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Das Urwaldschiff

Richard Arnold Bermann: Das Urwaldschiff - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Urwaldschiff
authorRichard A. Bermann
year1927
firstpub1927
publisherWegweiser-Verlag
addressBerlin
isbn
titleDas Urwaldschiff
pages254
created20091023
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neuntes Kapitel

In dem Reisebericht des Gaspar de Carvajal, sagte Hilary, wird zwischen einem Indianerscharmützel und einer Requisition die Episode gestreift, wie eines der Boote, die der Brigantine vorausfahren, um den Lauf des Stromes zu erkunden, eines Tages zwischen den Inseln verlorengeht und viele Tage verschollen bleibt; in diesem Boot sehe ich den Führer, Francisco de Orellana, vom Schiff forttreiben. Er scheint nicht der gleiche mehr seit der großen Pfeilschlacht der Amazonen. Was hat ihm in jener heißen Nacht nach dem Treffen das gefangene indianische Weib zugeflüstert, Coniapuyara?

Er schläft nicht mehr, ißt nicht mehr, das Schiff ist ihm unerträglich und unerträglich die Derbheit der lauten Gefährten; er meidet selbst den einen, der ihn besser verstünde, den Kupferstecher Mexìa. Der sitzt jetzt versunken auf Deck und zeichnet mit Kohle auf ein Stück Rinde schlanke Weiber, die Bogen spannen; der Fähnrich Alonso de Robles führt den Befehl an Bord; Orellana, der Führer, eilt in dem Boote voraus, fiebernd vor Ungeduld, verzehrt von begieriger Sehnsucht, allein fast, kein Freund ist bei ihm, nur Menschen von anderer Farbe: Miguelito, dann Delikola, der langhaarige Wilde aus dem Bergwald, und Pedro, der pockennarbige Negersklave, der Orellana folgt wie ein Hund und ihn liebt, wie ein Hund den Herrn. Und sie ist da, die India, Coniapuyara.

Ein Dach, wie eine Tonne, Bambus und Palmgeflecht, bedeckt mit seiner Wölbung den hinteren Teil des Bootes und schützt den Weißen gegen die Sonne. Er liegt lang ausgestreckt, das Hemd über der heftig 176 atmenden Brust geöffnet. Coniapuyara, zu den Füßen des Ritters sitzend, im Freien, in der starken Sonne, hält seinen Helm auf ihrem Schoß und putzt ihn sorgsam blank; sie ist voll Kinderfreude, da der eingelegte Stahl recht funkelt. Sie sitzt und reibt an dem Helm und singt ein indianisches Lied, ein Schelmenlied der Weiber, wenn sie aus den Maniokwurzeln den Giftsaft pressen und sie zu Mehl zerreiben:

»Se manicu Francisco,
Se putia pura,
Se manu açara...«

Sie singt das immer wieder, immer von vorn, wenn sie fertig ist, über den Helm gebeugt, daß ihre Hüften breit vorstehen. Sie singt es mit der Geste der Sklavin, die die Wurzeln auf dem Reibstein zerreibt, singt den Singsang immer wieder, den kleinen Spottvers, in den sie den Namen des Don Francisco gefügt hat, die Weise hüpft munter genug, das Antlitz der Sängerin bleibt ernst und verschleiert. »Unser Gebieter«, singt sie,

»Unser Gebieter Francisco,
Der Kessel kocht schon,
Doch das Maniokmehl
Vergaß er hineinzutun . . .«

Immer weiter geht die kleine, lustige Melodie, in lauter Rucken bewegt sich der Rhythmus, und der lichtbraune Körper der India tanzt förmlich mit, nach rechts, nach links; ihre Hände am Helm mimen das Reiben des Mehls. Francisco de Orellana hört schweigend zu, mit halbgeschlossenen Augen, denen das Funkeln des Helmes wehtut; er ist seltsam müde, sein Kopf ist nicht klar, er möchte ruhen und ist doch voll Ungeduld, die Hitze in seinen Adern läßt ihn kaum atmen. Wie er da liegt und die Stimme des singenden Mädchens hört, glaubt er 177 auf einmal, sie sei eine ferne Jugendgeliebte, der er nie seine Liebe bekannt hat, und mit halbgeöffneten Lippen sagt er leise: »Doña Ana!«

