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Das unsterbliche Volk

Max Barthel: Das unsterbliche Volk - Kapitel 9
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typefiction
authorMax Barthel
titleDas unsterbliche Volk
publisherBüchergilde Gutenberg
year1933
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Achtes Kapitel

Wie ein Blumenbeet sieht von hier oben Moskau aus«, sagte Thea zu Eugen Bundschuh auf den Sperlingsbergen, jenen heiteren Hügeln über der Mosqua, »dort die Kirchenkuppeln, die blauen, grünen, gelben und goldenen, sind die nicht wie noch geschlossene Blüten von riesenhaften Tulpen? Märchenhaft ist diese Stadt!«

Bundschuh nickte.

Unter ihnen, im wühlenden Dunst des heißen Sommernachmittages, dehnte sich Moskau wie ein gigantisches Dorf, in dem die Neuzeit zu Besuch gekommen ist. Im Schlangenlauf der silberdunklen Mosqua bauten sich die steinernen italienischen Wunder des Kreml hoch, italienische Architektur mit asiatischen Elementen gemischt: Kirchen und Mauern, Türme, Befestigungen, Paläste, Höfe und Verwaltungsgebäude.

Die Goldkuppel der gewaltigen Erlöserkirche flammte und verschleuderte ihre Blitze.

Aus der niedrigen Umwelt dörflicher Gassen und an den grünen Boulevards erhoben sich die neuen Wolkenkratzer.

Die sieben Arbeiter waren schon vor zwei Wochen nach Deutschland zurückgefahren und warben in großen Versammlungen für die Sowjets. Sie hatten einen großen Teil des Landes gesehen und waren zwei Wochen mit Herfurt, Thea, Bundschuh und Müller gereist. Das Dongebiet hatten sie gestreift, Odessa besucht, Fabriken, Kinderheime und Mustergüter besichtigt. Die Delegation hatte im Schwarzen Meer gebadet und in der Steppe Staub geschluckt. Mit eigenen Augen sahen und erlebten sie die ungeheuren Ausmaße dieses Landes, das ein Weltteil für sich ist.

Herfurt führte die Reisegesellschaft, und an manchen Tagen sprach er in drei Versammlungen. Er entwarf viele Schaubilder vom Berliner Maiaufstand, vertauschte die bunten seidenen Hemden des Westens mit den derben, bestickten Bauernhemden der Ukraine, gab den Reportern Interviews und stellte auch Thea, Bundschuh und Otto Müller in den Scheinwerfer seiner Berühmtheit. Die arme, dunkle Kellerstraße auf dem Wedding wurde zur Siegesallee der proletarischen Revolution. Am Eingang dieser Allee bauten sich die Denkmäler der gefallenen Genossen auf, vor allem das Denkmal von Kurt, der sich für seine Freunde geopfert hatte.

Die Reisenden verstanden kein Russisch, aber ihre Augen sahen, ihre Ohren hörten, und ihre Herzen fühlten. Die Arbeiter erlebten zum erstenmal den Triumph der herrschenden Klasse, den Triumph, der gespeist wird von dem Blute, das über die Schlachtfelder der Arbeit strömt. Aber das war nun alles vorbei, die Reisen waren vorbei, und die Arbeiter warben in Deutschland für die Sowjets.

Herfurt, Otto Müller, Eugen Bundschuh und Thea blieben in Moskau zurück. Über zwei Wochen waren sie schon da.

»Hast du gestern abend die Zigeuner im Großen Theater singen gehört?« fragte Thea.

»Nein, ich war bei den Bauern. Eine komische Geschichte beginnt jetzt, Thea, die Bauern rücken aus und verlassen das Land, die deutschen Bauern ... Und dann war ich im Klub einer Fabrik, in einem Literaturzirkel. Höre einmal«, er brachte aus der Tasche ein Blatt Papier, »höre einmal, was für ein Gedicht vorgetragen wurde!«

»Ich höre«, sagte die junge Frau träge und blinzelte nach der schimmernden Stadt hinunter.

