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Das unsterbliche Volk

Max Barthel: Das unsterbliche Volk - Kapitel 10
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typefiction
authorMax Barthel
titleDas unsterbliche Volk
publisherBüchergilde Gutenberg
year1933
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Neuntes Kapitel

Weizen, wir brauchen noch mehr Weizen«, erklärte Pjotr Iwanowitsch Kusminoff, der junge Kommissar aus Simferopel dem verängstigten Dorfschreiber von Marienthal, »und du kennst sie doch, die Bauern, und weißt, ob sie alles abgeliefert und was sie an Korn und Mehl versteckt haben.«

»Ja, ich kenne sie, die Bauern, aber die Ernte war schwach, und sie haben wohl alles abgeliefert. Von verstecktem Korn und Mehl weiß ich nichts«, antwortete der Schreiber.

»Gut war die Ernte in der Krim, das wissen wir wohl in der Stadt. Verteidige du nicht die Kulaken und Dorfwucherer«, sagte der Mann in der schwarzen Lederjacke streng und runzelte die Knabenstirn. »Du bist doch Dorfarmer, ein Proletarier, und wir geben dir fünf Pud vom besten Mehl, wenn du uns sagst, wo sie Korn und Mehl versteckt haben.«

»Ich weiß es nicht.«

»Bist du ein Freund der Liedersinger und Wurstfresser? Bist du ein Freund des Neuen Plans? Wir haben sie schon gekitzelt in deinem Dorfe, die Betbrüder, aber wir wollen sie noch mehr kitzeln, daß ihnen das Lachen vergeht! Das letzte Korn müssen sie spucken, die Saboteure ... Sage mir, wo hat dein Nachbar Mehl und Korn versteckt?«

»Ich weiß es nicht. Und ihr habt ihm doch schon die Mühle genommen, ihr habt seinen Schwiegervater stimmlos gemacht und seine Verwandte vom Seminar geschickt ... Und er hat doch alle Steuern gezahlt und Anleihen gezeichnet, er ist kein Saboteur, Genosse Kommissar! Ich glaube nicht, daß der Genosse Bundschuh Mehl und Korn verheimlicht.«

»Der Bürger Bundschuh, Schreiber! Wer sich gegen den Neuen Plan stellt und den Eintritt in das Kollektiv verweigert, ist kein Genosse ... Warum sprichst du für ihn? Er hat Pferde im Stall und Vieh auf der Weide, du bist arm, ein Pferdchen hast du und mußt dich abquälen ohne Wagen! Wir wollen dir einen Wagen verschaffen, wenn du sagst, was du weißt ... Selber haben wir schon bei ihm nach Mehl und Korn gegraben, gefunden haben wir nichts. Er will nichts wissen von uns, und wir wollen nichts mehr wissen von ihm! Stimmt es, daß wir zu weit rechts im Garten gegraben haben?«

»Das weiß ich nicht, Genosse Kommissar. Warum grabt ihr nicht den Garten und den Hof noch einmal um?«

»Wir haben zu wenig Zeit, und der Rayon ist groß. Aber du, Onkelchen, kannst graben. Warte, ich werde dir ein Mandat geben... Morgen wird bei euch die Ernte abgefahren, und wir wollen auch das versteckte Korn und Mehl haben. Wir müssen es haben, um den Plan zu erfüllen ... Grabe im Hof, Garten und Stall, und wenn du etwas findest, bekommst du von der Genossenschaft ohne Anzahlung einen Wagen auf zehn Jahre und noch extra eine Prämie.«

»Aber ich weiß doch nicht, ob er was vergraben hat!«

»Gerade deshalb sollst du suchen und graben«, befahl der Kommissar, schrieb das Mandat aus und übergab es dem Schreiber. Nach diesem Mandat war der Überbringer berechtigt und verpflichtet, im Haus, Stall, Hof und Garten des Bauern Jakob Bundschuh in Marienthal bei Simferopel nach verstecktem Korn und Mehl zu suchen.

Der Kommissar fuhr wieder nach der Stadt, und der Gemeindeschreiber ging langsam und schwerfällig zu seinem Nachbar Bundschuh. Der stand aus dem Hof und starrte in das heiße Licht. In den letzten Wochen hatte er schwere Dinge erlebt. Strafen, Anleihen, Steuern holten das letzte Geld, das letzte Korn aus dem Hof. Anna wohnte wieder hier, seit sie vom Seminar vertrieben war. Sophie ging mit verweinten Augen umher und trauerte um ihren Vater. In Marienthal waren schon viele Bauern verhaftet worden. Auch Bundschuh wartete jede Stunde auf einen Haftbefehl. Gestern hatten Agenten der politischen Polizei sein Haus durchsucht, im Stall und Garten gegraben und mit gierigen Augen die Möbel, Geräte und Tiere abgeschätzt. Dann waren sie mit Pjotr Iwanowitsch Kusminoff, dem jungen Kommissar, drohend abgezogen.

»Was willst du, Gemeindeschreiber?« fragte der Bauer, als der Schatten des Schreibers in das heiße Licht fiel.

»Ich soll bei dir nach Mehl und Korn suchen und graben.«

»Suche und grabe«, befahl Bundschuh und wandte sich ab. Was wollten sie nur von ihm? Saß irgendwo im Dorfe ein böser Feind, ein Angeber, ein Verräter? War vielleicht der Schreiber der gemeine Verräter und wollte seinen elenden Spitzellohn verdienen?

»Ich habe nichts zu suchen und zu graben, Bauer«, sagte der Schreiber. »Sollen sie doch selber mit ihren hungrigen Händen graben, die Verfluchten! Ich zerreiße das Mandat!«

Der Bauer fiel dem Schreiber in den Arm. »Bring dich nicht ins Unglück.«

»Ins Unglück?« wiederholte nun der Gemeindeschreiber, »glaubst du, es sei Glück, in den Augen des Kommissars ein Schuft zu sein? Mit ihren Papierchen können sie viel kaufen, aber nicht unsre Seelen und Gedanken ... Mein Pferdchen schenke ich ihnen, wenn sie es haben wollen, und ihre Wagen, die sie den Dorfarmen anbieten, ihre Wagen fahren zur Hölle!«

»Schreiber, ich habe immer gedacht, du seist ihr Mann«, sagte Bundschuh und nahm seine Hand.

