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Das unsterbliche Volk

Max Barthel: Das unsterbliche Volk - Kapitel 5
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typefiction
authorMax Barthel
titleDas unsterbliche Volk
publisherBüchergilde Gutenberg
year1933
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Viertes Kapitel

Vor dem Bärenzwinger blieb Kolja Uralski begeistert stehen, holte tief Atem und sagte zu Hans Herfurt:

»Ein Bär, eine russische Bäre! Ihr habt viele Bestien in Deutschland, aber ihr habt keine Bär! Molodjetz«, lockte er das schwarzbraune Raubtier an das Gitter, »Molodjetz, haben sie dich eingesperrt? Nitschewo, ich habe für dich einen Waggon Zucker mitgebracht!«

Er nahm die Zeitungen aus der Tasche, die letzten Ausgaben der Kreuzzeitung, der Roten Fahne, des Vorwärts, des Berliner Tageblatts, des Völkischen Beobachters und der DAZ, klemmte sie unter den Arm und brachte aus der tiefen Tasche des Frühlingsmantels eine Tüte Würfelzucker und warf die weißen, kristallnen Stücke mit kindlicher Freude in den Zwinger.

Der Bär, der russische Bär mit dem zerfransten Pelz, leckte mit der großen, schnellen Zunge das Süße von den Steinen und brummte. Dann richtete er die listigen Augen in den ersten Maientag und aus den Russen Kolja Uralski, den schwarzhaarigen Mann mit dem Baschkirengesicht, dem bunten Seidenhemd und der Tüte voll Zucker.

»Wir müssen unsre Sache zu Ende besprechen, Kolja«, drängte Herfurt. »Wir müssen weiter. Ich treffe die Kampfleitung, und dann habe ich noch eine sehr wichtige Verabredung im Café Geier.«

Uralski antwortete nicht.

Sein Baschkirengesicht mit den hervorspringenden Backenknochen, den ein wenig schräg geschlitzten Äugen und dem dünnen, schwarzen seidenweichen Bart blieb unbeweglich. Er hörte nicht die singenden Vögel, nicht die schnatternden Enten und auch nicht die schreienden Wellensittiche. Er schien auch Herfurt nicht zu hören. Er hörte nur den Bären brummen, den russischen Bären, und warf einen Würfel nach dem andern in den Käfig. Und als er den letzten Zucker verfüttert hatte, stellte es sich heraus, daß er Herfurt doch gehört hatte. Er nickte mit dem Kopf und sagte:

»Eine Moment, ech, bei mir sind keine Interesse für die Geier, bei mir sind viel Interesse für Bären, für russische und nicht für kanadische Goliath wie der da«, er zeigte verächtlich auf den riesenhaften Grisly. »Hast du keine Zucker einstecken, Herfurt?« fragte er in seinem komischen, harten Deutsch.

Herfurt legte den Kopf auf die linke, ein wenig verwachsene Schulter. Uralski, der mächtigste Mann der Internationale in Deutschland, verlangte Zucker, um einen Bären zu füttern, einen russischen Bären! Und vor diesem Manne zitterten die Bonzen und Halbgötter der Partei. Seht euch ihn mal an, diesen Uralski! Lackschuhe trägt er an winzigen Füßen, die Beine sind krumm, der Mantel ist prima prima, zehn Zeitungen liest er am Tage, am flüchtigsten die Rote Fahne, er läßt bei demselben Schneider arbeiten wie Herfurt, und jetzt füttert er einen Bären!

»Zucker? Nein, Kolja, heute gibt es in Berlin nur Saures! Das ist überall zu haben, auf dem Alex, in Lichtenberg, auf dem Wedding und in Neukölln. Mit Zucker ist heute nichts zu machen!« sagte Herfurt.

Uralski ernüchterte sich, warf noch einen sehnsüchtigen Blick auf den Zwinger und ging mit Herfurt weiter. Diese beiden Männer, elegant angezogen, Bürger unter Bürgern, schlenderten in der Menge dahin, hörten das Brausen der nahen Stadt und die Schreie der gefangnen Tiere. Das Kindliche war aus Uralskis Gesicht verflogen. Die Backenknochen bauten straffere Brücken, die schwarzen Augen waren wachsam. Er schämte sich seiner Gefühle vor dem Bärenzwinger.

Die Bäume begrünten sich, und in der Sonne sahen die zarten Blätter und die schwellenden Knospen wie tanzende Schmetterlinge aus, tausend an tausend, grüne smaragdne Schmetterlinge, die um schwarze Bronzeäste und schmale Zweige trunken schwärmten.

Im nahen Teich, dessen Ufer mit Trauerweiden bestanden waren, die ihre Äste wie trinkend in die dunkle Silberflut hingen, schnatterten exotische Enten und tauchten nach den Schlammgründen. Kinder fütterten den sibirischen Königstiger mit Brot. Ein Löwe brüllte dunkel und gelangweilt.

Bei den Hirschgehegen blieb Uralski stehen.

