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Das unsterbliche Volk

Max Barthel: Das unsterbliche Volk - Kapitel 11
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typefiction
authorMax Barthel
titleDas unsterbliche Volk
publisherBüchergilde Gutenberg
year1933
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Zehntes Kapitel

Der späte Oktoberhimmel leuchtete über Berlin.

Zwei junge Männer in langen, schleppenden und blaugestreiften Mänteln gingen nebeneinander durch den herbstlichen Garten des großen Krankenhauses. Der eine trug den linken Arm in der Binde, der andre lahmte auf dem rechten Bein. Dem Mann mit der Binde fiel eine weizengelbe Strähne in die Stirn, der Lahmende trug das dunkle Haar nach hinten gekämmt. Sie gingen schweigend über die kiesbestreuten Wege.

Es roch nach fallendem Laub und bittrer Medizin.

Sie sahen in den klaren Himmel, der noch von der Süßigkeit des Sommers zitterte.

Und nun blieb Paul Riedel stehen, warf mit kühner Kopfbewegung die widerspenstige Locke aus der Stirn und fragte:

»Und du hast sie nie wieder gesehen, die Anna? Du bist jeden Tag nach Perlowka gefahren? Warum wollte sie dich eigentlich nicht mehr sehen? Hattet ihr euch verzankt?«

»Nein, wir hatten uns nicht verzankt«,antwortete der Mann mit dem angeschossenen Bein und errötete. »Warum sollten wir uns gleich am ersten Tag verzankt haben?« Die Geschichte mit Willi hatte Bundschuh nicht erzählt, »Jeden Tag bin ich von Moskau nach Perlowka gefahren, Paul, aber Anna war verschwunden, und mein Verwandter...«

»Das ist beinahe unglaublich, Eugen«, antwortete Riedel, »vor hundertundsiebzehn Jahren...«

»Vor hundertsiebenunddreißig Jahren«, verbesserte Eugen Bundschuh.

»Also meinetwegen, vor hundertsiebenunddreißig Jahren wandert ein Bundschuh vom Neckar aus und siedelt sich an der Wolga an, und dann kommt so ein junger Barrikadenmann und findet einen Verwandten da drüben! Erzähle doch, wie sieht er aus, der Bauer Jakob Bundschuh?«

»Einen halben Kopf größer als ich, graue Augen, Hakennase, das ganze Gesicht wie ein alter Holzschnitt«, erzählte Bundschuh und war froh, den Fragen nach Anna entronnen zu sein, »im Kaukasus ist er aufgewachsen, und als dort der Aufstand begann, mit Vater, Mutter, Knecht, Wagen und Vieh nach der Ukraine gezogen. Später nach der Krim. Anna erschrak, als sie meinen Namen hörte. Bundschuh, Bundschuh hatte sie gerufen, mein Verwandter heißt auch Bundschuh! Und dann haben wir festgestellt, daß ein gemeinsamer Vorfahre vom Neckar nach der Wolga ausgewandert ist. Einer von meinem Blute!«

Riedel lächelte gerührt.

»Du hast sonst keine Verwandten mehr?«

»Nein, hier nicht. Und ich mußte nach Rußland fahren, um dort einen zu finden. Einen Bauern.«

»Und er will nach Kanada?«

»Ja, aber das habe ich doch schon erzählt. Vielleicht bleibt er auch hier, wenn er die Pässe bekommt. Anna wollte nicht nach Kanada. Sie wollte nach Deutschland.«

Anna, Anna, immer wieder Anna! August, September waren vergangen, und er hatte immer an das Mädchen denken müssen, das damals entsetzt geflohen war, als der Lump Willi mit dem Auto kam und alles verriet. Oktober, und immer nur Anna! Ihre blauen Augen sahen ihn an, bei den Versammlungen, bei den Sitzungen und auch im Krankenhaus. Und jetzt fragte Riedel:

»Und von Anna hat er dir nichts erzählt?«

»Doch. Sie ist in der Baschkirensteppe geboren und aufgewachsen. Dann sind die Eltern nach dem Kaukasus gezogen. Jakob hat sie dort kennengelernt. Die Tataren haben ihre Eltern ermordet. Und Anna ist dann mit den Bundschuhs geflohen. Das hat er mir erzählt, und auch die Geschichte, wie sie beinahe im Terek ertrunken war«, erzählte Bundschuh.

»Mensch, das ist ja ein ganzer Roman! Aber wo war denn das süße Kind, als du nach Perlowka kamst?«

»In der Stadt, dann auf Besuch und dann wieder in Kuskowo. Dreimal habe ich nach ihr gefragt. Und dann habe ich nichts mehr gesagt. Da bin ich einfach gekommen und habe mir von Jakob erzählen lassen. Na ja, und dann bin ich abgefahren. Nach Berlin. Und dann haben wir uns getroffen.«

»Das war vor zwei Wochen. Da haben wir uns getroffen. Und das ist«, Riedel lachte, »das ist wörtlich zu nehmen. Ich, das heißt, meine Parteigenossen, trafen dich ins Bein, und du, das heißt, deine Genossen, trafen mich in die Hand... Schießen«, setzte er philosophisch hinzu, »schießen haben wir beide ja am 1. Mai auf dem Wedding gelernt.«

»Ja, das haben wir gelernt.«

»Und noch was: nicht jammern, Eugen!«

Bundschuh nickte.

Nein, nicht jammern!

Sie standen nun vor der hohen Mauer, die den Garten von der Straße abschloß. An der Mauer erhob sich mitten aus dem Rasen eine Kastanie. Sie hatte ihre Blätter abgeworfen, und sie lagen rings um den Stamm wie die guten Taten eines guten Menschen.

»Ja, nicht jammern. Ich habe nur geknallt, weil damals auf unsern Zug geschossen wurde«, sagte Bundschuh.

