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Das Urbild des Tartüffe

Karl Gutzkow: Das Urbild des Tartüffe - Kapitel 1
Quellenangabe
typecomedy
booktitleKarl Gutzkows Meisterdramen
authorKarl Gutzkow
year1902
publisherVerlagsbuchhandlung von Hermann Costenoble
addressBerlin
titleDas Urbild des Tartüffe
pagesIV/1-9
created20020808
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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Karl Gutzkow

Das Urbild des Tartüffe.

Lustspiel in fünf Aufzügen.

Vorwort.

Aus den Intriguen, welche die erste Aufführung des »Tartüffe« von Molière verhindern sollten, einen neuen »Tartüffe« zu bilden, hatte schon Goldoni versucht. Ohne diesen Vorausgang unter den hundert Lustspielen und Possen des Venetianers zu kennen, las ich das betreffende Stück erst, als meine Arbeit bereits vielfach gegeben war. Der Richtung seiner Zeit und den strengen Theatergesetzen eines Jahrhunderts gemäß, wo in Rom die Frauenrollen noch von Männern gespielt wurden, hielt sich Goldoni, ohne die Heuchelei im Lichte seiner Zeit schärfer auszuführen, an dieselbe enge Familiensphäre, in welcher sich der Scheinheilige bei Molière bewegt. Seine Wiedergabe der Molièreschen Fabel scheint mir frostig zu sein.

Vorstehendes Lustspiel wurde im Sommer 1844 geschrieben und nahm seine nächste Veranlassung aus dem Geist und den Kämpfen der damaligen Zeit. Am Bundestage, in Oesterreich, in Sachsen, in Preußen waren die Bücher-, Zeitungs- und Dramenverbote an der Tagesordnung. Rücksichtslos gingen die polizeilichen Maßnahmen über die Lebensinteressen der Autoren hinweg. Eine kalte, mumienhaft vertrocknete Praxis der Censurbehörden kümmerte sich um keine Bitte, keine Versicherung, die Harmlosigkeit der ihnen vorgelegten Erfindungen betreffend; in Preußen herrschte eine Koterie höherer Polizei- und Regierungsbeamten, deren oberster Chef, Tzschoppe, mit fixen, man könnte sagen, Alba-Ideen und schon als ein Irrer umging, während er noch den Staatsrat besuchte.

Die historischen Thatsachen, die ich der somit erklärlichen Anwendung des »facit indignatio versum« diesem Lustspiel zugrunde legte, erhoben, da die eigentliche Absicht anderswo lag, keinen Anspruch auf besondere historische Treue. Noch war damals das Molière zugeschriebene Wort: »Monsieur le président ne veut pas, qu'on joue!« meines Wissens nicht für apokryph erklärt. Der Präsident, den Molière dann nur gemeint haben konnte, war Guillaume de Lamoignon, der damalige Chef der ausübenden Gerechtigkeit in Frankreich. Der Name kommt auch in den ersten Anfängen der französischen Revolution vor, wo ein Lamoignon Justizminister war, ein Achselträger. Ich faßte den Urgroßvater auf, wie ihn als ebenfalls so gewesen jene Anekdote hinstellte.

Doch sind die Literaturen der Völker nicht mehr die Geheimnisse einer Familie unter sich. Ich hatte mich nicht allzu sehr um die Namen des Personals meines Stücks gekümmert und meiner Hauptidee nur eine phantastische Realität zum Grunde gelegt. Damit kam ich übel an. Die Franzosen sehen nur zuweilen in unsere Litteratur, wie in einen matterleuchteten Guckkasten, wie man ihn, mit halb erblindeten Gläsern, auf Jahrmärkten findet; aber sie hatten das von Lamoignon in Deutschland entworfene Bild eines bei ihnen als Mäcen der Künste gefeierten Mannes, an welchen Boileau manche seiner Satiren gerichtet, denunziert bekommen. An Aufhetzern gegen mich in Paris, deutschen Landsleuten, hat es nie gefehlt. Heine war darunter der Thätigste.

Manchmal glaube ich an eine persönliche Wiederbegegnung mit den Abgeschiedenen dieser Erde in irgendeinem paradiesischen oder acherontischen Jenseits, wo man ihnen für Haß und Liebe Rechenschaft zu geben hat; ja meine Aesthetik hat Anwandlungen mönchischer Ascese, denen zufolge ich von jedem historischen Drama, dessen Inhalt sich nur irgendwie eine Entstellung der Geschichte erlaubt, und wär' es Schillers »Don Carlos« oder Goethes »Egmont«, behaupte, es steckt ein böser Wurm darin, der seine Lebensblüte mit der Zeit tötet – man kommt dahin, wenn man als Autor viel experimentiert hat und Dinge, die man sich heiter und fröhlich gedacht, später in Sack und Asche bereuen soll. So rechnete ich zu den Sünden, deren aufrichtiges Bekennen mich vielleicht mehr oder weniger heilig machen wird, die Einführung des Parlamentspräsidenten Lamoignon, der gerichtlich allerdings unter das Verbot des »Tartüffe« seinen Namen gesetzt hatte, als »Urbild des Tartüffe«, und forschte, wen ich, historisch richtiger, dafür an seine Stelle setzen sollte. Denn eine unumstößliche Tradition bleibt es, daß dem »Imposteur«, unter welchem Namen »Tartüffe« bekanntlich zuletzt freigegeben wurde, ein wirklicher Vorgang aus dem Leben eines allbekannten, schon 1667 von Paris allgemein belachten Namens zu Grunde lag. Dieser Name war so bekannt, daß die galanten Kavaliere und schönen Damen jener Tage, deren Briefe und Erinnerungen uns jetzt als Geschichtsquellen vorliegen, ganz vergessen haben – wenigstens hat man dies bisher geglaubt – ihn zu nennen.

