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Das Urwaldschiff

Richard Arnold Bermann: Das Urwaldschiff - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Urwaldschiff
authorRichard A. Bermann
year1927
firstpub1927
publisherWegweiser-Verlag
addressBerlin
isbn
titleDas Urwaldschiff
pages254
created20091023
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwölftes Kapitel

Als am Schwarzen Brett des Königlichen Postdampfers »Hildebrand« der Zettel angeschlagen worden war, der endgültig das längst schon Erwartete aussprach: wegen der Zustände im Staate Amazonas müsse die Weiterreise aufgegeben werden, und der Dampfer werde am nächsten Tage die Heimfahrt beginnen – waren die meisten Cruisers im Grunde ganz froh, obgleich sie alle der Form wegen ein wenig seufzten oder schimpften.

Ein Funkspruch der Booth Line Steamship Company Limited an ihren Agenten in Parà hatte den Kapitän des »Hildebrand« ermächtigt, die Reisegesellschaft für die Störung des Programms dadurch ein wenig zu entschädigen, daß auf der Rückfahrt gegen die sonstige Übung ein interessanter westindischer Hafen angelaufen werden sollte, auch war ein Extratag in Lissabon bewilligt worden zur Besichtigung der Museen.

Die Cruisers, die meist mit Dr. Carson der Meinung waren, es müsse vor allem der Urlaub irgendwie verbracht werden, trösteten sich offenkundig, und es herrschte an Bord die froheste Stimmung. Obwohl die Kanonenboote der Revoltosos nicht vor Parà erschienen waren und die Zeitungen der Stadt in enormen Lettern die unmittelbar bevorstehende Niederwerfung der ruchlosen Rebellion im Staate Amazonas ankündigten, verlangte fast niemand danach, stromaufwärts zu dampfen und nachzusehen, ob es denn auch wahr wäre.

Trostlos war nur das Fräulein Pedersen aus Lübeck, das in die Stadt übersiedeln mußte und dort in einer Pension den Augenblick 229 abwarten, da es möglich sein würde, auf einem anderen Dampfer nach Manaos zu fahren, und von dort den Rio Madeira hinauf, und dann den Rio Mamoré hinauf, bis nach San Cristóbal in Bolivien, in die Arme ihres Verlobten, der, konnte man annehmen, schon seit einiger Zeit ziemlich ungeduldig, ja, ließ Fräulein Pedersen ahnen, verzweifelt auf der Landungsbrücke stand, mit dem bolivianischen Standesbeamten, oder war es der deutsche Vizekonsul, der das liebende Paar sofort nach der Ankunft der Braut trauen sollte – sofort natürlich, aus Gründen des Anstands. Die Gute vergoß ihre Abschiedstränen und stieg mit ihrem Gepäck in den Tender und fuhr zum Zollhaus, nicht ohne mit einem nassen Taschentuch noch lange zu winken.

Das war der letzte Tender, der noch zur Stadt fahren sollte und wieder zurück. Diejenigen Passagiere, die noch nicht genug Andenken und Mitbringsel eingekauft hatten, benützten die letzte Gelegenheit und gingen noch einmal an Land, auf die Jagd nach Indianerpfeifen, ausgestopften Krokodilembryos und kleinen Terrinen aus Elfenbeinholz, in denen die Einwohner von Parà das Maniokmehl auf den Mittagstisch stellen; auch suchte die jüngere Miß Macpherson alle Läden der Rua João Alfredo nach einem bestimmten englischen Tennisrakett ab und fand es schließlich in der Casa Franco unter einem Haufen von Faultierpanzern und kleinen, aus der schokoladebraunen Guaranàmasse kunstvoll geformten Figuren von Äffchen und Schildkröten: da das Schiff nämlich zwei Tage vor der höchst britischen Insel Barbados liegen sollte, deren Lawn-Tennis-Klub im besten Ruf stand, wollte die jüngere Miß Macpherson, als Lady Champion der Grafschaft Surrey, nicht ohne ihr gewohntes Rakett dort landen, um nur ja keine kostbare Zeit zu verlieren. Sie klagte nur, daß an Bord kein richtiges Training möglich sein würde: denn was bedeutete für die 230 Tennisspezialistin die große Deckgolfkonkurrenz, die während der Fahrt nach Barbados auf dem Promenadendeck ausgetragen werden sollte?

Andere Passagiere, die meisten, verbrachten diesen letzten Nachmittag, an dem der »Hildebrand« noch vor Parà lag, ruhig an Bord, in den Liegestühlen, und ließen die Hitze mit einem gewissen grimmigen Behagen über sich ergehen: morgen, im Fahren, würde schon eine kühlere Luft gehen. Unterdessen fühlte man sich nicht mehr verpflichtet, in die glühheiße Stadt zu fahren oder überhaupt etwas zu tun.

Nur Lady Athill hatte nicht das mindeste Erbarmen mit sich und machte ihre Runden um das Schiff, vierundzwanzigmal um das Promenadendeck herum, in ihrem hochgeschlossenen Kleid, mit Handschuhen, mit einem violetten Schleier am Hut; der kleine, dicke Stöpsel, Mrs. Craig, lief hochrot im Gesicht und keuchend neben ihr drein, man konnte nicht wissen, warum: ob Mrs. Craig abmagern wollte oder mit einer Lady promenieren, die von Hengist und Horsa abstammte und so aussah.

Im Rauchsalon saß ganz einsam der alte Mister Smith mit seiner Bottle of Baß; er sah ein wenig verfallen aus, und Dr. Carson hatte eben noch zu Lord Athill gesagt, es wäre schon Zeit, daß der alte Mann aus dem Klima fortkomme; er sei zwar wie aus Eisen, aber immerhin über achtzig und trinke entschieden zuviel Alkohol.

Lord Athill, Carson und Hilary saßen in der gewohnten Ecke nahe dem Eingang zum Musiksalon beisammen, wo der Weltbummler Hilary an diesem Vormittag wieder von seinem Buch weitererzählt hatte, denn die in der Nacht auf dem Bootsdeck begonnene Erzählung war noch immer nicht ganz vollendet.

Dr. Bernhard Schwarz hatte sich gleich nach dem Lunch in seine Kabine zurückgezogen und lag dort vermutlich auf dem schmalen Bett; der Arzt hatte ihn unter irgendeinem Vorwand besucht und sagte jetzt 231 eben seinen beiden Reisefreunden, der Mann wolle ihm nicht recht gefallen; kein ausgesprochenes Leiden zu konstatieren, aber man konnte nicht wissen, ob er sich nicht doch bei seinem wahnsinnigen Ausflug in den Urwald irgend etwas geholt hätte; er war ja doch nachher in einem entsetzlichen Tropenregen herumgerannt und ganz durchnäßt und erschöpft ins Hotel zurückgekommen; so etwas konnte einen stärkeren Menschen krank machen.

Hilary schwieg bedenklich und wippte mit der Spitze eines weißleinenen Schuhs; er kannte die Gefahren dieses Klimas.

