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Das unsterbliche Volk

Max Barthel: Das unsterbliche Volk - Kapitel 13
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typefiction
authorMax Barthel
titleDas unsterbliche Volk
publisherBüchergilde Gutenberg
year1933
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Zwölftes Kapitel

Eugen Bundschuh hatte seinen Bericht gegeben und nicht verschwiegen, daß die Bauern beinahe nackt in den Lagern saßen und auf die Pässe nach Kanada und Brasilien warteten. Sie wollen weiter, sagte er, drei oder vier Bauern kaufen sich in Mecklenburg und in Württemberg an, die Kinder sterben, es ist ein Jammer, und eine Aktion gegen die Flüchtlinge ist Vorstoß in den leeren Raum.

Müller widersprach wütend und erklärte, die Penzlower Genossen seien entschlossen, gegen ›die Bazillenträger des Faschismus‹ zu demonstrieren. Herfurt nickte, Uralski kaute die seidenweichen Enden des schwarzen Schnurrbartes und trommelte aufgeregt mit dem rechten Lackschuh den Takt des Budjonnimarsches.

»Nur keine Sentimentalitäten«, sagte er, »wir wissen, die Flüchtlinge sind für die Partei eine große Gefahr, sie rennen unsre schönsten Versammlungen über den Haufen. Moskau wünscht, daß die Aktion endlich beginnt.«

»Die Aktion hat begonnen, Kolja«, sagte Herfurt, »in unsren Zeitungen haben wir viele Berichte.«

»Wer liest schon unsre Zeitungen?« höhnte der Russe, »die Öffentlichkeit ist zu mobilisieren, wir müssen aufmarschieren und es darauf ankommen lassen. Fünf Millionen Arbeitslose habt ihr, und eure Regierung unterstützt konterrevolutionäre Elemente! Könnt ihr«, er wandte sich an Müller, »in drei Tagen eine Demonstration zusammenbringen?«

»In zwei Tagen«, erklärte Otto Müller.

»Also in drei Tagen. Ich komme selber hinüber. Herfurt wird sprechen, Müller und Bundschuh, der die Lager besucht hat und die Bauern kennt.«

Herfurt schob wütend das Hammerkinn vor und erklärte:

»Das sowieso, ich habe bereits in Berlin gesprochen, Kolja, und spreche natürlich auch in Penzlow.«

»Einen Tag vor dem Heiligen Abend?« fragte Bundschuh.

»Einen Tag vor dem 24. Dezember«, antwortete Müller.

»Du fährst mit Müller heute nach Penzlow«, sagte Herfurt. »Ihr bereitet alles gut vor. Erst die Demonstration, und dann am Abend die Versammlung. Habt ihr auch einen großen Saal, Müller?«

»Ja, den Roten Adler.«

»Gut«, sagte Herfurt und ließ den goldnen Deckel seiner goldnen Uhr springen, »ihr kommt gerade noch zum Zug, wenn ihr euch beeilt.«

Sie beeilten sich, und während der Fahrt wurde über die Bauern gesprochen. Bundschuh ließ Müller reden und dachte an Anna. Ja, er hatte sie wieder auf die Erde gestellt, auf die Füße gestellt, Jakob war gekommen, und er hatte alles gefühlt. Steinern wurde sein Gesicht, kalt und alt die grauen Augen. Und als er mit Eugen sprach, sah er weit und fern über ihn hinweg durch alle Mauern zurück in die Krim in jenen Tag, als der Vater starb und er Anna zum ersten und zum einzigsten Male küßte.

Eugen hatte in den letzten Monaten sehr wenig über politische Dinge gesprochen. Um was ging der ganze Kampf auf der Welt? Gerechtigkeit! Aber wo gab es eine Gerechtigkeit? Überall siegte die Macht und die Schlechtigkeit. Und die Macht schuf sich ihre eignen Gesetze.

Aber auch der Mensch schafft sich seine eignen Gesetze, und sie zerbrechen das Schneckengehäuse verkalkter Lehrsätze. Eugen Bundschuh hatte schon einige verkalkte Lehrsätze grauer Schneckengehäuse zerbrochen.

Er dachte an Riedel.

Paul Riedel war von der Partei als Spitzel zu den Hakenkreuzlern geschickt worden.

Der Spion hatte sich in einen Gefolgsmann verwandelt.

»Nur wer sich wandelt, der ist mir verwandt!«

Wer hatte das geschrieben?

Müller unterbrach das Gewebe seiner Gedanken und sagte:

»Du hast ja einen Ausweis, Eugen, und kannst sofort in das Lager gehen. Dich kennen die Bauern. Und uns«, er lachte, »uns werden sie in drei Tagen kennenlernen, bereite dich gut vor. Hast du schon mal öffentlich gesprochen?«

»Nein.«

»Ich werde dir das Referat ausarbeiten«, erklärte Müller großmütig, »für mich ist das eine Kleinigkeit.«

Eugen nickte, und Müller erzählte von der Parteiarbeit. Als Penzlow erreicht war, verabschiedete er sich sehr schnell, um die Versammlung zu organisieren. Er glühte vor Stolz, Herfurt, der große, berühmte Hans Herfurt würde kommen, und er durfte neben ihm stehen und selbst eine Rede in den Saal des Roten Adlers donnern.

