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Das unsterbliche Volk

Max Barthel: Das unsterbliche Volk - Kapitel 6
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typefiction
authorMax Barthel
titleDas unsterbliche Volk
publisherBüchergilde Gutenberg
year1933
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Fünftes Kapitel

Die als Schachverein getarnte Kampfleitung hatte Herfurts Bericht über seine Unterredung mit Uralski gelassen angehört. Mit großer Mehrheit wurde beschlossen, die Aktion nicht abzubremsen, im Gegenteil, der Weg zur Niederlage ist mit Sentimentalitäten gepflastert, und Märtyrer sind Schwurzeugen des Sieges. Sowjetdeutschland kann man nicht mit schönen Redensarten gewinnen. Nicht nur den Mund spitzen: gepfiffen muß sein. Uralski hatte vollkommen recht. Nichts zu machen, Herfurt!

Die Besprechung im Café Geier war kurz.

Als Thea mit Bundschuh erschien, saß Herfurt schon am runden Tisch ganz hinten am Eckfenster. Sein Gesicht war noch fahler und welker als sonst. Das Hammerkinn hing melancholisch nach dem faltigen Hals. Die Augen waren sehr müde, aber sie leuchteten auf, als Thea kam.

»Guten Tag«, sagte er, »nehmt Platz. Was gibt es Neues? Wie ist die Stimmung? Wie ist die Atmosphäre?«

»Mit Spannungen geladen«, erwiderte Thea und berichtete in leisen, fliegenden Worten von der Fahrt durch die Stadt, von der Wasserschlacht am Alex, den Demonstrationen und von dem Russen, der das Mandat von Uralski hatte. Herfurt winkte ab.

»Schon gut«, sagte er, »den Mann kenne ich, das ist Willi.« Er wandte sich an Bundschuh: »Du fährst sofort nach dem Wedding zu Otto Müller. Schriftliches wird heute nicht aus der Hand gegeben. Und am besten ist es, wenn du Thea deine Papiere gibst falls du hochfliegen solltest. Und wenn du hochfliegst, du weißt von nichts und verweigerst vorläufig jede Aussage, bis der Rechtsanwalt kommt. Dein Name ist Hase, und wir werden schon eingreifen, wenn es notwendig sein sollte. Also los in die Kellerstraße«,er malte auf ein Blatt einige Zahlen. »Das hier ist die Parole. Die überbringst du Müller.«

Bundschuh las: »Sieben elf siebzehn.«

»Ja, weiter nichts. Und dann kommst du nach der Motzstraße ins Café Neubert. Und hier sind zehn Mark, falls du ein Auto nehmen mußt.« Er fing einen Blick Theas auf, »nimm lieber zwanzig Mark, vielleicht mußt du da oben eine Lage Bier schmeißen. Die Jungens werden Durst bekommen. Und ich sehe dich dann in der Motzstraße. Machs gut!«

Er nahm das beschriebene Blatt und zerfetzte es in ganz kleine Stücke, legte sie in den Aschebecher und zündete ein kleines Feuerchen an. Sieben elf siebzehn, die Parole, wurde Asche, Feuer und Rauch.

Thea nahm Bundschuhs Papiere entgegen.

»Den Schlüssel behalten, Eugen«, lächelte sie, »vielleicht kommen Sie heute Nacht sehr spät nach Hause.«

»Ja, wahrscheinlich, und vergessen Sie nicht, Thea, dem Peterle frisches Wasser zu geben«, scherzte Bundschuh. Sieben elf siebzehn, ja, das würde er nie mehr vergessen. Er gab Herfurt und der jungen Frau die Hand und ging zur Untergrund. Auch Herfurt und Thea blieben nicht mehr lange in dem Café. Herfurt telephonierte an Otto Julius Meyer: »Großmutter ist gesund« und verließ dann mit Thea das Lokal. Auf der Straße sagte die junge Frau:

»Ich mache dich für den Jungen verantwortlich, Hans, konntest du nicht jemand anders schicken?«

»Aber du hattest ihn mir doch empfohlen, werte Dame«, antwortete Herfurt und seine Augen wurden begehrlich, »er wird schon seine Sache richtig machen, und wenn er wiederkommt, schicke ich ihn sofort zu dir... Aber vorher haben wir noch etwas anderes zu besprechen.« Er hängte sich bei ihr ein.

»Bitte sehr«, sagte sie, und ihre Augen wurden kalte Steine.

»Wie steht es mit uns, Dame?« fragte Herfurt und preßte ihren Arm, »ich habe keine Lust, noch lange zu warten.«

»Aber Hans«, antwortete sie, »ich habe doch gesagt, viele Male, daß ich nicht deine Nebenfrau werden will. Entweder – oder. Eigentlich sollte ich sagen: ich habe keine Lust, noch lange zu warten.«

Herfurt schob das Kinn vor.

»Das ist doch Unsinn, das mit der Nebenfrau, ich habe keine Götter neben dir, Thea, bestimmt nicht. Und du solltest es doch einmal mit mir versuchen, Dame!«

»Götter nicht, aber Göttinnen«, sagte Thea, »ich weiß nur von Dora, Babetta, Helene und Uschi.«

»Aber das ist doch alles erledigt, Thea«, erklärte Herfurt, »Dora ist in Stuttgart, Babetta in Hamburg, Helene in Leipzig.«

»Nur die kleine schwarze Uschi ist in Berlin«, lachte Thea.

»Du bist ein Mordskerl«, spottete sie, »wenn dir ein Mädel nicht mehr gefällt, schickst du sie fort und verschaffst ihr Arbeit in Stuttgart, Hamburg oder Leipzig. Du bist ein Scheusal, Hans, ein geliebtes Scheusal, wenn dus wissen willst, aber deine Nebenfrau? Nein, danke, wir wollen gute Freunde bleiben.«

»Also schön, Dame«, sagte Herfurt.