»Was gibt es Neues in Berlin? Alles in Ordnung? Wie sind die ersten Berichte, Herfurt?«

Er hatte kaum die Stimme erhoben, und im gleichen Tonfall hätte er sich auch nach Herfurts Großmutter, nach dem neuesten Schlager oder dem Stand der Butterpreise erkundigen können. Was gibt es Neues in Berlin? Aus dem Schatten ihres Stalles kam mit großen, wiegenden Schritten eine Hirschkuh an das Gatter, hob den edlen Kopf mit den zärtlichen Augen und schnupperte mit der dunklen, feuchten Schnauze.

»Neues in Berlin?« fragte Herfurt, »unsre Leute erobern die Straßen und Plätze. Sie zermürben, wie vorausgesehen und berechnet, die Polizei. Und die greift, wie vorausgesehen und berechnet, zu und verhaftet, was sie fassen kann. Es ist Stimmung in Berlin, Kolja! Natürlich werden wir zusammengehauen, daß die Fetzen nur so fliegen. Auch das wissen wir. Das sind eben die Kräfteverhältnisse. Bis jetzt sind wir zufrieden.«

Wellensittiche, smaragdgrün mit blauen Flecken, segelten schreiend und flammend über den grünen Baumkronen. Selig taumelten Zitronenfalter durch das Licht. Ach, und dort blühten schon die ersten Tulpen. Kinder starrten mit großen, brennenden Augen in die Löwenkäfige und träumten von Abenteuern. Die Hirschkuh wartete immer noch am Gatter. Grell schien die Sonne. Wald, wo gab es dämmernden Wald? Quellen, Moos, Silberflechten, süße und bittre Beeren, knackende Äste, Mondzauber wie Schleier durch die tiefe Nacht? Geduldig stand das Tier mit den großen Augen am Gatter und wartete und wartete.

»Auch ich kenne die Kräfteverhältnisse, und die Lage ist mir bedacht«, antwortete der Russe gleichgültig, blickte den smaragdgrünen Wellensittichen nach, die in den Bäumen schrien. Warum erzählte das Herfurt? Uralski steckte sich eine Zigarette an.

»Bekannt«, verbesserte der Deutsche.

»Also gut, die Kräfteverhältnisse sind mir bekannt«, sagte Uralski, »aber was ist noch zu besprechen?«

»Alles. Die Aktion. Wir haben zu wenig Waffen. Mit nackten Fäusten gegen Maschinengewehre kämpfen ist doch Wahnsinn, Kolja! Unsre Leute werden ihre Pflicht tun, wenn wir sie rufen, das weiß ich, aber gegen Barrikaden werden Panzerwagen eingesetzt, das wissen wir auch. Kampf, gern, und jeden Tag, aber für einen Putsch lehne ich die Verantwortung ab!«

Auch Herfurt hatte kaum die Stimme erhoben, aber seine Augen dunkelten, und sein Hammerkinn schob sich vor. Was wollten die Russen? Der 1. Mai? Selbstverständlich mußte man auf die Straße gehen, aber romantischen Unfug machen, nein, danke, wir kennen Deutschland schon besser als die Moskauer!

Der Zitronenfalter flatterte wieder vorbei. Laß ihn flattern! Die Tulpen blühen? Laß sie blühen! Es ging jetzt um ganz andre Dinge als um Schmetterlinge und Blumen, um ganz andre Dinge als um lichtgrüne Baumkronen, dunkelbrüllende Löwen und strahlende Kinderaugen.

Uralski stapfte weiter.

Herfurt war mit einem Schritt an seiner Seite.

Die Hirschkuh, die auf Zucker und Brot gewartet hatte, wiegte sich enttäuscht in den Schatten zurück.

»Im Oktober haben wir mit nackter Faust gegen Maschinengewehre gekämpft«, sagte Uralski. Er war damals vierzehn Jahre alt gewesen. »Und wir siegten auf den Barrikaden«, sagte er. »Unsre Proletarier hatten keine Angst vor den Panzerwaggons. Und wir waren eine kleine Partei.« Er schwieg eine Sekunde und fragte dann: »Habt ihr Angst vor den lächerlichen Panzerwaggons?«

Angst vor den Panzerwagen?

»Unsinn!«

»Nicht Waggon, Wagen heißt es, Kolja«, antwortete Herfurt. Dann sagte er betont: »«Unsre Genossen, Kolja, sind schon Arbeiter und keine Proletarier mehr. Unsre Arbeiter sind anders als die russischen.«

»Waggon oder Wagen, Arbeiter oder Proletarier, Deutsche oder Russen, das ist Jacke wie Hose«, antwortete der Russe und blieb noch einmal stehen. Aus dem warmen Sand erhob sich behutsam und träge ein seidiges Reh und kam trabend und witternd näher. Doch zwei Rehe stellten sich auf die Füße, trabten heran und steckten die wundervollen Köpfe vor. »Was soll die ganze Unterhaltung, Herfurt?« fragte der Russe, »Moskau und die deutsche Partei, und auch du warst dabei, haben alles bestimmt und beschlossen. Die Linie des schwächsten Widerstandes ist im Westen zu finden. Und nach euren Gerichten ist Berlin die Linie des schwächsten Widerstandes. Gut. Abgemacht. Klare Sache. Und was beschlossen ist, nun, das ist und bleibt auch, verstehst du beschlossen.«

Er warf die halbaufgerauchte Zigarette achtlos nach den Rehen. Die stoben auseinander.

Und der Zitronenfalter war immer noch da.

Herfurt wütete.

