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Das unsterbliche Volk

Max Barthel: Das unsterbliche Volk - Kapitel 3
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typefiction
authorMax Barthel
titleDas unsterbliche Volk
publisherBüchergilde Gutenberg
year1933
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Zweites Kapitel

Müller, Müller, Otto Müller? Das dürfte wohl ein Irrtum sein, junger Mann, hier bei uns im Hause wohnt schon lange kein Otto Müller mehr«, sagte die junge Frau zu Eugen Bundschuh und knallte die Türe zu.

Zehnmal hatte es schon an diesem Tage geklingelt, zehnmal wurde nach Otto Müller gefragt. Er war doch ihr Mann, zu Ostern hatten sie geheiratet, und nun ging es schon die ganze Woche: Otto, zur Sitzung, Otto, zu einer Besprechung, Otto, es ist wichtig. Nun komm schon, die Genossen warten, Otto. Herfurt will dich sehen, Otto! Und da schlug sie die Türe zu, daß sie knallte. Ganz aufgeregt kam die junge Frau in die Küche.

Ihr Mann sah das finstre Gesicht. Er legte dann die Zeitung beiseite, hob die grauen Augen und sagte:

»Nun mal sachte mit den jungen Pferden, wer war es denn schon wieder? Du bist ja ganz blaß im Gesichte, Mucki.«

»Unterm Arm nehmen und schaukeln gibts nicht, Otto«, antwortete Mucki, und ihr Mund wurde lachlustig, »ein Mann mit zwei Beinen und blauen Augen. Er fragte nach dir. Was ist denn schon wieder los, Otto?«

»Allerhand, und morgen wirst du es sehen, kleine Frau. Hat der Mann mit den blauen Augen – mach mich nicht eifersüchtig, Süße – hat er dir einen Ausweis gezeigt?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Nein, er hat keinen Ausweis gezeigt. Er fragte bloß: ›Wohnt hier der Herr Otto Müller?‹ hat er gefragt. Nicht mal, ›Genosse Müller‹ hat er gesagt. Und da habe ich die Türe zugeknallt.«

»Ausgezeichnet, Mucki«, antwortete Otto und kippte auf dem Stuhl wie ein kleiner Junge, »ausgezeichnet, und wenn es was Wichtiges ist, wird er ins Lokal kommen.«

Die junge Frau räumte den Tisch ab. Der Mann steckte sich eine Zigarette an. Mucki stellte das Geschirr hin und blies spielerisch das Zündholz aus. So jung war sie noch und so verliebt. Atem und Feuer, Rauch und Feierabend, zwei Menschen für sich allein, eine Frau und ein Mann.

Otto warf achtlos die brennende Zigarette in die Küche und preßte seinen Mund auf den seiner Frau. Sie ergab sich, aber dann stemmte sie sich gegen seine Brust und rief:

»Nichts als Dummheiten hast du im Kopf, Otto! Man wirft doch keine brennende Zigarette in die Stube. Wozu haben wir denn Aschebecher?«

Sie brachte den Aschebecher, hob die Zigarette auf und lächelte zärtlich. Dann rauchte sie die Zigarette an und gab sie ihrem Mann. Der dehnte und reckte sich und stellte dann den Lautsprecher an.

»Immer Tanzmusik«, empörte er sich, »na, wenn wir erst mal die Macht haben und unsre Sendungen funken, dann wirds anders, Frau Müller! Da kannst du Gift drauf nehmen!«

Mucki lauschte mit verklärtem Gesicht. Sie wiegte sich im Walzertakt. Ihre Füße wurden schwebend.

»Natürlich, du hast vollkommen recht, Otto, aber jetzt laß doch endlich mal und um Gottes willen den Walzer, hörst du, zu Ende spielen!«

Das Gesicht des Mannes verdunkelte sich eine Sekunde. Was verstehen denn die Frauen von der Welt? Sie wollen singen und tanzen, und wenn die Welt untergeht, zappeln sie noch mit den Füßen und sagen: schneller, Herr Kapellmeister! Noch ein Schwänzchen! Aber der Schatten wich aus seinem Gesicht. Er lachte und erklärte großartig:

»Schön, wenn du den Walzer hören willst, Frau Müller? In einer halben Stunde muß ich sowieso zur Sitzung.« Er lauschte auf die Musik und pfiff die Melodie mit. Plötzlich unterbrach er sich: »Hat dir der Klingelfritze vorhin wirklich keinen Ausweis gezeigt?«