Dann fährt er erschrocken empor aus dem Tagtraum, fort ist sie, die er gerufen hat, Ana de Ayala, er sieht vor sich das indianische Weib und vorn im Boote die Ruderer, Pedro und Delikola. Miguelito ist ihm nicht sichtbar, der steht hinter ihm, hinter dem Schattendache am Steuer des Bootes, und drückt sich den breiten, geflochtenen Hut eben fest in die Stirn, damit das beschattete Auge besser den grell besonnten Strom überschauen könne; er blickt nach der Brigantine, die irgendwo zwischen den kleinen, dunklen Inseln verborgen ist, dort hinten im Sonnennebel. Er sieht das Schiff nicht, nickt ernst mit dem Kopf und wendet mit einem raschen Ruck das Steuer, daß das Boot plötzlich zur Seite schießt. Wie die Piroge sich dreht, blickt der Neger Pedro erstaunt von seinem Rudersitz auf, sein Auge sucht das Gesicht des Herrn und findet in ihm nur Leere und Träumerei statt befehlenden Willens. Da taucht er das runde, geschnitzte Blatt des indianischen Ruders wieder ins Wasser und strafft die gewaltigen Muskeln zu ruhigen Schlägen.

»Unser Gebieter Francisco,« singt Coniapuyara laut auf – »das Maniokmehl vergaß er hineinzutun – –«

Das Boot wendet sich, verläßt den Lauf des großen, gelben Hauptstroms; in den schwarzen Fluß biegt es ein, den die Brigantine nicht befahren wird. Verlädt Francisco de Orellana die Schiffsgefährten, so wie er Gonzalo Pizarro verlassen hat? Und weiß er, was Miguelito da tut? Er liegt da und murmelt leise Worte, vielleicht spricht er zu Doña Ana de Ayala, die in Sevilla ist; dann reißt er sich wieder zum Erwachen empor, stöhnt ein wenig, verlangt einen Trunk Wassers. Besorgt wendet Pedro den wolligen Kopf, ist sein Herr denn nicht krank?

Die Indianerin, Coniapuyara, wirft plötzlich den schimmernden spanischen Helm von sich, daß er auf dem Boden des Bootes aufklirrt, 178 und beugt sich über den Ritter und gibt ihm in einer buntbemalten Kürbisschale das reine und schwärzliche Wasser des Flusses, den sie befahren. Orellana trinkt lange, lange. Dieses Wasser erscheint ihm so köstlich. Gab Coniapuyara vielleicht von dem Saft der Assaifrucht hinein, der unauslöschliche Sehnsucht in die Adern rinnen läßt?

 

Dann, in der feuchtheißen Nacht, glüht das Fieber in Orellana auf, und das Wirkliche wird ganz blaß, verdampft in wilde Gesichte, in wilde Träume des heißen Hirns. Jetzt spielen die Flammen des Abgrunds um ihn, die Hitze der Hölle hat ihn; dann wieder steht er, fröstelnd und nackt, auf den eisigen Gipfeln der Kordillere, in seine innerste Seele dringt der furchtbare Frost, da legt ihm die niemals erlangte Geliebte, legt Doña Ana de Ayala ihm ihren weichen, warmen Mantel um die zitternden Glieder, nein, über ihn beugt sich Coniapuyara und hüllt ihn in ihre langen Haare ein, da umfängt ihn das Glück der Wärme, dann plötzlich erstickt er wieder, lechzt nach kühler Luft, der große, ewige Regen des Zimtwaldes rinnt an ihm nieder, nein, es ist sein brennender Schweiß, nein, es ist das Blut des Inkas Atahuallpa, sagt Miguelito zu ihm, der riesengroß dasteht und dem die Schwingen der Göttin Viktoria wachsen. – Dann wieder sieht er Gonzalo Pizarro im ehernen Panzer, und aus den Smaragden an seinem Hals brechen grüne Flammen, so heiß, so kalt! Nein, es sind Coniapuyaras Pfeile. Miguelitos Flügel flattern, der Entsetzliche hebt sich, fliegt, ungeheuer – schieße, schieße auf ihn, mit dem Bogen, Coniapuyara! Schieße, mit deinem Pfeil nagle ihn an unser Schiff, daß er uns voranfliegt mit weitgeöffneten Schwingen, wir segeln und segeln und segeln nach Paytiti! Auf dem Fluß segeln wir, der mir durch meine Adern rinnt, er heißt Rio de Orellana, seht ihr nicht, daß er gelb ist, ganz aus flüssigem, kochendem Gold?