Es war kalt.

Der Himmel hing voller Schneewolken. Die kleine Stadt sah verschlafen aus, der große Park kahl und ohne Hoffnung. Auf dem eisfreien, bleigrauen See schwammen die feierlich schwarzen Taucher.

Langsam, langsam ging Eugen durch diesen kahlen Park.

Schritt um Schritt ging er, ein Mann, der das Ziel kennt und nicht mehr zu suchen und zu eilen braucht.

Das Lager fror am Rande der Stadt.

Die Bauern liefen in alten Pelzen herum, aber schon konnte man Männer und Frauen sehen, die billige Konfektionskleider trugen. Um braune, sehnige Bauernhälse schlossen sich hohe gestärkte Kragen. Ein junger Bursche mit wildem Adlergesicht hatte einen harten, schwarzen Hut auf.

Der Hufschmied Karsten und der Schreiber Mayer standen im Hofe und nickten Eugen gelassen zu. Sie fuhren nicht mit nach Kanada. Gestern war ein Karl Karsten gekommen, ein Mecklenburger Bauer, ein Verwandter des Hufschmieds, die Männer hatten über Land und Arbeit gesprochen. Der Gemeindeschreiber verstand zu reden und zu schweigen, und in einer tiefen Gesprächspause klingelte er mit einigen Goldstücken. Ja, er hatte Gold, der Gemeindeschreiber! Ihm war es geglückt, tausend Goldrubel, im Doppelboden einer Truhe versteckt, über die Grenze zu bringen.

Von Gold kann kein Mensch leben, aber vom Land kann er leben, und so stand er jetzt im kahlen Winterhof des Lagers mit dem Hufschmied Karsten zusammen und schmiedete an einem großen Plan.

Die Stube, die der Bauer Bundschuh bewohnte, war leer. Die Betten auf den Drahtpritschen machten mit ihren bunten Farben die kahle Kammer ein wenig freundlicher. Auf dem einfachen Holztisch standen halbgefüllte Teller. Das Brot war angeschnitten, die Suppe dampfte noch ein wenig, die niedrigen Schemel hatte eiliger Aufbruch zur Seite gestoßen. Bundschuh starrte in die kahle Kammer, dann lief er aus den Hof. Was war geschehen?

Er traf den Hufschmied, der immer noch mit dem Schreiber zusammenstand und fragte:

»Wo ist mein Verwandter?«

»Der Tochter geht es nicht gut«, antwortete der Gemeindeschreiber, »sie liegt im Sterben. Die Frauen sind nach dem Krankenzimmer gegangen.«

»Die kleine Anna stirbt?«

Ach, viele Kinder starben in den Lagern! Wie weiße Kerzen löschten sie aus!

Eugen rannte über den Winterlichen Hof nach der Krankenstube. Die kleine Anna lag im Sterben und war schon von den andren Kindern getrennt worden. Jakob stand mit unbeweglichem Gesicht in der Kammer vor dem Fieberbett der Tochter. Er schloß und öffnete die harten Hände. Wie Klammern schlossen sich die hornharten Finger. Ihr Werktagsgeräusch knarrte in das hilflose Weinen einer Frau. Sophie lag auf den Knien und jammerte. Neben ihr auf den Knien lag Anna. Sie betete. Die blanken Tränen rollten ihr übers Gesicht. Sie nickte Eugen zu, von dem Fußboden aus, ihr Blick kam von der Ewigkeit her und ging wieder zur Ewigkeit.

Die Brust des Kindes hob und senkte sich. Der kleine Mund war farblos, und die Fieberaugen sahen schon das Licht einer andren Welt. Die kleinen, zarten und zerbrechlichen Hände irrten über die Decke und versuchten, das Wasserglas zu erreichen. Jakob ging mit einem riesigen Schritt ans Bett, stand hoch über den betenden Frauen, stützte das Kind und gab ihm zu trinken. Der junge Doktor kam in die Sterbekammer und ging mit ohnmächtigen Schritten wieder davon. Jakob stellte das Glas auf den Tisch, wischte sich den Schweiß von der Stirn und baute sich neben Eugen auf.

Der kühle Trunk hatte das kranke Kind beruhigt. Sanft und selig lag es da, heiter wurde das Gesichtlein. Aber plötzlich verschmolz es in unbeschreibliche Verwunderung. Der kleine Leib erhob sich ein wenig aus den Kissen. Dann sank er zurück. Der Mund wurde grau und fahl. In den Augen war noch eine Sekunde lang goldner Glanz.

Die Mutter hob den Kopf. Ihre Lippen bewegten sich lautlos. Aber dann stand sie auf, schrie, fiel wieder auf die Knie und rutschte noch näher an das Bettchen heran.

»Anna, Anna, Annuschka!« schrie sie auf, »hörst du mich, mein Engelchen?«

Ihr Leib wurde von Schmerzen geschüttelt.

