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Das verbrannte Bett

Alice Berend: Das verbrannte Bett - Kapitel 10
Quellenangabe
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typefiction
authorAlice Berend
titleDas verbrannte Bett
publisherS. Fischer Verlag A.G.
printrunNeunte bis zwölfte Auflage
year1926
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
thirdcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20090225
modified20150128
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Ähnlich so mußten diese Interpunktionen auch auf Herrn Blümel gewirkt haben. Ihr ornamentaler Schwung erinnerte ihn an seine Geige. Nach mehrmaliger Überprüfung holte er sie hervor und spielte wieder einmal. Wiener Melodien, das Souvenir und die Serenade von Ordla. Nicht ganz so sicher und feurig vielleicht wie Kubelik, möglicherweise auch nicht so elegant wie Kreißler, aber die Melodien wurden doch deutlich erkennbar.

Herr Blümel überlegte sogar, ob er die Geige nicht mit auf die Reise nehmen sollte?

Auf die Reise? Auf welche Reise? Wollte er denn Wien verlassen?

Er blickte in den Spiegel und dachte, daß diesem mageren ernsthaften Herrn eine Ausspannung zu gönnen wäre.

Diesem älteren Herrn, hätte er beinahe gedacht. Rechtzeitig war ihm eingefallen, wen er vor sich hatte. Von vorgerückten Jahren konnte hier keine Rede sein. Nur der allzu ernste Ausdruck ließ vielleicht die Gesichtszüge und Mannesgestalt vorzeitig würdig wirken. Die Farbe des Schlipses hätte möglicherweise vergnügter gewählt sein müssen. Es fehlte die Frauenkritik. Sie könnte peinlich wirken, sogar peinigend, vielleicht jedoch auch fördernd und verjüngend.

Es war durchaus nicht ausgeschlossen, daß sich ein Leben, zu zweien gelebt, doppelt ausnutzen ließ, bei einem nur um ein halb Prozent vermehrten Kostenaufwand. Einigkeit verbilligt.

Ähnliche Berechnungen hatte der jüngere Neue kürzlich aufgestellt.

Uneinigkeit allerdings verwüstet.

Aber zu dieser Einwendung hatte der Jugendliche gelacht und gesagt, daß es mehr Einigkeit in der Welt gäbe, als der Herr Kanzleioffizial zu wissen scheine.

Jedenfalls las Herr Blümel heute mit besonderer Aufmerksamkeit in einer von ihm stets bevorzugten Zeitung eine ärztliche Feststellung, die sicher und klar angab, aus wie wenig lohnenden Momenten sich auch das lange Leben eines Vernünftigen zusammensetzt.

An dem Lebenslauf eines Siebzigjährigen war bewiesen worden, wie das kostbare Gut Dasein aufgebraucht wird. Vierundzwanzig Jahre davon waren verschlafen worden, zwanzig Jahre hatte man gearbeitet, und sieben Jahre waren für Mahlzeiten verbraucht worden, sechs Jahre war man unterwegs gewesen im Hin und Her zur Arbeitsstätte, neun Jahre hatten allerdings für Vergnügungen gelten können. Dagegen hatte zwei Jahre allein das Rasieren gekostet.

Solche Querschnitte durchs Dasein machten aufhorchen.

Sie mußten von neuem zu der Überlegung zwingen, ob nicht der ganze Hang der sogenannten Liebe Selbsterhaltungstrieb war? Weil paarweises Leben den Vorzug hatte, daß man an einem zweiten Leben einen Anteil gewann. Anregung, Aufheiterung, Ermunterung, also Kräfte zu diesem zugeschossen erhielt. Selbst ein kleiner Verdruß, das Normale nicht überschreitend, war schließlich nur als Regulierung anzusehen, als gesunde Erhöhung des Blutkreislaufs.

Das Leben ist eine Verteidigung gegen das Leben. Herr Blümel spürte etwas von diesem schwierigen Problem, als er sich nun Schritt für Schritt aus seinem glatten Geleis gedrängt fühlte, ohne etwas dagegen tun zu können. Und ganz ohne es zu wollen.

Seine Überlegung über geteiltes und dadurch um ein halb Prozent verdoppeltes Leben wurde unterstützt durch die Wahrnehmung, daß weibliches Wohlwollen ihm gegenüber jetzt auffallend in die Erscheinung trat. Ungerufen wie alle Schicksalswünsche.

Beweise so auffällig, daß der Bescheidenste sie bemerken mußte.

Da war zuerst Fräulein Pichler.

Herr Blümel hatte sie wieder aufgesucht.

Nicht, weil er sich über das Ausbleiben von Fräulein Konstanzes Schreiben gewundert hatte. Er faßte solche persönliche Angelegenheit nicht überwichtig auf. Dagegen glaubte er, sich durch die ungewöhnliche Anhäufung von Unglücksfällen in den vielen Zeitungen, die er täglich las, etwas nervös gesteigert. Besonders aus Berlin waren Unfälle jeder Art verzeichnet. Es mußte dies jeden beunruhigen, der mit irgend jemandem in dieser Reichshauptstadt in Korrespondenz stand. Fräulein Pichler mußte das gleiche empfinden. Falls sie nicht durch direkte Nachricht beruhigt worden. Vielleicht sogar mit einem Gruß beauftragt.