»Und was ist das für eine Parole, das sieben elf siebzehn? So eine Art siebenundvierzigelf?«

»Nein, kein Kölnisches Wasser, Dame. Wasser von der Newa und der Mosqua. Russisches Wasser! Aber die Nerven behalten, er wird schon wiederkommen dein Eugen!«

»Eifersüchtig, der große Hans Herfurt ist aus einen kleinen Kurier eifersüchtig?«

»Unsinn, ich machte nur Spaß... Gehst du mit zur Kampfleitung? Vielleicht erwischen wir Uralski dort. Er wird sich freuen, dich kennenzulernen, Dame.«

»Nein, danke, ich bin müde und fahre nach Hause.«

»Und ich rufe sofort an, wenn«, er lächelte, »wenn Eugen sich bei mir in der Motzstraße meldet.«

»Das ist gar nicht notwendig. Er kennt meine Telephonnummer und wird von ganz alleine anrufen, wenn er Zeit hat«, sagte Thea und war nun wirklich wie eine Dame. Sie reichte die Fingerspitzen: »Auf Wiedersehn, Hans Herfurt!«

»Auf Wiedersehn!«

Sie ging und ging, Herfurt starrte ihr lange nach. Und da drehte sie sich um, als habe sie seinen Blick im Nacken gespürt, und winkte mit der Hand. Und diese winkende Hand und das lächelnde Gesicht versöhnten Herfurt. Ja, sie war stolz, die Thea, und als Nebenfrau... Nein, ausgeschlossen. Uschi, Uschi, was soll mit Uschi werden? Ach, Mensch, die schicken wir nach Dresden. Die kann in der Parteibuchhandlung untergebracht werden.

Er pfiff leise und vergnügt vor sich hin.

Ja, Uschi soll nach Dresden!

Dann nahm er eine Taxe, lehnte sich in die Polsterung und fuhr die fünfhundert Meter bis zur Kampfleitung. Und die als Schachverein getarnte Leitung spielte bis tief in die Nacht. Springer und Läufer: die Arbeiter stoßen vor und werden zurückgetrieben. Die Bauern: die Masse ist voll Mut und Angriffsgeist. Die Türme: Neukölln und Wedding stehen wie die Türme. Die Dame heißt Revolution. Der König? Der König muß geschlagen werden. Schach dem König. Ewiges Schach, Nein, den Zug zurücknehmen gibt es nicht. Berührt ist geführt. Schach dem König. Remis. Nein: Patt. Unsinn, hier diesen Zug: ewiges Schach!

Thea fuhr nach dem Hermannplatz. Sie lächelte. Nein, sie wollte nichts mit Herfurt und seinen Herzensangelegenheiten zu tun haben. Er war ein Führer, aber er war kein Mann. Als sie aus dem Tunnel die Treppen emporstieg, kam sie in einen Tumult hinein. Immer noch war Berlin in Bewegung. Immer noch wogte das Millionenmenschenmeer.

»Weitergehen, bitte, weitergehen!«

Thea ging weiter, aber mitten auf dem Wege lief sie einem riesenhaften Schupo in die Arme. Er hatte ein sonnengebräuntes Gesicht, sonnenbraun am 1. Mai, zwei Köpfe größer war er als Thea. Er faßte die kleine Frau behutsam am Arm und sagte:

»Wo wollen denn gnädige Frau hin? Am besten ist, wenn gnädige Frau sofort nach Hause fahren, die Gegend hier ist für gnädige Frau nicht die richtige Gegend.«

»Herr Wachtmeister, aber ich bin gerade auf dem schnellsten Wege nach Hause«, sagte Thea und lächelte kokett in das braune Männergesicht empor, »Ist es wirklich so schlimm hier?«

»Ach, was, schlimm, natürlich, gnädige Frau. Hier haben sie schon Straßenbahnwagen umgekippt und die Stromzuführung zu andern Wagen zerschnitten. Und eine Barrikade ...«

Er unterbrach sich, ließ Thea stehen und rannte über den Platz. Dort stand eine Mauer grüne Polizei und riegelte die Hermannstraße ab. Geschrei. Fahnen. Lieder. Die grüne Mauer stand gegen die schwarze Flut. Steine hagelten, aber es war noch nicht geschossen worden.

Bundschuh kam aus dem Nettelbeckplatz in einen Tumult hinein. Ein halbwüchsiger Bursche, blaß und unterernährt, ein blaues Tuch um den mageren Hals geschlungen, rannte ihm in die Arme und keuchte:

»Mensch, dicke Luft, dicke Luft. In der Kellerstraße ist schon wieder geschossen worden.«

»Schon wieder?«

»Mensch, Krause, quatsch nicht so dämlich, natürlich, heute nachmittag ist mal geknallt worden und jetzt wieder. Aber feste. Ich habe doch selber drei Tote liegen sehen.«

Er riß sich los, ein Fahnenträger der Panik und falschen Gerüchte, und Bundschuh erinnerte sich der harten Detonation, als das Auto abfuhr und wußte jetzt, daß es wirklich ein Schuß und kein platzender Autoreifen gewesen war. Aber Schuß oder nicht Schuß, Tote oder Lebendige, er hatte einen Auftrag zu erfüllen, er war Gefechtsordonnanz im Kampf der Klassen und mußte weiter. Ein Polizeiauto raste vorüber. Kühl und unberührt glitt es durch das Hohngeschrei der Masse.

Die jungen Polizisten, Karabiner steil zwischen den Knien, sahen mit starren Gesichtern vor sich hin. Ihre Brüder, Väter und Freunde standen vielleicht auf der Straße und pfiffen und brüllten. Das Volk? Es gab noch kein Volk. Und wie es noch keine Deutschen gab, sondern Sachsen, Hessen, Bayern, Preußen, Württemberger, Hamburger und Schaumburg-Lipper, so gab es noch kein Volk. Es gab Klassen und Stände. Und die Klassen und Stände waren selber zersplittert und bekämpften sich wie Todfeinde.

Bundschuh schrie und pfiff nicht.

Eine Gefechtsordonnanz darf nicht schreien und pfeifen.

Er drängte sich durch die Menschenmenge, die an der Ecke wie ein Strudel hin und her trieb und erreichte endlich sein Ziel. Die Kellerstraße mit den vierundzwanzig Häusern und Höfen schien die Hauptstraße einer volkreichen Stadt zu sein, die Verkehrsader einer Metropole und nicht mehr die stille Steinschlucht im Norden Berlins. Arbeiter, Arbeitslose, Frauen, Kinder, die graue Armut. Ja, auch der heitere Westen war da, einige Intellektuelle vom Kurfürstendamm. Hornbrille und Bügelfalte, leere Gesichter, in die das hektische Feuer einer Idee geschminkt war.