179 Das Fieberbild bleibt, will nicht weichen. Gold, ein endlos fließender Strom aus geschmolzenem Gold. Der Kranke langt nach dem Gold, nach den glänzenden Wellen, und plötzlich, wie er zum Rand der Piroge stürzt, bricht ein Stück Wirklichkeit durch den Alptraum, das pockennarbige schwarze Gesicht des Negers Pedro ist da, mit guten, erschreckten Augen, und die befreundete Hand reißt ihn rasch zurück, sanft und doch machtvoll. Die Wolke im Hirn Orellanas wallt auf und nieder; einmal ist der Strom geschmolzenes Gold, die Beute von Paytiti, dann wieder Wasser, Wasser, wonnevoll kühles Wasser, die durstigen Lippen öffnen sich, um den Strom zu verschlingen, er rinnt und rinnt in den Mund, und kein Tropfen kommt auf die lechzende Zunge. Wasser! möchte die Zunge sagen und kann nicht, sie stammelt vom Gold, von Paytiti und von Pizarros Smaragden, die grün sind wie gutes Wasser, das kühl aus der Waldquelle rieselt, ein starker und köstlicher Strahl, zwischen Zweigen hervor, Palmzweigen, die ausgebreitete Hände sind, Coniapuyaras Hände, sie ist Doña Ana, wißt ihr das nicht? Doña Anas Hände kommen dem heißen Angesicht näher, schlanke, starke, lichtbraune Frauenhände, die eine Schale halten, und nun, Entzücken! berührt von dem goldenen Strom ein Tropfen die dürre Zunge, in alle Poren des glühenden Leibes stürzt das kühle und süße Gold, und die Wolke zerreißt, Orellana ist wach, er weiß, aus einer weiten, weiten Ferne weiß er, daß diese India, er kennt sie, ja, die Kürbisschale an seine Lippen hält, es ist ein Trank darin, kühl und süß und gut, es ist der goldene Becher des Inkas Atahuallpa. Francisco de Orellana bäumt sich noch einmal auf, will den schrecklichen totgefolterten Inka abwehren, der Miguelitos Züge im Antlitz hat, dann gibt der Trank aus der Schale ihm Ruhe und Trost und den guten Schlaf, nur von weither hört er das Lied: »– doch das Maniokmehl –«

180 Francisco de Orellana schläft, und in seinen tiefen Schlaf hinein hört er die Stimme Miguelitos, die seltsame Dinge sagt, unfaßbar feierliche, dröhnende Zauberworte, deren Deutung geheim ist.

Ist es das Fieber, das in ihm bleibt, gebändigt und wie gefesselt, doch immer da, aufwallend, abwallend, in jeder Stunde, in den Tagen, in all den gespenstischen Nächten? Ist es das Fieber, oder was tat Coniapuyara in ihren Trank, welche magischen Kräuter des Waldes, den Saft aus welcher furchtbaren Frucht? Sind es die starken Worte, die Miguelito sprach, heidnische Hexerei in der Vollmondnacht auf dem schwarzen Fluß, in dem ruhig gleitenden Boot, um das fremdartig große Flügel zu schwirren scheinen?

Francisco de Orellana erwacht und schläft wieder ein, seine Augen sehen, wenn sie geschlossen sind, und wenn sie offen sind, dringen sie nicht durch den milden Nebel; Tage vergehen um ihn, Jahrtausende oder Minuten, er weiß es nicht, wird es nie wissen können. Er sieht Gestalten, hört Stimmen, um ihn wechseln die Bilder der Welt, er sieht sich selbst, wie er liegt und sitzt und schwankende Schritte tut, vernimmt seine Stimme, die ruhig und deutlich spricht, doch ganz aus der dunstigen Ferne, in der er verborgen schwebt, er ist es und ist ein ganz anderer, ein Schattenwesen in einem geträumten Wald. Manchmal, ganz selten, sieht er die treuen Augen des Negers, die gute befreundete, plumpe, große Gestalt; nie taucht sie in seine Träume, ist immer wirklich, ein Ding aus dem anderen Leben, und dann verschwindet sie wieder, ist lange nicht da, und mit ihr entschwindet die wirkliche Welt, das andere Dasein.

 

Im Dämmerlicht seines kranken Denkens sieht Orellana sich durch den Wald fahren, er weiß nicht, wie lange. Das ist der Strom nicht mehr und nicht mehr der schwarze Fluß, auf engen Bootpfaden windet 181 der Kahn sich durch das grüngoldene Lichtdunkel des großen Dickichts; große, weiße Reiher, aufflatternd, erschrecken das müde Hirn des Kranken; ihre wehenden Flügel schweben nachher durch seine Erinnerung, und das Spiel der tausend Schmetterlinge ist auch darin, mit halbgeschlossenen Augen geschaut und niemals vergessen.