»Nein, wirklich nicht.«

»Na, dann eben nicht, liebe Tante!«

Mucki wiegte sich im Dreivierteltakt hin und her. Sie lief schwebend durch die kleine, enge Küche, drei Schritte vor, drei Schritte zurück. Sie vergaß die dunkle, arme Straße, in der sie wohnte, sie vergaß die vielen Gesuche und war bei sich selbst auf Gesuch. Die Musik wurde Welt und Welt wurde Musik. Otto drehte den kleinen schwarzen Schnurrbart, folgte mit verliebten grauen Augen den Bewegungen seiner Frau und trommelte mit harten Fingern einen harten Takt zu der weichen Melodie.

Der junge Mann, von dem in der Küche die Rede war, und der vergeblich an der Türe nach Otto Müller gefragt hatte, hieß Eugen Bundschuh und war aus der kleinen Inselstadt Werder nach Berlin gekommen. Der Weg durch die dunstende Stadt, vom Potsdamer Bahnhof nach der Leipziger Straße und dann immer die Friedrichstraße entlang bis zum Wedding, hatte ihn müde gemacht. Groß war Berlin, eine Steinwüste mit tiefen Straßenschluchten, in der die Menschen hetzten, die Autobusse büffelten, der Verkehr dröhnte.

Müde war er geworden und stieg nun verdrossen die ewig dunklen Treppen hinunter. Er seufzte. Also war der Weg vergeblich gewesen. Müller wohnte nicht mehr hier. Was sollte er nun tun?

Die Kellerstraße, diese kurze, verwahrloste Schlucht im nördlichen Berlin, war noch voller Leben und Bewegung. Die Fassaden der vierundzwanzig Häuser zerbröckelten und zeigten schamlos ihren Verfall, vor den Haustüren standen junge Burschen mit früh erblühten und früh verblühten Mädchen. Kinder spielten, ›Himmel und Hölle‹. Ein Trupp Halbwüchsiger zog nach der Pankstraße, um dort andern Halbwüchsigen zu zeigen, was die Jugend der Kellerstraße alles kann.

Arbeiter kamen aus den Fabriken, in sich noch den Lärm der Maschinen. Stenotypistinnen kamen aus den Büros und sahen wie junge Damen aus. Am Eingang zu einem Keller – viele Geschäfte und kleine Betriebe liegen in den Kellern Berlins, Wäschereien, Lebensmittelgeschäfte, Kohlenhandlungen – am Eingang zu einer Wäscherei stritten sich zwei Frauen über die ›Ernsten Bibelforscher‹, die hier in dieser entgötterten Stadt für ihre Vereinigung neue Anhänger und neue Seelen suchten. Die Steine dieser Straße waren politische Steine und warben in weißen und roten Blockschriften für die Revolution, von den Gehsteigen, Hauswänden und Dächern brüllten einprägsame Parolen.

›Apfelsinen, heute sechs Stick for zwei Groschen, die letzten, meine Herrschaften, saftig und sieß‹, schrie ein Händler. Die beiden Frauen ließen die ernsthaften Bibelforscher und kauften Apfelsinen, sechs Stück für zwanzig Pfennige. Ein kleines Mädchen mit wächsernem Gesicht und großen brennenden Augen starrte nach dem Wagen, auf dem die runden Früchte einen goldnen Hügel bauten. Der Händler hatte selber Kinder zu Hause. Er suchte eine angestoßne Frucht aus und warf sie dem Mädchen zu. Sie fing sie geschickt auf wie einen Ball und rannte davon. Tapp-tapp-tapp, klapperten die viel zu großen Schuhe auf den Steinen. Sie rannte und rannte. Es war, als hätte sie Angst, der Mann könne sich es noch einmal überlegen und die Apfelsine zurückfordern.

Aus der Kneipe kam Musik.

Eugen Bundschuh, vierundzwanzig Jahre alt, das Gesicht war scharf geschnitten, der Mund energisch, die Augen grau mit goldnen Lichtern, der Werkzeugmacher Eugen Bundschuh, seine Eltern waren gestorben, ging der Musik nach, trat in die kleine Kneipe und bestellte ein Glas Bier. Zu dem halbvertrockneten Brot, das er aus Werder mitgebracht hatte, ließ er sich eine magere Ölsardine kommen. Er aß, trank und dachte nach.