»Weil ich ihnen zustimmte, weil ich die Hände aufhob bei den Resolutionen? Ich bin Mensch wie du, Bauer!«

»Du bist arm, und ich reich, würde der Kommissar sagen, ich sei ein Dorfwucherer, wird er sagen, ein Feind des Neuen Plans, du aber ein Freund der Regierung. Hast du dir auch alles genau überlegt?«

»Es braucht nichts überlegt zu werden, wir sind Deutsche«, antwortete der Gemeindeschreiber und ging davon.

Mit den Fetzen des zerrissenen Mandates spielte der Wind.

»Was wollte der Schreiber, Jakob?« fragte Sophie, »hat er einen neuen Befehl gebracht? Weiß er, wo Vater ist? Drei Wochen schon ist er verschleppt und wir haben immer noch keine Nachricht von ihm.«

»Nein, er brachte keinen neuen Befehl, Sophie. Und er wußte auch nicht, wo der Vater ist. Und sollte er im Gefängnis sein, auch dort wohnen Menschen, und Gott ist überall.«

»Ja, Gott ist überall, aber uns hat er verlassen«, klagte die Frau und ging wieder in die Stube.

Am andern Tage wurde aus Marienthal das Getreide nach der Stadt gefahren. Aus allen umliegenden Dörfern kamen die Wagenkolonnen wie ein großer Festzug mit wehenden roten Fahnen und schmetternder Musik. In der Stadt waren Triumphbogen errichtet. Große Reden hallten und schallten, und immer wieder stieg die grelle Musik der Märsche nach dem blauen, wolkenlosen Himmel.

Die Musik schmetterte, aber sie übertönte nicht das Klagegeschrei der im Klassenkampf Besiegten, nicht die tragische Ohnmacht der von den Höfen Vertriebenen, nicht die stumme Wut der rechtlos gemachten Bauern. Sie zerschellte an den Trotzschädeln und Steifnacken, die nicht in die Kommunen und Kollektivs gehen wollten und lieber zerbrachen, als sich beugten.

Um die Höfe und durch die Dörfer schlich die Angst.

Sie saß neben den Frauen in den Stuben. Sie lauerte an den Betten und Wiegen der Kinder. Sie nistete im Gebälk der Ziehbrunnen und in den Dächern der leeren Scheunen. Sie ging mit dem Vieh auf die Weide, stand mit den Bauern auf und legte sich mit ihnen schlafen. Viele Bauern meldeten sich im Kollektiv. In der Nacht und Dunkelheit aber trafen sie mit ihren rechtlos gemachten Freunden zusammen, lasen in der Heiligen Schrift und stimmten die frommen Lieder an.

Der Gemeindeschreiber hatte nicht nach verstecktem Mehl und Korn gesucht und gegraben, aber er meldete nach der Stadt, seine Nachforschungen seien ergebnislos verlaufen. Und zwei Tage nach der Getreideaufbringung wurde der Bauer Jakob Bundschuh von seinem Hofe vertrieben.

Aus tatarischen Dörfern und aus einer entfernten Kommune kamen gegen zwanzig Bauern mit ihren Frauen und besahen sich das Schauspiel. Aus der Stadt war Kusminoff mit seiner flachshaarigen Freundin Nina erschienen. Er wollte ihr zeigen, wie die eiserne Hand des Volkes einen gefährlichen Klassenfeind vernichtet.

»Bürger«, sagte der junge Kommissar, »im Namen des werktätigen Volkes in Stadt und Land wirst du heute enteignet. Dein Hab und Gut wird dem Volke übergeben, nur was du auf dem Leibe trägst, du und die deinen, und was ihr tragen könnt, bleibt euch. Und jetzt geh und lauf und hole erst die Pferdchen aus dem Stall. Hier ist der Befehl.«

Bundschuh steckte das Papier ungelesen in die Tasche und ging nach dem Stall. Bald kam er mit dem ersten Pferd wieder auf den Hof, auf dem sich die Tataren mit ihren schwarzhaarigen Frauen drängten.

»Ein Pferdchen, ein zuckersüßes Pferdchen«, rief Pjotr Iwanowitsch, »was bietet ihr, Towarischtschi?«

»Nun, sagen wir einmal: fünf Rubelchen!« schrie eine lustige Stimme.

»Zehn Rubelchen!«

»Elf Rubelchen!«

»Dreizehn biete ich!«

Die Männer und Weiber schüttelten sich vor Lachen.

Fünf Rubel, zehn Rubel, elf Rubel und dreizehn Rubel, das war ein Spaß, eine Komödie, ein Vergnügen! Hundertfünfzig Rubel war das Tier schon wert. Geschieht ihm ganz recht, dem Deutschen, warum stellt er sich gegen den Neuen Plan! Warum geht der Schweinefleischfresser nicht in das Kollektiv! Auch in der Kommune wird nur mit Wasser gekocht.

Der Bauer muß nachgeben.

Er muß immer nachgeben.

Biegen kann man ihn, aber nicht brechen.

Einmal haben die Tataren die Russen gebogen, aber sie haben sie nicht zerbrechen können. Dann haben die Russen die Tataren gebogen, aber die lebten immer noch. Und nun wurden zur Abwechslung einmal die Deutschen gebogen, von den Russen gebogen. Mal sehen, ob sie es aushalten, dachten die Tataren.

Um fünfzehn Rubel wird das erste Pferd verkauft.

»Hole die andern Pferde«, befiehlt der Kommissar.

Bundschuh bringt die drei andern Pferde aus dem Stall. Sie werden versteigert und erzielen zusammen vierzig Rubel. Aus dem Dorf kommen die deutschen Bauern. Langsam kommen sie, Schritt um Schritt. Einige sind schon im Kollektiv. Sie kennen Bundschuh und wissen, daß sein Vater und er aus dem Ödland die fruchtbaren Äcker geschaffen hat. Nein, sie bieten nicht mit. Aber die Tataren bieten und kaufen jetzt die Arbeitswagen, einen schönen neuen Wagen für fünfzehn Rubel, und wert ist er beinahe zweihundert.

»Das Jungvieh«, sagt der Russe, wirft ein Auge auf Nina, ist machtbewußt und stellt sich vor Stolz beinahe auf die Zehen.

Das Altvieh ist schon lange verkauft. Dafür hat Bundschuh die Steuern, Strafen und Anleihen bezahlt. Das Jungvieh bringt nur Kopeken. Das Ackergerät will niemand kaufen. Es fällt umsonst an die Kommune. Wozu noch einen Rubel oder zwei den halsstarrigen Deutschen in den Rachen werfen? Der ist sowieso ein toter Mann. Ein verlorener Mensch. Morgen werden sie ihn verhaften und ins Gefängnis schleppen.

