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Das unsterbliche Volk

Max Barthel: Das unsterbliche Volk - Kapitel 7
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typefiction
authorMax Barthel
titleDas unsterbliche Volk
publisherBüchergilde Gutenberg
year1933
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Sechstes Kapitel

Eugen Bundschuh kannte die Stimmungen und Stimmen der Seele, und als er mit Riedel den leblosen Otto Müller aus dem Feuer trug und Kurt fallen sah, da war es ihm, als habe er alles schon einmal erlebt: Straßenkämpfe in der Dunkelheit, Schüsse, Geschrei, Blut, eine weinende Frau, Opfermut, Verrat und Treue. Und auch jetzt, als er mit Müller, mit Mucki und Paul Riedel über die Mauern setzte, durch die Hinterhöfe flüchtete, erinnerte er sich dunkel einer Flucht in dunkelster Vergangenheit.

Mucki folgte tapfer den Männern, lief über die dunstenden Höfe, kletterte über die Mauern, kroch durch viele Planken, schob mit den letzten Müllkasten zur Seite und schlüpfte ins Freie. Mühsam war der Weg gewesen und schmutzig, aber es war doch ein Weg und rettete aus der Klammer der Polizei. Unterwegs wurde kein Wort gesprochen. Vereinzelte Schüsse sprachen noch und klatschten sich mit ihrem Echo selber Beifall.

»Alles in Ordnung«, meldete Paul Riedel, »jetzt sind wir raus aus der Falle.«

»Wo kriegen wir jetzt ein Auto her?« fragte Bundschuh.

»Achtung, Polizei«, flüsterte Riedel, »Polizei«, und drückte sich in den Schatten. Auch die andern drückten sich in das schützende Dunkel und warteten so lange, bis die Patrouille vorüber war.

»Auto?« fragte Riedel, »dort kommt eine Taxe.« Er lief auf die Straße, hielt den Wagen an und sagte: »Nach Neukölln, wir haben einen Kranken bei uns. Fahre wie der Teufel, Kollege.« »Einen Kranken?« fragte der Chauffeur, beugte sich aus dem Wagen und sah Müllers blutigen Verband. »Schön, einen Kranken, aber das kostet eine Kleinigkeit extra.«

»Was soll es denn kosten?« fragte Mucki.

»Eine Fuhre mit drei Personen und einem Kranken von hier nach Neukölln? Augenblick mal«, überlegte der Chauffeur, lauschte in die entfernte Schießerei und sagte endlich: »fünfundzwanzig Mark.«

»Geht es nicht für zwanzig?« fragte Bundschuh und hielt die Banknote hin, die er von Herfurt bekommen hatte.

»Zwanzig Mark? Sie sind wohl verrückt geworden«, sagte Mucki und nahm im das Geld aus der Hand, »Zwanzig Mark? Was für ein Unsinn!« Sie wandte sich an den Chauffeur! »Zehn Mark höchstens, los, fahren Sie uns für zehn Mark, aber schnell, wir haben es eilig.«

Der Chauffeur wußte Bescheid. Natürlich hatten es die Leute eilig, und wenn man schon zwanzig Mark anbietet, können auch fünfundzwanzig gezahlt werden. Der Mensch muß seine Chance ausnützen. Die nützen doch auch ihre Chance aus. Er schüttelte den Kopf und sagte:

»Fünfundzwanzig, junge Frau.«

Müller kam mit geballten Fäusten näher.

»Geh zum Teufel, du alter Gauner, verschwinde, du halbe Portion«, fluchte er laut, »so krank bin ich doch gar nicht, daß wir dein verrecktes Auto gebrauchen. Wir können ja auch Straßenbahn fahren.«

»Otto«, klagte Mucki, »nimm dich zusammen, wenn die Wunde wieder aufbricht!«

»Laß sie brechen, kleine Frau, und dem Hund hier breche ich das Genick, wenn er nicht schnell verschwindet«, keuchte Müller und ging auf den Chauffeur zu. Der starrte in das blasse Gesicht mit dem blutigen Verband, gab schnell Gas und raste davon.

Sie gingen weiter.

Im Schatten der Häuser liefen sie und vermieden das gelbe Licht der Laternen. Über die Straßen huschten sie wie Eidechsen, immer ferner und unwahrscheinlicher klangen die Schüsse in der Kellerstraße. In großen Bogen umgingen die Flüchtlinge die Ansammlungen auf den Straßen. Endlich kam ein zweites Auto. Bundschuh hielt es an.

»Nach Neukölln, in die Kaiser-Friedrich-Straße, aber schnell, wir haben einen Kranken«, sagte er.

»Was soll denn die Fuhre kosten?« fragte Mucki.

»Nach Neukölln? Augenblick mal«, sagte der Chauffeur und stellte die schon eingeschaltete Uhr wieder ab, »steigt ein, Genossen«, sagte er, »ich fahre euch umsonst. Wo kommt ihr her?«

»Aus der Kellerstraße.«

Der Chauffeur pfiff vor sich hin.

