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Das Tal des Grauens

Arthur Conan Doyle: Das Tal des Grauens - Kapitel 12
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typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleDas Tal des Grauens
publisherDürr & Weber m. b. H.
translatorH. O. Herzog
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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4. Kapitel. Das Tal des Grauens.

Als McMurdo am nächsten Morgen erwachte, hatte er allen Grund, sich an seine Einführung in die Loge zu erinnern. Sein Kopf schmerzte in Nachwirkung der vielen Getränke, und der Arm, auf dem er das Brandmal empfangen hatte, war heiß und geschwollen. Da er seine eigene Einkommensquelle hatte, nahm er es nicht sehr genau mit seinen Pflichten. Er frühstückte spät und blieb des Morgens zu Hause mit Briefschreiben beschäftigt. Nachher las er den »Daily Herald«. In einer Sonderspalte, die für die letzten Nachrichten bestimmt war, fand er einen Artikel mit der Überschrift:

»Schandtat im Herald-Gebäude! Der Redakteur schwer verwundet!«

Es war ein kurzer Bericht über den Vorfall, der ihm selbst besser bekannt war, als dem Schreiber. Der Bericht schloß mit folgenden Worten:

»... Die Sache liegt jetzt in den Händen der Polizei, aber es kann kaum erwartet werden, daß ihre Bemühungen erfolgreicher sein werden, als bei ähnlichen Anlässen der Vergangenheit. Einige der Männer wurden erkannt, und auf diese Weise wird es vielleicht möglich sein, sie des Verbrechens zu überführen. Es braucht wohl nicht erst betont zu werden, daß diese Schandtat auf das Schuldkonto jener schändlichen Verbrecherbande zu setzen ist, die schon allzu lange über unsere Gemeinde herrscht, gegen die der ›Herald‹ bisher unverdrossen gekämpft hat, und die er unbeirrt weiter bekämpfen wird. Die vielen Freunde Mr. Stangers werden sich freuen zu hören, daß er, obgleich er in der grausamsten und brutalsten Weise mißhandelt wurde und schwere Verwundungen am Kopf davontrug, in keiner unmittelbaren Lebensgefahr schwebt.«

Danach war noch zu lesen, daß eine Abteilung der Kohlen- und Eisenpolizei, bewaffnet mit Winchestergewehren, zum Schutz des Herald-Gebäudes abgeordnet worden sei.

McMurdo hatte die Zeitung niedergelegt und war eben dabei, sich mit einer unter den Wirkungen des gestrigen Trinkgelages noch unsteten Hand die Pfeife anzuzünden, als es klopfte und ihm seine Wirtin einen Brief hereinbrachte, der von einem Jungen abgegeben worden war. Der Brief trug keine Unterschrift und lautete wie folgt:

»Ich möchte Sie gern sprechen, aber nicht in Ihrem Hause. Sie werden mich neben dem Fahnenmast auf Miller Hill finden. Wenn Sie meinem Wunsch folgen, werde ich Ihnen eine Mitteilung machen, die für Sie und für mich von Wichtigkeit ist.«

McMurdo überlas den Brief zweimal in äußerster Überraschung, ohne Vorstellung, was er zu bedeuten habe und von wem er herrühren könne. Wäre er in einer weiblichen Handschrift geschrieben gewesen, so hätte er ihn für den Anfang eines jener Abenteuer gehalten, die ihm aus früheren Zeiten wohl vertraut waren. Aber er war von Manneshand und wies die Merkmale guter Bildung auf. Nach einigem Zögern entschloß er sich, der Sache auf den Grund zu gehen.

Miller Hill war ein ungepflegter öffentlicher Park, inmitten der Stadt gelegen. Im Sommer war es ein beliebter Aufenthaltsort des Volkes, aber im Winter war er trübselig genug. Von oben hatte man einen Fernblick über die ganze rußige, planlos angelegte Stadt und das lange gewundene Tal, mit seinen verstreuten Bergwerken und Fabriken, eingesäumt von schwärzlichem Schnee und den bewaldeten, weiß übergossenen Hängen darüber.

