Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Richard Arnold Bermann >

Das Urwaldschiff

Richard Arnold Bermann: Das Urwaldschiff - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Urwaldschiff
authorRichard A. Bermann
year1927
firstpub1927
publisherWegweiser-Verlag
addressBerlin
isbn
titleDas Urwaldschiff
pages254
created20091023
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Zweites Kapitel

Am nächsten Morgen saß Dr. Carson als ein gewohnheitsmäßiger Frühaufsteher sehr bald nach Sonnenaufgang vor der Türe des Grande Hotel, an einem der kleinen Eisentische unter den Mangobäumen des Largo da Polvora. Der breite Boulevard war noch fast menschenleer, nur daß eine Menge kleiner Schuhputzerjungen herumlief, Negerlein oder Halbindianer. Dr. Carson ließ sich seine Schuhe putzen, die im Hotel nicht gereinigt worden waren, eben weil draußen ja doch die Schuhputzer herumliefen; er hielt auf seinem eisernen Gartenstuhl geduldig still, während der kleine zerlumpte Mulatte seine Schuhe bearbeitete, er zahlte dann, oder vielmehr er hielt dem Jungen eine Handvoll schmutziger Milreisscheine hin, ohne eine Ahnung zu haben, wieviel sie in englischem Geld wert waren; offenbar hatte er den Jungen reich gemacht, denn sofort wollten alle anderen Schuhputzer von Parà des Doktors Schuhe ebenfalls salben und bürsten, sogleich und alle auf einmal.

Ein paar portugiesische Worte von der Hoteltüre her verschafften dem bedrängten Doktor Ruhe. Sein Befreier war der »Weltbummler«, der in einem weißen, aber diskret karierten Anzug herauskam, mit einem ganzen Paket Zeitungen unter dem Arm. Er setzte sich zu Carson und zündete eine große schwarze Zigarre an. – »Endlich wieder eine Legitimos!« sagte er inbrünstig.

Die beiden saßen eine ganze Zeitlang schweigend da. Carson mit dem Hut auf seinen Knien; seine Haare waren in der Morgensonne vollkommen silbern, aber der Kopf darunter war jugendlich, nur durch 44 einen Kneifer etwas entstellt und verkleidet; Hilary neben ihm, von einem großen flachen Panama beschattet, sah massiv aus, kariert; wenn der Doktor etwas von der Zartheit eines Windspiels an sich hatte, glich der Weltbummler eher einer Bulldogge. So saßen sie nebeneinander und erlebten den tropischen Morgen: die unsägliche Reinheit des ersten Lichts über den Wipfeln des Urwalds, die man auch von diesem pariserischen Boulevard aus sah; die bunten Farben des gegenüberliegenden Parks, beim Opernhaus; ein paar phantastische Vögel, die über diese Großstadtstraße flogen, als gehörte sie zum Dschungel, und die bereits durchsonnte, aber noch wunderbar frische Luft, die in wenigen Minuten von der Hitze durchsetzt werden würde, jetzt aber noch köstlich war, nach der Tropennacht duftend und nach unbekannten Blüten.