»Und ich habe geknallt, mein Lieber, weil auf unsern Zug geschossen wurde. Ihr habt zuerst losgebullert.«

»Nein, ihr«, sagte Bundschuh, »ihr habt zuerst gefunkt. Aber«, seine Stimme wurde weicher, »aber es ist doch Wahnsinn, Paule, warum knallen sich gegenseitig die deutschen Arbeiter ab? Unser Blut liegt auf den Straßen in einer Pfütze! Und wenn wir uns die Geschichte ganz genau überlegen: wollen wir im Grunde nicht dasselbe?«

»Falsch, ganz falsch«, widersprach Riedel und drehte sich um, »nein, wir wollen gar nicht dasselbe! Ihr seid für die Diktatur des Proletariats. Was ist das Proletariat? Eine Erfindung eurer Führer, die einen Zustand verewigen wollen, damit ihre Herrschaft ewig sei!«

»Mensch, du hast ja einen Vogel«, entsetzte sich Bundschuh und lahmte hinter Riedel her. Der verlangsamte seine Schritte. »Und ihr wollt eine Arbeiterpartei sein?«

»Ja, ja, ja. Tausendmal mehr als ihr ahnt. Wenn du wüßtest, Eugen, was wir wollen, du kämst zu uns. Warum bist du noch in deiner Partei? Du hast mir von den tausend Schlangen erzählt und von den Bauern, und ich begreife nicht, warum du immer noch dabei bist«, sagte Riedel.

»Die Partei ist kein Hemd, das man wechselt, Paule«, sagte Bundschuh und humpelte voraus. Riedel folgte, und in diesen schweigenden Minuten, von den Bäumen fielen gelbe und rostbraune Blätter, dachten die beiden Männer an den Zusammenstoß vor vierzehn Tagen, an dem sie gemeinsam verwundet wurden.

Bundschuh hatte vor zwei Wochen eine Versammlung besucht. Die Pharussäle waren wegen Überfüllung geschlossen. Herfurt, der berühmte Herfurt sprach. Der ganze Wedding drängte sich, den Mann zu hören, der über Sowjetrußland sprechen wollte. Und unten in der grauen Masse saß Kolja Uralski und spitzte die Ohren. Sein schlaues Baschkirengesicht beobachtete scharf die jungen und alten Arbeiter. Von ihren Augen und aus ihren hitzigen Zurufen las er die politischen Sturmzeichen ab.

Herfurt begann, nachdem er die Grüße des werktätigen russischen Volkes in Stadt und Land überbracht hatte, ganz gemütlich und erzählte von seinem letzten Besuch im Kreml. Dann warf er einen Witz in die Masse, ließ das Gelächter schüttern und marschierte nun entschlossen auf sein Ziel los. Er berichtete vom Neuen Plan und berauschte sich und die Menge, wie sich Itschner in seinem Gedicht berauscht hatte, an den Ziffern, Zahlen, Diagrammen und Möglichkeiten. Er gab große Ausblicke, stampfte mit zierlichem Fuß aus den Steppen Fabriken und Städte. In Mittelsibirien ließ er ein neues Industriezentrum hochwachsen, in den kirgisischen Steppen und armenischen Gebirgen Sirenen gellen. Die Nomaden brachen ihre Zelte ab. Die Taigabewohner zerstörten ihre Götzen. Die Bauern strömten in die Kollektivs.

Vorher war ein russischer Film gelaufen und hatte Asien nach Berlin in die Müllerstraße hergezaubert. Endlich begann Herfurt von den deutschen Bauern, die das Land verlassen wollten, zu sprechen. Er war nicht dumm. In den Zeitungen wurde darüber geschrieben, in den Fabriken darüber von den Arbeitern gesprochen. Pjatiletka, das Wort verstanden die Arbeiter auf dem Wedding und im Ruhrgebiet und erhitzten sich darüber. Der Fünfjahresplan! Werden es die Russen endlich schaffen?

»Die deutschen Bauern in der Sowjetunion, die Flüchtlinge rings um Moskau, was sind sie?« rief Herfurt in den raucherfüllten Saal, aus dem die Gesichter bleich schimmerten, »rückständige Elemente sind es, Kulaken, Großbauern, Dorfwucherer, Saboteure des Aufbaus, Keimzellen einer neuen Klasse. Wir haben die Lager besucht, und wenn die Sowjetunion so großmütig ist, die Schädlinge über die Grenzen zu lassen, die deutschen Proletarier werden darüber zu wachen haben, daß sich diese Bazillenträger des Faschismus nicht in Deutschland festsetzen.«

»Aufhängen die Bande!«

»Nach Sibirien verschicken!«

»In die Konzentrationslager!«

Herfurt beantwortete die Rufe und schielte auf Bundschuh, der mit in der Versammlungsleitung saß. Dann umriß er mit weitausholenden Armbewegungen die nächsten Aufgaben: erbarmungsloser Kampf gegen den deutschen Faschismus, schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft, erbarmungsloser Kampf auch gegen die feige SPD.

Die Arbeiter waren begeistert, und auch Uralski hatte nichts auszusetzen. Rotfrontrufe erschütterten den Saal, in dem die politischen Kämpfe im grauen Berlin ausgetragen wurden. Diese Kämpfe wurden auch auf den Straßen und Plätzen ausgetragen. Fast jeden Tag gab es Tote und Verwundete.

An diesem Abend waren die Genossen aus der Versammlung in kleinen Trupps abgezogen.

Die Schießerei begann an der Fennstraße.

Über den ersten Schuß wurden leidenschaftlich erregte Zeitungsartikel geschrieben, aber sie machten ihn nicht ungeschehen. Und das Ergebnis der Schießerei waren zwei Verwundete gewesen: Eugen Bundschuh, Kommunist, Schuß in den rechten Unterschenkel, Paul Riedel, Hakenkreuzmann, glatter Durchschuß der linken Hand.

Die Parteien schleppten die Verwundeten fort, die Polizei kam zu spät und trat nur in das Blut auf den öligen Steinen. Und zwei Tage danach fanden sich Eugen Bundschuh und Paul Riedel im Krankenhaus. Sie lagen Bett neben Bett. Der Zufall hatte die Karten gemischt, das Schicksal spielte die Trümpfe aus.

In den ersten Tagen hatten Bundschuh und Riedel kein Wort miteinander gesprochen. Wenn sich ihre Blicke trafen, versteinerten die Gesichter. Der schmale Raum zwischen ihren Betten weitete sich zu einem Abgrund. Ja, einmal, aber wann war das gewesen? Einmal hatten sie zusammen einen leblosen Mann aus dem Feuer getragen, den Otto Müller. Sie hatten eine weinende Frau trösten müssen, die kleine Mucki. Und vorher wurden sie von einem lebendigen Mann geschützt, Kurt feuerte auf die Polizei, bis er selber getroffen wurde. Wann war das gewesen? Vor tausend Jahren? Und nun fiel noch ein Schatten in das Krankenzimmer, der Schatten von Erna.

Freunde kamen und besuchten die Verwundeten.