Neben Jakob steht Anna mit weißem Gesicht und flammenden Augen. Sie hat keine Angst. Dieser Tag ist mit Schmerzen gesegnet. Alles sollen sie haben, die Pferde, das Jungvieh, die Wagen, die Eggen, die Mühle, die Pflüge, die Weide und die Felder und Brunnen. Nichts soll bleiben als der weiße Staub in den Kleidern, wenn sie endlich das Dorf und die Krim verlassen. Und diesen Staub will sie lachend aus den Kleidern schütteln, wenn sie endlich, endlich heim fahren.

Verächtlich ist ihr roter Mund.

Klar und heiter schimmert ihre Stirn.

»Der Wirt soll die Tische und Betten herausbringen, das Mobiliar«, schreit eine junge Tatarin mit Silberschmuck im rabenschwarzen Haar.

Jakob und Anna gehen in das Haus. Sie trösten die verzweifelte Sophie und räumen alles aus. Sophie sieht ihnen mit tränenden Augen zu. Anna und Jakob weinen nicht. Schweiß läuft über ihre Gesichter. Sie lassen ihn rinnen und schleppen die Möbel aus den Hof, die Betten, das Geschirr und stellen es in die grelle Sonne.

»Ein Bettchen für Marußja!« ruft Pjotr Iwanowitsch, »wer gibt drei Rubelchen für das Bettchen für Marußja?«

»Vier Rubelchen«, schreit eine alte Tatarin mit einem Ziegengesicht, »vier Rubelchen für das Bettchen.«

Es ist Annas Bett und wird um vier Rubel verkauft.

Der Kommissar hebt die alte, bunte und bemalte Kinderwiege hoch, die vor hundertsiebenunddreißig Jahren der erste Bundschuh vom Neckar mitgebracht hat.

»Hier, diese Wiege für einen kleinen Sowjetbürger«, bietet der Russe aus, »wer gibt zwei Rubelchen dafür?«

»Fünf Rubel für die Wiege!« ruft ein deutscher Bauer.

»Fünf Rubel für die Wiege, wer gibt mehr?«

Keiner will mehr als fünf Rubel für die alte bunte Wiege geben. Der Bauer, er ist Mitglied des Kollektivs, nimmt die Krippe behutsam in die harten Hände und stellt sie vor sich hin.

Die Auktion geht weiter.

Unter großem Gelächter wird jetzt der Hausrat für ein Schundgeld versteigert.

Nun greifen die Bauern von Marienthal ein. Sie bieten hier und da, kaufen Betten, Decken, Truhen, Geschirr, Kleider und Schuhe und schichten alles neben der Wiege auf. Das letzte Stück, einen großen Zuber, ersteht die ziegengesichtige Tatarin für zehn Kopeken. Die Weiber schnattern. Die Tataren reiben sich die Hände. So gut und billig haben sie noch niemals gekauft. Und sie werden weiter so gut und so billig kaufen, solange es dumme Bauern gibt, die sich gegen die Sowjetmacht stellen. Die Bauern von Marienthal bleiben stumm und starren auf den Kommissar, der am 1. Mai zum ersten Male zu ihnen gekommen war und sich heute neben der flachshaarigen Nina spreizt und sein Kindergesicht in grausame Falten legt.

»So, und nun wollen wir noch dein Mehl, Wirt«, ruft die Tatarin und schwenkt ihren Zuber, »hungrig hast du uns gemacht, Deutscher.«

»Holt euch selber das Mehl«, antwortet Bundschuh.

Die Ziegengesichtige stürzt mit zwei Frauen in das Haus.

Nina spricht mit Pjotr Iwanowitsch, der nickt gnädig, und nun rennt die Russin den Tatarenweibern nach. Sie kommt gerade zur rechten Zeit. Die Tatarinnen haben den großen Zuber mit Mehl bis an den Rand gefüllt, ihre Kleider sind bestäubt, und nun wollen sie gerade den noch halbvollen Kasten in die nackte Stube kippen.

»Genug gescherzt, tatarische Frauen«, sagt Nina, »das Spiel ist jetzt zu Ende.«

Die drei Weiber keifen, aber sie lassen den Mehlkasten und schleichen aus dem Zimmer. In der leeren Stube steht Sophie, die Tochter im Arm, und weint. Was hat sie den Menschen getan? Was hat Jakob den Menschen getan? Warum will man die Bauern von ihrem Eigentum jagen? Warum sperrt man sie in die Gefängnisse? Warum schickt man sie in die Verbannung nach dem Eismeer? Will man den Kindern Gott nehmen? Sie versteht die Welt nicht mehr. Nina geht auf die Weinende mit dem Kinde zu und sagt: »Weine nicht. Warum geht ihr nicht in die Kommunen? Warum seid ihr Feinde des werktätigen Volkes?«

»Ist dieses Kind auch ein Feind des werktätigen Volkes?« fragt die Deutsche die Russin.

Das Kindlein lächelt.

Nina weiß nicht, was sie antworten soll und verläßt die kahle Stube. Die Versteigerung ist zu Ende. Die Tataren und Kommuneleute verlaufen sich mit ihren Frauen. Und nun kommen die deutschen Bauern näher. Sie sehen starr und stumm in die Verwüstung, bewegen die Lippen und kauen an den Worten, die nicht aus dem Munde kommen wollen.

»Bauer«, beginnt nun der Gemeindeschreiber, »wir haben für dich und die deinen die notwendigsten Sachen ersteigert, die Wiege und die Decken, die Truhen und die Kleider, damit ihr nicht nackt das Dorf verlassen müßt. Und wir haben auch Geld für euch gesammelt. Hier ist es... Von euch wissen wir, daß schon viele Bauernbrüder nach Moskau gezogen sind und um die Pässe anstehen. Fahre auch du hin als unser Abgesandter. Berichte, wenn es soweit ist, daß wir auswandern können.«

»Gemeindeschreiber und ihr Brüder«, antwortet Bundschuh, »wir danken euch. Wir sind in Gottes Hand... Wir fahren als eure Abgesandten nach Moskau und werden euch berichten, wie es steht. Und noch heute wollen wir reisen.«

Anna wendet sich an die Bauern. Sie ist eine Frau und hat in Männersachen nicht drein zu reden, aber sie sollte Lehrerin werden, und so findet sie Gehör. Sie sagt:

»Die Wiege habt ihr zuerst ersteigert, die Wiege für das unschuldige Kindlein. Von dieser Wiege wollen wir erzählen, wenn wir Rußland verlassen haben, von der Wiege wollen wir reden in Moskau und in Hamburg oder Brasilien. Viele Wege müssen wir noch gehen, aber alle Wege führen nach unserem Mutterland und Vaterland.«

Die Bauern nicken.