Man konnte förmlich sehen, wie der Weltbummler diese Luft zusammen mit dem Rauch seiner schwarzen Zigarre einsog, die auch mit dazugehörte. Zugleich mit diesem glückhaften Aufatmen kam aber eine kuriose Reaktion: eine schamhafte Angst davor, beim Empfinden beobachtet zu werden; der Weltbummler entfaltete hastig eine Zeitung, »O Estado de Parà«, und begann darin zu lesen, als interessierte ihn nichts anderes: dann fing er an, dem Doktor die Nachrichten zu übersetzen. Es stand nicht sehr viel in der Zeitung, man erriet hinter den Notizen den ehernen Terror der militärischen Zensur. Soviel war klar, daß die Meuterei des 26. Jägerbataillons in Parà von den Polizeitruppen und einem Marinedetachement blutig niedergeworfen worden war; das hatte sich vorgestern ereignet, am Tag und in der Nacht vor dem Eintreffen des »Hildebrand« in Parà. Der Weltbummler konnte die dürftigen Zeitungsmeldungen durch die Mitteilungen eines brasilianischen Bekannten ergänzen, den er am letzten Abend in der Stadt aufgesucht hatte. Es schien, daß man einen Teil des 45 26. Jägerbataillons auf einen Dampfer hatte bringen wollen, um es gegen die Rebellen im fernen São Paolo kämpfen zu lassen; diejenigen Soldaten und besonders Offiziere, die sich höherer Gunst erfreuten, hätten in der Garnison bleiben sollen. Die Truppen, die an die Front sollten, begannen zu meutern; die Bewegung mußte wohlvorbereitet gewesen sein, denn zugleich kamen auch Depeschen aus dem Nachbarstaate Amazonas, wo gleichfalls die Revolution ausgebrochen war. Dort siegten die Aufständischen fast ohne Kampf und setzten eine revolutionäre Regierung ein, bestehend aus vierzehn jungen Oberleutnants. In Parà (hatte Hilarys Bekannter flüsternd erzählt) hatte sich das Bundesmilitär mit den anderen Waffen, der Provinzialpolizei und den Marinesoldaten die längste Zeit schlecht vertragen. Diese Rivalität zwischen den einzelnen Truppenteilen hatte den praktischen Effekt, daß das 26. Jägerbataillon nur von einigen Freischärlern aus dem Volk unterstützt wurde und Polizei und Marine, ja auch die Bundeskavallerie gegen sich hatte; man kämpfte einen Tag und eine Nacht in den Straßen, dann wurden die Rebellen in ihrer Kaserne belagert und mußten sich ergeben, während zersprengte Banden sich noch hier oder dort am Rande der Stadt behaupteten oder in die Umgebung zu fliehen begannen. Vergebens hatte Hilary nach dem praktischen oder sozialen Sinn des Aufstandes gefragt; er schien nichts als eine zwecklose Meuterei der Soldateska gewesen zu sein, geleitet von dem unklaren Ehrgeiz einiger ganz junger Offiziere.

»Eins ist gewiß,« sagte Hilary, »es beginnt jetzt zunächst einmal ein kleiner Bürgerkrieg zwischen den Staaten Parà und Amazonas. In der ›Folha do Norte‹ steht, daß der Gouverneur von Parà das Ausfahren von Schiffen aus dem Hafen bis auf weiteres verboten hat. Natürlich, jeder Dampfer, der den Revoltosos von Amazonas in die Hände fiele, würde von ihnen sogleich als Kriegsschiff benützt werden. Keine Rede 46 davon, daß man dem ›Hildebrand‹ gestatten wird, seine Reise fortzusetzen. Mir ist es ziemlich gleichgültig, ich habe keine besondere Eile und kein festes Ziel – Ich bin nicht wie dieser Dr. Schwarz, der geglaubt hat, daß eine Reise an ein Ziel führt und daß man an dem Ziel aus irgendeinem geheimnisvollen Grund glücklich werden muß –«

»Er erträgt es besser, als wir gefürchtet hatten«, sagte Dr. Carson. »Sie haben gestern abend nicht hier im Hotel gegessen, sonst hätten Sie gesehen, daß er sogar ganz gesprächig und aufgeräumt war. – Vielleicht hat er ein bißchen auffällig viel Collareswein getrunken, das war alles. Ich denke, er glaubt, daß unser Schiff doch nach ein paar Tagen weiter kann. Es scheint, daß wenigstens in Parà selbst die Ruhe wiederhergestellt ist; es wird sogar unsere Tramwayrundfahrt programmgemäß abgehalten, um acht Uhr kommen die Sonderwagen hier vorbei. Fahren Sie mit? Ach wo, Sie kennen Parà, natürlich. – Unsere Mitpassagiere sind gestern meistens an Bord geblieben; die Damen haben sich gefürchtet, wegen der Revolution. Auch Athill hat das Schiff noch nicht verlassen; Sie kennen die Lady. Gut, also nur ein paar Herren hier im Hotel gestern abend; der alte Smith zum Beispiel; aber er geht heute früh wieder aufs Schiff zurück, das Bier im Hotel schmeckt ihm nicht – sie haben nur ein hier gebrautes Pilsner und kein englisches Ale, der alte Mann hat sich seine Bottle of Baß zu sehr angewöhnt, es kann auch schlecht enden. Unser Schwarz, wie gesagt, war am Abend sehr gefaßt, ein bißchen blaß nur, vielleicht ist er gar kein so verdammter Narr, wie Athill und ich geglaubt haben; oder es wird eben noch alles gut, die Revolution kann auch wieder aufhören. Was mich betrifft, ich verbringe meinen Urlaub, und ob ich ihn in Parà oder in Manaos verbringe, ist mir ziemlich gleich, wenn ich nur rechtzeitig zurückkomme, damit mein Vertreter auch auf Urlaub gehen kann. Meinen Sie, daß ich das Spital aufsuchen sollte, mich ein 47 bißchen um die Verwundeten umsehen? Wenn ich doch kein Wort von dem Lingo verstehe! –«