Lord Athill lag in seinem barbarisch verzierten Korbstuhl aus Madeirageflecht, nicht matter als sonst, aber mit einem sonderbaren Ausdruck in seinem feinen, bleichen Gesicht, die geäderten Lider über die Augen gesenkt. Auf einmal sagte er: »Wäre es gar so schrecklich, wenn – – Ich meine: wenn einer mit dem Leben fertig ist, soll er doch lieber sterben, als sinnlos weiter – –« Seine Stimme brach, er lächelte krampfhaft, die beiden anderen verstanden, daß der alte Staatsmann an seinen toten Sohn dachte, an sein historisches Haus, dessen Name erlöschen würde, vielleicht auch an Edith Lady Athill; aber er raffte sich gleich wieder auf und sagte in seinem müden Tonfall dem Weltbummler Hilary etwas Verbindliches über seine lange Geschichte und das Buch, das er schreiben wollte. »Ich glaube, es muß unseren Freund Schwarz doch getröstet haben,« sagte er, »man muß solchen Sehnsuchtskranken immer zu beweisen suchen, daß El Dorado nur so lange einen wirklichen Wert hat, als man nicht hinkommen kann – – Was nützte es, wenn man wirklich hinkäme? Und wenn der Pfeil unserer Sehnsucht schon einmal die starre Wand der Wirklichkeit treffen kann, er prallt ja doch wieder von ihr ab!«

Er schwieg einen Augenblick. »Deswegen«, sagte er dann, »ist es mir fast lieber, daß Schwarz mein Angebot nicht angenommen hat und 232 nächstes Jahr nicht wieder versuchen will, den Amazonenstrom hinaufzufahren.«

Dr. Carson schüttelte den Kopf mit den jugendlich vollen weißen Haaren, über die scharfe Schneide seines angelsächsischen Profils lief ein kurzes Zucken. »Der Mann segelt im nächsten Jahr eher den Acheron hinauf«, sagte er kurz. »Und ich sage, Herr Hilary, ich weiß nicht, ob Sie gut daran tun, ihm den Schluß Ihres Buches von Francisco de Orellana zu erzählen. Ich kenne natürlich den Ausgang der historischen Begebenheit; man erzählt das einem nicht, der nur zu bald ebenso ausgehen wird!«

Die drei blickten eine Weile stumm zum Ufer des Stromes hinüber. Man sah ein großes, schmutzigweiß gekalktes Haus in einem dichten Garten von Bananenstauden und Brotbäumen und einige schwarzbraune vernegerte Kinder mit nackten und unnatürlich aufgetriebenen Bäuchen, die im schlammigen Uferwasser auf einem lecken Kahn herumturnten.

»Ich weiß nicht,« sprach Hilary dann halblaut, »man muß immer zu Ende erzählen. Wir können in dieser Welt den Tod nicht totschweigen.« Er suchte mit unnötig robusten Bewegungen in der Tasche seines unmerklich karierten Leinenrockes nach Tabak. »Es ist einmal so,« sagte er mit einem Auflachen, das zynisch gemeint war, »jeder Roman hat einen schließlichen Schluß, und zwar jeder denselben.«

»Das erzählen wir unseren Patienten niemals«, sagte Dr. Carson.

»Wenn Sie in Ihrer Eigenschaft als Arzt dagegen sind,« entgegnete ihm der Weltbummler Hilary, »dann erzähle ich ihm das Ende der Geschichte eben nicht, selbstverständlich. Aber ich bin gegen das Verschweigen und für das Aussprechen.«

»Oh, bitte,« sagte Dr. Carson ein wenig steif, »Herr Schwarz ist gegenwärtig weder schwer krank, noch hat er sich in meine Behandlung 233 begeben.« Er dachte, und man konnte es seinem axtscharfen Gesicht ansehen, daß er es dachte: man kann einen Autor nicht davon abhalten, seinen Stoff zu erzählen!

Lord Athill hob die fast durchscheinende Hand mit dem großen Ring: »Ich glaube, unser Weltbummler hat recht. Wie das Abenteuer des Francisco de Orellana endete, findet Mister Schwarz, wenn er will, in jedem Konversationslexikon, es hat keinen Sinn, es ihm verheimlichen zu wollen. Aber es kommt viel darauf an, wie es gesagt wird. Ich finde, Hilarys Geschichte enthält einen Trost für einen müden Mann. Und da kommt er!«

Aus der Tür des Musiksalons kam Dr. Bernhard Schwarz, unordentlich angezogen, mit einer flüchtig zusammengeknoteten Krawatte, und ganz grau im Gesicht. Aber die Augen blickten ganz ruhig, und er lächelte. »Ich komme, Herrn Hilary um den Schluß seiner schönen Geschichte zu bitten«, sagte er schon von weitem. »Ich« – sein Lächeln vertiefte sich – »ich halte es vor Neugier in meiner Kabine gar nicht aus. Also, wie ist das weitergegangen mit Francisco de Orellana?«

Bernhard Schwarz sah Lord Athill mit einem freundlichen und ein wenig traurigen Blick ins Gesicht. »Also, wie ist das weitergegangen? Hat ihm vielleicht ein edelmütiger spanischer Grande gütigst die Mittel zur Verfügung gestellt, noch eine zweite Expedition nach dem Amazonenstrom auszurüsten, und ist er diesmal in Manoa glücklich geworden, und zufrieden, und seßhaft, hat er sie schließlich gekriegt, die Amazone Coniapuyara, und alle Schätze von Paytiti als Mitgift? Ich möchte es so gern wissen, ich bin so neugierig!« Er lächelte einem der drei Reisegefährten nach dem anderen zu, und sie sahen, daß es ein ganz friedliches und ungezwungenes Lächeln war, aber sie sahen auch, daß seine Augenlider rot unterlaufen waren und daß er kaum Kraft 234 genug hatte, um seinen Liegestuhl zu der kleinen befreundeten Gruppe heranzuschieben und sich hinzulegen.

Dr. Carson sah den Weltbummler flüchtig von der Seite an; der verstand, daß er nicht erzählen sollte, und sagte daher, ein bißchen polternd im Ton, wie einer, der der Frage eines Kranken nach dem Stand der Krankheit ausweichen will: »Der Schluß meiner schönen Geschichte? Meine schöne Geschichte von der Eroberung Amazoniens durch den weißen Menschen, oder das, was am heutigen Tag als der vorläufige Schluß gelten muß, steht in der Zeitung. Da!« Er holte ein sorgfältig zusammengelegtes Exemplar des »Estado de Parà« aus seiner Brusttasche und entfaltete es. Quer über die erste Seite stand in ungeheuren Lettern: »Was in Amazonas vorgegangen ist. Einzelheiten von der Bewegung in Manaos.« Darunter sah man ein schlecht reproduziertes Bild, das den Palast der Gesetzgebenden Versammlung des Staates Amazonas in Manaos darstellte.

