhalten.

Sich die abschreckende Möglichkeit vor Augen zu führen, daß sich nach wochenlangem Bemühen eine Werbung doch vielleicht erst nach erfolgter Rückreise erledigen lassen würde, auf schriftlichem Wege.

Diese Feststellung machte Herrn Blümel stutzig. Sie bot endlich Tatsächliches gegenüber schwebenden Mutmaßungen.

Die ganze Angelegenheit, peinlich, aufregend in ihrer Ungewißheit und ihrer Einzigartigkeit, würde sich wahrscheinlich schriftlich erledigen lassen, würdiger und gewissenhafter.

Herr Blümel begann, sich mit Briefentwürfen zu mühen.

Auch diese Aufgabe hatte er unterschätzt.

Ziellose Sätze liefen im Zickzack. Zutreffendes herauszufinden, zeigte sich als unerhört schwierig.

Die gewählten Worte wirkten entweder steif und kalt, also ungenügend für den gewünschten Zweck. Oder weibisch-sentimental – also abstoßend.

Forschen und Suchen aber brachte Herrn Blümel Entdeckungen in seinem Innern wie in der Außenwelt. Ahnungen, vor denen er zurückschreckte.

Wie wenn er wußte, daß beinahe das ganze Übrige seines Daseins notwendig sein würde, um diese Erkenntnis wieder zu vergessen, wenigstens zu übertünchen.

Gibt es Gedanken, die sich vor sich selbst fürchten?

Herr Blümel, im Suchen nach Ausdrücken, die einem schönen, hochgewachsenen, blonden Wesen in der Ferne verdeutlichen sollten, nicht ungestüm aber überzeugend, daß man plötzlich ahne, welch schwingende Leichtigkeit ein zu zweit aufgeteiltes Leben haben könne, wollte nicht spüren und mußte es, wie unnatürlich, wie unertragbar schwer es war, sich als einzelner zu erwehren, dieser unerschöpflichen, auf lebendiger Zusammengehörigkeit aufgebauten Welt. Ein Hase war man unter Hunden. Jedes Geräusch vor Tür und Fenster, jedes Gelächter glich Jägergeblas. Wirkliches Alleinsein war Fäulnis und Tod.

Die Möglichkeit, sich einem starken Herzen mitteilen zu können, mußte Schutz und Rettung bedeuten gegen Mißgeschick, Spott und Verlassenheit. Und würde man nicht an solchem hängen müssen bis zum letzten Hauch seines Lebens?

Diese fragende Vermutung schrieb Herr Blümel endlich nieder.

Er faßte sie so, daß sie für jede der in Frage kommenden Persönlichkeiten Geltung haben konnte.

Aber er mußte feststellen, daß die innere Hilflosigkeit, die ihn überfallen, ihm die notwendige Sicherheit eines Werbenden verringerte.

Er wünschte seinen Posten, seinen Stand, seine Vorzüge, seine Verhältnisse zu loben, seine Fehler zu verstecken.

Hartnäckige Redlichkeit hinderte ihn daran.

Nur die Ersparnisse erlaubte er sich zu erwähnen.

Sie waren kein Gefühlsmoment, sondern gehörten in das Gebiet der sozialen Angelegenheiten.

Er wünschte auch einzufügen, daß sich das Fräulein die Angelegenheit immer wieder und wieder überlegen sollte. Denn das hielt des Herrn Kanzleioffizials Rechtlichkeit in solchem Fall als für dringend notwendig.

Aber er unterließ es schließlich. Nicht etwa aus Feigheit.

Er hatte sich gesagt, daß solche Ausführungen den Brief zu weitschweifig machen würden. Er fühlte sich nicht kräftig genug zu einem langen Schreiben. Dieser ungewöhnliche Gemütszustand hatte ihn ermattet. Körperlichen Hindernissen muß man sich beugen.

So füllte der Brief, als er schließlich die Form erhalten hatte, die Herr Blümel für zweckmäßig hielt nach aller Überlegung, nur eine knappe Seite.

Alle Gefühle waren wieder herausgewandert. Nur Tatsächliches war geblieben. Es war klar und sachlich auseinandergesetzt.

Am Schlusse wurde das gnädige Fräulein höflichst gebeten, der bedeutsamen Angelegenheit mit einem schnellen kurzen Ja oder Nein endgültig bindenden Abschluß zu geben.

Dieser Brief wurde auf dem gediegensten besten Papier geschrieben. Herr Blümel hatte es nach langer Wahl erstanden in dem besten Luxusgeschäft der Kärntner Straße.

Der Frau, die ihn ein Leben lang verstehen sollte, mußte dies mehr sagen können als alle süßen Worte, zu denen sich das gefügige Alphabet von jedermann zusammendrechseln läßt . . .

Dieser Brief wurde von Herrn Blümel selbst bis an den Postwagen des Berliner Zuges gebracht. Gehüllt in Seidenpapier, das erst dort an Ort und Stelle entfernt wurde.

Darauf wurde im Notizbuch genau die Abfahrtszeit vermerkt und verschiedene Berechnungen dazu, wann eine Antwort erwartlich sein könnte.

