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Das unsterbliche Volk

Max Barthel: Das unsterbliche Volk - Kapitel 12
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typefiction
authorMax Barthel
titleDas unsterbliche Volk
publisherBüchergilde Gutenberg
year1933
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Elftes Kapitel

Grau in grau stiegen aus dem schmutzigen Steingrund der Straße verwahrloste Fassaden hoch und trugen das flache Dach wie einen Sargdeckel. Aber dieses vierstöckige Haus der Gollnowstraße und die vielen andren Häuser in der dunklen Reihe waren keine Särge. In ihnen lebte das Volk, und nachts schaukelten die Häuser wie gigantische Wiegen.

In den Fluren standen am Abend die jungen Burschen mit ihren Mädchen, Doppelposten der Liebe, jenseits von allem Elend, jenseits von allem Zerfall ringsum, sich selbst genug.

Tag um Tag spielten in den Hinterhöfen Leierkastenmänner. Hofsänger kamen. Die Musikanten leierten die Handorgel, rissen in den Saiten winselnder Gitarren, bliesen verbeulte Trompeten, paukten rasselnde Becken, wimmerten auf verstimmten Flöten und entzückten die Kinder, die Frauen, die Heimarbeiterinnen und alten Handwerker, die in dieser Straße wohnten. Musik im Hof. Die Kinder wiegten sich und tanzten. Sie hatten noch kein freies Tier und kaum ein wogendes Saatfeld gesehen.

In dem Haus, in dem Paul Riedel wohnte, hingen im Hof noch einige Fetzen bunten Papiers vom letzten Erntefest, an dem sich die dreißig Parteien zu einer großen, sehnsüchtigen Familie vereinigt hatten. Handwerker und Arbeitslose, kleine Angestellte und Arbeiter mit ihren Frauen und Kindern, Liebespaare, Freunde, Todfeinde. Heiße Nacht mitten im Sommer, heiße Nacht mitten im ärmsten Berlin!

Die Nacht predigte der Stadt vom Dorfe, der Straße vom Felde, dem Haus vom Garten, dem Stein von der Blume, dem Menschen vom Menschen. Und inmitten der Nacht und der Musik, inmitten der Girlanden, Tänze, Schnäpse und Gelächter kamen diesem Hause die Träume und die Tränen. Der Bäcker und der Schreiber, der Verkäufer und der Straßenkehrer, das Straßenmädchen und der Budiker, der Portier und der Arbeitslose, sie alle erinnerten sich dunkel ihrer Herkunft. Die Nacht war da, der große Ausgleich, die dunkle Pause zwischen Abendrot und Morgenrot, die Nacht der Männer und der Frauen, die Nacht, in der das Haus wie eine Wiege schwankte.

Musik, Bier, Schnaps, bunte Mützen, Tanz und Gelächter.

Mädchen kreischen.

Die Halbwüchsigen wollen nicht schlafen gehen.

Frauen lachen herausfordernd.

Bocksprünge der Männer und der jungen Burschen.

Eifersucht und Geschrei, heißer Atem: Erntefest in Berlin, in der Gollnowstraße!

Hier gab es keine dunklen Gebüsche und keine einsamen Waldwege, aber die Treppen waren dunkel, die Kellereingänge waren einsam. Weinen die kleinen Kinder im Schlaf? Laßt sie weinen! Einmal werden sie lachen und tanzen. Komm, Putt! Nicht so grob sein, Emil!

Immer noch dudelt die Musik, und die Nacht bläst ihren Atem in die erhitzten Gesichter. Das Erntefest geht bis in die tiefste Nacht. Was wird in diesem Hofe geerntet?

Die Träume und Schäume vom Glück, die Tränen von gestern, das Sehnen von heute.

Die Steine zerfallen und werden zu Erde.

Die Höfe werden Gärten, die Straßenzüge Felder. Und die Städter sind wieder Bauern geworden.

Bundschuh sah die bunten Papierfetzen im Hofe, als er die steilen Stufen hinaufstieg und Riedel besuchte. Etage über Etage. Tür neben Tür wie in Neukölln oder am Wedding. Wohnfeld liegt über Wohnfeld, von dem der Wirt allmonatlich goldnen Zins der Armut erntet. Das Haus in der Gollnowstraße gehörte einem spanischen Don, der es mit andren Häusern in der Inflation für ein Butterbrot gekauft hatte.

Riedel hatte schon Besuch.

Thea war da.

Nein, sie war nicht mehr in der Partei.

»Komm, Eugen, und sieh dir mal das Schauspiel an«, sagte sie, als die Begrüßung vorbei war, »so was hast du sicher noch nicht gesehen. Komm und sieh dir mal das gegenüberliegende Haus an!« Sie winkte die beiden Männer an das Fenster.

»Was gibts denn?« fragte Riedel.

»Menschen, die schon gestorben sind und es nicht wissen«, erklärte die junge Frau und schauderte, »so habe ich die Maschinen noch nicht gesehen, und wenn ich gewußt hätte ...«

Riedel und Bundschuh standen neben Thea am Fenster und sahen die gegenüberliegende Häuserfront. In der dritten Etage konnten sie durch nackte Fensterhöhlen eine nackte Wohnung sehen, die als Zwergfabrik eingerichtet war. Maschinen standen da, lange geduckte Untiere, die sich bewegten und doch keinen Laut hören ließen. Es waren Hutpressen. Sie wurden von einem Mann und drei jungen Mädchen bedient, und der Mann war so in seine Arbeit vertieft wie eine angestellte Maschine. Die Mädchen aber tänzelten durch die kahle Wohnung und glichen bei der Arbeit den Kindern, die aus Papierfetzen Schmetterlinge oder Flugzeuge bauen.