Thea Gärtner, schön und jung wie immer, war gekommen, und als sie Riedel erkannte, stand sie auf und ging mit feuerrotem Gesicht davon. Riedel blickte ihr nach. Sein Gesicht war kalkweiß. Und am nächsten Tage schon übersprang er den trennenden Graben und schob eine Zeitung auf Bundschuhs Bett.

»Das mußt du lesen«, sagte er, »da, auf der dritten Seite. Sie haben die kleine Erna gefunden.«

»Erna? Erna? Die Freundin von Kurt?«

»Ja.«

Bundschuh fand die Notiz unter den Lokalnachrichten. Sechs Zeilen. ›Aus dem Plötzensee wurde eine weibliche Leiche, die schon stark in Verwesung übergegangen war, gelandet und ins Schauhaus übergeführt. Die Tote wurde als die achtzehnjährige Verkäuferin Erna L. erkannt. Es handelt sich, wie einwandfrei feststeht, um Selbstmord. Motiv der Tat: unbekannt.‹

»Mensch, Paule, die Erna«, hatte er gesagt, »und wie geht es dir, alter Junge?«

»Ja, die Erna, Motiv unbekannt! Wir kennen das Motiv, Bundschuh. Hast du die Kleine mal gesehen?«

»Nein.«

»Aber ich! Sie war ein lustiges Ding, lachte gern und hielt das gute Kurtchen immer mächtig im Schwung. Und der ist nicht magerer geworden dabei... Und nun hat er keinen Schwung mehr notwendig, und nun hat sie auch keinen Schwung mehr notwendig.« Dann kam eine kleine Pause, die von den beiden Toten ausgefüllt wurde, von Kurt und von Erna. Riedel hob den Kopf und fragte: »Und du bist noch immer in der Partei?«

»Ja. Immer noch.«

»Wo ihr den Mut hernehmt, Leute, immer neue, hoffnungslose Läden aufzumachen, ist mir schleierhaft, Eugen.«

»Aber, ihr macht doch auch eure Läden auf. Und ihr schießt doch auch nicht mit Bonbons!«

»Wir schießen und bluten für unser Land, ihr aber schießt und blutet für ein andres Land, das ist der große Unterschied... Mensch, du bist doch nicht dumm wie der Otto Müller...«

»Otto Müller?«

»Na ja, laß man, Eugen, ich kenne Otto besser als du. Aber ich wollte sagen: begreife doch endlich den Unterschied! Du warst doch jetzt drüben... Erzähle, wie sieht es drüben aus? Aber erzähle keine Märchen, ich bin erwachsen, alter Weltreisender.«

»Ein andermal will ich dir erzählen. Habe jetzt keine Lust, Paule«, hatte Bundschuh geantwortet. Was sollte er berichten? Von den Bauern? Von den blinden Augen der blinden Göttin? Von Anna? Von seinem Verwandten Bundschuh? Von dem Schwein Willi? Von dem Neuen Plan?

Nein, an diesem Tage konnte er nichts erzählen.

Am nächsten Tage aber erzählte er und begann mit dem Budjonnimarsch und dem Gedicht von dem Schweizer Emigranten. Dann berichtete er von der Reise durch die Ukraine bis ans Schwarze Meer und erzählte zögernd von den blinden Augen der blinden Göttin Ware und ihren Priestern.

Die tausend Schlangen, die durch Moskau ringelten, ließ er lebendig werden, die hastende, übervölkerte Stadt mit den Bauerngassen, dem holprigen Pflaster, den vielen Kirchen und alten Bettlern malte er in das Krankenzimmer.

Die Twerskaja dröhnte vom Verkehr.

Der Rote Platz wölbte sich gewaltig hin zum Mausoleum Lenins an der Kremlmauer.

Die gigantische Kuppel der Erlöserkirchen schleuderte ihre goldnen Blitze.

Und dann brach die Liebe aus seinem Herzen.

Mit keinem Menschen hatte er in den letzten Wochen und Monaten über Anna sprechen können. Vor Thea war er stumm geblieben und Herfurt hätte nur gehöhnt und gespottet. Aber jetzt mußte er sprechen. Er erzählte von seinem Verwandten, dem Bauern Bundschuh, dem Riesen aus der Krim, und er, der elternlose Arbeiter, schwärmte plötzlich für den Bauern, für den Verwandten, für den Mann aus seinem Blute. Und dann begann er leise und verschämt von Anna zu erzählen, von den zwei Begegnungen in Perlowka, von der stummen und der beredten.

Er erzählte von ihrer süßen Stimme und den blauen Augen, von dem noch schlafenden Mund und der heiteren Stirn, von dem willensstarken, rundgemeißelten Kinn und der Seligkeit in ihrer Nähe. Von dem tragischen Ende der Freundschaft erzählte er nichts, auch nichts von dem feigen Hund, dem Willi, der die Kellerstraße verraten hatte und nur auf dem Papier für die dummen Arbeiter erschossen war.

Viele Gespräche wurden geführt, politische Gespräche, Freundschaftsgespräche. Riedel begann mit der Geschichte seiner Wandlung vom Kundschafter zum Anhänger, vom Feind zum Freund. Und einmal war auch Mucki Müller im Krankenhaus erschienen. Während der ganzen Besuchszeit drehte sie Riedel den Rücken zu und betonte damit ihre Verachtung.

Gestern hatte Thea Gärtner Blumen gebracht, für Riedel und für Bundschuh.

Und gestern war Riedel rot geworden und Thea weiß. Und jetzt gingen die Freunde, ihr Blut lag in einer Pfütze auf der Fennstraße, jetzt an diesem noch warmen Oktobertag gingen sie im Garten des Krankenhauses spazieren und warteten auf die Besuche. In den nächsten Tagen sollten sie entlassen werden.

»Und du hast noch keine Nachricht von deinem Verwandten aus Perlowka bekommen?« fragte Riedel und nahm das Gespräch wieder auf, »er kennt doch deine Adresse?«

»Nein, ich habe noch keinen Brief bekommen. Aber von den Bauern habe ich Nachricht. Sie liegen immer noch rings um Moskau und warten auf die Pässe. Sie wollen nicht in die Dörfer zurück. Sie wollen fort.«

»Siehst du«, sagte Riedel, »das ist der Anfang vom Ende.«

»Unsinn, du kennst die Russen nicht. Sie haben jahrhundertelang den Zarismus ertragen...«

»Jetzt habe ich dich«, lachte Riedel, »sie werden also auch jahrhundertelang den roten Zarismus ertragen, wolltest du doch sagen.«

»Blödsinn, ich wollte was ganz andres sagen, alter Knabe. Aber brechen wir lieber das Gespräch ab. Wir können uns doch nicht verständigen. Jetzt ist es drei Uhr. Und dort kommt Thea... Guten Tag, Thea, ich lasse dich mit Paule allein, ich erwarte Herfurt«, sagte Bundschuh, gab der jungen Frau die Hand, nickte Riedel zu und lahmte davon.