»Vater unser, der du bist im Himmel, zu uns komme dein Reich, dein Wille geschehe im Himmel wie auf Erden«, betete Jakob und beruhigte seine harten Hände.

»Amen«, sagte Anna.

Sie schob sich auf den Knien zu Sophie hin, legte ihren Arm um den bebenden Nacken und betete. Und das leise ergebene Beten brachte der verzweifelten Mutter Trost. Eugen griff nach der betenden Doppelfaust Jakobs. Es gab keinen Arbeiter Bundschuh mehr und keinen Bauern Bundschuh. Zwei Männer standen da, zwei Frauen knieten am Bett eines toten Kindes.

Viele Kinder waren gestorben, viele Kinder werden noch sterben. Trauer wird sein und Tränen werden fallen, viele Kinder sind geboren worden, viele Kinder werden noch geboren. Freude wird sein und Gelächter wird erklingen. Und jetzt an diesem Sterbebett in der Kammer des Lagers erkennt Eugen Bundschuh die Schicksalsgemeinschaft der Menschen.

Er hat für die Menschheit geschwärmt und gekämpft, aber aus dem Sternennebel der Menschheit lösen sich die Sonnensysteme der Völker und bewegen sich nach eignen Gesetzen, werden ewig sein oder untergehen, auch wieder nach ihren eignen Gesetzen.

Die Bauern im Lager waren Volk auf der Flucht.

Sie waren eine Schicksalsgemeinschaft, mit Feuer getauft, im Blut gebadet.

Und nun am Bett des toten Kindes sieht er die Schicksalsgemeinschaft seines Volkes und ahnt die ewigen Gesetze, nach denen ein Volk leben muß oder untergehen muß.

Aufstieg oder Untergang.

Er kann nicht anders, er kann sich nicht mehr gegen das Volk stellen, die vielen Gespräche fallen ihm ein, die er geführt und gehört hat, Nation und Internationale, Partei und Volk, Klasse und Schicksalsgemeinschaft. Der Osten und der Westen. Klassenkampf oder Einigung aller gesunden Kräfte. Ja, er will im ›Roten Adler‹ sprechen. Er will die Wahrheit sagen!

Anna erhebt sich vom Fußboden und führt die weinende Sophie langsam hinaus. Eugen und Jakob folgen zögernd. Sie gehen über den kahlen Hof nach der Stube, setzen sich an den Tisch, löffeln die Suppe, brechen das Brot und schweigen und schweigen. Sophie weint immer noch. Die Tränen fallen ihr in die Suppe und auf das Brot. Und sie ißt mit dem Brot und der Suppe die Tränen, die sie um ihre tote Tochter weint. Salzig sind die Tränen, bitter ist der Tod.

»Mutter«, sagt Jakob, »weint nicht mehr. Unser Kind ist bei Gott.«

»Unser Kind ist bei Gott«, antwortete Sophie gehorsam und die Tränen fallen immer noch auf das Brot.

»Weine, Sophie«, sagt Anna, »die Tränen der Mütter waschen den toten Kindern die Stufen in den Himmel, damit kein Staub ihre Füßlein bedecke.«

»Anna, Anna, du Engelchen«, schluchzt Sophie und schiebt das Brot beiseite, »warum hast du mich verlassen?«

Der Bauer steht auf.

»Kommt, Verwandter«, sagte er, »wir gehen in die Stadt.«

Eugen erhebt sich. Wann waren ihm zum letzten Male die Augen feucht geworden? Er weiß es nicht mehr. Er hat geweint, als der Vater starb, er hat geweint, als die Mutter starb, aber das war vor einer Ewigkeit geschehen. Und nun steht ihm das Wasser in den Augen, und er schämt sich nicht. Nein. Anna sitzt bei Sophie, ihr Gesicht ist schön und klar. Sie weint nicht mehr. Sie gibt ihm die Hand, und er fühlt ihre Liebe.

Und dann geht er mit Jakob aus der Stube.

Karsten und der Gemeindeschreiber stehen und erzählen immer noch im Hof.

Sie geben Jakob und Eugen schweigend die Hände und reden dann wieder von dem Ödland und den neuen Maschinen, die sie kaufen wollen. Karsten hat die Hilfe seines Verwandten gefunden, und morgen wollen sie das Land besichtigen.

Einen Tag vor dem Heiligen Abend wurde das Kind Anna begraben.

Bundschuh war noch zweimal im Lager gewesen. Jeden Tag führte sein Weg durch den kahlen Park unter den Schneewolken in die Kaserne. Grau und fahl war das Licht geworden. Die Wolken verdüsterten das Land, aber sie gingen nicht auf, es schneite nicht. Die Sonne. Wo war die Sonne? Sie hatte ihren tiefsten Stand erreicht, sie mußte sich schon wieder der Erde nähern, und sie näherte sich auch hinter den grauen Wolken, aber sie blieb unsichtbar.

Sophie weinte nicht mehr. Die Tränen waren ihr versiegt, die Augen leere Brunnen, das Gesicht Maske des Schmerzes. Sie saß den ganzen Tag aus dem niedrigen Schemel. Und als sie das Kindlein wuschen und einkleideten, die Hände über der Brust falteten und einen Tannenzweig dazwischen steckten, da war sie wie eine Puppe unbeholfen über den Hof gegangen, gestützt von Jakob und Anna. Ihre Füße schmerzten bei jedem Schritt. Ihr Mund war ausgedörrt und dann wieder bitter wie von aufsteigendem Blut.

