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Das Tal des Grauens

Arthur Conan Doyle: Das Tal des Grauens - Kapitel 8
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typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleDas Tal des Grauens
publisherDürr & Weber m. b. H.
translatorH. O. Herzog
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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7. Kapitel. Die Lösung.

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück fanden wir Inspektor McDonald und Mr. White Mason in dem kleinen Sprechzimmer des örtlichen Polizeilokals in engster Beratung. Auf dem Tisch vor ihnen lag ein Stoß Briefe und Telegramme aufgestapelt, die sie sorgfältig ordneten und registrierten. Drei davon lagen gesondert auf der anderen Seite.

»Noch immer auf der Spur des unfaßbaren Radfahrers?« fragte Holmes in heiterster Laune. »Was hört man von diesem Wüstling?«

McDonald wies wehmütig auf den Haufen Briefe.

»Nach den Berichten hier ist er in Leicester, Nottingham, Southampton, Derby, im östlichen London, Richmond und in vierzehn anderen Orten des Südens, Nordens, Ostens und Westens im Verlauf der letzten Stunden gesehen worden. In dreien dieser Orte, nämlich London, Leicester und Liverpool, hat man ihn tatsächlich agnosziert und festgenommen. Das ganze Land scheint voll von ihm zu sein.«

»Was Sie nicht sagen!« rief Holmes mitfühlend. »Nun, Mr. Mac, und auch Sie, lieber White Mason, ich möchte Ihnen einen ernsten, gutgemeinten Rat geben. Als ich mich zur Mitwirkung an der Sache entschloß, habe ich mir, wie Sie wissen, ausbedungen, daß ich Ihnen keine halbbewiesenen Tatsachen, unfertige Ergebnisse vorzulegen brauche; mit einem Wort, daß ich, was ich herausfinde, für mich behalten kann und Ihnen meine Ansichten erst dann mitzuteilen brauche, wenn ich die Überzeugung gewonnen habe, daß sie richtig sind. Dies ist der Grund, daß ich Ihnen im Augenblick noch nicht alles erzähle, was ich im Sinne habe. Andererseits versprach ich, offen und ehrlich zu Ihnen zu sein. Nach meinem Dafürhalten wäre es unvereinbar mit diesem Versprechen, wenn ich es zuließe, daß Sie auch nur einen Augenblick länger Ihre Zeit und Mühe an eine vollkommen zwecklose Aufgabe verschwenden. Deshalb kam ich hierher. Der Rat, den ich Ihnen geben möchte, läßt sich in die wenigen Worte zusammenfassen: lassen Sie die ganze Sache fallen.«

McDonald und White Mason starrten ihren gefeierten Kollegen verblüfft an.

»Sie halten sie also für hoffnungslos«, rief der Inspektor.

»Ich halte Ihre Sache für hoffnungslos. Ich halte es indessen nicht für hoffnungslos, der Wahrheit auf den Grund zu kommen.«

»Aber dieser Radfahrer? Er ist doch kein Geisterspuk? Wir haben seine Beschreibung, seine Reisetasche, sein Zweirad. Der Kerl muß doch irgendwo stecken? Warum sollten wir ihn denn nicht fassen können?«

»Natürlich, warum sollten Sie nicht? Er ist irgendwo, und wir werden ihn sicherlich fassen, aber ich möchte nicht, daß Sie ihre Zeit damit vergeuden, ihn im Osten Londons oder in Liverpool zu suchen. Ich bin sicher, daß wir auf einem kürzeren Wege zum Ziele kommen werden.«

»Sie enthalten uns irgend etwas vor. Das ist nicht nett von Ihnen, Mr. Holmes«, sagte der Inspektor verärgert.

»Sie kennen meine Arbeitsmethoden, Mr. Mac. Wenn ich Ihnen etwas vorenthalte, so ist es nur auf so lange, als dies dringend erforderlich ist. Ich möchte nur noch auf eine bestimmte Weise mein Material nachprüfen. Das wird sehr einfach sein, und wenn es geschehen ist, werde ich mich empfehlen, nach London zurückkehren, und es zu Ihrer Verfügung zurücklassen. Ich fühle mich Ihnen zu sehr verpflichtet, um anders handeln zu wollen, denn in meiner ganzen Praxis bin ich noch auf keinen eigenartigeren, interessanteren Fall gestoßen.«

»Das geht mir über die Hutschnur, Mr. Holmes. Als wir gestern von Tunbridge Wells zurückkehrten, schienen Sie im allgemeinen mit unseren Ansichten übereinzustimmen. Was ist seither vorgefallen, daß Sie anderen Sinnes geworden sind?«

»Nun, da Sie mich fragen: ich habe gestern Nacht einige Stunden im Herrenhaus verbracht.«

»Und was ist dort geschehen?«

»Darüber kann ich Ihnen augenblicklich nur eine sehr allgemein gehaltene Auskunft geben. Nebenbei bemerkt habe ich mir angelegen sein lassen, eine kurze, aber klare und interessante Beschreibung des alten Gebäudes zu lesen, die ich zu dem bescheidenen Preis von einem Penny in dem Tabakgeschäft des Dorfes erstanden habe.«

Bei diesen Worten zog Holmes eine kleine Broschüre, die vorne mit einem rohen Bild des altertümlichen Herrenhauses geschmückt war, aus seiner Westentasche.