Dann entschwindet ihm alles vor einer neuen Vision, betörender Duft von zehntausend seltsamen Blumen durchweht diesen Traumtag: sie sind, er weiß nicht wie, in einem gewaltigen Wald, in dem keine Erde ist, kein Boden, das Wasser erreicht die Äste der Bäume; da fährt das Boot so leicht, wie in den Himmel gehoben, hoch zwischen den Wipfeln; und wie das Boot dahinfährt, in einer geraden Straße zwischen Sträuchern, die aus dem Wasser ragen, sieht Francisco de Orellana das ganze Wunder seltsam widergespiegelt, die eng verschlungenen Kronen, das dunkle Walddach, und all das Gerank der hängenden Zweige, der Farne und Moose, die sich zum Wasser senken, die dürren Luftwurzeln, tausendfach verknotet, und all das verwirrte Seilwerk der Schlinggewächse; das sieht er im Wasser sich spiegeln, und ein riesiger roter Fisch zerwühlt, ein Ungeheuer, den klaren, lichtbraunen Spiegel des stehenden Wassers, da zittert das ganze Bild.

Coniapuyara ist da, sie steht vorgebeugt, ihr nackter Arm schwingt die Lanze nach rückwärts, den großen Fisch will sie stechen. Francisco de Orellana sieht sie, die Straffung des braunen Leibes, den grausamen Ausdruck der Augen; dann schwindet ihm mit der Besinnung das Bild. Und dann kommt es wieder, der Duft im Walde ist stärker, die Wipfel der Bäume senken sich näher heran, und wie sie der trübe Blick des Fiebernden sucht, da sieht er, warum sie sich neigen. Wie sind sie so schwer von den Blumen des Zauberwalds, tief duftenden Orchideen, unwirklichen Raubtieren gleichen sie oder bösen bunten Hexenfrauen, mit kleinen gezähnten Rachen scheinen sie alle zu lauern, 182 sie sind zu schön und ihr Duft ist zu süß, und wie sich das Boot durch die Wipfel windet, da recken die Blütenranken sich ihm entgegen und greifen nach Orellana, er hört sich schreien; da sieht er Coniapuyara, die lächelnd dasteht, die braunen Arme begraben in einer Blumenlast, sie lächelt und streut die Blumen ins Boot, da ist er bedeckt und berankt von den Zauberblumen, und nie mehr, in all den Jahren nachher, kann der Ritter sich anders erinnern, als daß ihm ein schwerer Duft an dem Namen haftet, an dieser Gestalt aus dem blühenden Wasserwald: Coniapuyara.

Dieses Gesicht sieht er, des überschwemmten Waldes, der wassernahen Palmwipfel, in denen die seltsamen Blumen sind, buntem Getier ähnlich, bedrohlich wie schöne Frauen, und andere Blumen, sanftere, die plötzlich zwitschernd auffliegen und kleine Vögelchen sind, mit langen, zierlichen Schnäbeln zum Honigsaugen, rot, stahlblau, smaragdgrün und golden. Und wieder verbindet Francisco de Orellanas krankes Träumen mit diesen bunten und fremden Vögelchen auf seltsame Weise Coniapuyaras Wesen; sie ist der Duft dieses Wasserwaldes, ist Wundervogel und Wunderblume, schön und unheimlich wie diese unwirkliche Welt. Francisco de Orellana, sehr fern von sich selbst, hört sich ein Stoßgebet murmeln, mit schwacher Stimme: »Erlöse uns von dem Übel!« Da lacht die Malefica, und das Hexenlachen gellt durch den stillen Wald ohne Erde, den Wald der hängenden Blumen.

 

Dann liegt er in einer Hängematte, sie ist aus Gräsern geflochten und ganz verziert mit den köstlichen Federn der bunten Waldvögelchen; zwei Indios tragen den Bambus, an dem diese Matte hängt; wer sind diese Indios, wo kommen sie her und wo ist das blumenbekränzte Boot? Francisco de Orellana weiß es nicht, er ist zu müde, zu fragen, 183 er liegt in der Hängematte, die leise schaukelt, und starrt den Träger an, der hinten geht, er ist nackt und klein, und sein Leib ist fahl, von der Farbe derer, die fern vom Lichte wohnen; und um den Hals trägt er an einer geflochtenen Schnur ein Etwas, ein Menschenhaupt, durch höllische Künste geschrumpft und verkleinert; die Züge sieht man, als lebte das Antlitz noch, und lange Haare umwallen den winzig gewordenen Kopf; die Lippen aber, vernäht mit Fasern, mit langen Quasten behängt, sind gräßlich in ihrem Schweigen; wie eine laute Klage ist ihre Stummheit.