Es war schon dunkel, die großen Fabriken, die Werkstätten und Betriebe hatten schon geschlossen. Die kleine Quetsche arbeitete noch. Sie gehörte dem Mann. Die Mädchen waren seine Töchter. Das kalte, elektrische Licht röntgte die Maschinen. Die Arbeit da drüben ging und ging, aber plötzlich verließ ein Mädchen die Presse. Der Vater arbeitete weiter. Dann entwich das zweite Mädchen. Der Vater arbeitete weiter. Das dritte Mädchen begann zu sprechen. Man sah den sich bewegenden Mund. Der Vater arbeitete weiter. Da ging auch das dritte Mädchen und ließ den Mann allein.

Und als er allein war, hob er endlich den Kopf. Das müde Gesicht empörte sich. Die gefurchte Stirn wurde bucklig, der krumme Rücken gerade. Er lief dem Mädchen nach, ohne die Maschine abzustellen. Sie bewegte sich immer weiter und war wie lebend. Das elektrische Licht brannte und gleißte, verlassen lag der Raum da, und Thea sah mit beweglichen grünen Augen in das stumme Schauspiel jenseits der Straße.

Der alte Mann kam wieder. Er kam allein.

Müde, müde, müde war er.

Von der Straße heraus klang ein dünnes Lachen.

»Schauderhaft«, sagte Thea.

»Ja. Heimarbeit ist schauderhaft«, sagte Bundschuh, »das kennen wir doch, die ganz kleinen Krauter, die sich von der Arbeit fressen lassen und am liebsten ihre Kinder mitfressen lassen. Das kenne ich von Werder ganz gut. Aus dem flachen Lande ist es noch viel schlimmer.«

»Es ist furchtbar«, klagte Thea.

»Was ist furchtbar?« fragte Riedel.

»Daß die Maschine den Menschen frißt.«

Riedel lachte herzlich.

»Kleine Thea«, sagte er, »fressen oder gefressen werden! Wenn sich der Mensch von der Maschine fressen läßt, hat er selber schuld. Er soll die Maschine fressen. Er hat schon ganz andre Dinge verdaut als das bißchen Maschinenzeug. Und du hast Angst, jetzt, wo es so weit ist?«

»Gerade jetzt. Ach ihr Männer! Mein Bruder lacht mich aus, du verstehst mich nicht. Was sagst du, Eugen?«

»Auf den Überlanddrähten reiten die Kilowattriesen«, erinnerte Bundschuh, »›Von Blütenblättern rings ein Schauer um den Erdball‹. Vor Maschinen habe ich keine Angst. In den Maschinen verdienen wir unser Brot ...«

Auch an den Maschinen wächst das Brot.

»Was ist denn mit euch los?« spottete Riedel und lachte, »Geht wieder mal die Welt unter? Ist die Menschheit in Gefahr? Wollt ihr wieder einmal eine Resolution fassen und darüber abstimmen lassen?«

Bundschuh schwieg.

Seine Gedanken und Gefühle sprangen über die Straßen und Häuser, liefen und hetzten über die Felder und Wälder, Dörfer und Grenzen hinüber nach Rußland, nach Moskau und weiter nach Perlowka.

Sein Verwandter hatte viele Male geschrieben.

Bis in den späten Oktober und frühen November standen Kuriere aus den Sommerdörfern in endlosen Stafetten und verbanden alle Lager mit dem Zentrum der Entscheidung. Noch viele Redner und Agitatoren waren in die Lager gekommen, der Student, der politische Flüchtling aus Deutschland, das Schwein Willi, und sogar der amerikanische Delegierte, der Ofensetzer, hatte sich bemüht und ausführlich über Kanada gesprochen. Die meisten Bauern waren Mennoniten und wollten nach Kanada. Bei einem Meeting in Perlowka waren der Gemeindeschreiber und der Hufschmied verhaftet worden. Aber nach drei Tagen kamen sie wieder frei.

Am letzten Oktobertag fuhr die erste Gruppe. Die deutschen Bauern in Kanada hatten ihren deutschen Brüdern in Rußland geholfen und ihnen Schiffskarten geschickt. Die zweite Gruppe, dreihundert Seelen, Bundschuh, Anna, der Schreiber und der Hufschmied waren dabei, die zweite Gruppe fuhr vier Tage später. In drei Stunden mußte gepackt werden. Bundschuh hatte in den Wartemonaten von seinen Kleidern verkaufen müssen, zwei Koffer besaß er noch, ein Bündel Wäsche und die alte Wiege für das Kind. Aufbruch wie damals im Kaukasus, aber kein Vieh stampfte neben ihnen, keine beladnen Wagen wankten und schwankten. Die dreihundert Seelen wankten und schwankten mit ihren Bündeln und Koffern durch die schwarze Regennacht nach der Station.

Drei Stunden lagen sie im Regen aus der Station. Dann kam der Zug. Die Reise begann. Sie führte zuerst nur bis zum Oktoberbahnhof in Moskau. Dort schob man die Auswandrer auf ein Nebengeleise bis zum hellen Mittag. Der Regen hatte aufgehört. Es schneite. Und durch Schnee und Regen fuhren sie zweiundvierzig Stunden weiter nach Leningrad.

