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Gutenberg > Aischylos >

Das Totenopfer

Aischylos: Das Totenopfer - Kapitel 4
Quellenangabe
typedrama
authorAischylos
titleDas Totenopfer
publisherLangenscheidtsche Verlagsbuchhandlung
yearo.J.
translatorJ. J. C. Donner
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20160531
projectid2c180add
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Orestes.

Hérmes im Abgrund, der des Amtes wahrt von Zeus,
Sei Retter, sei mir Kampfgenoß, dem Flehenden!
Denn aus dem Banne kehr' ich heim in dieses Land
Und trat, ich Armer, heimlich auf die Schwelle dort,
[Vers 5] Wo mein geliebter Vater einst von Frauenhand
Durch arge List gewaltsam hingeopfert sank.
Am Grabeshügel ruf' ich hier den Vater an:
Er höre mich, vernehme meines Mundes Schwur!
Dein Blut zu rächen, Vater, bin ich heimgekehrt,
[Vers 10] Von Lóxias gesendet, dessen Spruch gebot,
Daß dir die Mörder fallen durch Orestes' Hand.
So höre mich, mein Vater, sieh mich gnädig an;
Denn jetzt erschien die Stunde, die der Gott bestimmt,
Wo diese Rechte krönen soll der Rache Werk!
[Vers 15] O nimm von mir die thränenreiche Spende hier:
Die erste Locke schnitt ich ab dem Ínachos
Als Pflegedank, und diese zweite weih' ich dir
Als meines Grames treuen Gruß auf deine Gruft!
Denn nicht im Hause war ich, um dein Jammerlos
[Vers 20] Zu klagen, Vater, streckte nicht die Hand empor,
Dir Lebewohl zu rufen, als man dich begrub.

(Aus der Gesindewohnung kommt der Chor in schwarzen Gewändern und Trauerschleiern, um am Grabmal Agamemnons ein Opfer zu bringen; in gleicher Tracht erscheint Elektra als die letzte des Zuges.)

Ha! Was erblick' ich? Was bedeutet diese Schar
Von Frauen, die dort schwarzverhüllt in düsteren
Gewändern nah'n? Auf welchen Unfall deut' ich das?
Ob eine neue Trauer wohl das Haus betraf?
[Vers 25] Ob meinem Vater diese Frau'n, vermut' ich recht,
Trankopfer bringen, Sühne für die Totenwelt?
Nicht anders ist es; wandelt doch, so dünkt mir, auch
Elektra, meine Schwester, dort, in herbes Leid
Versunken. Laß, Kroníde, laß des Vaters Tod
[Vers 30] Mich rächen, hilf mir holdgesinnt in diesem Kampf!
Geh'n wir zur Seite, Pylades, damit ich klar
Erkenne, was der Frauenzug bedeuten mag!

( Orestes und Pylades verbergen sich in der Nähe.)

Wechselgesang des Chores.

Erste Strophe.

Gesandt vom Hause kommen wir
Mit Opferspenden unter wildem Händeschlag.
[Vers 35] Die Wange glüht von blutigroten Rissen,
Frischer Nägelfurchen voll;
Und unruhvoll an Wehklagen weidet sich das Herz.
Zu Fetzen riß ich linnenes
Geweb' in wildem Schmerz entzwei;
[Vers 40] Mein brusthüllender Flor hängt los am Gewande,
Rings zerschlitzt von herbem Leid.

Erste Gegenstrophe.

Wahnsinn, der hell die Haare sträubt,
In Träumen Zukunft offenbart, im Schlafe Wut
Aushaucht, erhob um Mitternacht im Hause
[Vers 45] Lauten Klageruf der Angst
Und kam ins Frau'ngemach grauenschwer hereingestürzt.
Des Traumes Deuter, deren Spruch
Als wahr der Götter Geist verbürgt,
Riefen: »Voll Unmut schau'n die drunten im Grabe
[Vers 50] Zürnend ihre Mörder an.«

Zweite Strophe.

Sie strebt mit solcher Liebe liebelos das Leid
(O Erdreich, o Mutter!) abzuwehren, sendet
Mich, – das frevle Weib! Mir graut's,
Auszusprechen solches Wort.
[Vers 55] Wo gibt es Sühne, wenn zur Erde floß das Blut?
O gramumlagert Königshaus!
O jammervoll entlaubter Stamm!
Ein Grau'n den Menschen, sonnenlos
Schwebt düstre Nacht über dem Haus,
[Vers 60] Wo der Herrscher entseelt lag.

Zweite Gegenstrophe.

Die nie bezwung'ne, nie gebeugte Siegerin,
Die Scheu, die des Volkes Ohr und Herz erfüllte,
Schwindet nun dahin: denn wer
Fürchtet noch? Das Glück allein,
[Vers 65] Das ist der Gott der Menschen, ist noch mehr als Gott.
Doch einen rafft am hellen Tag
Des Rechtes Wage schnell dahin;
Den drückt sie machtvoll, säumend zwar,
Im Dämmerlicht nieder in Staub;
[Vers 70] Den hüllt ewige Nacht ein.

Dritte Strophe.

Der Strom des Blutes, den die Mutter Erde trank,
Gerann zum Rächermale, das nicht mehr zerfließt.
Der Fluch, grimmvoll, zerreißt, zerfleischt
Den Mörder, daß ihn Jammer ohne Maß umwogt.

Dritte Gegenstrophe.

[Vers 75] Wer keusche Brautgemächer kühn erstürmt, wird nie
Gesühnt; und strömten alle Ström' auf einer Bahn
Vereint, mordroter Hände Fluch
Hinwegzuspülen: strömten all' umsonst daher.

Schlußgesang.

Doch ich, (denn zwiefache Not legten mir
[Vers 80] Die Götter auf: fern vom Vaterhause
Führten sie mich fort ins Joch der Knechtschaft,)
Ich muß die Zwingherr'n loben, wie mein Los gebeut,
Ob Recht sie thun, ob Böses, muß den bittern Haß
Im Herzen zähmen und bewein' im Schleier still
[Vers 85] Des Herrschers unseliges
Geschick, in tiefverhalt'nem Seelenleid erstarrt.

Elektra.

Ihr Mägde, die ihr alles wohl bestellt im Haus,
Ihr seid mit mir gekommen, dieses Opferzugs
Geleiterinnen, also gebt mir euren Rat.
[Vers 90] Die frommen Spenden auf das Grab verströmend hier,
Wie soll ich ziemend reden? Wie zum Vater fleh'n?
Sagt, nenn' ich's eine Gabe, die das teure Weib
Dem teuren Mann, die meine Mutter ihm bestimmt?
Dazu gebricht mir aller Mut, mir fehlt das Wort,
[Vers 95] Verström' ich diese Spenden auf des Vaters Grab.
Oder soll ich sagen, wie's Gebrauch der Menschen ist,
Vergelten mög' er jenen, die den Kranz ihm weih'n,
Mit einer Gabe, die der Bösen würdig sei?
Oder soll ich schweigend, schmählich, wie mein Vater selbst
[Vers 100] Umkam, den Trank ausgießen, den die Erde trinkt,
Und flieh'n, wie einer, der von Greueln sich gesühnt,
Rückwärts die Schale werfend, abgewandten Blicks?
In diesen Zweifeln ratet mir, geliebte Frau'n!
Denn uns verfolgt ja gleicher Haß in diesem Haus.
[Vers 105] Verschließt es nicht im Herzen, irgendwie besorgt!
Denn sein verhängtes Schicksal trifft den Freien ja,
Wie jenen, der von fremdem Arm bewältigt ward.
So redet, wenn ihr bessern Rat als diesen wißt!

Die Chorführerin.

Ich rede, (du gebeutst ja,) wie's vom Herzen kommt;
[Vers 110] Denn als Altar verehr' ich deines Vaters Grab.

Eléktra.

Sprich denn, gemäß der Ehre, die du diesem zollst!

Die Chorführerin.

Dein Opfer spendend, segne die gewogen sind!

Elektra.

Wen aus der Zahl der Seinen darf ich nennen so?

Die Chorführerin.

Zuerst dich selbst und jeden, der Ägísthos haßt.

Elektra.

[Vers 115] Für mich und dich denn sprech' ich aus den Segenswunsch?

Die Chorführerin.

Du selbst erwäge dieses; denn du weißt es ja.

Elektra.

Und welchen andern füg' ich noch zu diesem Bund?

Die Chorführerin.

Gedenk' Oréstens, weilt er auch in fremdem Land.

Elektra.

Vor allen! Keine schlimme Mahnung gibst du mir.

Die Chorführerin.

[Vers 120] Und dann den Mördern, wann du denkst an jenen Mord –

Elektra.

Was sag' ich ihnen? Melde mir's, ich weiß es nicht!

Die Chorführerin.

Es komm' ein Dämon oder Mensch einst über sie –

Elektra.

Wie? Der sie richten oder der ihn rächen wird?

Die Chorführerin.

Einfach verkünde: welcher Mord mit Mord vergilt!

Elektra.

[Vers 125] Und das erfleh'n von Göttern, ist's kein Frevel mir?

Die Chorführerin.

Dem Feind mit Bösem lohnen, das geziemte nicht?

Elektra.