»Wem sagst du eben das ABC auf, Kolja?«

»Dir, Herfurt, ich bin erstaunt, daß gerade du in den letzten Augenblicken noch solche Gedenken hast. So macht man doch keinen Aufstand! Bei uns in Leningrad und Moskau ...«

»Wir sind in Berlin und nicht in Leningrad oder Moskau, und wir haben uns schon im März auf die Maiaktion eingestellt. Ja, es wird Opfer kosten, aber«, er machte eine breite Brust und deklamierte: »es kann dem deutschen Proletarier ganz gleichgültig sein, wo er verreckt, aus der Stempelstelle oder im Straßenkampf. Nein«, verbesserte er sich, »er stirbt natürlich viel lieber für das Wohl und Wehe seiner Klasse auf der Barrikade ... Das habe ich erst vor kurzem drüben erklärt, und das erkläre ich dir und hier noch einmal, Kolja, wenn du es hören willst!«

Herfurt wußte, daß es um seinen Kopf ging.

Der Russe nahm die Erklärung des zehn Jahre älteren Deutschen ernst entgegen. Herfurt hatte gute Verbindung in Moskau und war nicht der oder jener, dem man leicht das Genick umdrehen konnte.

Sie gingen weiter und kamen in den stillen Winkel, in dem die Zebras, die Ponys, die Esel und die Wildpferde hausten. Im heißen Sande lag, bewacht von der Mutter, in heiliger Unschuld und andächtiger Lebensfreude ein drei Tage altes Fohlen. Die Welt geht unter? Sie wird jeden Tag neu geboren! Aber Herfurt und Uralski ritten auf den Holzpferden ihrer Partei immer im Kreise, sie blieben im engen Raum und waren im engen Raum, als sie die Büffel erreichten.

»Gut, sehr gut«, sagte Uralski und gab Antwort, »und wenn das alles so ist, Herfurt, warum dann noch eine konspirative Besprechung? Hätte ich geahnt, was du mir erzählen wolltest, nun, der Treffpunkt bei den Kamelen wäre besser gewesen als bei den Bären.«

Herfurt wurde ganz weiß im Gesicht.

Er haßte plötzlich diesen Mann mit dem Baschkirengesicht, diesen sanften, seidenweichen, lautlosen, geschniegelten und gebügelten Russen, der – jetzt fiel ihm der Vergleich ein – an einen schwarzen Panther erinnerte. Aber was konnte er tun?

Das Brot, das er aß, war gut und reichlich, und der Ruhm, der ihm täglich kredenzt wurde, war süß und berauschend. Im Kreml saßen neue Götter mit Bannflüchen und Donnerkeilen und schleuderten sie gegen die Männer, die eigne Gedanken dachten. In den letzten Jahren hatte Herfurt viel russische Kommissare kommen und wieder verschwinden sehen. Auch Kolja Uralski war kein dauerndes Standbild im Heiligtum der deutschen Partei.

»Bei den Kamelen treffen, Kolja?« spottete Herfurt. »Das Kamel, lieber Freund, ist bei euch in der Baschkirensteppe viel mehr zu Hause als bei uns in Deutschland.«

Uralski verstand den Spott.

»Zur Sache«, sagte er, »zur Sache.«

»Ja, zur Sache«, antwortete Herfurt und entwarf noch ein, mal ein Bild von der Aktion in Berlin.

Sie gingen weiter und kamen an vielen Käfigen und Gattern vorbei, an denen junge Mädchen mit Hängezöpfen und alte Herren mit Hängebäuchen gelangweilte Löwen, hochmütige Kamele, gezierte Pfauen, neugierige Lamas abzeichneten. Der Zitronenfalter flatterte immer noch über die Wege. Er schien Kolja oder Herfurt zu verfolgen, der Russe glaubte es wenigstens, aber es waren verschiedne Zitronenfalter, die seinen Weg gekreuzt hatten.

Bei den sturen Büffeln, die in dem engen Auslauf die großen Prärien vergessen hatten, stand ein zwölfjähriger Junge und träumte von edlen Rothäuten, schreienden Adlern, sausenden Pfeilen, Marterpfählen und Kämpfen aus Leben und Tod. ›Hugh, ich habe gesprochen‹, sagte Falkenauge und stieß den Kriegsschrei der edlen Apachen aus! Und über den Knabenträumen, den Männergesprächen, den Mädchen, den gefangnen Tieren strahlte die Sonne, wehte der Wind.

»Nun gut«, nahm Uralski das Gespräch wieder auf, »nun gut, dann sind wir uns ja vollkommen einig. Die Linie des schwächsten Widerstandes suchen, das heißt sie zu finden und zu brechen...« Er senkte die Stimme. »Sind die neuen Kanonen schon ausgegeben?«

Die Kanonen waren ausgegeben.