»Pjatiletka, Fünfjahresplan heißt es und ist unglaublich, höre zu«, sagte der Mann und hob die Stimme:

»Plan gewaltiger Arbeit gewaltiger Massen,
Plan der Menschenmillionen in Schacht und Fabriken,
Millionen im Kampf für Kohle und Eisen,
Plan zur Schaffung von Fundamenten und Mauern,
Plan für Kanäle, Bahnen, Kasernen und Sportplätze,
Plan für Häuser, Schulen, Dämme und Kraftwerke,
Plan für Fabriken, von Wagen und Lokomotiven,
Plan für Motore, Traktoren, Maschinen, Maschinen...«

»Zukunftsmusik, lieber Freund«, lächelte Thea. »Die Bergwerke im Dongebiet haben wir ja gesehen. Mittelalter! So sahen unsre Bergwerke vor hundert Jahren aus, vor zweihundert Jahren vielleicht!«

Bundschuh blieb ernst und sagte:

»Ruhe, Thea, das Gedicht geht weiter«, und zitterte:

»Über die Bergwerke wachsen Fabrikschlotwälder,
Senkrecht aus den Türmen spritzen dir Erdölfontänen,
Auf den Überlanddrähten reisen die Kilowattriesen,
Quadratkilometer erheben sich zu Getreidegebirgen:
Ja, es spreizt ihre Leine die Erde zum Himmel ...«

»Pfui, wie unanständig«, lachte die junge Frau.

»Ruhe«, befahl Bundschuh, »und höre zu:

»Blumen des endlichen Sieges blühen aus jedem Gewehrlauf,
Bänder der rasenden Freude aus jedem Fabrikschlot,
Blumen und Bänder von Grenze zu Grenze,
Den jungen Weibern ein schimmerndes Tanzkleid,
Und von Blütenblättern duftend
Ein Schauer rings um den Erdball.«

»Und von Blütenblättern duftend ein Schauer rings um den Erdball«, wiederholte Thea. »Wie schön, wie schön ist das gesagt! Hast du die Verse geschrieben, Eugen?«

»Nein, sie stammen von einem Schweizer Emigranten, von Hans Itschner, ein junger Tischler, Sohn eines Wolgabauern, hat sie rezitiert. Zwei Jahre ist er in der Stadt, sein Vater singt noch alte Lieder. Du kennst sie ja, wir haben sie in der Ukraine gehört, die frommen Kirchenlieder«, erzählte Bundschuh.

»Wie war es im Lager? Wer sind diese deutschen Bauern? Was wollen sie in Moskau?«

»Auswandern. Vor hundert und noch mehr Jahren sind sie aus Deutschland gekommen, die Pjatiletka sei ihr Tod, sagen sie und ihre Söhne rezitieren Gedichte: ›Auf den Überlanddrähten reiten die Kilowattriesen‹, ja, sie sitzen in den Sommerlagern und warten auf die Pässe für die Ausreise. Nach Kanada wollen sie und nach Paraguay und Brasilien.«

»Warst du allein im Lager?«

»«Nein, Otto war mit; er wollte sich den Betrieb mal ansehen, da er wahrscheinlich heute abend nach Berlin zurückfährt. Aber das ist noch nicht bestimmt, die Sitzung von Herfurt im Kreml entscheidet ... Diese Bauern«, sagte Bundschuh und seufzte, »diese Bauern, weißt du, sind eine Welt für sich, mißtrauisch und verschlossen, und von einem Fremden lassen sie sich beinahe jedes Wort abkaufen.«

»Alle Bauern sind so«, erklärte Thea, »sage mal, Eugen, wo kommen denn die deutschen Bauern her?«

»Aus der Ukraine, aus Sibirien, aus der Wolgasteppe und aus Turkestan. Fettsäcke sollen es sein, Dorfwucherer, denen das neue Leben nicht mehr gefällt.«

»Und was ist dein Eindruck?«

»Das kann ich noch nicht genau sagen«, zögerte Bundschuh und errötete, »ich gehe morgen noch einmal nach Perlowka. Dort habe ich einen Bauern getroffen, der aus der Krim gekommen ist, aus Marienthal bei Simferopel ... Entsinnst du dich, das ist dasselbe Dorf, von dem in Berlin der Genosse Emil erzählte, als wir mit Uralski zusammen waren.«

Thea nickte. Sie entsann sich.