Du höchster Herold drunten und am Sonnenlicht,
Hérmes im Abgrund, höre mich, und wecke mir
Des Totenreiches Götter, daß sie mein Gebet
[Vers 130] Erhören, huldvoll blicken auf mein Vaterhaus
Mit ihr, der Erde, die von allem Mutter ist
Und was sie aufzog, wiederum als Keim empfängt.
Ich ströme diesen Weihetrank den Toten aus
Und rufe: Vater, schaue mitleidvoll auf mich
[Vers 135] Und deinen Sohn Orestes, daß wir wiederum
Zurück den Teuren führen in der Väter Haus!
Denn flüchtig unstät irren wir und wie verkauft
Von uns'rer Mutter, und zum Manne hat sie sich
Ertauscht Ägisthen, welcher dich mit ihr erschlug.
[Vers 140] Mich hält sie gleich der Sklavin, und Orestes lebt
Verbannt von seinem Erbe; sie voll Übermut,
Sie schwelgen hoch in deiner Mühen reicher Frucht.
Ich flehe dir, mein Vater, daß Orestes uns
Im Glücke wiederkehre: du erhöre mich!
[Vers 145] Mir selbst vergönne, daß ich tugendhafter sei,
Als meine Mutter, meine Hand unsträflicher!
Für uns erfleh' ich solches, für die Feinde dies,
Daß einer auferstehe, der dich, Vater, rächt,
Und nach Gebühr den Mördern Blut mit Blut vergilt!
[Vers 150] Und dieses flecht' ich mitten ein dem guten Wunsch
Und rufe diesen bösen Wunsch auf sie herab.
Uns sende du des Segens Füll' empor, mit dir
Die Götter, Erd' und Díke, die den Sieg verleiht!
Zu solchen Bitten ström' ich aus den Weihetrank.
[Vers 155] Laßt ihr in Trauertönen nun den Klageruf
Erblüh'n, des Toten Grabgesang, nach altem Brauch!

(Während des folgenden Chorgesanges spendet Elektra auf das Grab.)

Erster Halbchor.

Strophe.

Weint mit Schluchzen die schwindende Thräne
Ihm, der schwand, unserm Herrn,
Indes die fromme Spende strömt,
[Vers 160] Die sühnend Heil und Segen schafft
Und abwehrt den Fluch! Vernimm unser Fleh'n,
Hör' es, o Herr, das Fleh'n aus der umwölkten Brust!

Zweiter Halbchor.

Gegenstrophe.

Jammer ruf' ich, o Jammer, o Grauen!
Welcher speerkühne Held
[Vers 165] Wird dieses Hauses Retter sein,
Ein Schlachtengott, der sein Geschoß
In Kampfs wilder Hast weit ausholend schnellt
Oder im nahen Streit das Schwert blutig schwingt?

Elektra.

Des Vatergrabes Erde trank die Spende nun.
[Vers 170] Jetzt hört das neue Wunder, das sich hier begab!

Die Chorführerin.

O rede! Wild im Busen wogt mein Herz vor Angst.

Elektra.

Nun, – eine Locke seh' ich auf dem Grabe hier.

Die Chorführerin.

Von welchem Mann, von welcher hochgeschürzten Frau?

Elektra.

Durch sich're Schlüsse findet das ein jeder aus.

Die Chorführerin.

[Vers 175] Belehre denn mich Ältre du, die Jüngere!

Elektra.

Wohl konnte niemand außer mir die Locke weih'n.

Die Chorführerin.

Die, denen sonst es ziemte; sind dem Toten feind.

Elektra.

Und dennoch hat die Flechte gar viel Ähnlichkeit –

Die Chorführerin.

Mit welchem Haupthaar? Gerne wohl vernähm' ich das.

Elektra.

[Vers 180] Mit meinen eig'nen Haaren ist sie sehr verwandt.

Die Chorführerin.

So mag sie heimlich ein Geschenk Orestens sein.

Elektra.

Wohl sieht sie seinem Lockenhaar am ähnlichsten.

Die Chorführerin.

Wie? Hätte der hierherzukommen sich erkühnt?

Elektra.

Er sandte wohl dem Vater seiner Locke Gruß.

Die Chorführerin.

[Vers 185] Nicht minder schmerzvoll acht' ich's, wenn nach diesem Wort
Sein Fuß das Land hier nimmerdar betreten soll.

Elektra.

Auch mir ergoß sich düst'rer Galle Flut ins Herz;
Es traf mich gleich dem Pfeile, der die Brust durchbohrt,
Und aus der Augen trock'nem Quell stürzt ungehemmt
[Vers 190] Der Thränentropfen brandend aufgeregtes Meer,
Nun ich die Locke sehe! Denn wie hofft' ich wohl,
Ein Bürger sonst hier nenne sie sein Eigentum?
Und nimmer schnitt sich dieses Haar die Mörderin,
Ha, meine Mutter, die, des Mutternamens ganz
[Vers 195] Unwert, ein gottvergess'nes Herz den Kindern zeigt!
Doch offen auszusprechen, wie vermöcht' ich das,
Vom liebsten aller Menschen, von Orestes sei
Dies Totenopfer? Zwar die Hoffnung schon erfreut.
Ach!
O daß sie sprechen könnte, klar, dem Boten gleich;
[Vers 200] Dann würd' ich nicht von Zweifeln hin und her gewogt!
Mit offnem Abscheu würf' ich weg die Locke hier,
Wofern sie abgeschnitten war von Feindeshaupt,
Und, stammte sie vom Bruder, dann wehklagte sie
Mit mir, zum Preis dem Vater, als des Grabes Schmuck!
[Vers 205] Wohlan, die Götter rufen wir, sie wissen ja,
In welchen Sturmeswirbeln wir, Meerschiffern gleich,
Umtreiben! Dennoch, sollen wir gerettet sein,
Dann sproßt aus kleinem Samen auch ein großer Stamm.

(Sie steigt hastig die Stufen des Grabhügels hinab.)

Doch nun – ein zweites Zeichen, seht die Tritte da
[Vers 210] Von gleichen Füßen, ähnlich ganz den meinigen!
Denn zweier Füße Spuren find' ich eingedrückt,
Des Bruders hier und eines Fahrtgenossen dort.
Und mess' ich Sohlen und der Fersen Riß genau,
So passen seine Tritte ganz in meinen Fuß.
[Vers 215] Wie faßt mich Angst, Irrsal umwölkte meinen Geist!

(Orestes und Pýlades treten aus ihrem Hinterhalte hervor.)

Orestes.

(Zu Elektra tretend.)

Gelobe du den Göttern frommen Dank zu weih'n,
Und fleh' um Himmelssegen auch fürs andere!

Elektra.

Was hätte Göttergnade denn mir schon gewährt?

Orestes.

Vor Augen steht dir, was du dir vorlängst erfleht.

Elektra.

[Vers 220] Und welchen Menschen weißt du, daß ich sehnend rief?

Orestes.

Ich weiß, Oresten hast du heiß und oft ersehnt.

Elektra.

Und wie denn also wäre mein Gebet erfüllt?

Orestes.

Ich bin es; suche keinen, der dir teurer ist!

Elektra.

Mit einem Truge, Fremdling, wohl umstrickst du mich?

Orestes.

[Vers 225] Zu meinem eig'nen Leide spänn' ich solchen Trug.

Elektra.

Du willst des Unheils spotten, das mich niederdrückt?

Orestes.

Auch meines Unheils, spottet' ich des deinigen!

Elektra.

Du bist Orestes? Also sprach ich jetzt mit dir?

Orestes.

Nun siehst du doch mich selber und erkennst mich nicht.
[Vers 230] Erst als du hier des Trauerhaares Locke sahst
Und spähend maßest meiner Tritte Spur, da flog
Dein Herz vor Freude, weil du glaubtest mich zu seh'n.
Hier lag die Locke – prüfe nur den Schnitt des Haars! –
Am Haupt des Bruders, welches ganz dem deinen gleicht:
[Vers 235] Betrachte dies Gewebe, deiner Hände Werk,
Des Weberschiffchens Marken, hier der Tiere Bild! –

(Da Elektra sich sehr betroffen zeigt.)

Halt ein, im Freudentaumel sei nicht außer dir!
Ich weiß, die nächsten Freunde sind uns bitterfeind.

Elektra.

Du banger Sorge liebstes Pfand dem Vaterhaus,
[Vers 240] Beweinte Hoffnung auf der Rettung letztes Reis!
Durch Mut gewinnst du wiederum dein Ahnenhaus.
O süßes Auge, dir gebührt vierfacher Teil
An mir: des Vaters Name kommt dir zu von mir,
Und dein gehört die Liebe, die der Mutter erst
[Vers 245] Gebührte, – denn ich hasse sie mit vollem Recht –
Dein auch der Schwester Liebe, die geopfert ward;
Und treuer Bruder bist du, Licht in meiner Nacht!
O stehe Kraft nur, stehe dir Gerechtigkeit
Zur Seite, samt dem dritten Allergrößten, Zeus!

Orestes.

