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Das Urwaldschiff

Richard Arnold Bermann: Das Urwaldschiff - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Urwaldschiff
authorRichard A. Bermann
year1927
firstpub1927
publisherWegweiser-Verlag
addressBerlin
isbn
titleDas Urwaldschiff
pages254
created20091023
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zehntes Kapitel

Miguelito geht langsam voran, zum Ufer des Sees, Don Francisco folgt ihm, er fröstelt in seinem Harnisch. Der See trägt ein Fahrzeug, es ist kein gehöhlter Baumstamm, kein Boot der wilden Bewohner des großen Stromwalds, es ist ein aus Balken gefügtes Floß, eine peruanische Balsa, so wie sie Francisco de Orellana seit langem kennt: zwei Pfähle inmitten der Plattform tragen das Viereck des Segels. Eine kauernde dunkle Gestalt auf dem Floß erwartet die beiden.

Orellana erkennt die indianische Kriegerin, Coniapuyara. Ihr Bogen liegt neben ihr, sie raucht eine dicke Rolle des indianischen Krauts, auch sie ist in einen dunklen Mantel gehüllt. Sie schweigt und hockt, und das brennende Rauchkraut leuchtet im Finstern auf. Mit einem Sprung setzt Miguelito aufs Floß. Der Ritter folgt ihm, die Rüstung klirrt leise auf. Am Himmel sieht man den Morgenstern leuchten.

Miguelito blickt auf zu dem Stern: »Chasca leuchtet schon,« sagt er, »der kleine Bruder geht dem Sonnengott voran, der junge Diener bereitet dem Herrn den Weg!«

Don Francisco verwundert sich; Miguelito hat nicht kastilianisch gesprochen, er braucht die Quichua-Sprache des Inkareichs; wohl versteht sie Francisco de Orellana, der Peru erobern half. Der Ritter runzelt die Stirn. Was spricht der vom Sonnengott? Er ist ein getaufter katholischer Christ, schon seit langem bekehrt, was spricht er von heidnischen Göttern? Wie schaurig kühl diese Nacht ist! Miguelito stößt ab, und der kalte Wind verfängt sich ins Segel.

Sie fahren; das Floß ist niedrig, mit Binsen bedeckt, Miguelito 193 steuert. Ein seltsamer Duft, den er kennt, schlägt Francisco entgegen. Er beugt sich vor und späht in das Wasser, da sieht er die offenen Riesenschalen der schwimmenden Lilien wieder, er schrickt zusammen, sein Auge sucht scheu nach Coniapuyara. Die hockt ganz stumpf und stumm auf ihren Schenkeln, nach vorn gebeugt, und stößt den Rauch aus. Im Morgengrauen erkennt Orellana den Umriß der dunkel verhüllten Gestalt: ein Waldweib mit straffen Muskeln, halb Kind und halb scheues Tier. Vergeblich sucht er in ihren Zügen die heißen Gesichte der Mondnacht. Aber dies Schweigen ist drückend; er richtet sich auf, sieht am Ufer des Sees die finsteren Wälder, sieht im Wasser die Riesenblumen, starr, weißlich und grün und im Innern ganz dunkel; sie duften so stark, wie das Floß vorbeischießt. Ganz lautlos fährt es; kein Ton ist in der ganzen Natur, kein Plätschern, kein Vogelzirpen; nur tiefe, schweigende Schatten und wallende Dünste; ein nebliger Himmel, so fern, durch den nur der eine Stern scheint, der Morgenstern Chasca, der Herold des Heidengottes – –

Francisco de Orellana muß reden, seine Stimme muß er vernehmen. Er fragt: »Wie heißt dieser See?«

»Der See von Paytiti«, sagt Miguelito leise. »Die goldenen Hügel sind nahe, gedulde dich, Spanier!« Er legt seine Hand an das Steuer der Balsa, der Wind weht frischer, mit einem Rauschen schießt das Floß durch die Wellen. Francisco de Orellana legt seine Hand an die Stirn, dort brennt eine kleine, garstige Wunde. Das alles ist fremd und sehr seltsam.

»Wer bist du?« fragt Orellana ganz plötzlich den Mann in dem dunklen Mantel.

»Ein Inka«, sagt Miguelito.

»Wie heißt du?« fragt Orellana.

»Ich heiße wie dieser Stern,« sagt jener, »Chasca!«

194 Sie schweigen.

Francisco de Orellana denkt langsam, sein Kopf ist aus Blei. Dann aber erinnert er sich, er weiß, wer er ist und was ein Hidalgo zu tun hat, ein christlicher Caballero. Seine Rechte findet den Schwertgriff, seine Zunge die alten hochmütigen Worte. »So spricht ein Hund und ein Heide!« sagt er. »Ein Lutheraner! Ein Maureske, der dem Mahoma anhängt! Wenn wir beim Heere zurück sind, du falscher Maranne, dann will ich dich lehren, abtrünnig zu werden, ein Inka, ein Götzendiener! Hat dich dazu dein spanischer Lehrer die christliche Sprache gelehrt? Dein braunes Fell hat er zu sehr mit der Peitsche verschont – Nun sprichst du wie ein rechter Rebell gegen Kaiserliche Majestät, die kastilische Krone und den christkatholischen Glauben!«

Im drohenden Blick des Ritters flammen die Feuer der heiligen Inquisition; das erste Morgenlicht ruht kalt auf seinem stählernen Harnisch, seine Hand hält das stählerne Schwert, und sein Helm ist aus Stahl, und nirgends in diesem gewaltigen Wald ist eine andere Waffe aus Eisen; das gibt ihm vielleicht dieses große Gefühl, diese Kühnheit der herrischen Rede; da er zu dem braunen Mann von der Peitsche spricht, fühlt er voll Vertrauen den Schwertgriff in seinen Fingern.