Der Weltbummler fing an, den Herren aus dieser Zeitung einiges zu übersetzen. Es ging daraus hervor, daß am letzten Tage drei Flußdampfer, der »Jupiter«, der »Walter« und der »Lobão« in Parà eingelangt waren, aus verschiedenen Häfen im Nachbarstaate Amazonas, und daß sie die ersten authentischen Nachrichten von der dortigen Revolution mitgebracht hatten: Es hatten sich also am Abend des 23. Juli plötzlich fast alle Soldaten und Offiziere der Garnison von Manaos und der vor der Stadt liegenden Kanonenboote empört und das Hauptquartier der Staatspolizei angegriffen; die Polizei hatte sich etwa eine Viertelstunde lang mehr oder minder energisch verteidigt, eher aber minder, und dann hatte sie kapituliert. Die Aufständischen hatten den Gouverneur des Staates Amazonas, Dr. Turiano Meira, verhaftet und an seiner Stelle den Oberleutnant Alfredo Augusto Ribeiro zum revolutionären Gouverneur ernannt und an das Volk von 235 Amazonas eine Proklamation erlassen, unterfertigt von einem Kapitän, dem Regimentsarzt und vierzehn Oberleutnants des 27. Jägerbataillons. Was diese kühnen Rebellen eigentlich wollten, außer natürlich die Kassen der Bank von Brasilien und der anderen Banken sequestrieren, das konnte man aus der Proklamation der vierzehn Oberleutnants nicht recht entnehmen. Es war, schien es, mehr im allgemeinen die Revolution der nationalen Erlösung und bis auf weiteres ohne ein besonderes Programm. Aber welche Begeisterung am 27. Juli, als unter dem Kommando des Hauptmanns José Carlos Dubois die Expedition aufbrach, die Parà besetzen sollte! Im »Estado de Parà« war eine Stelle aus dem revolutionären Amtsblatt zitiert, dem »Jornal do Povo«, sie schilderte die Einschiffung der Truppen auf dem Dampfer »Bahia« des Lloyd Brasileiro. »Das Volk von Manaos hat heute«, erklang dieser Hymnus, »dem erbaulichsten aller Schauspiele beigewohnt, die je vor seinen Augen sich entrollten: der Einschiffung der nationalen Land- und Wasserstreitkräfte, denen die Erlösung der Republik anvertraut ist. Etwa zehntausend Personen drängten sich auf der Praça Oswaldo Cruz, und alle Straßen erdröhnten von der Menge der Menschen aller Klassen – von den reichsten Bürgern bis zu den schlichten Proletariern – alle begierig, ihr Hurra des Beifalls den heroischen Soldaten zu geben, die in diesem Augenblick ihr Leben für die öffentlichen Freiheiten aufs Spiel setzen.«

»Oh, ich sehe diese Szene«, sagte der Weltbummler und blickte von dem Zeitungsblatt auf. »Alles schreit hurra! Fürwahr, alle Klassen, die Reichsten, das heißt die großen Kautschukbarone von Manaos, natürlich schreien sie hurra, wenn die Gewalt in den Händen von Leuten ist, die offenbar nicht spaßen, und die einfachen Proletarier, das sind die Indianermenschen, denen diese Erde einst gehört hat und denen jetzt eine wunderschöne demokratische Staatsverfassung jedes Recht zum 236 Hurraschreien gibt. Die Wahrheit ist, daß der weiße Mensch dem Indio des amazonischen Waldes nicht besonders viel Heil gebracht hat und daß die Zivilisation der Weißen und Halbweißen mit diesem Waldland in den vier Jahrhunderten nicht besonders viel anzufangen gewußt hat. Was ist diese Stadt Manaos, in der so eine Aufregung über die öffentlichen Freiheiten herrscht? Eine groteske moderne Großstadt, in deren Vororten die Brüllaffen schreien und die Jaguare streifen; man hat sie in ein paar Jahren fix aufgebaut, als die Kautschukkonjunktur gut war, und jetzt, da der mindere Kautschuk der Pflanzen von Ceylon sich auf dem Weltmarkt billiger stellt, ist es gar nicht unmöglich, daß die Stadt wieder verfällt und die Brüllaffen nächstens in dem berühmten großen Opernhaus von Manaos ihr Konzert geben. Das ungeheure Land selbst, das das Holzreservoir, die Apotheke, die Gewürzkammer, vielleicht, wer weiß es, die letzte große Goldmine der Welt sein könnte, ist noch nicht erschlossen. Ich weiß nicht, ob ich gar so sehr für diese ganze Zivilisation bin, aber sie hat in Amazonien jedenfalls bisher versagt. Der eine Staat allein, Amazonas, der so groß ist wie das Deutsche Reich und mehrere seiner Nachbarländer zusammengenommen, hat heute viermalhunderttausend Einwohner, davon achtzigtausend in Manaos. Es gibt ganze acht Kilometer Eisenbahn in diesem Staat und außerhalb der wenigen Städte überhaupt keine fahrbaren Straßen. Es muß irgendwo im Wald Petroleum geben, vielleicht auch Kohle, man hat vage Nachrichten davon. Unterdessen heizen sie die Flußdampfer mit den kostbarsten Hölzern, die der Welthandel nur kennt. Drei Ernten jährlich gibt der Mais in Amazonien, und die halbe Welt hungert. Nach Manaos und Parà kommen manchmal nackte Indianer aus dem Busch, um sich zu besaufen und eiserne Werkzeuge einzukaufen: sie bezahlen hie und da mit einem Stück Golderz oder mit einem Edelstein. Dieses 237 goldene Paytiti kann sehr gut noch in dem unerforschten Winkel zwischen dem Rio Branco und dem Rio Negro liegen; seit Francisco de Orellana dort war oder sich eingebildet hat, daß er dort war, hat man es noch nicht wiedergefunden – –

Und da, mein lieber Doktor Schwarz,« sagte der Weltbummler, »haben Sie auch den eigentlichen Schluß der Geschichte, die ich erzählt habe; nicht Orellana hat den Schatz der Amazonen gehoben, und nicht seine Rasse. Die amazonischen Indios sind zwar, zum Teil wenigstens, immer noch Kopfjäger und ein wenig Menschenfresser, dafür aber haben sie von den Weißen etwas Neues gelernt, den sinnlosen Bürgerkrieg, das politische Pronunziamiento. Die Geschichte der europäischen Zivilisation am Amazonenstrom beginnt mit dem Abfall Orellanas und seiner Gefährten von der legalen Autorität des Gouverneurs Gonzalo Pizarro und ist dann so weitergegangen bis zum Abfall des Oberleutnants Ribeiro und seiner Gefährten von der legalen Autorität des Gouverneurs Dr. Turiano Meira. Das ist alles. Da haben Sie den Schluß meiner Geschichte von der Entdeckung des Amazonenstroms durch die Weißen. Die Geschichte hat keinen Schluß.«

Der Weltbummler schwieg, mit einem Blick auf Dr. Carson. Bernhard Schwarz sagte, mit dem ruhigen Lächeln: »Ja, aber Francisco de Orellana! Es hilft Ihnen nichts, Herr Hilary, Sie müssen von dem Mann noch den ganzen Rest erzählen. Sie haben dort aufgehört, wo man glauben konnte, daß er doch vielleicht noch eine Möglichkeit hatte, wieder nach dem Land seiner Sehnsucht zurückzukehren und sich vielleicht dieses Mal dort vernünftiger aufzuführen. An dieser Stelle, mein lieber Herr Hilary, dürfen Sie die Erzählung nicht abbrechen. Das geht nicht. Es bleiben noch zu viele Illusionen übrig – –«

»Wollen wir nicht ein paar übriglassen?« fragte Hilary und blickte auf seine weißen Schuhe nieder.