Beinahe drei Wochen blieben sie in Leningrad im Auswandrerheim. Angst schlich durch die Kammern. Kommen wir, kommen wir endlich aufs Schiff? Briefe aus Moskau meldeten: »Sie treiben uns zurück in die Dörfer. Sie haben kein Erbarmen mit uns. Betet, daß Gott hilft.« Und sie beteten.

Die Reisekosten hatten die Brüder in Kanada übernommen. Die Russen wollten das Reisegeld bis nach Hamburg haben. Da legten sie das letzte Geld zusammen, verkauften Kleider und Schuhe, Pelze und Wäsche und brachten viertausend Rubel auf. Dann kamen die strengen Kontrollen. Das Gepäck wurde untersucht. Dem Schreiber wurde die dreihundert Jahre alte, silberbeschlagene Bibel abgenommen. Um die Wiege ging ein erbitterter Streit. Auch die Wiege sollte beschlagnahmt werden.

»Wo soll mein Kindlein schlafen?« fragte Sophie.

»In deinem Bett, Bäuerin«, sagte der Kommissar.

»Wo ist mein Bett?« fragte Sophie.

»Da mußt du deinen Mann fragen«, lachte der Russe verlegen und ging, griff sich den Hufschmied und erklärte: »Dich wollen wir einmal gründlich untersuchen, komm mit.«

Sie untersuchten ihn gründlich und fanden kein verstecktes Gold, keine Brillanten und kein Geld. Zehn Bauern und zehn Bäuerinnen wurden gründlich untersucht. Sie standen nackt in dem kalten Verschlag, die Kleider wurden überprüft, Pelze aufgeschnitten, gefunden wurde nichts. Es war einfach nichts da zu finden. Und als Anna nackt und frierend in dem kalten Verschlag stand, wollte ein Kommissar hereinkommen. Aber er wurde von den jungen Russinnen, die zur Untersuchung bestimmt waren, mit zornigen Flüchen vertrieben.

Endlich fuhren sie ab. Das Schiff war neu und machte seine dritte Reise. Es ging nach England und hatte zweitausend Tonnen Fleisch und Geflügel geladen. Aus dem Schiff spürten sie schon den Hauch der Freiheit. Die Verpflegung war gut. Jetzt waren sie schon Passagiere und hatten die Karten bezahlt. Die See war dunkelgrün und glatt. Einige Kinder wurden krank. Am dritten Tag kamen sie nach Holtenau. Der Lotse brachte sie nach Kiel. Und der Hafenpolizist, der sie übernahm, sie wurden erst am nächsten Tag erwartet, fragte:

»Ja, könnt ihr denn überhaupt noch deutsch?«

»Minsch, dat sull woll wohr sein«, antwortete Karsten im besten Platt und lachte.

Das alles wußte Bundschuh aus den Berichten seines Verwandten. Er war in Deutschland, Anna war da, und er hatte von Herfurt den Auftrag, die Lager zu besuchen. Er sollte berichten. Der große Feldzug gegen die Bauern in Deutschland konnte beginnen.

»Die sehr geehrten Damen und Herren werden gebeten, die Plätze einzunehmen«, sagte Riedel. »Es gibt Bier. Und nun soll uns Eugen noch einmal erzählen, was er von den Bauern weiß. Und wann er sie besucht.«

Sie gingen vom Fenster, und im selben Augenblick erloschen da drüben die elektrischen Lampen. Der Mann hatte mit der Arbeit aufgehört.

»Was machen die Bauern?« fragte Thea, »und was macht unsre liebe«, sie lächelte, »was macht unsre liebe Jakobine?«

Bundschuh errötete und sagte:

»Anna heißt sie, das haben wir schon lange klargestellt, Thea, ja, sie ist auch gekommen.«

»Für mich heißt sie Jakobine«, lachte die junge Frau.

»Für mich auch«, erklärte Riedel und stellte das Bier auf den Tisch. Thea brachte Butterbrote. »Und was sind deine Pläne, Eugen? Willst du mit nach Kanada fahren? Oder nach Brasilien zu den Affen?«

»Ich habe genug an den Affen, die ich sehr gut kenne, Paule«, antwortete Bundschuh, »nein, ich bleibe hier.«

»Und deine Jakobine?« fragte Thea.

»Das weiß ich nicht«.

»Aber ich weiß es«, lachte Thea, »ich weiß es.«

»Und wirst du mir das süße Geschöpf einmal vorstellen? Wirst du sie mir auch verleugnen wie Thea?« fragte Riedel.

»Laß die Witze, Paul«, sagte Thea, »wir werden uns herzlich freuen, Anna zu sehen.« Sie schwieg eine kleine Weile und sagte dann entschlossen: »Ja, das weißt du noch gar nicht. Also, ich habe meinen Bruder überredet, in Berlin eine Autogarage und Reparaturwerkstatt aufzumachen. Paul wird als erster eingestellt. Dann kommst du dran, wenn du Lust hast, Eugen.«

Bundschuh riß die Augen auf und staunte.

