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Das Urwaldschiff

Richard Arnold Bermann: Das Urwaldschiff - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Urwaldschiff
authorRichard A. Bermann
year1927
firstpub1927
publisherWegweiser-Verlag
addressBerlin
isbn
titleDas Urwaldschiff
pages254
created20091023
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel

Ich bin in diesem Sommer wieder nach Südamerika gefahren, sagte der Weltbummler, weil ich nun doch dieses Buch vom »Urwaldschiff« schreiben will, das mir in den Gliedern steckt – mehr wollte ich nicht, als nach mancherlei anderen Episoden diesen großen Landschaftseindruck auffrischen: dieses goldene Wasser, dieser schwüle und vehemente Himmel, diese Silhouette des nassen Waldes – Es stört mich im Grunde nicht, daß die Revolution die Weiterreise unmöglich macht; so kehre ich rascher an meinen Schreibtisch heim: ich weiß, was ich schreiben will!

Es ist vielleicht nicht das, was man von diesem Land schreiben sollte. Mein Buch wird ja doch wieder ein Buch über Menschen und menschliche Schicksale, aber man wird diesem ungeheuren Urwaldland ja nicht gerecht, wenn man es als eine menschliche Angelegenheit betrachtet. Dies hier ist nicht das Land der Menschen, und der Mensch gehört nicht eigentlich her. Diese ungeheure schöpferische Überfülle der Waldnatur, diese große Spenderin wimmelnden Lebens hat hier in diesem großen feuchtwarmen Treibhaus die Arten vertausendfacht, die Gattungen. Alles, was schwimmt oder fliegt oder kriecht oder klettert, gedeiht in dieser nassen Waldwelt ungeheuerlich. Siebentausend verschiedene Arten Schmetterlinge hat ein Naturforscher in der Stadt Parà und in ihrer nächsten Umgebung gefangen. Im Amazonenstrom gibt es doppelt so viele Fischarten wie im Mittelmeer; und man weiß von einem Tümpel dieses Gebietes, in dem eintausendzweihundert verschiedene Arten von Süßwasserfischen leben. In allen Flüssen Europas gibt es zusammen vielleicht hundertfünfzig Arten. –

104 Aber dieses Land der Insekten, Schlangen, Fische, Vögel, Echsen, Klettertiere ist zu dicht bewachsen für die großen Vierfüßler. Die Natur ist hier gleichsam in ihrem eigenen Dickicht steckengeblieben. Wollte sie auch hier den schweren Bahnbrecher des Dschungels schaffen, den Elefanten? Sie brachte es nicht weiter als bis zum Tapir; er und die kleinen, aber bösen Peccarischweine und allenfalls ein Hirsch, Reh oder großer Nager, viel mehr wandert nicht durch das Unterholz dieses Dschungels – unter den Zweigen, in denen die Jaguare warten und noch vielleicht zehn Arten wilder Katzen.

Und es fehlen die großen schwanzlosen Affen des festen Bodens, die aufrecht schreitenden. Nichts Ähnliches wie Orang oder Schimpanse, nur flinkes, langgeschwänztes, skurriles oder melancholisches Äffchengelichter, freilich oft mit erschreckend menschlichen Zügen in den bärtigen kleinen Gesichtern. Ich habe einen kleinen gefangenen Cebiaffen gesehen – Doch gleichviel, soweit man den amazonischen Urwald kennt (aber kennt man ihn?), weiß man nichts von großen, aufrechten Affen.

