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Das verbrannte Bett

Alice Berend: Das verbrannte Bett - Kapitel 11
Quellenangabe
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typefiction
authorAlice Berend
titleDas verbrannte Bett
publisherS. Fischer Verlag A.G.
printrunNeunte bis zwölfte Auflage
year1926
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
thirdcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20090225
modified20150128
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Wenn man erst die Winke des Schicksals zu verstehen glaubt, winkt es auf Schritt und Tritt.

Das ist nun einmal so. Es bleibt schwer zu wissen, was uns wünschenswerter wäre: Blindlingslaufen oder Zielsicherheit.

Herr Blümel glaubte nun Winke zu spüren auf allen Wegen, er hätte derartiges nicht für möglich gehalten, aber Tatsachen überzeugten ihn.

Auf dem Weg zum Büro begegnete er einem Trauerzug. Ein Wiener Aristokrat wurde vierspännig zur Familiengruft gefahren. Sein Leben war jedem echten Wiener bekannt wie das eines Verwandten. Die Vorübergehenden auf der Straße erzählten barhäuptig, einer dem andern, daß er als echter Wiener gestorben. Achtzigjährig hatte er sich erkältet bei einem zärtlichen Stelldichein.

Herr Blümel blickte der langsamen Fortbewegung des Wagens nach, bis sie zusammenfloß mit dem Strich des breiten Weges, der sich auflöste in die molligen, zärtlichen Hügellinien der Wiener Landschaft.

Der Herr Kanzleioffizial begriff die empfangene ernste Morgenlehre. Ein Hagestolz war eine Unmöglichkeit in dieser zarten Stadt, umwellt von den weichen Rundlinien der Weiblichkeit.

Ein pflichttreuer Mann wie Josef Blümel mußte in solchem Augenblick etwas empfinden, das Schuldbewußtsein nicht unähnlich sah.

Ebensowenig aber war eine Reise nach Berlin kein Ding, zu dem man sich so geschwind entschloß, wie zum Befestigenlassen eines Handschuhknopfs.

Kein Zeitungsblatt, das, untersucht auf diesen Punkt, nicht täglich Bahnunglücke brachte. Bremsen versagten, Signalzeichen wurden verwechselt, Weichen falsch umgestellt, Brücken brachen. Unmöglichscheinendes wurde ungewünschte Wirklichkeit.

Herr Blümel richtete seinen Spaziergang nicht mehr über den Ring zum Schottentor. Er ging zum Westbahnhof und beobachtete dort die Züge, die über Hüttelsdorf davoneilten.

Er prüfte die Mienen der Abfahrenden. Er ging längs der Bahnlinie auf und ab und versuchte Übersicht über das verzwickte System der vielen Signalzeichen zu gewinnen.

Zu einem abschließenden Urteil kam er nicht.

Mancher nahm die Abreise ruhiger, gleichgültiger, als sich ein anderer an den gewohnten Tisch im Kaffeehaus zu setzen versucht.

Andere dagegen waren wie geladen mit Elektrizität. Sie bewegten sich wie auf Spiralen. Sie rannten hin und her wie bei einer Feuersbrunst. Sie fragten jeden Begegnenden um eine andere Auskunft, noch während sie Antwort erhielten, sahen sie auf ihre Uhr oder durchkramten alle ihre Taschen nach Fahrkarten, Gepäckscheinen oder Kleingeld. Sie liefen, anstatt Platz zu nehmen, immer wieder den Zug entlang, wie wenn sie Würstel zu verkaufen hätten.

Früher hätte sich Herr Blümel darüber vergnügt, wer nicht zu reisen verstand, sollte es unterlassen. Zumal man seiner Anschauung nach im Grunde nirgends etwas anderes finden konnte als Erde, Steine, Wolken, Wasser, Wiesen und Bäume.

Jetzt sagte er sich, daß das Leben vielleicht keine freiwillige Rekruten kenne und jeder marschieren müsse, wie sein Geschick befiehlt.

Er fühlte Mitleid. Er sagte sich, es sind nicht die Schlechtesten, denen die Selbstsicherheit fehlt.

Das Betrachten der Signalstangen brachte nicht weniger Beunruhigung. Versuchte man sich ihrer Mannigfaltigkeit bewußt zu werden, ahnte man, daß hier kleinster Irrtum größte Katastrophen verursachen mußte. Rädchen, Hebel, Farbe und Funken hatten ineinanderzugreifen und sich zu ergänzen, wie Dinge im Selbstbetrieb des Weltalls. Bewundernswert. Aber Herr Blümel fragte sich, ob wir vielleicht nur bewundern, was uns unheimlich ist.