Da stand sie nun, diese unvergleichliche Thea, die Grünäugige, das hilfreiche Geschöpf, das sich der Partei verschrieben hatte, weil ihr Mann erschossen war, diese Frau mit dem sehnsüchtigen Herzen. Fa, sie hatte gesucht und gefunden, sie war gewogen und richtig befunden worden. Und der Mann, der ihr Nachricht gebracht hatte, daß Peter tot war, Paul Riedel, der sie in die Partei gestoßen hatte zu Herfurt, Uralski, Otto Müller und Willi – ach, einen großen und langen Weg mußte sie gehen, von Berlin über die Barrikaden des Weddings nach Moskau und Odessa, und jetzt stand sie auf ihrem Ausgangspunkt: ein Mensch, der sich im geliebten Freund endlich, endlich gefunden hat!

Sie hatte mit ihrem Bruder gesprochen, und sie hatten ihr Geld zusammengelegt und machten zu Neujahr in Neukölln eine Autogarage auf. Die Liebe hob das Geld von der Bank, das Geld war rund und rollte, bewegte Maschinen, gab Brot, Frieden und Arbeit. Paul war der erste Arbeiter, der angestellt werden sollte. Und für Eugen war auch Platz da. Ihr Bruder verstand etwas vom Geschäft. Er war Ingenieur. Die Männer sehnen sich nach Tätigkeit, Ölgeruch muß um sie sein, Schweiß, Motoren, Schwingradachse, Vierradbremse, Hundertkilometergeschwindigkeit. Männer sind ewige Soldaten.

Die Garage lag an einer Ausfallstraße Berlins, viel Betrieb ging durch die Steinschlucht, die Konkurrenz hatte bis jetzt alles übersehen. Und die Motoren, die Autos, die Drehbänke, das war schon etwas andres als der Tanz der gespensterhaften Hutpressen der Heimarbeit, an denen ein Vater mit seinen drei Töchtern bis in die Dunkelheit schuftete. Die Maschinen fressen den Menschen? Unsinn, die Maschinen sind die großen Ordner in der Unordnung der Zeit, sie werden auch das brüllende Chaos der Welt ordnen. Und nun begriff sie das Gedicht von Itschner, das sie in Moskau gehört hatte.

Peterle?

Was für ein Peterle?

Der eine war tot, und den andren brauchte sie nicht mehr.

Der süße rotbäckige Engel saß wieder in ihrem Herzen und sang und jubilierte.

»Arbeit?« sagte Bundschuh und seine Muskeln wurden eisern. »Arbeit für Paul und mich? Ich gebe dir den ganzen Herfurt dafür, wenn du ihn haben willst, und den Uralski und den schönen Willi auch! Thea, liebe Thea«, sagte er und ihm war, als stünde er mit ihr aus dem Balkon des Hotel ›Lux‹ in Moskau, »liebe Thea«, begann er noch einmal und trat einen Schritt näher, »sage doch deinem Paule, daß er nicht hersieht. Ich muß dir einen Kuß geben!«

Und er küßte sie.

Sie wurde flammend rot, der Engel in ihrem Herzen sang ganz leise. Paul hatte sich nicht umgedreht. Warum soll er sich nicht freuen? Wer hat von den blinden Augen der blinden Göttin erzählt? Und wer hat ihn mit Thea versöhnt?

Bundschuhs Lippen brannten.

»Lieber, dummer Junge du«, sagte Thea.

Dann ging sie behutsam und zärtlich zu Paul und ließ sich von ihm küssen.

»Was sagst du zu diesem Mädchen?« fragte Riedel, als die kleine Ewigkeit des Kusses vorübergegangen war. »Was sagst du zu diesem Mädchen? Und an diesem Glück bist du achtlos vorübergegangen? Aus eins bin ich sehr neugierig, aus deine Jakobine! Wenn du sie triffst, einen Gruß von mir, und den Kuß, den du Thea gegeben hast, ist mir die Anna schuldig!«

Und so saßen sie noch lange zusammen und verhandelten über den Kuß, der schuldig geblieben. Das Haus schlief. Jetzt gab es kein Erntefest mehr. Jetzt standen keine jungen Burschen mit ihren Mädchen in den Fluren. Und die Musik in den Instrumenten der Hofmusikanten war eingefroren. Aber die Lautsprecher lärmten.

»Bist du zu Weihnachten in Berlin?« fragte Thea.

»Ich weiß es nicht. Morgen fahre ich nach den Lagern, ich will Anna und meinen Verwandten suchen«, antwortete Bundschuh. Und dann ging er und ließ Thea und Paul allein.

Vier Tage irrte Bundschuh an der Wasserkante herum. Er war in Hamburg und in Kiel gewesen, hatte sich mit den Behörden herumgeschlagen und endlich die Spuren seines Verwandten gefunden. Sie führten nach Penzlow. Und in dieser Stadt, Schicksal oder Zufall, saß Otto Müller als Parteisekretär. Mucki war bei ihm, und als er diesmal an der Türe klingelte, das Haus lag am Rande der Stadt, sagte Mucki nicht wie damals aus dem Wedding: ›Müller, Müller, Otto Müller, das dürfte wohl ein Irrtum sein, junger Mann, hier in diesem Hause wohnt schon lange kein Otto Müller mehr‹, Mucki lachte herzlich und sagte:

»Hereinspaziert, Eugen, Momentchen mal, Otto muß sofort kommen. Wie kommst du denn in diese schöne Gegend?«

Er berichtete von seinem Auftrag, und dann kam Otto. Er war immer noch glattrasiert und erfüllt von seiner Aufgabe.