Noch weniger hat, scheint es, hier der Mensch entstehen können; dieses Land will den Menschen nicht, und er besitzt es noch nicht, er kriecht bisher nur ziemlich hilflos am Waldrand herum, längs des Stromes und der Flüsse. Das Wasser befährt er schon allenthalben mit Dampfbooten, aber dem Wald ist er noch nicht beigekommen. Wo der Dampfer hinkommt, ja, da gibt es schon große Städte, wimmelnd wie Termitennester. Aber wo nur das gepaddelte Kanu den Walddach befahren kann, dort lebt noch der nackte Indianer; seine Stämme sind gering an der Zahl, und ihr Kampf gegen den Wald ist schwächlich und aussichtslos; gerade daß sie mit ihren vergifteten Pfeilen genug Affen schießen oder Schildkröten oder Fische, um sich die Bäuche zu füllen, und genug Pumas, Jaguare, um nicht von ihnen ausgerottet 105 zu werden. Woher immer sie gekommen sein mögen, die vierhundert amazonischen Stämme, von denen man weiß, die Parintims und Parintintims, die Passes, Maues, die wilden Mudas, die Purus, die keulenbewehrten Ubirajares und die Caupanas, die Zwerge sind, und die Coitas, die Schwänze haben sollen, und die bleichgesichtigen Andoques, die man im Grenzland Kolumbiens gefunden haben will – woher immer sie kommen, nichts beweist, daß ihre ersten Ahnen in dem großen Wald lebten, kein Mal, das man kennt, kein altes Werk von Menschenhand. Der Mensch ist nicht seit langem in diesem Wald, das Schicksal der menschlichen Rasse ist mit dieser großen morastigen Baumwüste noch nicht so eng verknüpft wie mit den anderen Ländern der Menschenerde.

Wer den wirklichen Roman dieses Waldes schreiben wollte, der dürfte zu seinem Helden keinen Menschen wählen, sondern am besten einen Baum: ich habe ein paar Wochen lang daran gedacht, meine Romanheldin »Mauritia« zu nennen, nämlich Mauritia Flexuosa, die Miritypalme sollte diese Heroine sein, irgendeine Palme des tragischen Dickichts, wie sie aus der Nuß entspringt, wie sie den tausend Abenteuern ihrer ersten keimenden Jugend trotzt, im Dunkel und Unterholz, und wie sie dann in heroischen Kämpfen zum Licht hervorwächst, stark und rücksichtslos, über hundert Pflanzenleichen hinweg, bis sie schließlich ihren herrlichen Blattfächer hoch über das Gewirr des Waldes hebt, der Sonne entgegen. Das heldische Leben dieser Palme und ihr tragisches Ende in der Umarmung eines schönen Schmarotzers, was für ein Thema für epische Dichtung! Wer aber kann das richtig sagen, diesen Kampf der Bäume und ihren Sonnenhunger, und die tausendfache Welt der Tiere, die mit ihnen zusammenhängen, von der Ameise, die den Stamm emporrennt, bis zur Riesenschlange, die sich um ihn ringelt! Aber ich fürchte, das ist zu schwer, einen einzigen Baum 106 richtig zu besingen, man wird sich bescheiden und den ganzen Urwald schildern müssen; das ist leichter. Dann freilich brauche ich etwas, woran ich das Ungeheure des Urwaldes messen kann, menschliche Herzen also, es geht ohne die in den Büchern übliche menschliche Staffage schwerlich ab. Wen aber im Konflikt mit dem großen Wald schildern? Einen Schwachen, denke ich, an dessen Entsetzen man die ganze furchtbare Größe dieser bedrohlichen Landschaft zeigen könnte, oder einen ganz Starken, der alle Gefahr bewältigt, entweder einen Flüchtling, oder aber einen Konquistador.