Es ist still wie in der Kirche.

Sophie kommt, das Kind auf dem Arm, sieht die Wiege und lächelt. Anna nimmt ihr das Kindlein aus den Armen. Es streckt unschuldig die kleinen Ärmchen aus und lacht und juchzt. Der Vater bleibt ernst.

»Kommt zu mir«, sagt ein Bauer, »vielleicht werden sie mich morgen auch vom Hofe verjagen. Aber heute ist es noch mein Hof, und er ist auch euer Hof. Kommt und ruht euch aus. Und dann fahrt in Gottes Namen nach Moskau. In der Nacht bringen wir euch zur Station.«

Inmitten der Bauern gehen Jakob, Sophie und Anna, sie trägt das Kind zum Hof des Bauern. Ein junger Bursche kommt mit einem Wagen und holt die ersteigerten Kleider, Decken, Truhen, Geschirre, Betten und die Wiege ab.

Schweigend gehen die Bauern mit den Vertriebenen die weiße Straße entlang.

Der Wind tanzt und spielt mit dem Staub.

Er kommt vom Schwarzen Meer, aber diesmal erscheinen Jakob Bundschuh keine Bilder und Stimmen.

Schatten ist der Staub, vergänglich ist er, ewig ist er, bitter ist er und fressend.

Und am Abend fährt der Bauer nach Moskau.

Vierundvierzig Stunden liegen sie auf der Bahn, fahren in der harten Klasse in den überfüllten Wagen nach Norden. Sie kommen endlich an und finden Unterkunft in Perlowka. In Perlowka treffen sie Freunde aus der Ukraine und auch den Hufschmied Karsten, den Mann, von dem Bundschuh zum ersten Male vom Kommunismus gehört hat, damals auf der Flucht aus dem Kaukasus im Dorfe Marjanowka.

»Hufschmied Karsten, was ist es jetzt mit dem Kommunismus?« fragt der Bauer und lächelt.

»Kommunismus? Wer seid ihr? Wo kommt ihr her?« fragt der Hufschmied Karsten.

»Aus der Krim kommen wir, und zuerst haben wir uns im Kaukasus gesehen, Hufschmied. Ich bin Jakob Bundschuh, und mein Vater hat euch einen Wagen und zwei Kühe geliehen. Erinnert ihr euch an den Terek?«

»Ihr seid das? Ich erinnere mich, habe mich viele Male erinnert, Jaschka, und ein Mann seid ihr geworden. Ich war« beginnt er zu erzählen, »ich war in der Roten Armee und habe zwei Jahre an den Fronten mitgekämpft. Sogar einen Orden haben sie mir gegeben. Und dann habe ich mich in Sibirien angesiedelt. Bei Barnaul. Gute fruchtbare Erde gibt es dort, Bauer, und ich bin wieder Bauer geworden. Aber sie haben mich gejagt wie alle Brüder, sie haben mich mit Steuern wie mit Steinen beworfen, sie haben die Kommissare wie Wölfe auf mich gehetzt, ja, sie haben wie die Räuber mein Korn und Mehl fortgeschleppt. Klein haben sie mich gemacht wie einen Baum in der Steppe, über den der Wintersturm heult... Und sie haben mir auch die Augen geöffnet«, er lächelt, »über den Kommunismus, ja, das haben sie... Ich will zu meinen Verwandten nach Kanada. Sie sind im Frühling ausgewandert. Drei Wochen bin ich schon hier und warte auf die Pässe. Aber sie lassen sich viel Zeit und sagen: ›Wartet, jetzt haben wir andere Dinge im Kopf‹. Nun, dann warten wir eben. Wir haben nur eine Sache im Kopf.«

»Haben sie bei euch auch den Kindern den Religionsunterricht verboten?« fragt Anna.

»Ja, auch bei uns. Und sie haben unsre Prediger verhaftet. Sie sagen: ›Religion ist Opium für das Volk‹, und haben in der Stadt ihren Lenin aufgebahrt wie einen Heiligen. Sie stellen in den Ämtern, in den Schulen und in Bauernhütten sein Bild in alle Ecken. Gott schaffen sie ab, aber einen toten Menschen wollen sie uns als Gott aufreden.«

In Perlowka traf Bundschuh auch andre Bekannte, und auch sie erzählten vom Neuen Plan und vom alten Elend. Die jungen Kommissare kamen in die Dörfer, zeigten die Mandate und jagten die alten Bauern von der Erde, in vielen Dörfern gierten die Dorfarmen nach Hab und Gut der Wohlhabenden und zeigten sie an, verrieten sie, um selbst das Hab und Gut der Wohlhabenden zu besitzen.

Und in den Dörfern wurde das letzte Schwein, die letzte Kuh geschlachtet.

Dann erst gingen die Bauern in das Kollektiv.

Viele Bauern verkauften, verschenkten und verschleuderten ihr Vieh, um arm und Mittelbauern zu werden, um Gnade zu finden vor den strengen Augen der jungen Kommissare.

Überall in den Sommerdörfern rings um Moskau lagen die Flüchtlinge mit ihren Frauen und Kindern. Sie hockten in den überfüllten Stuben, klagten sich ihr Leid, verfluchten den Neuen Plan, der sie rechtlos gemacht hatte, heimatlos. Und wenn sie genug gesagt und geklagt hatten, stimmten sie die alten evangelischen Lieder an, lasen in der Bibel und warteten und warteten auf die Pässe.

In großen und kleinen Trupps durchzogen sie Moskau, Bauern mit schweren Schritten, die auf der Erde viel besser gehen konnten als auf dem Steinpflaster. Sie schoben sich durch das Gewühl der Arbeiter und Angestellten, waren wie in einer fremden Welt und kamen auch aus einer fremden Welt. In endlosen Schlangen standen sie vor den Büros, um Erlaubnisscheine zum Besuch der Kanzleien zu bekommen.