»Das geht mich nichts an, das ist eine andre Abteilung«, wehrte Herfurt ab. »Ja, wir sind uns einig.« »Und schriftliche Befehle werden heute keine gegeben. Macht keim Dummheiten. Die Parole ist die alte geblieben. Steven elf siebzehn. Gibt es sonst noch was?«

»Nein. Wir schickten und schicken Kuriere.«

»Fabelhaft. Da habt ihr wenigstens etwas von unsrer Partei gelernt.« Er senkte die Stimme, »Ihr erreicht mich immer unter Oliva 909010, wenn ich gebraucht werden sollte, verlangt nach Otto Julius Meyer.«

»Otto Julius Meyer, Oliva 909010«, wiederholte Herfurt und verabschiedete sich schnell. Am Bahnhof Zoo nahm er eine Taxe und fuhr die Tauentzienstraße hinauf bis zum Wittenbergplatz. Dort tagte im Spielzimmer einer kleinen Konditorei, als Schachverein getarnt, die Kampfleitung. Und um fünneff wollte er die kühle Thea Gärtner mit dem jungen »Wie heißt er doch gleich?« treffen, den Mann, der als Kurier für den Wedding eingesetzt werden sollte. Und dann, ach, er konnte wählen. Sollte er mit der kleinen Chinesin zusammen sein? Oder sollte er sich von der blonden, blauäugigen Norwegerin über die Parteiarbeit berichten lassen?

Uralski blieb noch eine Stunde im Zoo.

Er wunderte sich über die ordnungsliebenden Deutschen, über die vielen Blumenbeete und Papierkörbe. Er freute sich über die Wölfe, über die russischen Wölfe und verweilte einige Minuten bei dem großen, alten Fleischfresser vom Amur, dem sibirischen Tiger. Dann sah er dem schwarzen Panther in die Edelsteinaugen. Der kanadische Goliath, der Grisly, ließ ihn kalt, aber der Bär, der russische Bär, interessierte und begeisterte ihn wieder. Tiger, Wölfe, Bären und Kamele!

Und nun dachte er an seine Heimat und an die Baschkirensteppe, und da fiel ihm jenes kleine braunhaarige deutsche Mädchen mit den blauen Augen ein, das er damals im Krieg kennengelernt hatte. Damals war er ein kleiner Junge gewesen und mit seinem Vater aus Samara zum Viehankauf in die Baschkirensteppe gezogen.

Vieh wollten sie kaufen, Ochsen, Hammel, Schweine, und der Bauer, wie hieß doch der Bauer? Wiest, Biest, Riest, nein, Wiesner hieß er, und das Mädel wurde Anna gerufen. Anna Wiesner! Beinahe zehn Jahre hatte er nicht mehr an sie gedacht. Wo mochte sie jetzt sein? Tiger, Wölfe, Kamele und Bären, und am Ende stand ein kleines deutsches Mädchen und lächelte.

Uralski verließ den Zoo, winkte eine Taxe heran und fuhr in seine Pension. Fremd und gleichgültig wie jene Hirschkuh hinter dem Gatter war ihm diese Stadt Berlin, dieser gellende Auswurf des Westens. Aber er hatte einen Auftrag zu erfüllen. Es war Krieg in der Welt, immer noch Krieg. Der entscheidende Krieg der Klassen.

Sein Gesicht wurde wild und fanatisch.

Aber dann entspannte es sich. Er dachte an den russischen Bären, der sich aufgerichtet hatte, Süßigkeiten bettelte und brummte. Und an das keine Mädchen Anna Wiesner in der Baschkirensteppe dachte er.

In derselben Stunde, als Kolja Uralski die Stadt Berlin als den gellenden Auswurf des Westens verfluchte, an den Bären und das kleine Mädchen dachte, ging der Bauer Jakob Bundschuh in der Krim noch einmal die bestaubte Straße entlang. Immer noch tanzte der Wind vom Schwarzen Meer mit dem weißen Staub, und im tanzenden Wind erschien ihm das Gesicht Annas.

Wie schön war doch Anna geworden, wie strahlend, wie aufgeschlossen und blühend! Er liebte sie schon als Kind, immer hat er sie geliebt, damals im Kaukasus, am wilden Terek, aus der Flucht durch die Wüste, in der Ukraine und in der Krim. Aber nun war es zu spät. Der sterbende Vater hatte Sophie zu seiner Frau bestimmt. Und nun geht sein Herz wie ein gefangnes Tier in einem Käfig ruhelos hin und her.

Als der große Krieg begann, lebte die Familie Wiesner in der Baschkirensteppe. Wiesner war Pionier, hatte die geschlossene Siedlung an der Wolga mit Weib, Kind, Vieh und Wagen verlassen, jungfräulichen Boden von den Baschkiren gekauft, umgepflügt, geerntet und wieder verloren. Das Land aber behielt er und stellte sich auf die Viehzucht um. In der Steppe starb der Sohn, wurde die Tochter geboren.

Leben und Tod in der Steppe bei den Baschkiren.

Leben und Sterben in der Steppe.

Da liegt die Steppe, im Herbst und Winter schutzlos den heulenden Stürmen preisgegeben, die vom Kaspischen Meer kommen und brüllen und donnern. In der Steppe wächst kein Wald. Mit Kamelmist werden die Öfen geheizt. Und als Annas Vater im zweiten Kriegssommer mit baschkirischen Knechten zusammen arbeitete, kam das Gespräch aus den Krieg. Die Knechte, alte Leute, die an der Front nicht zu gebrauchen waren, runzelten die gegerbten Gesichter und sagten:

»Krieg, wieso ist Krieg in der Welt? Erzähle uns, Bauer, ein Wort oder zwei vom Kriege.«

Wiesner streicht sich den windzerfressenen, gelben Bart und erzählt vom Kriege und von Deutschland. Die Baschkiren lassen die Arbeit liegen und hören auf den Bauern.