Lange hat meine Gedanken das Schicksal einer Frau beschäftigt, von dem ich gelesen hatte. Unter allen weißen Menschen hat wahrscheinlich kein einziger den Urwald am Amazonas so völlig erlebt wie sie. Ich meine Madame Godin des Odonais, deren Gatte der Begleiter La Condamines auf seiner berühmten Forschungsreise gewesen ist, um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts. Godin, um es kurz zu sagen, muß seine Frau und die Kinder in Quito allein lassen und nach Cayenne reisen. Es vergehen viele Jahre, die Ehegatten können sich nicht wieder vereinigen. Endlich gelangen unbestimmte Nachrichten zu der Frau: ihr Mann soll ihr an den Marathon, das ist der Oberlauf des Amazonas, entgegengereist sein. Auf das Gerücht hin beschließt sie aufzubrechen, mit einer ganzen Familienkarawane: ihre Kinder reisen mit, dann ihr Schwager, dann noch ein französischer Arzt und mehrere farbige Diener und Dienerinnen. Die Reise aus Ecuador über die Kordilleren ins Innere Brasiliens wäre heutzutage für eine Dame eine fürchterliche Sache, wie erst damals! Man muß sich eine vornehme Französin jener Zeit vorstellen, bereifrockt, verwöhnt und empfindsam, und durch das lässige Leben unter den Kreolen in Quito sicher nicht auf die Strapazen einer solchen Reise vorbereitet. Wie dem immer sei, es gelingt der Madame Godin und ihrer Familie, ohne besondere 107 Zwischenfälle über das Gebirge zu kommen und den Pastaza zu erreichen, einen Fluß des amazonischen Systems. Den fahren sie in Kanus hinunter bis zu einer Indianermission, wo sie angeblich die vom Mann der Frau Godin entgegengeschickten Leute erwarten sollen. Sie finden ein von den Blattern ausgemordetes Dorf und keinen Menschen darin, und nun beginnen die gewöhnlichen Schwierigkeiten einer schlecht organisierten tropischen Expedition. Die Bootsleute und Führer desertieren, das schlecht bemannte Boot wird mitten auf dem Bobonasafluß leck, man muß es sinken lassen und ans Ufer flüchten, jetzt stehen die acht Menschen da, am Rand des fast undurchdringlichen Waldes, ratlos, ohne Vorräte, ohne Waffen, ohne recht zu wissen, wo sie sind – –

Das, sagte der Weltbummler, habe ich schreiben wollen, das furchtbare Ende dieser Hilflosen, ihren aussichtslosen Kampf gegen den großen Wald, wie sie das Floß nicht zu bauen vermögen, und wie der Arzt und der Neger heroisch in den Wald tauchen, Nahrung zu holen, und niemals wieder von einem Menschen gesehen werden, und wie die anderen verzweifelt den Weg durch die Baumwüste suchen, über die zahllosen Sümpfe und Wasserläufe, in denen Schlangen und Kaimane lauern, quer durch all die Gefahren und Mühen – und wie einer nach dem anderen liegenbleibt, bis Madame Godin, eine Niobe des Urwalds, mit ihren eigenen Händen ihre Kinder begraben hat, und den Schwager, und die Dienerinnen, alle, bis sie am Ende dieser Spur von schlecht bedeckten Gräbern ganz allein ist . . . Mit dem geschichtlichen Bild dieser kultivierten Frau, dieser bereifrockten zierlichen Rokokodame mitten in der ungeheuren gefährlichen Waldeinsamkeit wollte ich so recht die menschenfeindliche Majestät dieser großen Natur illustrieren.

Das Buch, das ich schreiben wollte, sollte heißen: Die neun Tage der Madame Godin. Denn neun Tage war diese Frau im Dickicht verloren, neun ewige Tage; dann ließ ein Wunder sie das Ufer des Bobonasa 108 wiederfinden, ein zweites Wunder irgendeinen indianischen Stamm, wie sie durch den Wald streifen: sanftäugige Halbtiere, die vielleicht einmal das Herz eines getöteten Feindes fressen oder seinen Kopf einschrumpfen lassen und sich als Schmuckstück um den Hals binden, die aber kaum fähig sind, einen Gast zu kränken. Die Indios, denen Madame Godin des Odonais begegnete, nahmen sie in ihrem mit Palmblättern überdachten Einbaum flußabwärts, und sie gelangte schließlich, so unwahrscheinlich es klingt, bis nach Parà, zu ihrem Mann, von dem sie neunzehn Jahre getrennt gewesen war. Was das für eine Geschichte ist: wie diese Mutter, die ihre Kinder nacheinander im Urwald verscharrt hat, doch Weib bleibt und mitten durch die Hölle hindurch ihren Mann sucht und findet, ganz so wie das Jaguarweibchen, vom gleichen Trieb geleitet, den noch so fern umherschweifenden Jaguar wiederfinden wird – –