Schlangen vor den Ausgabestellen, Schlangen vor den Ämtern, Schlangen vor den Kanzleien. Im Frühling hatten sechzig Familien ihre Pässe bekommen und waren abgereist. Aber nun wurden keine Pässe mehr ausgegeben. Es wurde immer schwieriger, in den Kanzleien vorzusprechen. Aber sie besiegten die Schwierigkeiten, sie hatten Zeit, viel Zeit. Und so standen sie ihre geduldigen Schlangen in der heißen, hastenden Stadt, bestaunt und verspottet, verlästert und verlacht, deutsche Bauern, die um ihr Leben kämpften.

Auch Bundschuh stand in der großen Reihe, und als er mit zehn Abgesandten sich den Zutritt in ein Zentralbüro erobert hatte, hörte er zum erstenmal einen Sekretär sprechen.

»Es ist umsonst, daß ihr uns drängt, Bauern«, sagte der Sekretär, »in diesem Jahre fahren keine Auswandrer mehr. Warum habt ihr die große Dummheit gemacht und alles verkauft? Und nun soll euch die Regierung von dieser Dummheit begnadigen und herauslassen? Nein, fahrt nach Hause und gründet Kollektivs. Wir können euch nicht helfen. Fügt euch in die neue Ordnung.«

»Warum haben wir alles verkauft?« fragte Bundschuh, »weil wir mußten! Ich habe nichts verkauft, aber sie haben mich mit Steuern und Anleihen erdrückt, sie haben mein Vieh und Gerät für Geringes versteigert und mich und die Meinen von Hof und Heimat vertrieben.«

»Du wirst selbst die Schuld haben«, sagte der Sekretär und nahm einen Stoß Akten vor, »geht, ich habe zu arbeiten.«

Der Hufschmied Karsten trat einen Schritt vor.

»Kollektivs?« antwortete er, »wer gründet denn in den Dörfern die Kollektivs? Die Dorfarmen oder die Faulenzer. Sie nur sind gut angesehen bei den Kommissaren. Und alles, was wir erarbeitet haben, sollen wir hineinbringen für die, die nichts erarbeitet haben und auch nichts erarbeiten wollen. Der Fleißige soll für den Faulen schaffen!«

»Geht, ich habe zu arbeiten«, wiederholte der Sekretär. Er hatte schon viele Bauern empfangen und kannte jedes Wort, das sie sagten, schon auswendig. Er konnte auch nicht helfen. Bestimmt nicht.

»Alle Kollektivs in den Dörfern fangen mit Schulden an, das müßt ihr doch verstehen in Moskau«, begann der Hufschmied noch einmal, »die neuen Maschinen müssen wir verzinsen und abzahlen. Aber ihr nehmt uns die Luft. Wir müssen die Ernte abgeben für einen billigen Preis, das Saatgut muß gekauft werden für einen hohen Preis. Ist das Gerechtigkeit? Für Hafer und Gerste gebt ihr uns neunzig Kopeken das Pud, und wenn wir Futterhafer kaufen müssen, verlangt ihr einen Rubel fünfzig dafür!«

»Es wird sich einrenken, Bauern«, beruhigte der Sekretär, »der Oberste aller Bauern, der Genosse Kalinin, wird selbst danach sehen, daß die Ungerechtigkeiten abgestellt werden«.

»Wir möchten den Obersten aller Bauern, den Genossen Kalinin, selber sprechen«, sagte Bundschuh.

»Er hat keine Zeit«, sagte der Sekretär.

»Er muß für uns Zeit haben! Und wir fahren nicht mehr zurück«, erklärte Karsten, »ihr habt die Verfügung erlassen, daß wir reisen können, wir verstoßen nicht gegen die Gesetze, wenn wir jetzt um die Pässe bitten«.

Der Sekretär wurde ärgerlich.

»Ihr macht politischen Skandal«, sagte er wütend und schlug mit der Hand auf den Tisch, »ihr müßt doch einsehen, daß wir euch jetzt nicht fahren lassen können! Die sechzig Familien sind gefahren, aber nun kommt ihr zu Tausenden und nochmals Tausenden wie die hungrigen Heuschrecken. Nun belagert ihr Moskau und freßt den Arbeitern das Brot weg. Ihr macht alle Dörfer unruhig und stört unsren Aufbau ... Ja, ja, ja, ihr werdet schon reisen können, aber nicht jetzt, nicht mehr in diesem Jahre! Nehmt doch Vernunft an, ihr Bauern, und fahrt heim in eure Dörfer!«

»Wir können nicht mehr zurück, alles ist verkauft und versteigert«, sagte Karsten.

»Das Brot, das wir essen, ist Bauernbrot, es wächst nicht auf den Straßen und Steinen der Stadt«, erklärte Bundschuh.

»Geht jetzt oder ich lasse die GPU holen. Meine Geduld ist erschöpft«, antwortete der Sekretär. »Aufrührer seid ihr, und in den Gefängnissen ist noch viel Platz. Oder in den kälteren Zonen ... In diesem Jahr fährt kein deutscher Bauer mehr über die Grenze. Das ist unser letztes Wort.«

Sie verließen die Kanzlei, schoben sich wie ein Keil durch die menschenüberfüllten Straßen und gingen langsam in ihre Sommerdörfer zurück.

Sie blieben in den Lagern.

Und in den nächsten Tagen kam die Stadt Moskau selbst in die Dörfer.

Sie schickte ihre Agitatoren und Redner.

Auch nach Perlowka kamen sie. Und an dem Tage, als sie zum erstenmal in diesem Lager auftauchten, war auch Eugen Bundschuh gekommen.

Anna hatte er noch nicht gesehen, auch nicht den Riesen aus der Krim. Langsam füllte sich der Dorfplatz. Die Bauern kamen, sie waren stumm oder einsilbig, und wenn sie sprachen, hörte man Platt oder Schwäbisch. Auf einer Kiste stand ein Student. Er ließ die unruhigen Augen über die Bauern schweifen und begann zu sprechen.

»Bauern, deutsche Brüder«, rief er laut und schallend, »ich werde geschickt, um euch zu sagen, daß ihr in eure Dörfer heimfahren sollt. Ich bin der Sohn eines deutschen Bauern von der Wolga und kenne die Erde. Fahrt heim zur Erde. Ihr könnt euch ansiedeln, wo ihr wollt, und wenn ihr euer Haus verkauft habt, wir sind großmütig und erstatten euch alles wieder zurück. Ihr bekommt Geld für die Rückfahrt, und Kredite bekommt ihr, damit ihr in den Dörfern wieder von vorn anfangen könnt. Ja, wir wissen, es sind Ungerechtigkeiten vorgekommen, aber sie werden abgestellt. Die Kollektivs und Kommunen sind angewiesen, euch wieder als Freunde aufzunehmen, wenn ihr euch in die neue Ordnung fügt.«

Die Bauern blieben stumm.