Thea stand eine kleine Weile ängstlich vor dem Mann mit dem Arm in der Binde. Endlich fragte sie leise:

»Wie geht es heute, Paule?«

»Danke, ganz gut, Thea, ganz gut, wir werden in den nächsten Tagen entlassen.«

»Und dann, Paul Riedel?«

»Immer dasselbe, Thea Gärtner!«

»Komische Männer«, klagte die Frau, »wenn ihr euch in eine Sache verbissen habt, haltet ihr sie mit Klauen und Zähnen fest, laßt euch kaputtschießen, und dann müssen wir armen Weiber kommen und euch trösten... Warum sind Sie, Paule, von der KPD gegangen, wenn es in der NSDAP auch so heftig zugeht? Wo liegt der Unterschied?«

»Den Unterschied habe ich Eugen schon mehr als einmal auseinandergesetzt. Er soll es Ihnen erklären, Thea. Ich bin von der KPD gegangen, weil sie zu verlogen ist. Als Spitzel habt ihr mich benutzen wollen...«

»Als Kundschafter!«

»Als Spitzel für eine fremde Sache. Der Herr Uralski hat es befohlen, ich weiß alles! Wer ist denn Herr Uralski? Was hat der Mann mit Deutschland zu tun? Wir sind doch keine Kolonie! Und ich entsinne mich, Thea, vieler Gespräche: russische Fremdenlegion zum Beispiel, habe ich von Ihnen zum ersten Male gehört. Und nun waren Sie drüben und haben auch die deutschen Bauern besucht und Eugens Verwandten kennengelernt. Der wird wohl berichtet haben, wie es in Wirklichkeit da drüben aussieht.«

Thea stutzte. Bundschuh hatte einen Verwandten unter den flüchtenden Bauern? Davon hatte er nichts gesagt. Er hatte überhaupt wenig von den Tagen erzählt, die er noch drüben gewesen war. Auch geschrieben hatte er nicht. Was für einen Verwandten gab es in Moskau?

»Nein«, sagte sie, »die Bauern habe ich leider nicht besucht. Und von Bundschuhs Verwandten weiß ich nichts. Was ist das für ein Mann?«

»Ein Bauer aus der Krim. Und ich kann mir schon denken, warum Eugen noch in der Partei ist«, sagte Riedel, »er will einfach das Mädchen sehen, wenn die Bauern herüberkommen. Mir kann er doch nichts vormachen, der Bundschuh, mir nicht!«

»Was ist das wieder für eine Geschichte? Ein Mädchen?« fragte Thea und bekam erschrockne Äugen.

Riedel verwünschte seinen Verrat, wurde rot und stotterte:

»Ach, so ein kleines Ding, die Tochter von seinem Verwandten, natürlich, Jakobine heißt sie und zehn Jahre ist sie alt, Thea. Und er hat ihr versprochen, sie zu besuchen, wenn sie nach Deutschland kommen. Es ist nicht wichtig, nein. Und da hat er wohl vergessen, der Eugen, davon zu erzählen. Er ist überhaupt ein vergeßlicher Bursche. Bestimmt.«

»Wahrscheinlich, Paul«, antwortete Thea und erinnerte sich ganz genau und sehr schmerzlich der Stunde, als sie mit Eugen auf dem Balkon im Hotel ›Lux‹ stand und sagte, in Moskau könne man sehr schnell Mann und Frau werden. Und da war er in das Zimmer gegangen, und hatte sie allein gelassen. Und als sie ihm folgte, war er verschwunden. So, so, Jakobine hieß sie, und er kannte sie schon, als sie mit ihm sprach. Und er hatte nichts erzählt. So sind die Männer. Riedel, der treue Bursche! Zehn Jahre alt sollte Jakobine sein? Zwanzig Jahre alt war sie, sicherlich blond und blauäugig, auf solche Geschöpfe fallen die Männer immer rein. Schade um Eugen... Sie warf einen Blick auf Riedel. Er schlug die Augen nieder. Thea straffte sich. Er hatte sich auf sie berufen: russische Fremdenlegion!

»Paule«, sagte sie leise und zärtlich, »Paule, wir müssen uns einmal gründlich aussprechen. So geht das nicht mehr weiter. Wir sind doch erwachsene Menschen, nicht wahr, und die Geschichte mit der Partei, wer hat mich denn in diese Partei geschoben? Sie waren es, lieber Freund, als mein Mann erschossen war, da kamen Sie mit dem Kurt und haben mich überzeugt. Und dann habe ich den Hans Herfurt kennengelernt, den Uralski, den Willi und den Emil ... Ga, ich bin noch dabei und ich bleibe wohl auch dabei. Als barmherzige Schwester sozusagen. Für die Flüchtlinge steht mein Zimmer immer noch zur Verfügung. Und was hättet ihr gemacht, damals, als der Müller angeschossen wurde, wenn die Tante Thea nicht dagewesen wäre?«

Tante Thea! Riedel lächelte und hob den Kopf.

»Um Politik habe ich mich wenig gekümmert, das sind Männersachen, das weiß ich wohl, wir Frauen haben andre Aufgaben«, fuhr Thea fort, »Helfen wollte ich, und ich habe auch geholfen. Und das mit der«, ihre Stimme wurde leiser, »das mit der Fremdenlegion habe ich gesagt, und es stimmt, das weiß ich ganz alleine, Paule. Ich war ja selber drüben. Und ich möchte auch lieber bei uns leben als dort.«

»Und was sagt Herfurt dazu, Thea Gärtner?«

»Ich habe Herfurt schon einen ganzen Monat nicht mehr gesehen. Was er mit den Bauern vorhat, gefällt mir nicht«, antwortete die junge Frau, »ich habe«, sie senkte den Kopf, »ich habe mit Herfurt nichts gehabt. Für seinen Harem war ich mir immer zu schade, Paule.«

»Das weiß ich, ich habe nie geglaubt, daß du ...« sagte Riedel und errötete.