[Vers 250] Zeus, Zeus, auf mein Beginnen schau' huldreich herab!
O sieh des Adlers arme, vaterlose Brut,
Der unterging in Schlingen und Umwindungen
Der grauenvollen Natter! Sein verwaist Geschlecht
Quält bitt're Not des Hungers; denn des Vaters Raub
[Vers 255] Ins Nest emporzutragen, fehlt ihm noch die Kraft.
In gleicher Weise kannst du mich und diese hier,
Elektra mein' ich, schau'n, den vaterlosen Stamm,
Von Haus verstoßen beide durch denselben Fluch.
Und wenn des Vaters Kinder du vertilgt, der einst
[Vers 260] So hoch mit Opfergaben dich geehrt: woher
Empfängst du dann so reicher Hände vollen Dank?
Des Adlers Haus vertilgend, kannst du nimmermehr
Glaubhafte Zeichen senden an die Sterblichen,
Noch, wenn er ganz verdorrte, weiht der Herrscherstamm
[Vers 265] Auf deinem Altar Stiere dir am Opferfest.
Hilf uns: mit leichter Mühe hebst du hoch ans Licht
Das Haus, das jetzt in tiefe Nacht versunken scheint!

Die Chorführerin.

O Kinder, eures Vaterhauses Retter ihr,
Seid still, damit euch keines Lauschers Ohr vernimmt,
[Vers 270] Und vielgeschwätzig alles dies den Herrschern dort
Verkündet! Könnt' ich diese doch einst enden seh'n
Im pechgetränkten Qualmgewölk der Flammenglut!

Orestes.

Nie, wahrlich, täuscht mich Phöbos' allgewaltiger
Orakelspruch, der solches Wagnis mir gebot,
[Vers 275] Der laut mich aufrief, und in heißdurchglühter Brust
Sturmvoller Qualen Marter mir verkündigte,
Wenn meines Vaters Mörder ich nicht züchtige
Und nicht die Frevler morde durch denselben Mord,
Da schon des Vatererbes Raub zur Rache trieb.
[Vers 280] Ich werde, wenn ich säumte, sprach der Gott, es einst
Am eig'nen Herzen büßen durch viel herbes Leid.
Der Götter Zorn zu sühnen, soll aus karger Flur
Mißwachs die Völker strafen, und Krankheiten uns:
Aussatz, der tief im Fleische sich mit grimmem Zahn
[Vers 285] Einwühlt und wild der Sehnen alte Kraft verzehrt,
Und weißes Haupthaar zeuge sich aus solcher Pest.
Noch andern Fluch, den aus des Vaters Blut dereinst
Der Eumeníden Rache zeugt, enthüllt' er mir,
Der hell im Dunkel droh'nde Brau'n ihn regen sah.
[Vers 290] Denn jener nächtlichdunkle Pfeil der Toten, die
Der Blutsverwandten frevle Hand gemordet hat,
Wahnsinn und hohler Träume Schreck aus düst'rer Nacht,
Jagt auf, erschüttert und verfolgt aus Stadt und Land
Mit eh'rner Geißel dieses fluchbelad'ne Haupt.
[Vers 295] Wer solcher Art ist, darf am Bechermahle nicht
Anteil verlangen, noch an frommer Spenden Trank;
Vom Tempel stößt des Vaters unsichtbarer Groll
Ihn aus, und niemand badet und bewirtet ihn.
Freundlos, verschmäht von allen, stirbt er einst dahin,
[Vers 300] Schmachvoll verzehrt von tiefsten Elends Jammerlos.
Solch einem Gottesspruche muß man wohl vertrau';
Und wenn ich auch nicht traute, muß die That gescheh'n.
Denn viele Wünsche drängen sich vereint an mich:
Des Gottes Ausspruch und des Vaters großes Leid,
[Vers 305] Dazu der Armut schwere Not verwehren mir's,
Das Volk von Árgos, aller Völker edelstes,
Das Trója glorreich niederwarf mit Heldenkraft,
Zwei Weibern also schmählich unterthan zu seh'n!
Denn weibisch ist er! Irr' ich, bald erfahren wir's.

Die Chorführerin.

[Vers 310] O gewaltige Schicksalsmächte, mit Zeus
Vollendet es so,
Wie das Recht mitwandelnd den Pfad zeigt!
»Für feindliches Wort sei feindliches Wort
Vollgültiger Lohn!« ruft Dike, die Schuld
[Vers 315] Einfordernd, mit mächtiger Stimme.
»Für blutigen Mord sei blutiger Mord
Als Buße gesetzt! Wer frevelte, büßt!«
So sagen die Sprüche der Väter.

Erste Strophe.

Orestes.

Vater, verlorener Vater, was
[Vers 320] Soll ich thun, was sagen
Und aus der Ferne dir hinab,
Wo dich die Gruft umfangen,
Licht bringen in Grabesdunkel?
Wohl tönt das Leid auch,
[Vers 325] Átreus' Söhne verherrlichend,
Süße Wonne dem Toten.

Zweite Strophe.

Erster Halbchor.

O Kind, des Abgeschied'nen Geist bewältigt niemals
Zermalmenden Feuers Zahn;
Spät noch zeigt er den Ingrimm.
[Vers 330] Den Entseelten feiert Wehruf,
Und am Licht erscheint der Mörder.
Der gerechte Laut des Jammers
Um die Väter späht, im Sturme
Hervorbrausend, der Rache Pfad aus.

Erste Gegenstrophe.

Elektra.

[Vers 335] Höre denn, Vater, auch meines Grams
Thränenreiche Klage!
An deinem Grabe klagt von zwei
Kindern ein Lied der Trauer.
Sie stehen verbannt und schutzlos
[Vers 340] Vor deiner Gruft hier.
O gramreiches, o herbstes Leid!
Siegt denn ewig das Unheil?

Die Chorführerin.

Doch es wandelt ein Gott wohl, wenn's ihm gefällt,
Noch den Trauergesang in ein froheres Lied,
[Vers 345] Und für Töne des Leids, die hallen am Grab,
Führt jubelnder Schall in den Königspalast
Dir den wiedergefundenen Freund ein.

Dritte Strophe.

Orestes.

Daß du vor Troja doch
Starbst, o Vater, hinweggerafft
[Vers 350] Vom Wurfspeer eines Tróerjünglings!
Du ließest Ruhm deinem Haus zum Erbteil
Und bautest dem Pfade
Der Kinder neidwertes Glück auf,
Und es prangte dein Grabmal
[Vers 355] Hoch drüben am Meer in Tróas,
Tröstend daheim die Deinen!

Zweite Gegenstrophe.

Zweiter Halbchor.

Du lägst ein Freund bei Freunden, die dort rühmlich sanken,
Noch unter der Erde groß
Als ehrwürdiger Heerfürst
[Vers 360] Und im Hádes dort ein Priester
Der gewalt'gen Schattenherrscher.
Denn auf Erden warst du König,
Der das höchste Los vom Schicksal,
Den volklenkenden Stab, empfangen.

Dritte Gegenstrophe.

Elektra.

[Vers 365] Nein, vor den Mauern von
Troja durftest du, Vater, nicht,
Vom Speer gleich anderm Volk erschlagen,
Bestattet sein, wo Skamándros' Flut rollt!
Nein, bluteten eher
[Vers 370] Die Mörder dort, daß die Kunde
Des vernichtenden Schicksals
Uns scholl in die Ferne! Nicht mehr
Müßten wir also dulden.

Die Chorführerin.

Traun, köstlicher, Kind, als Schätze des Golds,
[Vers 375] Ja, seliger, als hyperbórisches Glück,
Ist, was du dir klagend erbittest.
Doch doppelt umsaust dumpfhallender Schlag
Von der Geißel mein Ohr; in der Erde ja ruht,
Der schirmte das Haus, und der Herrschenden Hand,
[Vers 380] Der Verhaßten, befleckt der entsetzliche Mord;
Und das Bitterste dulden die Kinder!

Vierte Strophe.

Elektra.

Scharf, ein durchdringender Pfeil,
Traf mir die Rede das Ohr.
Zeus, der aus tiefer Nacht aufwärts
[Vers 385] Späten Gerichtes Fluch schickt
Der kühnfrevelnden Hand des Mörders,
Gleiches vollende für meinen Vater!

Fünfte Strophe.

Erster Halbchor.

Wie gern, ach! säng' ich einst bei Fackelschein
Jubelnd über des Mannes Leiche,
[Vers 390] Über dem Blut des Weibes,
Sanken sie hin! Warum denn
Bärg' ich es, wie's im Busen
Mir aufstürmt, wie heiß um das Opfer
Zornschwer aufwallender Haß
[Vers 395] Vor der entbrannten Seele wogt?

Vierte Gegenstrophe.

Orestes.

Wann mit gewaltigem Arm
Trifft sie der selige Zeus,
Wird, ach! ihr Haupt hinabschmettern?
Werde dem Land das Seine!
[Vers 400] Das Recht fleh' ich herbei für Unrecht.
Hört es, ihr Herrscher im Reich der Toten!

Die Chorführerin.

Wohl ist ein Gesetz, daß Tropfen des Bluts,
Das die Erde getränkt, Blut fordern um Blut.
Denn der Mord ruft laut die Erínnys herbei,
[Vers 405] Die anderen Fluch zu dem Fluche gebiert,
Der dem früheren Mord sich gesellte.

Sechste Strophe.

Elektra.