»Und Sie sind doch auf Urlaub«, sagte der Weltbummler mit einem ganz leichten Lächeln. – Er rauchte ein paar Züge, begann dann weiter von Schwarz zu reden: »Doch ein bißchen auf den Mann aufpassen! Unzweifelhaft ein manisches Wesen; diese merkwürdig gute Miene zum bösen Spiel – – hallo! sehen Sie her!«

Ein Lastauto raste die Straße herab, dem Hafen zu. Vorn war ein Maschinengewehr aufmontiert, und das Lastauto war überfüllt von einer Menge bewaffneter Männer, kaum ein Weißer unter ihnen; einige trugen eine Khakiuniform, andere blaue baumwollene Kittel, alle hatten Patronengürtel um und sahen martialisch aus; alle hatten Zigaretten im Mund, auch drei gefesselte Gefangene, die in der Mitte des Wagens saßen. Vorn neben dem Chauffeur stand ein Soldat mit einem ellenlangen Fernrohr, das setzte er fortwährend an und spähte die lange Straße hinunter, auf der es nichts zu sehen gab als eine alte Negerin in einem roten Kattunkleid.

Das Auto fuhr in wildem Tempo vorbei, Carson sah ihm bedenklich nach.

»Nehmen Sie südamerikanische Revolutionen nicht tragisch,« sagte Hilary, »es bedeutet nichts, und es geschieht nichts, diese Leute im Auto haben irgendwen verhaftet und bringen die Gefangenen an Bord eines Dampfers – ›Santarem‹ heißt der Dampfer, er liegt am Kai neben dem ›Hildebrand‹.«

»Und?« fragte Dr. Carson.

Der Weltbummler zuckte die Achseln. »Heute nacht füsilieren oder morgen früh zu Generalen machen, was weiß ich. Es wird heiß, versuchen Sie ein Glas Guaranà! – Moço!« Dies zu einem sonderbaren rotbraunen Kellner mit spitzigen Faunsohren.

48 Der Kellner kam, bekam einen Auftrag auf portugiesisch, brachte eine Flasche und zwei Gläser, goß ein moussierendes Getränk ein. Carson kostete mißtrauisch, es war eine bräunliche Limonade von einem speziellen Geschmack, so etwas wie säuerliche Schokolade mit geeistem Mineralwasser.

»Guaranà ist ein Grund, warum ich Brasilien wiedersehen wollte«, sagte der Weltbummler. »Ein Nervengift aus dem Urwald, irgendeine Palmfrucht, die viel Theobromin enthält, es wird zu einer Leidenschaft, wie der Kaffee und die Zigarette. Ein Glas Guaranà und eine von den schwarzen Legitimozigarren, darin ist das ganze dunkle und giftige und beglückende Aroma dieses ungeheuren Landes.«

Es war auf einmal sehr warm geworden; die Blätter der großen Mangobäume malten dunkelviolette Schattenfiguren auf die besonnte Straße. Der Platz, vorher fast leer, wimmelte jetzt auf einmal von Menschen; nachdem das große Militärauto vorbeigerast war, waren sie plötzlich vorhanden, zu sorgfältig gekleidete dunkelhäutige Flaneure und zerlumpte Indianermenschen und eine respektable und ein wenig groteske Negerbourgeoisie; weißgekleidete Chauffeure, die irgendwie affenhaft am Volant hockten, fuhren mit lärmenden Autos auf und ab, es waren immer dieselben Chauffeure und dieselben Autos, und in der Mitte der Fahrbahn, am Opernhaus vorbei, verschob sich eine fast ununterbrochene Reihe von Straßenbahnwagen – es war auf einmal ein Pariser Boulevard vorhanden, sehr klein, ein wenig schäbig, penetrant hochsommerlich – und seltsam beherrscht von der wahnwitzig kardinalroten Farbe einer ungeheuren Blütenwand von Bougainvilleas, drüben in dem Park um die Freiheitsstatue. Die Freiheitsstatue, eine richtige Marianne auf einer Säule, mit Krummütze, Schwert und Lorbeer, das war wieder Paris. Ein großer, ganz flammend roter Vogel flatterte an der Freiheitsstatue vorbei. Parà, von dieser 49 Kaffeehausterrasse gesehen, war ein kurioses Parà-Paris; wenn man vom Kaffeehaustisch aufstand, sah man die Wipfel des nahen Urwalds. Ein Junge schrie den »Estado de Parà« aus. In weiter Ferne knallte etwas, ein Autopneumatik oder ein Schuß, man konnte es nicht wissen.