In diesem Augenblick, da der Braune, der Indio, das Haupt zu erheben wagt, begegnet er, Traum oder nicht Traum, der Härte des spanischen Herrn, dem Blut, das sich edler dünkt, dem Herzen voll Hochmut; er aber, nicht der demütige Dolmetscher Miguelito, der Indio in spanischen Hosen, der Sklave, der sich bekreuzigt und der sich verbeugt hat, sondern Chasca, ein Inka von Manco Capacs sonnengöttlichem Blut, erhebt sich jetzt, schroff und steil aufrecht gegenüber dem Mann aus dem weißen Europa; und wie er dasteht, neben dem eisern Geharnischten, in dem dunklen Gewand aus Vicuñawolle, barhäuptig, 195 bartlos, mit breit vorstehenden Backenknochen im rötlichbraunen Gesicht, da wird auch das Auge viel freier, zum erstenmal seit den Jahren der Knechtschaft erträgt es ein spanisches Auge und zuckt nicht, dieser Mund dolmetscht nicht mehr, er redet, es gibt keinen Miguelito mehr, dieser Mann da ist gänzlich Chasca.

»Auf diesem See,« sagt er langsam und halblaut, in der Sprache Quichua, »auf diesem See herrscht Habsburgo nicht, und Jesus Christo herrscht hier nicht, deine Brigantine fährt hier nicht, dies ist der See der großen Wassermutter, und am Ufer betet der Inka zu Ynti. Sprich von deinem Kaiser dort, wo er herrscht, von deinem Glauben, wo er geglaubt wird, hier aber sollst du heute die Sonne sehen und ihren Gottsohn, den Inka!«

Er zeigt nach Osten, wo eine erste Ahnung des Sonnentages zu glimmen beginnt, über hügligen Ufern. »Dies,« sagt er, »dies ist der Tag, den Chasca gewollt hat, die Sonne kommt, die er wollte, Ynti! Ynti! Chasca hat es gewollt, Miguelito hat diese Tat getan, Chasca verborgen in Miguelito. So sagt der Inka Chasca aus dem Sonnenhause des Manco Capac: eine Stätte wird es geben, wo der Inka herrscht und nicht der weiße Herr, wo Ynti herrscht und nicht der weiße Heiland, das hat Miguelito getan. So sagt der Inka Chasca: das Große-Kanu-wie-tausend-Kanus befährt den Strom der großen Wassermutter, wo aber ist Gonzalo Pizarro? Chasca sieht ihn nicht, er sieht sein großes Heer nicht, er sieht seine Donnerbäume nicht, er sieht seine Pferde nicht, er sieht seine tausend menschenverschlingenden Hunde nicht, wo sind sie, sie alle sollten nach Paytiti! So sagt der Inka Chasca: das Große-Kanu-wie-tausend-Kanus ist nicht auf dem See der Pioçocalilien, es hat den Weg nicht gefunden, warum kommt es nicht, es sollte das Gold von Manoa forttragen, den Schmuck der Tempel und die goldenen Bilder der großen Inkas! Warum kommen 196 sie nicht und plündern die goldene Stadt nicht und trinken das Maisbier der Inkas nicht und reißen die Bräute der Sonne nicht heraus aus dem Hause der Sonne? Sprechen sie: es ist kein Gold in Manoa? Die Smaragde von Paytiti wollen wir nicht? Die Sonnenbräute sind zu gering, uns im Zelt zu bedienen? So sagt der Inka Chasca: ein gepeitschter Sklave wollte es nicht, Miguelito! Ein getaufter Abtrünniger wollte es nicht, Miguelito! Wer hat das Heer geteilt, wer hat Gonzalo Pizarro im Zimtwald verhungern lassen? Wer hat in das Ohr Orellanas die richtigen Worte gesprochen? Hier ist er, allein, und sein großes Kanu ist nicht hier, mit dem Gold der goldenen Stadt wird er es niemals befrachten! Gut hat der Sklave Miguelito die Lügenworte gelernt, die Sprache der Spanier! Die Worte der weißen Schildkröte hat er ins Ohr Orellanas gesprochen! So sagt Orellana: Ein Sklave betrog mich, spanische Lügenworte hat er mir gesagt. – So sagt der Inka Chasca: Das Volk der Inkas ist schwach, das Eisen der spanischen Fremden hat es nicht, die Donnerbäume der Fremden hat es nicht und die kleinen Stöcke, die blitzen; die blutigen Hunde hat es nicht, aber den Zauber der Lügenworte hat einer der Sonnensöhne gelernt, geduldig lernte er sie, ein Knabe, ein Knecht, Miguelito!«

Auf einmal, aus dem feierlich langsamen Fluß der indianischen Rede, fällt Chasca, nein, Miguelito, in die kastilische Sprache, und unwillkürlich nimmt er die Miene, die Maske des Dolmetschers an:

»Sì, sì, señor mio, beso la mano à Usted, caballero! El ilustrisimo señor Marquès, Don Francisco Pizarro, im Jahre des Heilands eintausendfünfhundertundsiebenundzwanzig, als er im Hafen von Tumbez ans Land ging und sah, daß das Land gut war, das Volk sanft, voll Vertrauen, da beschloß er, das Land zu erobern, sobald er genug Räuber, Henker und Frauenschänder zu einem zweiten Zug zu versammeln vermöchte – – Aber der Ilustrisimo ist klug und voll 197 Vorsicht: gleich bedachte er, er hätte niemand, der die Indiosprache genügend verstünde, um die spanischen Lügenworte dem friedlichen braunen Volk zu verkünden. Deswegen befahl Seine Gnaden, zwei Indioknaben auf das Schiff zu nehmen und über das Meer nach Kastilien, zum besseren Dienste Gottes und Kaiserlicher Majestät, und um des Seelenheils der Knaben willen, damit sie im christkatholischen Glauben gehörig belehrt werden sollten, auch die Sprache des guten christlichen Volkes erlernen, auf daß sie, zöge Pizarro mit größerer Macht noch einmal gegen Peru, als Dolmetscher gegenwärtig, bereit und zu Willen wären – Der eine Knabe hieß, nach heiliger Taufe: Felipillo. Der andere: Miguelito.«