Die Feuerwelle lief in Eugens Gesicht. Er dachte an das Lager und an das junge Mädchen, das zu den Bauern aus der Krim gekommen war. Das Bild des Mädchens stand vor ihm, vor dem Dunst des Tales, in dem Moskau lag, diese große Stadt, in der sich zwei Millionen Menschen drängten, stießen, in einer Reihe gingen, in vielen Reihen vor den Läden standen.

Schlangen vor den Ämtern, Schlangen vor den Küchen, Schlangen vor Konsumgeschäften, Schlangen vor den Kinos, Schlangen vor den Theatern.

In diesem Sommer war das goldene Moskau die Stadt der tausend Schlangen.

Mit dem Auto, Herfurt hatte es ihnen zur Verfügung gestellt, er war bei wichtigen Besprechungen im Kreml, fuhren Eugen und Thea in die Stadt hinunter. Und da unten im Dunst und Gewühl und heißen Sommer war Moskau kein buntes Blumenbeet mehr, da war diese Stadt wie der ewige Kopfschmerz eines Gehirnes, das schneller wachsen will als seine Schale und sie doch niemals sprengen kann.

In Rußland kommt alles Leben aus Moskau und alles Leben drängt nach Moskau. Über zwei Millionen Menschen quetschten sich zusammen in einem Wohnraum, der kaum Platz für eine Million hatte. Wie Bienen wimmelten die Menschen in den Häusern, Menschen, Menschen, Menschen ohne den sozialen Instinkt der Bienen, aber mit ihrem Stachel bewehrt.

Menschen, Menschen, Menschen trieben auf den Gehsteigen und Straßen vorüber, grau, blau, und braun, die Kleider und Stoffe dunkel getönt, ohne Glanz und Schimmer. Die Straßenbahnen und Autobusse waren überfüllt.

Das steinerne Blendwerk eines russischen Märchens, die Wassili-Kathedrale schwamm wie ein Riesenschiff über dem Roten Platz. Und diesem Steinmärchen mit den bunten, bizarren und gedrehten Kuppeln trabte eine Rotte Kavallerie entgegen und stimmte am Mausoleum Lenins den Budjonnimarsch an.

Dieser Marsch ist im Westen fast unbekannt, und Bundschuh hatte ihn auch im Osten nicht so oft gehört wie die Internationale, die ein Belgier nach den Worten eines Franzosen vertont hat.

Die Internationale! In Rußland wurde sie mit fanatischem Eifer bei jeder Gelegenheit gespielt und gesungen, aber das war nicht Rußland, das Lied war nicht der Osten, es war und blieb Musik des Westens und erinnerte mehr an Berlin, an Neukölln und an den Wedding als an Moskau oder Wjatka.

Der Budjonnimarsch aber, das war der Osten, In ihm waren die Steppen und Ströme, die Gebirge und Wüsten, die Bomben und die Opfer. Dieser Marsch war die russische Revolution. In ihm klagte das alte heilige Rußland, das seine Heiligkeit zertrümmerte und aus den Bruchstücken ein neues Haus errichtete. Über der Klage stampfte die Melodie des Marsches. Sie erinnerte an jene Zigeunermusik, die mit Notenzeichen nur angedeutet, aber nicht aufgeschrieben werden kann.

Wie eine Herausforderung klang das Lied über den Roten Platz, wie der furchtbare Hahnenschrei einer andern Welt.

Das war der gellende Schrei über den Dingen.

Die Dinge aber ruhten träge in ihrer Gesetzmäßigkeit. Jetzt wurden sie aus ihrer Gesetzmäßigkeit herausgerissen. Wie ein gigantischer Motorpflug schaufelte der Neue Plan das weite, unendliche Land um. Alte Bindungen zerrissen, Familien wurden zertrümmert, Dörfer verstümmelt, viele hunderttausend Bauern entwurzelt. Alte Gesetze starben an sich selber. Um die neuen Gesetze war noch das Blut der Geburt.