Herrn Blümels Ratlosigkeit steigerte sich. Wollte er reisen, mußte er um Urlaub ersuchen.

Nun aber war das Sonderbare, er glaubte sich plötzlich nicht mehr auf das Äußere von Fräulein Konstanze besinnen zu können.

Das Bild ihrer Züge war ihm entglitten. Er vermutete, daß die Schuld daran der Beobachtung, der Prüfung der vielen Gesichter am Bahnhof zuzuschreiben war.

Jedenfalls hielt er es für einen erneuten Wink des Schicksals, daß gerade das Abendblatt eine sonderbare Begebenheit brachte. Ein junger Mann war bei dem Zusammenstoß zweier Eisenbahnzüge gerettet worden nur durch eine Photographie, die er über der Herzgegend getragen hatte.

Es hatte sich in diesem Fall um kein Frauenbildnis gehandelt. Was den jungen Mann Herrn Blümel noch näher rücken ließ. Es war der Maschinenentwurf eines tüchtig Strebenden gewesen.

Herr Blümel aber hatte den Wink verstanden. Er wußte, daß das Geschick Umwege suchte.

Er entschloß sich, das Fräulein Konstanze, als Antwort auf ihre Fragezeichen, bescheiden um eine Photographie zu ersuchen.

Er schrieb, wieder auf Kanzleipapier, in lithographisch gestochener Handschrift, daß er dieses Ansuchen an das gnädige Fräulein nur ordnungshalber stelle, besser gesagt, aus Sammelwut.

Er sammele die Bildnisse aller seiner Bekannten. Eine Zerstreuung des Alleinstehenden.

Herr Blümel würde sich nie einer Unwahrheit schuldig gemacht haben. So war auch das keine Lüge. Obwohl Herrn Blümels Zimmer bildnislos war. Sein Schmuck war nur die Geige und manchmal das südliche Sonnengelb einer Zitrone, deren Bestimmung war, im Verein mit ein wenig Zucker, Limonade zu geben.

Alles jedoch muß seinen Anfang haben. Auch eine Sammlung.

Herr Blümel beabsichtigte gerade mit dem Bildnis des Fräulein Konstanze jene in seinem Brief erwähnte Galerie seiner Bekanntschaften zu beginnen.

Von Unwahrheit oder nur einem Versuch zu solcher konnte also keine Rede sein . . .

Auch der vorsichtigste Mensch ist nur ein Mensch. Läßt er sich nichts von anderen rauben, nimmt er sich selbst, was ihm niemand nehmen könnte.

Herr Blümel hatte sich selbst um seine innere Ruhe gebracht.

Zu spät begriff er, daß er diesen Brief mit der kühnen Bitte nicht hätte absenden dürfen.

Er hatte nun die Verpflichtung zu einer Bildnissammlung.

Im Büro peinigte ihn Zerstreutheit. Er fühlte fortgesetzt den Zwang, seine Kollegen um Überlassung ihres Bildes zu bitten. Diese ungefährliche Willensäußerung war schwerer ausführbar, als er vermutet hatte.

Am ersten Vormittag gelang sie ihm nicht. Ebensowenig am zweiten.

Am dritten sagte er sich, daß er beinahe voreilig gehandelt hätte.

Er mußte natürlich erst Fräulein Konstanzes Antwort abwarten, bevor er weitere Schritte tat in dieser Angelegenheit. Erhielt er eine abschlägige, würde er den Sammelplan aufgeben müssen. Da Fräulein Konstanzes Bild den Anfang machen sollte. Ohne Anfang keine Fortführung, das war klar.

Ebenso wie es begreiflich war, daß Herr Blümel auf diese Antwort nun in größter Unruhe wartete. Denn schließlich bedeutete der Plan dieser Sammlung etwas ganz Neues für ihn. Er würde im Ausführungsfall Vorkehrung für ihre Unterbringung in seinem Zimmer treffen müssen. Es war genau zu überlegen, ob der kommende Platz dafür außerhalb oder innerhalb der Kommode geschaffen werden mußte.

Da sich Herr Blümel ohnedies daran gewöhnt hatte, den Bahnhof aufzusuchen, unterrichtete er sich an den Fahrplänen über den Zeitanspruch, den eine Antwort benötigen würde. Wobei er Fräulein Konstanze vierundzwanzig bis achtundvierzig Stunden Bedenkzeit zubilligte, die er dem Exempel hinzurechnete.