»Felipillo!« sagt Miguelito, nein, Chasca, und der Zorn verzerrt seine Züge. »Felipillo, ein niedrig geborener Bube, ein nackter Barbar, kein Inka, voll Haß gegen Manco Capacs Haus – Beim Verhör unseres göttlichen Herrn, Atahuallpa, hat der Verräter die Worte verbogen, was Pizarros Henker hören wollte, sagte nicht Atahuallpa, nein, Felipillo. Sì, señor mio, ich stand dabei, ich, Miguelito, der ich Chasca bin, aus dem Haus der Sonne, aus dem Geschlecht des Ur-Paares, Manco Capac und der Oello Huaco, der Sonnenentsprossenen, die vom See Titicaca am Anfang der ersten Zeiten den goldenen Keil der Gewalt in das Tal von Cuzco trugen – ich stand dabei und vernahm Felipillos haßerfüllte Lügen und wollte, aufschreiend, die Wahrheit bekennen. Aber der Herr, dem man gehorcht, Atahuallpa, verbot es mir; er sprach vor Pizarros spanischen Richtern lange zu mir, nicht auf Quichua, in der Sprache, die Felipillo versteht, nein, in der heiligen Sprache der Inkalippe, die nur wir Sonnengeborenen wissen. Da stand Felipillo, grinsend, aufrecht vor dem Erhabenen und sagte spanische Lügenworte: ›Der Inka gesteht, Atahuallpa, die Krone geraubt zu haben und seinen Bruder Huascar ermordet. Item, er sei des 198 Götzendiensts schuldig, der Vielweiberei und des rebellischen Aufruhrs gegen den Kaiser Carolus.‹ – Er aber, Atahuallpa, hatte kein Wort zu den Richtern gesprochen, kein Wort noch zu Felipillo: seine Worte waren für mich, Felipillo verstand nicht. Ich, Chasca, verstand, und den letzten Befehl des Erhabenen trage ich weiter, in das Land der letzten Zuflucht bringe ich ihn, her nach Paytiti – –«

Francisco de Orellana hört zu, mit dem kalten Lächeln des spanischen Siegers. Miguelito, der Chasca ist, zieht unter seinem dunklen Poncho plötzlich ein Ding hervor, einen großen Gürtel, nein, eine Schnur mit tausend verschlungenen Fransen, die er auf dem nackten Leib trug, entrollt sie, wie ein Banner. Der Ritter erkennt die Knoten, die vielfarbigen Fäden, es ist die geheime Knotenschrift, Quipu.

»Dies,« sagt Chasca und schüttelt den Strick, daß die verknüpften Fäden und hängenden Fransen im Winde flattern, »dies ist die Botschaft des sterbenden Inkas, Atahuallpa – Ich, Chasca, ein Quipu-Camayu, der Quipuknoten zu knüpfen versteht, habe die Fäden verschlungen, die roten Kriegsfäden und die weißen Friedensfäden und die gelben Sonnenfäden, und die Wortknoten geschürzt und die Zahlknoten, in gehörigem Abstand, so wie ich es von den weisen Männern lernte.«

Er hockt auf dem Flosse nieder, wie ein Maure und Türke, und seine Hände fahren feierlich über die Knoten, langsam, die Quipuschrift lesend.

»Dies«, sagt er, »ist die Botschaft des Inkas Atahuallpa an das Land der letzten Zuflucht, an Paytiti: es war einst das Reich der Sonne, wer kennt seinen Namen noch: Tavantinsuyu! So sagt der Inka Atahuallpa: Selbst der Name des Landes ist ausgelöscht. Weil ein Troßknecht des weißen Raubheeres ein Wort nicht verstand, den Namen des Flusses Birù, heißt das Land der Sonne für immer: Perù. 199 So, sagt der Inka Atahuallpa, ist unser Reich getilgt, ausgelöscht und zertreten, der große Tempel geschändet, das Tempelgerät zerhackt und zerschmolzen, das Haus Manco Capacs stirbt unter Henkershand, ein hungerndes Volk von Sklaven und gelben Bastarden schreit unter der Peitsche; in der Tiefe der Bergwerke lebt es, in die Eiswelt der Anden verkriecht es sich. Die große Straße der Inkaboten verfällt, die hohen Bergbrücken stürzen, die Terrassen füllt das Geröll, die Felder verarmen. – So sagt der große Inka, der König der vier Weltviertel, Atahuallpa: Es war einst das Reich, Tavantinsuyu, in dem niemand Hunger hatte. Dies ist das große Gesetz des Ur-Inkas, Manco Capac: Arbeitet rastlos, alle gleich auf dem Boden, der allen gehört, lebet brüderlich, väterlich wird die Sonne euch schützen und ihr Abbild, der große Inka. Vom Ertrag deines Bodens sollst du dem Inka Zoll zahlen, und der Sonne. Der Inka nährt dich, wenn du hungrig bist, deinen Vater nährt er, wenn er alt ist, dein Kind kleidet er in die Wolle der großen Lamaherden, die für alle gemeinsam gehütet werden; sei ohne Sorge, die Sonne sorgt für dich und der große Inka und sie, die glänzenden Strahlen, die ihn umgeben, die Sippe des Hauses Manco Capac, sorgen für dich. So sagt der Inka, Atahuallpa: Es gab ein Reich ohne Hunger und ohne Trägheit, ein Reich des still zufriedenen Volkes und der sorglosen Greise. Es ist zerstört, sein Name ist vergessen, der neue Name des Landes ist Peru und Hunger und Elend. Darum, sagt der Inka Atahuallpa, knüpfe du, Chasca, das Gesetz Manco Capacs in Quipuknoten und bringe das große Vermächtnis in das letzte Land der Zuflucht, nach Paytiti, und hüte es wohl, damit es die weisen Räuber nicht finden, in der Geheimen Stadt, im Letzten Tempel, in der Burg der Bogenspannerinnen, der Sonnenjungfrauen, und lasse die Spanier nicht nach Manoa!«