»Aus der Kellerstraße? Na, dann wollen wir mal sehen, daß wir diese liebliche Gegend so schnell als möglich hinter uns haben. Mein Bedarf an Weltgeschichte ist restlos gedeckt. So ein alter Frontsoldat wie ich geht in Deckung, wenn geschossen wird.«

Er schaltete den ersten Gang ein.

Er suchte die glattesten Straßen aus.

Mucki hielt die Hand ihres Mannes.

Als Brautleute waren sie vor zwei Jahren mit der Eisenbahn und Hand in Hand nach der Sächsischen Schweiz gefahren nach der Bastei. Hatten die Schwedenlöcher besucht, den Lilienstein, den Königstein und den Pfaffenstein. Drei Tage Wanderung durch die Gründe und Schlünde nach den Bergen und Zinnen. Mucki lächelte. Auch jetzt fuhr sie mit Otto Hand in Hand. Es war wie auf einer Hochzeitsreise. Heraus aus dem Jammer, aus dem Kampf, aus dem Elend. Ihr Herz war ein Sender und funkte seine zärtlichste Welle hinaus.

»Mucki, liebe Frau Müller«, sagte Otto und lehnte seinen Kopf an ihre Schulter.

Bundschuh saß vorn beim Chauffeur und dachte an Erwin und an den runden Kurt, der ihn und Riedel und Müller mit der Pistole in der Faust gedeckt hatte. An den Kurt mit dem Vollmondgesicht dachte er, an den Mann, der sich opferte und einen Gruß für eine Erna hinterließ. Die Männer und jungen Burschen waren ja nicht allein, sie hatten ja Frauen und Mädchen.

Die Frauen und Mädchen der Revolution sind keine Gänse, die schnattern, wenn ein Gewitter kommt. Die kleine Erna zum Beispiel war achtzehn Jahre alt und Verkäuferin in einem Warenhaus. Sie hatte gesehen, wie der Krankenwagen kam und Kurt aufgehoben und weggefahren wurde. Und da ging sie mit wächsernem Gesicht und wie mit gläsernen Füßen durch die Doppelposten der Polizei. Sie ließ sich nicht aufhalten, nein, und hatte doch keinen andern Ausweis als den Schmerz in ihrem Gesicht. Sie kam nach dem Krankenhaus, schob die Schwestern und Pfleger beiseite und drängte sich in den Operationssaal.

Die kleine Erna sah ihren Freund im zischenden blauen Lichte auf der Bank liegen, schon vom Tode gezeichnet. Und als er starb, weinte sie keine Träne. Sie ging ernst und unaufhaltsam nach Hause, schob die Posten beiseite und stand am nächsten Morgen wieder im Warenhaus, Abteilung Damenwäsche. Am dritten Tag, als Kurt begraben wurde, weinte sie. Und als Thea sie trösten wollte und die billigen Worte sagte von der Jugend, die schnell vergißt und vom Leben, das ja noch so lange dauert, da warf die kleine Erna einen so eisigen Blick auf die damenhafte Genossin, daß sie sich schämte.

Aber das war drei Tage später. Jetzt fuhr das Auto durch die Dunkelheit, Mucki hielt die Hand ihres Mannes, und der Hermannplatz war gesperrt. Eine Polizeistreife hielt den Wagen an.

»Wo kommen die Herrschaften her?«

»Von einer Geburtstagsfeier, Herr Wachtmeister.«

»Wo fahren die Herrschaften hin?«

»In die Weserstraße, Herr Wachtmeister«, antwortete zum zweiten Mal der Chauffeur.

»Warum hat der Mann da den Kopf verbunden?« fragte der Wachtmeister und leuchtete mit der Taschenlampe in den dunklen Wagen, »was ist mit dem Mann da passiert?«

»Ein zärtlicher Onkel wollte mal sehen, wie hart der Kopf seines Neffen ist, Herr Oberwachtmeister«, lachte der Chauffeur. »Wir haben vielleicht einen zuviel gepichelt und hinters Hemd gebraust, der Herr Oberwachtmeister wissen ja selber, wie leicht so eine kleine Familienfeier ausartet«, quatschte der Chauffeur weiter, ließ plötzlich den Wagen anlaufen und raste davon.

»Das hast du gut gemacht, Kamerad«, sagte Riedel.

»Ein jeder tut, was er kann«, erklärte der Chauffeur.

Kurz nach Mitternacht schloß Eugen Bundschuh die Türe zu Theas Wohnung auf. Der Chauffeur hatte sich bis zur letzten Minute geweigert, Geld für die Fahrt zu nehmen.

»Laßt mal gut sein, Kollegen«, sagte er, »ich muß ja sonst das ganze Kroppzeug durch Berlin fahren, und wenn ich mal anständige Leute habe, müßt ihr mir zum Schluß nicht so dämlich kommen. Eine Zigarette nehme ich gerne. So. Danke. Und nun machts gut!«

Thea war noch wach.

Sie kam in den Korridor, und als sie die vier Menschen sah, an Bundschuhs und Riedels Händen klebte Blut, auch Müllers Verband war ganz rot, da schrie sie leise auf.