Diese Geschichte wollte ich zuerst schreiben, oder dann wieder das Epos der heroischen Missionare von der Gesellschaft Jesu, des Vaters Raymundo de Santa Cruz, der die Cocomasindianer am Huallaga bekehrt hat, um 1650, und der ein großer Entdeckungsreisender war und später, mit dem Kreuz in der Hand, in demselben Bobonasafluß ertrunken ist, in dem das Boot der Madame Godin scheiterte; oder von jenem Pater Heinrich Richter aus Tschaslau in Böhmen, dem nackten und barfüßigen Apostel der Jeberos und Ucayali, Apostel und Martyr, denn sein Kopf endete schließlich am Gürtel eines Wilden, es war im Jahre 1695; und von einem anderen Deutschböhmen, dem Vater Samuel Fritz, dem Apostel der Omaguas, der ein Künstler gewesen ist und mitten im Urwald hölzerne Kapellen gebaut hat und mit wundervollen Heiligenbildern geschmückt. Und von den anderen deutschen Missionaren des achtzehnten Jahrhunderts, Wilhelm von Tres, Heinrich Franzen, Franz Rhen, Karl Bretan, Adam Wittmann, Adam 109 Scheffen, Leonhard Deubler. – Sonderbar, nicht, diese Menge deutscher Jesuiten, die in diesen fernen, fernen Wald gekommen sind, der überhaupt für den deutschen Menschen eine eigene zauberhafte Anziehung haben muß; der Deutsche hat irgendwie, noch vom Teutoburger Wald her, diese große Waldsehnsucht; wo immer auf der Welt ein recht dicker, dunkler Wald ist, dorthin strebt der Deutsche, geheime Reminiszenzen in seiner Seele ziehen ihn hin, und in dem amazonischen Waldgeist Curupira erkennt er unschwer seinen Rübezahl. –

Diese große epische Legende der amazonischen Missionare schien mir ein Buch wohl wert zu sein, ich weiß nur Gutes und Schönes von ihnen; sie haben die armen Indianer immer nach Kräften gegen die Grausamkeit der portugiesischen Kolonialmachthaber geschützt, und es hat ihnen nicht genügt, das Kreuz erhöht zu haben, nämlich den materiellen Balken mit dem Querholz. Man muß wissen, die portugiesischen Behörden ließen in jeder Indianersiedlung ein hölzernes Kreuz aufrichten, und wenn es eines Tages wieder umfiel, verkauften sie die Indianer als Sklaven wegen Gotteslästerung – –