Und dann stand sie vor dem toten Kind und entsann sich jeder Stunde. Wo es geweint oder gelächelt hatte. Die kleinen Ärmchen streckten sich aus. Die großen blauen Augen Waren wie himmlische Gewässer gewesen, in die Licht und Schatten fielen.

»Wie ein Englein schläft euer Kind«, tröstete die Frau des Hufschmieds Karsten.

Sophie schüttelte den Kopf. Nein, die Englein schliefen anders. Sie schliefen wie die kleinen Kinder in den Wiegen, die süßen Ärmchen erhoben, die Gesichter rosig vom Schlaf. Das Gesicht der toten Tochter war wie Alabaster. Kühl war das Gesicht und jenseits.

Und da fühlte sie einen heftigen Schlag in der Brust.

Das eingefrorne Blut begann zu schäumen Ihre Brüste hoben sich. Aber das alles geschah nur eine Sekunde. Sie schämte sich plötzlich, als habe sie einen sündigen Zuruf vernommen.

Und als sie nun sich niederbeugte und zum letzten Male die Tochter küßte, kamen ihr wieder die Tränen. Aber es waren Tränen der Erlösung. Sie fühlte eine Last in ihrem Nacken, aber sie trug die Last, richtete sich auf und betete:

»Der Herr hats gegeben, der Herr hats genommen, der Name des Herrn sei gelobt!«

Anna und Eugen hatten in den zwei Tagen wenig miteinander gesprochen. Sie nickten sich zu, sie gaben sich die Hände, fühlten ihre Nähe und Vertrautheit und verstanden sich, ohne zu sprechen. Um Sophie sorgten sie sich und waren wie zwei Soldaten nach einer Schlacht, die einen Freund begraben müssen. Die Kanonen schweigen. Blut liegt noch auf der Erde, das Grab ist geschaufelt, bald poltern die Schollen auf den Sarg. Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub.

Sophie saß in der Stube mit ausgeweintem Gesicht und schwellendem Herzen. In der Sekunde bei ihrem toten Kinde hatte sie den Ruf der Natur vernommen, die große Mutter rief, und der große Vater nickte mit dem Kopfe. Jakob ging unruhig hin und her, ein Mann, dem die Kammer zu eng geworden ist und der weite Sicht und einen endlosen Himmel über sich haben muß.

Anna und Eugen verließen das Lager und gingen unter den dunklen, kahlen Baumkronen des Parkes. Die grauen Wolken wollten und konnten ihre Lasten nicht mehr tragen. Es schneite. Und im weißen, fallenden Schnee schob er seine Hand unter ihren Arm und begann von seinem Auftrag zu erzählen. Sie hörte kaum zu, ihr genügte es, daß er bei ihr war, so nahe, so eng, so dicht. Ach, Eugen!

Ihr genügte es, daß sie ihre Schritte im Gleichmaß seiner Schritte setzte. Er wollte nicht mit, das Kind begraben? Es war nicht sein Kind, er hatte es sterben sehen, hatte sich die Augen gewischt, er war ein Mann und mußte seine Pflicht tun und seinen Auftrag erfüllen. Und als er sie zum Abschied küßte, zum ersten Male waren sie ganz allein gewesen, in Perlowka war das Lager, hier in Penzlow die Flüchtlinge, jetzt aber standen sie im reinen, fallenden Schnee. Und als er sie küßte und ›Auf Wiedersehn‹ sagte, sah sie ihm wunschlos glücklich nach und ging nach dem Lager zurück.

Am Nachmittag, die Totenglocke klagte, trafen sich in der Stadt zwei Züge. Den einen Zug führten Müller und Herfurt. Uralski ging mit in der Reihe und Eugen Bundschuh. Den anderen Zug führten Jakob, Sophie und Anna. Karsten und der Gemeindeschreiber gingen mit in der Reihe und viele Männer und Frauen aus dem Lager. Und am Marktplatz, der Schnee fiel und fiel, stießen die beiden Züge zusammen. Die Bauern sangen ein altes Kirchenlied, und die Arbeiter sangen die ›Internationale‹. Müller entdeckte zuerst die Bauern und rief:

»Nieder mit den Kulaken, nieder mit den Feinden der Sowjetunion!«

Die Demonstranten unterbrachen ihren Gesang:

»Nieder mit den Feinden der Sowjetunion!«

Der Trauerzug stockte, das fromme Lied erstarb.

Zwei Welten stießen zusammen.

Jakob trug den kleinen Sarg vor der Brust, rechts stand Sophie, links stand Anna und vor ihnen jetzt Müller, Herfurt und der dünne, blasse Erwin. Sie konnten sich in das Weiße ihrer Augen sehen.