»Um Himmelswillen, was ist denn passiert?«

»Nichts«, sagte Otto, »Streifschuß, Thea, guten Abend.«

»Ruhe«, befahl Riedel, »den Otto hats erwischt. Und das hier ist Mucki, seine Frau. Können die beiden vorläufig hierbleiben, bis alles vorüber ist? Bis nicht mehr geknallt wird? Auf dem Wedding scheint alles erledigt zu sein. Und«, er zögerte, »wie gehts in Neukölln?«

»Hier wird auch geschossen«, sagte Thea, »natürlich kann der Otto hier bleiben, und Sie bleiben auch hier, junge Frau«, wandte sie sich an Mucki, »Eugen und Paul können in der Stube auf dem Faulenzer schlafen.«

Mucki warf einen schnellen Blick auf Thea.

Thea warf einen prüfenden Blick aus Mucki. Und dann lächelten die beiden Frauen. Sie hatten sich verstanden und Gefallen aneinander gefunden. Otto setzte sich.

»Nur einen Tag oder zwei werden wir bleiben, und ich helfe mit in der Wirtschaft.« Sie deutete auf den verhangenen Käfig. »Was haben Sie denn da? Einen Finken?«

»«Nein, einen Kanari, das Peterle.«

»Bitte, Thea, können wir Otto nicht erst in das Fremdenzimmer bringen? Er ist todmüde«, sagte Bundschuh.

»Natürlich, Verzeihung, Mucki, und Sie gehen jetzt auch mit schlafen. Paul und Eugen waschen sich erst mal das Blut von den Händen. Und dann rauchen wir noch eine Zigarette. Und dann müßt ihr mir erzählen, was bei euch los war, Jungens!« sagte Thea.

Sie brachten Otto in das Fremdenzimmer.

Mucki blieb bei ihrem Mann. Noch einmal erneuerte sie den Verband, sie pflegte den Mann leise und zärtlich, sie ließ die Augen friedevoll auf ihm ruhen und strich ihm das wilde Haar aus der Stirn. Otto lag da, schmerzlos war er, aber er klagte über große Schmerzen, um die sanfte Hand der kleinen Frau noch einmal auf der Stirn zu fühlen.

Thea saß mit Eugen und Paul noch eine halbe Stunde zusammen und ließ sich von den Straßenkämpfen erzählen. Sie hatte angstvolle Augen und lauschte in die fernen Schießereien, die in Neukölln hallten und schallten. In der Nacht träumte sie, ihr Mann lebe und sei noch einmal erschossen worden, aber es war gar nicht ihr Mann, der auf der Erde lag und aus der Stirn blutete. Der Mann, der auf der Erde lag, nein, das war nicht Peter. Blut rann um die Stirn, Blut rann purpurn um die weizengelbe Haarsträhne.

Thea erwachte und hörte die Atemzüge von Paul und Eugen, die großen Atemzüge der Jugend, und schlief beruhigt wieder ein.

Am Morgen ging Paul Riedel als Kundschafter nach dem Wedding. Die Kellerstraße war noch abgesperrt. In der Nacht hatte es noch einige Tote gegeben. Und in Neukölln gab es Barrikaden und Tote. In Neukölln wurde auch noch am anderen Tag geschossen. Das Echo der Schüsse kam bis in Theas Wohnung. Müller lauschte aufgeregt in das leere Getöse. Mucki saß neben ihrem Mann, aber jetzt hatten die zarten Hände keine Gewalt mehr über ihn.

»Du sollst dich doch nicht aufregen, Otto«, bettelte sie, »du hast doch deine Pflicht und Schuldigkeit getan. Der Doktor hat dir strengste Ruhe verordnet. Leg dich hin, Otto, und versuche zu schlafen.«

»Ein Maschinengewehr hätte er mir verschreiben sollen, Frau Müller, das würde helfen«, antwortete der Mann. Aber dann legte er sich doch seufzend hin und ließ sich gern pflegen und bemuttern.

Blumen blühten, Wellen spielten, Vögel sangen, Falter flatterten, Kinder lachten, Winde wehten, überall Freude, Licht, Aufbruch, neue Geburt. Und durch Berlin stampfte der Bürgerkrieg. Er verirrte sich auch in stille Straßen. Nach der Lambedastraße kam eine Polizeistreife, alarmiert von einem ängstlichen Bürger, der vom Weltuntergang fieberte. Die Straße lag ruhig im Abend, in der Nachbarschaft wurde geschossen, aber hier saßen die Leute aus den Balkonen bei den Blumen und Fahnen. Sie hörten das nahe Knallen, sie freuten sich, nicht in der Gefahrzone zu sein, und nun erschien die Polizei.

»Fenster zu!« schrie die Polizei, und schon krachten die ersten Schüsse.

Schon krachten die ersten Schüsse, die Balkone lagen verlassen da, die Fenster schlossen sich, aber aus einem Balkon blieb der alte Mann, der Arbeiter, der den Feierabend genoß. Seine Tochter war in der Küche, und als sie nach dem Balkon sah, war der Vater noch dort. Er beugte sich über das Gitter und blickte aus die Straße hinunter. Die Schüsse waren vorbei. Vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, elf Schüsse waren gefallen. Ja, die Frau stand auf der Straße, im Abendwind roch es ein wenig nach Pulver, sie schnupperte, die Fenster und Balkone belebten sich wieder, und plötzlich fielen von oben Tropfen auf die Hand der Frau.