Dann hat mich monatelang ein anderes Thema gefesselt: die phantastische Expedition des Navarresen Don Pedro de Ursua, der im Jahre 1560 von Peru aus den Amazonas erreicht hat, auf der Suche nach der Goldstadt, die im Lande der flachköpfigen Omaguas liegen sollte. Ein deutscher Abenteurer, den die spanischen Quellen Felipe de Utre nennen, wer weiß, wie er wirklich hieß, hatte dieses Dorado der Omaguas gesehen – – Die Geschichte hätte aber Stevenson erzählen müssen: eine Horde der wildesten Banditen, die sich je unter der Flagge Kastiliens zusammengefunden haben, und mitten unter ihnen eine schöne und edle Frau, Inez de Atienza, Ursuas Geliebte. Man müßte von der langen Fahrt auf den Booten erzählen, von den Beschwerden, Enttäuschungen, und wie die Anwesenheit der Frau Unheil stiftet und 110 den jungen Fähnrich Fernando de Guzman zum Verschwörer und Meuterer macht. Hinter dem steht ein wahrer Teufel, der Biskayer Lope de Aguirre, lahm, häßlich, voll von Haß. Dieser Mensch macht den jungen Guzman mit seinen Einflüsterungen halbverrückt. Der Führer der Expedition, Ursua, erwacht eines Nachts in der Nähe des Dorfes Machiparo von einer Stimme, die durch seinen Schlaf ruft: Pedro de Ursua, Gouverneur von Omagua und El Dorado, möge Gott dir gnädig sein! Den Tag darauf ermorden ihn die Verschwörer; sie wählen Guzman zu ihrem General, aber das genügt ihnen nicht; bald darauf versammeln sie sich wieder und beschließen, ein Haufen Abenteurer mitten im Urwald am Marañon, den König von Spanien, diesen gewaltigen und entsetzlichen zweiten Philipp, abzusetzen und ihm den Krieg zu erklären; und den Fähnrich Fernando de Guzman ernennen sie zu ihrem neuen König, ihre neue Nation aber heißen sie: Marañones, nach dem Namen des großen Flusses, den sie hinabfahren. Nein, diese phantastische Reise, die wirklich geschehen ist, hätte ich niemals richtig erzählen können, die Fahrt dieses schwimmenden Räuberkönigreichs, den Irrsinn und das vergossene Blut – – Von Anfang an ist nicht der »König« Guzman, sondern der gräßliche Lope de Aguirre der wirkliche Führer der Bande; er bringt der Reihe nach alle Gefährten um, die sich ihm nicht gefügig zeigen; schließlich läßt er auch den König selbst ermorden und sich zum Befehlshaber ausrufen. Die schöne Doña Inez de Atienza mordet ein Mestize mit dem Aasnamen Carrion; er wird zum Lohne Oberrichter des Königreichs. Aber es sind noch andere Weiber auf den Booten, unter ihnen eine Tochter des Tyrannen Aguirre, die er zärtlich liebt. – Er heißt nur noch »der Tyrann Aguirre«, die Südamerikaner nennen ihn bis zum heutigen Tag nicht anders. – Diese halbverrückte Horde nun zieht immer weiter; rechts und links an den Ufern plündern sie die indianischen 111 Weiler, martern und morden die Indios, schänden ihre Weiber, tun bisher ungeahnte Greuel. Dabei muß diesem Heer des Tyrannen etwas geglückt sein, was erst Jahrhunderte später wieder dem Freiherrn von Humboldt glücken sollte: sie finden den Weg, der vom Marañon durch den Rio Negro in den Cassiquiare führt, jenen Fluß, der den Amazonas in so seltsamer Weise mit jenem anderen gewaltigen Stromsystem, dem des Orinoko, verbindet. In Venezuela kommt das wandernde Königreich der Marañones in den ernstesten Konflikt mit den Behörden jenes Philipp II., dem die Abenteurer die Gefolgschaft gekündigt haben; in allen Uferorten erschlagen sie die spanischen Regidores. Von der Stadt Burburata aus erläßt der Tyrann Aguirre einen richtigen Fehdebrief an König Philipp, der Text steht bei Alexander von Humboldt:

»Ich, Lope de Aguirre, Dein Vasall, ein Christ, von armen, aber edlen Eltern geboren, und heimisch in der Stadt Oñate in Biskaya, ich fuhr jung über nach Peru, mich dort zu mühen, die Lanze in der Hand. Ich focht für Deinen Ruhm: aber ich rate Dir dies, gerechter zu sein gegen Deine guten Vasallen, so Du in diesem Lande hast, denn ich und die Meinen, müde des grausamen Unrechts, so Dein Vizekönig, auch Deine Gubernatores und Richter in Deinem Namen üben, wir haben männiglich beschlossen, nicht mehr Dir zu gehorchen. Nicht mehr für Spanier wollen wir betrachtet sein. Einen grausamen Krieg führen wir gegen Dich, dieweil wir Deiner Diener Druck nicht länger mehr dulden mögen. Wisse, daß ich lahm bin, von zwei Schüssen aus einer Arkebuse: ich erhielt sie, da ich gegen Francisco Hernandez Giron focht, der damals ein Rebell gegen Dich gewesen; ein solcher aber bin nun ich und will es sein in Ewigkeit. Denn seit der Vizekönig an Deiner Statt, der Marquès de Cañete, einen Feigling nennen wir ihn, seine tapfersten Krieger gehängt hat, unsere Kameraden, seit dieser Stunde schert mich Deine königliche Gnade noch Pardon nicht mehr denn die Bücher des Erzketzers Martin Luther – – Seit elf Monaten sind wir zu Schiff, ehe daß wir die Mündung des großen Stroms erreichten. Mehr denn fünfzehnhundert Leguas sind wir gesegelt, so möge Gott wissen, wie wir nur durch dieses Wassers große Menge gelangt. Ich rate Dir, großer König, niemals eine spanische Flotte in diesen Fluß des Fluchs zu senden, und denke daran, König Philipp, daß Du kein Recht hast, Zins noch Steuer aus diesem Land zu ziehen, denn ohne Gefahr für Dich wurde es gewonnen.«