»Macht Platz, ihr Bauern«, rief Müller, »was wollt ihr in Deutschland? Wir haben selber nichts zu fressen!«

»Wir begraben ein Kind«, sagte Anna und trat ein wenig vor, »habt ihr keine Ehrfurcht vor dem Tode?«

Uralski hörte die Stimme, und er hörte in ihr die andre Stimme der Baschkirensteppe, die Stimme des kleinen Mädchens. Er drängte sich vor und stand vor Anna. Ja, ja, ja, das war sie, diese Augen, dieser Mund, dieses rundgemeißelte Kinn! Und jetzt blitzten ihn die blauen Augen an.

»Sagt euren Leuten, daß sie den Weg frei geben«, sagte sie und erkannte den Führer, »euch werden sie gehorchen.«

»Nein, wir geben den Weg nicht frei«, schrie Müller, »die Straße ist unser, vorwärts, Genossen, es geht weiter!«

»Halt, halt, halt!« rief Uralski, »einen Moment mal, einen Moment, Genossen!«

Herfurt verließ die Spitze und reihte sich am Ende des Zuges ein. Er witterte Gefahr. Bundschuh hatte Anna rufen hören und eilte vor. Und nun stand er neben Uralski, und als er das Mädchen erkannte, verfärbte sich ihr Gesicht. Ach, es war vorbei, alles war Lug und Trug, Traum und Schaum, er stand auf der andren Seite, und es gab keine Brücke. Nein.

Die Bauern murrten.

Die Arbeiter drängten vor.

Und plötzlich fiel der erste Stein. Er kam wie der Schnee aus der Höhe und traf Anna an die Brust. Sie taumelte. Uralski stieß einen tierischen Schrei aus. Er stürzte vor, um das Mädchen zu stützen. Die Zeitungen flatterten aus seinem Mantel. Er ließ sie flattern, der kleine Baschkire mit den krummen Beinen und den Lackschuhen, er vergaß seinen Auftrag und sein Mandat. An die Steppe dachte er und an die erste Begegnung mit Anna. Aber da wurde er zur Seite gestoßen. Eugen stieß ihn zur Seite, hielt das taumelnde Mädchen in den Armen und fragte besorgt:

»Haben sie euch weh getan, Anna?«

»Nein«, sagte sie, »aber wo kommt ihr her?« Ihr wurde alles blitzklar, und nun sagte sie: »Geht zu euren Freunden, wir haben miteinander nichts mehr zu tun.«

Uralski erhob sich aus dem Schnee. Müller begann mit der ›Internationale‹, die Arbeiter drängten sich vor, und nun kam die Polizei. Sie schob sich als Keil zwischen die Züge, zwischen die Arbeiter und die Bauern. Sie verhaftete Erwin und Mucki, die vorgelaufen waren, und endlich setzten sich die beiden Züge wieder in Bewegung.

Jakob hatte nichts gerufen. Er hielt den Sarg der toten Tochter in den Armen, er starrte auf die Arbeiter, er starrte Eugen ins Gesicht, sein Blick brannte sich in Uralski fest: das also war Deutschland? Davon hatten sie geträumt und gebetet? Steinwürfe gegen das Kind, Steinwürfe auf Anna, Schmährufe auf die Bauern: das war Deutschland? Er preßte den Sarg enger an sich, schritt nach dem Friedhof, und Sophie folgte, und Anna folgte, der Hufschmied stapfte durch den Schnee und der Schreiber.

Jakob dachte an den Kaukasus, an den Zusammenstoß zwischen den Tschentschenzen damals, als er mit seinen Freunden vermißte Bauern suchte. Auch damals fiel Schnee, auch damals stießen zwei Welten zusammen.

»Friert ihr, Anna?« fragte Eugen, als das Mädchen schauderte und den Mantel enger um sich schlug.

»Was wollt ihr? Ich habe nichts mehr mit euch zu tun!«

»Doch, Anna, wir haben miteinander zu tun. Jetzt für immer«, sagte Eugen und faßte nach der kalten Hand, »habt ihr vergessen, was ich euch im Park erzählte? Ihr kommt aus dem Kaukasus und aus der Krim, aber euer Weg nach Deutschland ist nicht so weit wie mein Weg, der nur von Werder nach Berlin führte, und jetzt gehen wir gemeinsam.«

»Wir haben nichts mehr miteinander zu tun«, sagte Anna zum dritten Male, aber sie duldete, daß er an ihrer Seite blieb bis zum Friedhof, daß er demütig seinen Kopf entblößte und eine Handvoll Erde aus den Sarg warf. Sie duldete, daß er mit ihr den Friedhof verließ, und als sie im Park mit ihm reden wollte, war er verschwunden.

Sie blieb stehen.

Ihr Atem setzte aus.

Wo war Eugen?

Und jetzt entsann sie sich, was er erzählt hatte. Es war, als erreichten erst jetzt seine Worte vom Vormittag ihr Ohr. Sie ging weiter, faßte Sophie um und saß dann bis zum Abend stumm in der Stube. Dann verließ sie mit Jakob das Lager.

Die Versammlung im ›Roten Adler‹ war überfüllt. Der Zusammenstoß am Markt hatte die Stadt rebellisch gemacht. Steinwürfe gegen einen Trauerzug! Schmährufe gegen Leidtragende! Front gegen Feinde der Sowjetunion! Aufmarsch gegen Dorfwucherer und Saboteure des Großen Plans!