Francisco de Orellana in seiner schaukelnden Matte sieht diesen häßlichen Kopf am Halse des Zwerges pendeln. Kein Grauen befällt ihn, kein Staunen. Er schaut es und schließt dann die Augen, der Traum wird vergehen.

Und weiter durch enge, gewundene Pfade im Wald; Stunden vielleicht dauert es, und Wochen vielleicht, das weiß er nicht. Die Träger sind nicht mehr dieselben, andere kamen, auf einmal waren sie da, es wundert ihn nicht. Die große grünliche Dämmerung hüllt ihn so völlig ein, und er ist müde und sterbenskrank.

Dann wieder ist alles anders, an seinen dürstenden Lippen verspürt er den bitteren Geschmack eines warmen Trankes, er schläft, und da er erwacht, ist um ihn die Wirklichkeit: auf einer Lichtung ein Dach auf Pfählen; seine Hängematte ist unter dem Schattendach; davor, auf der Wiese, am Ufer des schimmernden Sees, brennt ein niederes Feuer, vor einem Kessel hockt Pedro und schürt in den Flammen. Und Delikola tritt eben hervor aus dem Wald, ein Peccarischwein schleift er am Boden nach, das hat er mit seinem Wurfspieß erlegt. Und Pedro blickt auf, sieht im Auge des Herrn das klarere Leuchten, da schreit er vor Freude, springt auf und kniet dann vor Orellana, die Füße will er ihm küssen. Er schluchzt und stammelt, will reden und findet die spanischen 184 Worte nicht; was er sagt, kann man nicht verstehen, es klingt wie Klage und Warnung – –

Dann ist Miguelito da, plötzlich, er trägt sein spanisches Wams, und der weite geflochtene Hut sitzt tief in der düsteren Stirn, die Augen bleiben im Schatten. Er verbeugt sich tief, mit knechtisch gekreuzten Armen; den Namen des Heilands nennt er und Unserer Lieben Frau, sie seien gelobt, der Capitàn wird genesen! Dann steht er demütig da, und in seinem Blick ist ein Lauern. Francisco de Orellana fährt plötzlich zusammen; Mißtrauen hat ihm ans Herz gegriffen, er möchte auffahren, das Lager verlassen, er ist zu schwach, ihm wird schwindlig, matt sinkt er zurück, schließt wieder die Augen.

Dann aber erwacht der Wille des Kriegers von neuem, mit müder Stimme fragt er: »Wo bin ich, wo sind die Gefährten? Die Brigantine?«

»Ihr sollt es erfahren, Señor Don Francisco,« sagt tonlos und mit gesenktem Blick Miguelito, »erst werdet gesund –«

»Die Brigantine,« stöhnt jener, »die Brigantine! Weshalb bin ich hier?«

»Ihr sollt es erfahren!« sagt Miguelito stark und richtet sich auf, hoch scheint er zu wachsen.

Seinem machtvollen Blicke erliegt Don Franciscos Schwäche; ganz hilflos und steif liegt er wieder da, ein krankes Kind, das der Arzt gescholten hat. Miguelito, der andere, Miguelito ohne die Maske, sieht ihm lange und finster ins Antlitz, dann geht er und holt Coniapuyara, und da sie gekommen ist, verstummt das Winseln des Negers, der immer noch reden wollte; es ist, als scheute er sie, er zittert und hockt sich zum Kessel, gebändigt, geängstigt. Sie aber kommt näher heran; Francisco de Orellana empfindet den schweren Giftduft der Orchideen; dann ist es, als ob ein Zauber zerrisse, er sieht sie mit nüchternen Augen, 185 ein heidnisches Weib mit vorstehenden Hüften, fast häßlich in ihrer barbarischen Nacktheit. Sie lächelt ihn an, doch ihre Augen sind hart und grausam, so blickte sie, als sie den Speer schwang, den Fisch zu spießen. Sie kommt heran, spricht kein Wort, ihre Hände halten jetzt wieder die farbig verzierte Schale, sie gibt ihm zu trinken, und wie sie sich über ihn neigt, betäubt ihn ein wilder Duft nach Blumen und Weib und Magie der geheimen Kräuter und Würzen; er trinkt, und während er trinkt, glaubt er Pedro aufschreien zu hören, und Miguelito lacht laut und drohend, und alles versinkt.