Eugen und Thea hatten sich in Moskau zu dem selbstverständlichen Du aller Genossen gefunden. Zuerst waren sie von dem Lande begeistert, dann wurden sie enttäuscht, und jetzt schwebten sie auf der unruhigen Waage des Ausgleichs hin und her.

Die rote Fahne über der Kremlmauer, das war noch lange nicht der Sozialismus!

Das Glockenspiel der Internationale auf dem Spaskiturm im Kreml stellte auch nicht die Gleichheit der Menschen her.

Es gab keine Gleichheit unter den Menschen.

Die Russen waren die wütendsten Patrioten.

Immer und immer wieder traten sie bei ihren ausländischen Freunden als die Lehrmeister der ganzen Welt auf. Sie erinnerten sehr oft an die ersten Reiterscharen des Islam, die mit Feuer und Schwert die Völker überrannten und tauften, die alten Länder zerschlugen und neue Reiche aufbauten.

Thea und Eugen wohnten mit Herfurt und Müller im Hotel ›Lux‹ neben den Delegierten der Internationale. Die Zimmer waren verwohnt, aber sie hatten doch vier Wände und eine Tür und schlossen sich ab vor der qualvollen Menge der übervölkerten Stadt. Vier Wände, eine Tür, die man abschließen kann: Wunschtraum aller Moskauer! Sie hätten Vater und Mutter verraten und lächelnd alle Gesetze übertreten, um die Sicherheit und Stille, die Wohltat des eigenen Zimmers, die Sammlung zwischen den eigenen herrlichen vier Wänden erobern oder verteidigen zu können.

Im russischen Winter bleiben alle Fenster fünf Monate lang verschraubt und verkittet.

Im April, wenn der Schnee langsam taut, wenn sich der Frost wieder nach dem Eismeer zurückzieht, im April geschieht eine heilige Handlung: der Hauskommandant läßt alle Fenster zum erstenmal wieder öffnen.

Jetzt, im heißen Sommer, standen alle Fenster offen. Jetzt, im heißen Sommer, spielten auf den breiten Boulevards die Kinder der Delegierten aus dem Hotel, Kinder, die in allen fünf Kontinenten geboren waren, und die sich leicht in vier oder fünf Sprachen verständigen konnten.

Mit einem strengen Besen waren die Heerscharen der verwahrlosten Kinder, die Überlebenden aus den Bürgerkriegen, Hungersnöten und Katastrophen von Moskau ausgefegt worden. Hier und da streiften noch kleine Trupps, Kinder ohne Herd und Heimat, Kinder ohne Gott und Tugend, kleine wilde Tiger, die bissen und kratzten und fauchten, wenn man sie schlug.

Viele Jahre waren sie Schrecken und Entsetzen des ganzen Landes gewesen: Seuchenverbreiter, Bazillenträger, Bettler, Diebe, Straßenräuber und Mörder. Mit zwölf Jahren kannten sie keine Geheimnisse mehr. Aus vielen Wunden schwärend, stürmten sie im Herbst die Eisenbahnzüge, entflohen dem Winter und fuhren den südlichen Ländern entgegen.

Thea und Eugen hatten den Roten Platz überquert und Waren aus dem Wege nach Hause. Noch standen in dem ehemaligen Luxushotel die Badewannen in den Einzelzimmern, aber das heiße Wasser lief nur im Gemeinschaftsbad, für das sich jeder Mieter für seine Stunde einmal in der Woche einschreiben durfte. Ein amerikanischer Delegierter, Ofensetzer von Beruf, baute sein zweckloses Bad in eine zweckmäßige Küche um. Müller und Bundschuh bedauerten viele Male aufrichtig, nicht Ofensetzer zu sein.

Die Sonne zerstäubte wie Gold über der Stadt.

Thea und Eugen standen auf dem Balkon und sahen auf die menschenüberflutete Twerskaja. Sie warteten auf Herfurt.

Die Goldkuppeln der Kremlkirchen mit den griechischen Kreuzen flammten.

Aus der Straße rasselte und tutete der Verkehr.

Menschenströme wogten hin und her.

Die Büros schlossen um vier Uhr.