»Wer von euch zurückfahren will, soll eine Hand aufheben!«

Keine Hand erhob sich.

»Wer hat Fragen zu stellen?«

»Ich«, sagte Karsten, »wie steht es mit der Religion?«

»Wir haben nichts gegen die Religion.«

»Und warum sind die Kirchen geschlossen, die Bethäuser versiegelt, die Prediger verhaftet?«

»Sie werden Feinde der neuen Ordnung gewesen sein und sich gegen die Regierung gestellt haben!«

»Nein, die Regierung hat sich gegen die Prediger, gegen die Bethäuser und Kirchen gestellt... Und warum vertreibt man die Bauern von den Höfen? Warum steckt man sie in die Gefängnisse? Warum, warum, warum quält ihr Menschen, die ihr ganzes Leben lang gearbeitet haben?«

»Sie werden Feinde der neuen Ordnung gewesen sein und sich gegen die Regierung aller Werktätigen gestellt haben«, wiederholte der Redner.

»Und die kleinen Kinder? Sind das auch Feinde der Regierung?« fragte eine dunkle Stimme. Eugen sah sich um und erkannte den Bauern, mit dem er gestern gesprochen hatte. »Die Kinder sind klein und unschuldig, aber ihr laßt sie leiden«, sagte der Bauer, »ihr zerstört die Familien, entzieht uns das Wort Gottes und verfolgt unsre Lehrer. Und den Gemeinden verbietet ihr die alten Lieder. Und mich, einen Bauern, habt ihr vom Hofe vertrieben!«

»Du wirst ein Feind der neuen Ordnung gewesen sein und dich gegen die Regierung gestellt haben«, erklärte der Redner zum dritten Male.

»Ein Feind der Regierung?« lachte Jakob Bundschuh, »Bauer bin ich wie meine Brüder, von früh bis in die sinkende Nacht werkeln und schaffen wir auf den Feldern und Äckern. Bei Tataren und Burjäten sind wir gewesen, bei Kosaken und Baschkiren, in Turkestan und bei den Bergvölkern im Kaukasus. Unsre Vorfahren haben eure Länder mit Blut und Schweiß gedüngt, soll das nicht mehr zählen?«

»Auch mein Vater ist Bauer«, erwidert der Student.

»Aber das habt ihr vergessen. Und ihr habt vergessen, daß sie uns jetzt alles nehmen. Wo ist denn euer Vater? Und gehören wir nicht auch zum schaffenden Volk?«

Der Student beobachtet scharf den Bauern Bundschuh und prägt sich sein kühnes Gesicht ein. Die Rädelsführer werden gesucht, die Köpfe der Bewegung. Die Köpfe müssen fallen. Sein Vater, wo ist sein Vater? Im Kollektiv ist er, Vorsitzender der Kommune. Aber das geht den Frager da unten einen Dreck an! Der Student bleibt ganz ruhig und sagt:

»Über das schaffende Volk und was dazu gehört, wollen wir nicht streiten, diese Frage ist längst schon entschieden. Wer sich gegen die neue Ordnung stemmt, wird umkommen.«

Durch die stummen Bauern drängt sich ein Mädchen nach vorn. Es ist Anna. Bundschuh fühlt, wie sein Herz heftiger schlägt, und wie er in der Atemnähe des Mädchens besser und frömmer wird. Er sieht ihre reine Stirn, die blauen Augen mit den Strahlenwimpern, den noch schlafenden süßen Mund, das rundgemeißelte Kinn, den weißen Hals mit den blauen Adern. Sie steht nur zwei Schritte von ihm entfernt, und nun hört er ihre Stimme.

»Student seid ihr und Deutscher«, beginnt sie ganz ruhig, »und ihr müßt doch unsre Sitten und Gebräuche kennen, unsre Kultur, unseren Glauben und unsre Herkunft. Wir sind Dorfleute, und ihr gehört zu den Stadtleuten. Und wißt ihr nicht mehr, wie es in dem Sinnspruch von Logau über die Stadtleute und Dorfleute heißt?«

Der Student schüttelte den Kopf.

Anna rezitierte:

»Wer sind die Bürger? Nur Verzehrer.
Wer sind Bauern? Ihr' Ernährer.
Jene machen Kot aus Brote,
Diese machen Brot aus Kote,
Wie: daß denn der Bürger Orden
Höher als der Bauern worden?«

»Ja« sagte sie, »das hat man uns gelehrt, und wir wissen, daß dies so ist. Und warum stellt ihr euch gegen uns?«

Der junge Mensch auf der Kiste blickte erstaunt auf das schöne Mädchen und antwortet:

»Ich stelle mich nicht gegen euch, und den Genossen Logau kenne ich nicht. Ihr müßt doch einsehen, daß ihr jetzt ganz einfach aus politischen Gründen nicht ins Ausland fahren könnt! Sogar in England schon schreibt man über euch... Und ich kenne wohl Sitten und Gebräuche, die Kultur, den Glauben und die Herkunft«, sagt er und sucht ihren Blick zu fangen, »aber die Sitten und Gebräuche sind nicht ewig. Sie wandeln sich im Laufe der Zeit. Auch unsre Sitten und Gebräuche haben sich geändert. Und jetzt ist eine neue Zeit gekommen.«

»Eine furchtbare Zeit«, antwortet das Mädchen.

»Eine grandiose Zeit«, sagt der Student.

Es gibt keine Verständigung zwischen den beiden Menschen.

Sie starren sich an.

Annas Brust hebt und senkt sich.

Der Student schlägt zuerst die Augen nieder.