 

Dann weiß er, das Weib, das sich über ihn neigt, ist die Jugendgeliebte, ist Ana. Zum erstenmal sagt sie, daß sie ihn liebt, sagt es in heißen und hastigen Worten, in der Tupi-Sprache der Waldindianer. Da fühlt er sich ruhig und sicher, es ist alles gut, er atmet ruhig in dieser weiblichen Nähe, wie ein fieberndes Kind, das die Mutter nahe fühlt. Dann riecht er die Orchideen, fährt heftig empor: das ist nicht Ana, das ist eine andere, ein Weib, das mit Speeren nach Fischen sticht, er weiß, eine andere – – Er starrt ihr entgegen, jetzt kennt er sie: Coniapuyara!

Er schrickt zusammen, er fürchtet sich, dann sieht er den freundlichen Blick, das besorgte Gesicht.

»Francisco,« sagt sie, »Francisco!«

Jetzt ist ihm leichter, die Nebel zerstreuen sich, für kurze Minuten ist er kein krankes Kind, ist Don Francisco de Orellana, ein Kapitän, ein Hidalgo vom alten Blut . . . Sie sieht das Licht, das ihm nun aus den Augen scheint, und nun auf einmal streckt sie mit krampfhafter Geste dem hilflosen Kranken die Arme entgegen, als suchte sie Schutz bei ihm.

»Francisco,« sagt sie, »wach' auf, Francisco, du mußt aufstehen, 186 Francisco! – Francisco!« sie rüttelt förmlich an ihm, »du mußt fliehen, Francisco! Vor Chasca fliehen!« –

Da sieht er sie wieder mit Augen an, in denen die Helle erloschen ist; seine Lippen schmatzen das schwere Wort, das sie gesprochen hat: »Chasca!«

Dann weiß er nichts.

 

Nun ist Francisco genesen und frei und leicht, so leicht, daß er den festen Boden nicht fühlt. Er steht ganz gerade, im Helm und im Harnisch; sie sind ohne jede Schwere, sie funkeln im Lichte des riesigen Vollmonds, der über dem Wasser soeben aufgeht. Er hat sein Schwert an der Seite, und der Kreuzgriff ragt vor, seiner Hand ein tröstlicher Halt. Er steht am Ufer des mondklaren glänzenden Sees, ganz allein; und er blickt in die Zaubernacht, die großen Leuchtkäfer schwirren wie tanzende Funken. Der See ist ruhig, kein Windhauch zerwühlt das Wasser, und ungeheure Blumen schwimmen darin, wie Lilienknospen aus dem Lande der Riesen, so groß wie Schiffe scheinen sie ihm, und langsam sieht er die dicken Knospen sich öffnen.

Es ist alles still, nur die Grillen singen, betäubend. Dann schweigen sie plötzlich, und hinten im Wald, dessen dunklen Umriß das Auge kaum ahnt, beginnt ein beklemmendes Pochen, erst leise, dann stärker, dann dröhnend, dann füllt es das Weltall mit seinem Rhythmus. Wie ein stumpfes Beil, das gegen die Bäume schlüge, ertönt dieses Klopfen, dann ist es ein großer Herzschlag.

Und dann, als hätte das Klopfen der Axt ihn jäh aufgeschreckt und alles Entsetzen ins Leben gescheucht, beginnen die Laute des nächtlichen Urwalds, ein Quaken von ungeheuren Fröschen, ein »Hu!« und »Drumdrum!« und »Uhu!« – und der Pfiff des Tapirs: »Phwuitt!« Ein großes Tier, auf dem nächsten Baum, im Mondlicht schwärzlich, 187 beginnt ein gespenstisches Husten; und nun, von der Nähe der großen Katze erschreckt, brüllen die Affen auf, Hunderte, Hunderte; kleine Brülläffchen, angstbebendes Nachtgetier; doch es klingt, als jagte der Satan Löwenherden, so tief ist das Heulen. Aus allen Wipfeln mischt sich das Kreischen erweckter Vögel hinein. Der wogende Aufruhr der nächtlichen Stimmen schwillt an und wächst, doch mitten im tobenden Lärm vernimmt man das feine, berauschende Zirpen der Grillen und dann jenes dumpfe, gespenstische Pochen, das nichts übertönt, den ungeheuren Schlag der unsichtbaren Axt, den wallenden Pulsschlag des Waldes.