238 »Nein, wir wollen lieber nicht«, sagte Schwarz, und er lächelte noch immer, wie aus einer sonnigen Ferne. »Tun Sie mir den persönlichen Gefallen und erzählen Sie zu Ende. Ich – – ich bin abergläubisch, ich fürchte mich vor unvollendeten Dingen.« Er blickte Lord Athill lange an und sprach dann weiter, langsam, ganz sanft: »Wenn man sich dem Ende nähert, muß man Ordnung machen und nichts Begonnenes zurücklassen. Man würde spuken müssen, als Gespenst auf die Auflösung warten.«

Lord Athill nickte feierlich mit seinem schmalen, alten Kopf. Er wußte das.

Dr. Carson machte eine mürrisch abwehrende Gebärde aus seiner Praxis, die Gebärde des Arztes, dem die Patienten mit Todesahnungen kommen. Die beiden, Athill und Schwarz, lächelten einander zu.

Hilary blickte nachdenklich vor sich hin. »Sie haben recht«, sagte er dann entschlossen. »Lassen wir nicht eine angefangene Geschichte schlußlos im Universum herumflattern, es wäre gespenstisch. Sie haben recht, ein klares und sauberes Ende ist am besten!«

Der Arzt schüttelte ganz leicht den Kopf.

Da legte ihm Lord Athill eine feste Hand auf seine Schulter. »Lassen Sie, Doktor,« sagte er, und es war ein wenig von der Entschiedenheit eines großen Herrn in seiner halblauten Stimme, »lassen Sie, Doktor, das Ende einer so langen Geschichte hat doch immer etwas Tröstliches! Wenn man – –« Er brach plötzlich ab, und sie verstanden, woran er dachte. Dr. Carson sandte einen schnellen Blick zu ihm hinüber, in dem mehr zärtliche Freundschaft lag, als man dem Medizinmann zugemutet hätte.

Unterdessen lag Dr. Bernhard Schwarz aus Leitmeritz in Böhmen schlaff in seinem Liegestuhl und reckte sein Kinn mit dem Stoppelbart in die würzig warme Luft, seine Augen waren geschlossen und sahen 239 das letzte bißchen des großen Stroms und des Waldhorizonts und des heißen Landes nicht, nach dem er sich so lange gesehnt hatte. Man konnte glauben, er sei eingeschlafen. Auf einmal sagte er, ohne sich zu bewegen oder seine Augen zu öffnen, ganz fröhlich aus der Tiefe seines Deckstuhls herauf: »Ich weiß, daß der Ritter Francisco de Orellana gestorben ist, als er von Paytiti wegfuhr, wenn er sich auch eingebildet hat, er werde wiederkommen. Man kommt im Leben höchstens einmal nach Paytiti, und dann ist man auch nicht dort!«

Auf Deck entstand ein Aufruhr, ein allgemeines Rennen. Die Passagiere sprangen von den Sesseln auf, die Partie Deckgolf, die vorn im Gange war, wurde im Stich gelassen, die langen hölzernen Golfstöcke flogen aufs Deck, alles drängte sich an einer bestimmten Stella der Reling, von der aus man etwas sehen sollte: eine große Schildkröte, die durch das goldgelbe Wasser des Stromes schwamm, zu einer von den dunklen kleinen Urwaldinseln hinüber, den undurchdringlich geheimnisvollen, über deren zackiger Gipfelsoffitte die heiße blaue Luft zitterte. Die Schildkröte schwamm langsam, und wo sie das lichtgoldene Wasser aufgerührt hatte, warf es Reflexe von der unwahrscheinlich saphirblauen Farbe des amazonischen Himmels.

Während die Cruisers sich vorn lachend an die Reling drängten und mit ihren großen Feldstechern der schwimmenden Schildkröte nachblickten, begann auf dem vereinsamten Hinterdeck der Weltbummler Hilary das Ende seiner langen Geschichte zu erzählen. Bernhard Schwarz hörte zu, ganz bleich, ganz ruhig, mit einem stillen Lächeln, in dem schon der Friede war.

 

Ich werde das nur ganz kurz erzählen, sagte der Weltbummler, wie Orellana von der Insel Cubagua nach Spanien heimkehrt, wie er unterwegs in Portugal landen muß und wie der portugiesische König 240 vergeblich versucht, den Entdecker des Amazonenlandes in seinen Dienst zu locken. Es beginnt hier der kurze, aber intensive Intrigenkampf zwischen Spanien und Portugal um dieses neue Gebiet, das dann schließlich portugiesisch geworden ist; aber das gehört nicht mehr in diese Geschichte. Francisco de Orellana eilt von Portugal nach Valladolid, wo sich der spanische Hof in diesem Augenblick aufhält, nämlich im Mai des Jahres 1543.

Es kann sein, daß Orellana unterwegs auf dem Meer manchmal an die Pizarros gedacht hat und wie er seinen Abfall von Gonzalo in Spanien rechtfertigen solle. Vergebliche Sorge; da er ankommt, findet er, daß er diese seine Freunde von einst nicht mehr zu fürchten hat. Daß der große Marquès Francisco Pizarro ermordet worden ist, hat er schon in Cubagua gehört; in Spanien erfährt er, daß Gonzalo Pizarro nicht sein Nachfolger geworden ist und in halber Ungnade lebt, während der dritte Bruder, Hernando, in dem Kerker von Medina del Campo liegt, wegen seiner Taten im Bürgerkrieg gegen Almagro. Sich gegen das Haus Pizarro aufgelehnt zu haben, scheint nun eher verdienstlich. Da Francisco de Orellana, am Hofe zu Valladolid angelangt, seinem König in einer langen Denkschrift von seiner Entdeckungsreise berichtet, erwähnt er nur der Form halber, er hätte mit seinem Schiff nicht über die Stromschnellen zurückfahren können; desto mehr steht in dem Dokument von seinen Diensten, den Ehrenstellen, die er bereits innegehabt habe, und wie ihn die Zurüstungen zu seinem Zug in das Zimtland mehr denn vierzigtausend Pesos gekostet haben – –