»Willst du mich«, Thea hob das Gesicht und ließ die grünen Augen leuchten, »willst du mich besuchen, wenn du aus dem Krankenhaus kommst?«

Sie schämte sich ihrer Werbung und war glücklich über das Du. Eine Welle von Zärtlichkeit erfüllte sie und nahm den letzten bitteren Rest mit, der in ihrem Herzen geblieben war, als Paul von Eugen und dem Mädchen sprach. Und jetzt erinnerte sie sich der stockenden Gespräche mit Paul Riedel, sie erinnerte sich seiner ungeschickten Hände, die er immer versteckte. Jetzt konnte er wenigstens eine Hand nicht mehr verstecken. Die lag gefangen in der Schlinge. Warum war Thea in der Partei? Weil sie vor Einsamkeit umkam! Weil sie nun Männer sah und kennenlernte, die mit sich und derzeit etwas anfingen, Männer, die entschlossen die Zeit umstülpten, sie umformten, ihr Ziel gaben und neue Ausblicke, Männer, die zu ihr Genossin sagten und Thea und nicht immer sieben Jahre hindurch Mausi!

Und Eugen?

Sie hatte Eugen geliebt und auf ihn gewartet. Sie glaubte oft, er würde die drei Jahre Altersunterschied überspringen, sie in seine Arme reißen und fragen: »Liebst du mich, Thea?« Aber nein, er hatte sie nicht in seine Arme gerissen, er hatte niemals in ihren grünen Augen gelesen, und zuletzt in Moskau war er von ihr gegangen, verschmäht, einfach verschmäht! Sie lächelte schmerzlich. Eine Jakobine hatte über eine Thea gesiegt. Gut, sollte er mit ihr glücklich werden! Aber jetzt ging es um ihr eigenes Glück.

Paul war siebenundzwanzig Jahre alt, genau so alt wie sie.

Er war arbeitslos?

Herrgott, sie besaß etwas Geld, nicht viel, aber für die erste Zeit langte es. Er sollte auch nicht auf ihrer Tasche liegen, wo ganz anders sollte er liegen, der große, dumme, liebe Junge! Und er war nicht in der Partei? Für sie vereinfachte sich die Welt: es gab jetzt und endlich nur noch die Parteien der Liebenden und der Geliebten.

Paul stand auf der andern Seite der Barrikade?

Wo du hingehst, da will ich auch hingehen. Dein Vaterland ist mein Vaterland. Amen.

Riedel ging weiter und sagte leise:

»Ja, Thea, ich will dich besuchen, wenn ich endlich entlassen werde.«

»Und hast du manchmal auch an mich gedacht, Paule?« schmeichelte ihre Stimme. Ein kleiner, rotbäckiger Engel saß in ihrem Herzen und musizierte. Ach, daß sie diese Musik noch einmal hören durfte! Frieden, Frieden und Wohltat, Segen und Heimat war diese Musik, Bindung und Freispruch, Himmel auf Erden. Sie ging wie in Flammen neben Paul. Halte er manchmal an sie gedacht? Aber das war jetzt gar nicht mehr so wichtig.

Riedel nickte und ließ die weizengelben Haare fliegen. Ja, er hatte manchmal an Thea gedacht, bei den Aufmärschen, bei den Versammlungen und in den Schießereien. Er hatte an sie gedacht wie ein Matrose an das feste Land denkt, wenn der Sturm das weite Meer aufwühlt und die Schiffe hin und her schleudert. Und manchmal hatte er auch an Erna gedacht, an Thea und Erna, an eine Tote und an eine Lebendige.

»Kommst du gern?« hörte er die Frau neben sich sprechen.

Er antwortete nicht.

Ja, er kam gern, aber jetzt war Sturmzeit. Der Sturm donnerte in den Städten und pfiff und jaulte um die Dörfer. Sturm war in den Menschen, und Sturm war auch zwischen den Menschen. Er fühlte und hörte sein Sausen. Sturm! Wie im Sturm ging er durch den Garten. Thea folgte ihm nach und lächelte. Dann schob sie ganz langsam ihre Hand unter seinen Arm.

»Liebst du mich, Paule?«

Uralter Ruf des Einsamen, der sich im geliebten Echo verdoppeln will!

Riedel nickte.

Von den Bäumen fielen die Blätter.

In derselben Stunde, als Thea und Paul durch den herbstlichen Garten gingen, waren in Moskau Jakob Bundschuh, der Hufschmied Karsten und der ehemalige Gemeindeschreiber von Marienthal auf dem Wege zur deutschen Botschaft. Sie hatten immer noch keine Pässe bekommen und wollten nun bei dem deutschen Botschafter ihr Leid klagen. In den Sommerdörfern wurden ab und zu schon Bauern verhaftet und mit ihren Familien zurückgeschickt. Als Abgesandte der Bauern von Perlowka wollten sie mit dem Botschafter sprechen. Deutschland sollte und mußte helfen. Deutsche waren sie doch, Deutsche, trotz der russischen Staatsangehörigkeit.

Unterwegs wurden sie verhaftet.

»Kommt mal mit, Bauern, ich bin von der GPU«, sagte drei Schritte von der Botschaft ein Geheimagent zu ihnen, »kommt mal mit, Deutsche.«

»Wohin?« fragte Karsten.

»Das werdet ihr bald sehen«, kam die Antwort.

Sie gingen mit, schweigend und voller Befürchtungen. Unter den Pelzen trugen sie die Papiere, die Listen und Eingaben ihrer Freunde. Sie wußten, daß die Russen nach den Köpfen der Bewegung suchten. Wenn man bei ihnen die Papiere fand, waren sie geliefert.

Der Gemeindeschreiber wußte Rat.

»Erlaubt, daß wir austreten«, sagte er zu dem Geheimagenten, »ihr habt uns ja, und wir wollen nicht fliehen.«

»Gut«, antwortete der Russe, »gehen wir.«

Sie stiegen die Treppe zu einer Teestube hinunter, bestellten Tee und Zigaretten. Sie nahmen Platz, schwätzten mit dem Agenten und verschwanden dann, einer nach dem andern, auf der Toilette. Und dort vernichteten sie die Papiere, zerrissen die Listen, zerfetzten die Eingaben und spülten die Fetzen hinunter. Und der Agent, Enkel eines Bauern, saß vorn am schmutzigen Tisch, trank Tee, rauchte die Zigaretten und wollte von nichts wissen. Er blinzelte den Bauern entgegen und sagte:

»Setzt euch noch eine kleine Weile, Bauern, und ruht euch aus. Ihr habt einen schweren Gang vor euch.«

Sie setzten sich und schlürften den heißen Tee.