McMurdo schlenderte die Krümmungen des Pfades entlang, der von einer immergrünen Hecke eingefaßt war, bis er zu dem verödeten Restaurant gelangte, das im Sommer der Sammelpunkt der Vergnügungssüchtigen war. Daneben stand ein kahler Flaggenmast, an dessen Schaft er einen Mann gewahrte, mit tief heruntergezogenem Hut und aufgeklapptem Rockkragen. Als der Mann McMurdo sein Gesicht zuwandte, erkannte dieser in ihm Bruder Morris, der sich am Abend vorher dem Mißfallen des Logenmeisters ausgesetzt hatte. Nachdem der Logengruß ausgetauscht worden war, ging Morris ohne Zeitverlust auf den Gegenstand der von ihm herbeigeführten Unterredung über.

»Ich wollte mit Ihnen sprechen, Herr McMurdo,« sagte er zögernd, wie jemand, der sich auf schwankem Boden weiß. »Es war sehr freundlich von Ihnen, zu kommen.«

»Warum haben Sie Ihren Brief nicht unterzeichnet?«

»Man muß vorsichtig sein, Herr. Man kann nie wissen, wem solch ein Brief in die Hände fällt. Außerdem weiß man nicht, wem man in solchen Zeiten trauen kann und wem nicht.«

»Logenbrüdern können Sie doch sicherlich trauen?«

»Nicht immer,« rief Morris lebhaft. »Was einer von uns sagt, selbst was er denkt, scheint stets seinen Weg zu McGinty zu finden –«

»Herr Morris,« warf McMurdo mit ernstem Tone ein, »erst gestern abend habe ich, wie Sie wissen, dem Logenmeister Treue geschworen. Sie wollen mich doch nicht verleiten, meinen Schwur zu brechen?«

»Wenn das Ihre Auffassung von der Sache ist,« sagte Morris enttäuscht, »dann tut es mir leid, Sie bemüht zu haben. Es ist traurig, daß zwei Bürger eines freien Landes nicht offen ihre Meinungen austauschen können.«

McMurdo, der seinen Gefährten sorgfältig im Auge behalten hatte, milderte seine abweisende Haltung.

»Ich habe auch an mich zu denken,« sagte er, »ich bin hier ein Neuling, wie Sie wissen, und bewege mich auf fremdem Boden. Es ist nicht an mir, den ersten Schritt zu tun, Herr Morris. Wenn Sie mir etwas zu sagen haben, will ich es gern anhören, da ich schon einmal hier bin.«

»Um es dann Meister McGinty zu hinterbringen,« sagte Morris bitter.

»Darin tun Sie mir Unrecht,« rief McMurdo. »Was mich persönlich betrifft, halte ich streng loyal zur Loge, wie ich Ihnen gerade heraus sagen muß, aber ich wäre ein erbärmlicher Wicht, wenn ich Ihr Vertrauen mißbrauchen würde. Was Sie mir sagen, bleibt unter uns, aber ich muß Sie darauf vorbereiten, daß Sie bei mir weder Hilfe noch Sympathie finden werden.«

»Diese von Ihnen oder einem anderen zu erwarten, habe ich längst aufgegeben,« sagte Morris bitter. »Vielleicht gebe ich mich mit dem, was ich sagen will, in Ihre Hände,« fuhr er fort, »aber so schlecht Sie auch sein mögen, – und nach gestern abend zu schließen, scheinen Sie sich zu einem ebenso großen Bösewicht auswachsen zu wollen, wie die anderen, – Sie sind, wie Sie selbst sagen, noch ein Neuling, und Ihr Gewissen kann noch nicht abgestumpft sein. Darum möchte ich gern mit Ihnen sprechen.«

»Nun, und was haben Sie zu sagen?«

»Wenn Sie mich verraten, möge mein Fluch Sie treffen.«

»Sie können darüber unbesorgt sein.«

»Also dann möchte ich Sie fragen, ob es Ihnen, als Sie in Chicago in den Bund der freien Männer eintraten und Ihr Gelübde ablegten, in den Sinn gekommen ist, daß es Sie auf die Verbrecherbahn führen könnte?«

»Wenn Sie es Verbrechen nennen wollen,« antwortete McMurdo.