Dieser Bericht Orellanas an Karl V. ist ein so statiös steifes Schriftstück, wie es die spanische Renaissance nur hervorbringen konnte; aber es stehen geheimnisvolle Sätze darin, von besonderen Nachrichten über den Reichtum »dieser großen Provinzien, die ich entdeckt habe, um so 241 Gott und Eurer Majestät zu dienen und um zur Kenntnis unseres heiligen katholischen Glaubens zu bringen die Völker dieser Provinzien und sie unter die Herrschaft Eurer Majestät zu setzen und der königlichen Krone von Kastilien; dergestalt, meine Gefahr hintansetzend und ohne irgendeinen eigenen Vorteil für mich, habe ich es abenteuerlich gewaget, um zu wissen, was es hätte in obgemeldeten Provinzien«. – – Er verstrickt sich noch eine Zeitlang in lianengleiche Schlingsätze und kommt dann zum Ende: »Dieweil aber die Eingeborenen obgemeldeter Provinzien zur Kenntnis unserer heiligen katholischen Lehre kommen könnten, denn zum größten Teil sind sie begabet mit Vernunft, flehe ich Euer Majestät an, es möge ihr dienlich sein, mir obgemeldete Provinzien zur Gubernation zu übergeben, auf daß ich sie entdeckte und besiedelte für Euer Majestät, so biete ich mich an, dies zu tun, um Gott und Eurer Majestät zu dienen.«

Man kennt diese Supplik Francisco de Orellanas und auch das Gutachten des Rates von Indien, der dem Kaiser-König empfiehlt, das Gesuch zu bewilligen und unter gewissen Bedingungen den Ritter das neuentdeckte Land kolonisieren zu lassen; der Rat von Indien weiß, daß die Portugiesen eine Expedition an diese ihrem Brasilien benachbarte Küste planen, und daß große Eile nötig ist. Auch dieses Aktenstück ist bis zum heutigen Tage erhalten, mit allen Siegeln, Unterschriften und Schnörkeln. Was aber in der geheimen Audienz gesprochen worden ist, als der Infant Don Felipe den Ritter Francisco de Orellana empfing, das weiß niemand.

Das Gespräch ist zu einer Zeit geführt worden, da Karl V. von Valladolid abwesend war, da er in Deutschland mit dem Herzog zu Kleve Krieg führte. Don Felipe, sechzehnjährig, ein bleicher Knabe, ist zum erstenmal in seinem Leben Regent, oder heißt doch so, neben ihm steht die Riesengestalt des Herzogs von Alba. Ist Philipp II. jemals 242 jung gewesen? Wenn er es war, wie hätte er sich den goldenen Traumbildern verschließen können, die Francisco de Orellana ihm gezeigt haben muß? Man hat kein Zeugnis dafür, daß Orellana nach seiner Rückkehr zu irgend jemand in Spanien von gewissen Dingen gesprochen hat, die ihn sicherlich bewegten; sein Bericht an den Kaiser enthält höchstens unbestimmte Andeutungen: er habe geheime Kundschaft von den Reichtümern des großen Stromlands. Was hat er dem jungen Infanten ins Ohr geflüstert? Man weiß, daß den Höflingen in den Vorzimmern des Palastes zu Valladolid zwei sonderbare Schmuckstücke aufgefallen sind, die Don Francisco am Tag der Audienz an sich trug: ein goldener Zierat am Gürtel, darstellend eine Ähre jenes neuen indianischen Korns, und an einem Kettlein eine kleine Schlange, aus Smaragd, sagen die Annalen der Zeit.

Was diese goldene Maisähre angeht, so ist es möglicherweise die gleiche, die noch heute im Museo Arqueologico Nacional in Madrid zu sehen ist, im vierten Saale des oberen Stockwerks; das kunstvolle Kleinod gilt als peruanisch, unterscheidet sich aber einigermaßen von den anderen Goldskulpturen aus der Inkazeit, neben denen es liegt. Es scheint, daß Francisco de Orellana diesen kleinen Schatz in die Hände des Infanten Don Felipe gelegt hat, als er bei der Audienz vor ihm niederkniete. Wenn dem so ist, dürfen wir vielleicht vermuten, daß der Ritter auch jene kleine Schlange aus Amazonenstein dem Thronfolger gezeigt oder vielleicht sogar gegeben hat, sie ist aber nicht bis auf unsere Zeit gekommen und findet sich weder in den Museen Madrids noch in dem ehemaligen Kaiserlichen Kabinett zu Leningrad, wo sich von der Zeit der zweiten Katharina her die größte Sammlung von Gegenständen aus diesem mysteriösen südamerikanischen Mineral befindet; die große Amazone des Nordens hat eine unerklärliche Vorliebe für diese grünen Amazonensteine gehabt.

243 Don Felipe soll nach der Audienz gesagt haben, der Ritter Orellana hätte auf seiner abenteuerlichen Reise große Gefahren bestanden, sowohl des Körpers als auch der Seele; bezieht sich diese Meinung vielleicht auf jenes heidnische Amulett? Wir wissen es nicht, wenn aber dem bigotten Prinzen irgendein Zweifel an der katholischen Glaubensreinheit des Ritters geblieben wäre, hätten er ihn sicherlich eher der heiligen Inquisition ausgeliefert, statt ihm einige Tage darauf jene feierliche »Kapitulation« vom 13. Februar 1544 ausstellen zu lassen, durch die er zum Statthalter des von ihm entdeckten Landes Neuandalusien ernannt wird, mit den Titeln eines Gouverneurs, Generalkapitäns, Adelantado und Alguacil Mayor, nicht nur für seine eigene Person, sondern, wenn er einen Sohn haben würde, auch für diesen Sohn. Auch das Gehalt von dreimalhunderttausend Maravedìs, das der Gouverneur aus den zu erhoffenden Einkünften des neuen Landes erhalten soll, erbt nach ihm der noch ungezeugte Sohn . . .

Das alles schreibt das Patent des Infantenregenten vor, mit vielen genauen Bedingungen: wie Francisco de Orellana zur Eroberung des Landes ein Heer zu werben habe, von zweihundert spanischen Fanten und hundert Reitern, und daß er das Material zum Bau von kleinen Flußbrigantinen an Bord seiner großen Schiffe mitnehmen solle; dann wird er verpflichtet, mindestens acht geistliche Patres sogleich in das Neue Andalusien zu bringen, damit sie mit der Bekehrung der Indios sogleich beginnen könnten. Zur Ehre dieses jungen Infanten, aus dem später der blutige König Philipp geworden ist, kann man bezeugen, daß dieses frühe Schriftstück aus seiner ersten Regentschaft voll liebevoller Sorge für die Indios des fernen Landes ist und ihre Mißhandlung, Beraubung, Verschleppung in strengen Worten verbietet.

Francisco de Orellana aber, Gobernador seines Traums, 244 Generalkapitän seiner Wünsche, hat nun diesen Sohn zu finden, der der Erbe von Paytiti werden soll. Der große Sturm seines Schicksals reißt nun sein Schiff in rasender Eile vorwärts: er findet die Jugendgeliebte wieder, Doña Ana de Ayala, und wirbt um sie und erlangt ihre Hand. Diesen Sohn, der in dem Lande der Amazonen herrschen soll, wird diese kalte, blonde, stolze Frau gebären und nicht die braune Amazone, die heidnische Hüterin der verborgenen Stadt, Coniapuyara. Kann es sein, daß Francisco de Orellana jenen grünen Talisman, die steinerne Schlange, nicht in die kühlfeuchte kränkliche Knabenhand des Infanten Don Felipe gelegt hat, sondern in die Hand seiner schönen jungen Braut, Doña Ana? Da er sich mit ihr vereinigt, hat er gewiß allen Teufeleien des Waldes wie des Wassers für immer entsagt; hat er vielleicht zugleich das Zeichen hingegeben, das Symbol der großen Wassermutter, das schützende Amulett?