Einen neuen Einkauf wünschte Herr Blümel deshalb nicht zu unternehmen. Die wohlfeil erworbenen Handschuhe lagen noch unberührt verwahrt in dem Seidenpapier, aus dem sie aus dem Laden heimgebracht worden.

Eine nähere gründliche Besichtigung ihrer ergab jedoch jetzt, daß ein Knopf nicht ganz festsaß. Noch dazu am rechten Handschuh, den am meisten zu gebrauchenden. Um ein weniges mehr gelockert, würde sich die Notwendigkeit ergeben, zu seiner Befestigung Fräulein Pichlers Laden wieder betreten zu müssen.

Weitere Nachprüfung lockerte den Knopf noch erheblicher vom Leder.

Plötzlich lag der Knopf lose in Herrn Blümels Hand. Nun hatte Herr Blümel keine Wahl mehr. Dieser Weg in den Handschuhladen war unvermeidlich geworden, auch wenn er unangenehmen Zeitverlust bedeutete.

Herr Blümel stellte Fräulein Pichler die Wahl zwischen Umtausch der Handschuhe oder Neubefestigung des abgerissenen Knopfs. Er bedauere dies tun zu müssen, aber Not kenne kein Gebot.

Steffi, nicht so zierlich zurechtgemacht wie sonst, war zerstreut. Sie sagte vorerst, daß sie Zugwind auf die Augen bekommen habe. Sie versicherte dies jedem Kunden aus Besorgnis, man könne merken, daß sie die Nacht durchheult hatte, weil der Rennfahrer auf Motor ohne sie nach Berlin gerast war. Wenn auch nach dreimaligem Ehrenwort des Treubleibens. Aber solche wienerische Gewohnheit konnte nicht beruhigen auf Entfernung von vielen hundert Kilometern.

Steffi blickte darum auffallend schnell in die Höhe von Nadel und Faden, mit dem sie den Knopf wieder zu befestigen bemüht war, als der Herr Kanzleioffizial unvermittelt fragte, ob Fräulein Steffi neuerdings in Besitz von Privatmitteilungen aus Berlin gelangt wäre?

Steffi bildete sich ein, der Hagere bringe eine Schreckensbotschaft. Der Renner wäre gestürzt. War diese steife Bureaugestalt nicht der Unglücksrabe in Person? Diese saure Miene im Hochsommer, wo die Welt voll süßen Beeren und Blumen übervoll?

Aber sie hätte ihn umarmen mögen, als sich nach einem, trotz Steffis eilewünschender Heftigkeit recht umständlichen Wortwechsel zeigte, daß der Frage nur wieder heimliche Auskunft nach Fräulein Konstanze zugrunde lag.

Sie bedauerte aufrichtig, gar nichts mitteilen zu können. Sie wußte nun, wie Alleinsein tut. Ihr zärtliches Gemüt, in Trauer gelockert, kannte nun Sehnsucht und quoll über vor Mitleid mit dieser steifen, immer winterlichen Knochenfigur.

Steffi lächelte den Herrn Kanzleioffizial darum so herzlich an, daß ihm beinah übel wurde. Und daß er beinah überhört hätte, daß das Fräulein obendrein die Frage an ihn gerichtet hatte, ob er und sie nicht zum Sonnenuntergang hinauffahren wollten zum Schloß Cobenzl, dort von der Höhe hinauslugen wollten über die warme wienerische Sommerwelt. Zwei Einsame, die sich am Anblick der heimatlichen Erdoberfläche, der lieben schönen, zu trösten suchten?

Herr Blümel verzichtete auf diesen Trost. Ohne Bedenken.

Nicht nur, weil er sich klar bewußt war, daß solche Damen, jung und energisch, imstande waren, Eis, Limonaden und sonstige Leckereien dreifach zu bestellen und diese in größter Gleichgültigkeit vom Begleiter zahlen zu lassen, sondern aus dem Grund, daß er keines Menschen Beistand bedurfte.

Fräulein Steffi nahm die Absage nicht übel. Im Gegenteil, ihr Lächeln wurde herzlicher.

Es blieb haften an Herrn Blümel, der sich nicht ohne Vorwürfe sagte, daß seine häufigen Besuche hier falsche Hoffnungen in diesem feurigen Fräulein erweckt haben mußten.

Er glaubte einsehen zu müssen, daß er den Eindruck seiner Persönlichkeit bisher unterschätzt hatte.