»Kann es darüber zweierlei Meinungen geben?« rief Morris mit vor Erregung zitternder Stimme. »Sie wissen offenbar noch nicht viel davon, wenn Sie es anders bezeichnen möchten. War es nicht ein Verbrechen, den alten Mann von gestern abend, alt genug, Ihr Vater zu sein, zu schlagen, bis ihm das Blut aus den weißen Haaren tropfte? War das ein Verbrechen, oder was war es sonst?«

»Es gibt Leute, die sagen würden, daß es ein Kampf ist,« sagte McMurdo, »ein Klassenkampf bis aufs Messer, wobei jeder zuschlägt, wie er kann.«

»Waren Sie darauf vorbereitet, als Sie in Chicago in den Freimänner-Orden eintraten?«

»Nein, das war ich nicht, das muß ich zugeben.«

»Auch ich hatte keine Ahnung, als ich in Philadelphia eintrat. Der Orden war nur eine Wohltätigkeits-Vereinigung und der Treffpunkt meines Freundeskreises. Dann hörte ich von diesem Ort. Verflucht sei die Stunde, da der Name zum erstenmal an mein Ohr drang. Ich kam her, um mich zu verbessern. Mein Gott! Zu verbessern! Es klingt wie bitterer Hohn. Meine Frau und meine Kinder nahm ich mit. Am Marktplatz eröffnete ich einen Kurzwarenladen. Es ging mir gut. Man erzählte sich, daß ich ein Freimann sei, und zwang mich, der Loge beizutreten, so wie Sie es gestern abend taten. Am Arm trage ich das Brandmal der Schande, aber im Herzen ein noch viel schlimmeres. Ich entdeckte, daß ich den Befehlen eines ruchlosen Bösewichtes unterstand und in einem Netzwerk von Verbrechen gefangen war. Was konnte ich tun? Jedes Wort, das ich in bester Absicht aussprach, wurde als Verrat ausgelegt, wie gestern erst wieder. Ich kann nicht weg, denn alles, was ich habe, steckt in meinem Geschäft. Wenn ich aus der Loge austrete, wird man mich umbringen, und der Himmel weiß, was dann aus meiner Frau und meinen Kindern werden soll. Freund, ich sage Ihnen, es ist schrecklich – schrecklich!« Er verbarg sein Gesicht in den Händen, während sein ganzer Körper in heftigem Schluchzen erbebte.

»Sie sind zu weichherzig für die Sache,« antwortete McMurdo achselzuckend. »Sie eignen sich nicht dazu.«

»Ich hatte ein Gewissen und meinen Gottesglauben, aber sie haben mich zum Verbrecher gemacht. Ich wurde zu einer Aufgabe bestimmt. Wenn ich sie zurückgewiesen hätte, würde es mir an den Kragen gegangen sein, das wußte ich. Vielleicht bin ich ein Feigling von Haus aus. Vielleicht hat mich der Gedanke an meine arme, kleine Frau und meine Kinder dazu gemacht. Ich gehorchte also. Die Erinnerung an die Sache wird mich ewig verfolgen. Es war ein armseliges Haus, etwa zwanzig Meilen jenseits der Hügelkette gelegen. Ich hatte die Eingangstür zu bewachen, wie Sie gestern abend. Sie konnten mich zu der Arbeit im Innern nicht gebrauchen. Die anderen gingen hinein. Als sie herauskamen waren Ihre Hände bis zum Handgelenk wie in Blut getaucht. Als wir dem Haus den Rücken kehrten, schrie ein Kind gottsjämmerlich auf. Es war ein kleiner Junge von fünf Jahren, der zugesehen hatte, wie man seinen Vater ermordete. Fast wurde ich vor Entsetzen ohnmächtig, aber ich mußte den Anschein aufrechterhalten, als ob ich mit ganzem Herzen bei der Sache sei und eine lächelnde Miene zeigen. Ich wußte sehr wohl, wenn ich es nicht tat, würden sie demnächst mit blutigen Händen aus meinem Haus kommen, und mein keiner Fred würde nach seinem Vater schreien. Ich war ein Verbrecher geworden, hatte wenigstens an einem Verbrechen teilgehabt und bin dieser Welt und wahrscheinlich auch der nächsten verloren. Ich bin ein gläubiger Katholik, aber die Priester wollen mit mir nichts mehr zu tun haben, seit sie wissen, daß ich zu den Rächern gehöre. Ich bin aus meiner Kirche ausgestoßen worden. So steht die Sache mit mir. Ich sehe, daß Sie denselben Weg des Verderbens gehen, den ich schon gegangen bin, und wollte Ihnen zu bedenken geben, was aus mir geworden ist. Wollen auch Sie ein kaltherziger Mörder werden, oder gibt es etwas, das Sie davon noch zurückhalten kann?«