Er verläßt seinen Platz und übergibt ihn einem politischen Flüchtling, der den Maiaufstand in Berlin mitgemacht hat. Dieser Mann ist ungefähr dreißig Jahre alt und hält eine donnernde Ansprache. Die Bauern hören mit steinernen Gesichtern zu. Anna antwortet:

»Wir danken für die Grüße aus Deutschland. Wer hat euch geschickt und beauftragt, uns die Grüße zu überbringen?«

»Als politischer Flüchtling bin ich herübergekommen«, sagt der Redner, »da drüben konnte ich nicht mehr leben.«

»Nun erlaubt, Reichsdeutscher«, antwortet Anna, »erlaubt ein offenes Wort. Ihr habt euch in der alten Heimat nicht in die Zucht und Ordnung finden können, aber ihr hattet die Möglichkeit, nach Moskau zu fahren und könnt nun hier euren Ideen leben. Wir würden uns freuen, wenn ihr verstehen wolltet, daß die deutschen Bauern hier dasselbe zu tun wünschen: nach Deutschland zu fahren oder nach Kanada, um dort ihren eigenen Ideen zu leben.«

Noch einige Streitgespräche gingen über den Marktplatz von Perlowka. Die Bauern sagten kein Wort. Außer Karsten, Bundschuh und Anna hatte keiner gesprochen. Der Student fuhr mit seinem deutschen Freund in die Stadt. Die Bauern verliefen sich langsam. Der Arbeiter Bundschuh ging zu dem Bauern Bundschuh und sagte:

»Gestern war ich schon einmal hier, und wir haben auch zusammen gesprochen. Heute habe ich viel gehört, aber ich möchte mehr hören. Alles. Warum habt ihr die Krim verlassen? Erzählt doch!«

»Keine Zeit mehr, ich muß in die Stadt«, sagte der Bauer, »aber Anna wird euch berichten.« Das Mädchen kam näher. »Das hier ist ein Gast aus Deutschland, rede du mit ihm, er will alles erfahren, wie es uns ergangen ist. Und nun erzähle ihm.«

Er ging nach der Station hinunter und fuhr nach Moskau. Es wurde Zeit, daß er endlich den Freunden in der Krim den großen Bericht über die Verhältnisse schickte. Und nun war Eugen mit Anna zum ersten Male allein. Sie blickte ihn fragend an, und er sagte:

»War es wirklich so schlimm, wie die Bauern sagten?«

»Noch schlimmer, sie haben kaum die Hälfte erzählt«, sagte sie und berichtete von der Vertreibung aus der Krim. Sie vergaß auch nicht die Wiege, die von den Bauern ersteigert wurde. Und dann neigte sie den Kopf und fragte: »Wie heißt ihr?«

»Bundschuh, Eugen Bundschuh.«

»Bundschuh?« wiederholte sie fragend, »Bundschuh?«

»Ja, gefällt euch der Name nicht?«

»Jakob, Jakob, Jaschka!« schrie Anna und lief einige Schritte von ihm fort, »Jaschka, unser teurer Gast heißt Bundschuh, Eugen Bundschuh!«

Der Bauer hört nicht mehr das rufende Mädchen. Er ist jetzt an der Station, und der Moskauer Zug fährt gerade ein. Anna kommt zurück, ein wenig atemlos noch. Sie starrt Eugen an, und über sein Gesicht läuft ein heißer Schauder. Die blauen Augen Annas beunruhigen und beseligen ihn. Warum hat sie nach Jakob geschrien, als er seinen Namen sagte?

»Habe ich Sie erschreckt?« sagt er nun und fühlt sich schuldbewußt, »verzeihen Sie bitte.«

»Macht keine Narrheiten, es ist doch nichts zu verzeihen! ich habe nur geschrien, weil mein Verwandter auch Bundschuh heißt, Jakob Bundschuh ... Wo stammt ihr her?«

»Aus Werder an der Havel. Das ist eine Stadt bei Berlin.«

»Und eure Eltern?«

»Auch aus Werder an der Havel.«

»Und die Großeltern?« forscht sie geduldig weiter und hängt mit ihren Blicken an seinem Munde, als müßte sie ein großes Geheimnis erfahren. Eugen Bundschuh ist glücklich und antwortet:

»Die Großeltern sind aus dem Süden gekommen, aus dem Schwarzwald, hat die Mutter erzählt. In Rottweil am Neckar ist der Großvater geboren, von dort unten kommen die Bundschuhs her. Sie waren einmal Bauern.«

»Aus dem Schwarzwald, von Rottweil am Neckar?« ruft Anna und freut sich wie ein Kind, das einen Schmetterling gefangen hat,»wißt ihr denn nicht«, sagte sie mit erstaunten Augen, die Brauen stehen wie Brücken in der Stirn, »wißt ihr denn nicht, daß vor hundertsiebenunddreißig Jahren ein Bundschuh mit Weib und Kind nach der Wolga ausgewandert ist? Ein Christian Fürchtegott Bundschuh?«

»Das höre ich zum ersten Male«

»Und ein Paul Georg Wiesner, ich heiße Anna Margarete Wiesner«, sagt sie und errötet, als sie seinen Blick auf ihrem Gesicht fühlt, »Paul Jakob Wiesner ist vor hundertneun Jahren von Heilbronn am Neckar nach der Wolga ausgewandert... Ihr kommt aus Deutschland? Seid ihr«, sie zögert, »seid ihr auch so ein Mensch wie der andre, der zu uns gesprochen hat?«

»Vier Wochen bin ich hier«, sagt er, »und ich bin nicht so ein Mensch wie der mit den Grüßen.« Er verleugnet seinen Auftrag und hätte das auch getan, wenn er nicht den Auftrag von Herfurt gehabt hätte, »nein, ich bin kein Bolschewik«, sagt er. »Bei uns sind Millionen Arbeitslose, und da wollte ich sehen, ob ich hier Arbeit bekäme.«

»Und wo gefällt es euch besser, in Deutschland oder hier in Rußland?« fragt Anna.

»In Deutschland«, antwortete Bundschuh, und er weiß es und freut sich über diese Erkenntnis. Auf dem Wege von damals in der Dunkelheit, als er vom Bahnhof kam und sich von Thea, Herfurt und Müller verabschiedet hatte, auf diesem Wege senkte sich die Waage des Ausgleiches dem Westen zu, weil er in die blinden Augen der blinden Göttin Ware gesehen hatte. Und wenn sich schon die Schalen bewegten vor einer blinden Göttin, wie mußten sie schwingen und klingen vor den blauen Feueraugen dieses Mädchens, das vor ihm stand und mit bangem Ohr auf die Erklärung wartete? Durch die Feueraugen Annas strahlte ihn plötzlich die Heimat an, groß und fordernd, ohne Falsch und Verwirrung, vereinfacht und verzaubert.

»Erzählt von Deutschland«, bat das Mädchen.