»Mensch, Eugen, Müller wartet schon lange auf dich!«

Paul Riedel ergriff seinen Arm und zog ihn mit sich fort.

»Ist bei euch schon geschossen worden, Paule?«

»Quatsch mit Soße! Am Nachmittag knallte so ein Penner in die Luft, wir haben ihm die Kanone abgenommen... Aber auf dem Nettelbeckplatz liegt ein Toter, ein Reichsbannermann. Darauf haben wir gewartet. Der Polizeipräsident läßt seine eignen Parteigenossen abknallen! Toll, was? Aber mit uns können sie so was nicht machen. Wir haben jetzt«, er senkte die Stimme, »wir haben jetzt Willi bei uns. Der weiß Bescheid. Aber der Tote auf dem Nettelbeckplatz, toll, was, ja, so mußte es kommen!« Schon wieder tauchte ein Toter auf und zeigte seine zerschossene Stirn. Der Russe Willi in der Kellerstraße kannte die Seele des Volkes und arbeitete gut. Er kannte den Betrieb. Gab es keine Toten, mußte man sie eben erfinden! Und die Toten, die er flüsternd über die Straßen und Plätze Berlins verstreute, diese Toten lebten noch.

»Ja, Mensch, und jetzt haben wir wenigstens Kanonen«, flüsterte Riedel und umfaßte in der Hosentasche zärtlich die neue Parabellumpistole. »Hast du schon so einen Knick-knack?«

»Nein, noch nicht.«

»Kann dir Otto verschaffen oder Willi.«

Vor der Kneipe standen fünf Posten und gaben den Weg frei. Hinter der Theke spielte das Grammophon einen dummen Schlager. Ueber dem beschmutzten Schild, das gepflegte, kühle Biere und eine gutbürgerliche Küche anzeigte, hing ein rotes Fähnchen. An einem viereckigen Tisch saßen vermögende Leute und tranken zu viert an einem Stiefel Bier.

»Ist Müller noch hinten?«

»Weiß nicht«, sagte die Wirtin.

»Natürlich, quatsche nicht so lange, Eugen, natürlich ist Müller noch hinten«, sagte Riedel und stieß die Türe auf.

Blauer Zigarettenrauch wolkte ihnen entgegen.

Müller und Willi saßen mit einigen Leuten zusammen.

Müller sprang auf, aber Willi blieb sitzen und erzählte irgend eine Geschichte vom Kampf der Partisanen in Weißrußland. Wenn er sprach, bewegte sich seine lange Nase, die mit der zu schmalen Oberlippe ganz dicht verwachsen war, wie tanzend auf und ab. Blaurasierte Backen dunkelten in dem schmalen Fuchsgesicht. Die jungen Leute aber sahen begeistert auf den dünnen, beredten Mund und übersahen die hüpfende Nase und ihre komischen Verbeugungen. Die Nase, was kümmerten sie sich um die Nase! Der Mann war ein Kamerad aus dem Osten, ein Mitkämpfer, ein Genosse. Laßt die Nase hüpfen und sich verbeugen, wenn nur das Herz auf dem richtigen Flecke sitzt!

Müller kam Bundschuh entgegen.

»Kommst du endlich?«

»Ja. Von Herfurt.«

»Und was ist los?«

Er beugte sich vor und hielt die Hand lauschend ans Ohr. Bundschuh antwortete:

»Sieben elf siebzehn.«

»Sieben elf siebzehn?« wiederholte Müller und ließ langsam die Hand sinken.

»Ja, das ist die Parole.«

Der Russe unterbrach seine Erzählung, rieb sich das spitze Kinn und erhob sich bedächtig. Dann winkte er mit den schlauen kleinen Augen Kurt und Erwin heran. Auch sie erhoben sich und verließen mit Willi das rauchige Zimmer. Müller schloß eine Sekunde lang die Augen. Sieben elf siebzehn. Die Stunde der Entscheidung war gekommen. Nicht mehr quatschen, sondern handeln. Keine Resolution mehr, sondern Revolution. Er öffnete die Äugen und befahl:

»Na, denn mal los! Alarm! Alle Genossen besetzen die Straße. Es geht los!«

Es geht los. Das Hinterzimmer wurde wie von einem Sturm leergefegt. Die jungen Burschen rannten davon. Sie ließen die halbgefüllten Biergläser stehen und alarmierten die Etagen, Keller, Dachstuben und Hinterhöfe. Sieben elf siebzehn war ein Zauberwort und verwandelte sich in den großen Befehl zum Widerstande und zur Abrechnung. Sieben elf siebzehn!

Otto Müller, Paul Riedel und Eugen Bundschuh blieben noch eine Weile in dem dunklen Zimmer. Plötzlich wurde die Türe aufgerissen. Eine Frau stürzte herein.

»Willst du nicht zum Essen kommen, Otto?« fragte Mucki und hatte angstvolle Augen.

»Keine Zeit, Frau, stell die Klöße in die Röhre! Winke, winke, auf Wiedersehn, Mucki. Gruß und Kuß dein Julius!« lachte Müller. Die junge Frau ging zögernd davon. »Was sagst du zu dieser treuen Seele, Eugen? Einen Rat will ich dir geben: heirate nicht, Junge, die Weiber halten uns nur von der Arbeit ab!« Diese Weisheit verkündete Müller sanft und zärtlich wie eine Liebeserklärung. Dann verfinsterte sich sein Gesicht. »Da, mein Junge, eine Kanone!« Er drückte Bundschuh eine neue Pistole in die Hand. »Du kannst doch schießen?«

»Jetzt sollen sie nur kommen, die Grünen«, frohlockte Riedel, »ja, sie sollen nur kommen!«

Sieben elf siebzehn: diese Parole hatte sich Kolja Uralski ausgedacht. Am 7.11.17. begannen in Petrograd und in Moskau die entscheidenden Kämpfe um die Macht. Hier aber in dieser armen Straße und in den anderen armen Straßen verwandelte sich diese Zahlenreihe in gewaltige Kraft und rüttelte und schüttelte an den beschmutzten Steinen und Häusern. Und der Alarm zauberte Waffen in die Hände der Männer.