»Wie würden Sie dies anfangen?« fragte McMurdo brüsk. »Sie wollen doch nicht den Verräter spielen?«

»Der Himmel soll mich davor bewahren!« rief Morris. »Schon die Absicht würde mich das Leben kosten.«

»Gut, daß Sie so denken,« sagte McMurdo. »Ich halte Sie für einen schwachen Menschen, der sich die Sache zu sehr zu Herzen nimmt.«

»Zu sehr! Warten Sie, bis Sie hier ein bißchen älter geworden sind. Blicken Sie hinunter ins Tal, und betrachten Sie die Hunderte von Schornsteinen, die es überragen. Ich sage Ihnen, daß die Wolken des Verderbens dichter und niedriger über dem Tal hängen als die des Rauches. Es ist das Tal des Grauens – das Tal des Todes. Im Herzen der Bevölkerung wohnt Schrecken, von der Abenddämmerung bis zum Morgengrauen. Nur Geduld, junger Mann, Sie werden es selbst erkennen.«

»Nun denn, ich werde Ihnen sagen, was ich davon halte, nachdem ich mehr gesehen habe,« sagte McMurdo leichthin. »Klar ist nur, daß Sie nicht hierher gehören, und je schneller Sie Ihr Geschäft verkaufen, – auch wenn Sie nur 10 v. H. des Wertes erlösen, – desto besser ist es für Sie. Was Sie mir sagten, ist bei mir sicher aufgehoben; aber der Himmel sei Ihnen gnädig, wenn Sie ein Angeber –«

»Nein, nein,« rief Morris flehend.

»Nun gut, wir wollen es dabei bewenden lassen. Ich werde an das, was Sie mir gesagt haben, denken, und vielleicht komme ich noch einmal darauf zurück. Ich nehme an, daß Sie es gut mit mir meinen. Aber jetzt muß ich wieder nach Hause.«

»Noch eins, bevor Sie gehen,« sagte Morris. »Man hat uns vielleicht beobachtet und wird wissen wollen, was wir zu sprechen hatten.«

»Gut, daß Sie daran denken.«

»Ich habe Ihnen eine Anstellung in meinem Laden angeboten.«

»Und ich habe sie ausgeschlagen. Das geht niemand etwas an. Auf Wiedersehen, Bruder Morris. Hoffen wir das Beste für die Zukunft.«

Als McMurdo am Nachmittag desselben Tages in Gedanken verloren am Ofen seines Wohnzimmers saß, öffnete sich die Tür, und McGinty erschien, der mit seiner massiven, riesenhaften Figur den Türrahmen fast ausfüllte. Er grüßte nach Logenart und nahm ohne weiteres Platz, indem er McMurdo mit Blicken zu durchbohren schien, die von diesem furchtlos erwidert wurden.

»Ich bin ein schlechter Besuchmacher, Bruder McMurdo,« sagte er, »wahrscheinlich, weil mir meine eigenen Gäste so viel zu schaffen machen. Höflichkeit erfordert es indessen, daß ich Ihren Besuch erwidere und Sie in Ihrem Heim aufsuche.«

»Ich bin stolz darauf, Sie hier zu sehen, Rat McGinty,« antwortete McMurdo herzlich und holte die Whisky-Flasche aus dem Schrank. »Es ist für mich eine unerwartete Ehre.«

»Wie geht es dem Arm?« fragte der Meister.

McMurdos Gesicht verzog sich zu einer Grimasse.

»Ganz gut, aber er hält sich noch in Erinnerung,« sagte er. »Immerhin, ich weiß, wofür ich leide.«

»So ist es,« antwortete der andere, »so muß jeder denken, der unserer Sache ergeben ist und der Loge nützlich sein will. Was haben Sie heute morgen mit Bruder Morris auf Miller Hill zu sprechen gehabt?«

Die Frage kam so plötzlich, daß McMurdo sich glücklich schätzte, eine Antwort in Bereitschaft zu haben.