Alles dies geschah in Sommerwärme. Aus den Hausgärten duftete es nach Rosen und Himbeeren. Neben den Gleisen rollten sich Melonen wie Rieseneier eines Glücksvogels.

Herr Blümel dachte zwischen mancherlei anderem, daß an solchen Tagen auch der Bescheidenste viel bunte Freude zu verschaffen vermochte, einem lustigen geweckten und doch gehorsamen Söhnchen . . .

Konstanze hatte auf Rat des Herrn Kilians einen Saisonausverkauf angesetzt. Alle drei Nachbarn, sie, das Schokoladenfräulein und Herr Kilian selbst, erfreuten die Mitwelt durch Herabsetzung der Preise.

Das brachte Bewegung in die sommerliche Stille.

Herr Kilian sagte, alle jene, die für niemanden jemals einen Pfennig übrig haben, kaufen blindlings, wenn sie glauben, nur die Hälfte des richtigen Preises zu zahlen. Und weil dies die meisten sind, könne man an solchen Tagen jeden Ladenhüter zu vollem Wert verkaufen.

Er sagte es zu dem Schokoladenfräulein, das damit beschäftigt war, einigen verspäteten Ostereiern ein neues blankes Kleid aus buntem Stanniol zu richten für die festlichen Ausverkaufstage.

Herr Kilian bewertete die saugenden Blicke des schmalen Fräuleins mit mehr Verständnis.

Er wußte nicht, woher dies auf einmal so war.

Das Fräulein wußte es besser.

Sie trug seit einigen Tagen das Herz eines Hechtes am roten Faden um den Hals.

Die eigene Mutter hatte ihr dazu geraten, als ihr die Tochter ihren Liebeskummer um einen soliden selbständigen Kaufmann mit drei gutbezahlten Angestellten mitgeteilt hatte.

Dieses Hechtherz, drei Tage getragen, brachte Gegenliebe unfehlbar dem Menschenherzen, über dem es hing, an einem roten Faden.

Die besorgte Mutter hatte das Hechtherz ein wenig angeröstet. Sie wußte nicht, ob die guten heimlichen Mächte das Fischherz nicht roh beanspruchten. Sie wagte es nicht der Hitze wegen. Wenn auch recht beunruhigt.

Trotz dieser mütterlichen Fürsorge mußte sich das Schokoladenfräulein schon am Nachmittag des ersten Tages mit Fliederextrakt überschütten, um mit Blumenhauch dem Fischduft zuvorzukommen.

Flieder war Herrn Kilian Inbegriff der Sehnsucht.

Ein Fliederbaum war es gewesen, der seinen süßen, vornehmen Hauch in den engen stinkenden Hof gesandt hatte, zu dem hinauf die glitschigen Stufen geführt hatten, aus dem Kellerloch hinaus, wo Kilian, der immer geohrfeigte Lümmel, aus schimmligen Haufen von Kartoffeln Viehfutter und Menschenfraß auseinanderzuklauben gemußt.

Das schmale Fräulein mit den ungesättigten Blicken, dem roten Bogenschwung des Mundes, gehüllt in Fliederduft, wurde plötzlich Ziel aller Erfüllungen.

Das Hechtherz hatte gewirkt.

Bedauernswert alle, die dem Aberglauben nicht glauben.

Aber eigentlich waren dies Dinge, die erst den Abend dieser Tüchtigen schmückten. Der Tag gehörte der Arbeit, der klaren Berechnung, dem weiteren Emporkommen.

Auch Konstanze hatte nicht viel Zeit übrig, der sonderbaren Bitte des Herrn Kanzleioffizials nachzudenken.

Aber es machte ihr Spaß, vor den Augen des Schokoladenfräuleins und des Herrn Kilians, diesem sich neugefundenen Freundespaar, ein Bildchen von sich in einen Briefumschlag zu stecken und nach Wien zu adressieren.

Sie erreichte auch, daß man sie neckte.

Sie lachte dazu, während ihre lange schmale Hand den Globus herumschnurren ließ, den ihr Herr Kilian leihweise herübergebracht hatte, zur Zerstreuung.

Vielleicht aus dem Grund heraus, seine eigene Veränderlichkeit zu verstecken hinter der unermüdlichen Drehsucht der Erde, deren Staubkörner wir alle sind . . .

*

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