»Wo kommt ihr her?« fragte der Agent.

»Aus Sibirien komme ich« sagte Karsten.

»Aus der Krim komme ich. Früher waren wir im Kaukasus ansässig, bis uns die Bergvölker vertrieben«, sagte Bundschuh.

»Ich komme aus der Krim. Früher war ich in der Ukraine. Geboren bin ich an der Wolga«, sagte der Gemeindeschreiber.

»Rußland ist groß«, seufzte der Agent, »hat es keinen Platz mehr für euch, Bauern?«

»Nein, es hat keinen Platz mehr«, antwortete Karsten.

»Schwere Zeiten«, sagte der Russe.

»Schwere Zeiten«, wiederholten die Deutschen.

»Kommt und macht euch auf die Füße, sie warten schon auf euch,« sagte der Russe und stand auf.

Sie verließen die Teestube und gingen weiter.

Der erste Schnee war schon gefallen und in den Regenpfützen ertrunken, aber der zweite Schnee hing in dicken Wolken über der Stadt und fiel und fiel. Bald mußten die Pfützen im Schnee ertrinken und erstarren. Der große Sturm in den Wäldern des Nordens lauerte schon und schickte manchmal seine heulenden Kundschafter nach Moskau. Bald mußte er selbst aufbrechen, das Maul voller Eis, und hinter sich den frostklirrenden Mantel des Winters.

Die Bauern stampften schweigend durch die Pfützen und den fallenden Schnee.

Bis zur GPU waren es nur noch zehn Minuten Weg.

Dort übergab der Russe die Verhafteten.

Das große Tor schloß sich hinter ihnen und riegelte den Schnee, das Wasser und den ersten Anhauch des Winters ab. Auf den breiten Gängen und in den großen Zimmern mit den verschraubten und verkitteten Fenstern war viel Betrieb. Die Aktion gegen die Bauern hatte eingesetzt. Dunstende Wärme schlug ihnen entgegen.

»Morgen werdet ihr vernommen«, erklärte den Bauern ein Kommissar, »Sascha«, befahl er einem jungen Mann in schwarzer Lederjacke, »bringe die Bauern in den Salon.«

In den Salon!

Der Tschekist Sascha grinste und brachte sie über viele Gänge und Treppen nach dem Keller in den Salon und ließ sie allein. Der Salon war eine große Zelle, ein Brutofen ohne Fenster und Lüftung. Von der Decke brannte, flammte, gleißte eine vielhundertkerzige elektrische Lampe. Die kahlen Wände der Zelle flimmerten vor Hitze. Der Fußboden strömte Wärme aus. Die Luft war trocken und bedrückend.

Gegen den Schnee des späten Oktobertages und die Windstöße in der Stadt schien den Bauern diese Zelle voll tropischer Hitze zu sein. Sie war wie das Vorzimmer zu einem Fegefeuer. Die heiße Luft benahm den Verhafteten den Atem. Der Tschekist Sascha war schon lange wieder verschwunden, und sie standen im grellen Licht, in dieser irrsinnigen Klarheit, inmitten eines flammenden Kristalls. Bald brach der Schweiß aus den Poren, lief über die Gesichter, strömte über die Leiber und badete und duschte mit bitterem Wasser die Bauern.

»Ein Schwitzkasten«, sagte der Gemeindeschreiber und zog den schweren Mantel aus.

»Sie haben uns in einen Feuerofen gesperrt, Brüder«, antwortete Bundschuh, »sollen wir hier umkommen?«

»Sie wollen uns einheizen«, lachte der Hufschmied, »aber wir können Feuer vertragen. Sie haben uns ja in den vielen Jahren mit Feuer getauft!« Dann legte auch er den Pelz ab.

Der Schreiber und der Bauer hatten die wattierten Jacken aufzogen, und nun legten sie auch die Hemden ab. Ihre nackten Leiber glänzten. Sie zogen die Stiefel aus, und bald standen sie ganz entkleidet da. Und jetzt legte auch der Hufschmied die Kleider ab. Drei Menschen, ein Bauer, ein Schreiber und ein Hufschmied standen nackt und schweißüberströmt in der kahlen Zelle, über sich wahnsinniges Licht, unter sich den heißen Fußboden, um sich die warmen Wände.

»Wir werden nichts sagen, wenn sie uns vernehmen, Männer«, begann der Schreiber, »Wir werden stumm sein wie die Fische. Im Wasser«, er lachte, »Im Wasser schwimmen wir ja schon.«

»Kein Wort«, sagte Bundschuh, »stumm sein ist hier besser als reden. Und wir fahren nicht in die Dörfer zurück.«

»Aber ich werde reden, wenn sie mich fragen, Freunde«, erklärte der Schmied, »ich habe vieles wieder gutzumachen. Ja, ich werde reden, wenn sie mich fragen.«

»Wollt ihr von den Listen und Eingaben sprechen?« entsetzte sich der Schreiber.

»Narr, kein Wort davon werde ich sagen, wir sind keine Verräter«, entgegnete der Schmied, »soll ich wieder schlecht machen, was wir gut gemacht haben? Soll ich vielleicht«, er lachte, »die Papierchen wieder ausspucken, die wir in der Teestube hinuntergespült haben? Ich bin doch kein Narr!«

»Männer, kommt und stellt euch auf die Bretter«, sagte Bundschuh. »Kommt, stützen wir uns. Sie haben uns in diesen Feuerofen hineingestellt, um uns gar zu kochen und weich zu machen. Wir müssen unsre Kräfte beisammen haben, wenn sie uns morgen vernehmen. Hufschmied«, wandte er sich an Karsten, »hast du dir genau überlegt, was du sagen willst?«

»Ja«, antwortete Karsten.

»Gott sei dir gnädig«, flüsterte der Schreiber.

Und nun standen sie auf den Brettern und stützten sich. Auf dem nackten Boden konnten sie nicht stehen. Dort war es zu heiß. Der Bauer, der Hufschmied und der Schreiber, drei nackte Menschen im Hohlraum einer flammenden Zelle, stützten und hielten sich gegenseitig. Die Hitze benahm ihnen den Atem. Aber sie blieben mutig, drei Posten im Feuer, drei Posten ihrer Brüder, Frauen und Kinder in der russischen kalten Oktobernacht.