Sie ließen ihre Frauen und Kinder in den Stuben und Hausfluren. Sie sammelten sich und drängten in entschlossenen Gruppen auf die Straße und sicherten diese Steinschlucht, als sei sie der Weg in das Paradies. Gelassen schoben sie die Schlachtenbummler aus dem satten Westen beiseite, die Hornbrillenträger, Weichherzen und Bügelfalten, die dabei sein wollten, wenn die große Sache begann.

Vorn an der Ecke krachte die erste Bauhütte zusammen. Der Russe Willi, er stammte aus Minsk und war ein kleiner Schreiber gewesen, bis ihn der Umsturz nach Moskau warf, der Russe Willi leitete die Arbeit und schrieb sich mit Barrikaden in das Buch der Geschichte ein. Er rührte keine Hand, sein Verstand rührte sich, seine Stimme schallte, seine komische Nase hüpfte.

»Drei Kolonnen und drei Barrikaden«, befahl er und kommandierte: »sichert euch von beiden Seiten. Baut eure Straße zur Festung aus, Towarschtschi! Los, Proletarier von Berlin! jetzt werden in der ganzen Stadt Barrikaden aus dem Boden gestampft. Diese Nacht ist Berlin in unsren Händen!«

Berlin in unsren Händen.

Die Männer gingen an die Arbeit.

Die Straßen, glattgemacht von den Wagen und stampfenden Füßen, die Straßen der Armut empörten sich und hoben ihre breiten ungeduldigen Rücken den umgestürzten Wagen und Bauhütten entgegen. Die großen schwarzen Gasrohre rollten behende über den öligen Asphalt. Bretter, dünne und dicke, wurden geschleppt, Steine aufgeschichtet. Die Balken und Bretter verbanden sich mit den ausgestellten Kandelabern und bauten die Brustwehren und Sperrmauern. Schweiß tropfte, die Adern liefen wie getretene Würmer über nasse Stirnen und Schläfen. Die Muskeln ballten und entspannten sich. Diese Nacht ist Berlin in unsren Händen!

Die jungen Leute lachten bei der Arbeit, aber die alten Arbeiter, die ihr Leben lang mit Metall, Steinen und Holz hantiert hatten, waren mit großem Ernst bei der Arbeit. Sie korrigierten die jungen Pfuscher, drängten und schoben sie zur Seite und waren Maurer, Schlosser und Zimmerleute ihrer eignen Sache. Sie bauten noch keine Häuser, noch keine Wohnungen. Nein, jetzt bauten und zimmerten sie aus Steinen, Metall und Holz drei Brustwehren, drei Barrikaden. Los, faßt an, hau ruck!

Aus den Höfen und nahen Kneipen kamen viele Zuschauer und gaben billige Ratschläge. Die alten Arbeiter hörten nicht auf die Gaffer. Sie bauten und zimmerten. Frauen und Mädchen umstanden die Barrikaden. Mucki Müller stand neben einer nacktarmigen, schwarzhaarigen Frau, die mit gellenden Zurufen die Männer anfeuern wollte. Laßt die Hexe da schreien! Sie wird von ganz alleine wieder aufhören, dachten die Männer und arbeiteten. Und Kinder kamen herbei und bauten aus Splittern und Abfällen einen kindlichen Wall.

Heiß und dunstig war die Straße, aber plötzlich wehten die vielen Fahnen. Ein Wind hatte sich aufgemacht, stieß in den Dunstkreis der Höfe und Keller, lief durch die Straße mit silbernen Füßen, verkühlte die beißen Stirnen und spielte mit den gestickten Losungen und Bannern. Zwei Minuten blies der Wind, dann war es wieder heiß und bedrückend.

Bundschuh hatte seinen Auftrag vergessen.

Was sollte er in der Motzstraße?

Und was ging ihn eigentlich dieser Hans Herfurt an, der Mann, der wie ein Bürger lebte und im gesicherten Westen blieb? Er war Arbeiter, Sohn eines Arbeiters, hier am Wedding lebten und wohnten seine Brüder und Schwestern. Hier wurde gekämpft, gelitten und gestritten. Und hier war er Eugen Bundschuh aus Werder an der Havel, und hier blieb er auch, hier in der Kellerstraße, hier beim Bau der Barrikade.

»Mensch, Eugen, träume nicht. Greife zu, hau ruck!« sagte Paul Riedel, »hier dieser schwere Brocken!«

Bundschuh träumte nicht mehr.

Er griff zu, hau ruck, und stemmte mit Riedel den schweren Schleusendeckel nach dem Rand der Barrikade.

Und als er schwer und sicher aus seinem Platze ruhte, ein Kugelfang, ein Schutzschild, da schien es dem jungen Mann aus Werder, als habe er noch nie in seinem Leben eine so gute, so wichtige und geheiligte Arbeit getan, als diesen gußeisernen Deckel – hau ruck! – aus dem Dunst und Dreck der Straße in das Abendlicht zu heben.

»Kinder und Frauen runter von der Straße, marsch, in die Häuser und Höfe!« befahl Otto Müller.

»Nein, ich bleibe, Otto«, sagte Mucki.

»Du gehst, Frau Müller«, befahl der Mann.

Mucki ging drei mühsame Schritte, dann drehte sie sich um, lief aus ihren Mann zu und drückte seine Hand. Sie sagte kein Wort, sie drückte nur die Hand und ging dann gehorsam nach dem Hausflur. Die nacktarmige Frau, das Weib mit den gellenden Zurufen, klatschte in die Hände und lachte. Sie blieb stehen und zündete sich eine Zigarette an.

»Maul halten, alles zurück in die Häuser«, brüllte Müller.

Die Nacktarmige verschwand.

»Warum sollen die Frauen in die Häuser und Gehöfte?« fragte der Russe Willi, »sie haben doch die gleichen Rechte wie die Männer, ja? Bei uns in Rußland haben wir viele Male die Frauen und die Kinder in die erste Reihe gestellt, jawohl, Towarschtschi, und da wagten sie es nicht, die Soldaten, auf uns zu schießen. Macht es doch genau so!«

Müller wütete.