Wir wissen es nicht, aber sicherlich beginnen nach seiner Vermählung mit Ana dem künftigen Gouverneur von Neuandalusien viele Dinge zu mißlingen. Die Geschichte seiner Rüstungen zu dem zweiten Zug ins Amazonenland ist eine peinliche Reihe von Fehlschlägen, nein, von jenen ungewissen, halben Erfolgen, die ärger sind als endgültige Niederlagen, weil sie eben kein Ende bedeuten, sondern schwächliche Fortsetzung, das Weiterdauern unglücklicher Ursachen und das Herannahen bedenklicher Folgen. Erst treibt Orellana das nötige Geld nicht auf, denn Ana de Ayala hat ihm nicht einen Dukaten in die Ehe gebracht. Dann leiht ihm in seiner Vaterstadt Trujillo sein Gevatter Cosmo de Chaves dreißigtausend Maravedìs; es genügt bei weitem nicht, aber man kann mit dem Bau der Schiffe beginnen. In diesem Orellana brennt eine Ungeduld, die ihn manches Hindernis besiegen läßt, doch wie viele Widerwärtigkeiten umstricken ihn! Die kastilische Krone hat bis nun zu dem großen Unternehmen nichts beigesteuert als 245 einen pergamentenen Patentbrief und einige tönende Titel; die Schiffsgeschütze, um die Orellana bittet, verweigert das Admiralat, die erfahrenen Piloten, die er mitnehmen will, werden ihm nicht beigestellt.

Dafür ist rings um ihn das Mißtrauen wach, und wo er Hilfe sucht, findet er nichts als Aufsicht. Ein Dominikanermönch, Fray Pablo de Torres, der zum »Veedor General« der Expedition ernannt worden ist, das heißt zum privilegierten Generalspion der Krone, mit geheimen Vollmachten, sitzt neben Orellana in Sevilla und sendet Bericht auf Bericht an den Rat von Indien: wie langsam die Zurüstungen vor sich gehen, wie der zur Abfahrt festgesetzte Tag schon längst verstrichen sei; daß kein Geld für Schiffsproviant mehr da sei, wegen Orellanas unkluger Heirat, die der Dominikaner in seinem Geheimbericht heftig mißbilligt, und daß er Schiffe mieten wolle, statt sie zu kaufen.

In Valladolid wird der Hof unruhig; schon denkt man daran, gewissen flüsternden Stimmen Glauben zu schenken und statt Orellana einen anderen Feldhauptmann mit dem Zug in das neue Land zu betrauen oder das Unternehmen überhaupt zu vertagen. Dann erfährt man, daß der König von Portugal eine große Armada ausrüsten läßt, die Orellanas Strom suchen soll; nun folgt dem Zaudern und Zweifeln Hast und Überstürzung. Man belädt in rasender Eile vier Schiffe, so gut es geht oder so übel. Bevor sie ausfahren, befiehlt der Rat von Indien dem Generalveedor, noch einmal das Inventarium der Waffen, Geräte und Nahrung zu prüfen und die Musterrolle der Mannschaft. Der Dominikaner kommt in den Hafen von Sanlucàr und findet die Schiffe nicht mehr.

Orellana ist am grauenden Morgen mit seiner Flotte entflohen und hat seinen Generalspion auf dem Lande zurückgelassen, aus Abneigung 246 gegen den Mann, oder weil er nicht wagen durfte, die anbefohlene Prüfung geschehen zu lassen; die Schiffe sind schlecht gebaut und schlecht gerüstet, die Lebensmittel genügen nicht, statt spanische Seeleute zu heuern, wie es der Hof mit Strenge befohlen, hat Orellana Portugiesen, Franzosen an Bord, ja, englische Abenteurer, der Ketzerei verdächtig. Von seinen vier Schiffen trägt nur der gallegische Segler »San Pablo« die nötigste Artillerie; auf dem »Breton« sind unter achtzehn Seeleuten nur zwei wirkliche Spanier; die Caravelle »Guadalupe« ist ganz klein und hat außer dem portugiesischen Piloten Gil Gomez nur zehn Matrosen; das Admiralschiff heißt wieder »Viktoria«, wie jenes andere, das im Hafen von Nueva Cadiz auf Cubagua liegt und verfault, das echte Urwaldschiff, das niemals den Weg in das Waldland hätte verfehlen können.

Auf der neuen »Viktoria« gibt es eine üppig geschmückte Kajüte, für die Gubernadora, Doña Ana, die den Gatten begleitet, doch keine geflügelte heidnische Göttin am vorwärts weisenden Bug, das hat Doña Ana nicht dulden wollen. Auch war, als man das Schiff in Eile erbaute, der Künstler fern, Diego Mexìa; der hat still den Kopf geschüttelt, als Orellana nach ihrer Heimkehr ihn wieder werben wollte zu dieser neuen Fahrt; er will lieber nach Rom, wo der Papst kunstfertige Männer braucht. Wenige nur von den alten Gefährten Orellanas begleiten ihn; die den großen Urwaldstrom schon einmal befuhren, wissen zu wohl, welche Mühen dort ihrer warten würden. Mühen, doch nicht auch goldene Schätze? Orellana hat von diesen Schätzen nichts den Gefährten gesagt; sein schwarzer Pedro war nicht hartnäckiger in seinem Schweigen, der Neger mit der durchschossenen Zunge. Er ist jetzt wieder um Orellana und sieht ihn an und versucht vergeblich mit seinen kugelrunden Negeraugen zu sprechen, zu schreien, zu bitten.

247 Um es kurz zu sagen, fuhr der Weltbummler fort, Francisco de Orellana rennt in dieses neue Unternehmen hinein wie ein Wahnsinniger, oder eher wie ein Malariakranker, der nur zwischen den Anfällen seines Fiebers zurechnungsfähig ist. Wir wissen wenig von der Geschichte dieser Fahrt, es fehlt uns der gute Pater Carvajal, der um diese Zeit wieder sein Amt als Generalvikar von Lima versieht. Keine Chronik erzählt uns etwas von der Fahrt der vier Schiffe zu den Kanarischen Inseln. Wir hören nur, daß sie volle drei Monate vor Teneriffa liegen, entweder weil der Adelantado krank ist, oder aber, weil er hofft, doch noch seine Ausrüstung verbessern zu können. Dann fahren sie weiter, nur bis zum Kap Verde, und halten sich dort auf den Inseln weitere zwei Monate auf, in der Pestluft der Winterregen. Worauf warten sie? Worauf hofft Francisco de Orellana, was läßt ihn so lange zögern? Auf diesen afrikanischen Inseln werden von Orellanas Begleitern die meisten krank, und neunzig von ihnen sterben. Die Schiffe, nachlässig gehalten, sind schwer beschädigt; um wenigstens drei von ihnen seetüchtig zu machen, erweist es sich hier als nötig, das vierte abzubrechen, um seiner Taue und Anker und Nägel willen. Da Orellana endlich den Befehl zur Einschiffung gibt, verweigern fünfzig Mann ihm den Dienst, vorgebend, sie wären zu siech; vier von den Feldhauptleuten des Heeres sind unter ihnen, das ein so großes Land mit seinen Waffen erobern sollte.