Der Brief ist wunderbar, sagte der Weltbummler. Es steht alles drin: der Haß des Krüppels gegen den König, für den er gelitten hat, und der Haß des Soldaten, der immer für andere erobern muß; diese Deserteure sind gleich aus ihrer Nation desertiert; dieser romantische Rebell hat seine Größe. – Wie es ausgegangen ist? Wie jahrhundertelang die Rebellionen des gemeinen Haufens ausgehen, bis endlich eine gelingt: das Ende war Rad und Galgen! – Im Innern Venezuelas begegnet der plündernden Horde der Marañones ein geordnetes Heer; Lope de Aguirre erstickt im Augenblick der Niederlage seine Tochter, »denn sie sollen dich nicht eines Verräters Tochter nennen«, schreit er; und zwei von seinen eigenen Marañones, die das sehen, hauen ihn nieder, es ist eine reguläre Schauertragödie; und man hängt den Kopf des Tyrannen Aguirre in einem eisernen Käfig auf. Er war der erste Vorgänger Bolivars, Washingtons, der Verfasser der ersten amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, und sein wildes und tragisches Leben ist ein geeigneter Vorwurf für ein Drama oder einen historischen Roman; eben deswegen aber bin ich davon abgekommen, es zu schreiben, denn darum geht es mir nicht:

Mein Buch vom Amazonenstrom soll zwar, das will ich, in der alten bunten Zeit der Konquista spielen, denn was heute da ist, diese 113 absurden Städte mit elektrischen Straßenbahnen und Eisfabriken und Pilsner Bier, und alle diese Dampfer, Telegraphenlinien, Kanonen, und diese unausgegorene Rasse von Mischlingen, das verfälscht diese hiesige Natur ja doch, ohne sie indessen noch unterzukriegen; die Gegenwart ist in diesem Amazonien mehr als anderswo ein Übergangsstadium, ein wüster Dampf in der chemischen Retorte, nicht geeignet, an ihr zu exemplifizieren. Da ich daran denke, verwegen ist die Absicht, diese überwältigende und aller Maße entbehrende Landschaft in ein Buch zu spiegeln, wünsche ich mir am liebsten alles menschliche Gewimmel weg, oder wenn ich doch nicht den bloßen Roman eines Urwaldbaums schreiben kann, dann will ich, oh, könnte ich es, diesen amazonischen Wald und seine Wilden malen vor dem Einbruch dieser hybriden Zivilisation, die letzten Endes alle Urwälder der Erde zu Zeitungspapier zermalmen wird und das letzte bißchen Geheimnis, Märchen, Wunder zu Zellulose; oder nein, es hat einen melancholischen Reiz, eben dies zu schildern, den ersten Einbruch dieses technischen Unheils, dieser gewalttätigen europäischen Zivilisation in die unberührte Urwelt des Stromlandes: wie eines Tages drei oder vier unbeholfene Donnerbüchsen da waren, mit Schwefel und Salpeter vollgestopft, und ein paar Harnische, die bloße Holzpfeile nicht durchbohren konnten – und wie dieses bißchen Chemie, Metallurgie, Mechanik alsbald beginnt, den Wald ohnmächtig zu machen, ihn zu unterwerfen – diesen ersten Anfang der großen Konquista des Urwalds durch den europäischen Menschen darzustellen, sage ich, scheint mir ein Ziel und ein Zweck, aber schreiben will ich viel eher den Urwald als einen historischen Roman.