Abwechselnd schliefen sie. Jeder schlief zwei Stunden, zuerst der Schreiber, dann der Bauer und zuletzt der Schmied, der die Hitze besser ertragen konnte. Endlos und schrecklich war diese Nacht. Am frühen Morgen kam Sascha und holte sie zum Verhör. Sie warfen die Kleider über und folgten ihm. Der Hufschmied wurde zuerst vernommen.

Der Untersuchungsrichter war vierzig Jahre alt, Sohn eines Bauern vom Asowschen Meere. Er kannte die Erde und ihre Gesetze. Er kannte auch die deutschen Bauern bei Cherson. Aber jetzt hatte er einen Auftrag zu erfüllen. Hier war der Neue Plan und dort die Rebellion gegen diesen Plan. Und zwischen Gefühl und Verstand hin- und hergerissen, wußte er nicht, wie er den Schmied fassen und packen sollte. Er war weich und brutal in seiner Vernehmung.

»Setze dich«, sagte er, »und antworte aufrichtig auf meine Fragen. Mein Amt ist, die Wahrheit zu erforschen. Also: warum wollt ihr auswandern?«

»Ich kann nur von mir erzählen«, antwortete Karsten. »Aus drei Gründen will ich fort. Erstens: das Kollektiv, zweitens: die Religion und drittens: meine Kinder. Über Kollektivs ist schon soviel geklagt und geschrieben worden, erlaßt mir meine Klage darüber. Aber über die Religion erlaubt mir bitte ein Wort.«

»Ist erlaubt.«

»Danke. Ich glaube an Gott, und fromme Bauern nehmt ihr in den Kollektivs nicht auf. Ihr habt Gott und Schnaps auf eine Stufe gestellt. Überall im Lande kann man lesen: ›Schützt die Kinder vor dem Opium der Religion‹, und: ›Religion und Alkohol sind die Feinde des Volkes‹. In einem Lande, das solche Gesetze aufstellt, kann ich nicht mehr leben. Die Maschinen und die Getreidefabriken betet ihr an, Gott wollt ihr abschaffen.«

»Lassen wir alle Metaphysik beiseite«, antwortete der Untersuchungsrichter und runzelte die Stirn, »der Stand der Wissenschaften und ihre Erkenntnisse und Forschungen ... Unsinn«, unterbrach er sich selber, »erzähle lieber, wer die Auswanderung organisiert hat! Das wollen wir wissen. Wer sind die Köpfe, wer sind die Führer?«

»Wir haben keine Führer, ihr habt die Auswanderung organisiert. Sechzig Familien habt ihr die Pässe gegeben, die habt ihr herausgelassen, und das hat sich mit Windeseile in den deutschen Dörfern verbreitet. Und als dann die vielen Ungerechtigkeiten gegen uns einsetzten, wurden wir einig, nach Moskau zu fahren und um die Pässe zu bitten«, antwortete der Hufschmied Karsten.

Der Richter wechselte nach der andern Seite und fragte:

»Und wie gefällt dir, Hufschmied, unsre Regierung? Welche Regierung ist dir lieber, die zaristische oder die unsre?«

Der Hufschmied sah die Falle und antwortete unschuldig:

»Parteilos bin ich, und uns Deutschen ist es gleich, was für eine Regierung an der Macht ist. Wir erfüllen die Gesetze. Wir sind Bauern. Aber ohne Religion können wir nicht leben.«

»Gut, das kann ich verstehen. Aber nun sage mir, wer dich hier in der Stadt empfangen hat, als du aus Sibirien kamst?«

»Niemand.«

»Niemand? Wie wußtest du dann, daß du nach Perlowka mußtest?« fragte der Richter.

»Das wissen doch alle Gepäckträger an den Bahnhöfen. Sie alle wissen, wo die deutschen Bauern wohnen.«

»Und wer hat dich in die Auswandrerliste geschrieben? Und wo bist du eingeschrieben worden?«

Wie dumm und ungeschickt der Richter fragt, denkt Karsten und hat sich schon beim ersten Satz die Antwort zurechtgelegt. Nein, er wird nichts von der Organisation der Auswandrung sagen. Er antwortet:

»Das weiß ich nicht, wer mich in die Auswandrungsliste eingeschrieben hat. Ich habe mich einmal selbst in Kuskowo eingeschrieben.«

Der Richter schüttelt den Kopf und fragt:

»Und was wolltet ihr auf der deutschen Botschaft?« »Nichts wollten wir auf der deutschen Botschaft. Ich bin mit meinen Freunden spazieren gegangen.«

»Du lügst, Wurstfresser«, schreit der Richter und schlägt zornig mit der Faust auf den Tisch, »Du lügst! Sage die Wahrheit, oder wir bringen dich wieder in den Salon.«

Karsten überlegte blitzschnell. Er stand als Horchposten im feindlichen Lager. Er hatte gehört und gesehen, daß die Russen noch im Dunklen tappten und von der Organisation nichts wußten. Es war Krieg, und im Krieg sind alle Mittel erlaubt. Er machte ein einfältiges Gesicht und erklärte:

»Gut, ich will alles sagen. Ich kenne die Leute nicht, die hier zusammenströmen, aber ich habe gehört, daß man sich in eine Liste einschreiben kann. Ich habe mich darum gekümmert und bin nach Kuskowo gegangen. Auf der Straße standen Männer, und auf meine Frage sagten sie, dort in jener Straße wird irgendwo eine Liste ausgestellt. Ich ging hin und fand das Haus. Hier waren wieder Männer zusammen. Auf dem Tisch lagen zwei Bogen Papier. Ich las sie. Ein Papier war eine Bittschrift an den Genossen Kalinin und das andre eine Familienliste. Ich habe mich in Listen eingezeichnet. In welcher Straße das war und in welchem Haus, weiß ich nicht mehr.«

Er hatte das alles ruhig und bedachtsam erzählt.