Wo seid ihr denn, des Hades Mächte, wo?
Ihr, der Geopferten allmächtige Flüche, schaut!
Das letzte Reis seht von Átreus' Stamme, seht
[Vers 410] Uns ohne Rat, ehrenlos,
Von Haus verbannt! Zeus, wohin uns wenden?

Fünfte Gegenstrophe.

Zweiter Halbchor.

Das Herzblut kocht mir stürmend wieder auf,
Weil ich höre den bangen Wehruf.
Und es erlischt die Hoffnung,
[Vers 415] Dunkel umwölkt den Geist mir,
Hör' ich das Wort des Jammers.
Doch bald wieder hebt sich gewaffnet
Mein Mut; dann schwindet der Gram,
Heiter erglänzt der helle Tag.

Sechste Gegenstrophe.

Orestes.

[Vers 420] Welch Wort wohl trifft es? Nenn' ich alles Leid,
Das wir erduldet von ihr, die mir das Leben gab?
Doch nimmermehr stirbt der Wurm, wühlt ewig fort.
Denn gleich des Wolfs grimmer Wut,
Grollt dieses Herz unversöhnt der Mutter.

Siebente Strophe.

Elektra.

[Vers 425] Sie traf mit grausen Schlägen ihn, der kíssischen
Blutlechzenden Waffendirne gleich;
Unabgesetzt in wildem Wechsel jagte sich,
Weitausgeholt, dumpfhallend ihres Armes Schlag,
Hoch nieder, jäh' hernieder; dröhnend scholl dazu,
[Vers 430] Von meinem Streich getroffen, mein unselig Haupt.
O Grau'n! Feindliche,
Ruchlose Mutter, wie der Feind den Feind begräbt,
Begrubst du frech deinen Herrn
Ohn' all Gefolg', unbeweint,
[Vers 435] Ohn' alle Wehklage deinen Gatten.

Achte Strophe.

Orestes.

Die ganze Schmach hast du mir verkündet!
Doch büßen soll sie die Schmach des Vaters:
Auf Götterwink kann ich trau'n,
Auf diesen Arm kann ich bau'n!
[Vers 440] Erschlug ich sie, raffe mich der Tod hin!

Achte Gegenstrophe.

Elektra.

Verstümmelt ward, höre noch, sein Leichnam,
Begraben so, wie sie ihn erschlagen;
Sie sann für dein Leben Tod,
Der Schmerzen schmerzvollsten, aus.
[Vers 445] Du hörst das schmachvolle Leid des Vaters.

Siebente Gegenstrophe.

Orestes.

Du nennst des Vaters schnödes Los.

Elektra.

Ich floh davon,
Für nichts geachtet, schmachbedeckt.
Hinausgestoßen, einem räudigen Hunde gleich,
Vergaß ich bald das Lachen, brach in Thränen aus,
[Vers 450] Froh, wenn ich nur den zährenreichen Gram verbarg.
Was du vernommen, schreibe tief ins Herz dir ein;
Durchs Ohr bohre sich
Die Kunde dir in deiner Seele stillen Grund!
Wie du gehört, so geschah's:
[Vers 455] Dem andern forsche selber nach!
Du mußt auf sie furchtlos kühn dich stürzen.

Neunte Strophe.

Orestes.

Dich ruf' ich an, Vater: hilf den Deinen, hilf!

Elektra.

In deinen Ruf stimm' ich unter Thränen ein.

Der Chor.

Wir allzumal stimmen ein in diesen Ruf;
[Vers 460] O höre, steig' ans Licht herauf,
Wider die Feinde hilf uns!

Neunte Gegenstrophe.

Orestes.

So steht im Kampf Macht mit Macht und Recht mit Recht!

Elektra.

Ihr Götter, auf! Schaffet Recht nach vollem Recht!

Der Chor.

Mich überschleicht Zittern, hör' ich dein Gebet.
[Vers 465] Längst harrt des Schicksals dunkles Los:
Fleht ihr darum, erfüllt sich's.

Zehnte Strophe.

Erster Halbchor.

Ha, des Geschlechtes Fluch!
Blutiger Schlag des Unheils,
Gellend in grausem Mißton!
[Vers 470] O schwerlastendes Grau'n des Jammers!
O nie rastender Schmerz der Trübsal!

Zehnte Gegenstrophe.

Zweiter Halbchor.

Nicht aus der Ferne kommt
Rettendes Heil dem Hause;
Nein, es erlöst sich selbst nur,
[Vers 475] Wenn der blutige Streit sich fortspinnt.
Also singen die Götter drunten.

Die Chorführerin.

Ihr Seligen, die ihr im Abgrund herrscht,
Hört dieses Gebet und gewährt huldreich
Beistand zu dem Siege den Kindern!

Orestes.

[Vers 480] O Vater, der nicht königlichen Todes starb,
Ich flehe, gib mir deines Hauses Macht zurück!

Elektra.

Auch ich, o Vater, flehe dir: laß mich entflieh'n,
Nachdem Ägisthos grausen Tod durch mich empfing!

Orestes.

Dann werden Feiermahle dir nach frommem Brauch
[Vers 485] Geheiligt; säumst du, feiert dich kein Opfermahl,
Wovon des Landes Herde glüh'n am Totenfest.

Elektra.

Und ich, – von meinem Erbe will ich Spenden dir
An meinem Brautfest aus dem Vaterhause weih'n,
Will hier vor allem deine Gruft verherrlichen.

Oréstes.

[Vers 490] Den Vater, Erde, sende mir, den Kampf zu schau'n!

Eléktra.

O Persephássa, leihe du glorreichen Sieg!

Orestes.

Des Bades denke, Vater, das dich mordete!

Elektra.

Des Netzes denke, das dich eingeweiht zum Tod!

Orestes.

In Bande, nicht aus Erze, schlug man, Vater, dich!

Elektra.

[Vers 495] Im Schlinggewebe, das sie schmachvoll ausgedacht!

Orestes.

Erwachst du nicht, o Vater, über diese Schmach?

Elektra.

Hebst nicht vom Schlummer dein geliebtes Haupt empor?

Orestes.

Send' uns, den Deinen, Díke zur Mitstreiterin,
Vergeltend sende gleiches Los den Mördern zu,
[Vers 500] Wenn du, der überwund'ne, wieder siegen willst!

Elektra.

Vernimm, o Vater, diesen letzten Hilferuf,
Sieh' deine Kinder sitzen hier an deinem Grab!
Des Sohn's, der Tochter Klage nimm erbarmend auf,
Vertilge nicht der Pelopíden edles Haus!

Orestes.

[Vers 505] Dann bist du nicht gestorben, ob du starbest auch.
Denn Kinder sind dem toten Vater rettender
Nachruhm; dem Kork gleich tragen sie das Netz empor,
Der fern vom Meeresgrunde hält des Leins Gespinst.

Elektra.

Vernimm; um deinetwillen tönt der Klageruf!
[Vers 510] Dein eig'nes Heil ist's, wenn du dies Gebet erhörst.

Die Chorführerin.

Vollendet habt ihr euer Lied mit frommem Sinn,
Sein Grab, sein unbeweintes Los verherrlichend.
Zur That bereitet, gürte dich, das andre nun
Hinauszuführen, bauend auf des Glückes Huld!

Orestes.

[Vers 515] Es sei! Doch ab vom Wege liegt die Frage nicht,
Weshalb sie Spenden sandte, was sie noch so spät
Antrieb zur Sühne solcher unheilbaren Schuld?
Dem Toten, der's nicht achtet, ward ein feiger Gruß
Zum Grab gesendet; nicht zu deuten weiß ich es;
[Vers 520] Denn diese Gaben wiegen nicht den Frevel auf.
Und wolltest du für eine Blutschuld alles auch
Hinopfern, eitle Mühe wär's: so sag' ich frei.
D'rum, weißt du's, offenbare mir's auf meinen Wunsch!

Die Chorführerin.

Ich weiß es, war zugegen: durch nachtwandelnde
[Vers 525] Schreckbilder, Traumgesichte, Kind, emporgeschreckt,
Hat diese Spenden hergesandt die Frevlerin.

Orestes.

Könnt ihr den Traum erzählen, wißt ihr ihn genau?

Die Chorführerin.

Ein Drache wand sich, sagt sie selbst, aus ihrem Schoß.

Orestes.

Und welchem Ziele wendet sich die Sache zu?

Die Chorführerin.

[Vers 530] Sie hüllt' ihn ein in Windeln, einem Kinde gleich.

Orestes.

Nach welcher Nahrung sehnte sich die junge Brut?

Die Chorführerin.

Sie reichte selbst ihm ihre Brust im Traume dar.

Orestes.

Und blieb ihr Busen unversehrt vom Ungetüm?

Die Chorführerin.

Nein, samt der Milch sog's dichte Klumpen Blut hinein.

Orestes.

[Vers 535] Kein eitles Traumbild sendet ihr der Gatte zu.

Die Chorführerin.

Da schrie sie, wild aus tiefem Schlummer aufgeschreckt.
Zahlreich erhellten, ausgelöscht in düst'rer Nacht,
Den Saal die Leuchten auf Geheiß der Königin.
Sofort zum Grabe sendet sie die Spenden hier,
[Vers 540] Und hofft von ihnen sich're Wehr für ihre Not.

Orestes.