»Ein schönes Land, dieses Deutschlandchen, Baschkiren«, sagt er, »und es ist wohl das schönste Land unter der lieben Sonne. Es ist aber auch das arbeitsamste Land. Fabriken gibt es und Bergwerke, gehämmert wird und gepocht, jede Stadt ist wie eine Werkstatt bei uns, und die vielen Äcker sind wie Gemüsegärten. Und deshalb haben die andern Völker den Krieg angefangen.«

»Wir sind auch ein Volk, und wir haben den Krieg nicht angefangen, Bauer«, sagen die Baschkiren, »wir kennen kaum dem Namen nach dein Deutschlandchen. Weshalb ist Krieg zwischen Rußland und Deutschland? Unser Zar ist so groß und so mächtig, Bauer, so reich ist er und so hochwohlgeboren, er hat Land und Kamele, Bergwerke und Steppen hat er, warum soll er neidisch sein und deinem Deutschlandchen den Krieg erklären?«

Wiesner erzählt von Frankreich, von England, von den Absatzmärkten, von verliehnen Goldmilliarden und ihren Zinsen, aber die Baschkiren verstehen das nicht. Sie sind wie Kinder. Und wie Kindern erklärt er nun den Krieg und erzählt von den deutschen Bombenflugzeugen.

»Seht«, sagt er, »wir, nein, Deutschland hat viel Feinde, aber es wird trotzdem siegen. Flugzeuge gibt es dort, Knechte, hundert mal hundert, und die steigen wie die Steppenadler aus und lassen die Bomben aus die Feinde fallen. So Knalltierchen, wißt ihr, gefüllt mit Eisen und Feuer. Und die Feinde rufen jetzt schon: ›Barmherziger Gott, barmherziges Deutschlandchen, Vergebung für unsre Sünden, Vergebung! Habt Mitleid mit unsren Frauen und Kindern!‹ So schreien sie, und der Krieg, der Krieg wird bald zu Ende sein.«

Die Baschkiren schnattern:

»Ja, der Krieg wird bald zu Ende sein.«

Jakob kennt diese Unterhaltung ganz genau. Anna hat sie viele Male erzählt. Sie war ja dabei gewesen.

Nun betritt der Viehhändler Pjotr Uralski den Hof.

Er ist ein großer Patriot und hat des Bauers Lobgesänge auf Deutschland vernommen. Nein, er liebt sie nicht, die Deutschen, aber er muß mit ihnen Geschäfte machen. Das beste Vieh kauft man bei den Deutschen. Mit ihm erscheint ein kleiner, krummbeiniger schwarzhaariger Junge. Das ist Kolja, Kolja, sein Sohn. Er trägt noch keine seidnen Oberhemden und noch keine Lackschuhe. Vater und Sohn kommen aus der Stadt Samara an der Wolga.

Der Viehhändler fragt:

»Hast du keine Viehherden zu verkaufen, Bauer? Unsre tapferen Soldaten an der Front hungern und verlangen nach frischem Fleisch. Kälber, Ochsen, Hammel und Schweine will ich von dir kaufen.«

Wiesner antwortet:

»Habe erst vorige Woche verkauft, Bürger, aber gehe zu meinem Nachbar, er hat auch Vieh für deine Soldaten.«

»Für des Kaisers Soldaten«, verbessert Uralski. »Für des Kaisers Soldaten«, wiederholt Wiesner.

Kolja läßt die Männer reden. Er läuft zu der kleinen Anna, sechs Jahre ist sie alt, und spricht russisch auf sie ein. Aber sie versteht zu wenig russisch und antwortet deutsch. Und Kolja, er ist zwei Jahre älter, versteht kein deutsch, aber er will diese Sprache lernen, und er hat sie auch später gelernt, aber jetzt schüttelt er den Kopf und hört seinen Vater schreien:

»Was hast du, Bauer, deinen schlitzäugigen und stinkenden Baschkiren vom Deutschen Kaiser erzählt? Bist du Deutscher, bist du Wurstfresser, oder was bist du eigentlich?«

»Bin deutscher Russe, Bürger, und ich habe meinen baschkirischen Knechten nichts vom Deutschen Kaiser erzählt. Nein, kein Wort. Sie haben ja ihren Kaiser«, antwortet der Bauer.

»Und trotzdem haben die Wurstfresser viel bessre Bombenflugzeuge als wir?« geht das Verhör weiter.

»Wie kann ich das wissen, Viehaufkäufer? Wie kann ich das wissen, Brüderchen? Ich habe noch nie in meinem Leben ein Bombenflugzeug gesehen.«

»Wirst noch ganz andre Dinge sehen, Deutscher«, droht Uralski. »Kolja!«ruft er seinen Jungen, »laß das deutsche Gänschen stehen. Komm, wir haben hier nichts verloren. Wir müssen endlich weiter.«

Wir haben hier nichts verloren, sagt der Vater. Wir müssen weiter, sagt der Vater. Laß das deutsche Gänschen stehen, sagt der Vater. Kolja geht mit dem Vater tiefer in die Steppe hinein. Sie kaufen Vieh, Ochsen, Schweine, Kühe und Hammel, und Kolja denkt und denkt an das Mädchen mit den braunen Haaren und den blauen Augen. Er will deutsch lernen in der Stadt. Und er lernt auch deutsch. Fünfzehn Jahre später ist Kolja Uralski ein berühmter Mann und wird von Moskau als Kommissar nach Deutschland geschickt.