Der Tag begann erst jetzt, das eigne Leben, die Parteiarbeit, Besuch bei Freunden und dann die endlosen Gespräche bis in die sinkende Nacht hinein.

»Was ist das für eine aufregende Stadt, Eugen«, sagte Thea bewundernd.

»Das ist keine Stadt mehr. Das ist ein Programm. Asien und Europa feiern hier Hochzeit.«

»Hochzeit?« wiederholte Thea und bekam leuchtende Augen »hier kann man sehr schnell Mann und Frau werden.«

Mann und Frau!

»Ich weiß es«, antwortete Eugen Bundschuh und trat aus dem blendenden Licht in das dunkle Zimmer zurück.

Noch einmal war er mit seinen Gedanken in Perlowka bei den Bauern gewesen, vor allem bei dem Riesen aus der Krim. Und als er auf dem Balkon stand und in das Licht starrte, wandelte sich das Licht und strahlte um ein Mädchen. Und gestern hatte er dieses Mädchen zum erstenmal gesehen. In Perlowka. Sie war mit der Frau des Bauern gekommen und von großer Schönheit. Blau waren ihre Augen, dunkel das Haar und das Gesicht wie das Gesicht einer schwäbischen Madonna. Was hatte die Frau auf dem Balkon gesagt, was hatte Thea gesagt: hier in Moskau kann man sehr schnell Mann und Frau werden? Sein Blut schäumte, ja, ja, ja, morgen wollte er noch einmal nach Perlowka fahren.

Thea stand auf dem Balkon und seufzte.

Dann ging auch sie in das Zimmer.

Aber Eugen war nicht mehr da.

Beim Abendbrot trafen sie alle zusammen. Otto Müller war schon reisefertig. Er hatte sich das kleine Bärtchen abnehmen lassen und erzählte aufgeregt von den Bauern. Die eine Stunde, die er im Lager gewesen war, hatte für ihn schon alle Probleme gelöst. Wozu noch lange reden!

»Kulaken sind das, und ich verstehe nicht, warum Moskau diese Umzingelung duldet«, sagte er, »wenn ich Stalin wäre, ich würde sie sofort wieder zurückschicken. Und wenn sie das nicht wollen, dann Zwangsarbeit oder Konzentrationslager. So geht das doch nicht! So kann man doch unmöglich einen neuen Staat aufbauen. Es sind einfach Saboteure!«

»Es ist schade, daß du nicht Stalin bist, Otto«, spottete Herfurt, »da hätten wir uns heute im Kreml nicht stundenlang über die Bauernfrage unterhalten brauchen. Willst du eine Lawine mit der flachen Hand aufhalten? Mehr als tausend Bauernfamilien sind schon hier. Im Frühling sind sechzig Familien abgefahren, schön, da kann man nichts sagen, aber tausend Familien, das ist unmöglich, schon des Auslands wegen. Was sollen die Arbeiter in Deutschland sagen: deutsche Bauern verlassen die Sowjetunion!«

»Also doch Konzentrationslager«, knurrte Müller.

Herfurt lächelte über den Eiferer.

»Was ist mit den Bauern los«, fragte Thea, »sind es wirklich nur Wucherer?«

»Nein. Sie wandern auch aus religiösen Gründen aus.«

»Religion ist Opium für das Volk«, erklärte Otto Müller.

»Laß doch den Quatsch und höre, was Herfurt sagen will«, fauchte Eugen Bundschuh.

»Was ich sagen will, wißt ihr von ganz alleine, und ihr wißt auch, daß wir andre Gründe über die Bauern bei der Propaganda anführen müssen, jeden Tag kommen neue Massen nach Moskau. Die Sache wird gefährlich, auch für die Partei in Deutschland. Schön, ich bin heute beauftragt worden, die Aktion im Ausland gegen diese Bewegung zu führen. Und wir fahren noch heute nach Berlin. Alle fahren wir. Bundschuh bleibt aber noch eine Woche als Kundschafter hier, er soll mit den Bauern sprechen, Material sammeln und uns unterrichten.«

Eugen dachte wieder an das Mädchen und war glücklich.