So fleh' ich, Erde, Vatergruft, dich fleh' ich an.
Das Ziel vollenden möge mir das Traumgesicht!
Ich deut' es also, daß es wohl eintreffen muß.
Denn wenn demselben Mutterschoß, wie ich, entstammt,
[Vers 545] In meine Windeln eingehüllt der Drache lag,
Dieselbe Brust umgähnte, die mich einst genährt,
Und Klumpen Bluts einsaugte samt der Muttermilch,
Daß sie, von Angst ergriffen, laut aufschrie vor Schmerz:
Dann muß sie wahrlich sterben, die solch grause Brut
[Vers 550] Ernährt, gewaltsam sterben; ich, ein Drache selbst,
Ermorde sie, wie jenes Traumbild kundgethan.
Du sei der Zeichendeuter mir für solchen Traum!

Die Chorführerin.

Gescheh' es also! Weiter gib den Freunden an:
Wen willst du handelnd wissen, wen unthätig seh'n?

Orestes.

[Vers 555] Ich sag' es einfach. Du, Elektra, gehst hinein;
Doch birgst du klüglich, was ich abgeredet hier,
Daß, wie sie listig hingewürgt den hohen Herrn,
Sie listig auch gefangen in demselben Netz
Hinsterben, wie's auch Lóxias verkündigte,
[Vers 560] Der Fürst Apóllon, dessen Spruch noch nie getäuscht.
Gleich einem Fremdling, ganz in Wandertracht gehüllt,
Tret' ich zum Thor des Hofes – hier mit Pýlades,
Des Hauses alter Gastgenoß und Waffenfreund.
Wir beide sprechen in Parnássos' Sprache dann
[Vers 565] Und ahmen nach der Phókerzunge fremden Laut.
Da dürfte wohl kein Pfortenhüter freundlich uns
Empfangen, weil das ganze Haus in Freveln rast.
So werden wir denn harren, bis ein Mann der Stadt,
Am Haus vorüberwandelnd, uns gewahrt und spricht:
[Vers 570] »Warum am Thore wehrt er ab den Flehenden,
Ägísthos? Ist er innen doch und weiß darum!«
Und wenn des Vorhofs Schwelle dann ich überschritt,
Und finde jenen auf des Vaters hohem Thron
Und er herabsteigt, wider mich Mund gegen Mund
[Vers 575] Zu reden, höhnend stolzen Blicks: ich schwöre dir,
Bevor er fragt: »Von wannen, Fremdling?« streck' ich ihn
Tot hin, im Fluge schwingend mein gezücktes Erz.
Dann trinkt Erínnys, welche stets nach Morde lechzt,
Das ungemischte laut're Blut, den dritten Trunk.

(Zu Elektra.)

[Vers 580] Du habe nun im Hause wohl auf alles acht,
Daß uns're Wagnis ungehemmt ihr Ziel erreicht!

(Zum Chor.)

Euch mahn' ich, Frau'n, gebietet eurer Zunge, schweigt,
Wo Schweigen not ist, redet, was zum Frommen dient!
Das and're stell' ich dieses Gottes Hut anheim,
[Vers 585] Der mich des Schwertes großen Kampf bestehen hieß.

( Orestes und Pylades ab auf der Straße der Fremde, Elektra in die Frauenwohnung.)

Wechselgesang des Chores.

Erste Strophe.

Erde nährt wunderbar
Grause Schrecken ohne Zahl;
Tief in Meers düsterm Schoß wimmelt manch
Grauenvoll Ungeheuer,
[Vers 590] Der Menschen Feind; zwischen Erd' und Himmel hoch
Sproßt der Blitze flammend Licht;
Vogel in Höh'n und die Tiere des Waldes erzählen
Von der Windsbraut jähem Zorn.

Erste Gegenstrophe.

Doch des Mann's überkeck
[Vers 595] Frechen Sinn, wer spricht ihn aus?
Wer des Weib's argen tollkühnen Mut,
Dies allfreche Buhlen
Der Liebeslust, die dem Fluch sich gattend rast?
Auch der Ehe holden Bund
[Vers 600] Löst ja bei Tieren und Menschen das Weib, wenn die Liebe
Liebelos ihr Herz besiegt.

Zweite Strophe.

Merkt auf, wenn ihr nicht in leichtem Sinn
Flattert, eitler Art,
Wie dort Théstios'
[Vers 605] Arge Tochter, wie die Kindsmörderin
Tückevoll den Brand ersonnen!
In Glut warf sie todschnaubend des Sohnes
Lebensfackel, die, seit er bang
Ihrem Schoß sich entwunden,
[Vers 610] Ihn durchs Leben geleitete
Bis zum Tage des Schicksals.

Zweite Gegenstrophe.

Auch dein werde stets in Haß gedacht,
Blut'ge Skýlla, dein,
Die, dem Feind zulieb,
[Vers 615] Einem Freunde gab den Tod, angelockt
Durch das gold'ne Kréterhalsband,
Durch Míno's Brautgabe gefangen.
Als er sorglos atmet' im Schlaf,
Schnitt die Freche dem Nísos
[Vers 620] Sein unsterbliches Haar vom Haupt:
Rächend findet sie Hérmes.

Dritte Strophe.

Doch nun ich so kundgethan so schweres Leid,
Was nennt' ich noch dieser Eh' unholden Bund,
Die der Fluch des Hauses ward,
[Vers 625] Und wie des Weib's arge Listen ihn umstrickt,
Den Mann im erzhellen Kleid,
Den Mann, der einst aller Feinde Schrecken war?
Was ehrt' ich noch diesen ausgebrannten Herd,
Der Unmacht feigen Weibesscepter?

Dritte Gegenstrophe.

[Vers 630] Vor allen Unthaten ragt im Lied hervor,
Was Lémnos' Frau'n übten, was, weithin beklagt,
Als ein Fluch gilt; doch mit Recht
Wird dieser Greu'l Lemnos' Unthat gleich gestellt.
Durch blut'ge Schuld, die den Haß
[Vers 635] Der Götter weckt, sinkt ein Menschenstamm in Schmach.
Denn keiner mag ehren, was ein Gott verwarf.
Gerecht, wahrhaftig sprach mein Mund hier.

Vierte Strophe.

Das Schwert, gezückt auf Frevlerbrust,
Es stürmt grad' ein bitterscharf und mordet
[Vers 640] Durch Díke's Hand. In Staub hinab
Tritt ihr Fuß die Missethat,
Die sich von aller Furcht des Zeus frevelnd abgewendet!

Vierte Gegenstrophe.

Aus festem Grund ruht Dike's Stamm.
Das Richtbeil schärft ihr die Schmiedin Äsa;
[Vers 645] Und alten Mordes Greuelschuld
Sühnend, führt den Sohn zuletzt
Ins Haus zurück die hohe, stets wache Straferínnys.

( Orestes und Pylades kommen in Wandertracht mit einigen Begleitern wie aus der Fremde zurück und schreiten auf den königlichen Palast zu.)

Orestes.

(An die Pforte der Gastwohnung pochend.)

Bursch, höre, Bursch; am Außenthore wird gepocht!
Niemand daheim? Bursch, heda! ruf' ich abermals.
[Vers 650] Zum dritten Male ruf ich: Kommt einmal heraus,
Wenn nicht Ägisthos mürrisch uns das Haus verschließt!

Ein Diener.

(An der Pforte.)

Ja doch, ich höre! Wer, o Fremdling, und woher?

Orestes.

Freund, melde bei des Hauses hohen Herrn mich an,
Bei welchen ich mit neuen Kunden angelangt.
[Vers 655] Doch schnell! In dunklem Wagen eilt die Nacht heran;
Zeit ist es, daß der müde Wandersmann im Port
Der offnen Herberg' Anker wirft, um auszuruh'n.
Es komme jemand, der Gewalt im Hause hat, –
Die Frau des Hauses; doch der Mann kommt schicklicher!
[Vers 660] Dann führt ja nicht verleg'ne, scheue Scham das Wort
Und macht es dunkel; dreister spricht der Mann zum Mann,
Und deutlich, ohn' Umschweife, legt er Zeugnis ab.

(Der Diener ab. Bald darauf erscheint Klytämnéstra mit Begleitung.)

Klytämnestra.

Sagt, Freunde, wenn ihr etwas wünscht; hier steht bereit,
Was irgend solchem Hause nur geziemen mag:
[Vers 665] Ein warmes Bad, ein Lager, das die müde Kraft
Verjüngt, und bied'rer Augen treubesorgte Hut.
Doch wenn ihr andres wünschet, was Bedacht verlangt,
Das ist der Männer Sorge; die befragen wir.

Orestes.

Aus Phókis' Lande komm' ich her, ein Daúlier.
[Vers 670] Als ich, mit eig'nem Bündel nur beschwert, den Pfad
Herging nach Árgos, wie du hier mich kommen siehst,
Gesellte sich ein Fremder mir, dem Fremden, zu,
– Der Phoker Stróphios, im Gespräch erfuhr ich das, –
Forscht meinen Weg aus, nennt den seinen mir und spricht:
[Vers 675] »Da doch dein Gang, o Fremdling, dich nach Argos führt,
So meld' Orestes' Eltern, doch vergiß es nicht,
Den Tod Orestens: daß es dir ja nicht entfällt!
Ob dann die Seinen wollen, daß er heimgebracht,
Ob, daß er auswärts, wie verbannt auf immerdar,
[Vers 680] Bestattet werde, dessen bring' uns Kunde zu!
Denn jetzt bewahrt ein erzgetrieb'ner Aschenkrug
Des vielbeweinten Mannes Staub in seinem Schoß.«
Was ich vernommen, sagt' ich. Ob ich's aber auch
Den Rechten sage, denen es zu hören ziemt,
[Vers 685] Nicht weiß ich's; hören muß es wohl, wer ihn gezeugt.