Punkt neun Uhr kamen vom Hafen her zwei Sonderwagen der Straßenbahngesellschaft, The Parà Electric Railways and Lighting Co. Ltd., die Cruisers des »Hildebrand« enthaltend. Revolution oder nicht, die Sehenswürdigkeiten von Parà mußten besichtigt werden.

Die beiden Wagen hielten vor dem Hotel. Dr. Carson stand auf, um sich den Schiffsgefährten anzuschließen. In diesem Augenblick erschien Bernhard Schwarz in der Hoteltüre – nicht in seinem Tartarinkostum aus Khakileinen, nicht mit seinem Regenmantel, der vielleicht ein Zeltblatt war, nicht mit seinem Tropenhelm, sondern in einem für das Klima zu dicken grauen Sommeranzug mit langen Schößen und mit einem kleinen steifen graulackierten Strohhut auf dem Kopf, einem grobgeflochtenen, in der Mitte peinlich eingebogenen Hutungeheuer aus der hintersten Provinz – man begriff sofort, daß das die wirkliche Kleidung des Mannes sein mußte, sein unromantisches Zivil – Statt des Zeltblatt-Regenmantels trug er einen schlecht gerollten Regenschirm; das Gesicht war feucht von Schweiß, aber ganz blaß, eine dunkle Sonnenbrille verbarg die Augen, um den Mund lag eine Art Lächeln, leblos und unveränderlich.

Hilary, der aufgestanden war, um dem Dr. Carson adieu zu sagen, sah dem Deutschen nach, wie er ungeschickt in den Tramwaywagen kletterte.

»Passen Sie ein bißchen auf ihn auf, Doktor – –«

 

An diesem selben Tag war in Parà die Hölle los: eine Revolution war mißglückt, siegreiche Gewalt durfte Gewalttätigkeit Ordnung 50 nennen, den Ausnahmezustand Legalität, das Standrecht Justiz, die Repressalie Maßnahme. Man füsilierte hinter Hecken und warf Leichen ins Wasser. Die große bunte Stadt zitterte und flüsterte; die barfüßigen Schuhputzerjungen, die gestern Barrikaden gebaut hatten, verrieten die letzten versprengten Revoltosos der Polizei; die Kaufmannschaft beschloß einen großen Demonstrationszug zu Ehren Seiner Excelencia, des siegreichen Gouverneurs. Seine Excelencia dankte für die Gesinnung, verbot den Umzug und ließ für jeden Fall noch ein Maschinengewehr auf das Dach des Gouvernementspalastes stellen. In den Gärten der Vorstadt Nazareth steckten noch ein paar verzweifelte Rebellen mit Flinten; die Regierungstruppen näherten sich ihren Schlupfwinkeln mit weiser Vorsicht. Überall auf den Straßen sah man bewaffnete Patrouillen, militärische Autos, marschierende Abteilungen. Der Gouverneur hatte die Dienstpflichtigen einberufen; bourgeoise Familienväter verwandelten sich in säbelrasselnde Leutnants, während die mobilisierten Hafenarbeiter einfach die Patronengürtel um ihre blaue Kattunbluse schnallten. Die improvisierten Kanonenboote dampften den Fluß herauf, dampften den Fluß herab, mit der grünen und gelben Kriegsflagge: Ordem e Progresso. Ein Extrablatt der »Folha do Norte«, wohlzensuriert, meldete, aus Rio seien schon richtige Kriegsschiffe unterwegs, die berühmten modernen Destroyers unserer glorreichen Marine. Hinter sehr fest verschlossenen Türen berechneten murmelnde Bürger: Mindestens vierzehn Tage, ehe die Torpedozerstörer da sein können – wenn sie abgefahren sind; in drei Tagen können die Revoltosos aus dem Staat Amazonas da sein! Es war klar, daß jedermann loyal zu sein hatte, mindestens noch drei Tage lang – –

Auf dem goldgelben Strom lag ein großer Flußdampfer, der »Santarem«; er war ganz voll von Gefangenen und ihren Wächtern. Man 51 konnte die Gefangenen und die Wächter zusammen aus hölzernen Gefäßen Farinha essen sehen; sie hockten alle beisammen, farbige Tropenmenschen, phlegmatisch nach einer großen vulkanischen Temperamentsexplosion; sie konnten einander weiter morden oder sich weiter brüderlich vertragen – –