»Man geht ganz anders an eine Untersuchung heran, mein lieber Mr. Mac, wenn man sich in einem bewußten geistigen Kontakt mit der geschichtlichen Atmosphäre seiner Umgebung befindet. Nicht so ungeduldig sein, meine Herren, denn ich kann Ihnen versichern, daß selbst eine so spärliche Beschreibung in einem das Bild der alten Zeit hervorzuzaubern vermag. Ich möchte Ihnen einiges daraus zitieren: Das im fünften Jahre der Regierung von James I. an der Stelle eines viel älteren Gebäudes errichtete Herrenhaus von Birlstone gilt als einer der schönsten der noch vorhandenen jakobinischen Herrensitze.«

»Sie wollen uns zum besten halten, Mr. Holmes.«

»Nichts für ungut, Mr. Mac, aber das ist das erste Zeichen eines launischen Wesens, das ich an Ihnen bemerke. Nun also, da Sie die Sache so auffassen, werde ich lieber nicht weiter zitieren, aber wenn ich Ihnen sage, daß wir den bestimmten Nachweis dafür haben, daß das Haus im Jahre sechzehnhundertvierundvierzig von einem Obersten des Parlamentsheeres in Besitz genommen wurde, daß sich König Karl darin einige Tage während des Bürgerkrieges verborgen hielt, und daß ihm auch Georg II. später einen Besuch abstattete, so werden Sie zugeben, daß dieses altertümliche Haus einige höchst interessante Ideenverbindungen wachruft.«

»Kein Zweifel, Mr. Holmes, aber das hat mit unserem Beruf nichts zu tun.«

»So, so. Ein weiter Gesichtskreis, mein lieber Mr. Mac, ist eines der wichtigsten Erfordernisse unseres Berufes. Das Hineinspielen solcher Gedanken in den Kreis der vorliegenden Tatsachen ist oftmals von ganz außerordentlicher Bedeutung. Sie werden diese Bemerkung einem nicht verübeln, der, obgleich nur ein Theoretiker Ihres Berufes, immerhin erheblich älter ist als Sie und mehr Erfahrungen besitzt.«

»Das gestehe ich Ihnen ohne weiteres zu«, erwiderte der Detektiv herzlich. »Sie erreichen gewöhnlich Ihr Ziel, das muß ich Ihnen lassen, aber Sie verfolgen dabei so verflixt krumme Wege.«

»Nun gut, so wollen wir das Gebiet der Geschichte verlassen und uns auf den Boden der gegebenen Tatsachen stellen. Wie ich Ihnen schon sagte, war ich gestern Nacht im Herrenhaus. Ich habe dort weder Mr. Barker noch Mrs. Douglas gesehen. Ich hatte keine Ursache, sie zu stören, war jedoch erfreut zu hören, daß die Dame sich nicht sonderlich grämt und beim Abendessen einen ausgezeichneten Appetit entwickelt hat. Mein Besuch galt hauptsächlich dem famosen Mr. Ames, mit dem ich eine höchst freundschaftliche Unterredung hatte, die damit abschloß, daß er mir gestattete, einige Zeit in der Bibliothek zu verbringen, ohne daß jemand etwas davon wußte.«

»Was? Mit dem –« rief ich aus.

»Nein, nein, es war schon wieder alles in Ordnung. Sie haben doch die Erlaubnis dazu gegeben, Mr. Mac, wie man mir sagte. Das Zimmer war wieder in seinem gewöhnlichen Zustand. Ich habe darin eine höchst lehrreiche Viertelstunde zugebracht.«

»Was haben Sie dort getan?«

»Nun, um nicht aus einer höchst einfachen Sache ein dunkles Geheimnis zu machen, will ich Ihnen sagen, daß ich nach der fehlenden Hantel gesucht habe. Dies endigte damit, daß ich sie fand!«

»Wo?«

»Aha! Hier kommen wir an die Grenze des Unbewiesenen. Geben Sie mir noch etwas Zeit, nur ein ganz klein wenig Zeit, und ich verspreche Ihnen, daß Sie bald alles wissen werden, was ich weiß.«

»Nun gut, wir müssen Sie wohl so nehmen, wie Sie sind«, sagte der Inspektor. »Aber was das betrifft mit dem ›Die-Sache-fallen-lassen‹, warum im Namen aller Helligen sollten wir die Sache fallen lassen«?

»Aus dem einfachen Grund, mein lieber Mr. Mac, weil Sie noch gar keine Ahnung von dem haben, was Sie suchen und untersuchen wollen.«

»Wir haben die Ermordung von Mr. John Douglas vom Birlstone Herrenhaus zu untersuchen.«

»Sehr richtig, das haben Sie. Aber geben Sie sich keine Mühe, den geheimnisvollen Fremden mit dem Zweirad aufzuspüren. Ich gebe Ihnen die Versicherung, daß es zu nichts führt.«

»Also, was schlagen Sie uns dann vor?«

»Ich will Ihnen ganz genau sagen, was Sie tun sollen, vorausgesetzt, daß Sie es tun werden.«

»Nun gut, ich will Ihnen zugestehen, daß Sie gewöhnlich ernste Gründe für Ihre sonderbaren Handlungen haben. Darum werde ich Ihren Rat gern entgegennehmen.«

»Und Sie, Mr. White Mason?«

Der Provinzdetektiv blickte ratlos von einem zum andern. Er war mit Holmes' Eigenarten noch nicht vertraut.

»Ich meine, was dem Inspektor recht ist, kann auch mir recht sein«, antwortete er endlich.

»Famos«, rief Holmes. »Also dann rate ich Ihnen, einen hübschen kleinen, fröhlichen Spaziergang über Land zu machen. Ich hörte, daß man von dem Hügelkamm hinter dem Dorf eine wundervolle Fernsicht über den Forst haben soll. Für das Mittagessen wird sich sicherlich ein nettes Landwirtshaus finden. Meine Unkenntnis der hiesigen Gegend macht es mir indessen unmöglich, Ihnen einen bestimmten Vorschlag zu machen. Dann am Abend, wenn Sie müde, aber zufrieden heimgekehrt sind, –«

»Mann, das geht über den Spaß«, rief McDonald, indem er sich ärgerlich vom Stuhl erhob.