Klytämnestra.

Ha, wie von Grund aus unser Glück zertrümmerte!
O Fluch, der unbezwinglich geht durch dieses Haus,
Wie waltest du so grausam, überwältigest
Fernher mit sichern Pfeilen auch das ferne Glück,
[Vers 690] Raubst meine Lieben alle mir Unseligen!
Nun auch Orestes, dem ein großer Wurf gelang, –
Denn ferne lenkt' er aus des Unheils Bahn den Fuß, –
Er löscht des Wonnesturmes Hoffnungsschimmer aus,
Der uns, ein Arzt im Leide, schon so nah geglänzt!

Orestes.

[Vers 695] O hätten doch Gastfreunde so glanzvollen Stamms
Um froher Botschaft willen mich als Freund erkannt,
Als holden Gast empfangen! Denn wer fühlte mehr,
Als solch ein Gastfreund, für den Gast in fremdem Land?
Doch frevelhaft erschien mir's, wenn ich solchen Fall
[Vers 700] Den Seinen nicht kundthäte, weil ich's doch versprach
Und hier als Gastfreund liebevoll empfangen ward.

Klytämnestra.

Nicht minder soll dir werden, was dein würdig ist,
Noch sollst du minder gelten als des Hauses Freund.
Die gleiche Botschaft brachte doch ein and'rer auch.
[Vers 705] Doch ist es Zeit, den Fremden alles Nötige
Herbeizuschaffen nach des Tages langem Weg.

(Zu einem Diener.)

Ihn führe hin zum gastlich off'nen Männersaal
Und, kommst du wieder, seine Fahrtgenossen auch;
Dort dann im Hause finden sie das Nötige.
[Vers 710] Vollzieh' es pünktlich; denn du haftest mir dafür.
Wir aber wollen alles dies des Hauses Herrn
Mitteilen und in unsrer Freunde treuem Kreis
Beraten, was in diesem Fall zu thun geziemt.

(Alle ab.)

Die Chorführerin.

Auf, Freundinnen, dienstbar waltend im Haus,
[Vers 715] Wann heben wir laut
Für Orestes unser Gebet an?
O heiliges Land und der heiligen Gruft
Erdwall, der nun des Gebieters im Meer,
Des gewaltigen Feldherrn, Asche bewahrt,
[Vers 720] Nun hör' uns, nun sei hilfreich uns!
Denn nun ist's Zeit,
Daß Péitho mit Trug in die Schranken sich stellt,
Und Hermes, der Nachtgott, ihn in den Kampf
Des vertilgenden Schwertes geleitet!

Kilíssa, die Amme des Orestes, kommt weinend aus der Frauenwohnung.)

[Vers 725] Der fremde Mann, so scheint es, hat Unheil gebracht.
Orestes' Amme seh' ich dort in Thränen nah'n.
Wo gehst du hin, Kilissa, durch des Hauses Thor?
Die Trauer folgt dir (bitt'rer Lohn!) auf deinem Pfad.

Kilissa.

Ägisthen, sagt die Herrin, soll ich ungesäumt
[Vers 730] Den Fremden herbescheiden, daß er deutlicher,
Der Mann vom Mann, die neue Kunde, die er bringt,
Mit eig'nen Ohren höre. Vor den Dienern hält
Sie hinter finstern Augenbrau'n die Freude zwar
Verborgen um das Frohe, das ihr widerfuhr
[Vers 735] Durch jene Botschaft, die der Fremdling hergebracht
Und die das Haus in namenloses Leid gestürzt.
Wohl wird Ägísthos hocherfreut, vernimmt er es,
Ob dieser Kunde jauchzen. Ich Unselige!
Wie hat von alten Zeiten her so vieles Leid,
[Vers 740] Das über Atreus' hohes Haus mit schwerem Schlag
Einbrach, das Herz im Busen mir geängstiget!
Doch nimmermehr erfuhr ich solchen Jammer noch.
Ich harrt' in allen Leiden sonst geduldig aus.
Doch daß Orestes, meiner Seele Lust und Leid,
[Vers 745] Den ich vom Mutterschoße nahm und auferzog
Mit all den Nachtunruhen, wenn er jammernd schrie,
Und all der vielen Mühe, die ich nun umsonst
Ertrug – – Ein unvernünftig Kind ist gleich dem Tier.
Man muß es aufzieh'n mit Verstand – wie anders auch? –
[Vers 750] Denn nicht zu sagen weiß ja solch ein Wickelkind,
Ob Durst, ob Hunger oder welch Verlangen sonst
Es plagt; der kleine Magen ist beim Kinde Herr.
Da mußt' ich oft erraten und oft riet ich fehl,
Wie's geht, und wusch dem Kinde dann die Windeln rein,
[Vers 755] Und Wäscherin und Amme hatten ein Geschäft.
Ich ließ zu diesem Doppelamt mich gern herbei,
Und nahm Orestes aus des Vaters Händen auf.
Nun muß ich Ärmste hören, daß der Teure starb,
Muß hin zum Manne gehen, der dies Haus entweiht
[Vers 760] Und frohen Sinnes dieses Wort vernehmen wird!

Die Chorführerin.

Und wie gerüstet, will sie, daß er kommen soll?

Kilissa.

Wie? Sag' es nochmals, rede mir verständlicher!

Die Chorführerin.

Ob seine Wachen im Geleit, ob er allein?

Kilissa.

Gefolgt von Lanzenknechten heißt sie kommen ihn.

Die Chorführerin.

[Vers 765] Das melde du dem allverhaßten Manne nicht.
Er komm' allein nur, daß er ohne Furcht vernimmt:
Also bedeut' ihm ungesäumt mit frohem Mut!
Oft frommt ein schlauverhülltes Wort aus Botenmund.

Kilissa.

Wie? Über solche Kunde wärst du gar erfreut?

Die Chorführerin.

[Vers 770] Wohl, wenn Kroníon alles Leid abwehrt dereinst.

Kilissa.

Wie das? Orest, des Hauses Hoffnung, schwand dahin!

Die Chorführerin.

Noch nicht. Ein schlechter Seher auch erkennte das.

Kilissa.

Was sagst du? Weißt du Bess'res, als was ich gesagt?

Die Chorführerin.

Bring' ihm die Botschaft und bestelle dein Geschäft!
[Vers 775] Es sorgt die Gottheit, wo zu sorgen ihr gefällt.

Kilissa.

Ich gehe, richt' es treulich aus nach deinem Wort.
Zum besten Ende führ' es uns der Götter Huld!

(Ab.)

Chorgesang.

Erste Strophe.

Höre jetzt unser Fleh'n, großer Zeus,
Sel'ger Götter Vater du!
[Vers 780] Sende, Herr, Glück und Heil
Ihnen, die verlangend längst
Harren des Edlen Sieg!
Sprach ich doch jeglich Wort
Dir gerecht: nimm's in deine Hut, Zeus!

Zweite Strophe.

Gib, ach!
[Vers 785] Die Gewalt über den Feind dem im Palast, Zeus!
Wenn du siegreich ihn emporhobst,
Bringt er dir doppelt und
Dreifach – gerne den Zoll des Dankes!

Erste Gegenstrophe.

Unsers vielteuren Herrn Waise ward
[Vers 790] Eingeschirrt ins Joch des Leids:
Setz' ein Maß seiner Not,
Daß er unversehrt im Glück
Seiner Geliebten Land
Wiederum schauen mag,
[Vers 795] Dem sein Schritt längst verlangend zustrebt!

Dritte Strophe.

Götter, ihr, die den goldreichen Schatz
Ihr im Raum der Burg bewacht,
Götter, hört huldreich mich an!
Auf! Des alten Mords
[Vers 800] Blutschuld sühnt mit neuem Strafgericht!
Die greise Schuld zeuge nicht im Hause fort!

Zwischengesang.

Wenn er den Mord vollbracht, Herrscher in tiefgründiger Kluft,
Laß frei zu dem Hause des Vaters,
Laß ihn leuchtenden Auges und hell
[Vers 805] Aus der umschleiernden Nacht emporschau'n!

Dritte Gegenstrophe.

Helfe mit allgerecht Mája's Sohn!
Mög' er ihm, verderbenschwer,
Frischen Hauch zur That verleih'n!
Du erhellst die Nacht,
[Vers 810] Phöbos! Thust du kund ein dunkles Wort,
Hüllst du das Aug' in Nacht und Finsternis;
Erscheint der Tag, strahlt es hell, die Wolken flieh'n.

Vierte Strophe.

Reicher Opfer Fülle bringen wir
Frauen dann am Tag des Heils,
[Vers 815] Die das Haus entsündige,
Und Gesang tönt zugleich, bange trauernd,
Durch die Stadt. Gelang die That,
Dann blüht auch mir reiches Glücks Herrlichkeit,
Und vom Hause weicht der Fluch.