Das waren Zeiten in Deutschland!

Wie in einem Tollhaus ging es zu. Alle kämpften gegen alle, und alle wollten doch nur Brot und Arbeit. Das ewige Herum, bummeln und An-den-Ecken-stehen machte den gesündesten Menschen elend, verbittert und krank. Aber fünf Millionen Arbeitslose! Wie sollte das enden?

Im vergangenen Jahr hatte er auf dem Bezirkstag seiner Partei den Funktionär Otto Müller kennengelernt und sich mit ihm befreundet. Müller war ein guter Redner und schien auch ein klarer Kopf zu sein, der die schwierigsten Fragen im Handumdrehen lösen konnte. Das Elend der Welt führte er auf die Anarchie der Produktion zurück. Wirtschaft ist Schicksal, pflegte er zu sagen, und da wir eine Sauwirtschaft haben, ist auch unser Schicksal danach. Als Heilmittel empfahl er für die deutschen Arbeiter die russische Kur.

Damals in Werder hatte er Bundschuh zu einem Besuch ermuntert, zu einem Besuch in der Kellerstraße Nummer soundso viel, Hinterhaus rechter Flügel vier Treppen. Und er war gekommen, hatte geklingelt und höflich gefragt, aber da schlug ihm eine junge Frau die Türe vor der Nase zu und sagte, hier wohnt schon lange kein Otto Müller mehr.

Schön. Das wäre also erledigt. Aber was sollte er tun? Nach Werder fahren? Was sollte er dort? Arbeiten? Ausgeschlossen, es gab doch keine Arbeit! Drei Mark hatte er noch in der Tasche. Das war sein ganzes Vermögen. Ach was, es gibt Menschen, die noch ärmer sind, dachte er.

Durch die Kneipe kamen einige uniformierte Rotfrontkämpfer und musterten mißtrauisch den Fremden, der an der Theke stand, den letzten Bissen mit dem letzten Schluck Bier hinunterspülte und nicht wußte, was er tun sollte. In Berlin ist der Mensch noch einsamer als in der tiefsten Wüste. Gleichgültig treibt in Berlin der Menschenstrom aneinander vorbei. Keiner kennt den andern, und er will ihn auch gar nicht kennenlernen. Keine Zeit, keine Zeit! Sie rennen den Straßenbahnen nach, sie stürzen sich kopfüber in die Schächte der Untergrundbahnen wie Taucher, die nach Perlen fischen. Sie stoßen sich, sie drängen, gebrauchen die Ellenbogen und wollen immer die ersten sein. Und dabei haben sie nichts verloren als sich selbst.

Ein junger Mann, Mitte der Zwanzig, die Mütze schief aus dem rechten Ohr und mit einer weizengelben Strähne in der Stirn, näherte sich langsam und fragte:

»Bist wohl fremd hier, Kollege, oder wartest du auf wem?«

»Fremd, ja, ich wollte Müller besuchen, Otto Müller, aber der wohnt wohl nicht mehr in der Kellerstraße.«

»Müller, Müller, Otto Müller? Kenne ich nicht«, antwortete der Mann mit der schiefen Mütze und der Haarsträhne. Er warf aus hellblauen Augen einen prüfenden Blick aus den Gast. »Und da hast du dich wohl in das Lokal hier verirrt? Hast du vielleicht einen Ausweis bei dir?«

Bundschuh griff in die Tasche.

»Ja, das Parteibuch.«

»Das möchte ich mal sehen. Gib her.«

Er nahm das Buch an sich.

»Aber ich kenne dich doch nicht.«

»Macht nichts, ich bin der Paule Riedel«, antwortete fröhlich der andre und winkte mit den Augen zwei Kameraden heran. Sie kamen langsam nach der Theke. »Das hier ist Erwin«, stellte er vor, »und das ist Kurt. Und das«, er hob die Hand, »das ist ein Genosse von auswärts. Unterhaltet euch mal ein bißchen, ich habe hinten zu tun.«

Erwin und Kurt nickten.

Riedel verschwand im Hinterzimmer.

»Bist du schon lange in Berlin?« fragte Erwin, ein blasser, unterernährter Bursche, neunzehn Jahre alt, über zwei Jahre erwerbslos und vor einer Ewigkeit mal Laufbursche gewesen. Sein Gesicht war fahl. Die grünen Augen hatten keine Wimpern. »Wo bist du her?«

»Aus Werder«, sagte Bundschuh und betete seinen alten Spruch noch einmal herunter.