»Ekelhaft«, dachte sie, »wirklich ekelhaft, daß sich die Leute nicht vorsehen beim Blumengießen.«

Es wurden keine Blumen gegossen da oben auf den Balkonen. Die Tropfen waren kein Wasser.

Die Frau hatte eine Tochter, elf Jahre war sie alt, Elfriede hieß sie. Und plötzlich hörte die Mutter das Mädchen schreien. Warum schreit Elfriede? Sie hatte dem Großvater ›Gute Nacht‹ sagen wollen, aber der brauchte keine gute irdische Nacht mehr. Er war tot, erschossen von den blinden Schüssen der Polizei. Und auf diesem Balkon wurden keine Blumen gegossen. Sein Blut tropfte auf die Straße und fiel der Tochter auf die Hand.

Gute Nacht, ja gute Nacht! Er war wie eine Schießscheibe gewesen, der alte Mann in der Lambedastraße, hinter sich die erleuchtete Stube, neben sich die ersten Tulpen und über sich die bestrahlte Fahne auf dem Balkon. Der Bürger mit der Weltuntergangsangst konnte beruhigt schlafen. In seiner Straße wurde gegen den Aufruhr geschossen. In seiner Straße wurde der Frieden durch eine Salve verkündet. Päng, päng, päng! Fenster zu, Fen–ster–zu! Fenster zu oder wir schießen. Sie hatten geschossen. Päng!

Mit blinden Augen ging der Bürgerkrieg durch die Stadt, aber er schoß scharf und traf gut. Zehn Tote, zwanzig Tote am zweiten Tag, kein Mensch wußte, wieviel gefallen und verwundet waren. Und Willi, der feige Willi, saß im sicheren Westen und ließ sich einen Vollbart wachsen.

Herfurt war im Westen, Uralski war im Westen, sie hockten in den Pensionen, die Kampfleitung tagte nicht mehr als Schachverein. Willi sprach nicht mehr von den Toten. Er brauchte sie nicht mehr auf die Straßen und Plätze verstreuen, sie lagen wirklich auf den Straßen und Plätzen in Neukölln, am Wedding, und die Verwundeten und Verhafteten waren gar nicht zu zählen.

Drei Tage blieb Riedel unterwegs. Am Wedding war er, in Neukölln war er, Herfurt hatte ihn als Kurier eingesetzt. Auf einer Geheimsitzung der Kampfleitung hatte er Uralski kennengelernt. Den Russen haßte er vom ersten Augenblick an, den geschniegelten und gebügelten Berufsrevolutionär mit Lackschuhen und den bunten Seidenhemden. Zwei Welten stießen zusammen. Der Arbeiter, der sich und sein Leben für die Sache einsetzte und der kühle Stratege, der das Leben seiner Kameraden einsetzte und sein eignes Leben in Sicherheit brachte.

Kurt mußte fallen, damit Willi leben konnte? Aber warum mußte Willi leben? Warum mußte Kurt fallen? Für Willi? Für Herfurt? Für Uralski? Nein, nein, nein, Kurt hatte mit Willi, Herfurt und Uralski nichts zu tun. Der Junge war für seine Straße gefallen, für die erste Barrikade, für den verwundeten Otto Müller, für die Genossen und Kameraden, für Paul und Eugen!

Drei Tage trieb sich Riedel in Berlin herum.

Ab und zu wurde noch gekämpft und geschossen.

Aber alles war aus, verloren und vorbei.

Tote, Tote, Verwundete, Verwundete, Verhaftete, Verhaftete und viele Flüchtlinge.

»Das ist furchtbar, Paule«, sagte Thea und fröstelte. Paul Riedel hatte seinen Bericht gegeben. »Das ist furchtbar«, sagte die junge Frau, »ist keine Hoffnung mehr, Paule?«

»Nein. Es ist vorbei.«

»«Nichts ist vorbei, nichts ist furchtbar«, sagte Müller. »Mit Rosenwasser und mit weißen Lilien macht man keine Revolution, jedes Kind wird im Blute geboren«, sagte er und sprach wie in einer Versammlung, »das werktätige Volk, dieser geknebelte Riese, das Proletariat...« Aber dann ließ er die hohen Töne und den bestaubten Plüsch. Er wurde ganz einfach und erklärte: »Ja, was wir sagen wollten: ›Auf Wiedersehen!‹ Ich muß wieder rein in den Betrieb. Warum sollte ichs eigentlich besser haben als meine Genossen?«

»Aber Otto Müller«, entsetzte sich Thea, »der Doktor hat doch noch eine ganze Woche Schonung verordnet.«

Müller lächelte.

»Du willst gehen, Otto?« fragte Riedel.

»Das sowieso. Gehst du mit?«

»Nein.«

Müller hob erstaunt die Augenbrauen.