Zweite Gegenstrophe.

Kind, Kind!
[Vers 820] O getrost nun, wenn die Zeit kommt, da die That gilt!
O vernimm, Sohn, und gehorch' ihm,
Der dich zur Rache ruft,
Zur Vollendung, – dem Ruf des Vaters!

Vierte Gegenstrophe.

Und mit Pérseus' Mut im Busen geh',
[Vers 825] Hilf den Deinen drunten, hilf
Denen hier, und übe kühn
Liebend rachbittern Haß! Führe so
Drinnen aus dein blutig Amt,
Und morde sie, die des Mords grause That
[Vers 830] Frech voll arger List vollbracht!

( Ägisthos tritt auf ohne weiteres Gefolge.)

Ägisthos.

Nicht ungerufen komm' ich, Boten riefen mich;
Denn neue Kunde, hör' ich, ward von Fremdlingen
Hierher gemeldet, keineswegs erfreuliche:
Der Tod Orestens. Würde das im Hause kund,
[Vers 835] Ein schreckentriefend Grausen wohl erweckt' es hier,
Wo noch des Mordes Wunde brennt mit altem Schmerz.
Wie? Darf' ich's Wahrheit achten, ist's lebendig hell?
Sind's eitle Frauensagen, die, vom Schreck gezeugt,
Zur Luft sich aufwärts schwingen und in nichts vergeh'n?
[Vers 840] Was weißt du hiervon zweifellos mir kundzuthun?

Die Chorführerin.

Wir hörten's; aber geh' hinein und frage selbst
Die fremden Männer. Nicht soviel gilt Botenwort,
Als wenn du selber diese selbst darum befragst.

Ägisthos.

Ja, seh'n und fragen will ich ihn, den fremden Mann,
[Vers 845] Ob er bei seinem Tode selbst zugegen war,
Ob nur aus dunkler Sage schöpft und weiter spricht.
Des klaren Geistes off'nen Blick betrügt er nicht.

(Ab.)

Die Chorführerin.

Was sag' ich, o Zeus, wo beginn' ich zuerst
Mein brünstiges Fleh'n, mein heißes Gebet?
[Vers 850] Wie ström' ich den Strom
Wohlwollender Wünsche zuletzt aus?
Denn jetzt ist die Zeit, daß in ewige Nacht,
Von der Erde vertilgt, Agamemnons Haus,
Das geliebte, versinkt, von des mordenden Stahls
[Vers 855] Blutlechzender Spitze geopfert,
Ach! – oder er selbst flammt Feuer und Glut
Für die Freiheit empor und erringt sich des Volks
Herrschaft und das Haus,
Das gesegnete Erbe der Ahnen.
[Vers 860] In so mächtigem Kampf will kühn er allein
Sich messen mit Zwei'n, der erhabene Held,
Orestes. Kröne der Sieg ihn!

Ägisthos.

(Im Palaste.)

Weh mir! O Grau'n, o Grau'n!

Der Chor.

Horch doch, ach! Weh, was ist's? Was geschieht dort im Haus? –
[Vers 865] Laßt uns hinweggeh'n, denn die That wird jetzt vollbracht,
Damit wir dasteh'n ohne Schuld an diesem Greu'l!
Denn schon, o Frauen, ist des Kampfes Ziel erreicht.

(Der Chor zieht sich hinter das Grabmal Agamemnons zurück. Nach einer Pause stürzt ein Diener aus dem Palaste.)

Der Diener.

Weh', wehe mir! In seinem Blute liegt der Fürst!
Und wehe nochmals, ruf' ich aus zum dritten Mal!
[Vers 870] Ägisthos ist erschlagen! Öffnet, öffnet doch
So schnell wie möglich; schiebt die Riegel weg am Thor
Des Frauenhauses! Großer Schnelligkeit bedarf's,
Nicht um dem Toten beizusteh'n: was hülfe das?
Hoiho! Hoiho!
Zu Tauben ruf' ich und verschwend' an Schlafende
[Vers 875] Mein Wort. Wo ging die Herrin hin? Was zögert sie?
Es scheint, ihr eig'ner Nacken schwebt auf Messers Rand
Und sinkt alsbald getroffen von der Rache Strahl.

( Klytämnestra tritt eilig heraus.)

Klytämnestra.

Was ist geschehen? Welch Geschrei erhebst du hier?

Der Diener.

Die Toten morden, sag' ich euch, den Lebenden.

Klytämnestra.

[Vers 880] Weh mir! Das Wort versteh' ich auch im Rätsel wohl.
Durch Listen geh'n wir unter, wie wir mordeten.
Man bringe flugs ein männermordend Beil daher!
Laßt sehen, ob wir siegen, ob verloren sind!
Soweit gekommen bin ich nun in meinem Leid!

( Orestes tritt mit Pylades aus dem Palaste, dessen Thore offen bleiben.)

Orestes.

[Vers 885] Ich suche dich auch! Er erhielt sein volles Maß!

Klytämnestra.

(Sie erblickt durch die offenen Thore den Leichnam des Ägisthos.)

Weh' mir! Erschlagen, Teurer, mein Ägisthos, du!

Orestes.

Du liebst den Mann dort? Ruhe denn in einer Gruft
Mit ihm! Verlassen sollst du nie den Toten mehr!

(Er dringt auf sie ein.)

Klytämnéstra

Halt ein, o Sohn! Ha! Scheue diese Brust, o Kind,
[Vers 890] An der du manchmal, eingewiegt in sanften Schlaf,
Einsogst die Nahrung süßer Milch mit zartem Mund!

Oréstes.

(Zu Pýlades.)

Freund, was beginn' ich? Soll ich scheu'n der Mutter Mord?

Pylades.

Wo blieben dann des Pýthotempels übrige
Orakelsprüche? Wo des Eides heilig Band?
[Vers 895] Hab' alle Welt zu Feinden, nur die Götter nicht!

Orestes.

Du redest Wahrheit, seh' ich, und gemahnst mich recht.

(Zu Klytämnestra.)

Du folge mir; verbluten sollst du neben ihm!
Im Leben war er teurer als mein Vater dir;
Im Tode ruh' auch ihm gesellt! Du liebst ihn ja,
[Vers 900] Den Menschen; den du lieben solltest, hassest du!

Klytämnestra.

Ich, Sohn, erzog dich; altern will ich auch mit dir.

Orestes.

In meinem Haus, du meines Vaters Mörderin?

Klytämnestra.

Mein Kind, das Schicksal trägt allein hiervon die Schuld!

Orestes.

So war es auch das Schicksal, das dir Tod verhängt.

Klytämnestra.

[Vers 905] Und scheust du nicht die Flüche deiner Mutter, Kind?

Orestes.

Den du geboren, stießest du ins Ungemach!

Klytämnestra.

In Freundeshaus dich sendend, nicht verstieß ich dich.

Orestes.

Ich ward, des freien Vaters Sohn, zwiefach verkauft!

Klytämnestra.

Wo ist der Kaufpreis, welchen ich für dich empfing?

Orestes.

[Vers 910] Die Scham verwehrt mir, auszusprechen deine Schmach.

Klytämnestra.

Sprich, aber sage nur auch, was dein Vater that!

Orestes.

Schilt nicht! Indes er kämpfte, saßest du daheim.

Klytämnestra.

Getrennt zu sein vom Gatten, schmerzt ein Weib, o Kind!

Orestes.

Doch nährt des Mannes Mühe ja die Frau daheim.

Klytämnestra.

[Vers 915] Ermorden, scheint es, willst du deine Mutter, Sohn!

Orestes.

Selbst bist du deine Mörderin, ich bin es nicht!

Klytämnestra.

Gib acht, entfleuch der Mutter grimmen Hündinnen!

Orestes.

Wie meid' ich die des Vaters, lass' ich ab von dir?

Klytämnestra.

So wein' ich, scheint es, lebend denn umsonst am Grab.

Orestes.

[Vers 920] Des Vaters Schicksal sendet dir dies Todeslos!

Klytämnestra.

Weh! Diesen Drachen trug mein Schoß, ich zog ihn auf!

Orestes.

Ja, recht ein Seher wurde dir der Schreck im Traum!
Du schlugst, den du nicht solltest; Gleiches büße nun!

(Er drängt sie in den Palast hinein.)

Die Chorführerin.

Auch dieser beiden Mißgeschick bewein' ich denn.
[Vers 925] Doch weil Orestes kühnes Muts die Höh'n erklomm
So vieler Blutschuld, beten wir aus einem Mund:
Nicht ganz in Nacht erlösche dieses Hauses Licht!

Chorgesang.

Erste Strophe.

Príamos' Söhnen kam endlich als Rächerin
Zürnend die Strafgöttin:
[Vers 930] Rache zu üben, kam in Agamémnons Haus
Ein Löwenpaar, ein Árespaar.
Ja, du errangst dein Ziel
Auf Pytho's Spruch, Flüchtiger,
Welchen des Gottes Rat hierher zur Rache trieb!

Zweite Strophe.

[Vers 935] Jauchzet, o jauchzet laut, daß das erlauchte Haus
Dem Unheil entrann, daß an dem reichen Schatz
Nicht schwelgend zehrt das Mörderpaar, –
O fluchvolles Los!