»Was hier gemacht wird in unsrer Straße, das bestimme ich, verstanden?« schrie er den Russen an, »und was ihr gemacht habt, ist mir Scheibenhonig, auch verstanden? Unsre Frauen und Kinder sind uns viel zu gut, um als Kugelfang zu dienen, noch einmal verstanden? Los, Paule, los, Eugen, schiebt mal diesen verreckten Balken in die Höhe.«

»Ja«, sagte Monteur Lange, »das ist unsre Straße. Du hast recht, Otto.«

»Nun gut, nun, sehr gut sogar«, zischelte Willi leise und böse, »ich lehne die Verantwortung ab, wenn es schief geht.«

Er spreizte beide Hände, als habe er etwas zu verkaufen oder wolle etwas kaufen. Dann begann er russisch zu reden. Er ging langsam zur ersten Barrikade, machte wieder Weltgeschichte, erhob die Stimme und kommandierte:

»Vorwärts, Genossen! Vorwärts, Proletarier!«

Vorn bauten zwei Salonkommunisten mit. Mutig und tapfer hoben sie mit schwachen Armen die schweren Brocken in die Höhe. Sie beschmutzten sich die Anzüge, zerstörten die Bügelfalten, rissen sich die Hände blutig und blinzelten selig durch die bestaubten Hornbrillen. Ach was, Kurfürstendamm! Hier war das Volk, hier schlug das rote Herz des Volkes!

»Heda, Herrschaften«, sagte Müller und lächelte, »das hier ist Männerarbeit. Aber wenn ihr was helfen wollt, geht zu den Vorposten und sichert die Straßen.«

Ja, sie wollten helfen. Den letzten schweren Stein rückten sie hoch nach der Barrikade. Dann klopften sie sich den Staub aus den Anzügen, rieben den Schmutz von den Brillengläsern, sie banden sich wieder die weichen Kragen um und gingen zu den Vorposten.

Der letzte Balken, das letzte Verschlußstück stand nun auf seinem Platz. Die Arbeiter verschnauften. Krumme Rücken richteten sich auf, müde Muskeln ruhten. Der Schweiß wurde aus den Stirnen gewischt, Pistolen und Gewehre fertiggemacht. Die Arbeiter äugten über die Brüstungen. Die Straßen lagen leer und verlassen da. Plötzlich aber kamen die beiden Hornbrillengenossen angekeucht. Sie winkten schon von weitem:

»Sie kommen, sie kommen mit einem Panzerwagen!«

»Jeder auf seinen Platz!« schrie Willi aufgeregt, »die Polizei kommt mit einem Panzerwaggon.«

»Waggon ist gut«, lachte Riedel, »und wir sind doch alle schon auf unsren Plätzen. Na ja, bei dem fällt der Groschen ziemlich spät, Eugen, oder was meinst du?«

»Großes Maul und nichts dahinter«, knurrte Bundschuh.

Wie ausgefegt lagen die Straßen im letzten Lichte da. Unheimlich war diese blitzschnelle Verwandlung von Bewegung zum Stillstand, vom Aufruhr zur Erstarrung vor sich gegangen. Es war jetzt noch Tag, es war Abend, aber diese Straßen schienen irgendwie nächtlich zu sein, ausgekehrt vom Tageslärm waren sie, wie gestorben und begraben.

Gellende Pfiffe aus benachbarten Bezirken zeigten das Kommen der Polizei an. Durch das Pfeifen und Johlen hörte man das schwere Tappen vieler Schritte. Zu sehen war nichts. Nein. Aber nun kamen eins, zwei, drei vier, fünf, nein, sechs bellende Schüsse. Ging es los? Wer hatte geschossen? Der Russe hatte seine Pistole abgefeuert und den Kampf eröffnet. Jetzt lief er geduckt, den noch rauchenden Mauser in der Hand, ganz schnell nach hinten.

Die Polizei schoß wieder.

Sie war ohne Panzerwagen gekommen.

Das Feuer rasselte und prasselte. Die Kugeln sausten und flitschten, sie knallten auf die Barrikaden, klatschten auf das Pflaster, waren plötzlich mit Geheul begabt, fuhren in die Keller, sausten die Bürgersteige entlang und fraßen sich in die Häuserwände. Von den Etagen bröckelte Putz. Weißer Kalkstaub fiel aus die dunkle Strasse.

Schuß aus Schuß gellte und bellte, knallte, hallte, schallte und überschlug sich, verdoppelte sich, verzehnfachte sich in der Straße und in den Höfen und versackte endlich in den Abgrund des Schweigens, bis neue Schüsse aus den Gewehren, Karabinern und Pistolen krachten und dasselbe donnernde Schauspiel vor und hinter den Barrikaden noch einmal aufführten.

Die alten Arbeiter, Frontsoldaten auch jetzt im Frieden, die alten Arbeiter schössen ruhig und sicher. Sie zielten. Die jungen Kerle feuerten wild und besessen. Sie freuten sich der Explosionen. Sie spielten Krieg. Päng, päng, päng! Huui huuuiiiii! Bumm Huuuuuuuuuiiitiii! Das Konzert gefiel ihnen. Sie lachten manchmal in dieses Kugelungewitter. Vorn an der Ecke stand auch der Landstreicher Schmitz, stand da, beobachtete und funkte ab und zu einen Schuß hinaus.

Bundschuh hatte noch nie auf einen Menschen geschossen. Eine Zeitlang war er sogar Vegetarier gewesen, weil er das alte Gesetz vom Fressen und Gefressenwerden noch nicht begriffen hatte, und als er das Gesetz begriff, konnte er wieder Fleisch essen. Aber das Fleisch war für einen Arbeitslosen zu teuer. Päng, päng, huuuiiii! krachten die Schüsse. Und nun faßte er die Pistole fester und drückte in die Luft ab.

»Tiefer halten, du Armleuchter, Mensch, da oben auf dem Dach sind doch keine Grünen!« brüllte Riedel.

»Aber da oben wird doch auch gefunkt«, brüllte er zurück.