An diesem Tag schien die Sonne auf die äquatoriale Stadt; und plötzlich ballten sich schwarze Wolken zusammen, und es begann zu regnen, daß die Straßen Wildbächen glichen, und drei Minuten später waren sie trocken und heiß. An diesem Tag fuhren zwei Sonderwagen der Parà Electric Railways durch Parà mit den Cruisers des »Hildebrand«; es war der Revolution nicht gelungen, das Besichtigungsprogramm zunichte zu machen. Eine Reisegesellschaft von Sardinen, die Sehenswürdigkeiten eines aufgescheuchten Ameisenhaufens besichtigend, hätte nicht kühler durch die allgemeine Aufregung spazieren können.

Der Palast des Staatsgouverneurs von Parà ist berühmt wegen der schönen Fußböden aus kostbaren Brasilhölzern. Also halten die beiden Sonderwagen der Parà Electric vor dem Gouverneurspalast. Vor dem Gouverneurspalast ist aus Sandsäcken eine Schanze gebaut, schußbereite Negersoldaten liegen dahinter auf dem Bauch, aus dem verrammelten Tor lugt ein schlankes Geschützrohr, ein Leutnant in einer durch nichts gerechtfertigten heroischen Pose lehnt daneben, mit gekreuzten Armen, die Revoltosos, die nicht da sind, werden seine eherne Standhaftigkeit nicht erschüttern – – eine große schwarze Locke fällt über seine bleiche Stirn, unter der Khakimütze hervorquellend. Der Fremdenführer, der die Cruisers von dem englischen Schiff herumführt, spricht mit dem Leutnant, unterdessen steigen die Touristen aus, Herren mit Panamahüten, Damen mit neckischen Sonnenschirmen stehen, eine bewegliche Herde, vor dem verrammelten Tor, vor 52 dem heroischen Leutnant, einigermaßen mißmutig, ungeduldig: die Ausflugsleitung soll doch den Unfug gefälligst abstellen!

Die Ausflugsleitung hat, in der Tat, irgendeinen ganz mysteriösen Einfluß auf die Regierung des Staates Parà: wenigstens sieht man den Leutnant alsbald im Torweg verschwinden, er geht direkt zum Senhor Gobernador.

Der Senhor Gobernador, Seine Excelencia, der Senhor Doutor Antonino Emiliano de Souza Castro, sitzt in dem Saal mit dem berühmten eingelegten Fußboden; der eingelegte Fußboden ist ungeheuer breit und lang, es ist ein riesiger Saal, und in der Ecke steht ein winziger koketter Schreibtisch, und auf dem Schreibtisch, vor dem Senhor Gobernador, liegen ein paar Akten, es werden doch wohl Todesurteile sein, nicht? Der Senhor gobernador setzt die Feder eben an, mit tragischer Entschlossenheit, er hat von dem Präsidenten der Republik eben eine sehr entschiedene Depesche bekommen, der Herr Präsident hat mit den Revoltosos im Süden genug zu tun, im Norden muß Ordnung sein, Ordem e Progresso – – Der Senhor Gobernador setzt die Feder an, zu Ordnung und Fortschritt entschlossen, da erscheint der Leutnant: die englischen Touristen möchten den berühmten eingelegten Fußboden sehen.

Der Senhor Gobernador unterbricht, dem Fortschritt zuliebe, ein wenig die Ordnung und zieht sich mit seinen Akten würdevoll in ein nicht eingelegtes Nebenzimmer zurück; hinter ihm drein klingt schon die Stimme des Fremdenführers: »Ladies und Gentlemen, dieser Fußboden besteht aus den seltensten und edelsten Hölzern, die in den Urwäldern des Staates Parà gefunden werden: dies hier ist Sandelholz, dieses Rosenholz, dieses Satinholz und dieses Elfenbeinholz, die roten Streifen dazwischen das feuerfarbene Brasilholz, nach dem Brasilien seinen Namen bekommen hat – – Das große Gemälde an der Wand stellt 53 den Gründer von Parà, Castello Branco, vor, mit den Indianerkaziken an der Mündung des Rio Parà den ersten Vertrag schließend –«

Die Cruisers trampeln hinter dem Fremdenführer drein über den berühmten eingelegten Fußboden. Sie gehen wieder aus dem Tor des Gouverneurspalastes, der so höfliche wie heroische Leutnant hat unterdessen die Kanone ein wenig beiseiteschieben lassen. Als letzter der Cruisers passiert Bernhard Schwarz, er ist heute immer der letzte, ein paar Schritte hinter den anderen. Dr. Carson sieht sich manchmal verstohlen nach ihm um.