Erste Gegenstrophe.

Schlau kam wider ihn, der den geheimen Kampf
[Vers 940] Kämpfte, die Strafgöttin;
Und es ergriff im Kampf ihn an der Hand des Zeus
Wahrhaftes Kind; Gerechtigkeit
Nennen wir Sterblichen
Sie, die das Recht wahrt, mit Recht:
[Vers 945] Mit des Verderbens Wut haucht sie den Frevler an.

Zweite Gegenstrophe.

Solches hat Lóxias, der an Parnássos' Höh'n
In Erdschluchten tief waltet, an Pytho's Herd,
Der Erde heiligem Mittelraum,
Im Wahrspruch enthüllt!

Nachgesang.

[Vers 950] Gelte das Gotteswort, daß ich den Bösen nie
Helfend zur Seite sei!
Ehre den König fromm, der im Olýmpos herrscht!
Wieder erschien das Licht,
Und von dem grausen Joch seh' ich die Freunde frei.
[Vers 955] Hebe dich, Haus, empor! Du lagst allzulang
Dahingestürzt in tiefen Staub.
Und bald zieht die Zeit, die allendende,
In des Palastes Thor, wenn von dem heil'gen Herd
Jeglicher Greuel, getilgt
[Vers 960] Durch des Verderbens reinigende Sühne, schwand.
Das Glück, wolkenlos lächelnd in Sonnenglanz,
Führt die Genossen des
Hauses, die kaum noch jammernden, ins Haus zurück.
Wieder erschien das Licht!

(Aus den Pforten des königlichen Palastes treten Orestes und Pylades mit Gefolge; Diener bringen den Mantel, unter welchem Klytämnestra ihren Gemahl erschlug. Die Leichen des Ägisthos und der Klytämnestra werden halbverhüllt auf einer Bahre nachgetragen.)

Orestes

(Auf die Leichen hinweisend.)

[Vers 965] Da sehet an des Landes stolzes Herrscherpaar,
Des Vaters Mörder, die das Haus verwüsteten!
Sie saßen stolzgebietend einst auf hohem Thron,
Und noch vereint sie Liebe, wie's ihr gleiches Los
Bezeugt; dem alten Schwure bleibt ihr Bund getreu.
[Vers 970] Dem armen Vater schwuren sie vereint den Tod,
Vereint zu sterben; und der Schwur ist wohl erfüllt.
Nun sehet auch, ihr Zeugen dieses Jammers, seht
Das Truggewebe, das den Armen fesselte,
Das ihm die Händ' umstrickte, das die Füße band!
[Vers 975] Wie mag ich's treffend nennen mit beredtem Mund?
Fanggarn des Wildes oder fußumschlingendes
Gewand der Totenbahre? Nenn' es Jägernetz,
Heimtückisch Stellgarn oder fußverwickelnd Vließ!
Ein Straßenräuber schaffe sich ein solch Gespinst,
[Vers 980] Das seinen Gastfreund tückisch fängt; mit Geldesraub
Sein Leben fristend, mag er dann durch diesen Trug
Recht viele morden, daß sein Herz vor Freude glüht!

(Zu den Dienern.)

Auf, breitet's auseinander, zeigt im Kreis umher
Des Mannes Mordhemd, daß des Vaters Auge sieht,
[Vers 985] Nicht meines Vaters, nein, des Allesschauenden,
Des Hélios, was meine Mutter Grauses that!
Denn im Gerichte soll er einst mir Zeuge sein,
Daß ich mit vollem Rechte hier zum Morde schritt
Der Mutter; von Ägisthos' Tode red' ich nicht;
[Vers 990] Denn er empfing des Eheschänders Lohn nach Recht.
Doch, die dem Manne solches Grau'n bereitete,
Von dem sie süßer Kinder Last im Schoße trug,
Ihr teure Last einst, nun verhaßt, es zeigt sich hier, –
Wie? Stammt sie nicht von Vipern, nicht von Nattern ab,
[Vers 995] Daß ungebissen faule, wen sie nur berührt,
Ob ihrer Frechheit, ihres kühn ruchlosen Sinns?
Solch eine Hausfrau wohne nie an meinem Herd,
Niemals! O Götter, stürb' ich eher kinderlos!

Die Chorführerin.

Weh, weh, weh, weh! Unselige That!
[Vers 1000] Welch grausamen Todes du hinstarbst!
Ach, ach! Leid blüht
Auch dem, der im Leben zurückbleibt.

Orestes.

Hat sie's verschuldet oder nicht? Bezeugt es mir,
Doch dies Gewand hier, das Ägisthos' Schwert gefärbt!
[Vers 1005] Noch hat die Zeit des Mordes Flecken nicht getilgt,
Der dieses Purpurs farbenreiche Pracht entweiht.
Bald preis' ich selber meine That, bald jammr' ich laut,
Und rede dieses Mordgespinst des Vaters an.
Grau'nvoll befleckt durch dieses Sieges blut'ge Schuld,
[Vers 1010] Beklag' ich meine That, mein Leid, mein ganzes Haus!

Die Chorführerin.

Kein Sterblicher wallt, frei jeglicher Schuld,
Stets harmlos die Bahn durch das Leben.
In Trübsal stürzt
Der bald und der andere später.

Orestes.

[Vers 1015] Da sorg' ein andrer: weiß doch ich, wo's enden wird!
Gleichwie mit Rossen stürm' ich aus der Bahn hinaus,
Verhängt die Zügel; fortgerafft von irren Wahns
Wildheit, erlieg' ich. Schon beginnt in meiner Brust
Das Lied des Wahnsinns, und vor Schrecken hüpft das Herz.
[Vers 1020] Bevor mein Geist erdunkelt, hört, o Freunde, noch:
Der Mutter Leben mordet' ich nicht ohne Recht,
Der Gottverhaßten, die der Vatermord befleckt.
Mehr trieb zu solchem Frevel noch die Stimme mich
Des Délphergottes, welcher mir bedeutete:
[Vers 1025] Wenn ich die That ausführte, wär' ich ohne Schuld;
Doch wenn ich säumte, – meine Strafe nenn' ich nicht,
Zur Höhe solcher Leiden schwingt sich kein Geschoß.
Und jetzo seht mich: fromm geschmückt mit diesem Kranz
Und diesem Ölzweig will ich hin zum Mittelraum
[Vers 1030] Der Erde wandern, nach Apóllens Heiligtum,
Zu jenem Feuerglanze, den man ewig nennt,
Der Mutter Blut zu fliehen! Einem andern Herd
Mich zuzuwenden, wehrte mir des Gottes Spruch.
Wohl wird dereinst mir alles Volk in Árgos' Reich
[Vers 1035] Bezeugen, welcher Jammer mir bereitet ward;
Ich irre flüchtig, schweife fern von diesem Land
Und tot und lebend lass' ich diesen Ruhm zurück.

Die Chorführerin.

Nein, edel thatst du! Nicht entfess'le deinen Mund
Zu bösem Ausruf oder unheilvollem Wort,
[Vers 1040] Du, der die Freiheit allem Volk zurückgebracht
Und kühn der beiden Drachen Haupt in Staub gestreckt!

Orestes.

Ach, ach!
O welche Frauen seh' ich dort, Gorgónen gleich,
In schwarzem Mantel und von Schlangen ringsumher
Das Haar durchflochten? Nicht verweil' ich länger hier!

Die Chorführerin.

[Vers 1045] Welch düst'res Wahnbild, du des Vaters liebstes Kind,
Entsetzt dich? Bleibe; fürchte nichts nach solchem Sieg!

Orestes.

Kein eitles Wahnbild ist es, was mich also schreckt;
Klar seh' ich sie, der Mutter grimme Hündinnen.

Die Chorführerin.

An deinen Händen haftet noch das frische Blut;
[Vers 1050] D'rum fällt Verwirrung deinen Geist verdunkelnd an.

Orestes.

O Fürst Apollon, immer mehr wird ihre Zahl;
Aus ihren Augen träufelt grausenvolles Blut!

Die Chorführerin.

Eins wird dich sühnen: wenn du Phöbos' Hand berührst,
So wird der Gott von diesen Qualen dich befrei'n.

Orestes.

[Vers 1055] Ihr seht die Grau'ngestalten nicht, ich sehe sie;
Mich treibt's von hinnen, nicht verweil' ich länger hier!

(Er stürzt fort.)

Die Chorführerin.

So fahre glücklich, und ein Gott, huldreich zu dir
Herniederblickend, schütze dich in Todesnot! –
So erfüllte sich denn in der Könige Haus
[Vers 1060] Nun dreimal der Sturm,
Der mit Macht wutschnaubend hereinbrach.
Erst sah es den Greu'l, der die Kinder zerfleischt,
Und das blutige Mahl des Thyéstes;
Zum zweiten das Los, das den König entrafft;
[Vers 1065] Denn gemordet im Bad, ach! sank, der im Streit
Den Achäern gebot.
Zum dritten erschien – wie nenn' ich ihn doch?
Den Erretter? Den Fluch?
Wo endet sie noch, wo findet sie Ruh,
[Vers 1070] Die entschlummerte Wut des Verderbens?

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