»Natürlich, das ist doch die Idee von Willi gewesen!«

Bundschuh feuerte den letzten Schuß hinaus.

Die Polizei knallte noch weiter und verabschiedete sich dann mit einer krachenden Salve nach den Dächern und holte Verstärkung heran. In den Fenstern hingen schon wieder die ersten Köpfe der Neugierde. Aus den Fluren wagten sich wieder die ersten Frauen und Kinder. In der Kellerstraße hatte es noch keinen Toten gegeben.

Die Männer luden die Gewehre und Pistolen.

Die beiden Hornbrillenjünglinge waren schon längst verschwunden. Nach dem Westen waren sie gefahren, nach dem berühmten Café im Westen, und dort prahlten und prunkten sie mit ihren Erlebnissen und Heldentaten. Auch der alte Tippelbruder war nicht mehr da. Der Herr Karl Schmitz gab bei der Polizei seinen zweiten Bericht.

Es wurde langsam dunkel.

Schatten fielen in die Straße.

Die ersten Laternen brannten.

Sterne? Ja, es gab auch Sterne über der Straße im feurig geröteten Himmel von Berlin. Die ersten Sterne blinkten durch Rauch, Schatten, Staub, Dunkelheit und Pulverdampf. Die ersten Sterne über der feurigen Taufe des 1. Mai, die ewigen Sterne über den vergänglichen Menschen, die ewigen Sterne über dem unsterblichen Volk.

Bundschuh hatte das Feuer von den Dächern blitzen sehen, und nun sah er in der Gefechtspause hoch über allem Kampf, Staub und Dreck die Sterne. In Werder drehte sich das Sterngewölbe der Nacht in heiligem Gleichmaß, heilig und feierlich drehten sich die Sterne über den Wäldern, Wassern, Hügeln, Gärten und Feldern.

Sterne in der Nacht!

In Berlin flackerten sie als verlorene Lichter am Dunsthimmel und schienen so selten zu sein, daß sich komische Händler mit billigen Fernrohren aufstellen konnten, diese Rohre wie Geschütze zum Himmel richteten und einluden, den Mond, den Mars, den Sirius oder die Venus zu betrachten.

Blick in den Weltraum! Blick in die Sterne! Das müssen Sie mal gesehen haben, meine Herrschaften! Sterne sind Schicksal! Nie wiederkehrende Gelegenheit, meine Damen und Herren, pro Person und ausnahmsweise, weil Sie es sind, nur 10 Pfennige! Treten Sie näher, Damen und Herren. Bitte, nicht drängeln!

Plötzlich begann eine wilde Schießerei.

Überall knallte und blitzte es wieder, von den Dächern, von den Barrikaden. Die Köpfe der Neugier verschwanden. Die Frauen und Kinder liefen schreiend nach den sicheren Fluren. Keiner wußte eigentlich, warum er schoß, warum er mit den Kugeln seine Wut und Verbitterung hinausjagte. Es war kein Gegner da, kein Kapitalist, kein Polizist, aber sie schossen einfach gegen diese Zeit. Sie schossen gegen die Arbeitslosigkeit, sie schossen gegen das Elend. Sie schossen für eine andre Zeit.

Noch einmal konzertierte das Feuer wie eine Ouvertüre durch die dunkle Straße, aber dann hob ein großer Meister den Stab, und das Feuer verstummte.

»Getürmt sind sie, die Grünen«, lachte Riedel, »sie werden nicht mehr wiederkommen, die Feiglinge.«

»Abwarten und Tee trinken«, sagte Müller.

»Willi, Willi, Willi!« rief eine Stimme aus der Dunkelheit. Der runde Kurt mit dem Vollmondgesicht schrie und rannte nach der Barrikade. Er hatte mit Erwin Posten gestanden und wurde abgedrängt, als die Grünen kamen. Und jetzt tauchte er wieder auf, atemlos, schweißüberströmt. »Wo ist Willi?« fragte er, »ich habe eine Meldung für ihn.«

»Willi!« brüllte Lange.

»Willi, was ist los mit Willi?« fragte Adams, »Menschenskind, Willi ist vor zehn Minuten nach hinten gegangen.«

»Haltet die Fressen«, die Stimme kam groß und dunkel von der Ecke her, »Ruhe da hinten, die Polizei rückt an.«

Erwin und Kurt rannten nach vorn und schossen.

Die Polizei rückte zum zweiten Mal an. Und dieses Mal kam sie mit einem Panzerwagen. Die Technik setzte ein gegen die Romantik, die militärische Führung setzte ein gegen die militärische Spielerei.

Schuß auf Schuß fegte gegen die Barrikaden, klatschte gegen das Holz, heulte von den Kandelabern und Häuserwänden, zerfetzte die Balken und Bretter und sirrte und klirrte. Die Scheinwerfer richteten die weißbrennenden Augen des Wahnsinns gegen die Barrikaden und blendeten die Verteidiger. Auf der Straße begann eine Gaslaterne zu brennen und jagte die blaue Flamme als zischenden Lichtspringquell in die Höhe. In einer Atempause zwischen den Schüssen begann schrill und klagend ein Mensch zu schreien.

»Den hat's erwischt«, knurrte Riedel.

Neue Salven überschütteten die Verteidiger.

»Zurück, alles in die Höfe«, brüllte Müller, »alles zurück in die Höfe!« Er richtete sich aus der Deckung aus, hielt die Hände wie einen Schalltrichter vor den Mund und brüllte noch einmal: »Alles zurückgehen, Genossen, und in den Höfen sammeln.«

Das war an diesem Abend sein letzter Befehl an die Kameraden gewesen. Ein bellender Schuß peitschte heran, nicht lauter und nicht leiser als die andern Schüsse und auch nicht besser gezielt. Müller griff sich verwundert an den Kopf. Ffffjjtttt, hatte es gemacht, und dann fiel er langsam um. Er stöhnte und zuckte. Nein, Schmerzen fühlte er keine. Und nun steckte er sich aus und lag einfach da.