Vor zehn Jahren hat sich ein junger Schriftsteller, Paul Lindau, veranlaßt gesehen, durch einen Angriff auf mein Stück, in welches schon längst La Roquette statt Lamoignon eingeführt war, anzuzeigen, daß er, wie jener Raimundsche Bediente, »zwei Jahre in Paris« war. Ein anerkennenswerter Eifer brachte Thatsachen zur Widerlegung meiner Charakteristik ins Treffen, von denen nur einige zu sehr nach dem Kaliber der Nachschlagewörterbücher aussahen, um für verständige Richter, welche die Freiheiten der Komödie gewahrt wünschen, von erheblicher Wirkung zu sein. Die mit französischen Büchern beneidenswert reich ausgestattete Bibliothek meines erbitterten Tadlers, der zehn Jahre später seine verschollene Abhandlung in ein Buch, »Rücksichtslosigkeiten«, wieder auf genommen hat, in allen Ehren, so sagen meine angezweifelten »Studien«, daß der »Tartüffe« ein Geistlicher war, Abbé Roquette, Almosenier des Prinzen Conti, Bischof in jener alten Stadt Autun, die hundert Jahre später noch einmal einem andern Reineke Fuchs ein bischöfliches Pallium gab, Talleyrand. In der »Revue française« (1859, Nr. 101–105) hat Eduard Fournier den ausführlichen Beweis geliefert, daß Paris nur über den Bischof von Autun, Abbé Roquette, gelacht haben konnte, als Molière den Tartüffe gab. Beide waren eine Zeit lang gute Bekannte – bis zu Roquettes aufsteigender Karriere. Molière rächte sich. Einen empfindlichen Schlag versetzte der galante Bischof von Autun dem »Kammerdiener und Tapezierer des Königs, Poquelin« (als welcher Molière in dem französischen Staatsbuch figurierte), dadurch, daß ihm der »fromme Sinn« desselben die Vorstellungen verbot, die Molière im Languedoc geben wollte. Seitdem glaubte sich Molière überall von Roquette, der trotz seiner Bischofswürde in Paris als Mann der Gesellschaft lebte, verfolgt. Während sein »Tartüffe« verboten blieb, schrieb er den ersten Akt des »Mísanthrope«. Auch hier behauptete man, hatte Molière nur Roquette im Auge, wenn er von einem »Schurken« spricht, den alle Welt kenne und der dennoch durch sein Lächeln sich überall den Weg bahne. Daß ein solcher Bösewicht, heißt es im »Mísanthrope«, »mit Glanz umgeben sein könnte«,

»fait gronder le mérite et rougir la vertu«.

Auf die selbstgefälligen, gelehrtthuenden Auslassungen des »Rücksichtslosen« einzugehen, kann keine Veranlassung vorliegen. Der Vorwurf, ich müßte den Tartüffe nicht gelesen haben, ist kindisch. Wenn ich vom Tartüffe abwich, werde ich wohl, in Rücksicht auf modernes Theater, meine Gründe gehabt haben. Eine philologische Abhandlung hätte allerdings jede Einzelheit strenger genommen. Ist man von vornherein überzeugt, daß es sich hier um ein Werk handelt, das nach seiner ganzen Fassung, nach seinem ersichtlichen Zusammendrängen des Stoffs zu den Bedingungen der drei Einheiten nahezu phantastischer Natur ist, eine Fiktion a priori, gewöhnlich Gedicht genannt, so hat jede gelehrtthuende Mäkelei recht und auch nicht. Nur die besondere Zugabe einer Verdrehung, ja sogar einer boshaften oder Paul Lindauschen, wie man schon nach dem inzwischen gesteigerten Ruf dieses Feuilletonisten sagen könnte, wollen wir noch ablehnen. Den Präsidenten Lamoignon hätte der Verfasser, berichtet der gewissenhafte »Rücksichtslose«, früher für den Tartüffe genommen, weil – so lautet die Anklage – dessen Urenkel ja auch nichts getaugt hätte. Für die Unterstellung eines Verfahrens, das ebenso albern wie schlecht wäre, findet sich in meinem Vorwort von 1862 keine Spur eines Anhalts.

Schließlich bemerke ich, daß im Dialog diese Bearbeitung von 1862, die hier aufs Neue wiedergegeben ist, mancherlei Aenderungen bringt. Eine Bitte, sämtliche Soufflierbücher und Rollen in den deutschen Theaterbibliotheken zu kassieren und sie nach dieser neuen, vollständigen Durcharbeitung ausschreiben zu lassen, wage ich, da ich die Theater in ihrer täglichen Verpflichtung, für neues und neuestes zu sorgen, kenne, kaum auszusprechen, würde jedoch für die Gewährung dankbar sein.

Personen:

Ludwig der Vierzehnte, König von Frankreich.

Lionne, Minister.

Delarive, Kammerherr.

Präsident La Roquette.

Parlamentsrat Lefêvre.

Leibarzt Dubois.

Chapelle, Akademiker.

Molière.

Armande und Madeleine, Schauspielerinnen.

Matthieu, Bürger von Paris.

Germain, Bedienter des Chapelle.

Louison, Armandens Mädchen.

Lakai des Königs.

Bedienter des Ministers.

Ein Offizier.

Zwei Kommissare.

Theaterdiener.

Abgeordnete.

Volk und Publikum hinter der Szene.

Ort der Handlung: Paris. Zeit: 1667.
 


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