»Ach so, den Otto Müller wolltest du besuchen, und der ist wohl nicht zu Hause?« fragte Kurt. Er war zwanzig Jahre alt, rund und gesund, mit einem Vollmondgesicht und auch schon zwei Jahre arbeitslos. Der verschlissene Anzug saß ganz eng an seinem Leibe und krachte beinahe in den Nähten. Kurt setzte noch im Elend Fett an. Das war die einzige Erbmasse, über die der dicke Kurt verfügte.

»Nein, der ist doch überhaupt nicht mehr hier!«

Kurt und Erwin wechselten wissende Blicke. Riedel hatte ihm das Parteibuch abgenommen: sollte das ein Spitzel sein? Die liefen wie wild durch die Gegend.

»Natürlich nicht«, sagte Erwin, »na, da wartest du mal ein bißchen. Der Paule Riedel wird dir Auskunft geben. Der Junge ist richtig und treu wie Gold. Mit dem kann man Pferde stehlen gehen. Auf den kannst du dich verlassen.«

Kurt griff in die Tasche.

»Zigarette gefällig?«

»Jetzt nicht«, sagte Bundschuh, »danke. Trinkt ihr einen Becher Bier mit?«

»Später, Kollege«, antwortete Erwin, »wir wollen noch ein bißchen warten. Später gern. Aber jetzt geht es noch nicht.«

Jetzt geht es noch nicht? Warum geht es nicht? Ach so, Bundschuh begriff endlich. Man kann doch nicht mit einem Menschen Bier trinken, dessen Papiere im Nebenzimmer geprüft werden! Er blickte auf Erwin, dessen Gesicht war kühl, er blickte auf Kurt, der senkte schuldbewußt das Vollmondgesicht.

Die Musik verstummte.

Kurt und Erwin wichen nicht von seiner Seite. Bundschuh sah sich in der Kneipe um. An den verräucherten Wänden hingen vergilbte Bilder und Plakate von der letzten Wahl. Hinter der Theke pries ein gerahmtes Schild gepflegte Biere und eine gut, bürgerliche Küche an. Wer konnte hier gutbürgerliche Küche bestellen? Unter Glassturz stand ein Teller mit Bouletten aus Pferdefleisch. Graue Sülze wartete vergeblich aus Kundschaft. Die Türe von der Straße öffnete sich.

Otto Müller kam.

Er warf einen geschwinden Blick in das Lokal. Dann stutzte er. Ja, den Mann zwischen Erwin und Kurt kannte er doch. Das war doch Bundschuh aus Werder! Und nun ging er leise und lächelnd auf ihn zu, schlug ihm die Hand aus die Schulter und sagte:

»Was sehen meine entzündeten Augen? Das ist ja der Eugen aus Werder! Mensch, wie kommt der Glanz in unsre arme Hütte? Wie kommst du in unsre liebliche Gegend?«

Die Gesichter von Kurt und Erwin entspannten sich. Müller war gekommen, Müller hatte den Fremden begrüßt. Er war also kein Spitzel. Sie lächelten.

»Hast mich doch selber eingeladen, alter Junge«, sagte Bundschuh und schüttelte Müllers Hand, »Arbeit gibts bei uns keine, und da bin ich eben gekommen. Und als ich bei dir klingelte hat so eine alte Schachtel die Türe vor meiner Nase zugeknallt. ›Müller, Müller‹, ahmte er Muckis Stimme nach, ›bei uns im Hause wohnt schon lange kein Otto Müller mehr‹. Mensch, Otto, wo wohnst du nun eigentlich?

»Ach so, du warst der Klingelfritze? Aber laß Mucki nichts hören von wegen oller Schachtel! So alt ist sie nämlich gar nicht, Liebling. Einundzwanzig und außerdem meine Frau ... Aber nun komm, Jüngling aus der Spargelgegend, du bist gerade zur rechten Zeit ausgetaucht. Hier in Berlin wird nämlich auch was gestochen, aber kein Spargel«, lachte er schallend, »los, wir haben gerade eine Besprechung. Herfurt will auch kommen.«

»Herfurt?«

»Ja, aber nun komm.«

Er zog Bundschuh in das Hinterzimmer.

Kurt und Erwin folgten.