»Nein?«

»Ich habe mit Thea noch was zu besprechen.«

»Ach so«, lachte Müller, »na, da komm mal mit, kleine Frau, wir wollen nach Hause.«

Mucki sagte:

»Komm doch mal zu uns, Thea. Ganz so schön und still wie bei dir ists zwar nicht in der Kellerstraße, aber von einem Ochsen kann man nur Rindfleisch verlangen. Schweinebraten ist wieder was anders.«

»Das verstehe ich nicht, Mucki«, lachte Thea.

»Ich auch nicht, aber das sind eben so die Sprichwörter. Wann kommst du mal, Thea?

»Bald, vielleicht schon morgen.«

Bundschuh brachte die Familie Müller, Otto war immer noch wacklich in den Füßen, bis zum Wedding. Sie sprachen wenig unterwegs. Sie hatten sich in den letzten Tagen schon alles erzählt. Die Sache war verloren, aber die Bewegung blieb und konnte niemals verloren gehen. Sie war mit dem Blute der Toten und Verwundeten getauft worden.

Thea und Paul waren allein. Die Frau ließ ihre Katzenaugen leuchten, Riedel blieb stumm, wußte nicht, was er mit seinen Händen anfangen sollte und seufzte. Thea erbarmte sich seiner und sagte:

»Schießen Sie los, Paule, was haben Sie auf dem Herzen?«

»Ja, Thea«, zögerte er, »ich habe da den Russen kennen gelernt, den Uralski, und ...«

»Und?«

»Ach, das ist auch so ein Kerl wie der Willi, der uns im Stich gelassen hat. Was wollen denn die Baschkiren und Kalmücken in Deutschland?«

Thea war sehr enttäuscht. Sie verzog ein Wenig den Mund und sagte:

»Keine Ahnung, wirklich keine Ahnung, Paule.«

Riedel stotterte:

»Und den Herfurt – den mag ich – auch nicht mehr – so – glühend – wie früher, Thea.«

»Den Herfurt? Ich auch nicht, Paul!« sagte sie.

Riedel glühte.

»Thea,« sagte er und preßte ihre Hand, »Thea, das ist ja herrlich, herrlich ist das, und glücklich bin ich. Ach, Thea!«

»Wie bitte?« fragte die junge Frau Gärtner und erstarrte vor Hochmut.

Die Katzenaugen wurden steinern. Den roten Mund schminkte Kühle. Das sonst so sanfte Kinn war Abwehr, und die Augenbrauen bauten steile Brücken. So standen sie sich gegenüber: die Dame und der Arbeiter. Riedel seufzte noch einmal. Aus. Fertig und vorbei! Warum sagte die Dame da: ›Paule‹ oder ›Paul‹ zu ihm, wenn sie nichts von ihm wissen wollte. Und warum versteinerte sie jetzt? Riedel wußte nicht, daß sich Thea von ihm nur besiegen lassen wollte. Stürmen sollte der junge Mann, mutig sein, gegen Herfurt kämpfen, gegen Thea kämpfen, mit seinen Händen was anfangen!

Riedel zuckte zusammen.

»Entschuldigen Sie bitte«, sagte er, »ich bin ja nur ein gewöhnlicher Arbeiter. Guten Tag.«

Ich bin ja nur ein ganz gewöhnlicher Arbeiter! Und bevor sich Thea von ihrer Verblüffung erholte, war er gegangen und hatte die Türe hinter sich zugeknallt. Ein ganz gewöhnlicher Arbeiter! Ja, hat denn der Junge noch nicht begriffen, daß er zum Salz der Erde gehört? Früher studierten Genies Astronomie oder Chemie, jetzt studierten sie Politik und die Seele des Arbeiters. Ich bin ja nur ein ganz gewöhnlicher Arbeiter! Warum machte sich Paul so klein? Und nun lachte sie. Komisch sind diese Männer! Kinder sind sie. Spielzeug wollen sie haben. Spielzeug sind sie in klugen Händen. Herfurt, der Mann mit den Nebenfrauen, Riedel, der mit seinen Händen nichts anzufangen wußte, Bundschuh, ja, was war dann mit Eugen Bundschuh los?

Am nächsten Tag besuchte sie mit ihm den Wedding.

Otto war verschwunden.

Die Partei hatte ihn mit ganz bestimmten Aufträgen nach Penzlow geschickt, und die kleine Mucki hütete die neue Adresse eifersüchtiger wie eine Löwenmutter ihr Junges.

»Deinen Mann haben sie erschossen, Thea,« sagte sie, »und du kennst die Weiberherzen. Ach, wie schrecklich war es doch, als Riedel kam und mir nicht sagen wollte, was mit Otto passiert ist! Und der da«, sie zeigte auf Bundschuh, »der da hat überhaupt nichts gesagt. Er hat sich«, sie lachte, »über den Lautsprecher beklagt. Der spielte gerade: ›O Suse komm nach Usedom‹. Nein, Thea, ich darf dir nicht sagen, wo Otto ist.«

»Aber Mucki, ich will es ja gar nicht wissen!«

»Und wenn du mir die Zunge mit einer glühenden Zange herausreißen läßt, Thea, nein, nein, ganz bestimmt nicht: von mir erfährst du sie nicht, die Adresse, nein, nein. Er soll ruhig fortbleiben, bis sich hier alles wieder beruhigt hat, meinst du nicht auch?« fragte sie und erklärte: »In Penzlow werden sie ihn schon nicht suchen.«

»Bestimmt nicht, Mucki«, sagte Thea.