So segeln sie weiter, geschlagen vor ihrer ersten Schlacht. Wir wissen nichts von dieser Fahrt und von der Seele Franciscos. Bei ihm ist die Frau, für die er ein Königreich gewinnen will; den Sohn, der es erben soll, hat sie niemals empfangen. Was ist ihm in diesen Tagen der letzten Verzweiflung die blonde Hidalga, Doña Ana? Wir wissen es nicht, doch eine wirklich geliebte Frau bringt wohl kein Mann aus Trotz in so arge Gefahr. Da Orellana den Weg fortsetzt, allen 248 Winden entgegen, auf Schiffen, auf denen Nahrung und Wasser fehlen, hat er da nicht schon der Hoffnung, dem Leben entsagt? Treibt ihn denn nicht eine hoffnungslose Sehnsucht vorwärts ins Unmögliche? Vielleicht ist es die Sehnsucht nach der anderen, Coniapuyara. Sie hätte ihm den Sohn geboren, den Erben von Paytiti!

Und nun geht das Unheil weiter. Erst Sturm, dann Durst auf der einsamen See. Ein Regen rettet das dürftige Leben, doch in den Nebeln des argen Wetters verliert sich ein Schiff, das größte und beste, mit sechzig Soldaten an Bord, elf unersetzlichen Pferden und allem Eisen und Takelwerk, das man braucht. Auch waren die Teile von einer der beiden Flußbarken an Bord, die man in der Mündung des Stromes zusammenzusetzen gedacht hat. Dieses Schiff verschwindet, vielleicht nicht ohne den Willen seiner Bemannung; doch niemals erreicht es mehr einen christlichen Hafen. Die anderen beiden Schiffe treibt endlich ein guter Nordwind dem Land entgegen, an einem heißen Dezembertag sieht Orellana das blaue Wasser sich goldbraun verfärben, und er erkennt die trinkbaren Wellen der großen Süßwassersee, er ist nahe am Ziele und kann vor einer bewaldeten Insel die Anker versenken. Die Anker? Die beiden Schiffe haben schon längst keine Anker mehr, und man versenkt die Geschütze ins seichte Wasser, die in der Hauptstadt Neuandalusiens die Festung verteidigen sollten.

 

Der Rest, sagte der Weltbummler, den ein Blick Dr. Carsons zu größerer Eile mahnte, wird von meinen geschichtlichen Quellen nur unklar und flüchtig erzählt. Man weiß von einem monatelangen Verweilen des winzig gewordenen Heeres auf den äußersten Inseln des Deltas, von Hunger, Seuchen und Kämpfen mit Indios. Die Schiffe haben den Hauptarm des Stromes nicht finden können; und da sie 249 tiefer in das Gewirr verwachsener Wasserarme zu dringen trachten, geraten sie immer wieder auf Sand und Untiefen. Sie haben noch Teile der zweiten Flußbrigantine, die sie aus Spanien mitgebracht haben; die läßt Orellana nun hier mit unendlicher Mühe zusammenfügen; doch muß man, um das, was fehlt, zu ersetzen, das eine der großen Schiffe in Stücke brechen und Bretter, Nägel und Klammern daraus entnehmen. Die Mannschaft murrt, da sie das vorletzte Seeschiff zerstören soll. Wozu diese Brigantine, da doch die Heerfahrt gescheitert ist und Rückzug die einzige Rettung? Schon hat man das letzte der Pferde verzehrt und den letzten Hund. Nie wird man dieses Land des Teufels erobern können, nie diesen Hauptarm des Stromes finden, er ist verhext. Am Lagerfeuer erzählen die spanischen Krieger halblaut einander von dem gräßlichen Lachen, das in der letzten Nacht aus dem Wald kam, und von dem Hallen der gespenstisch unsichtbaren Axt, die immer wieder den Axtschlag der Werkleute laut übertönt; und seltsame Spuren hat man im dunklen Dickicht gefunden, von einem Wesen, das einen menschlichen Fuß beim Schreiten neben den anderen setzt, der die Klaue der riesigen Urwaldkatze zu sein scheint. Sie raunen einander zu: die Dämonen des Waldes hassen den Adelantado, er hat ihre Gunst verwirkt, da er ein heidnisches Amulett von sich warf, von Reue getrieben und gemahnt von dem Beichtiger – –

Francisco de Orellana, hager vor Fieber, verbrannt von einer verzweifelten Sehnsucht, betreibt den Bau der Brigantine, auf der er stromaufwärts vordringen will, und ließe man ihn mit dem Neger Pedro allein. Von diesen entscheidenden Tagen auf den Inseln im untersten Flusse hätte später nur eine berichten können, die Gattin des Adelantados; doch hat sie davon nichts erzählt. Warum nicht? Man kann es beinahe erraten, durch den dichten Schleier der Jahrhunderte 250 hindurch, der dieses Schicksal umhüllt. Denn da nach Monaten peinvoller Mühe die Brigantine endlich verfertigt ist, läßt Orellana die Gattin an Bord des größeren Schiffes zurück; er selbst befehligt das kleine, da es dem anderen voranfährt, um endlich die wahre Einfahrt zu finden, den Weg in das Land der Verheißung.

Die kleine Brigantine ist am Abend segelfertig, da eben die Sonne zu sinken beginnt und alle unirdische Herrlichkeit der geträumten Farben über den Fluß und den endlosen Wald fließt; Orellana befiehlt den sofortigen Aufbruch, in den sinkenden Abend hinein segelt er. Die goldene Flagge Kastiliens läßt er hissen und die Wimpel eines Vizekönigs und Adelantados. Mit Salven und Hörnerruf grüßt das größere Schiff die Barke, da sie langsam an ihm vorbeifährt, westwärts, in den goldenen, purpurnen Glanz, der die Urwaldbäume umstrahlt, und in dessen brennendem Schein man ja doch schon das Dunkel zu ahnen vermeint und das Nahen der Nacht.

Einen Augenblick sind in der engen Lagune die beiden Schiffe dicht beieinander, und Doña Ana, die bleich und blond und gerade auf Deck steht, sieht ihren Gatten, wie er in seiner ganz goldenen Rüstung am Mast lehnt. Sein schwarzer Sklave Pedro stützt ihn, damit er nicht falle. Da ist er, vom Licht umflossen, ganz starr und reglos; er wendet das Antlitz der Gattin nicht zu und nicht den Gefährten, die ihn noch einmal mit Jubel begrüßen; er blickt nur westwärts, westwärts in diesen goldenen Schimmer, hinter dem, unsichtbar noch, doch von allen geahnt, das nächtliche Dunkel versteckt ist. Man sieht ihn noch einmal sich leise bewegen. Er legt eine zitternde Hand an die Stirne und schirmt das geblendete Auge; was glaubt er zu sehen? Was für Gestalten im Glast der sinkenden Sonne, und welche goldene Stadt? Oder sieht er ihn, der dort aus den ersten schwärzlichen Schatten hervorlugt, hinter der riesigen zackigen Palme, ihn, mit der einzigen 251 düsteren Braue inmitten der niederen Stirn, der mit blauen Zähnen bedrohlich lächelt, ihn, der die Pfade verwirrt und den sterblichen Menschen in Irrtum verlockt, Curupira?