Das Hinterzimmer war überfüllt. Alte und junge Arbeiter saßen an den Tischen. Die Musikinstrumente lehnten in der Ecke. Rauch und Dunst schlugen den Eintretenden entgegen. »Genossen«, sagte Müller, »das hier ist ein Bekannter aus Werder. Mein Freund Bundschuh.«

»Ist gut, Otto, daß du endlich gekommen bist, wir haben uns eben das Parteibuch angesehen. Es ist in Ordnung, aber wir waren im Zweifel, ob es trotzdem in Ordnung ist. Aber wenn du den Mann da kennst, ist alles erledigt«, sagte Paul Riedel.

»Mensch, jetzt ist der Becher Bier fällig«, lachte Erwin.

Bundschuh beauftragte Kurt, zwei Becher Bier zu holen.

»Alles in Ordnung, Paule«, lachte Müller. Er wandte sich an seinen Freund und erklärte: »Na, klappt unser Laden nicht großartig? Von wegen nur Parteibuch als Ausweis! Das gibts in diesen Zeiten nicht mehr. Wir haben Spitzel mit den besten Parteibüchern kennengelernt und hinausgefeuert. Bei uns haben die Kerle kein Glück ... Was macht der Spargel? Blühen in Werder schon wieder die Bäume?«

»Das eine blüht und das andre wird gestochen!«

Erwin stieß Kurt, der mit dem Bier schon lange wieder zurück war, laufen konnte er schon, der dicke Junge, in die Rippen und sagte:

»Prost, Kurt, der Junge da ist richtig.«

Sie tranken das Bier.

»Nicht so hastig, Kurt«, rief Müller, »bestelle eine Lage. Nein«, verbesserte er sich, »lieber einen großen Stiefel. Der ist billiger. Ich habe heute die Spendierhosen an.«

Kurt rannte davon und brachte den großen gläsernen Stiefel. Müller nahm ihn feierlich entgegen, kippte den weißen Schaum in das Zimmer und trank. Dann gab er das Männergefäß an Bundschuh weiter und wischte sich den Mund ab. Und der Stiefel schritt von Mund zu Mund durch das verrauchte Zimmer und wurde schweigend geleert. Kurt leckte mit der roten Zunge den weißen Schaum von den Lippen.

Das Biertrinken war wie eine feierliche Handlung. Und dann saßen sie alle zwanglos zusammen und waren genau so wie die Mitglieder in einem Kegelverein oder Angelklub. Sie sprachen von den schlechten Zeiten, die anders werden müssen, von der Arbeitslosigkeit, von den Mädchen, den Kindern und den Fußballwettkämpfen.

Müller schlug mit dem Schlüssel an den gläsernen Stiefel und eröffnete die Besprechung mit der Nachricht, daß der Genosse Hans Herfurt, wenn irgend möglich, wahrscheinlich in eigner Person erscheinen werde, es sei denn, er müsse in eine andre, noch dringendere Sitzung. Es sei dem aber wie ihm wolle, er, Otto Müller, sei von der Kampfleitung beauftragt, einige Worte an die Versammlung zu richten.

Jetzt war er nicht mehr der verliebte Mann und auch nicht der Biertrinker. Jetzt war er im Dienst und erging sich in dunklen und verschnörkelten Redensarten, die wie eine Geheimsprache waren. Er war in die Maschine der Bewegung gekommen und klapperte wie eine Maschine. Das Proletariat, dieser an Händen und Füßen geknebelte Riese, sagte er, sei müde seiner Ketten und Peiniger. Er habe den roten Ruf aus dem roten Osten vernommen, ob es nun der Regierung angenehm sei oder nicht.

Die Augen der ganzen Welt seien auf den Wedding gerichtet, die Augen der schon befreiten russischen Arbeiter und Bauern in Moskau und Sibirien, in der Ukraine und in der Krim. Und die Augen der noch unterdrückten Arbeiter und Bauern seien auch auf das rote Berlin gerichtet, die proletarischen Augen in China, Frankreich, Indien, Belgien, Bulgarien, Italien, England, Irland, Nordamerika, Venezuela, Mexiko, der Schweiz und der ganzen Welt, ob sie nun schwarze, weiße, rote, gelbe oder braune Hautfarbe haben. Und wir haben den Kampf aufgenommen, sagte er, den Kampf gegen den Kapitalismus und die reformistischen Arbeiterverräter, und wir wollen kämpfen, schloß er erhitzt, bis zum letzten Hauch von Roß und Mann auch gegen die Hauptfeinde der Reaktion, gegen die Faschisten, die Hitlergarde, die Hakenkreuzmänner.