Der Abend brachte ihm weiteren Beweis dafür. Als er nun in einer dörflichen Wirtschaft bei St. Veit den Plan des Fräulein Steffi allein ausführte und vom grünen Gartentisch aus über heimatliche Erdoberfläche schaute, Wiener Waldluft regelmäßig einatmend. Er dachte in freundlicher Gerechtigkeit an Fräulein Steffi. Ihr Vorschlag war gut gewesen. Der Fehler daran war nur, daß sie sich selbst dabei nicht ausgeschaltet hatte.

Wer sich wohl fühlt, ist im Einklang mit der ganzen Welt. Herrn Blümels Anschauung stand daher in keinem Gegensatz zu den Gedanken, die Fräulein Steffi im gleichen Augenblick hegte, im Donaubad plätschernd, frohgelaunt wieder durch Wasserkühle, überzufrieden, daß ihre rührselige Übereiltheit so gut abgelaufen war. Daß ihr kein gelblicher Kanzleioffizial diesen dunkelblauen Sommerabend verdarb . . .

Herr Blümel aber mußte weiter begreifen lernen, wie schwer es ist, allein bleiben zu wollen auf dieser Welt.

Eine Dame hatte sich auf die andere grüne Seite des Tisches gesetzt. Den Blick auf Wien, hatte sie schon beim Fortrücken des Stuhls ausgerufen: Da liegt es, mein Wien, im Glanze des Barocks.

Vergeblich. Der Ausruf zeitigte keine Rückwirkung bei Herrn Blümel.

Obwohl er über diese unvernünftige Störung aufgebracht war. Er war im Begriff gewesen, Hühner mit einer alten Semmel zu füttern, auf etwas verzwickte Weise. Er liebte es, unbeherrschten Tieren die Macht des Menschen zu zeigen. Mochte auch ein Huhn begreifen, was es heißt, im Schweiße seines Angesichts sein Brot zu verdienen. Zu diesem Zweck legte Herr Blümel die Krumen auf den Rand des Tisches. Die Hennen wagten mit Todesverachtung und gellendem Schreckschrei am Tisch emporzuflattern und den Leckerbissen an sich zu reißen.

Diesen Augenblick benützte Herr Blümel, um ihnen zuzurufen, daß dem Mutigen die Welt gehöre.

Dieses Unterhaltungsspiel hatte das fremde Fräulein gestört.

Einige kurze Blicke vergewisserten Herrn Blümel, daß unter einem leichten Sommerkleid alles da war, was zur Ausstattung einer schlanken aber vollen Wienerin gehörte.

Er liebte diese aufdringliche Art ungewünschter Mitteilungen nicht.

Aber das Fräulein saß mitten in der Landschaft. Es war nicht möglich, sie zu übersehen.

Bald mußte Herr Blümel merken, daß wortlose Mitteilungen noch nicht die ärgsten sind. Das Fräulein begann zu sprechen.

Die heraufziehende Mondsichel mahnte sie an eine Moschee am Bosporus, den letzten roten Abendschein verglich sie mit der Zeit der Renaissance, und der schlecht gebackene, bröckelnde Kuchen, der ihr vorgesetzt wurde, brachte ihre Gedanken auf Roms Hügel, vor das Forum romanum.

Sie war Architektin und hatte sich im Studium überanstrengt. In solchen Sommernächten fühlte sie, daß sie auch ein butterweiches Herz besäße. Und daß eine einzelne Säule ein Unding wäre. Alles im Bau der Welt beruhe auf Ergänzung.

Die Enge des Tisches brachte es mit sich, daß ihr rundes Knie nicht ferngerückt dem spitzen des Herrn Kanzleioffizials sein konnte. Fast hätte man sagen können, daß es dieses berührte.

Herr Blümel war kein listiger Liebesstehler, wie es Don Juan gewesen. Aber gerade darum glaubte er, diese überanstrengte Landsmännin nicht beleidigen zu dürfen, indem er etwa heftig von ihr fortrückte, wie vor einem lästigen Insekt.

Als das Fräulein jetzt von der Seelennot auf die des Geldbeutels gekommen war, fühlte Herr Blümel wieder den üblen Geschmack, den ihm weibliche Aufdringlichkeit stets verursachte. Er zahlte und erhob sich und überließ die ganze sommernächtliche Pracht der überanstrengten Architektin . . .

Er war nicht abergläubisch. Es war die klare Vernunft, die hier Herrn Blümel mahnte, daß diese Begegnung eine Erläuterung des Schicksals hatte sein sollen. Die ihn erneut hatte mahnen wollen, wie sehr er den Frauen als Mann galt. Falsche Bescheidenheit hatte ihn manchmal daran zweifeln lassen.

Daß außerdem ihm diese Zusammenführung hatte beweisen sollen, wie vornehm sich eine andere bei einem sehr ähnlichen Vorkommnis benommen hatte.

Jene andere, die ihn zu sich wünschte, in eine Stadt, wo es eine Auswahl gab von Millionen Männern. Die diesen Wunsch nur zart andeutete mit musikalischen, keuschen Fragezeichen . . .

*

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