Der Bauer Wiesner arbeitet weiter.

Die Baschkiren unterhalten sich über Bombenflugzeuge, die wie Steppenadler aufsteigen und Bomben auf die Erde schmeißen. Sie schnattern noch lange, die baschkirischen Knechte, und vier Tage später wird der Bauer verhaftet. Sie holen ihn nach der Stadt, lassen ihn drei Tage in einer stinkenden Zelle sitzen, zwischen Landstreichern und Dieben, und dann kommt er frei und muß 1000 Rubel Strafe zahlen. Er löst seinen Hof auf, verkauft das Vieh und wandert mit Weib und Kind nach dem Kaukasus ins Terek-Gebiet.

Aber zwei Jahre lebt der Bauer Wiesner als guter Nachbar des Hofes Emiljanowka und züchtet Vieh. Der Krieg donnert an der persischen und türkischen Grenze. Die kleine Anna kommt oft herüber, Jakob lehrt sie reiten und nimmt sie vor sich in den Sattel. Täler, sanfte und wilde, Berge, milde und abweisende, Pässe und Matten, Sturzbäche, Adler und unendliche Wälder. So leben sie in den Bergen und Tälern, Jakob und Anna.

Dann beginnt der Aufstand der Bergvölker.

Die Tataren kommen mitten in der Nacht.

Oder sind es die Ossjeten, sind es die Tschentschenzen? Sie rammen die Türen ein, sie zerschlagen die Fenster, sie richten ihre Gewehre auf Vater und Mutter und befehlen:

»Das Gold, bringt die goldnen Zarenrubel!«

Sie bringen die versteckten goldnen Zarenrubel. Die Räuber nehmen alles an sich, die Kleider, die Pelze, die Schuhe. Sie zertrümmern die Truhen und Schränke, sie treiben das Vieh zusammen, und bevor sie abziehen, schießen sie den alten Bauern und seine Frau über den Haufen. Laßt sie krepieren, es ist Krieg, und Millionen sind schon krepiert, sagt der Räuberhauptmann. Die kleine Anna ist auf Besuch bei Jakobs Eltern. Und sie bleibt nun immer, immer da.

An diese Dinge, an die Baschkirensteppe, an den Kaukasus, an den nächtlichen Überfall und Mord, an Anna denkt Jakob, als er den Wind und den Staub auf der weißen Straße tanzen sieht und nach dem Gemeindehaus wandert. Was sagte David Mayer? Aus der Stadt ist eine Kommission gekommen? Die Bauern haben sich noch einmal im Gemeindehause versammelt. Sie waren versammelt, junge und alte Bauern, eine große Familie von gleichem Blut und Glauben. Mehr als hundert Jahre hatten sie unter Russen, Tataren, Baschkiren, Sibiriaken, Ukrainern, Kirgisen und Burjäten, Tschuwaschen und Grusiniern gelebt. Hinter dem Gebirge ihrer Sprache lebten sie, tranken von ihren Quellen, nährten sich von ihrem Brote. Und über ihnen wölbte sich der evangelische Himmel ihrer Väter und Ahnen.

Unruhig sind die Bauern. Warum noch eine Zusammenkunft? Warum noch ein Redner aus der Stadt? Der alte Dieck, er ist über siebzig Jahre alt und hat ganz helle Äugen, Vogelaugen sind das, flinke und listige, der alte Dieck eröffnet die Versammlung und gibt dem Redner das Wort. Der Redner ist ein ganz junger Mensch von einundzwanzig Jahren und war einer von den Stoßtrupplern, die vom Zentrum über das weite Land geschickt wurden, heute nach der Krim, morgen nach dem Kaukasus, übermorgen zu den Baschkiren oder Kalmücken. Pjotr Iwanowitsch Kusminoff, abkommandiert nach der Krim, hat das Wort!

Er sprach nur russisch, aber wenn er auch deutsch gesprochen hätte, die Bauern würden ihn niemals verstanden haben. Was kann ein Mensch von einundzwanzig einem Menschen von einundsiebzig Jahren erzählen? Und was kann ein Stadtmensch dem Bauern von der Erde, vom Vieh und von den Ernten berichten? Nichts. Aber Pjotr Iwanowitsch Kusminoff hatte das Wort. Er war nicht allein. Neben ihm auf der mit rotem Tuch ausgeschlagnen Bühne saß ein flachsblondes Mädel, neunzehn Jahre alt, die Freundin Nina.

Pjotr sprach und malte grell und bunt die Aufmärsche der westeuropäischen Arbeiter an die hatten Stirnen der Landleute. Die bunten Bilder blieben an den harten Stirnen hängen und drangen nicht bis in die Tiefe der Herzen. Und die Bauern schwiegen und dachten nach. Arbeiter, Arbeiter, Arbeiter, dachten sie, sind wir Bauern keine Arbeiter? Seht euch unsre Hände an, hebt die Lasten, die wir tragen, ja, wir sind Arbeiter. Arbeiter, aber keine Proletarier. Mit unserem Schweiß düngen wir die Felder. Die Leute in den großen Städten, die Schmalhände und Weißgesichter, die Rund- und Spitzbäuche und Befehlserlasser, sie essen unser Brot, sie essen unser Fleisch und lassen sich unsre Butter gut schmecken. Und sie trinken die Milch von unsren Kühen und trinken den Wein aus unsren Weinbergen. Und was geben uns die Städte?