Der Richter überlegte und sagte:

»Schön, das kann stimmen ... Aber ihr wollt doch nach Kanada?«

»Ja, dort habe ich Verwandte.«

»Gut, aber wir haben die Nachricht bekommen, daß euch Kanada nicht haben will! Also müßt ihr hierbleiben. Gib du mir die Unterschrift, daß du in dein Dorf zurückfahren willst, und ich lasse dich frei. Und wenn du alles verkauft hast, nun, wir machen den Verkauf rückgängig. Das Pferdchen, die Kuh, die Wagen und alles, was du verkauft hast, müssen dir die Käufer wiedergeben. Alles, alles bekommst du wieder.«

»Ich will nichts wiederhaben«, erklärte Karsten, »überlegen Sie doch, was für einen Haß ihr in den Dörfern erregt, wenn wir wiederkommen und alles zurückerhalten sollen! Kennen Sie die Erde? Kennen Sie die Bauern? Nach dem Leben würden Sie uns trachten, wenn wir kämen und sagten: ›Nun, Onkelchen, rückt mal alles wieder raus!‹ Das ist unmöglich!«

Der Richter kannte die Erde und die Bauern. Er wußte, daß der Hufschmied im Recht war. Recht oder Unrecht, darum ging es jetzt gar nicht. Er sah den Deutschen starr an und sagte:

»Unmöglich? Das Wort haben wir aus unsrem Wörterbuche gestrichen! Ich kann mich nicht mehr solange mit dir aufhalten. Unterschreibst du oder unterschreibst du nicht? Wir können euch unmöglich den Winter über hierbehalten, weil ihr vielleicht im Frühling fahren dürft. Für euch ist hier keine Arbeit da und kein Brot. Unterschreibe also.«

»Ich kann nicht unterschreiben« antwortete Karsten.

»Nun, Eisenkopf«, sagte der Richter und beugte sich vor, »dann unterschreibe, daß du dich geweigert hast, freiwillig in dein Dorf zu fahren, trotzdem ich dir erklärt habe, daß niemand über die Grenze darf. Vielleicht wird man dich später dafür büßen lassen. Ich kann dir dann nicht helfen.«

»Das unterschreibe ich gern«, antwortete Karsten und unterschrieb endlich.

Er hatte sich als Opfer angeboten.

Der Richter lehnte das Opfer ab.

Der Hufschmied konnte den Richter nicht begreifen. Er kannte aus den Erzählungen andrer Bauern die Vernehmungen und die Drohungen. Er wußte, daß nicht immer so viel und ausführlich gefragt wurde. Unterschreibe oder unterschreibst du nicht? Und wer nicht unterschrieb, wurde in die Gefängnisse geworfen, von der Familie getrennt, nach Sibirien geschickt oder nach den Eismeerinseln verbannt. In der heißen Zelle, die sie höhnisch ›Salon‹ nannten, hatte er an Sibirien und an die Solowetzkiinseln gedacht. Aber er brauchte nicht nach den Inseln. Der Moskauer Oktoberwind durfte sich bemühen, die heiße Nacht im Keller zu vergessen.

Er stand auf, verbeugte sich tief vor dem Richter und ging. Im Flur traf er Bundschuh und den Gemeindeschreiber, die auf das Verhör warteten. Er lachte ihnen zu und sagte:

»In Perlowka sehen wir uns wieder.«

Der Bauer und der Schreiber wußten, daß der Richter kein Untier war. Und am Abend trafen die drei Männer wieder in Perlowka ein. Auch Bundschuh und der Schreiber hatten die Unterschrift wegen der Heimreise in die Dörfer verweigert, aber die andre Unterschrift gern gegeben. Die Nachricht von ihrer Verhaftung hatte sich in dem Dorfe schon verbreitet, und als sie heimkamen, wurden sie als Helden gefeiert.

»Jaschka, daß du da bist!« sagte Sophie, »das Herz im Leibe ist mir beinahe zersprungen!«

»Wir haben für dich gebetet, Jakob«, sagte Anna. »Wie steht es in Moskau? Werden wir bald fahren können?«

»Sie werden uns fahren lassen müssen. Sie können nicht zwanzigtausend Menschen zurückschicken«, antwortete Bundschuh. »Sie sind schwächer als wir. Wären sie stärker, hätten sie uns dabehalten. Aber ihre Gefängnisse sind jetzt schon überfüllt. Wir können jeden Tag fahren und haben beschlossen, Stafetten einzurichten bis nach Moskau, damit wir, wenn die Erlaubnis kommt, schnell fahren, ehe sie sichs wieder anders überlegen. Unsre Jünglinge werden in den Kurierdienst nach der Stadt eingereiht.«

»Und unsre Listen, Jaschka?« fragte Sophie.

»Die haben wir vernichten können. Morgen werden neue angefertigt und in die Stadt gebracht.«

»Ich werde sie in die Stadt bringen. Sie werden sich nicht an einem Mädchen vergreifen«, sagte Anna.

»Karsten hat es übernommen, liebe Annuschka«, antwortete der Bauer. »Und jetzt will ich an unsren Verwandten nach Berlin schreiben. Ich habe es ihm versprochen. Soll ich einen Gruß von dir schreiben, Anna?«

»Von mir? Nein«, sagte sie und errötete, »einmal nur habe ich mit ihm gesprochen. Was soll er von mir denken?«

»Du hättest viele Male mit ihm sprechen können, gefällt er dir nicht? Aber du hast dich versteckt, wenn er kam«, lächelte Bundschuh und dachte an die drei Fragen seines Verwandten nach Anna und an die zehn Besuche.

Anna drehte sich um und ging. Warum hatte Eugen nur dreimal nach ihr gefragt? Sie sah ihn vor sich stehen, sie fühlte seine Wärme und Freundschaft, sie hörte seine gute klare Stimme, aber dann war der Russe gekommen, der Freund und Genosse von Eugen. Warum hatte er sie belogen? Und vielleicht war er unschuldig und wollte bei seinen Besuchen alles erklären! Und sie hatte ihn nicht mehr sprechen wollen!

Bundschuh saß am Tisch, das kleine Mädelchen juchzte, Sophie strickte, und schrieb den ersten Brief an seinen Verwandten nach Berlin. Schwer fiel ihm das Schreiben. Die hornharten Finger konnten viel besser Pflug und Sense halten als den schwachen Federhalter. Und reden konnte er viel besser als schreiben. Beinahe eine ganze Stunde saß er an dem Brief. Und dann kam Anna und sagte zögernd:

»Vielleicht schreibst du doch einen Gruß von mir, Jaschka, vielleicht erinnert er sich noch meiner.«

»Schreibe selber«, sagte der Bauer und schob ihr den Brief über den Tisch. Anna setzte sich hin, ihr Herz pochte unruhig, und sie schrieb ihren ersten Gruß an Eugen Bundschuh nach Berlin. Diesen Gruß und Brief bekam er an demselben Tage, als er aus dem Krankenhaus entlassen wurde.

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