»Also gut, verbringt den Tag, wie Ihr wollt«, sagte Holmes, ihm fröhlich auf die Schulter klopfend. »Tut, wonach euch der Sinn steht, geht, wohin es euch gelüstet, und dann wollen wir uns, wenn es dämmert, hier wieder treffen; aber zuverlässig, Mr. Mac, – unbedingt zuverlässig.«

»Das klingt schon etwas mehr nach Vernunft.«

»Und trotzdem, mein Rat war vortrefflich, aber ich bestehe nicht darauf, wenn wir uns darüber einig sind, uns erst dann wieder zu treffen, wenn ich Sie brauche. Und nun möchte ich noch, bevor wir uns trennen, einen kurzen Brief an Mr. Barker schreiben.»

»Was?«

»Ich werde ihn Ihnen diktieren, wenn es Ihnen recht ist. Sind Sie bereit?« –

»Sehr geehrter Herr!

Wir halten es für unsere Pflicht, das Wasser aus dem Festungsgraben abzulassen, in der Annahme, daß wir darin –«

»Das ist unmöglich,« sagte der Inspektor. »Das habe ich bereits festgestellt.«

»Nur Ruhe, mein lieber Herr, schreiben Sie, bitte, was ich Ihnen sage.«

»Also gut, vorwärts.«

»vielleicht etwas finden, das für unsere Untersuchung von Wert ist. Ich habe bereits alle Vorkehrungen dazu getroffen und benachrichtige Sie hiermit, daß die Arbeiten morgen früh damit beginnen werden, das Bett des Grabens –«

»Unmöglich«, wiederholte McDonald.

» – zu verlegen. Ich hielt es für notwendig, Sie hiervon in Kenntnis zu setzen.« –

»Haben Sie das? Also gut, dann setzen Sie Ihre Unterschrift darunter und schicken Sie den Brief ungefähr um vier Uhr durch Boten. Zu dieser Zeit wollen wir uns in diesem Zimmer wieder zusammenfinden. Bis dahin wollen wir uns mit anderen Dingen beschäftigen, denn ich versichere Ihnen, daß in der Untersuchung eine Pause eintreten muß.«

– Der Abend senkte sich hernieder, als wir uns wieder versammelten. Holmes war in sehr ernster Stimmung. Ich war neugierig, während sich die beiden Detektive offensichtlich in einer kritischen, ärgerlichen Laune befanden.

»Meine Herren,« sagte mein Freund, »ich werde Sie nun bitten, einer abschließenden Nachprüfung meiner Beobachtungen beizuwohnen und Sie können sich dann selbst eine Meinung darüber bilden, ob die Schlußfolgerungen, zu denen ich gelangte, gerechtfertigt sind oder nicht. Es ist ein kühler Abend und da wir nicht wissen, wie lange unsere Expedition dauern wird, würde ich Ihnen raten, sich einen warmen Überrock mitzunehmen. Es ist von höchster Wichtigkeit, daß wir an Ort und Stelle sind, bevor es dunkel wird, und darum wollen wir, wenn Sie gestatten, sogleich aufbrechen.«

Wir hielten uns entlang der äußeren Umrandung des Parkes, bis wir an einen Platz kamen, wo in der Umzäunung eine Öffnung war. Wir schlüpften durch diese und folgten dann Holmes in der hereinbrechenden Dämmerung bis zu einem Buschwerk, das nahezu gegenüber dem Haupteingangstor und der Zugbrücke lag. Die letztere war noch herabgelassen. Holmes kauerte sich hinter der dichten Wand von Lorbeerbüschen nieder und wir alle folgten seinem Beispiel.

»Was gibts nun für uns zu tun?« fragte der Inspektor in ziemlich ungehaltenem Tone.

»Unsere Seelen in Geduld zu fassen und so wenig Geräusch wie möglich zu machen«, antwortete Holmes.

»Wozu sind wir überhaupt hier? Ich glaube wirklich, Sie sollten etwas offener zu uns sein.«

Holmes lachte.

»Watson behauptet immer, daß ich Anlage zum Dramatiker habe«, sagte er. »Der Künstler in mir rührt sich und verlangt eindringlichst eine gut inszenierte Vorstellung. Sie müssen zugeben, Mr. Mac, daß unser Beruf eintönig und trübselig wäre, wenn wir nicht gelegentlich einmal einen Schlußeffekt zur Verherrlichung unserer Bemühungen aufbauen könnten. Die ungeschminkte Beschuldigung und das brutale Auf-die-Schulter-klopfen – was kann man schon daraus machen? Aber die blitzartige Kombination, die listige Falle, die kluge Voraussicht kommender Ereignisse, die triumphierende Rechtfertigung kühner Theorien, ist dies nicht der Stolz und die Bejahung einer Lebensaufgabe? Wir genießen jetzt die Spannung einer Situation, ähnlich der des Jägers vor der Falle. Wo wäre diese Spannung geblieben, wenn meine Worte so knapp und präzise wären, wie die Ausdrucksweise eines Kursbuches. Alles was ich von Ihnen verlange, Mr. Mac, ist etwas Geduld; bald wird Ihnen alles klar sein.«

»Ich will nur hoffen, daß der Stolz, die Bejahung und alles übrige sich einstellen wird, bevor wir einen Schnupfen weghaben«, sagte der Londoner Detektiv in komischer Ergebung.