Sie schicken ihre Befehle, ihre Steuern, ihre Kommissare und Anleihen. Die Steuern erdrücken uns, die freiwilligen Anleihen plündern uns aus, und wer nicht zahlen kann, wer nicht zahlen will, nun, den treiben sie vom Hofe, von der Erde treiben sie ihn, und als Feind des Volkes wird er erklärt. Ja, sie stecken uns in die Gefängnisse, sie schicken uns in kältre Zonen nach dem Eismeer und nach Sibirien. Volk, Volk, Volk, wer ist das Volk?

Verjüngen sich die Städte nicht immer und ewig durch das Blut der Bauern? Ohne Städte, ja, ohne Städte kann ein Land leben, aber ohne Bauern? Nein, ohne Bauern kann kein Land und Volk leben.

Pjotr Iwanowitsch Kusminoff fühlt die Welle des Mißtrauens, die im Gemeindesaal aufsteigt und wellt und wogt und sich gegen ihn erhebt. Und da reißt er sich zusammen, stürzt sich kopfüber in die steigende Flut und beginnt begeistert vom Neuen Plan zu sprechen.

Keine mühselige Arbeit des einzelnen mehr!

Alle Felder, Wiesen und Weiden zusammenlegen!

Alle Tiere kommen in große Herden!

Milch wird in Gigantenmolkereien verarbeitet!

Weizen und Hirse in eigenen Gigantenmühlen gemahlen!

Maschinen und Traktoren, hunderttausend Pferdekräfte, auf unendlichen Flächen, eine mathematische Landschaft, planvoll geordnet, kein Gegeneinander, nur Füreinander und doppelter Ernteertrag, vierfacher, fünffacher Ernteertrag! Ja, und weniger Arbeit und mehr Glück. Glück und Segen, Segen und Glück für alle Schaffenden in Stadt und Land, für alle, für alle! Und auch das Dorf Marienthal fügt sich ein in den großen Plan. Auch das Dorf Marienthal stimmt für die Kollektivs und Kommunen. Und wer sich gegen den Neuen Plan stellt, wird liquidiert von der erzenen Faust der proletarischen Diktatur.

Pjotr Iwanowitsch Kusminoff schüttelt drohend die weiße Knabenfaust gegen alle Feinde. Der einundsiebzigjährige Dieck verliest langsam die vorgelegte Entschließung. In Anbetracht und in Erwägung. Felsenfest entschlossen. Glühende Tatbereitschaft. Und so weiter.

»Wer dagegen ist, erhebe eine Hand.«

Keine Hand erhebt sich.

Die harten, verarbeiteten Hände lagen offen oder geballt auf den Knien, Jakob Bundschuh dachte an die Kommissare, die schon einmal aus der Stadt geschickt wurden, an den Mann mit den zwölf Zuchthausjahren an der Lena und an den Tschekisten, der die Geister der Erschossenen sprechen hörte. Unter der Kommissarherrschaft verkamen die Acker und Höfe. Die Liebe zum Land und zur Arbeit starb. Warum soll der Bauer schaffen für eine Sache, die ihn nichts angeht? Das Feld ist keine Fabrik.

Das Feld birgt viel mehr als seinen Flächeninhalt. Auf dem Feld sind die Dinge noch rund und nicht Stückwerk wie am laufenden Band. Von der Saat bis zur Ernte rundet sich die Arbeit aus dem Felde und wird bestimmt von alten, ewigen Gesetzen.

Die Kommissare kamen aus der Stadt mit neuen Richtlinien. Sie waren Papiermenschen. Tinte floß in ihren Adern. Strenge ballte ihre Faust, aber nicht die Kraft. Unvernünftiger waren sie als Stier und Bock, wenn im Frühling ihre Zeit kam. Stier und Bock. Was verstanden die Kommissare von den Tieren? Jedes Huhn mußte damals eine ganz bestimmte Anzahl von Eiern legen, die Kuh soundso viel Liter Milch geben. Und taten die vernünftigen Tiere nicht, was die unvernünftigen Kommissare oder Agronome berechneten und verlangten, die Bauern mußten büßen! Der Mensch für das Tier. Immer und immer wieder das Land für die Stadt.

Jakob lächelt.

An den Zäunen der Landstraße hingen damals die Hühner, einen Zettel um den Hals und darauf geschrieben:

»Ich habe mich erhängt, weil ich in Unkenntnis der Gesetze und Vorschriften zu wenig Eier gelegt habe und von der strengen Hand der proletarischen Diktatur bestraft werden soll.«

»Sind noch Fragen zu stellen?«

Plötzlich flogen wie weiße Schmetterlinge viele beschriebene Zettel nach der Bühne. Pjotr Iwanowitsch nahm sie entgegen und entfaltete sie. Nein, er konnte nichts verstehen. Sie waren deutsch geschrieben. Die Bauern verstanden russisch und deutsch, sie hatten seiner Rede folgen können, aber jetzt ging es nicht mehr um Rednernachfolge, jetzt ging es um andre Nachfolge, um die Kinder ging es, um die Felder, um das Vieh, um die Arbeit und das Leben. Und sie wehrten sich. Sie ließen die kleinen, deutschgeschriebenen Zettel fliegen. Hätten die Herren aus der Stadt doch einen Deutschen schicken sollen!