Über eine halbe Stunde sprach und donnerte Müller in dem kleinen Hinterzimmer. Manchmal äugte er nach der Türe und wartete auf Hans Herfurt. Die Gesichter seiner Zuhörer begeisterten sich. Sie hingen an seinem Munde und fühlten die Augen der ganzen Welt auf sich gerichtet. Ja, der 0tto konnte reden! Ja, der Wedding war berühmt! Hier auf dem Wedding war die Partei am stärksten, hier auf dem Wedding wurde die Generallinie der Partei verfolgt, hier gab es keine faulen und verfluchten Kompromisse.

Herfurt kam nicht.

Er saß, als Müller redete und donnerte, mit Thea Gärtner am Kurfürstendamm, machte ihr schöne Augen und blieb ernst bei den Späßen im ›Kabarett der Komiker‹. Dann fuhr er mit der jungen Frau nach der Rankestraße und hatte eine Besprechung mit zwei chinesischen Studenten, die nach New York reisten, um dort die Geheimbünde für den Kommunismus zu erobern. Herfurt blieb auch bei dem komischen Deutsch der Chinesen ernst, aber Thea Gärtner lächelte manchmal.

Müller hatte nichts mehr zu sagen. Als er fertig war, fühlten die Männer im Hinterzimmer nicht mehr die Augen der ganzen Welt auf sich gerichtet. Sie setzten sich bequemer hin, tranken das schale Bier aus und rauchten die billigen Zigaretten, fünf Stück für zehn Pfennige. Müller ließ jetzt einen neuen Stiefel bringen. Kurt brachte ihn.

Bundschuh hatte auch in Werder Parteisitzungen mitgemacht. Dort kannten sich die Genossen. Sie waren Landarbeiter, Waldarbeiter, Straßenarbeiter, Fischer oder kleine Gärtner. In ihren Versammlungen besprachen sie die Nöte und Sorgen des Tages. Mehr oder weniger waren sie Werderianer, Inselmenschen, und die chinesische Frage, um die sich die Partei so sehr bemühte, ließ sie vollkommen kalt. Sprachen und diskutierten die Chinesen über die deutsche Frage? Was schlugen sie vor, um die Arbeitslosigkeit in Werder zu beheben und was noch, um die Steuern zu senken?

Ja, in Berlin, in diesem Steinhaufen und Dunstkreis der Verführung, in diesem tollen Gegeneinander war alles ganz anders. Hier waren sich die Menschen fremd. In einer einzigen Straße wohnten mehr Leute als in einer kleinen Stadt oder in einem großen Dorfe. Sie hatte keine Erde unter den Füßen mehr. Sie liefen aus öligen Steinen, erhitzten sich an Theorien und brauchten wahrscheinlich die chinesische Frage, um aus dem Wedding, in Neukölln, am Friedrichshain und in Lichtenberg überhaupt leben und atmen zu können.

»Was macht ihr morgen, am 1. Mai, in eurem Kaff? Bei uns gibts dicke Luft«, sagte Müller und setzte sich neben Bundschuh, und zündete sich die Zigarette an.

»Bei uns? Am Abend Kundgebung im Schwarzen Adler wie jedes Jahr. Wenn die Kirschen blühen und die Apfelbäume und die Pfirsiche, wenn es Beerenwein gibt, ist politisch nicht viel los bei uns in Werder«, verteidigte sich Bundschuh und lachte.

»Keine Bange, das kleine Werder schnappen wir gelegentlich mal von Berlin aus. Und wir machen ein Sanatorium draus, Eugen, und wenn du hübsch bei der Stange bleibst, kannst du noch Volkskommissar in dieser Stadt werden«, scherzte Müller. Dann wurde er ernsthaft. »Aber was machen wir mit dir? Bei uns in der Kellerstraße ist alles überfüllt, wir erwarten noch hohen Besuch und können dich nicht gebrauchen.«

»Er kann doch in Neukölln übernachten, bei der Thea Gärtner«, sagte Paul Riedel.