Er hatte mit ihr noch kein einziges Wort gewechselt, aber ihre Blicke hatten ihn gestreift, und das war des Glückes genug. Anna, sie hieß Anna. Gab es einen schöneren Namen auf der Welt? Anna, das hatte er von der Bäuerin gehört.

»Ich möchte auch gern noch eine Woche in Moskau bleiben, wenn es möglich ist«, sagte Thea.

»Nein, das geht nicht. In einer Stunde müssen wir fahren. Packt die Koffer«, sagte Herfurt. Er richtete seine Augen auf die Frau, die sich ihm auch hier in Moskau verweigert hatte. Oh, er würde sie schon bekommen, die Thea Gärtner.

Thea und Otto gingen nach ihren Zimmern und packten die Koffer. Herfurt blieb mit Bundschuh allein.

»Eugen«, sagte er, »du wirst nicht so dumm sein und als Kommunist in die Lager gehen. Es gibt schon Dumme genug, die als Agitatoren bei den Bauern sprechen. Misch dich unter die Leute, höre auf das, was sie sagen und klagen, behalte das ruhig für dich und gib mir darüber in Berlin Bescheid ... Wenn man seinen Feind schlagen will«, hob er die Stimme, »muß man wissen, wie stark seine Stellung ist. Und man muß wissen, in welchen Fragen er recht hat. Dann erst kann man ihn ins Unrecht setzen. Vergiß das nicht.« Er dämpfte die Stimme. »Und wenn du unsern Freund Willi treffen solltest ...«

»Willi?« fragte Bundschuh erstaunt, »der ist doch erschossen worden wegen Feigheit vor dem Feind!«

Herfurt lachte.

»Ja, auf dem Papier, werter Genosse! In Moskau hat man nicht so viele Leute, daß man jeden abschießen kann, der eine Dummheit gemacht hat«, antwortete er, »da müßte man ja die halbe Partei abknallen... War es schön auf den Sperlingsbergen? Kommst du mit nach dem Bahnhof?«

»In Berlin, auf dem Wedding und überall hat man doch erzählt, daß in Moskau das Schwein Willi erschossen worden ist«, empörte sich Bundschuh.

»Es wird viel erzählt, und ich hoffe, daß du mir in Berlin nichts erzählst, ich will Berichte hören, weiter nichts. Gönne doch dem armen Schwein das kleine dreckige Leben«, sagte er. »Mensch, Bundschuh, Eugen, wir sind alle Sünder... Aber nun mach dich fertig, wir müssen jetzt abfahren.«

Sie nahmen ein Auto.

Der Abschied war kurz. Herfurt sagte: »Machs gut, lieber Junge, in einer Woche sehen wir uns wieder, bleibe hübsch brav und lasse die russischen Mädels, hörst du, in Ruhe!«

»Auf Wiedersehen, Eugen«, sagte Thea und in ihrer Stimme klang leise Trauer mit, »komm gut nach Berlin und schreibe auch mal an mich.«

Otto Müller sagte nichts.

Er pfiff die Melodie des Budjonnimarsches, er pfiff schlecht und falsch, weil er immer noch nicht den Sinn der russischen Revolution begriffen hatte. Dann ließ er das ihm unverständliche Lied und stimmte die Internationale an. Diesen Gesang kannte er gut.

Die Glocke ertönte zum drittenmal. Die Türen wurden zugeschlagen. Ein letztes Händewinken, ein letzter Gruß, den der Wind vom Munde wegriß. Die Räder blänkerten auf den blanken Schienen, die Wagen rollten vorbei und der lange Zug, wie von magnetischen Kräften angezogen, die vor dem Dampfkessel lockten, schob sich in die braune Dunkelheit hinein.

Das Schlußlicht des letzten Wagens glühte noch ein wenig und erlosch in der Ferne.

Eugen Bundschuh verließ den Bahnhof und ging zu Fuß nach dem Hotel. Er hielt die Waage des Ausgleichs in den Händen, und sie schwankte. Moskau und Berlin lagen in den dünnwandigen Schalen.

Die Waage im Gleichgewicht: hier und dort ging der Kampf um das Dasein in erbitterter Wut.