»Morris weiß nichts davon, daß ich mir hier im Hause Geld verdienen kann,« sagte er mit einem vielsagenden Lächeln. »Er soll auch nichts davon erfahren, denn er hat für meinen Geschmack ein zu enges Gewissen. Er ist ein gutherziger alter Mann und scheint zu glauben, daß es mir schlecht gehe. Er wollte mir auf die Beine helfen, indem er mir eine Anstellung in seinem Kramladen anbot.«

»So, das war es!

Und Sie haben sie ausgeschlagen?«

»Selbstredend. In vier Stunden täglicher Arbeit kann ich mir hier in meinem Schlafzimmer ein vielfaches von dem verdienen, was er mir bieten könnte.«

»So ist es. Ich würde Ihnen indessen raten, mit Morris nicht allzuviel zu verkehren.«

»Warum nicht?«

»Es mag Ihnen genügen, daß ich es wünsche. Das genügt den meisten Leuten hier in der Gegend.«

»Vielleicht den meisten Leuten, aber mir nicht,« erwiderte McMurdo unerschrocken. »Wenn Sie ein Menschenkenner sind, muß Ihnen das klar sein.«

Der dunkelhäutige Riese glotzte ihn an, und seine haarige Tatze schloß sich einen Augenblick lang fest um das Glas, als ob er es dem anderen an den Kopf werfen wollte. Dann brach er in Lachen aus, in ein lautes, schallendes, aber unecht klingendes Lachen.

»Sie sind ein sonderbarer Heiliger, das muß ich sagen,« erwiderte er. »Nun, wenn Sie Gründe haben wollen, werde ich sie Ihnen sagen. Hat Morris irgend etwas gegen die Loge gesagt?«

»Nein.«

»Oder gegen mich?«

»Nein.«

»Nun gut, er hat Ihnen eben nicht getraut, aber in seinem Herzen ist er ein Abtrünniger. Wir wissen sehr genau, weshalb wir ihn auf das sorgfältigste überwachen. Wir warten nur auf die Zeit, ihn beiseite zu bringen. Ich glaube sogar, daß diese Zeit nicht mehr sehr fern ist. In unserem Stall ist kein Platz für räudige Schafe. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß man Sie selbst für verräterisch halten könnte, wenn Sie mit einem treulosen Menschen Umgang pflegen. Ist Ihnen das klar?«

»Es ist unwahrscheinlich, daß ich mit ihm umgehen werde, denn ich mag den Mann nicht leiden,« antwortete McMurdo. »Und was das Verräterischsein anbelangt, so möchte ich Ihnen sagen, daß jeder andere außer Ihnen es bereuen würde, dieses Wort in meiner Gegenwart auszusprechen.«

»Nun gut, damit ist die Sache für mich erledigt,« sagte McGinty, indem er sein Glas leerte. »Ich wollte Ihnen nur einen gutgemeinten Wink geben.«

»Es würde mich interessieren,« sagte McMurdo, »woher Sie wissen, daß ich mit Morris gesprochen habe.«

»Es ist eine meiner Aufgaben, alles zu wissen, was hier vorgeht,« antwortete McGinty lachend. »Sie werden gut tun, sich dies gegenwärtig zu halten. Nun denn, meine Zeit ist abgelaufen und ich muß jetzt gehen.«

Sein Abschiednehmen wurde jedoch in einer völlig unerwarteten Weise unterbrochen. Mit einem plötzlichen Schlag flog die Tür auf, und drei finstere, aufgeregte Gesichter, beschattet von der Schirmmütze der Polizei, starrten durch die Türöffnung. McMurdo sprang auf und hatte bereits den Revolver halb aus seiner Tasche gezogen, als er gewahr wurde, daß zwei Gewehre auf seinen Kopf gerichtet waren, worauf er den Arm wieder sinken ließ. Ein uniformierter Mann trat ins Zimmer mit einem Revolver in der Hand. Es war Kapitän Marvin, der vormalige Beamte der Chicagoer Polizei, zu jener Zeit aber Leiter der Kohlen- und Eisenpolizei. Mit einem Kopfschütteln und einem halben Lächeln blickte er auf McMurdo.