Über die Quipus gebeugt, die Knoten betastend, wird Chasca stumm, 200 seine Finger befühlen die bunten Schnüre. Francisco de Orellana aber erhebt die Hand:

»Auf diesem Floß fährt ein Spanier doch nach Manoa, Freund Miguelito! Bei der heiligen Mutter von Guadelupe, noch heute hisse ich dort das goldene Banner des Kaisers, und das Kreuz erhöhe ich in dem Heidentempel.«

»Ein Spanier fährt auf dem Floß nach Manoa,« sagt jener, »und am Steuer steht Chasca!« Er schweigt und hebt vom Boden ein Ruder, eine kunstvoll geschnitzte Pagaie, und knüpft die Knotenschnur Quipu daran, sie flattert wie eine Fahne.

»Dich aber«, sagt Orellana, »ermahne ich bei deiner heiligen Taufe und deinem Vasalleneid, die rebellischen Reden zu lassen und deinen heidnischen Irrtum. Ein Floß fährt nach Paytiti, ein christlicher Ritter ist drauf, sein gutes Schwert ist bei ihm, und du lenkest das Steuer; so bringst du das Kreuz und Kastiliens Fahne nach Paytiti, weißt du das nicht, Miguelito? Wenn du es nicht weißt, wenn du's nicht bedacht hast, was bringst du mich nach Manoa?«

»Das,« sagt ihm Chasca und schwenkt sein buntes Knotengespinst in den Morgenwind, »das sagt dir heute noch in Manoa der Goldene.« Er wendet sich ab, gegen Osten, wo über den Hügeln die Sonne aufsteigt. »Ynti!« sagt er. »Ynti!« singt er, der Sonne entgegen.

Und Coniapuyara, die bisher so Stille, fällt plötzlich mit ein in das Sonnenlied: »Ynti! Ynti!« Sie rafft ihren Bogen auf, einen weißgefiederten Pfeil legt sie auf die Sehne und schießt ihn ostwärts gegen die steigende Sonne.

Der Ritter, Francisco de Orellana, bekreuzigt sich. Er möchte aufschreien, den Heidengesang der beiden hindern, er kann es nicht, sein Blick ist gebannt, er folgt dem weißen Pfeil, der da ostwärts fliegt, in den gelben Glanz am Gestade des Sees; und auf einmal, in 201 das Lied der Inkas: »Ynti! Ynti!« mengt sich ein Ruf des erstaunten Ritters.

Hoch über den dunklen Wäldern am Ufer sieht er den goldenen Schimmer; eine steinerne Stadt scheint im Morgenlicht, und Gold, Gold, Gold leuchtet auf, die Höhe des großen Hügels brennt golden; Paläste mit goldenen Firsten, ein Tempel mit goldenen Friesen gleißen und flimmern; ein Brand aus Gold erleuchtet die ganze Welt; das ist er, der Traum, das ist es, das Ziel, Paytiti, Paytiti, Manoa, Manoa! Miguelito aber blickt ernst in den goldenen Glast und hebt ihm das Ruder entgegen, von dem das Geheimnis weht, die geknotete Schnur, das große Gesetz des sterbenden Inkas, das letzte Vermächtnis. So grüßt er das Land der Zuflucht, Paytiti, Paytiti, und den goldenen Tempel hoch auf Manoas Hügel.

 

Um Don Francisco flattern goldgelbe Nebel, sie senken sich, heben sich, er sieht nichts als Gold, seine Sinne schwimmen verloren in einem goldenen Meer, ertrinken in goldenen Wellen, ersticken in goldenem Schaum, er weiß nichts, er fühlt nichts, er sieht nichts als Gold, Gold, Gold! Dann plötzlich erwacht er aus diesem goldenen Rausch in eine fast schmerzhafte Klarheit, und nun, mit ernüchterten Augen, die Wirkliches schauen, erblickt er Gold, Gold und Gold!

Er ist, er weiß nicht wie, in einer hohen Halle, titanisch aus Blöcken gebaut; ein Halbdunkel herrscht, nur vom Dach her sickert geheimnisvoll spärliches Licht, es ist kühl hier, ein Duft nach starken Gewürzen weht durch die dumpfige Luft, und dann begegnet der Blick dem blendenden Strahl, der die Wand entlangläuft, und folgt ihm, und starrt in ein gleißendes Abbild der Sonne, eine hell beschienene goldene Scheibe, die magisch durchs Dunkel leuchtet, an der Schmalwand der Halle; ein goldener Sims geht die Wände entlang, aus gehämmerten 202 Platten, darunter aber, auf großen goldenen Stühlen, sitzen die stillen Gestalten, goldfunkelnd, mit goldenem Zierat bedeckt, uralte Tote mit schrecklich geschrumpften Gesichtern; die ledernen Leichenstirnen umgibt vielfarbig gefaltet die Llautubinde der Inkas, und die heiligen Scharlachfransen der Borla fallen über die starrenden Totenaugen. So sitzen sie, bunt in Vicuñamänteln und ganz übergossen mit Gold, auf den goldenen Thronen, mit gekreuzten Händen, die schrecklich zu leben scheinen, die Inkas zur Rechten des schimmernden Sonnenbildes, zur Linken die Königinnen, die Schwestern vom Inkastamm, die einst den Thron wie das Bett der Brüder teilten; da sitzen sie, bunt in den Mänteln aus Federwerk, mit Goldschmuck behängt und mit großen Türkisen.