Müller sprach als erster und polterte einen schlechten Leitartikel in den rauchigen Raum. Dann erhob sich Herfurt, begann klug und kühl von den Ursachen der Auswanderung, und als er vom eignen Verschulden der Bauern sprach, die ohne Grund das Land verlassen haben, gellte der erste Zwischenruf hoch. Eine Frau hatte gerufen, Anna.

»Lüge!« rief sie in den Saal.

Uralski schnurrte wie ein Panther und suchte Anna. Er fand sie, aber neben ihr saß ein Riese, Jakob saß neben Anna. Herfurt hatte sich nicht stören lassen, über eine Stunde sprach er weiter, überzeugend, witzig, die Versammlung lachte und klatschte Beifall, und als er schloß, dröhnte Beifall und wollte die Wände sprengen. Müller klingelte.

»Genosse Bundschuh hat das Wort.«

Im Saal entstand Unruhe, Jakob hatte seinen Namen gehört, er stand auf und wollte zur Tribüne. Bundschuh? Ach so, der Eugen sollte sprechen! Er setzte sich wieder. Sein Blick fiel aus den Russen, der Anna anstarrte, Jakob ballte die Fäuste. Der Baschkire sollte es nur wagen, näherzukommen!

Eugen stand nun aus der Tribüne, sah unter sich die erhobnen Gesichter, suchte Anna und fand Anna. Sie saß dicht neben Jakob in der zweiten Reihe. Und nun begann er zu sprechen. Er erzählte von seiner russischen Reise und von den Bauern, die das Land verlassen hatten, Nein, er war kein Versammlungsredner, er deklamiert nicht wie Müller und schauspielerte nicht wie Herfurt. Klar und einfach kamen ihm die Worte und Bilder.

»Mein Freund Otto Müller hat das Lager von Perlowka besucht«, sagte er, »er war eine halbe Stunde dort und ist sozusagen Fachmann in der Bauernfrage.« Der Saal lachte, Jakob verzog das Gesicht. Müller bekam große Augen und Mucki, sie war wieder frei, stieß Erwin den Ellenbogen in die Rippen. »Unser Freund Herfurt war überhaupt nicht im Lager«, rief Bundschuh, und durch den Saal lief eine erstaunte Bewegung wie eine große Woge mit weißem Schaum. In der linken Saalecke begann man heftig zu klatschen. Dort saß die Jugend, Bauernknechte, Schüler, junge Arbeiter. »Ruhe, Ruhe da drüben!« rief der Saalschutz. Uralski spitzte die Ohren. Herfurt schob das Kinn vor. Bundschuh sprach weiter. »Genosse Herfurt hat mich beauftragt, die Frage der Auswanderung zu studieren, und ich habe sie studiert.«

Der Saal klatschte Beifall.

»Ihr kennt doch die Fabel von Äsop«, fuhr Bundschuh fort. »Das ist die Geschichte von den Händen, Füßen, Augen und Muskeln, die sich gegen den Magen empören, weil sie arbeiten müssen und der Magen, der faule Hund, arbeitet nicht, er verdaut nur. Und da erklären sie dem Magen Streik, die Hände und die Muskeln, und der Magen sagt: ›Gut, aber dann müßt ihr auch verdauen.‹ Und weil die Hand und der Fuß nicht verdauen kann ... nun, ihr versteht schon.«

»Zur Sache!« rief Uralski.

»Ich spreche zur Sache«, erklärte Bundschuh, »bei uns haben in den vielen Fahren nicht nur Hände und Muskeln gestreikt. Von den Händen lösten sich die Finger und machten sich selbständig im Deutschen Fingerverband. Aus diesem Verband traten die Nägel aus und organisierten sich im Verein der Fingernägel und führten Krieg gegen den Verein der Zehennägel. Von diesen Vereinen löste sich der Schmutz ab, der unter den Nägeln lag und bildete seine eigne Fachgruppe.«

»Beitrittserklärungen werden hier entgegengenommen«, rief laut und schallend ein Witzbold.

»Der Schmutz meldet sich nach der Versammlung bei dem Genossen Zwischenrufer«,rief Bundschuh und brachte die Lacher aus seine Seite. »Seht, so war es bei uns. Die in einer Dachgesellschaft vereinten Blähungen gaben sich als Sturmwind der Zeit aus. Die Ohren bildeten den Verband aufrechter Ohren und schlossen das Schmalz aus. Und die Füße sammelten sich im Zentralverein entschiedenen Fortschritts!«

Müller klingelte in das Gelächter hinein, und Herfurt rief:

»Das wollen wir gar nicht so genau wissen!«

»Weiterreden!« riefen die jungen Leute in der Ecke.

»Wollt ihr wissen, wie es in Deutschland ist?« antwortet Bundschuh, »die Nerven spotten über die Adern, die Därme über die Muskeln, das Gefühl erklärt den Verstand für minderwertig. Und Vorsitzender aller Vereine und Verbände ist«, er machte eine kleine Pause, »ist die Dummheit.«

Müller klingelte wie verrückt, aber das Gelächter scholl und erstickte die kleine Glocke.