»Das heißt, im Fremdenzimmer, damit du dir keine falschen Vorstellungen machst«, lachte Müller. »Das ist eine ausgezeichnete Idee, Paule, und da siehst du die alte Flamme wieder einmal. Gruß von uns allen und hauptsächlich von mir und Frau Müller.«

Kurt lachte dumm. Er kannte Thea und wußte, wie es um Riedel bestellt war. Die alte Flamme, die alte Flamme, das hatte Müller gut gesagt.

Riedel errötete und sagte:

»Ich werde die Grüße ausrichten, Otto, von dir und von Frau Müller.«

Sie verabschiedeten sich, gingen die Kellerstraße entlang und kamen nach der Weddingstraße. Dort wurde gebaut. Steine und Bretter lagen da, Balken und Kandelaber, gußeiserne Sockel und Gasrohre. Bauhütten waren errichtet. Daneben standen die graugestrichenen Arbeitswagen der Tiefbauunternehmen. Die Arbeiter hatten längst schon Feierabend gemacht.

Überall hingen rote Fahnen aus den Fenstern und Dachluken. Sichel und Hammer verkündeten die neue Lehre. Bestickte Spruchbänder riefen ihre Parolen in die dämmernde Dunkelheit. Grau, trostlos waren diese Straßen, arm und armselig. Sie mußten revoltieren, um überhaupt gehört zu werden.

Wie von stehenden Gewässern stieg Dunst auf und benahm den Atem. Die meisten Destillen waren leer. Wer konnte hier noch Bier trinken? Die Wasserbäuche der Gastwirte verfielen. In den Kinos liefen verlogene Filme wie gleißende Verführungen aus einer andren Welt. Alte Frauen schleppten sich müde vorbei. Bettler suchten sich das Schlafgeld zusammen, Junge Mädchen tänzelten über das Steinpflaster, als gingen sie auf Frühlingswiesen.

Ein Flitzer mit grüner Polizei brauste an. Vorn am Führersitz stand das verschleierte Riesenauge des Scheinwerfers. Riedel starrte dem Auto haßerfüllt nach. Er kannte die Polizei und hatte ihre Gummiknüppel schon viele Male auf seinem Rücken gespürt. Auch die überfüllten Zellen nach aufgelösten Versammlungen kannte er schon. Nein, er war kein Freund der Polizei. Bundschuh blieb gleichgültig. Er wollte schlafen.

Mit der Untergrund, Riedel nahm zwei Stufen der Treppe mit einem Schritt, fuhren sie nach Neukölln, nach dem Hermannplatz. Unterwegs erzählte Riedel von der Arbeit in Berlin. Schwer war die Arbeit, aber die Partei befestigte sich. Und dann begann er von den Nazistürmen zu sprechen, die sich in den Arbeitervierteln immer mehr festsetzten.

»Das verstehe ich nicht«, sagte er, »ich verstehe nicht, wie Arbeiter in die Stürme gehen können. Freunde von mir sind dabei, aber jetzt ist es aus mit den Freundschaften. Schade um die feinen Kerle! Aber wenn man mit ihnen spricht, redet man wie gegen eine Felswand ... Hast du den Hitler schon mal gehört oder den Doktor Goebbels? Die sollen noch besser sprechen als unser Herfurt. Na ja, vielleicht haue ich doch mal los und höre mir an, was die zu sagen haben.«

Nein, Bundschuh hatte noch keine Naziversammlung besucht.

Riedel schwieg eine kleine Weile, dann begann er von Thea Gärtner zu erzählen. Seine Stimme wurde voller, seine hellen Augen dunkler. Er war ein ganz andrer Mensch.

»Das ist so eine Sache mit Thea«, sagte er, »ihren Mann haben sie im vergangenen Jahre bei einem Zusammenstoß erschossen. Er kam als Zuschauer aus die Straße, ganz zufällig, weißt du, und päng, päng, päng, schon hatte er ein Ding verpaßt und fiel um. Mit Kurt brachte ich ihn nach der Unfallstation. Ich hatte gerade in Neukölln zu tun.« Was er zu tun hatte, verschwieg er. Unterwegs ist er verblutet. War Ingenieur. Und dann haben wir Thea kennengelernt, und sie hat sich der Bewegung angeschlossen. Ihr Bruder ist Konstrukteur und sympathisiert mit uns.«

»Und was macht die Thea?« fragte Bundschuh.