 

Der Weltbummler Hilary stand langsam aus seinem Sessel auf. »Das Ende – –« sagte er. Er sah den Dr. Schwarz an, der mit geschlossenen Augen dalag, als hörte er nicht zu.

»Das Ende!« forderte Lord Athill gebieterisch.

Das Ende, sagte der Weltbummler halblaut und rasch, ist kaum genauer bekannt. Man weiß, daß das Schiff, das größere, mit Orellanas Gemahlin an Bord und einer fast verhungerten Mannschaft schließlich die Isla Margarita erreicht hat, das spanische Eiland an der Küste von Venezuela. Man weiß auch ein wenig vom weiteren Schicksal der Doña Ana: Juan de Peñalosa, der mit auf dem Schiff war, wird der Lebensgefährte des stolzen Weibes; sie leben noch lange in Panama. Von dem, was sie und die anderen Geretteten nach der Rückkunft erzählten, erreicht uns ein schwaches und mehrfach geteiltes Echo: wie das große Schiff im Gewirr der seichten und völlig verwachsenen Wasserarme dem kleinen nicht folgen konnte und dann vor der Insel wartend lag, auf der man die Brigantine zusammengenagelt hatte.

Die Brigantine ist niemals zurückgekehrt, und man weiß nicht, wieso das größere Schiff zu der Kunde gelangte: Nach einer schrecklichen Irrfahrt durch enge Gewässer, nach blutigen Kämpfen im Walde sei Orellana vor Kummer und Fieber gestorben, und man hätte ihm unter einem großen, golden beblühten Baume sein Grab bereitet. Es gibt neben dieser bekannten Version noch die andere, niemals hätten die auf dem anderen Schiffe mehr von der Brigantine gehört, und sie sei ihnen wie der Kenntnis der lebenden Menschen an jenem goldenen Abend für 252 immer entschwunden, hinein in die sinkende Sonne, in den leuchtenden Traum.

»Das ist das Ende«, sagte der Weltbummler leise. »Francisco de Orellana segelt hinein in die goldenen Träume. Sind sie der Tod? Gleichviel. Navigare necesse«

»Und es ist nicht nötig, zu leben«, sprach langsam Lord Athill.

 

In der Nacht nach diesem letzten Tage vor der Abfahrt des »Hildebrand« lag der Dampfer ganz nahe an der dicht bewaldeten Insel; man hatte beim Eintreten der Flut die Lage des Schiffes ein wenig geändert.

In dieser Nacht, die unendlich heiß war und voll von Sternenlicht und Mondschein, saß ein junges Paar, ein Gentleman und eine hübsche Miß von der Reisegesellschaft, lange, lange auf dem obersten Bootsdeck; sie waren sehr jung und sehr verliebt, in einer tropischen Mondnacht, und niemand braucht die traumhaft seltsamen Dinge zu glauben, die sie viel später einmal errötend und flüsternd erzählten, sie ihrer Mutter und er einem älteren Freunde: von furchtbaren Stimmen im nahen Walde, vom Ton einer riesigen Axt, einem gellenden Lachen und einem menschlichen Schrei – –

Aktenmäßig sichergestellt ist nur, daß der Passagier der Kabine Nr. 3 auf dem B-Deck, Mister Bernhard Schwarz aus Leitmeritz in der Tschechoslowakei, um Mitternacht von dem Steward, der die Schuhe zum Putzen holen wollte, durch die (wegen der Hitze offene) Kabinentür dabei beobachtet wurde, wie er, statt sich ins Bett zu legen, sich umkleidete und seinen dem ganzen Schiff wohlbekannten leinenen Khakianzug mit den vielen vollen Taschen anzog, auch Buschstiefel, Gamaschen und Tropenhelm. Auf eine erstaunte Frage des Stewards antwortete Mister Schwarz, der heiter genug aussah und ganz rot im Gesicht, nur mit einem stummen Lächeln; der Steward war sehr s253 chläfrig und überdies grundsätzlich dazu geneigt, sich über keinerlei Verrücktheit seiner Passagiere zu wundern; so fragte er nicht zum zweitenmal, sondern nahm nur die Leinenschuhe, die Nummer 3 abgelegt hatte, zum Einkreiden mit sich und ging in seine eigene Kabine.

Es steht ferner fest, daß auf dem Teil des niederen Decks, das dem Strand der bewaldeten Insel am nächsten lag, der sonderbare Zeltblattmantel des vermißten Passagiers gefunden worden ist und, an der Reling hängend, sein in grotesker Weise großer und schwerer Feldstecher. Man suchte den Mann den ganzen nächsten Tag überall vergebens, ehe man mit dem größten Bedauern die Überzeugung annehmen mußte, er sei in einem plötzlichen Fieberanfall über Bord gefallen und ertrunken. Daß er sich tagsüber ein wenig unwohl gefühlt habe, bezeugten diejenigen seiner Reisegefährten, die noch zuletzt mit ihm gesprochen hatten, darunter Seine Herrlichkeit Lord Athill, der frühere Königlich Großbritannische Minister.

Man suchte den Fluß vergeblich nach der Leiche ab, und vergeblich durchstreifte man die kleine Urwaldinsel, in deren nächster Nähe Schwarz ins Wasser gestürzt sein mußte. Man fand gar nichts, nicht den kleinsten Gegenstand, der dem Verunglückten gehört hätte, oder auch nur die Spur seiner großen, plumpen Stiefel, die sicherlich auf dem schlammigen Boden nicht zu verkennen gewesen wäre.

Ganz unsinnig ist natürlich das Gerede eines der Polizisten, die die Insel durchsuchten, eines eingeborenen Caboclos, der auf der kleinen Insel tatsächlich frische Fußspuren gefunden haben will, aber nicht von europäischen Stiefeln: sondern die Spur eines nackten Menschenfußes und einer riesigen Jaguarklaue, die sich nebeneinander abgedrückt hätten, als gehörten sie zusammen und wären die beiden Füße eines Wesens. Es gibt natürlich so nahe bei der Stadt Parà keine Jaguare; und nichts ist wahrscheinlicher, als daß dieser Caboclo sich, bevor er 254 die Leiche im Waldgestrüpp suchen ging, mit zuviel Aguardente de Cana Mut angetrunken hatte; denn die Indios, ob zivilisiert oder nicht, sind voll von abergläubischer Angst und sehen, wenn sie aufgeregt sind, überall den gespenstischen Waldgeist, dessen höchste Lust es ist, Menschen vom rechten Weg in Angst und Gefahr zu locken, immer tiefer hinein in das große Geheimnis der amazonischen Waldwelt; überall sehen sie, ahnen sie ihn, den Seltsamfüßigen mit der Schildkrotaxt, Curupira.

 


 

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