Riedel richtete sich auf und brüllte:

»Alles zurückgehen!«

»Und den da, den Otto?« fragte Bundschuh. Er hatte sich wieder aufgerichtet. Seine Hände waren rot von dem Blute, das um Müllers Schläfen rieselte. »Den Otto nehmen wir mit!«

»Mensch, der ist doch alle!«

»Los, anpacken, Paule«, antwortete Bundschuh und riß Müller von der Erde hoch. Und als er das Gewicht in den Händen und Armen fühlte und mit Riedel den leblosen Freund Schritt für Schritt aus der Feuerlinie trug, da dachte er an jenen Schleusendeckel, den er mit seinem Kameraden gemeinsam in die Höhe und auf den Rand der Barrikade gestellt hatte. Und jetzt trug er mit demselben Mann ein anderes Gewicht und fühlte die heilige Last mit allen Nerven und Adern. Was wog schwerer an diesem Abend: das Schlußstück der Barrikade oder der blasse Freund mit den blutigen Schläfen? Er wußte es nicht.

Die Polizei rückte vor.

Sie wurde mit Schüssen empfangen.

Kurt mit dem Vollmondgesicht hielt neben Bundschuh und Riedel gleichen Schritt, Kurt, der als letzter Mann zur Barrikade gekommen war, verließ sie auch als Letzter. Fliehende Männer und Burschen. Adams und Lange keuchten vorbei. Genagelte Schuhe klapperten über die Steine. Kurt hielt die Pistole in der Hand. Sein Gesicht war groß und ruhig. Die Pistole schimmerte matt in der Dunkelheit. Tapp, tapp, tapp, klangen die Schritte. Bundschuh wischte sich den Schweiß von der Stirn. Schwer war der Müller! Der dicke Kurt äugte hinter sich. Plötzlich blieb er stehen und sagte:

»Geht mal voran, Genossen, ich habe noch was zu tun. Gruß an Erna.«

Ja, er hatte noch was zu tun. Er stand und stand und feuerte Schuß um Schuß gegen die stürmenden Polizisten. Er stand und stand und deckte mit seinem Leib und Leben die Kameraden. Und dann fiel er zusammen, lag wimmernd auf dem Asphalt, hörte die Kugeln klatschen, die Polizei kommen und die schweren, hastigen Schritte von Bundschuh und Riedel, die Müller fortschleppten. Dann hörte er nichts mehr.

»Hier herein, Eugen«, keuchte Riedel.

Sie tappten in einen dunklen Hof.

»Lehne Otto an die Mauer. Verdammter Dreck. Komm, wir müssen Mucki benachrichtigen.«

Sie lehnten Otto Müller an die aussätzige Mauerwand und stiegen ganz langsam die steilen Treppen hinaus. Schwer war der Weg, steil, mühsam. Erste Etage, zweite Etage, dritte Etage, vierte Etage. Hier ist es. Riedel holte tief Atem und hämmerte mit beiden Fäusten an die Türe.

»Aufmachen, Mucki, aufmachen.«

Die Türe wurde ganz schnell geöffnet. Es schien, als habe die junge Frau mit dem Ohr am Schlüsselloch auf das Klopfen gewartet. Die Haare hingen ihr ins Gesicht, der Mund war traurig, die Augen verweint. Das Gesicht wurde noch blässer, als sie Riedel sah.

»Wo ist Otto? Was ist los?« fragte sie.

»Otto wird schon noch kommen, dein Otto. Die Geschichte ist noch lange nicht zu Ende«, sagte Riedel, »und nun laß uns doch nicht hier stehen, laß uns doch herein, Mucki.«

Die junge Frau bekam starre Augen.

»Kommt herein«, sagte sie. »Wo ist Otto?«

»Otto? Der kommt noch. Wir wollten uns blos mal fünf Minuten verpusten, Mucki. Ist Willi nicht hier?«

»Nein. Der war hier. Wo ist Otto?«

Otto, Otto, nichts als Otto!

»Willi war da?« fragte Riedel, »und was hat er denn hinterlassen, kleine Frau?«

»Nichts. Er will morgen wieder kommen ... Aber wo ist Otto? Um Jesu willen, rede doch, Paule, wo ist mein Mann?« Sie rang verzweifelt die Hände. Ihr armer Mund krümmte sich. »Wo ist Otto?«

»Willi will morgen wieder kommen? So ein Hund, so ein Schwein, er hat uns im Feuer gelassen und ist getürmt!« brüllte Riedel, »ich habe den Kanal voll mit dem Willi! Er wollte auch die Frauen und Kinder in die erste Reihe stellen, als Kugelfang, der Hund, und nun hat er sich dünne gemacht, weil geschossen wird, verrecken soll er, verrecken!«

In der Küche lärmte der Lautsprecher. In die billige Jahrmarktsmusik knallten von der Straße die vielen Schüsse. Mucki hörte keine Musik, sie hörte keine Schüsse. Sie hörte auch nicht, was Riedel vom Russen Willi erzählte. Sie hörte nur sich selbst, als sie kalt und grausam fragte, die alte Frage und die alte Klage wiederholte:

»Wo ist mein Mann?«

»Ich weiß es nicht, Mucki«, zögerte Riedel und suchte Sei Bundschuh Schutz. Aber der schwieg und schwieg.

»Schöne Kameraden, gute Genossen«, höhnte die junge Frau und hatte doch alles verstanden, »da geht ihr zusammen aus die Straße, und wenn es knallt, laßt ihr Otto im Stich. Ach, ihr seid ja auch nicht besser als euer berühmter Willi!«

Riedel hämmerte mit beiden Fäusten aus den Tisch.

»Du bist doch ein Arbeitermädel«, sagte er dann, als er sich beruhigt hatte, und die Worte fielen ihm wahnsinnig schwer, so schwer wie das Treppensteigen nach der vierten Etage, »ein Arbeitermädel bist du, und tapfer bist du, Mucki, und wir kennen uns schon lange, nicht wahr, und du weißt ja, wir alle sind nur Tote aus Urlaub, und Otto ...«

»Stellt doch endlich die verfluchte Musik ab«, begann Bundschuh zu schreien, »sie macht mich noch wahnsinnig!«

Mucki Müller sah die beiden Freunde verständnislos und mit ausgebranntem Gesicht an. Was wollten sie denn von ihr? Warum brüllte der Mensch? Plötzlich erinnerte sie sich Bundschuhs und sagte höflich:

»Ach so, Sie sind ja der Herr, der gestern Abend nach Otto fragte. Haben Sie ihn getroffen?« Dann lauschte sie mit gerunzelter Stirn auf den Schlager, der aus dem weiten Maul des Lautsprechers kam und spitzte die Lippen, als wolle sie pfeifen. Aber sie pfiff nicht. Nein. Ihr Gesicht veränderte sich, wurde weiß und endlich, endlich hatte sie alles begriffen.