»Ihr habt doch von der kleinen Erna gehört«, begann Mucki mit ganz zärtlicher Stimme, »und du hast sie ja auch gesprochen, Thea, und jetzt ist sie verschwunden. Gestern. Vielleicht ist sie ins Wasser gegangen. Sie wollte nicht mehr leben, Weil Kurt tot war. Wo die Liebe hinfällt, da bleibt sie liegen! Kannst du mir sagen, warum wir das alles verdient haben?«

»Frage den Mann dort, vielleicht weiß er es, Mucki«, sagte Thea Gärtner.

Mucki wandte sich an Bundschuh:

»Sie, Herr, sagen Sie, warum haben wir armen Weiber das alles verdient?«

»Ach, Frau Müller«, sagte Bundschuh und lächelte, »das alles hat der Herr Otto Müller schon lange beantwortet.« Seine Stimme wurde ernst: »Es muß gekämpft werden gegen diesen Mischmasch von heute, gegen dieses verdammte Nichtkalt und Nichtwarm!«

»Und was sagen die vielen Verwundeten dazu, Eugen?« fragte Thea.

»Und die Toten?« fragte die einfältige Mucki Müller und riß ihm den Boden unter den Füßen weg.

Nach einer Niederlage müssen die Schuldigen gesucht werden, nach einem Siege drängen sie sich selber vor. Der Berliner Mai war eine Niederlage. Uralski hatte mit der Kampfleitung heftige Zusammenstöße gehabt, jetzt suchte er Rechtfertigung bei Herfurt, und Herfurt hatte auch Thea Gärtner und Eugen Bundschuh zu der kleinen Besprechung in der Augsburger Straße eingeladen. Sie wurden von einem jungen Mädchen mit weißem Häubchen und koketter Schürze empfangen und in die Bibliothek geführt. Dort saßen in tiefen Klubsesseln einige rauchende Männer. Herfurt murmelte einige Namen, warf einen freundlichen Blick auf Thea und eröffnete die Besprechung.

Wir haben verloren, sagte er, und unser Freund Uralski will mit uns die Ursachen der Niederlage besprechen. Ja, aus den Erfahrungen wollen und müssen wir lernen, um es das nächste Mal besser zu machen. Berlin hat sich tapfer gehalten, in Neukölln und am Wedding wuchsen Barrikaden aus der Erde. Die Genossen haben gekämpft, und wenn wir diesen Kampf auch jetzt aus taktischen Gründen in unsren Zeitungen ableugnen müssen, die Tatsache bleibt bestehen, daß gekämpft worden ist. Alle Toten sind auf unsrer Seite. Und was beweist das? Das beweist, lieber Uralski, daß die Aktion militärisch schlecht vorbereitet war. In diesen Gedankengängen bewegte sich Herfurts Rede. Er schloß: »Was für Lehren ziehen wir nun daraus?«

»Die Proletarier haben sich versagt«, begann Willi und hob die Hand, »auf die Wedding haben sich die ersten Barrikaden sofort geräumt, als die Panzerwaggon kam. Und die Polizei ...«

»Ruhe, Willi«, unterbrach ihn Uralski, »du hast gar nicht das Wort. Dort«, er deutete auf Bundschuh, der still in der Ecke saß, »dieser Arbeitergenosse soll sprechen. Er war viel länger als du in der Kampfzone. Wie denkst du über die Lage?« schmeichelte seine Stimme.

Was dachte Eugen Bundschuh über die Lage? Er war einfacher Soldat gewesen, zuerst Gefechtsordonnanz, dann Mann in Reih und Glied, er hatte keine Übersicht und kannte nicht die Endziele der Aktion, aber das ahnte er, daß es nicht gut um eine Sache stehen muß, wenn sich der Generalstab beim Frontsoldaten nach dem Stand der Lage erkundigt. Die Kellerstraße kannte Bundschuh, Riedel, Müller, Erwin, Kurt, Adams und Lange, kaum ein Dutzend Genossen, was konnte er viel erzählen und berichten? Der Russe wartete aus Antwort.

»viel ist nicht zu sagen«, begann der Deutsche. »Die Stimmung ist verzweifelt. Die Gefängnisse sind überfüllt. Zuviel Tote und Verwundete. Alles Arbeiter. Wir haben verloren, das ist die Stimmung. Uns haben sie im Stich gelassen, ist die Stimmung. Und der Genosse da«, er zeigte auf Willi, »der da ist als Erster davongelaufen, als die Grünen kamen!«

»Verstärkung wollte ich holen«, wehrte Willi ab.

»Ruhe, du bist nicht gefragt worden«, bellte Uralski, »über dich wird man in Moskau sprechen.«

Willi verkroch sich noch tiefer in den Klubsessel.