»Tolle Gegend hier«, sagte er, »überall bricht Bildung durch, aber nicht in Mecklenburg. Penzlow ist zwar nicht Mecklenburg, aber es könnte schon Mecklenburg sein. Ochsenköppe, weißt du. Granit ist gar nichts dagegen. Aber wenn sie es begriffen haben, dann sind die Jungens treu wie Gold.«

Und dann erzählte er von seiner Arbeit. Die Stadt hatte wenig Industrie. Die Partei wurzelte in den Arbeitslosen der stillgelegten Ziegeleien. Sie hatte auch Stützpunkte auf dem flachen Lande, dort in dem Kaff ein kleiner Bauer, in jenem Kaff ein Landarbeiter.

»Die deutschen Bauern sind hier«, sagte er, »und ich habe an Herfurt schon einen großen Bericht gegeben. Der Zauber muß aufhören. Unsre Leute werden unruhig. So geht das nicht weiter. Ich habe sie ja schon aufgeklärt über die Bauernfrage, ich war ja mit dir in Perlowka, wir haben auch schon eine Versammlung gehabt, ganz gut besucht, weißt du, aber ich bin dafür, reinen Tisch zu machen, Herfurt muß selber mal kommen und hier sprechen. Der wird das Kind schon schaukeln.«

»Herfurt will sowieso kommen, Otto«, antwortete Bundschuh, »aber ich soll selbst mal das Lager besuchen. Wie aber komme ich hinein?«

»Kleinigkeit«, lachte Müller, »wir haben die besten Verbindungen. Ein Mann bei der Polizei sympathisiert mit uns, er kann dir einen Ausweis verschaffen. Du siehst«, frohlockte er, »wir arbeiten und haben unsre Verbindungen. Hat dir Herfurt keinen Ausweis von seiner Zeitung gegeben?«

»Doch, aber ich will nicht als Reporter kommen, lieber ist es mir, als Fremder aufzutauchen, weißt du, als Mensch, der sich für die Bauern interessiert. Was können und wollen die Bauern einem Reporter erzählen, der von der Zeitung kommt, die Herfurt herausgibt? Warst du schon im Lager?«

»Was soll ich dort bei den Bazillenträgern des Faschismus?« entrüstete sich Müller, »ich kenne die Brüder ja von Perlowka her! Mir können die da«, er machte eine Handbewegung, »nichts vorwimmern. Ich weiß Bescheid ... Bleibe ruhig bei Mucki, in einer Stunde hast du deinen Ausweis!«

Er gab Mucki einen zärtlichen Klaps und rannte davon. Sie blickte ihm mit verliebten Augen nach und seufzte. Immer unterwegs war Otto, immer in Besprechungen, immer in Versammlungen. Und alles lag in dieser kleinen Stadt und in den Dörfern wie auf einer flachen Hand. Sie hatte Angst, die kleine Frau. Manchmal träumte sie am hellen Tag, diese flache Hand würde sich schließen und in der geballten Faust die ganze Partei zerdrücken. Aber diese flache Hand war ihr tausendmal lieber als das versteinerte Dickicht in der Kellerstraße auf dem Wedding, in der Haß und Verbitterung Barrikaden bauten und Panzerwagen, Verwundete und Tote heraufbeschworen. Hier würde es keine Barrikaden geben und keine Panzerwagen.

»Und was macht Riedel?« fragte sie endlich.

»Das weiß ich nicht«, antwortete Bundschuh entschlossen, er entsann sich des Besuchs im Krankenhaus, wo Mucki dem angeschoßnen Riedel den Rücken zugedreht hatte. »Keine Ahnung, Mucki.«

Was konnte und durfte er von Riedel erzählen? Sollte er sagen, daß Riedel und Thea Gärtner heiraten wollten? Sollte er von der Werkstatt erzählen, von seinem Verwandten und von Anna? Er war immer noch in der Partei, aber das Licht von einem andern Stern hatte ihn getroffen.

Er dachte an die Bauern, die alles verloren hatten und das Schwerste ertrugen, weil Gott seine linden Hände unter die schweren Lasten legte. Unbegreiflich war ihm diese Ergebenheit in das Schicksal, diese Zuversicht im Jammer der Zeit, diese Jakobsleiter nach der Ewigkeit.

»Und was macht Thea Gärtner? Sie soll nicht mehr bei Herfurt arbeiten«, sagte Mucki. »Thea kann machen, was sie will«, erklärte sie entschlossen, »sie hat meinen Otto gerettet, sie hat uns besucht, sie ist, und das werdet ihr Männer nie verstehen, eine seltene Frau. Das wäre was für dich, Eugen!«

»Mucki«, antwortete Bundschuh und sah ihr ins Gesicht, »entsinnst du dich, als wir Otto brachten und nicht wagten, zu sagen, er läge unten im Hof? Und wie wir alle glaubten, er sei tot?«

»Ja«, sagte sie leise, »immer denke ich daran.«

»Gut, und der Riedel hat ihn mit aus dem Feuer getragen. Und dann haben wir ihn zur Thea gebracht. Und dann ist Paul andre Wege gegangen. Und jetzt, Mucki, jetzt, nachdem du so gut von Thea gesprochen hast, will ich dir sagen: Paul und Thea wollen gleich nach Weihnachten heiraten!«

Zuerst erschrak Mucki, aber dann lachte sie und sagte:

»Da besteht ja noch die Hoffnung, daß Paule ein richtiger Mensch wird! Aber das wollen wir für uns behalten, Eugen, Otto wird das nie verstehen ... Und was ist mit dir, Eugen, hast du auch was fürs Herz? Zu Weihnachten«, begann sie zu kuppeln, »zu Weihnachten besucht mich aus Berlin meine Freundin, die Helga, ein Prachtmädel, sage ich dir ganz im Vertrauen, die kann ruhig zu Thea Du sagen, so eine ist das, willst du uns nicht zu Weihnachten besuchen?«

»Ich weiß nicht«, zögerte Bundschuh, »ich habe ja meinen Auftrag. Die Bauern, du weißt es ja.«

»Du gehst an deinem Glück vorbei«, scherzte Mucki.