Die Waage senkte sich: in Moskau, im Osten wurde dieser Kampf ums Dasein nach zwei Seiten und an vielen Fronten erbittert durchgeführt.

Auch das Geld war wichtig in Rußland. Wichtiger aber waren das eigene Zimmer, das bißchen Futter, die gute Verbindung, der Platz an der Sonne. Der Raum, in dem der Mensch leben mußte, war klein trotz der ungeheuren Größe des Landes.

Der Raum, der Lebensraum, wurde von vielen Millionen Mitbürgern berannt. In seinem Mittelpunkt stand die blinde Göttin Ware. Und um diese blinde Göttin ringelten sich in Moskau viele Schlangen.

Moskau oder Berlin?

In Berlin konnte man für zehn Mark Geld für zehn Mark Ware oder Vergnügen tauschen. Und das alles bekam man ohne jeden Kampf und ohne jede Anstrengung.

In Moskau aber oder Odessa mußte um die Ware und um das Vergnügen erbittert gekämpft werden. Zwei Schlachten wurden darum geführt: zuerst einmal um das Geld selbst und dann um die Sache an und für sich.

Um das Geld ging nur das Vorgefecht.

Der Angriff und die Schlacht ging um die Ware.

Es gab viel zu wenig Ware in den Geschäften. Und um dies oder jenes kaufen zu können, mußte der Mensch erst die Lebensberechtigung nachweisen und die Anweisung erstehen. Dann kam der Platz in der Schlange bis an die Kasse. Und die Schlange ringelte weiter bis zur blinden Göttin.

Der russische Verkäufer will nicht seine Ware, er will den Käufer loswerden. Er hat kein andres Verhältnis zu seinem Geschäft als das eines mürrischen Angestellten. Er verkauft nicht, er verteilt. Manchmal wird er größenwahnsinnig und fühlt sich als Priester seiner blinden Gottheit. Und wenn die vor seiner Gottheit Angeklagten etwas haben wollten, für die seine Majestät der Diener drei Schritte gehen mußte, dann wurde der Priester zum Todfeind und schickte gelassen den Angeklagten an die Kasse zurück.

Zurück in die Schlange!

Eugen entsann sich vieler Käufe und Streitigkeiten um den Platz in der Schlange, in dem Kampf um die Ware. Überall gab es Feinde. Jeder wollte der erste sein. Alle wollten die ersten sein: alle wollten im Kopf der Schlange stehen.

Die Schlangen ringelten sich durch die ganze Stadt.

Die Schlange wollte Tee und Zucker, Schuhe und Kleider, Butter und Brot, Fleisch und Fisch. Der Kampf in der Reihe war ermüdender als der Kampf um das Geld, mit dem Tee und Zucker, Schuhe und Kleider, Butter und Brot, Fleisch und Fisch gekauft werden konnten.

Im Westen ging der Kampf nur um das Geld.

Der Westen erstickte im Warenüberfluß.

Das Geld war im Westen wie Vater und Mutter und sorgende Geliebte.

Es ebnete alle Wege und machte aus dem grausamsten Feind den liebenswürdigsten Freund.

Das Geld gab Speise und Trank, Kleidung und Wohnung und bestellte die besten Plätze im Theater oder Konzert. Und je teurer ein Anzug, je kostbarer eine Speise, je erlesener ein Schmuck, um so eifriger dienerte und bückte sich der Westen, lag auf den Knien und bat, das Gewünschte endlich und huldvollst entgegenzunehmen.

Eugen Bundschuh, der im Westen über kein andres Geld verfügt hatte als über das Stempelgeld seiner Arbeitslosenunterstützung, schwärmte auf dem Heimwege plötzlich für Deutschland. Dort waren die blinden Göttinnen der Ware von den Säulen gestürzt. Sie lagen demütig an den Straßen und bettelten: ›Hebt mich doch auf, nehmt mich doch mit!‹

Osten oder Westen?

Der Westen war trotz aller Not die höhere Form der menschlichen Gesellschaft.

Im Westen siegte in dem Kampf um das Geld nicht der Mann und seine Arbeit. In den meisten Fällen siegte in diesem Kampf die Niedertracht.