Unter allen den vielen farbigen und phantastischen Geschichten vom Amazonenstrom, die mit neuen Worten erzählt werden können, ist doch eine, die älteste, erste, wichtigste, diejenige, die es am meisten 114 verdient; sie ist eine jener symbolischen Anekdoten, die die Historie manchmal schafft, wenn sie etwas kurz sagen möchte, eine lange und mühsame Entwicklung in ein kräftiges Schlußwort fassen, oder aber, wie es hier der Fall ist, eine solche Entwicklung, eine künftige, im vorhinein durch eine sinnbildliche Begebenheit andeuten: solche wahre Episoden sehen leicht unwahrscheinlich aus, mythisch und phantastisch.

Die Geschichte vom Urwaldschiff des Ritters Francisco de Orellana ist eine solche, von dieser ersten Reise weißer Menschen den Amazonenstrom hinab, von den Kordilleren bis zum Atlantischen Ozean, im Jahre nach Christi Geburt 1542. Diese Reise der fünfzig Konquistadoren aus dem überwältigten und geplünderten Peru in neue phantastische Weiten, und die seltsamen Sehnsuchtsträume nach noch ferneren, noch unrealeren Dingen, die sie in den Seelen dieser gierigen jungen Menschen hervorrufen – diese Reise, auf der der mächtigste Strom und vielleicht auch das reichste Land der Welt entdeckt und von den glücklichen Entdeckern wieder aufgegeben worden sind einem Traum zuliebe, dem Traum vom Reich der Amazonen und El Dorados goldener Stadt, der nicht phantastischer war als die Wirklichkeit, aber eben nur ersehnt, erhofft, und darum schöner. –

Diese Reise scheint mir das wahre Sinnbild des Reisens überhaupt zu sein, mein lieber Herr Doktor Schwarz, und darum denkwürdig, eine wichtige Erinnerung für diese unsere Zeit, die sosehr zum Überdruß alles entdeckt und alles enträtselt, und die, fast am Ende, scheint es, der ungeheuren Menschheitsreise ins unbekannte Dickicht des Weltalls, dann doch wieder ein bißchen Traum brauchen wird, ein bißchen Sehnsucht, Fieber, die große El-Dorado-Lüge Francisco de Orellanas mit einem Wort. Wenn ich diese Geschichte erzählen will, später in meinem Buch, und jetzt in dieser sternlichtdurchbebten, heißen und duftenden amazonischen Nacht, Ihnen, meine Reisegefährten, und Ihnen, Doktor 115 Schwarz, der Sie so betrübt sind, daß Sie nicht den Amazonenstrom befahren dürfen – es geschieht, um zu zeigen, daß man das Dorado ja doch immer nur in seinem eigenen Herzen finden kann und in seinem eigenen träumenden Hirn. Wie könnte ich es besser beweisen als eben an dem Bild dieser Menschen, die von den Schätzen der Inkas weggelaufen sind, von dem Tempel, den man mit Atahuallpas Lösegold gefüllt hatte bis zur hohen Wölbung – aus dieser goldstrotzenden Wirklichkeit fortliefen, zu den Moskitos, Anakondas, Jaguaren, erst, weil sie etwas von Zimtbäumen reden gehört hatten, dann von einem Kaziken in goldener Rüstung in einer mit Gold gepflasterten Stadt? Und hätten sie es gefunden, das große Dorado, die umfabelte Stadt Paytiti, den goldenen See – hätten sie nicht rasch ein paar Indianer gefoltert, bis sie ihnen noch etwas vorerzählt hätten, von irgendeiner anderen Goldstadt, noch tiefer im Gestrüpp, noch schwerer zu erreichen, unter größeren Gefahren, ärgerem Hunger? Ach, man kommt niemals ins wahre Dorado, auch nicht, wenn man schließlich Glück hat und das goldene Pflaster mit Füßen trampelt. Glauben Sie einem Menschen, der sein ganzes Leben immer nur wandern wollte: man kommt niemals an; noch nicht angekommen sein, heißt leben.