Da sind sie, erkennt Orellana, die endlos Gesuchten, die toten Inkas, die im Tempel zu Cuzco die plündernden Spanier nicht finden konnten; gefolterte Indios sprachen von diesem verborgenen Schatz, man grub in den Kellergewölben, man drang in die Höhlen, vergeblich. Da sind sie, die Könige, königlich ist ihr Anblick und furchterregend. Sie starren den Spanier an, er erträgt ihren Blick nicht, er stößt einen Schrei aus, dann schreckt ihn der schaurige Widerhall von den goldenen Wänden. Nur fort, nur ins Freie, zu lebenden Menschen!

Francisco de Orellana beginnt durch die schaurige lange Reihe der thronenden Toten zu rennen, sie nimmt kein Ende, sie streckt sich ins Endlose. Keuchend erreicht er den Ausgang der düstern und goldenen Halle. Luft! Licht! Leben! Er wirft sich zu Boden, in einer großen, durchdufteten Gartenstille hört er sich krampfhaft weinen.

Dann faßt er sich, richtet sich auf, blickt um sich. Er ist zwischen mächtigen Mauern, die goldene Friese umranden, in einem blühenden Garten voll Blumen und hängenden Früchten; mit trockenen Lippen lechzt er nach ihnen, den Ananas, Abacates, den saftigen Baummelonen; Bananendolden locken ihn an, seine Hände langen nach 203 ihnen, dann aber vergißt er auf einmal die Gier, den quälenden Durst, die Lockung der Früchte, denn zwischen dem Grün dieses Gartens und all der blühenden Buntheit ist Gold, in die Erde gepflanzt sind goldene Bäume, sind Beete voll goldener Blumen; ein ganzes Maisfeld ist da, mit großen, silbernen Blättern, die halb die Kolben verhüllen, die Körner aus köstlichem Golde, kunstvoll gebildet, mit feinen Wulsten aus silbernem Draht – –

Da steht Orellana, und statt nach lebendigen Früchten verlangt er nach goldenen Ähren. Er bückt sich, ein goldener Maiskolben bleibt ihm in Händen, er hängt ihn an seinen Gürtel, in kindischer Raublust.

Dann aber, schwer atmend, beginnt er zu denken. Hier also sind sie, die viel umfabelten Inkaschätze, das Gold, das Hernando Pizarro im Tempel des gräßlichen Heidengottes Pachacamac suchte und das die Priester verborgen hatten, das Gold aus dem Tempel von Tampu und all das vergrabene Gold, das der Inka zu seinem Lösegeld anbot, außer dem funkelnden Haufen, der sein Gefängnis in Manneshöhe erfüllte. Sie haben es hergebracht, in den großen Wald, in die wasserumgürtete Wildnis! Hier sind jetzt die goldenen Gärten, von denen im lange geplünderten Lande Peru nur die Sage noch geht, und die Riesenmauern, mit goldenen Platten bedeckt, die schweren Geräte, hier ist das Gold, ist das Silber und sind die blitzenden Steine, hier sind die verborgenen Schätze, viel reicher, als was der Pizarro jemals erbeutet.

Und doch, inmitten des goldenen Traumes, des unsäglichen blinkenden Gartens, befällt Orellana das kühle Gefühl: nur das? Nur das Wirkliche? Nach seiner großen Sehnsucht, der eben gestillten, beginnt er sich schmerzlich zu sehnen! Nach Manoa verlangt er sehnsüchtig, nach Paytiti! Nun, da er es hat, verlangt er doppelt danach, und niemals, niemals wird er das Traumland finden, er hat es erreicht, es ist da und ein Land ohne Wunder.

204 Wie Francisco dasteht, schon satt inmitten der stärksten Begierde, sieht er durch den grünen und goldenen Schimmer des schönen Gartens auf einmal die Gestalt Coniapuyaras, die auf ihn zukommt, bunt wie ein herrlicher Vogel, in einem Gewand, gewoben aus flaumigen Federn; eine glänzende Krone aus Federn und Edelsteinen bedeckt ihren Kopf; sie trägt einen großen Bogen aus Ipeholz in der Hand und im goldenen Gurt einen Köcher. So kommt sie langsam zu ihm heran, mit ernsten Augen. »Weißt du, Francisco,« sagt sie, »was für ein Pfeil das gewesen ist, den ich zur Sonne emporschoß? Ein Pfeil, der Gebete trägt, ein Pfeil mit den Federn des Urubu-Tinga. Den weißen Flußgeier lieben die Götter, sein Flug führt zu ihnen. Den Heimlichen sandte ich Botschaft hinauf. Mein Gebet hat die Sonne getroffen – –«

Sie steht vor dem Mann, er sieht unter dem farbigen Mantel ihr heftiges Atmen. »Francisco,« sagt sie, »Francisco – –« Sie schweigt.

»Wo bin ich?« fragt er sie rauh.