»Berlin bat sich tapfer geschlagen«, lobte Uralski, »auch wir bei uns haben nicht gleich beim ersten Anlauf gesiegt. Und wenn wir jammern wollen, nun, machen wir die Toten, die gefallen sind für ihre Klasse, wieder lebendig? Nein, nein, nein«, sagte er, »wir machen sie nicht wieder lebendig. Sie sind Märtyrer, und Märtyrer soll man nicht unterschätzen.«

Aus dem Sessel am Fenster erhob sich nun eine sehr freundliche Stimme.

»Ich bin der Meinung, daß man hier in Deutschland die Massenaktionen durch Einzelaktionen unterstützen muß, weitest gehend unterstützen! Bomben sind genug vorhanden, und unser teurer chemischer Genosse will auch mal die Wirkung seiner Sprengmittel sehen.«

»Unsinn, Boris Michaelowitsch, Unsinn«, sagte Uralski sehr kühl, »laß deinen chemischen Genossen aus dem Spiele.«

»Wenn Boris Michaelowitsch durchaus beschäftigt sein will, schlage ich vor, ihn nach dem Balkan zu schicken. Unsre Kampfleitung gibt gern ihren Segen dazu«, spottete Herfurt, »auf dem Balkan sind Bomben immer noch ein gefragter Artikel.«

»Lassen wir die Bomben«, erwiderte der Russe mit der freundlichen Stimme, »aber vielleicht sollte man doch mal einen fetten Schieber oder dicken Bonzen als kleine süße nette Leiche am Reichstag niederlegen. Oder ist das Polizeipräsidium dafür zuständig?«

»Das Irrenhaus«, knurrte Herfurt.

»Wieso das Irrenhaus?« fragte Boris Michaelowitsch mit unschuldiger Stimme.

»Herfurt hat recht, Boris Michaelowitsch, für diese deine Späße ist kein Interesse da«, erklärte Uralski. Er wandte sich an Herfurt und fragte: »Ist die Geschichte mit der Arbeiterdelegation schon im Gange? Wann fahren die deutschen Genossen nach Moskau?«

»Spätestens in sechs Wochen, und ich fahre selber mit«, erklärte Herfurt, »wenn ich meine Meinung über die deutsche Entwicklung umreißen soll: die Hauptgefahr sehe ich im aufsteigenden Faschismus. Bei uns gibt es viele Dinge, Kolja, die man am besten gefühlsmäßig erfaßt. Mit dem Verstand ist nicht alles zu erklären. Vielleicht verstehst du mich auch nicht, Gefühle sind wortfeindliche Geschöpfe, ja, jetzt habe ichs: die Entscheidung wird bei uns zwischen Hakenkreuz und Sichel und Hammer fallen. Das Hakenkreuz findest du jetzt schon in den Arbeitervierteln. Und Nazistürme und Propagandamärsche. Darum müssen Wir uns kümmern. Wir haben beschlossen, in die Stürme unsre Horchposten zu schicken. Vorläufig aus jedem Berliner Bezirk einen Mann.«

»Ausgezeichnet. Sehr gut. Und schickt dann den besten Mann mit der Delegation nach Moskau. Als Berichterstatter. Schickt einen Mann vom Wedding. Der hat einen guten Namen bei uns. Kennt ihr einen guten Mann?«

Herfurt wandte sich an Thea und Bundschuh. »Ihr kennt doch den Wedding, wen schlagt ihr vor?«

»Den Paul Riedel«, sagte Bundschuh.

»Ja, das ist ein guter Mann«, sagte Thea.

»Riedel, Riedel, ich kenne ihn, die Riedel, er ist die Partei treu ergeben,« sagte Willi ganz schnell, »ich habe beobachtet ihn und schätzige ihn sehr als Klassenkämpfer.«

Uralski tat, als habe er nichts gehört.

»Morgen fahre ich mit Willi nach Moskau«, sagte er, »in sechs Wochen spätestens kommst du mit deinen Leuten, Herfurt. Meine Vertretung übernimmt, bis anders bestimmt wird, unser Boris Michaelowitsch.«

»Boris Michaelowitsch?« fragte Herfurt erschrocken.

Aus dem tiefen Klubsessel erhob sich der junge Russe, der von den Bomben und den kleinen süßen netten Leichen vorm Reichstag gesprochen hatte. Er war vielleicht Ende der Zwanziger und hatte, wie Uralski, breite Backenknochen. Sein Haar war weißblond und schimmerte silbern. Die Augen träumten im dunklen Blau. Nun stand er da und stellte sich vor:

»Boris Michaelowitsch«, sagte er, »Chemiker, aber hier heiße ich Emil und werde mich freuen auf die Zusammenarbeit. Keine Leichen? Nitschewo, keine Leichen sind auch gut!«

»Keine Leichen sind auch gut? Das ist ein goldnes Wort, Genosse Emil«, sagte Herfurt, »auch wir freuen uns auf die Zusammenarbeit und hoffen nur, daß du keine Bomben in der Brieftasche mit herumschleppst.«

Emil schüttelte den weißblonden Schopf.

»Habt ihr was gegen Eisbomben?« fragte Ulralski.

Sie hatten nichts gegen Eisbomben.