Die Cruisers fahren in ihren beiden Sonderwagen zur Kathedrale; die Kathedrale ist dreihundert Jahre alt und schön und barock; und hoch oben auf dem einen der beiden Türme wächst auf einmal eine Palme, und wie die Trambahnwagen mit den Touristen sich der Kathedrale nähern, müssen die beiden Motorführer auf einmal klingeln und klingeln, bis die Schienen frei werden – es ist ein großer, düsterer Leichenzug im Wege: tausend Männer und Frauen, meist Farbige aus dem geringen Volk, barfüßig, in Kitteln aus Baumwolle, gehen hinter einer Bahre her, die in eine große brasilianische Fahne eingehüllt ist: Ordem e Progresso! liest man an der Stelle, wo das Gesicht des Toten verborgen sein muß. Der Tote ist der junge Kapitän Assis Vasconcellos, der Mann, der die Revolutionäre geführt hat und an ihrer Spitze gefallen ist.

Man trägt den Sarg des Rebellenführers rasch von den Tramwayschienen weg, damit die Wagen mit den englischen Touristen durchfahren können.

 

Die Schienen der Parà Electric führen kreuz und quer durch die große, heiße Stadt Parà, durch die Straßen, in denen Paris sich mischt mit Timbuktu. Kulturstadt, Negerdorf, der Wigwam drei 54 Schritte vom Boulevard – – An dieser Straßenecke ist das Geschäft von Madame Hélène, Robes et Modes; Robes et Modes, wirklich aus Paris, Madame Hélène ist schokoladebraun. Jetzt, an dieser Ecke, biegt der Wagen in eine Seitenstraße ein, in der auf einem Aas ein ganzer Schwarm von Urubù-Geiern sitzt, wie große schwarze Truthähne anzusehen, und nackte Kinder wühlen neben ihnen im Schlamm. Hier fährt der Wagen wieder eine Kurve, der olivengrüne Motorführer klingelt, und die Urubù-Geier fliegen auf, und der Wagen mit den Cruisers kommt ganz unmittelbar in die Rua João Alfredo, die die Geschäftsstraße ist, voll von den Schätzen der Zivilisation. Hätte man Zeit und müßte man nicht ein Programm absolvieren, in den Läden an dieser Straße könnte man große Diamanten betasten, noch nicht geschliffene, eben aus dem Inneren gebracht, und von holländischen Schleifern geschliffene, von Pariser Juwelieren gefaßt, und Klumpen von Golderz, indianische Giftpfeile, Schildkrot; und es gibt die feinsten Londoner Hemden in halboffenen Buden.

Eine elegante Kokotte kann sich in Parà ein Kleid aus der Rue de la Paix kaufen; und ein kannibalischer Häuptling, irgendwo aus dem amazonischen Dschungel, findet Federkrone, Armring, Schurz und Bogen. Diese Stadt ist sehr wild und sehr zivilisiert, und es liegt noch über den Banalitäten ihrer Alltage ein entzückender, fremder Duft aus dem ungeheuren Wald, dessen dunkle Wipfel man fast überall sieht, hinter den Häusern, den Hütten.

Die Cruisers, auf den schmalen kleinen Bänken des Tramwaywagens brav hintereinandergereiht, fahren durch die Rua João Alfredo, ohne auszusteigen. In dem gedruckten und illustrierten Prospekt, den an Bord des »Hildebrand« jedermann studiert hat, kommt die Rua João Alfredo gar nicht vor, dafür aber verzeichnet der Prospekt am sogenannten Ver-o-Peso-Dock und in der ihm benachbarten 55 großen Markthalle ein buntes und originelles Leben und Treiben. Die Cruisers (schon ein wenig steifgesessen) verlassen zu dem Zweck den Wagen der Parà Electric, um fünf Minuten lang dies Leben zu besichtigen und fünf Minuten lang das Treiben.