Wir hatten alle Ursache, uns diesem Wunsche anzuschließen, denn unsere Wacht war lang und höchst ungemütlich. Langsam senkten sich die Schatten auf die ausgedehnte, düstere Fassade des alten Hauses. Unsere Körper waren erfroren bis auf die Knochen und die Zähne klapperten uns, in dem kalten, feuchten Dunst, der aus dem Festungsgraben emporstieg. Im Eingangstor sahen wir eine einzige Lampe brennen, die Bibliothek war hell erleuchtet. Alles andere war still und dunkel.

»Wie lange soll das noch dauern?« fragte der Inspektor plötzlich. »Und auf was warten wir überhaupt?«

»Wie lange das noch dauern wird, weiß ich ebensowenig wie Sie«, antwortete Holmes mit einer kleinen Schärfe im Ton. »Es wäre für uns sicherlich bequemer, wenn die Verbrecher sich ihre Handlungen ebenso programmäßig einrichten würden, wie die Eisenbahn ihre Züge. Und was wir erwarten? – Aha, seht, das ist es, was wir erwarten!«

Während er sprach, wurde der Lichtschein in der Bibliothek zeitweise durch eine Gestalt, die vor dem Licht auf- und abging, verdunkelt. Die Lorbeerbüsche, in denen wir lagen, befanden sich fast dem Fenster gegenüber und keine fünfzig Schritte davon entfernt. Unmittelbar darauf hörten wir das Knarren der Scharniere, als das Fenster geöffnet wurde, und sahen die dunklen Umrisse eines männlichen Oberkörpers im Fensterrahmen erscheinen. Der Mann blickte in die dunkle Nacht hinaus und hielt verstohlen und heimlich Umschau, um sich zu vergewissern, ob er unbeobachtet sei. Dann beugte er sich vor und wir hörten in der tiefsten Stille das sanfte Plätschern bewegten Wassers. Er schien im Festungsgraben mit einem Gegenstand, den er in der Hand hielt, herumzurühren; dann zog er plötzlich etwas empor, wie ein Fischer seine Beute, – ein großes rundes Paket, das den Lichtschein fast gänzlich verdeckte, als es durch das Fenster gezogen wurde.

»Jetzt,« rief Holmes, »kommen Sie.«

Wir sprangen alle auf und stolperten mit steifgefrorenen Beinen ihm nach, während er in einer jener flackernden Anwandlungen nervöser Energie, die ihn zuzeiten nicht allein zu einem der beweglichsten, sondern auch der stärksten Menschen machen konnte, die ich je kennen gelernt habe, blitzschnell über die Brücke rannte und heftig an der Klingel zog. Alsbald hörten wir von innen heraus das Knarren von Riegeln und der verblüffte Ames stand im Torweg. Holmes schob ihn wortlos beiseite und stürmte, von uns allen gefolgt, in das Zimmer, in dem sich noch der Mann befand, den wir beobachtet hatten.

Das Licht, das wir von außen sahen, rührte von einer Petroleumlampe her, die auf dem Tisch gestanden hatte. In diesem Moment war sie in der Hand Cecil Barkers, der sie uns entgegenhielt. Das Licht schien auf sein markantes, entschlossenes, glattrasiertes Gesicht und seine drohenden Augen.

»Was, zum Teufel, soll das heißen?« rief er. »Was wollt Ihr hier?«

Holmes' Augen überflogen blitzartig das Zimmer. Dann stürzte er sich auf das triefende Bündel, das, von einer Schnur zusammengehalten, unter dem Schreibtisch lag, wohin es geworfen worden war.

»Das wollen wir, Mr. Barker. Dieses Paket, beschwert mit einer Hantel, das Sie eben aus dem Festungsgraben gezogen haben.«

Barker starrte Holmes in höchster Verblüffung an.

»Und woher, in des Teufels Namen, wissen Sie etwas davon?«

»Ganz einfach, weil ich es selbst hineingelegt habe.«

»Sie haben es hineingelegt? Sie?«

»Ich sollte eigentlich sagen, wieder hineingelegt«, sagte Holmes. »Sie erinnern sich doch, Inspektor McDonald, daß mir das Fehlen einer Hantel aufgefallen war. Ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, aber Sie waren damals durch andere Gedanken so in Anspruch genommen, daß Sie kaum Zeit hatten, sich die Sache zu überlegen und Ihre Schlußfolgerungen daraus zu ziehen. Da der Wassergraben so nahe ist, ist es kaum eine bei den Haaren herbeigezogene Vermutung, daß irgend etwas mit der fehlenden Hantel in das Wasser versenkt worden war. Dieser Gedanke erschien mir einer Nachprüfung wert, deren Schlußergebnis war, daß ich gestern mit der Unterstützung von Ames, der mich ins Zimmer ließ, und der Krücke von Dr. Watsons Regenschirm das Paket herausfischen und untersuchen konnte. Danach war es für uns von größter Wichtigkeit, einwandfrei festzustellen, wer es hineingelegt hat. Dies erreichten wir durch das naheliegende Mittel, anzukündigen, daß der Festungsgraben morgen trockengelegt werden würde, wobei wir annehmen konnten, daß derjenige, der das Paket dort verborgen hat, es herausziehen werde, sobald ihm die Dunkelheit dies unbemerkt gestattete. Wir haben nicht weniger als vier Zeugen dafür, wer es war, der sich dieser Möglichkeit bediente, und daher, Mr. Barker, möchte ich Sie bitten, mir hierüber eine Erklärung zu geben.«

Sherlock Holmes legte das Paket auf den Tisch neben die Lampe und knüpfte die Schnur, mit der es zugebunden war, auf. Daraus zog er eine Hantel, die er zu der anderen in der Ecke stieß, ein Paar Stiefel – »amerikanisches Fabrikat, wie Sie sehen,« bemerkte er, indem er auf die Form der Kappe zeigte, – dann ein langes, gefährlich aussehendes, in einer Scheide steckendes Messer. Schließlich entnahm er dem Paket ein Bündel Kleider, bestehend aus Unterwäsche, Socken, einem grauen Tweedanzug und einem kurzen, gelben Überrock.