Francisco de Orellana steht da, im Mondlicht, das seine Rüstung versilbert; er kehrt dem Getöse den Rücken, er hört es, es wundert ihn nicht, er blickt nur ins Wasser des Sees, wo die Lilien schwimmen, so groß wie Schiffe, wie Inseln aus Blumenblättern; – dort, wo die größte der Lilien blüht, zauberisch weiß in dem Mondlicht, dort blitzen Wirbel im Wasser, dort furchen sich goldene Ringe ins schattige Dunkel. Und schneller erdröhnen im Wald die gewaltigen Schläge, und schneller glitzern im Wasser die goldenen Wirbel auf, jetzt ist's eine riesige Schlange aus Gold mit grün glänzenden Augen, die dreht sich im Takt der dröhnenden Schläge und schwimmt um die Wasserblume herum, mit schimmernden Schuppen. Da beugt sich der Ritter sehnsüchtig vor, ohne Furcht, ihn erschreckt nichts; der große, gespenstische Takt, den im Wald diese Axt schlägt, erschüttert ihn nicht, die ungeheure Schlange im Wasser fürchtet er nicht; vom Kreuzgriff des Schwertes hebt er die Hand und streckt sie ins Leere, dem goldenen Schimmer entgegen, der Schlange.

Und plötzlich erschallt durch den Wald ein Gelächter, heiser und höhnisch, und alle Geräusche verstummen vor diesem Lachen, nur das gute Gezirp der Grillen geht weiter; und jene Wunderschlange im 188 Wasser beendet ihr Kreisen und streckt sich lang, eine lebende Lanze, und schiebt zum Ufer, es blitzt durch das dunkle Wasser. Das Lachen schwillt an, gespenstisch, kein Laut der Natur; hoch aufgerichtet steht Orellana am Ufer, die Schlange schwimmt näher. Und da sie näher herankommt, verwandelt sie sich; es ist nur ein Weib, dessen goldbraune Haut das Mondlicht berieselt.

»Hörst du das Lachen, Francisco?« sagt Coniapuyara und steigt aus dem Wasser und schüttelt die glitzernden Tropfen von sich, daß sie sprühen und spritzen –

»Hörst du das Lachen, Francisco? Der Lahme, der Zwerg lacht! Die Nacht ist voll von dem Duft der Pioçocalilien, und in dieser Nacht, wenn die Knospe der großen Seelilie platzt, in dieser Nacht ist es uns erlaubt – –« Sie hält inne, vertraulich steht sie neben dem Ritter. »Sieh!« sagt sie und deutet zum Boden.

Er blickt in den Sand des Ufers und sieht im Mondlicht seltsame Spuren: zwei Füße sieht er im Sande sehr sorgfältig abgezeichnet, eine Spur von zwei Füßen, auf denen ein Wesen hier ging, vom Wald her zum Wasser: ein nackter menschlicher Fuß und der Fuß eines Jaguars.

»Wer ist das?« fragt Don Francisco mit lauter Stimme, »wer geht hier zur Nachtzeit, der einen Menschenfuß hat und eine Jaguarklaue?«

»Still, still!« raunt Coniapuyara an seiner Seite. »Hörst du die Axt nicht im Wald? Die Axt aus der Riesenschale der Urschildkröte? Er ist es, der Zottige, zornig durchstreift er den Wald, er wittert gewiß den Weißen, verbirg dich, er kommt, Curupira!«

Er legt die Hand an den Kreuzgriff des Schwerts. »Ich bin ein Christ, ein Hidalgo aus altem Blut, ich fürchte den Dämon des dichten Waldes nicht!«

»Still,« sagt sie, »er hört dich, ich sehe ihn dort in dem Dunkel; er liegt auf dem Ast, ist zum Sprunge bereit, sie hassen dich alle und 189 fürchten dich! Sahst du Curupira nie, wie er dir im Walde nachschlich? Hörst du das Huschen denn nicht, das Rauschen und Rascheln im Dickicht? Den Seltsamfüßigen siehst du nicht, der stets auf der Lauer liegt, den Ring aus Guarumastengeln streust du nicht hinter dir drein, so folgt er und folgt er dir – weißt du nicht, daß sie dich hassen? Sie hassen dich, die Verborgenen; die Furchtbaren! Er, Maty-Taperé, der lahme Lacher, der schreckliche Kleine, und er, dessen Augen im Sumpfe aufglühen, von allen der schwärzeste, schrecklichste, nächtlichste, er, Jurupary! Und die Feuerschlange des Waldes, Mboitata, haßt deine weiße Haut. Du siehst sie nicht? Hörst sie nicht? Am Waldrand dort die glühenden Augen? Das Pochen, das Lachen, das Zischen? Du fürchtest nichts?«