Am Ver-o-Peso nämlich, dem Hafen der kleinen Boote, liegen die Kanus mit grellbunten Segeln, eben aus der Wildnis gekommen, mit Ballen des Kautschuks, den der bronzebraune Waldläufer gestern aus den Bäumen rinnen ließ, und den er mit dem Rauch brennender Palmnüsse räucherte. Der Indianer, aus einem einsamen Wasserarm in den Strom rudernd, bringt eine Bootslast von Schildkröteneiern oder vegetabilischem Elfenbein oder einen frisch erlegten Tapir; und diese da, in dem Boot mit dem blauen, dem purpurnen Segeldreieck, halbnackte Fischer, sie bringen den Riesenfisch Piraracù; mit Bogen und Pfeilen haben sie ihn geschossen, oder, auf dem schmalen Floß balancierend, speerten sie das manngroße Ungeheuer; oder sie fingen mit Netzen die tausend und aber tausend Fischarten, da wimmeln sie im Boot, unfaßbar, vielgestaltig; und in einem Kanu, wer weiß aus welchem seltenen Riesenbaum des Waldes mit Axt und Brand gehöhlt, heute nacht wurde es über den Strom gepaddelt, von der Insel Marajò her, liegt ein gefangenes Krokodil, das ein schwarzer Knabe lebend auf den Markt bringt, der Himmel weiß, wozu. Oh, buntes Gewirr des Ver-o-Peso, die Segel, Stangen, Fetzen, Flaggen, seltsamen Dinge; und die Menschen, bunter als alle Dinge, Mischlinge irgendwo vom Stromufer, die Curibocas, von Weißen und Indianern gezeugt, und die Mamelucos, mit mehr weißem Blut, fahl im Gesicht, kreolisch träge, und die Cafuzos von dunklem Angesicht, negerisch und indianisch zugleich, und die Caboclos, die wirkliche Indianer sind, doch gezähmt, gebändigt, in die Hosen der Zivilisation gesteckt, und Negervolk jeder Gattung, Milchschokolade bis Pech, Fülle der Rassen, Typen, Gesichter unter großen Strohhüten; und die Weiber fröhlich farbig in gedrucktem Kattun, und Körbe und Lasten – –

Fünf Minuten hatten die Cruisers für den Ver-o-Peso, fünf für den Markt, dem man ein Leben hätte widmen sollen. In der großen eisernen Pfeilerhalle, welche Mannigfaltigkeit, welche Schätze! Da ist der ganze Reichtum des ungeheuren heißen Waldes. Der eine hat Schildkröten auf den Markt gebracht, die großen Tiere, und die saftigen kleinen, und die Eier, aus denen sie ein Öl pressen: am Flußufer fand er im Sand die Spur der Mutterschildkröten, und er grub nach, und da fand er die Eier, Hunderte, Hunderte. – Der bringt Tabak, den unglaublich guten Tabak, in gewaltigen, gewundenen Kränzen; der Früchte, wilde aus dem Wald und andere aus dem Garten vor der Hütte: die dicken und kurzen Bananen Amazoniens, die ein wenig säuerlich schmecken, und die weiße Ananas, die gleichfalls ein wenig von dieser köstlichen Säure hat, und die gelbe Ananas, die völlig süß ist, und Orangen, groß, smaragdgrün und innen ein wenig holzig, und die Sapotilhas, die aussehen wie graugrüne Vogeleier und schmecken wie ein Teig aus Honig und Mehl, und die großen Baummelonen, Mamões hier geheißen, deren Geschmack wie eine Vorahnung des Paradieses ist, und die purpurnen Abacates, aus denen dicker Saft rinnt, und die Mangopflaumen, in denen ein ungeheurer Kern ist, wie ein Knochen, und Palmnüsse, tausend Arten, solche, die Milchsaft enthalten, und solche, aus denen man wohlriechende Öle preßt und seifige Fette, und solche, die man anzündet, daß sie wie Kerzen brennen; und die Nüsse der Elfenbeinpalme, deren Saft zu einem köstlichen Elfenbein erstarrt, und die Miritynüsse, aus denen man Knöpfe macht, und das gelbe Pulver, gesammelt von den Blättern des Carnaubabaumes, das man mit Wasser zu einem Wachs zerkochen kann – –

Und ein bronzebrauner echter Indio aus dem großen Wald, von 57 einem Stamm, der noch frei lebt, hat mit einem großen Blasrohr bunte Vögel geschossen, mit vergifteten Pfeilen; eine Bootsladung seidenweicher, seidig glänzender Federn brachte er auf den Markt nach Parà, um dafür eiserne Machetemesser zu erstehen, mit denen man sich seinen Weg durch das Dickicht hacken kann, schneeweiße Reiherbüsche und Vogelfedern wie farbiges Edelgestein, von den tausend Farben eines tropischen Blumengartens und des frischen Taus, in dem die Sonne funkelt.