Das scheint mir die Geschichte des Ritters Francisco de Orellana zu bedeuten, und ich möchte sie erzählen als das Märchen, das sie ist, obwohl das Märchen wahr ist, beglaubigt in den pergamentgebundenen Bänden der Geschichtschreiber, des gravitätischen Hofhistoriographen Philipps II., Antonio de Herrera, und des phantastischen Garcilaso de la Vega, dessen Mutter eine Inkaprinzessin gewesen ist, beglaubigt vor allem in dem Reisebericht des Fray Gaspar de Carvajal, der Orellanas Feldkaplan war – – Zum großen Glück erzählen alle diese Leute, selbst der Dominikaner, die Geschichte summarisch und im gröbsten Umriß, und ich muß aus meinem Märchen keinen 116 »historischen« Roman machen, voll von Namen und Daten. Die paar, die vorkommen, werden echt sein; aber ich möchte in dem Buch, das ich da machen will, lieber das gefiederte Laub einer Assaipalme richtig beschrieben haben als irgendeine Haupt- und Staatsaktion – – Es mag sein, daß der Ritter Francisco de Orellana nicht mit einem Schiff durch den amazonischen Urwald fuhr, sondern mit zweien. Aber diese zweite Brigantine, die die rechthaberische Historie ihn bauen läßt, ist eine überflüssige Wiederholung und stört mich; es ist einer von den Fällen, in denen ein bißchen weniger Wirklichkeit eine Geschichte wahrer macht – –

 

Jetzt, da ich davon spreche, sagte der Weltbummler, scheint es mir, daß ich dieses Buch ja doch niemals schreiben werde; graut mir denn nicht davor, mich in irgendeinem Zimmer voll von Büchern und Papieren an einen Tisch zu setzen und von diesem Träumer, von dem ich träume, Francisco de Orellana, mit Tinte auf ein Papier zu träufeln: er war, er dachte, er hatte – – Ja, wenn es möglich wäre, die Geschichte aller Welt so zu erzählen, wie ich sie jetzt Ihnen erzählen werde, in dieser Nacht unter dem südlichen Kreuz, während vor uns am Ufer im amazonischen Wald ein Feuer brennt, und es duftet nach unbekannten Dingen, und unbekannte Töne kommen aus dem Wald, der uns nahe ist, und was unten im Wasser vorbeiplätschert, kann ebensogut wie nicht eine vorbeischwimmende Schildkröte sein oder der Teufelsfisch Piranha, und wir sitzen da und rauchen diesen erdigschwarzen Tabak, der nichts anderes ist als das wirkliche Aroma dieses brasilischen Bodens, die nackten Indianer haben ihn geraucht, ehe Orellanas weißes Antlitz kam, so sitzen wir da in diesem gestirnten warmen Dunkel und wissen, daß vor uns der große Wald liegt, den, Gott sei Dank, wir Zivilisierten noch immer nicht zu Ende kennen, jetzt, vierhundert 117 Jahre nach Francisco de Orellana, und daß in seinem heißen, grünen Dunkel immer noch ein bißchen Traum und Geheimnis wohnt – –

Es ist schöner, Ihnen mein Märchen hier zu erzählen, drei Menschen, die hier sind und doch voll Sehnsucht nach eben diesem Land, es Ihnen mit meinen eigenen gesprochenen Worten zu erzählen, nicht ein Buch, sondern nur den Stoff zu einem Buch, das ich vielleicht nie schreiben werde, denn, glauben Sie nur, mit dem Schreiben ist es wie mit dem Reisen, man kommt nie an. 118

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