»Und wer ist Kassierer?« fragten die jungen Leute.

»Der Eigennutz!«

»Und Schriftführer?«

»Die Lüge!«

Herfurt erstarrte. War Bundschuh wahnsinnig geworden? Hatte er einen zuviel getrunken? Wie kam er zu seiner Bilderpracht? Was wollte er mit seinen Strichätzungen? Warf er den Ball in die Ecke, in der die Nazis saßen?

Uralski schickte einen Zettel auf die Bühne, Herfurt las und schüttelte den Kopf.

Nein, es war noch alles zu retten.

Vielleicht war das nur ein Trick, die Geschichte von Aesop. Ein guter Anfang, und er baute weiter aus: aber dann entschied das Gehirn, und das Gehirn war die KPD. So mußte Bundschuh enden.

Anna saß mit glänzenden Augen neben Jakob. Sie fieberte, in ihrem Herzen war Unruhe. Jetzt stand er da oben im Licht. Tausend Menschen hörten ihm zu. Sie lachten und klatschten Beifall. Sie lachten, und die jungen Leute dort in der Ecke schienen begeistert zu sein. Sie warf einen Blick aus Jakob, aber der saß wie ein Steinklotz da, die Fäuste auf den Knien, den Kopf gesenkt, die Stirn gerunzelt. Eugen sprach weiter.

»Volksgenossen«, rief Eugen, »Deutsche!« aber nun wurde er von einer Faust beiseite gestoßen. Herfurt, der satte weiche Herfurt war aufgesprungen, stieß Eugen vom Pult, riß Müller die Klingel aus der Hand und gellte Alarm. Er klingelte und klingelte, bis endlich Ruhe war. Die jungen Leute in der Ecke standen wie ein Keil da. Die Männer vom Saalschutz kamen näher. Groß und schallend begann Herfurt und spielte aus seiner Stimme wie aus einer Orgel.

»Wir haben einen Märchenerzähler gehört, einen Fabeldichter«, rief er laut, »und da wir doch alle erwachsne Menschen sind, ehrliche, klassenbewußte Proletarier, die man nicht mit Redensarten besoffen machen kann ...«

»Bundschuh soll reden, Bundschuh soll reden! Ruhe, Bundschuh soll reden«, dröhnte der Sprechchor der jungen Leute. Sie hatten die Hände wie Schalltrichter erhoben.

Herfurt verlor die Beherrschung.

»Jetzt rede ich«, brüllte er in den Saal. »Bundschuh, Bundschuh«, höhnte er, »ihr habt ihn wohl gekauft?«

»Ihr wolltet mich kaufen und ihr hattet mich gekauft«, keuchte Bundschuh, »Volksgenossen, Deutsche, unser Land ist mehr als die Partei! Vereinigt euch! Zerfleischt euch nicht mehr! Es lebe Deutschland!«

Müller sprang aus, brüllend und mit Schaum vor dem Mund. Er packte Eugen, den Mann, der ihn aus dem Feuer getragen hatte, um die Hüften und schleuderte ihn von der Tribüne in den Saal. Der Keil der Jugend schob sich vor. Der Saalschutz machte sich fertig. Frauen kreischten. Und Müller stand da oben und schäumte. Der Schuft, der Verräter, der Spitzel! Der Überläufer, der Idiot, der Patriot, das Stück Mist, der Lump, der elende!

Alles war in diesem Augenblick für ihn ausgelöscht, die alte Freundschaft, der Kampf auf der Barrikade, die Rettung, die Flucht und die Erlebnisse in Rußland. Müller hatte das blutleere Gesicht eines Wahnsinnigen. Seine Augen flackerten. Kalt machen wollte er diesen Spitzel, diesen Schädling, diesen verreckten, ach, die Welt war nichts als Verrat und Betrug! Als Müller Eugen packte und in den Saal schleuderte, setzte sich Jakob mit zwei riesigen Schritten in Bewegung. Er stieß die Umstehenden beiseite und kam gerade zur rechten Zeit, um seinen Verwandten in den bärenhaften Armen aufzufangen. Aber er konnte nicht verhindern, daß Eugens Kopf an die Tischkante schlug. Hinter sich hörte er einen Schrei. Anna schrie. Laßt die Weiber schreien. Laßt die Männer ihre Angelegenheiten in Ordnung bringen.

Oben aus der Bühne stand Müller ganz allein. Herfurt war in der Menge untergetaucht. Und nun stand Müller da und starrte in den Saal, in dem die Schlacht begann. Der spitze Keil der jungen Kerle schob sich gegen die Bühne, der Saalschutz drängte in seine Flanke, die ersten Stühle zerkrachten. Müller sah das alles mit blinden Augen. Warum hatte er den Mann, der ihn aus dem Feuer getragen hatte, in den Saal geworfen? Riedel und Bundschuh, die Barrikade am 1. Mai, Genossen und Freunde waren es gewesen. Kameraden, und treue Seelen.

Warum verließen sie die Partei?