Und Orchideen gibt es auf diesem Markt und Schildkrot und die Schalen von Kürbissen, schwarz lackiert und barbarisch bemalt, sie trinken daraus, und seltsame poröse Tongefäße, die das Wasser kühl halten, und Tabak, Tabak, daß ein Raucher trunken wird nur vom Ansehen, und indianische Pfeifen, mit grellbunt verzierten Rohren, und kleine lebende Affen, Papageien und Jaguarfelle, die Haut von Schlangen, Alligatoren, alles – alles.

Die Cruisers sahen all das, in fünf Minuten.

 

Die beiden Wagen der Parà Electric hielten vor dem Tor eines Parks. Das Tor war verschlossen; im Schatten eines Baumes lungerten ein paar Soldaten. Der Fremdenführer, der ohne weiteres den Gouverneur aus seinem eingelegten Zimmer hatte vertreiben können, hier hatte er kein Glück. Man sah ihn mit einem negro-indianischen Unteroffizier verhandeln, dann bestürzt zurückkommen: »Meine Herrschaften, der Bosque Rodrigues Alves ist behördlich gesperrt, steigen Sie, bitte, rasch wieder ein, wir fahren in den Zoologischen Garten – –«

Unter den Cruisers entstand ein Gemurmel. Der Bosque Rodrigues Alves, der berühmte Stadtpark von Parà, stand als besondere Glanznummer im illustrierten Prospekt: Urwaldreservation mitten in der Stadt! In einem Teich eine lebende Manatti-Seekuh, ganz zahm, läßt 58 sich von den Touristen füttern! Eine Tuffsteingrotte, in der tausende Fledermäuse herumschwirren! An Bord des »Hildebrand« hatte man Ansichtskarten verkauft: Die Seekuh, wie sie eben von Touristen gefüttert wird, und die Grotte der Fledermäuse (von außen). Es war hart, nicht einmal den Stadtpark von Parà sehen zu dürfen – –

In diesem Stadtpark, in dem hohen Bambusgebüsch, von dem der Prospekt des »Hildebrand« ebenfalls zu rühmen wußte, lag um diese Stunde die Leiche eines jungen Rebellen und wurde von Ameisen angefressen – –

Bevor die Wagen sich wieder in Bewegung setzten, erklärte der Fremdenführer rasch die Gegend: die Trambahnlinie fährt noch bis zu einer letzten Haltestelle, beim Wasserturm. Hinter dem Wasserturm fängt der Urwald an. Der Urwald kann heute vormittag nicht besichtigt werden, wir haben den Zoologischen Garten zu absolvieren –

Der Zoologische Garten interessierte nur den Dr. Carson. Seine Reisegefährten hatten bald genug von Jaguaren, Tapiren und Papageivolieren und saßen kühl und behaglich in dem Freiluftrestaurant unter schattigen Bäumen. Es gab einen herrlichen kleinen Imbiß, geeiste Getränke und einen phantastischen Fruchtsalat, Papayas, Alligatorbirnen, weiße Ananas und eine Art Bananen, die sonderbar dick waren und säuerlich schmeckten. –

Carson stand unterdessen allein vor einem niederen Drahtkäfig, in dem eine ungeheure Sucurujùschlange eingesperrt war, eine furchtbare Wasserboa: man hatte ein kleines schwarzes Huhn in ihren Käfig getan als Futter. Die Schlange schien vollgefressen und träge, sie tat dem Huhn nichts, und das Huhn schien sich nicht im mindesten vor ihr zu fürchten; es pickte kleine Insekten auf.

Das ist etwas für den Schwarz, dachte Dr. Carson, das will ich ihm zeigen. – Er ging rasch zu der Gesellschaft zurück.

59 Bernhard Schwarz war nicht bei der Gesellschaft.

Carson ging durch den ganzen Garten und fand ihn nicht. Er ging in das Museum, das mitten in dem Garten steht: es gab dort eine Schmetterlingssammlung, Mineralien, Schlangen in Weingeist und eine große Sammlung indianischer Topfscherben von der Insel Marajò.

Auch in dem Museum war Dr. Schwarz nicht. Jetzt bemerkten auch andere von den Cruisers, daß er fehlte: die ältere Miß Macpherson glaubte sich zu erinnern, daß er seit dem Aufenthalt beim Stadtpark nicht mehr im Wagen gewesen war. 60

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.