»Die Kleider sind ganz gewöhnlicher Art,« bemerkte Holmes, »außer dem Überrock, der verschiedene interessante Eigenarten hat.«

Zärtlich hielt er ihn gegen das Licht, während er ihn mit seinen langen, dünnen Fingern abtastete.

»Hier sehen Sie z. B. die innere Brusttasche, die innerhalb des Futters soweit vertieft ist, daß sie die abgeschnittene Schrotflinte aufnehmen konnte. Die Firma des Schneiders ist hier am Kragen angenäht – Neadel, Herrenausstattungen, Vermissa, USA. Ich habe den Vormittag in der Pfarrbibliothek nutzbringend verwendet, und meinem Wissen die Tatsache zugefügt, daß Vermissa eine aufstrebende kleine Stadt am Kopfe eines Tales ist, in dem sich eines der bekanntesten Eisen- und Kohlengebiete der Vereinigten Staaten befindet. Ich erinnere mich noch, Mr. Barker, daß Sie die erste Gattin von Mr. Douglas mit den Kohlengegenden in Verbindung gebracht haben, und es scheint mir daher keine allzu kühne Kombination zu sein, das V V auf der Karte bei der Leiche für die Abkürzung von Vermissa Valley zu halten; weiter, daß dieses Tal, das Mordgesellen ausschickt, kein anderes ist, als das Tal des Grauens, von dem wir schon gehört haben. Soweit scheint dies alles klar zu sein. Und nun, Mr. Barker, möchte ich Ihrer Erklärung nicht länger im Wege stehen.«

Das ausdrucksvolle Gesicht Cecil Barkers trug während der Ausführungen des großen Detektivs einen Ausdruck, den zu beobachten sich der Mühe lohnte.

Ärger, Verblüffung, Verlegenheit und Unentschlossenheit rangen darin um die Vorherrschaft. Schließlich suchte er sich hinter einer schneidenden Ironie zu verschanzen.

»Wenn Sie soviel wissen, Mr. Holmes, wird es vielleicht am besten sein, wenn Sie uns auch noch das übrige erzählen«, sagte er höhnisch.

»Zweifellos könnte ich Ihnen noch gar manches erzählen, Mr. Barker, aber es scheint mir passender, das weitere aus Ihrem Munde zu hören.«

»Glauben Sie? Dann möchte ich sagen, wenn hier irgendein Geheimnis vorliegt, so ist es nicht das meine, und ich bin nicht der Mann, es preiszugeben.«

»Nun, Mr. Barker, wenn Sie sich darauf versteifen,« sagte der Inspektor ruhig, »bleibt uns nichts weiter übrig, als Sie im Auge zu behalten, bis wir einen Haftbefehl gegen Sie haben.«

»Sie können tun, was Sie wollen«, antwortete Barker trotzig.

Soweit er in Betracht kam, waren wir zweifellos an einem toten Punkt angelangt, denn man brauchte nur einen Blick auf das wie aus Stein gemeißelte Gesicht zu werfen, um zu erkennen, daß keine Tortur dieser Welt ihn veranlassen könnte, einem einmal gefaßten Beschluß entgegenzuhandeln. Alsbald kam jedoch wieder Bewegung in die Lage durch das Hineinklingen einer Frauenstimme. Mrs. Douglas, die offenbar schon an der halbgeöffneten Tür gehorcht hatte, trat ins Zimmer.

»Sie haben schon genug für uns getan, Cecil«, sagte sie. »Was immer auch daraus werden mag, Sie haben genug getan.«

»Genug und mehr als das«, bemerkte Sherlock Holmes ernst. »Sie haben mein volles Mitgefühl, gnädige Frau, und ich würde Ihnen dringendst raten, etwas Vertrauen zu der Rechtspflege zu haben und sich der Polizei ruhig anzuvertrauen. Es mag sein, daß es ein schwerer Fehler von mir war, den Wink nicht zu beachten, den Sie mir durch meinen Freund Dr. Watson zukommen ließen, aber zu jener Zeit hatte ich allen Grund zu glauben, daß Sie unmittelbar an dem Verbrechen beteiligt seien. Jetzt bin ich vom Gegenteil überzeugt. Immerhin gibt es noch vieles, das der Erklärung bedarf, und ich würde Ihnen ernstlich raten, zu veranlassen, daß nun Mr. Douglas selbst das Wort ergreift

Ein Aufschrei des Erstaunens aus Mrs. Douglas' Mund folgte den Worten Holmes. Wir, die Detektive und ich, müssen wohl ein Echo dazu geliefert haben, als wir einen Mann gewahrten, der in jenem Moment direkt aus der Wand herauszukommen schien und der dann aus dem Dunkel der Ecke, in der er Einlaß ins Zimmer gefunden hatte, hervortrat. Mrs. Douglas wandte sich um und hielt ihn einen Augenblick später mit ihren Armen umschlungen. Barker hatte seine ausgestreckte Hand ergriffen.

»Es ist am besten so, Jack«, sagte seine Frau. »Ich bin überzeugt, es ist das beste.«

»Jawohl, Mr. Douglas,« sagte Sherlock Holmes, »auch ich bin davon überzeugt.«

Der Mann stand vor uns mit den blinzelnden Augen eines, der unvermittelt aus dem Dunkel in einen hellen Raum tritt. Es war ein Mann von bemerkenswertem Äußern; er hatte kühne graue Augen, einen dichten, kurzgeschnittenen, melierten Schnurrbart, ein eckiges, vorstehendes Kinn und einen humorvollen Mund. Er musterte uns alle eingehend und schritt dann zu meiner größten Überraschung auf mich zu und übergab mir ein Bündel Papiere.