»Hinaus mit euch, ihr Kerle, hinaus«, schrie sie laut, »hinaus mit euch.« Sie bemerkte Bundschuhs blutige Hände. »An euren Händen klebt ja Blut! Was wollt ihr denn bei mir? Mit euch habe ich nichts zu tun, nein, ich will euch nicht sehen, hinaus mit euch, hinaus!«

»Aber Mucki, Otto ist doch ...« begann Riedel.

»Hier gibts keine Mucki mehr, kein Wort und hinaus!« Sie stampfte mit den Füßen und brach in haltloses Weinen aus. »Wo habt ihr meinen Mann gelassen«, klagte sie, »und das ist ja ein schöner Maianfang«, begann sie zu weinen, »ach, Otto, mein Mann!«

Riedel zuckte hilflos mit den Schultern und verließ die weinende und klagende Frau. Langsam, ganz langsam stiegen sie die dunklen Stufen hinunter. Das Haus schwieg, aber man fühlte hinter allen Türen und Wänden, in den Stuben und Küchen Verzweiflung, Ohnmacht, Haß und Verbitterung. Auf der Straße bellten immer noch die Schüsse.

»Was machen wir nur mit dem Otto? Wir können der Mucki doch nicht den toten Mann in die Wohnung bringen?«

»Ich weiß es nicht, Paul. Ach, es ist zum Verrecken«, sagte Bundschuh und seufzte.

Unten im Hof waren zwei Männer um Otto Müller bemüht. Er lehnte nicht mehr so schlaff an der Wand. Sie liefen hinzu. Die Wunde an der Schläfe blutete nicht mehr. Und das Herz? Schlug das Herz? Das Gesicht schimmerte fahl durch die Dunkelheit.

»Paule, es ist gut, daß ihr Otto hierher geschleppt habt«, sagte der Maurer Adams, »Schwein hat der Otto, das muß ich schon sagen. Streifschuß, und das Herz geht ganz hübsch. Er muß bald wieder zu sich kommen.«

»Holt ein nasses Handtuch«, sagte der Monteur Lange.

»Streifschuß? Das Herz schlägt schon wieder? Was heißt hier nasses Handtuch!« empörte sich Riedel, »Mensch, Adams, einen Moment, ich will Mucki benachrichtigen!« Er raste die Treppe hinauf, er flog die Etagen hinauf, riß die Türe auf und brüllte herrlich: »Was sagst du nun, Mucki? Dein Otto ist ja gar nicht tot, er ist nur leicht verwundet, und wir bringen ihn angeschleppt.«

Mucki sagte kein Wort. Sie warf ein Tuch über die Schultern und flog die Treppen hinunter. Unten im Flur fand sie ihren Mann. Er war gerade zur Besinnung gekommen. Der Kopf schmerzte, komisches Gefühl im Munde, was war denn los?

Ach so, päng, päng, ffffjjjjttttt! Er schlug die Augen auf, ja, da stand doch seine Frau! Mucki stand da!

»Hast du«, fragte er und das Sprechen fiel ihm sehr schwer, »hast du die Klöße warm gestellt, Frau Müller?«

»Ach, Otto, die Klöße! Ich dachte, du seiest tot!«

»Unkraut vergeht nicht ... Was macht die Straße?«

»Scheint erledigt zu sein, und wir können wieder mal in den Rauch glotzen, Otto«, sagte Adams.

»Na ja, Kinder, und nun greift mir mal unter die Arme«, scherzte Müller, »und wo Rauch ist, ist auch Feuer.«

Sie faßten Müller unter und trugen ihn hinauf.

»Lange kann er nicht hierbleiben, der Otto, hier gibts dicke Luft«, sagte Riedel, »am besten ist es wohl, wir bringen ihn nach Neukölln zur Thea, Mucki. Da ist er gut aufgehoben.«

»Unter einer Bedingung, ich fahre mit und sehe mir diese Frau erst einmal an«, erklärte Mucki und stellte endlich den Lautsprecher ab. »Wie kommen wir aber in das Haus?«

»Durch die Türe, ich habe die Schlüssel«, sagte Bundschuh.

Mucki atmete leichter.

Wenn Bundschuh die Schlüssel hatte, konnte Thea ihrem Mann doch nicht gefährlich werden. Nein, aber anschauen mußte sie die Frau, von der die Männer schwärmten, der Riedel, der Otto und nun wahrscheinlich auch der Junge da mit den Schlüsseln.

»Ich will sehen, ob unser alter Ausgang nach der Pankstraße noch frei ist«, sagte Paul Riedel, drückte sich die Mütze in die Stirn und ging.

Otto Müller lächelte.

»Treu wie Gold der Paule«, sagte er, »wir müßten in Berlin tausend solcher Jungens haben, da würden wir den Laden schon schmeißen.«

Adams und Lange nickten.

Immer noch knallten und hallten die Schüsse. Immer noch wurde die Straße mit Feuer getauft. Mit Blut und Feuer. Die Schüsse in der Dunkelheit fielen aber vereinzelt und jagten nicht mehr in dichten Salven nach den Fenstern und Dächern.

Panzerwagen ratterten und dröhnten durch die dunklen Straßen und über die vereinsamten Plätze.

Die Polizei riegelte entschlossen das Aufruhrviertel an der Kellerstraße ab.

Und nun kamen die Krankenwagen und lasen die Verwundeten auf. Auch der dicke Kurt mit dem Vollmondgesicht und dem Bauchschuß, der Mann, der sich für seine Kameraden geopfert hatte, wurde nach dem Krankenhaus gebracht. Morgen wäre er gerade zwanzig Jahre geworden. Er starb eine Stunde vor seinem Geburtstag während der Operation.

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