Bundschuh lachte.

»Nein, ich bin gerade auf dem Wege zu ihm.«

»Wieso?« fragte Mucki mit erstaunten Äugen.

Aber sie bekam keine Antwort.

Otto stampfte ins Zimmer und schwenkte einen Zettel.

»Hier ist der Ausweis«, sagte er, »du kannst noch heute ins Lager. Soll ich mitgehen?«

»Danke, nicht notwendig, ich gehe lieber allein.«

»Ganz wie du willst«, sagte er und war beleidigt, »ich dachte nur, ich könnte dir einige gute Tips geben.«

Bundschuh lächelte. Das war Otto! Eine halbe Stunde im Lager von Perlowka und schon Fachmann in der russischen Bauernfrage! Mucki lächelte auch. Sie waren noch eine kleine Weile beisammen, und dann ging Bundschuh nach dem Lager, um seinen Verwandten und Anna zu besuchen.

Das Lager war am entgegengesetzten Rande der Stadt in einer alten Kaserne eingerichtet und schien beim ersten Blick nicht mehr Deutschland zu sein. Bauern mit schweren Mänteln und Fellmützen standen im kahlen Exerzierhof. Frauen in bäurischer Kleidung, die jeder Mode trotzten, gingen zur Küche. Kinder, die wie kleine Männer gekleidet waren, Mädchen, die wie ihre Mütter alte Trachten trugen, standen am schmutzigen Treppenaufgang.

Ein Mann in schwarzer Russenbluse lief mit einem Stoß Akten nach der Schreibstube und trug in der freien Hand eine Rechentafel mit den großen Holzkugeln.

Das Mittelalter war in diesem Hof eingebrochen, hundert und zweihundert Jahre zurück.

Und das alles fiel Bundschuh erst jetzt auf.

Damals in Perlowka fügten sich diese Bilder harmonisch in das Bild Rußlands, und nun, aus der Entfernung, sah er durch dieses Lager Rußland in einer ganz andren Beleuchtung.

Plötzlich stutzte er.

Den Mann, der ihm entgegenkam, hatte er doch schon mal gesehen. Ja, er war in Perlowka gewesen, als der Student kam und für die Rückreise warb. Da war dieser Mann der erste gewesen, der gesprochen hatte. ›Und wie steht es mit der Religion?‹ hatte er gefragt. Anna hatte auch seinen Namen gesagt. Wie hieß er doch? Karsten hieß er, das war der Hufschmied Karsten, von dem sein Verwandter zum ersten Mal vom Kommunismus gehört hatte. In Marjanowka. Auch diese Geschichte kannte er. Und nun war er in Penzlow. Also mußten auch Jakob und Anna nicht weit sein.

»Guten Tag«, grüßte er, »kennt ihr mich noch?«

»Nein. Wer seid ihr?«

»In Perlowka haben wir uns zum ersten Male gesehen, Hufschmied Karsten.«

Der Hufschmied stutzte und schüttelte den Kopf. Dann richtete er die dunklen Augen auf Bundschuh und musterte ihn eindringlich. Plötzlich beugte er sich vor und fragte:

»Ihr seid ...?«

»Ja, ich bin ...«, lachte Bundschuh.

»Eure Hand«, rief Karsten, nahm sich selber die Hand und schüttelte sie in seiner Schmiedefaust, »euer Verwandter wird sich freuen!«

»Und wo ist er, mein Verwandter? Und wo ist sie, die Anna?« fragte Bundschuh und rieb die mißhandelte Hand. »Mensch, Karsten, so sagt doch, wo ist Anna? Ich habe schon alle Lager besucht.«

»Sie ist hier bei eurem Verwandten,« antwortete Karsten, »aber ihr kommt in keiner glücklichen Stunde. Das Kind, die Anna, ist krank.«

»Anna ist krank?«

»Die Tochter Anna, ja, wißt ihr denn nicht, daß jetzt unsre Kinder sterben? In Kiel hat es begonnen. Anna ist bei dem kranken Kind!

»Und Sophie?«

»Die Frau eures Verwandten ist auch bei dem kranken Kind. Aber kommt, ich bringe euch zu eurem Verwandten.«

Der Bauer Jakob Bundschuh saß allein in der kleinen Stube, den Kopf in die Hände gestützt.

Warum starben in Deutschland die Kinder, da sie doch in Sicherheit waren?

Sollte auch sein Kind sterben?

Nein, er hob nicht den Kopf, als Karsten mit Bundschuh in das Zimmer trat.

»Jakob«, sagte Karsten, »ihr habt Besuch.«

Der Bauer nickte.