»Ach, sie ist eine feine Frau. Sie hat was Geld und unterstützt die armen Teufel. Und bei Herfurt macht sie ab und zu Sekretariatsarbeiten. Und wenn wir Quartier brauchen, auf die Thea können wir immer rechnen. Ja«, er zögerte, »und hübsch ist sie auch, die Thea!«

»Und Herfurt, wie ist der?«

»Das ist eine Kanone, aber er hat immer Weibergeschichten am Halse, das ist sein Fehler, vor einer Woche ist er aus Moskau gekommen, und der wird noch mal den Laden bei uns in Deutschland schmeißen ... Und was machst du? Bleibst du lange in Berlin?«

»Wenn ich Arbeit bekomme, dann schon. Hast du Arbeit?«

Riedel schüttelte den Kopf.

»Nein, schon lange nicht mehr. Und immer stempeln und Wohlfahrt, das ist zum Kotzen! Aber es wird anders!« seine Augen leuchteten. »Wir machen es schon anders. Da kannst du Gift drauf nehmen. Morgen abend, ja, morgen abend werden wir uns wieder sprechen.«

»Morgen abend?«

»Ja, morgen abend.«

Sie verließen die Untergrundbahn und gingen schweigend nach der Kaiser-Friedrich-Straße. Was sollten sie sich noch viel erzählen! Es War dunkel geworden, und die Laternen brannten. Berlin neigte sich müde der Nacht und seinen Träumen zu.

Thea Gärtner war zu Hause.

Riedel stotterte und errötete, als er mit der jungen Frau sprach. Er wußte nicht, was er mit seinen unruhigen Händen anfangen sollte. Endlich steckte er sie in die Taschen. Thea sah das und lächelte. Ihr Gesicht wurde ganz jung.

»Das ist ein Genosse von auswärts«, sagte Riedel, »Otto Müller schickt ihn, und ich soll grüßen, und Sie möchten doch Bundschuh vorläufig hierbehalten, bis sich was andres gefunden hat, Thea. Ja, und ... nein, danke, ich kann mich nicht setzen, wirklich nicht, ich habe keine Zeit mehr. Auf Wiedersehn und gute Nacht!«

Er nickte Bundschuh zu, und als er Thea die Hand gab, lief über sein offenes Gesicht eine Feuerwelle. Riedel ging. Thea lud Bundschuh zu sitzen ein. Er setzte sich.

»Wie gefällt es Ihnen in Berlin?« fragte sie.

»Ja, das weiß ich noch nicht, in Werder ist es schon schöner. Immer könnte ich wohl nicht hier leben.«

»Man gewöhnt sich an Berlin«, sagte die Frau, »ich bin in Jena geboren, aber ich möchte nicht mehr fort. Hier ist das geistige Zentrum, und hier werden doch alle Dinge entschieden. Das Land«, sie machte ein hochmütiges Gesicht, »das Land ist als Sommerfrische ja ganz schön, aber immer dort leben? Nein, das nicht.«

Sie lachte.

Bundschuh nickte höflich und verzog das Gesicht.

Schön war diese Frau, siebenundzwanzig Jahre alt, rank und schlank. Aus der schmalen Mitte wuchs das Wunder eines ebenmäßigen Leibes, schickte den Hals wie einen Marmorstengel empor und vollendete sich in einem schmalen, lieblichen Gesicht mit grünen Augen. Über der niedrigen Stirn lagen schimmernd rotblonde Haare.

Sieben Jahre war Thea verheiratet gewesen. Glücklich oder unglücklich, das wußte sie selbst nicht. Diese sieben Jahre waren einfach so hingeplätschert. Ihr Mann nannte sie ›Mausi‹, immer nur ›Mausi‹ und sie sagte ›Peterle‹ zu ihm. Und nun war Mausi eine Witwe und Peterle ein toter Mann. Kinder, ach, sie sehnte sich nach einem Kinde! Sie sehnte sich nach sieben Kindern, wenn sie sichs ganz genau überlegte.

Der Hochmut entwich ihrem schmalen Gesicht.

Im Nachhall ihres kleinen Lachens fröstelte sie.

»Machen Sie sichs bequem«, sagte sie, »es gibt Tee und ein Butterbrot, und wenn Sie müde sind, das Zimmer ist auch fertig. Ich habe fast immer Gäste bei mir. Mal den und mal jenen. So lernt man die Menschen kennen. Sind Sie schon lange in der Partei?«

»Aber fünf Jahre.«

»Wie die Zeit vergeht«, sagte sie gedankenlos und musterte sein sonnengebräuntes Gesicht.

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