»Bei den Bräuten der Sonne«, sagt sie. »Wir hüten die Stillen, die Thronenden. Wir hüten den goldenen Garten. Wir kämpfen mit schwarzen Pfeilen, mit den Federn des schwarzen Geiers, des Unheilsboten. Einen weißen Pfeil des Gebets schoß ich in die Sonne, die Gaben gewährt. Du weißt es, Francisco!«

Francisco de Orellana ist still; nun versteht er das Rätsel der kämpfenden Weiber. Die Sonnenbräute! Francisco de Orellana kennt die Schliche des Satans, die List, mit der er die heiligen Bräuche der christkatholischen Kirche zu äffen versteht. Er weiß um die heidnischen Greuel des Raymifestes, da der Inkapriester das Brot und den Maiswein ausspendet, als wäre es Unseres Heilands Blut und gesegneter Leib; er weiß, daß sie beichten und Buße tun und daß sie zum Dienste des Sonnensatans die Jungfrauen in Klöstern verwahren. Er weiß es, und wie das christliche Heer in Peru solchen Hohn auf den heiligen 205 Glauben nicht dulden wollte, er weiß es – – Er weiß um das Schicksal der heidnischen Sonnenbräute im Kloster zu Cuzco – – Grimmig bedenkt er, was dort geschah – – So sind diese wütenden Weiber, die Bogenschützinnen, die die Brigantine bedrängten, die Sonnenbräute der heimlichen Stadt, Waldtöchter, zum Dienst der Inkagötzen geworben?

So denkt er, und Zorn wächst in ihm; der Enkel der Glaubensstreiter, der Maurenfeinde, der Heidenhasser, vermag nicht anders zu fühlen. Er möchte das Schwert ziehen, die heidnischen Tempel zertrampeln. Dann aber bezwingt ihn ganz plötzlich der bittende Blick dieses Weibes.

»Francisco,« sagt sie, »Francisco – –« Sie stockt, in ihren Augen ist Liebe und Warnung. Sie sieht ihn an und wagt nicht zu reden; plötzlich, mit der Geste des flinken Waldtiers, setzt sie sich mitten ins goldene Maisfeld, wie ein riesiger, farbenleuchtender Urwaldvogel, der gekommen wäre, die goldenen Körner zu picken. Sie hockt auf den Knien, sieht ihm lange ins Auge, mit einem hilflos gefesselten Blick, der nicht reden darf. »Se manicu Francisco«, singt sie auf einmal:

»Unser Gebieter Francisco,
Der Kessel kocht schon,
Doch das Maniokmehl
Vergaß er hineinzutun – –«

Sie singt es mit bebender Stimme, die schlecht zu dem lustigen Lied paßt, dem wackelnden Rhythmus; und wie sie singt, daß der Kessel schon koche, ergreift sie langsam den Bogen; einen Pfeil legt sie an, einen schwarzen, und zielt nach dem Herzen des Ritters.

Er aber lächelt. Die Kessel der Hölle mögen nur kochen!

Und plötzlich wirft sie den Bogen weit von sich, springt auf, 206 umschlingt ihn, eine Wildkatze müßte so lieben. Er versteht, daß sie ihn vor dem Tode gewarnt hat, und daß sie ihn retten möchte und haben; er weiß, was der weißgefiederte Pfeil des Gebets von den Göttern verlangte. Er aber hat auf der Brust den Küraß des spanischen Ritters, und wie sie an seinem Hals hängt, ist zwischen ihnen der Stahl. Versteht er die Stunde nicht? Versteht nicht, was sie ihm bietet? Daß sie ihm das Wunder bringt, das er vermißt hat, das Wunder, das in diesen goldenen Wundern von Paytiti nicht ist, den letzten und wirklichen Sinn dieses Ziels, des Erreichten, das niemals erreicht wird?

Da steht er, im goldenen Garten des Traums, und wagt nicht, zu Ende zu träumen. Vielleicht, wenn er jetzt dieses wilde Waldweib mit wahrem Liebeswollen umfinge, vielleicht, vielleicht vermöchte er das Schicksal zu wenden; diesen Strom, den Francisco de Orellana gefunden hat, diesen Wald, den kein Weißer vor ihm betrat, dieses Goldland am See, diese Goldstadt Manoa, wie kann er sie besser gewinnen als durch die Liebe zu Coniapuyara, der braunhäutigen Hüterin, dem wildanmutigen Waldgeschöpf? Wenn jetzt nur sein Harnisch zerschmilzt, wenn er diesen bunten und köstlichen Urwaldvogel an seinem menschlichen Herzen erwärmen kann, wenn Weiß und Braun sich hier in Liebe vereinigt, dann ist ihm Paytiti wirklich gewonnen, dem weißen Menschen und dann seinen Kindern – –

Er kann den Traum noch wenden, der Wille wendet die Träume; ihn aber findet die große Stunde gepanzert, voll Trotz und Stolz auf sein spanisches Blut. Die warme Nähe des Mädchens sagt seinem Herzen nichts; darin ist plötzlich die lang Geliebte, die halb Vergessene mächtig wiedergekehrt, Doña Ana. An sie nur denkt er, und daß ihre Kinder hier herrschen sollen. Coniapuyara verschmäht er nicht, er nimmt sie an sich, mit rauhen Griffen, der Herr die Sklavin, so wie er die goldene Ähre an sich genommen. Sie aber versteht ohne Worte, 207 worum es geht, und reißt sich plötzlich aus seinen Armen, gereizt wie ein Raubtier des großen Waldes, eine grimmige, fauchende Katze des dunklen Dickichts. Sie springt zu dem Bogen, der auf der Erde liegt, in dem goldenen Maisfeld, und zieht einen Pfeil aus dem Köcher, beschwingt mit dem schwarzen Gefieder des Unglücksvogels; nun zielt sie, diesmal in ernster Drohung, zur Amazone geworden, die sich verteidigt.