»Ich habe von Ihnen gehört«, sagte er mit einem Akzent, der nicht ganz englisch und auch nicht ganz amerikanisch war, aber melodisch und angenehm klang. »Sie sind der Historiker in dieser Gesellschaft. Nun, Dr. Watson, ich glaube nicht, daß Sie jemals eine ähnliche Geschichte in Ihren Händen hatten. Darauf möchte ich meinen letzten Dollar wetten. Machen Sie daraus, was Sie wollen. Hier haben Sie nur die nackten Tatsachen, aber Sie können nicht fehlgehen, solange Sie sich an diese halten. Ich bin zwei Tage eingeschlossen gewesen und habe die Tagesstunden, soweit es das schwache Licht in dieser Mausefalle zuließ, dazu benutzt, die Geschichte niederzuschreiben. Sie können sie haben – Sie und ihre Leser. Es ist die Geschichte vom Tal des Grauens.«

»Das ist die Vergangenheit, Mr. Douglas,« sagte Sherlock Holmes ruhig. »Was wir jetzt haben wollen, ist die Geschichte der Gegenwart.«

»Sie sollen sie hören«, sagte Douglas. »Darf ich rauchen, während ich spreche? Schön, danke Ihnen, Mr. Holmes. Sie sind selbst Raucher, wenn ich mich nicht irre, und werden sich vorstellen können, was es heißt, zwei Tage mit Tabak in der Tasche dazusitzen und nicht rauchen zu dürfen, aus Furcht, durch den Geruch verraten zu werden.«

Er lehnte sich an den Kaminsims und saugte an der Zigarre, die ihm Holmes überreicht hatte.

»Ich habe von Ihnen schon gehört, Mr. Holmes, aber nicht gedacht, daß ich Ihnen jemals begegnen würde. Wenn Sie das gelesen haben,« sagte er, auf die Papiere deutend, »werden Sie erkennen, daß ich Ihnen etwas Neues gebracht habe.«

Inspektor McDonald, der bisher die neue Erscheinung in höchster Verblüffung angestarrt hatte, fand endlich Worte.

»Da hört sich aber alles auf«, rief er. »Wenn Sie Mr. John Douglas, Besitzer von Birlstone, sind, wessen Ermordung haben wir dann die letzten zwei Tage untersucht, und wo, um alles in der Welt, sind Sie eigentlich hergekommen? Sie kommen mir vor wie der Teufel aus der Kiste.«

»Ja, mein lieber Mr. Mac,« sagte Holmes mit vorwurfsvoll erhobenem Zeigefinger, »Sie wollten ja die ausgezeichnete Beschreibung des Versteckes von König Karl in der Broschüre nicht nachlesen. Zu den damaligen Zeiten haben sich die Leute nicht verborgen, ohne zuverlässige Verstecke zu haben, und es war immerhin möglich, daß ein solches später noch einmal benutzt werden konnte. Ich war überzeugt, daß wir Mr. Douglas unter diesem Dach finden würden.«

»Und wie lange haben Sie in dieser Weise mit uns bereits Katze und Maus gespielt, Mr. Holmes?« sagte der Inspektor ärgerlich. »Wie lange haben Sie zugelassen, daß wir unsere Zeit mit Nachforschungen vergeudeten, von denen Sie wußten, daß sie lächerlich waren?«

»Nicht sehr lange, mein lieber Mr. Mac. Erst gestern Abend habe ich mir meine endgültigen Ansichten über den Fall gebildet. Da ich sie erst heute erproben konnte, riet ich Ihnen und Ihrem Kollegen, sich den Tag über Erholung zu gönnen. Was hätte ich sonst tun können? Als ich die Kleider im Festungsgraben fand, war es mir klar, daß die Leiche, die wir gesehen haben, nicht die von Mr. Douglas sein konnte, sondern die des Radfahrers aus Tunbridge Wells. Eine andere Möglichkeit gab es nicht. Daher hatte ich festzustellen, wo Mr. John Douglas war. Die Wahrscheinlichkeit sprach dafür, daß er sich mit Wissen seiner Frau und seines Freundes verborgen hielt, und zwar hier im Hause, das für Flüchtlinge mancherlei geeignete Schlupfwinkel aufweist, und daß er nur wartete, bis sich die erste Aufregung gelegt hatte, um dann das Weite zu suchen.«

»Sie haben ganz recht damit gehabt«, sagte Douglas zustimmend. »Ich habe es für das beste gehalten, eurem britischen Gesetz aus dem Wege zu gehen, da ich mich darin nicht auskenne, und zu gleicher Zeit diese Hunde endgültig von meiner Fährte abzuschütteln. Ich kann Ihnen nur sagen, daß ich niemals etwas tat, worüber ich mich zu schämen brauche, und nichts, das ich nicht wieder tun würde, wenn es die Umstände erfordern sollten. Darüber können Sie jedoch selbst urteilen, wenn Sie meine Geschichte gelesen haben. Sie brauchen mir nicht die übliche Verwarnung zu geben, Inspektor, ich bin bereit, die volle Wahrheit zu sagen.«