Man wartete die Abfahrt des Zuges ab, der hinausbrauste in eine sommerliche Sternennacht, und schon schien es, wie wenn man eingereiht wäre in jenen frohen Kreis jener Reichen, die an Bahnhöfen Willkomm und Abschied winken durften.

Zögernd gab man die Bahnhofskarte zurück, deren Unkosten ruhig gewagt worden waren, der Einmaligkeit dieses Vorkommnisses wegen.

Obwohl sich Herr Blümel sonst keine Vorhersagungen anmaßte, er glaubte es bestimmt zu wissen, daß sich solche Briefsendung niemals in seinem Leben wiederholen würde.

Stark dufteten heute Blumen, Beeren, Kräuter, Sträucher im Nachttau nach heißem Hochsommertag. Fern am Horizont gilbte letztes Sonnenlicht, wie wenn schon erster Herbstschein den Sommer überschleichen wollte. Wer zu zweit dem Leben trotzen könnte, würde das Frösteln nicht mehr zu fürchten brauchen.

Musik kreiste über den Dächern, durchstrich die Straßen und zog hinaus über die Furchen der welligen Wiesen, wie auf Notenlinien.

Musik war Liebe. Wien war Musik. Der rund um die Stadt gebogene Wald blies die Töne weiter als schallweites Horn über die weinbeflochtenen Höhen, durch die Täler, in die Kräuselwellen des Donaustroms, der sie mit sich nahm bis zum Orient.

Es konnte schon als Geschenk gelten, jemandem das Heimatrecht dieser Stadt anzubieten . . .

Im Büro behauptete man, die vergnügte Farbe von des Herrn Kanzleioffizials kühner Krawatte verjünge den ganzen Mann.

Wirklich war Herr Blümel heiter, gesprächig, beweglich wie nie zuvor.

Er berichtete Scherze, er überreichte dem neuen Kollegen eine rote Nelke, die dieser seiner jungen Frau nach Hause bringen sollte.

Er hatte diese Blume gefunden, fügte er entschuldigend hinzu.

Man zwinkerte sich gegenseitig an, hinter seinem Rücken, daß diese Erklärung nicht nötig gewesen wäre. Man hätte es als selbstverständlich angenommen. Trotzdem blieb es ungewohnte Aufmerksamkeit.

Man irrte sich wieder.

Herr Blümel hatte die Nelke gekauft . . .

Konstanze, neugierig, zog den kostbaren Briefumschlag als ersten aus der Morgenpost hervor.

Sie erkannte Herrn Blümels tadellose Handschrift sofort. Sie war überzeugt davon, seine Verlobungsanzeige vor sich zu haben.

Ein wenig Enttäuschung beklomm sie über den Verlust des kleinen Angelspiels im Teich der Möglichkeiten, das nun damit vorbei war. Sie hatte sich oft die Verblüffung verschiedener vorgestellt, wenn sie plötzlich nicht mehr in Berlin zu finden gewesen sein würde.

Beispielsweise auch die Udo von Silkens, wenn er bei einer endlichen Rückkehr die Erfahrung machen mußte, daß sich auch andere vom Platz bewegen können.

Der Inhalt des Briefes, endlich geöffnet, verursachte also verdoppelte Überraschung.

Das war eine steife Werbung.

Konstanze lachte.

Und las den Brief noch einmal.

Immerhin, es war der schwerwiegende Wunsch von Mensch zu Mensch zu lebenslänglicher Gemeinschaft.

Udo hatte oft gesagt, daß nur Heuchler in einschneidenden Augenblicken geschickte Worte zur Verfügung haben konnten.

Konstanze weinte plötzlich.

Bewußt geworden ihres Alleinseins. Niemand neben sich als den eigenen Schatten.

Die Mutter war längst der Blitzwandlung dieser Zeit aus dem Wege gegangen. Ohne je eine eigene Meinung gehabt zu haben.

Der Vater war aufrechte Dekoration der guten Stube, mit deren veralteter Moral er heute noch nicht fertig war. Er nahm zwar die Unkosten seines Daseins aus den Händen der Tochter, unter der Parole: daß, wer lebe, leben müsse. Aber er verleugnete nicht die Geringschätzung, die er Ladendamen entgegenbrachte.

Er blieb der Vater im Krieg gefallener Offiziere, der ordengeschmückte Beamte eines Kaiserreichs.

War es nicht die ähnliche Geradrückigkeit, die den Herrn Kanzleioffizial sofort vertrauensvoll hatte erscheinen lassen? Ist vielleicht alles Erbe? Wird man hineingeboren in einen festgeschlossenen Lebenskreis, dem man so wenig zu entschlüpfen vermag wie die Maus der Falle?

Grübelei und Brief mußten beiseite gelegt werden. Der Arbeitstag begann. Fremde Hände, gezeichnet mit dem goldnen Ring des Lebensbündnisses, Schutz und Halt irgendeiner anderen, wurden berührt als Sachlichkeit.