»Euer Verwandter ist gekommen.«

Der Bauer hob den Kopf.

»Setzt euch, Verwandter.«

Eugen setzte sich und Karsten ging.

»Guten Tag, Jakob, wie geht es euch?« fragte Bundschuh und streckte seine Hand aus. Der Bauer aber übersah die Hand und sagte:

»Grüß Gott, Eugen.«

»Ihr seid nun glücklich in Deutschland?«

»Ja, aber unsre Kinder sterben.«

»Wie geht es eurer Tochter?«

»Nicht gut.«

»Was fehlt ihr?«

»Lungenentzündung, sagt der Doktor. Wir haben sie bis heute morgen bei uns gehabt, aber dann sind sie gekommen, haben das Fieber gemessen und sie ins Krankenzimmer gebracht. Sophie und Anna sind bei ihr.«

»Unsre Arzte verstehen die Heilkunst«, tröstete Bundschuh, »sie wird bald wieder gesund sein, die Tochter. Ihr müßt den Kopf hochheben, Jakob, ihr seid in Deutschland!«

»Ja«, sagte der Bauer und hob gehorsam den Kopf.

»Und wie gefällt es euch in der alten Heimat?«

»Gut, es ist ein schönes reiches Land. Die Felder sind hier wie Gärten und die Städte sauber wie eine Sonntagsstube. Gut gefällt es uns. Und ihr habt ja auch für uns gesorgt, wir leben wie im Hause einer Mutter, Kleider gebt ihr uns, Wohnung und Essen, die Prediger kommen, und wir können frei beten und singen. Aber unsre Kinder sind krank. Unsre Kinder sterben, Verwandter.«

Er senkte wieder den Kopf.

Erde muß der Bauer haben, Kinder muß er haben, Felder bestellen, Weizen mähen, Vieh auf die Weide treiben, um Regen bitten, auf den Märkten feilschen, mit der Sonne aufstehen, mit der Sonne schlafen gehen.

Sechs Monate schon waren die Bauern aus ihrer gewohnten Ordnung herausgerissen.

Jetzt erst fühlten sie die grausamen Nackenschläge und jetzt erst, in der Freiheit, wurden die Kinder krank oder starben.

»Eure Tochter wird euch bald wieder anlachen, Verwandter«, begann Eugen noch einmal, »und sie wird mit eurem Sohne spielen, wenn der erst da ist.«

»Meint ihr, Eugen?« fragte Jakob und über sein ernstes Gesicht lief das Licht einer Freude, »ja«, sagte er, »ihr habt recht, Gott hat uns bis hierher geführt, und wird uns immer beistehen. Er ist gerecht. Wir müssen und dürfen auf ihn vertrauen ... Und nun erzählt von euch!«

»Wie geht es Anna?« fragte Bundschuh.

Zum ersten Male lächelte Jakob.

»Sie hat euch doch geschrieben«, sagte er, »und ich will gehen und sie holen. Sie wird sich freuen, daß ihr noch einmal gekommen seid. Als ihr nicht mehr nach Perlowka kamt, hat sie viele Male nach euch gefragt. Hattet ihr euch verzankt?«

»Verzankt? Nein, aber ...«

»Ich will nichts wissen«, sagte Jakob, »und jetzt gehe ich und hole Anna. Sie würde mir nie verzeihen, wenn ich euch ihr vorenthielte.«

Er ging und ließ Eugen allein.

Da saß er nun, sein Herz hämmerte, seine Hände wurden unruhig wie die von Paul Riedel, wenn er in Theas Nähe war. Und um sein Herz, um seine Hände zu beruhigen, faßte er nach der alten Bauernkrippe und begann sie leise zu wiegen, hin und her, hin und her. Das alte Holz knarrte ein wenig. Die bunten Bemalungen verschmolzen zu neuen Figuren. Und mit jedem Hin und Her der alten Wiege beruhigte sich sein Herz, beruhigten sich die Hände. Zwei Herzen waren in die Wiege eingeschnitten, ein Herz oben am Kopf, ein Herz unten an den Füßen. Diese eingeschnittenen Herzen waren die Griffe. Und so saß er da und schaukelte die Wiege, als Anna kam.

Er sprang auf, die Wiege schaukelte, Anna stand vor ihm. Sie gab ihm die Hand, als sei nichts gewesen und sagte:

»Guten Tag, Eugen. Nun sind wir endlich glücklich daheim in Deutschland.«

»Guten Tag, Anna. Ich danke Gott, daß ich euch endlich sehen darf.«

Sie warf ihm einen flammenden Blick entgegen.

»Kanntet ihr den Mann, der euch damals in Perlowka begrüßte?« fragte sie und wartete angstvoll auf seine Antwort.

»Ja, ich kannte ihn.«

»Und sagte er die Wahrheit, ihr hättet dort in Berlin ...?«

»Er sagte die Wahrheit, Anna.«

»Die Wahrheit? Und ihr werdet nicht rot und schämt euch?«

»Nein, ich schäme mich nicht, aber rot werde ich in eurer Nähe, Anna ... Setzt euch«, bat er nun, »ich habe euch viel zu erzählen. Sagt aber erst, wie es dem Kinde geht.«

Sie setzte sich.