»Ich will nicht mit dem Anfang beginnen, der ist hier,« er wies bei diesen Worten auf die Papiere in meinen Händen, »und ein merkwürdiger Anfang ist es, wie Sie finden werden. Die Sache ist die: es gibt Leute, die guten Grund haben, mich zu hassen, die ihren letzten Pfennig dafür ausgeben würden, zu hören, daß ich nicht mehr unter den Lebenden weile. Solange ich lebe und diese Leute leben, gibt es für mich in dieser Welt keine Sicherheit. Sie haben mir von Chicago nach Kalifornien nachgespürt; dann haben sie mich aus Amerika verjagt. Aber als ich schliesslich heiratete und mich in dieser stillen Gegend niederließ, habe ich gehofft, meine letzten Lebensjahre in Frieden beschließen zu können. Meiner Frau habe ich niemals erzählt, wie die Sachen stehen. Warum auch sollte ich sie hineinziehen? Sie hätte nie wieder einen ruhigen Augenblick gehabt und wäre in steter Sorge gewesen. Etwas wird sie schon geahnt haben, denn hie und da habe ich wohl ein Wort fallen lassen, aber gestern, nachdem sie von den Herren hier verhört worden ist, hat sie Einblick in die Sache gewonnen. Sie hat Ihnen alles gesagt, was sie wußte, genau so wie Barker, denn als die Sache hier passierte, war keine Zeit zu Erklärungen. Jetzt weiß sie alles. Es wäre vielleicht weiser gewesen, wenn ich sie schon früher ins Vertrauen gezogen hätte, aber es war eine schwere Wahl, Liebste,« – er ergriff ihre Hand, – »und ich glaubte zu deinem Besten zu handeln.«

»Nun, meine Herren, am Tage bevor diese Sache sich zutrug, war ich drüben in Tunbridge Wells, wo ich einen Mann auf der Straße erblickte. Ich sah ihn nur einen Moment, aber ich habe ein flinkes Auge und erkannte ihn sofort. Er war von allen meinen Feinden der Schlimmste. Die ganzen Jahre hindurch war er hinter mir her, wie der hungrige Wolf hinter dem Karibu. Ich wußte, was mir bevorstand, und zögerte nicht, nach Hause zurückgekehrt, mich darauf vorzubereiten. Es war meine Absicht, den Kampf allein aufzunehmen. Es gab eine Zeit, wo mein Glück in den ganzen Vereinigten Staaten sprichwörtlich war, ich verließ mich darauf, daß es mich auch diesmal nicht in Stich lassen würde. Den ganzen nächsten Tag über war ich ständig auf meiner Hut und ging nicht einmal in den Park hinaus. Das war zweifellos klug gehandelt, denn er würde mich jedenfalls vor seine Schrotflinte gekriegt haben, bevor ich Zeit hatte, meine eigene Waffe zu ziehen. Nachdem die Brücke aufgezogen war, habe ich getrachtet, die ganze Sache zu vergessen. Ich war immer etwas ruhiger, wenn die Zugbrücke abends geschlossen war. Daran, daß er sich in das Haus schleichen und hier auf mich lauern würde, habe ich nicht gedacht. Als ich meine gewöhnliche Runde durch das Haus machte und die Bibliothek betrat, fühlte ich eine nahe Gefahr. Wenn ein Mensch wie ich sich in vielerlei Gefahren befunden hat, – und ich habe in dieser Hinsicht mehr erlebt, als die meisten Leute, – so entwickelt er eine Art sechsten Sinn, der Warnungssignale gibt, ohne daß tatsächliche Anhaltspunkte für eine Gefahr vorhanden sind. Ich fühlte diese Warnungszeichen ganz deutlich, wußte jedoch nicht, warum. Im nächsten Augenblick hatte ich indessen einen Stiefel bemerkt, der unter dem Fenstervorhang hervorsah, und dann war mir alles klar.

Es brannte nur die Kerze, die ich in der Hand hielt, aber das Zimmer war von dem Lichtschein erhellt, der aus der Lampe in der Halle hereinfiel. Ich setzte die Kerze nieder und sprang nach dem Hammer, den ich auf dem Kaminsims gelassen hatte. In dem Moment stürzte er sich auf mich zu. Ich sah nur das Glitzern eines Messers, als ich mit dem Hammer auf ihn einschlug. Irgendwo muß ich ihn getroffen haben, denn das Messer fiel klirrend zu Boden. Dann schlüpfte er gewandt wie ein Aal um den Tisch herum und zog mit blitzartiger Geschwindigkeit sein Gewehr aus dem Rock hervor. Ich hörte noch, wie er den Hahn spannte, hatte ihn aber schon umklammert, bevor er abdrücken konnte. Ich hielt das Gewehr beim Lauf, als wir einige Minuten auf Leben und Tod rangen. Wer das Gewehr freigeben mußte, war ein toter Mann. Er ließ es zwar nicht los, aber einen Augenblick lang war die Mündung auf ihn gerichtet. Vielleicht war ich es, der den Drücker zog, vielleicht ist die Flinte in unserem Kampf von selbst losgegangen. Das Ergebnis war jedenfalls, daß er alle zwei Schüsse in das Gesicht bekam, und alsbald konnte ich auf das hinunterblicken, was von Ted Baldwin übriggeblieben war. Ich hatte ihn schon in der Stadt erkannt und gleich wieder, als er auf mich zusprang. Obwohl mir schwere Verwundungen nichts Neues sind, muß ich gestehen, daß mir bei seinem Anblick geradezu übel wurde. Ich lehnte noch gegen die Tischkante, als Barker eiligst hereintrat. Auch meine Frau hörte ich kommen, lief jedoch zur Tür, um sie anzuhalten. Es war kein Schauspiel für eine Frau. Ich versprach ihr, möglichst bald zu ihr zu kommen. Barker gab ich bloß einige erklärende Worte, die er rasch begriff, und dann warteten wir, bis die anderen kommen würden. Aber niemand kam, was uns klar machte, daß keiner der Leute etwas gehört hatte, und wir allein wußten, was geschehen war.

In diesem Augenblick kam mir eine Eingebung, deren Glanz mich geradezu verwirrte. Der Ärmel des Mannes war hinaufgerutscht und das Brandmal der Loge auf seinem Unterarm deutlich sichtbar. Sehen Sie her.«

Douglas zog Rockärmel und Manschette hoch, und wir sahen auf seinem Unterarm genau dasselbe Dreieck innerhalb eines Kreises, das wir an der Leiche bemerkt hatten.