Der breite Briefbogen, mit den geraden Worten der Werbung zwischen Uhr und Kasse, schimmerte weiß wie wartende Güte.

Wie wenn dort endlich jemand spähte, daß sie sich nicht übermüde, argwöhnisch aufpaßte, daß fremde Finger auch fremd blieben. Unruhig verfolgte, ob die Leiter auch nicht schwanke, auf der sie geschwind hinaufklettern mußte, um an das oberste Regal heranreichen zu können.

Zweimal schon hatten diese korrekten Buchstaben, die von jenem festen Bogen leuchteten, Konstanze warnend daran erinnert, schnell aufgestellte Rechnungen noch einmal zu überzählen, und sie damit vor Schaden bewahrt.

Schon fühlte sich Konstanze beschützt. Glaubte sie nicht mehr, allein zu sein. Meinte sie begreifen zu können, welche Kraft zu gewinnen sei, wenn das Leben zu zweit getragen würde.

Schon meldete sich Verantwortungsgefühl gegen solchen Beschützer.

Konstanze mußte sich die Unruh', Spannung, Ungeduld seiner Erwartung vorstellen.

Schon neckte Gattinnenbesorgnis, geerbt von immer ängstlich gewesener Mutter, ob solch peinigende Wartequal nicht gesundheitsschädlich sein könnte. Baldrian, Pfefferminz und ähnliches, durch starken Geruch untilgbar der Kindheitserinnerung anhaftend, waren der Mutter zeitlebens bereit gewesene Waffen gewesen in allen solchen Unruhmomenten, in immer geordneten staubfreien Stuben. Sie glaubte ihren Duft zu spüren.

Konstanze blickte sich um. Es war genau so gewesen, wie wenn jemand gegähnt hatte, laut wie aus der tiefen Langweile von Tagen heraus, von denen jeder still gehorsam dem andern gleicht.

Tonleiterartige Mundmusik, wie sie Udo als Junge vorgetäuscht hatte, wenn jemand zu klagen versuchte über Teuerung, Krankheit, Alter, kurz über unangenehme Dinge.

Konstanzes Mitleid mit dem Wartenden verringerte sich.

Wurden Liebende nicht von jeher auf die Probe gestellt? Früher verlangten die Frauen, Früchte aus Drachenhöhlen geraubt, Edelsteine vom Grund des Meeres heraufgeholt zu bekommen.

Was galt dagegen die Möglichkeit, daß dem Herrn Kanzleioffizial einmal die Buchstaben der Zeitung vor Augen tanzten wie Mücken, deren Stiche er vielleicht ärger fürchtete wie einstmals der Rittermut die Drachenzähne.

Kaum dies gedacht, kam schon das Mitgefühl wieder zurückgeschlichen wie ein zu unrecht abgewiesener Bettler, dem nun Gewissensbisse doppelte Gabe reichen ließen.

Die Mutter, die Bescheidene, Sorgsame, hätte den Herrn Kanzleioffizial zu loben gewußt . . .

War dies der Grund, daß die schmale schnelle Nachbarin behaupten konnte, Spuren von Tränen an Fräulein Konstanzes Augen zu entdecken? Jede Möglichkeit dazu wurde lachend bestritten.

Nie wäre Konstanze so stillvergnügt gewesen als gerade heut.

Die Leichtgewichtige war geschwind überzeugt davon, erfüllt von Wünschen eigener Lebensgestaltung.

Sie war beschäftigt damit, Herrn Kilian zu loben als Meister und Vorbild eines zu erträumenden Ehemannes. Selbst seine Mißgestalt rechnete sie zu den Vorzügen.

Seine Ehefrau würde weniger eifersüchtig sein müssen, wie wenn sie einen beäugelten und wiederäugelnden Schöngewachsenen betreuen müßte.

Wie beispielsweise die Bedauerliche, die einmal von Herrn Udo von Silken erkoren werden würde. Sie würde ihren Gatten an der Leine führen müssen.

Konstanze hatte erwidert, daß Udo sicherlich niemals heiraten werde.

Das Schokoladenfräulein lachte. Eigentlich nur, weil sie fröhlich war. Denn Herr Kilian hatte soeben das Maß von ihrem rechten Ringfinger genommen. Den Grund hatte er nicht verraten wollen.

Konstanze beleidigte das Lachen.

Sie sagte, ob die Anspielung auf Konstanzes nicht geweinte Tränen, in Verbindung mit diesen vielen Anspielungen, über den Ferngereisten gemeint gewesen? Wie wenn sie vielleicht geweint darüber hätte, daß das Leben von Glücken voll sein könnte, wenn sie Udos Anblick wieder vor Augen hätte?

Übermütiges Lachen gelang Konstanze. Keiner kenne den andern, auch wenn man sich noch so nachbarlich.

Sie wollen nun nicht mehr heucheln, sich nicht mehr verstellen, keine Geheimniskrämerin mehr sein. Offenheit gegen Offenheit.

Sie wolle es eingestehen, ihr Lebensweg hatte sich vereint mit dem des Herrn Kanzleioffizials Blümel in Wien.

*

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