Francisco de Orellana lächelt, wie vorhin. Wenn sie ihn warnt, und wenn sie ihm droht, er hat nur das Lächeln des Herrn, des Spaniers. So steht er, dem stählernen Panzer vertrauend und seinem sieghaften Fühlen; und sie, mit gespannter Sehne, mit glühenden Augen, mit nackten Armen, die mächtig das Bogenholz biegen. Er lächelt, sie wütet, und zwischen ihnen, die stumm dastehen, ist der große Haß des Geschlechts und der Abscheu der Rassen. Das Auge der Wilden kann sagen, was nie ihre scheue Zunge zu sagen verstünde: Ich wollte den Sohn von dir, doch nicht den Bastard!

Sie hebt den Bogen ein wenig, sein Herz liegt höher! Er aber wendet den Blick verächtlich von dieser Gefahr, zur hohen Mauer des goldenen Gartens; dahinter hat längst schon ein Summen begonnen, der Lärm einer Menge und schrille Musik und ein dumpfes Dröhnen verborgener Pauken.

Coniapuyara sieht Don Francisco zur Mauer blicken; nun achtet auch sie auf das Lärmen. Sie senkt den Bogen, sehr langsam, aus Wut erwachend, und sagt ganz ruhig, mit farbloser Stimme: »Der Goldene zieht in den Tempel der Sonne. Man ruft dich, Francisco. Der Kessel kocht – –«

 

Francisco de Orellana verliert nun das Bild dieses Gartens und findet sich wieder, wie er umdrängt und doch einsam auf einem Platz steht, inmitten von großen Palästen und Mauern und riesigen 208 Treppen, die höher führen, empor zu der leuchtenden Plattform des großen Tempels. Die Mauern rings um den Stadtplatz sind plump, aus dunklen Blöcken gewaltig geschichtet, mit steingehauenen Götzenfratzen verzierte Friese laufen unter den leichten Dächern aus buntem Stroh, der Tempel aber, hoch über dem dunkleren Platz, glüht völlig vom sonnenberieselten Gold der mächtig gehämmerten Platten, der Friese und Simse.

Der Mittag ist nah, die Sonne steht über dem Platz, es gibt keinen Schatten, der Schimmer des Goldes ist kaum zu ertragen; und in dem grell leuchtenden Sonnenglast schreit eine Menge von dunklen Menschen zum funkelnden goldenen Tempel der Gottheit den Ruf empor: Ynti! Ynti! Francisco de Orellana, im heißen Gedränge, sieht nackte Leiber, bemalte Gesichter, sieht Pflöcke in breiten Lippen und stumpfen Nasen, die Völker des großen Waldes sind hier versammelt und singen und tanzen und heulen: Ynti! Ein Wirbel von dumpfen, hölzernen Trommeln, von Flöten aus Menschengebein, von Steinen in Kürbissen, ein Springen von Kriegern mit bunten Federn, von Maskentänzern, die Tieren gleichen, und all den dunklen Gespenstern des großen Waldes – hier tanzt auf schrecklichen Füßen, halb Mensch, halb Jaguar, der häßliche Curupira, hier Jurupary – ein Wirbel von Tönen, ein Reigen von Leibern erfüllt diesen golden besonnten Platz, und: Ynti! Ynti!, der große Rhythmus des Sonnenliedes – dann, plötzlich, ist alles erschreckend still, und auf der Höhe der Tempelplattform erscheinen Gestalten, bewaffnete braune Frauen in gleißenden Mänteln, die großen Bogen in ihren Händen – ein alter Priester der Inkas ist unter ihnen; ein bunter Baldachin schwebt über seinem Kopfe.

Das Auge Francisco de Orellanas sucht in der Menge der Kriegerinnen die eine – dann schwemmt ihn Gedränge beiseite, vom Tor 209 des großen, niedern Palastes zur Tempeltreppe eröffnet sich plötzlich ein Weg in der wilden Menge, und aus dem Tor kommt ein Zug, den Francisco schon einmal gesehn hat – in Caxamarca, an jenem Tag der Gewalt, da der Heerhaufen Pizarros den friedlich kommenden Gast, den Fürsten des fremden Landes aus seiner Sänfte geholt hat, die Träger zu Boden getrampelt, die wehrlosen Menschen gemetzelt, den Inka in Ketten geschlagen – –

Francisco de Orellana erkennt die Diener wieder, die vor dem Zug Atahuallpas den Boden kehrten, er erkennt ihr schrilles Triumphlied: »Haillì! haillì!« Dann sieht er die Großen der Inkas, in weißen Mänteln mit roten Gevierten, wie Bretter des maurischen Schachzabelspieles, und andere, die in den Händen die mystischen Hämmer tragen, aus Gold und aus Kupfer, und andere, völlig in Blau und in Gold, mit schweren Gehängen in ihren gedehnten Ohren, die »Ohrenmenschen« nannten die Spanier sie, sie sind wie ein Orden von Rittern unter den Inkas. Und hoch über all diesen Häuptern und denen der schauenden Menge ist wieder die offene Sänfte, vergoldet, versilbert, mit herrlichen farbenstrahlenden Federn gefüttert, mit schattigen Schirmen aus Federn – hoch schwankt die Sänfte des Inkas über den Köpfen; darinnen aber ist ein Wesen, das lebt und dennoch aus Gold scheint, in einem ganz goldenen Mantel, das düster blickende Antlitz mit Goldstaub gepudert – –

»Der Goldene!« flüstert Francisco. »Der Goldene! El Dorado!«

Dann blickt er noch einmal in das goldbedeckte Gesicht und erkennt Miguelito, Miguelito, zum goldenen Götzen erstarrt, die goldene Stirne ganz starr unter den Fransen der Königsborla, unter der wallenden Feder des Coraquenquevogels, des heiligen Inkavogels, der nur zur Zeit eines neuen, rechtmäßigen Königs einmal erscheint – so zieht Miguelito in dieser Sänfte vorbei.