»Meine Eingebung rührte von diesem Brandmal her. Sie durchzuckte mich wie ein Blitz. Wir waren von derselben Größe, hatten dieselbe Gestalt und dasselbe Haar. Sein Gesicht war völlig unkenntlich. Ich zog ihm die Kleider aus und in einer Viertelstunde hatten Barker und ich ihm meinen Schlafanzug und Schlafrock angezogen, genau so, wie Sie ihn hier fanden. Dann knüpften wir alle seine Sachen in ein Bündel, das wir mit dem einzigen Gewicht, das ich in der Eile finden konnte, beschwerten und so aus dem Fenster warfen. Die Karte, die er neben meiner Leiche niederlegen wollte, lag nun neben der seinen. Wir steckten ihm meine Ringe an die Finger, aber als wir an den Ehering kamen, –« er hielt seine muskulöse Hand hoch, – »da ging er nicht herunter, wie Sie selbst sehen. Er war nicht von meinem Finger gekommen, seit ich heiratete und wir hätten eine Feile nehmen müssen, um ihn abzukriegen. Ich glaube indessen nicht, daß ich ihn abgenommen hätte, selbst wenn es möglich gewesen wäre. Dann brachte ich ein Stück Pflaster herunter und klebte es ihm an dieselbe Stelle, wo ich selbst eines trug. Hierbei haben Sie etwas übersehen, Mr. Holmes, so klug Sie sonst sind, denn wenn Sie ihm das Pflaster abgezogen hätten, würden Sie bemerkt haben, daß keine Verletzung darunter war.«

»Das war also die Lage. Wenn es mir gelingen würde, eine Zeitlang versteckt zu bleiben und nachher irgendwohin zu fliehen, wo mich meine Frau wieder treffen konnte, hätten wir die Möglichkeit gehabt, unser Leben in Ruhe zu beschließen. Diese Teufel hätten mir niemals Ruhe gegeben, solange sie mich über dem Erdboden wußten, aber wenn sie zu dem Glauben gekommen wären, daß Baldwin sein Opfer gefunden hatte, wäre die Geschichte für sie erledigt gewesen. Es blieb mir nicht viel Zeit, all dies Barker und meiner Frau klarzumachen, aber sie verstanden genug, um mir zu helfen. Ich wußte von diesem Versteck, ebenso wie Ames, dem indessen niemals eingefallen war, es mit dieser Sache in Verbindung zu bringen. Ich zog mich dahin zurück und überließ Barker den Rest.

Über diesen Rest werden Sie wohl selbst schon genügend Bescheid wissen. Barker öffnete das Fenster und erzeugte die Fußspuren auf dem Fensterbrett, um damit den Weg des Mörders anzudeuten. Dies war wohl eine kühne Idee, aber da die Brücke aufgezogen war, gab es keinen anderen Rückzugsweg. Nachdem alles vorbereitet war, läutete er aus Leibeskräften. Was nachher geschah, wissen Sie bereits. Und nun, meine Herren, tun sie mit mir, was Sie für gut befinden. Ich habe die Wahrheit gesagt, die volle Wahrheit und nichts als die Wahrheit, so wahr mir Gott helfe! Was ich jetzt wissen möchte: wie stehe ich nach dem englischen Gesetz da?«

Auf diese Frage folgte Schweigen, das nach einer Weile von Sherlock Holmes unterbrochen wurde.

»Das englische Gesetz ist im großen und ganzen ein gerechtes. Es wird Sie genau so behandeln, wie Ihnen gebührt. Eines möchte ich Sie noch fragen: woher wußte der Mann, daß Sie hier wohnen, wie er in das Haus kommen, und wo er sich darin verstecken konnte?«

»Davon habe ich keine Ahnung.«

Holmes' Gesicht war blaß und todernst.

»Ich fürchte, die Sache ist für mich noch nicht zu Ende. Vielleicht drohen Ihnen größere Gefahren, als die der englischen Rechtsprechung oder selbst die seitens Ihrer Feinde in Amerika. Ich sehe Schlimmes für Sie voraus, Mr. Douglas, und wenn Sie meinem Rat folgen wollen, seien Sie auf Ihrer Hut.«

Und nun, meine allzu geduldigen Leser, möchte ich euch bitten, mir auf kurze Zeit an eine andere Stätte zu folgen, weit weg vom Herrenhaus in Birlstone, Sussex, und auch weit abliegend von dem Jahre des Herrn, in dem wir unsere ereignisreiche Fahrt dorthin antraten, die mit der ungewöhnlichen Geschichte des Mannes, der als John Douglas bekannt war, endigen sollte. Wir begeben uns in der Zeitrechnung um etwa zwanzig Jahre zurück, und müssen einen Raum von einigen tausend Meilen durchqueren, damit ich euch die ungeheuerliche und schreckliche Erzählung vortragen kann, die nun folgen wird. So ungeheuerlich und schrecklich ist sie, daß ihr sie kaum für möglich halten werdet. Glaubt nicht, daß ich eine neue Geschichte beginnen will, bevor die vorherige zu Ende ist. Während ihr im Lesen vorwärtsschreitet, werdet ihr euch davon überzeugen, daß dem nicht so ist. Und dann, nachdem ich euch mit den Ereignissen, die sich in der Ferne und in der Vergangenheit abgespielt haben, vertraut gemacht und euch das in sie verwobene Geheimnis enthüllt habe, wollen wir uns in unseren Räumen in Bakerstreet wiedertreffen, wo unsere Geschichte ihren Abschluß finden soll.

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