Warum gingen sie von den alten Freunden?

Deutschland, Deutschland, warum verklärten sich ihre Gesichter, wenn sie Deutschland sagten?

Erprobt waren sie, tapfer waren sie, furchtlos waren sie: was für eine magische Gewalt riß sie vorwärts nach der andren Seite der Barrikade?

Er wußte es nicht.

Nur das wußte er, daß er todelend war und sich schämte.

Jakob hatte Eugen wie einen Sack Mehl über der Schulter liegen und bahnte sich durch die kämpfende Menge freie Bahn. Mit der rechten Faust hieb er Uralski nieder, der sich Anna entgegenstellte. Der Russe schrie gellend und mit hoher weibischer Stimme auf. Dann stürzte er zu Boden. Laßt ihn wimmern, den Baschkiren!

Jakob hatte die Türe erreicht.

Hinter ihnen krachten die Stühle, splitterten die Fenster, kreischten die Frauen.

Klare Winterluft schlug dem Bauer entgegen.

Anna folgte und ein Dutzend Männer und Frauen, Mitläufer vielleicht, Furchthasen vielleicht, vielleicht auch getroffen und aufgewühlt von der alten Fabel und dem dröhnenden Schrei: Deutschland.

Und nun rückte die Polizei an.

Es schneite nicht mehr.

Frostklar war der Himmel.

Von den schwarzen Wäldern kam frischer Wind.

Jakob stampfte durch den knirschenden Schnee, stampfte durch den dunklen Park, der mit schwarzen Ästen nach den silbernen Sternen griff. Und als Jakob das Lager erreichte, kam Eugen wieder zu sich. Der erste Mensch, den er sah, war Anna. Er tauchte aus seiner Bewußtlosigkeit aus, wie Anna damals vom Grund des Terek aufgetaucht war.

»Anna«, flüsterte er, »Anna, Anna.«

»Eugen«, sagte sie, und ihre Stimme war zärtlich und liebevoll, »schlafen sollst du. Alles ist wieder gut.«

»Ach«, seufzt er, »ich hätte schon früher reden sollen, aber ich wollte ja auch euch helfen. Und den Bauern.«

»Ja, ja«, sagte sie und schloß mit einem Kuß seinen Mund.

Am nächsten Morgen stand er aus, frisch und gesund, eine Beule an der Stirn, und sein Schädel brummte noch. Er war der Held des Lagers, der Eugen Bundschuh! Karsten kam und schüttelte seine Hand, der Gemeindeschreiber kam. Viele Bauern kamen und sagten gute Worte. Alle wollten seine Hände schütteln. Als sich der Schwarm verlaufen hatte, sagte Sophie:

»Ihr habt euch Anna verdient, Eugen, und wir haben auch ein Geschenk für euch.«

»Aber Sophie«, sagte Anna und errötete.

Jakob wandte sich seinem Verwandten zu und sprach über ihn hinweg nach der leeren Wand.

»Wir fahren nach Kanada, in diesem Deutschland finden wir uns nicht zurecht. Anna«, seine dunkle Stimme zitterte, »Anna will hier bleiben, Verwandter. Sie ist nur eure Anverlobte, und ihr werdet sie mir hüten wie einen Augapfel, wie eure Seligkeit, Eugen ...«

»Wie meine Seligkeit.«

Jakob ging nach dem Fenster.

»Und nun nehmt diese Krippe mit als unser Geschenk«, sagte er und holte die alte Bauernwiege, »erlaubt aber erst, daß ich die Erde der Ahnen aus dem Boden nehme.« Er öffnete den Boden der alten Wiege und brachte ein Leinensäckchen hervor. »Diese Erde hat ein Bundschuh vor hundertsiebenunddreißig Jahren vom Neckar mitgebracht«, sagte er, »und wir haben als Kinder darauf geschlafen.« Er öffnete das Säckchen und griff in den weißen Staub. Die Jahrhunderte hatten diese Erde ausgebleicht, und sie stäubte wie Knochenmehl. »Die Erde ist müde, sie soll ruhen«, sagte Jakob und schüttete den Staub aus dem Fenster, »neue Erde will ich nehmen, wenn wir über das große Wasser fahren. Aber die Wiege der Ahnen ist für euch.«

»Magst du die Wiege, Eugen?« hauchte Anna.

»Ja, wenn du mich magst«, sagte er.

Sie flog an seine Brust.

Dann faßten sie die Wiege, links Anna, rechts Eugen, in den eingeschnittenen Herzen. Noch einmal nickten sie Sophie und Jakob zu und verließen die kahle Stube des Flüchtlingslagers. Und Eugen trug zum vierten Male bewußt eine Last: zum ersten das eiserne Schlußstück der Barrikade, zum zweiten den leblosen Mann aus dem Feuer, zum dritten damals Anna und endlich mit Anna die Krippe. Und sie wog nicht schwerer als die Feder von der Brust eines weißen Schwanes.

Am Heiligen Abend verließen Anna Wiesner und Eugen Bundschuh das Lager und fuhren nach Berlin.

Der Mensch ist ein Geschöpf, das Ja sagt und hofft.

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