Der Russe klingelte, das junge Mädchen erschien, die schöne Dienerin, und brachte Schnaps, Zigaretten, schwarzen Kaffee, belegte Brote und eine kunstvolle Eisbombe. Man aß und trank, lachte und rauchte, und dann begann Emil zu erzählen. Von der besonnten Krim.

»Vor drei Wochen war ich noch in Simferopel«, sagte er, »und das ist eine sehr interessante Stadt. Noch interessanter aber ist augenblicklich das flache Land bei uns. Die Bauern. Und am allerinteressantesten sind die deutschen Bauern. Ganz dicht bei Simferopel liegt ein deutsches Dorf, Annathal heißt es oder Elisabethenthal, Nitschewo, der Name ist nicht wichtig, wichtig ist, daß sich die deutschen Bauern in die Kommunen drängen und den Tataren als Vorbild dienen. Nun, lange genug haben sie sich gewehrt, die Bäuerleins, aber nun sind die Deutschen dabei, und wir freuen uns sehr. Die Deutschen«, er machte eine kleine Pause, »die Deutschen sind die besten Bauern in der Sowjetunion.«

»Ein Glas den deutschen Bauern in der Sowjetunion«, sagte Uralski und goß den wasserklaren Wodka ein, »sie sollen leben und ihre Brüder, die deutschen Proletarier!«

Wie Feuer rann der Schnaps die Kehlen hinunter.

Thea schüttelte sich und sagte:

»Pfui, das brennt ja wie der leibhaftige Teufel! Wodka, Wodka«, fragte sie, »wie heißt denn Wodka auf deutsch?«

»Wodka heißt Wasser, gebranntes Wasser«, dienerte Willi.

Thea trank den feurigen, wasserklaren Rest aus und schüttelte sich noch einmal.

Russisches Wasser?

Das hatte sie doch schon einmal gehört!

Vor einer Woche erst, am ersten Mai, als sie mit Herfurt und Bundschuh im Cafe Geier war und nach dem Sinn der Parole sieben elf siebzehn gefragt hatte. Russisches Wasser, Wasser von der Newa und von der Mosqua! Eine Woche erst war vergangen, die Arbeiter haben die Feuertaufe bestanden sagt jetzt Uralski, aber er sagt nicht, wie heftig in diesen sieben Tagen getauft wurde! Die Gefängnisse waren noch überfüllt von den Täuflingen, in den Krankenhäusern lagen sie und in den Gräbern. Fliehen mußten sie, verfolgt wurden sie. Das russische Wasser war eine feurige Taufe für das unsterbliche Volk.

»Darf ich auch mit hinüber nach Moskau fahren?« fragte Bundschuh.

»Ja, spätestens in sechs Wochen. Und Thea fährt vielleicht auch mit. Einverstanden, Thea?« antwortete Herfurt und seine farblosen Augen begannen zu leuchten. Thea nickte. Herfurt lächelte und trank mit ganz kleinen Schlucken den wasserklaren, brennenden Schnaps.

Die drei Russen unterhielten sich.

»Kolja«, sagte Herfurt und schob das Kinn vor, »wir waren nicht immer einer Meinung, aber in den ganz großen Fragen haben wir uns immer verstanden. Werden wir dich da drüben in Moskau treffen?«

»Keine Ahnung. Vielleicht bin ich in vierzehn Tagen wieder in Berlin, oder ich bin in China oder fahre gerade nach Mexiko. Dort bin ich, wie es die Partei befiehlt.«

Willi hatte sieben Gläser Wodka getrunken. Mit dem Schnaps spülte er die Angst hinunter, die ihm in der Kehle saß, wenn er an Moskau und an das Parteigericht dachte. Mit glockenklarer, unwahrscheinlich strahlender Stimme begann er jetzt ein russisches Lied zu singen. Bundschuh starrte und staunte. Dieser Feigling, dieser Willi, sang wie ein junger Gott! Kolja und Boris Michaelowitsch, keine Leichen sind auch gut, sie lauschten mit verklärten Gesichtern und fielen dann mächtig in das Lied ein, das von den Steppen, Gebirgen und Strömen sang und jubelte und Lied ihrer Sehnsucht und Heimat war. Herfurt rückte seinen Sessel neben Thea Gärtner. Bundschuh sah durch den goldnen Glanz des Liedes die goldne Stadt Moskau und die großen Steppen.

An diesem Tage aber kamen aus der Stadt Simferopel nach dem Dorfe Marienthal vier Agenten der Politischen Polizei. Sie verhafteten den alten Dieck und den Bauern Peter Kuhn. Anna Wiesner wurde am Vortage aus der Stadt verjagt als ›Tochter eines asozialen Elements‹. Bei Jakob Bundschuh war Haussuchung, die Kästen und Schränke wurden durchstöbert, die Kleider aufgetrennt, der Fußboden aufgebrochen. Sie fanden nichts. Im nächsten Tag aber wurde ihm die Mühle genommen, die Mühle, die sein Vater vom alten Melzer als Heiratsgut erkämpft hatte. Der Prediger von Marienthal war schon am zweiten Mai verhaftet worden.

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