210 Francisco de Orellana muß plötzlich des anderen Zuges gedenken und einer anderen goldenen Sänfte: so zog einst Atahuallpa vorbei, auf dem Platz einer steinernen Stadt – und ihm trat damals plötzlich der Priester entgegen, der Dominikaner Valverde, und hielt dem Heiden das Kreuz vor – und heischte im Namen des Kreuzes, im Namen des fremden Kaisers, von diesem König Gehorsam und Unterwerfung; drin aber, in den steinernen Häusern, brannten heimlich die spanischen Lunten, die Schwerter waren entblößt, Armbrüste gespannt, Bluthunde rissen an ihren Leinen – so sieht Francisco das Bild vor sich, die Smaragde am Halse des Inkas, die wippende weiße Feder –

Und dann steht er, Orellana, dort, wo er die schwarze Kutte gesehn hat, er, in dem stählernen Harnisch, den Helm auf dem Haupte, und hebt den Kreuzgriff des Schwerts empor: Im Namen des Heilands! Im Namen des Kaisers! Im Namen des Papstes, des Heiligen Vaters, der seinen katholischen Kindern die neuen Länder geschenkt hat, die Hälfte dem Könige Portugals, die Hälfte dem spanischen König!

»Im Namen Caroli des Fünften,« hört Orellana sich sagen, mit einer hallenden Stimme, »des Heiligen Römischen Kaisers, Imperatoris Augusti, immer Mehrer des Reichs, zu Kastilien König und zu Aragon, zu León und Galicia, Herrn zu Granada und Tanger, Erzherzogs in Österreich, Herzogs von Mailand und Königs der beiden Sizilien, Herrn von Brabant und der Niederlande, von Jerusalem König – –«

Im Namen des Kaisers ergreift Orellana Besitz von der Stadt und dem Lande, von Manoa und Paytiti, er ganz allein, inmitten der dunklen Menge der wilden Menschen, vor diesem goldenen Inka in seiner Sänfte, vor diesem goldenen Tempel, vor dieser Plattform, auf der die bewaffneten Weiber den alten Priester umgeben, allein, gegen eine Welt von Heiden und Braunen, er allein, mit dem stählernen 211 spanischen Schwert, dessen Handgriff ein Kreuz ist – so steht er da und schreit die Namen von Ländern, die seinem Kaiser gehorchen – Sizilien! Tanger! Granada! hinauf zu der Sänfte des Inkas.

Der aber, mit steinerner Ruhe im goldenen Antlitz, entrollt ein Knüpfwerk von Schnüren und Knoten, die Quipuschrift mit dem Gesetz Atahuallpas, und tastet mit seinen vergoldeten Fingern die Knoten, liest sie mit den funkelnden Händen und sagt dann, mit goldenen Lippen:

»So sagt der Inka Atahuallpa: Knüpfe du, Chasca, das Gesetz Manco Capacs in Quipuknoten und bringe das große Vermächtnis in das Land der letzten Zuflucht, nach Paytiti, und hüte es wohl, damit es die weißen Räuber nicht finden, in der Geheimen Stadt, im Letzten Tempel, in der Burg der Bogenspannerinnen, der Sonnenjungfrauen, und lasse die Spanier nicht nach Manoa!«

»Hier aber,« sagt nun Francisco de Orellana, und seine Stimme schallt seltsam stark durch die schimmernde Traumstadt, »hier steht Don Francisco de Orellana, im Namen des Kaisers und Königs, an seiner Statt Generalkapitän und Adelantado der entdeckten Gebiete, und mahnt dich, das Schwert und das Kreuz in den Händen, dich, Miguelito, getaufter katholischer Christ und Vasalle des Kaisers, aus dieser Sänfte zu steigen, demütig zu knien, den Eid zu erneuern! Wo eines spanischen Ritters Fuß steht, ist spanischer Boden! Wenn du dies nicht weißt und bedacht hast, was brachtest du mich her nach Manoa?«

Er schweigt, und der Inka schweigt, um die beiden ist dumpfes Brausen, die Menge wartet. Die langen und goldenen Finger des Inkas betasten die Knoten des Quipus. Nun spricht er:

»So sagt der Inka Atahuallpa: Am Tage des freudigen Festes, am Tag, da das große Gesetz heimkehrt nach Manoa, dann sollt ihr der Sonne ein blutiges Opfer bringen – –«

 

212 Francisco de Orellana ist durstig, durstig; er sehnt sich nach diesen Früchten im Garten. Heiß! Heiß! Nein, er fröstelt – –

 

Jetzt sieht er wieder: dort auf der schimmernden Plattform, vom Goldglanz umflossen, steht sie, die India, Coniapuyara, und spannt den riesigen Bogen.

Da fürchtet sich Orellana und schreit und schreit – – Ein Nackter ist neben ihm, mit erhobener Keule, den wilden Kaziken erkennt er, Delikola – –

Es ist heiß, ihn dürstet, er fröstelt; ein Pfeil kommt sausend geflogen, ein schwarz befiederter, endloser Pfeil; Coniapuyara hat ihn geschickt, sie ist groß, sie ist furchtbar, er liebt sie, verlangt heftig nach ihren Lippen; der Pfeil kommt geflogen, ganz langsam und deutlich – –

Da schiebt sich auf einmal das pockennarbige Antlitz des Negers Pedro dazwischen, so groß wie ein schwarzer Vollmond, und fürchterlich pfeifend durchbohrt ihm der Pfeil seine Wange.

Francisco schreit, ein geschrecktes Kind, ganz schwach und hilflos, und alles löst sich in flatternde goldgelbe, sonnenberieselte Nebel. 213

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