»Die Hölle hat keine Macht«, sagte Francisco de Orellana. »Die Gespenster des Waldes verkriechen sich winselnd vor diesem Kreuz!«

Er steht da und leuchtet im Mondschein, sein Harnisch funkelt. Coniapuyara, ganz dunkel, schmiegt sich an ihn, da riecht er den Duft der Waldorchideen, doch nein, nach der großen schwimmenden Lilie duftet sie, und Wasser träuft aus ihren Haaren.

»Still,« sagt sie, »sei ohne Furcht, die Flußfrauen schützen dich, die Yaras, die plätschernden, und sie, die Flußschlange mit den grünleuchtenden Augen, die große Wassermutter – –«

Sie lacht, er erschauert.

»Du schwammst im Wasser«, sagt er. »Ich sah eine schwimmende Schlange!«

»Still,« sagt sie, »ich tauchte im Mondschein. Im großen Mondspiegelsee, den der Waldstrom nährt, liegt der Stein Muyrakytas, nur im Mondlicht finden wir ihn!« Und sie öffnet die Hand, eine kleine Schlange aus hellgrünem Stein liegt darin, zum Kreise geringelt. »Das nimm«, sagt Coniapuyara. »Die große Stromschlange schützt 190 dich, weil du das Schiff erbaut hast. Der Amazonenstein Muyrakytas, im Mondspiegelsee beim Mondschein gefunden, er schützt dich, Schiffbauer! Die heimlichen Herrscher des Waldgewirrs, sie sind ohne Macht gegen das schimmernde Zeichen der Stromschlange, denn sie ist ja die Mutter des Waldes, die Wassermutter, die alles geboren hat!«

Sie reicht ihm die kleine grüne Schlange, er nimmt sie. »Nun brauchst du den magischen Kranz nicht mehr,« sagt sie, »den Ring aus Guarumastengeln, das schützt dich vor Curupira! Wer das Zeichen der Stromschlange hat, wird den Weg nicht verlieren, der Wegverwirrer wird machtlos. Die Wassermutter ist stärker als dieser Waldgeist!«

Sie sagt es, und wie er den Stein berührt, dröhnt im Walde noch einmal die Axt, die Erde erzittert. Dann ist es still, man hört nur das zarte Grillengezirp, der Mond ist verschwunden. Und Coniapuyaras Hand, die den Stein gereicht hat, ist seltsam kalt, eine Windung der riesigen Schlange, die plötzlich da ist; mit jähem Ruck wirft sich da Francisco vor ihr zurück, und er fühlt sich schwanken und schaukeln. Es schwingt die Hängematte des Fieberkranken.

 

Dann streifen ihn Fledermausflügel, grauenhaft. Er schreit und berührt seine blutende Stirn. Ein großer Vampir flattert langsam empor, der das Blut aus der Wunde gesaugt hat. Francisco de Orellana fährt in die Höhe; da weicht der Vampir. Die Nacht ist dunkel, es ist die Stunde des kalten Schauers, der Morgen ist nah. Der indianische Dolmetsch Miguelito steht da, in einem seltsamen schwarzen Mantel.

»Señor Don Francisco de Orellana!« ruft er.

Orellana ist wach, er ist wacher denn je. Er fragt: »Was willst 191 du?« Und ihn erschreckt in der tiefen und stillen Nacht der starke Hall seiner Stimme.

»Steht auf!« spricht Miguelito. »Steht auf, Señor Capitàn. Es ist Zeit, die Fahrt zu beginnen. Man fühlt schon den Morgen! Der Tag des Geschehens bricht an. Wir beginnen die Reise.«

»Wohin?« fragt Francisco.

Wie eine große Glocke ertönt die Stimme des Mannes in dem dunklen Mantel:

»So wißt Ihr es nicht? Wir fahren nach Paytiti!«

Die Arme, die unter dem Poncho verborgen sind, streckt Miguelito von sich, da scheinen sie Fledermausflügel.

»Über den See,« sagt er, »über den See von Paytiti in die goldene Stadt, nach Manoa!« 192

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