»Dem Kinde geht es besser. Das Fieber ist immer noch hoch, aber wir haben Hoffnung ... Und nun erzählt, Eugen.«

Leise und stockend begann sein Bericht. Mühsam kamen zuerst die Worte, dann wurden sie rund und fließend und rückschauend war eine strenge Gesetzmäßigkeit in allen seinen Handlungen gewesen. Er erzählte, wie er am Vorabend des 1. Mai aus Werder nach Berlin gekommen war, um seinen Freund Müller zu besuchen. Mucki hatte die Türe zugeschlagen und nicht gewußt, daß sie eine andre Türe dabei aufriß, die Türe zu einem Schicksal. Dann berichtete er von der Barrikade, von den Panzerwagen, von der Schießerei, von den Verwundeten und den Toten. Endlich sprach er vom Russen Willi und von Uralski. Und als er von Kolja Uralski sprach, hob das Mädchen den Kopf.

»Uralski? Das ist komisch. Ein Uralski hat meinem Vater schlimm mitgespielt. In der Baschkirensteppe. Er hat uns vom Hof vertrieben«, sagte sie. »Wie alt ist denn euer Herr Uralski in Berlin?«

»So alt wie ich, Anna. Und Kolja heißt er. Aber mein Freund ist er nicht. Nein.«

Sie saß mit gerunzelter Stirne da. Die Hände lagen in ihrem Schoß. Und nun entsann sie sich.

»Kolja?« rief sie laut, »Kolja, ja, ich erinnere mich genau, ein Knabe war dabei, ein schwarzhaariger, und Kolja hieß er. Gesprochen hat er mit mir, aber er konnte kein Deutsch... Und mit solchen Menschen arbeitet ihr zusammen, Eugen?« entsetzte sie sich.

Sie hatte den Bericht über den Besuch und die zugeschlagne Türe, den Aufstand und die Barrikade, den Bericht über die Verwundeten und Toten fiebernd miterlebt. Sie war die Tochter eines Pioniers, kannte Baschkiren und Tataren, hatte selbst Rauch und Blut und Pulver gerochen, und das Politische zerschmolz, wurde menschlich und männlich. Aber dann nahm es doch andre Gestalt an, als von Uralski gesprochen wurde. Ein Uralski hatte die Eltern aus der Steppe nach den Bergen vertrieben. Uralski war der böse Feind. Und der hatte seinen Sohn nach Deutschland geschickt und Eugen arbeitete mit ihm zusammen. Sie wußte nicht mehr aus und ein und rang verzweifelt die Hände.

»Anna«, sagte Eugen zögernd und suchte ihren Blick zu fangen, »ihr dürft mich nicht an einem Uralski messen. Ihr wißt, ich bin nicht euer Feind, sonst säße ich nicht hier.«

»Wie könnt ihr unser Feind sein, da ihr doch wißt, wie sie es mit uns getrieben haben«, sagte sie verwundert. »Wie könnt ihr ein Feind sein, da ihr doch der erste Mensch waret, der mir Gutes von der Heimat erzählt hat. Nein, ihr seid nicht unser Feind«, rief sie aus, und ihr Herz ging rasend in der Angst, er könne aufstehen und fortgehen, »ich glaube an euch, Eugen!«

Sie griff nach seiner Hand und hielt sie fest.

In diesem Griff lag Kraft und Süße einer liebenden Frau. Eugen spürte diesen Griff wie eine Besitzübernahme. Und da er ein Mann war und selbst siegen wollte, sagte er:

»Auch ich glaube an dich, Anna. Und zehnmal war ich in Perlowka, und immer habe ich vergeblich nach dir gefragt.«

»Ich weiß es«, antwortete sie und nahm zögernd die Hand zurück, »ich weiß es, aber dafür habe ich den ersten Gruß und Brief geschrieben.«

Er sagte nicht mehr ›ihr‹. Sie hatte es gut gehört. Und mit Bedacht vermied sie bei ihrer Antwort die Anrede. Sie war klug und scheu und selig. Und wenn es auch einen Uralski gab, was konnte er ihr anhaben, wenn Eugen ›du‹ zu ihr sagte? Sie wartete fiebernd auf die Entscheidung.

»Bleibt Jakob in Deutschland?«

Das war noch keine Entscheidung, aber sie ahnte den Sinn dieser Frage.

»Ich weiß nicht, was die Männer beschließen, vielleicht fährt Jakob mit dem Schreiber nach Kanada. In Manitoba soll es gutes Land geben.«

»Und du, Anna?« fragte Eugen bestürzt.

Sie lächelte und sagte:

»Ich bleibe hier.«

Bundschuh stand auf, schob die Wiege beiseite, faßte das Mädchen fest um die Hüften und hob es auf. Er konnte sich nicht anders helfen. Und als er diese lebendige Last in den Muskeln spürte, als der Duft des süßen Leibes seine Sinne verzauberte, kamen ihm die Erinnerungen an die andern Lasten, an denen er damals mitgetragen hatte. Er dachte an den Schleusendeckel, den er auf den Rand der Barrikade riß und an den leblosen Mann, den er mit Paul Riedel aus dem tötlichen Feuer trug.

Herrlich war es, eine Barrikade zu bekrönen, gepriesen war es, den leblosen Mann aus dem Feuer zu schleppen, gesegnet und selig aber war die Last des geliebten Geschöpfes, das er jetzt in die Höhe hob. Er fühlte ihr Blut und ihren Leib. Und er hörte über sich eine süße, erschreckte Stimme:

»Eugen, setz mich wieder auf die Erde!«

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