Und nun erzählte er, was ihm gerade in den Sinn kam, von den Untergrundbahnen und Rolltreppen in den Warenhäusern, von den Fischern an der Havel und den Gewässern rings um Berlin, von der Hundesteuer und von den Kinos, von der Siegesallee und den Stempelbrüdern, vom Brandenburger Tor und der Kellerstraße, vom Grunewald und vom Schillerpark. Und die Worte und Bilder kamen ihm wie Vögel zugeflogen. Jetzt erst gewannen auch für ihn die Dinge, an denen er so oft und achtlos vorübergegangen war, ein Baum am Plötzensee, eine Fabrik in Lichtenberg, ein Kind in Werder, ein alter Mann in Steglitz, ein Bahnhof in Neukölln, ein Mädchen auf dem Wedding ganz andere Farbe und Bedeutung.

Deutschland war kein geographischer Begriff mehr. Die Heimat ging unter als Kampfplatz der Klassen und der Stände und wurde jetzt endlich ein lebendiger Raum mit lebendigen Menschen und Dingen.

Deutschland! Ja, es wuchs zu einer lebendigen Einheit und war ein wohlgeformter Leib, den man nicht trennen kann, ohne ihn zu töten. Hier in Perlowka stieß der Arbeiter Eugen Bundschuh mit seinem Schicksal zusammen und erkannte zum ersten Mal über alle Klassen, Stände und Gegensätze hinweg die Schicksalsgemeinschaft des ganzen Volkes.

Linke Hände, rechte Hände, alle gehörten zusammen.

Verstand und Gefühl gehörten zusammen, wie Mann und Frau zusammengehören.

Und auch diese arme Straße auf dem Wedding, wo er am 1. Mai an der Barrikade mitgebaut hatte, auch diese Straße und Barrikade gehörten zur Heimat und wurden auf die Ebene einer neuen Einsicht gehoben. Die Opfer und die Toten? Sie gaben aus den Gräbern die schwarzen Fackeln weiter, die schwarzen Fackeln, an denen sich immer wieder die goldnen Fackeln des Sieges entzündeten.

Kurt, der unbekannte Mann der Straße, Kurt war nicht umsonst gefallen.

»Ihr seid der erste Mensch, der gut über Deutschland gesprochen hat«, seufzt Anna. In ihrer reinen Stirn hängt eine Locke, und Bundschuh muß plötzlich an Paul Riedel und an sein letztes Gespräch mit ihm denken. »Ach«, seufzt Anna, »wir haben eine schreckliche Zeit hinter uns. Und von den Rednern haben wir nur grausige Dinge gehört. Jetzt weiß ich, daß sie gelogen haben ... Sie zeigten uns eine Hölle. Und wir wären auch in eine Hölle heimgekehrt. Es ist unser Vaterland. Aber«, und nun lächelt sie hinreißend, »kann das Vaterland eine Hölle sein? Nein«, sagte sie, »das Vaterland ist das schönste Land auf Erden.«

»Wo wollt ihr hin?« fragt jetzt Bundschuh und nimmt unbewußt Annas Redeweise an, »was wollt ihr tun?«

»Leben und arbeiten.«

»Wollt ihr wieder nach dem Neckar?«

»Das weiß ich nicht. Wir gehen dahin, wo Gott uns hinführt«, sagt das Mädchen, »Jakob wird sich freuen, euch hier zu finden, Eugen, wenn er aus der Stadt kommt. Ihr dürft hier bleiben, Verwandter.«

»Gern, wenn ihr es wünscht, Anna«, sagt er und ist glücklich. Wie schön und einfach sind doch die Dinge geworden, denkt er. Aus der Krim und aus Berlin sind zwei Menschen aufgebrochen, keiner wußte vom andern, und nun sind sie sich nahe und vertrauen einander. Bald werden sie eins sein. Und er hat einen Verwandten gefunden, einen Mann aus seiner Familie. Und die Liebe hat sein Herz berührt.

Die Liebe hat sein Herz berührt.

Ein ganz neuer Mensch ist er geworden, und ihm ist, als habe er erst jetzt den Sinn des Daseins verstanden: die Gnade und Einmaligkeit des Lebens, die Fleischwerdung des Geistes, die Vergeistigung der Materie, die große Seligkeit und Verpflichtung den Mitmenschen und der Zukunft gegenüber.

Kämpfen muß der Mann bis zum letzten Blutstropfen. Und er hatte gekämpft. Das Blut war rauschend durch seine Adern gegangen. In dieser Minute aber verzaubert sich das Blut und wird Musik und Hymne, Lobgesang und Beschwörung. Und so steht er da, eine Blutsäule heiliger Musik, und ist so glühend und glücklich, daß er sterben kann. Schauer aus der Ewigkeit berühren seine Stirn. Leben und Tod sind ein frommes Geschwisterpaar und lehnen sich an seine Schultern.

»Ja, wir wünschen es, und dann fahrt mit uns und beratet uns in Deutschland«, sagt das Mädchen und errötet, »wollt ihr uns beraten, Eugen?«

»Ja, Anna«, sagt er.

In schneller Fahrt nähert sich ein Auto und bremst dicht bei den jungen Menschen. Mann und Frau, Jüngling und Jungfrau, die die Welt vergessen, weil sie sich nach den Gesetzen der Welt gefunden haben. Der Chauffeur tutet. Bundschuh wendet den Kopf und fühlt einen Hammerschlag an der Stirn: im Auto sitzt Willi, das Schwein Willi mit der komischen, hüpfenden Nase. Er beugt sich aus dem Wagen und ruft:

»Da ist unser lieber Genosse Bundschuh aus Berlin! Welch eine Freude! Da ist ja der Barrikadenkämpfer vom Wedding. Und jetzt«, er lacht und die Nase macht ihre Verbeugungen, »und jetzt klärt er das Landvolk auf!«

Anna dreht sich um, sie sieht das entsetzte, verbissene Gesicht Eugens und erschrickt. Die höllischen Mächte haben einen Versucher nach Perlowka geschickt und ihn mit süßen Worten von Deutschland erzählen lassen! Ein Barrikadenmann ist das, ein Schuft, ein Schurke und ein Lügner, geschickt von seinen Genossen, um die Seelen der Bauern zu erforschen!

Sie wirft Bundschuh einen flammenden Blick zu, wendet sich langsam um und läuft dann leichtfüßig und herzklopfend davon. Eugen sieht Anna fliehen und steht da, ein geschlagener Mensch, ein grüner Baum, den der Blitz getroffen hat. Anna, Anna, will er rufen, aber es kommt kein Laut aus seinem Munde. Und aus dem Auto beugt sich das Schwein Willi und lacht und lacht.

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