Der Russe schob die Zettel in seine schwarze Mappe. »In der Stadt will ich sie lesen und prüfen«, sagte er, »wir kommen bald wieder in euer Dorf und hoffen, die ersten Kommunen bei euch vorzufinden. Wir sind Freunde der Bauern. Immer waren wir eure Freunde. Überlegt, selbst auf unsrem Wappen, auf unsren Fahnen und auf unsrem Gelde und überall liegt die Sichel über dem Hammer. Das hat unser Lenin selbst so bestimmt.«

»Aber dem Erntefeld muß die Sichel liegen!«

Jakob hatte es gerufen.

»Was sagt der Genosse Bauer?«

Dieck weiß nicht, was er antworten soll. Der Gemeindeschreiber David Mayer steht aus und übersetzt langsam und bedächtig:

»Er stimmt für die Kommune und sagt, die Sichel solle ...«

»Es ist gut«, winkt der Jüngling ab, »es ist gut. Nehmt euch ein Beispiel an dem Bauer«, ruft er, »bald kommen wir wieder!«

Die Mappe ist gefüllt. Pjotr verschwindet mit Nina. Das Mädchen hat kein Wort gesprochen. Dumm und stumm saß sie da, still hockte sie neben Pjotr und hatte ein wenig Angst vor den Bauern da unten zu ihren Füßen. Gut hat er gesprochen, der Pjotr Iwanowitsch!

Mit einem klapprigen Auto fahren sie zum nächsten Dorfe.

Die Bauern verließen das Gemeindehaus. Dieck und Mayer besprachen Dorfangelegenheiten. Schritte auf der weißen Straße, die Männer gehen heim zu ihren Frauen und Kindern, Feldern und Viehherden. Und das soll alles ausgewischt werden? Die Kommunen warten schon.

»Was sollen wir tun, Jakob?« fragt der Bauer Peter Kuhn. »Bis morgen muß ich 1000 Pud Weizen abliefern. Rückständige Steuern, wißt ihr. Und wenn ich liefre, muß ich noch mehr an die Vielfraße liefern. Eine Schraube ohne Ende haben sie sich in der Stadt ausgedacht!«

»Sie wollen die Sonntage abschaffen, bei Cherson haben sie schon angefangen und die Prediger verhaftet und verschickt.«

»Auch unsren Prediger suchen sie, Jakob. Was soll aus uns werden?« jammerte Peter Kuhn.

»Hört, Männer, im Nachbardorfe haben sie einen Bauern ins Gefängnis geschleppt; er hatte früher ein Mustergut und von der Regierung viele Preise und Diplome bekommen. Das gilt jetzt alles nicht mehr. Sie sagten: ›Verdienste? Trotzki hat noch mehr Verdienste als du, Bauer, aber als er sich gegen uns stellte, haben wir ihn verbannt‹. Sagt, was soll werden?«

»Auswandern«,sagte Jakob.»Aus Sibirien habe ich Berichte bekommen, überall sammeln sich unsre Brüder. Sechzig Familien warten auf die Pässe. Das ist unser Vortrupp. Nach Kanada wollen sie und nach Brasilien. Geklagt haben wir jetzt genug. Wartet noch ein wenig und hofft.«

»Ich kann nicht mehr warten, wenn ich den Weizen nicht liefre, schleppen sie mich ins Gefängnis. Und dann versteigern die Vielfraße meinen Hof«, sagte Peter Kuhn.

»Wir wollen dir Geld geben, damit du Weizen in der Stadt kaufen kannst«, sagte Jakob, »gerade jetzt müssen wir alle treu und fest zusammenstehen.«

»Ja, wir wollen zusammenhalten«, sagten die Bauern, »nimm du die Nachrichten entgegen, Jakob, Jaschka, sei du unser Vertrauensmann.«

Der Wind vom Meere hatte ausgetanzt.

Weiß und müde lag der Staub auf der Straße.

Die Bauern verliefen sich. Bundschuh ging allein weiter. Endlos und mühselig war der Weg aus dem Kaukasus gewesen, der Flußübergang, die Rettung aus Blut und Feuer, Schnee und Wasser und glühender Wüste. Jakob dachte an das Gespräch des Vaters mit dem Hufschmied Karsten über Kommunismus. Wo trieb sich der Schmied herum? Ach, weit und verworren waren die Wege gewesen, die Blutwege, die Feuertäler, die Tränenstraßen. Blut und Feuer standen am Anfang. Sollten Blut und Tränen auch am bittren Ende stehen? Jakob seufzte. Die Frauen und Kinder würden es am schwersten haben.

Der Hofhund bellte.

In der Stube saßen Sophie und Anna.

Die kleine Tochter lief dem Vater fröhlich entgegen und streckte jauchzend die winzigen Ärmchen aus.

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