Die Niedertracht siegte.

Aber auch im Osten siegten die Niederträchtigen über die Edlen, die Gemeinen über die Reinen, die Brutalen über die Zuvorkommenden, die Faustkämpfer über die Philosophen.

Warum also, dachte Eugen Bundschuh, warum also die Niedertracht um das Geld verhunderttausendfachen durch die Niedertracht um die hunderttausend Lebensnotwendigkeiten, die ich mir mit dem Gelde kaufen muß?

Ist das der Sinn der Revolution, dachte er.

Warum der Budjonnimarsch, warum das begeisterte Gedicht von Itschner, warum die Heiligsprechung Lenins, warum der Neue Plan?

Ändert sich der Mensch?

Ach, wann siegt einmal der Reine über den Gemeinen, der Philosoph über den Faustkämpfer, wann siegt endlich der Edle über den Niederträchtigen?

So geht er durch die Dunkelheit und denkt an Otto Müller, der auf dem Bahnsteig dumm und stur die Internationale angestimmt hat. Er denkt an Herfurt, der wissen will, wie stark die Stellung des Feindes ist, den er schlagen soll, und der auf das Recht der Bauern begierig ist, um sie entschlossen ins Unrecht zu setzen. Er denkt auch an Thea Gärtner, er sieht ihre grünen Augen und hört ihre Seufzer. Er denkt an das Schwein Willi, der nur auf dem Papier für die dummen Arbeiter des Wedding erschossen worden ist.

So geht er durch die dunkle Stadt und denkt an Paul Riedel, der sich entschieden, und an den dicken Kurt, der sich für seine Freunde geopfert hat.

Die Melancholie schmilzt in seinem Herzen.

Anna heißt das Mädchen im Lager von Perlowka. Sie ist aus der Krim gekommen. Aus Marienthal bei Simferopel und hat kastanienbraune Haare, ein rundgemeißeltes Kinn und blaue flammende Augen.

Die Arbeit beginnt in Moskau um zehn Uhr, und jetzt in der Nacht schwärmen die jungen Burschen und Mädchen über die breiten Boulevards.

Gelächter erschallt.

Balaleikamusik schwingt in die Dunkelheit.

Die Sterne hängen groß und südlich am Himmel.

Die Kinos und Theaters sind überfüllt.

In den Klubs wird diskutiert.

Heiß und warm ist die Moskauer Sommernacht, gleißend ist sie und verführerisch.

Im Hotel ›Lux‹ ist noch viel Betrieb. Die Kinder, die sich spielend leicht in vier und fünf Sprachen verständigen können, die Kinder schlafen. Der amerikanische Ofensetzer, er ist in den Staaten ein gefürchteter Mann, feiert Geburtstag und hat seine Freunde eingeladen.

»Willst Du nicht rüberkommen, old boy?«, fragte der Amerikaner, »es ist ein Mann bei mir, der dich gut kennt.«

Bundschuh nimmt die Einladung an, jetzt kann und will er noch nicht schlafen. Er geht zu dem Amerikaner und sieht das Schwein Willi am Tische sitzen. Er springt auf, als er Bundschuh erkennt und wendet sich theatralisch an die rauchenden Gäste.

»Genossen«, sagte er begeistert, und seine komische Nase tanzt auf und ab, »Genossen, Sie sehen hier meinen Freund Eugen Bundschuh aus Berlin. Zusammen haben wir am 1. Mai auf dem Wedding Barrikaden gebaut.«

Viele Hände strecken sich Bundschuh entgegen.

viele Gläser Wein muß er trinken.

Er trinkt sie und spült mit dem Wein den Ekel hinunter, der ihm in der Kehle sitzt. Willi, das Schwein, lebte und ließ sich jetzt als Held und Barrikadenkämpfer feiern!

Eugen schüttelt die Hand dem Amerikaner, dem Franzosen, dem Koreaner und dem Schweizer, der die Kilowattriesen auf den Überlanddrähten reiten ließ, er schüttelt die Hand dem Perser und dem Norweger: die ausgestreckte Hand von Willi aber übersieht er.

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