»Ich habe mir doch gedacht, daß er mir bald ins Gehege kommen würde, der windige Herr McMurdo aus Chicago,« sagte er. »Er kann es eben nicht lassen. Nehmen Sie Ihren Hut und kommen Sie mit.«

»Das wird Ihnen teuer zu stehen kommen, Kapitän Marvin,« sagte McGinty. »Wer sind Sie denn eigentlich, möchte ich wissen, daß Sie sich herausnehmen, derart in ein Haus einzudringen und ehrliche, gesetzesfürchtige Leute zu belästigen?«

»Wir haben nichts gegen Sie, Rat McGinty,« sagte der Polizeikapitän. »Wir sind nicht Ihretwegen gekommen, sondern wegen dieses McMurdo. Es ist Ihre Aufgabe, uns in der Ausübung unserer Pflicht zu unterstützen und nicht zu behindern.«

»Er ist mein Freund, und ich stehe für ihn ein,« sagte McGinty.

»Ich glaube, daß Sie eines schönen Tages für sich selbst einzustehen haben werden, Mr. McGinty,« antwortete der Polizeikapitän. »McMurdo war schon ein verdächtiger Mensch, bevor er hierher kam, und ist es noch immer. Halten Sie ihn scharf auf dem Korn, Schutzmann, während ich ihn entwaffne.«

»Hier ist meine Pistole,« sagte McMurdo ruhig. »Wenn wir beide allein wären, Kapitän Marvin, so würden Sie mich nicht so leicht einfangen können.«

»Haben Sie denn einen Haftbefehl?« fragte McGinty. »Zum Donnerwetter, man möchte glauben in Rußland und nicht in Vermissa zu sein, wenn man sieht, was sich die Polizei herausnimmt. Es ist eine kapitalistische Schandtat, und Sie werden dafür büßen, das kann ich Ihnen versichern.«

»Tun Sie, was Sie nicht lassen können, Rat McGinty, wir kennen unsere Pflichten.«

»Wessen bin ich beschuldigt?« fragte McMurdo.

»Der Teilnahme an dem Überfall auf den Redakteur Stanger vom Vermissa Herald. Es ist wohl nicht Ihre Schuld, daß es nicht eine Beschuldigung wegen Mordes ist.«

»Nun, wenn das alles ist, was Sie gegen ihn haben,« rief McGinty lachend, »so können Sie sich jede weitere Mühe ersparen. Dieser Mann war in meiner Bar bis Mitternacht beim Pokerspiel. Ich werde Ihnen ein Dutzend Zeugen bringen, die es beschwören.«

»Es bleibt Ihnen freigestellt, dies morgen vor Gericht zu tun. Inzwischen wollen wir gehen. Kommen Sie, McMurdo, und verhalten Sie sich ruhig, wenn Sie nicht wollen, daß Ihr Kopf mit einem Gewehrkolben in Berührung kommt. Weg da mit Ihnen, McGinty! Ich dulde keinen Widerstand in der Ausübung meiner Pflicht. Lassen Sie sich das gesagt sein.«

So entschlossen trat der Kapitän auf, daß sowohl McMurdo wie der Logenmeister sich in die Lage fügen mußten. Dem letzteren gelang es jedoch, dem Häftling vor dem Fortgehen einige Worte zuzuflüstern.

»Was soll damit?« bemerkte er mit einer vielsagenden Bewegung seines Daumens auf das Versteck der Falschmünzerwerkzeuge zu.

»Nichts zu befürchten,« flüsterte McMurdo, der sie in einem Geheimfach unter dem Fußboden wohl verborgen wußte.

»Ich wünsche Ihnen alles Gute,« sagte der Meister mit einem kräftigen Händedruck. »Ich werde sofort zu Reilly, dem Rechtsanwalt, gehen und sehen, daß er die Verteidigung übernimmt. Seien Sie ganz unbesorgt, man wird Ihnen nichts anhaben können.«

»Das ist nicht so ganz sicher, mein Freund. Gebt acht, auf den Gefangenen, ihr beide. Sollte er die Flucht ergreifen, so schießt ihn einfach nieder. Ich werde noch eine Haussuchung vornehmen, bevor ich gehe.«

Dies geschah, aber Marvin fand anscheinend keine Spur der versteckten Werkzeuge. Als er damit zu Ende gekommen war, brachte er mit seinen zwei Leuten McMurdo zum Polizeibüro. Es war inzwischen dunkel geworden, und ein Schneesturm fegte durch die fast menschenleeren Straßen. Die wenigen Leute, die unterwegs waren, liefen zusammen und bewarfen den Gefangenen, ermutigt durch die Dunkelheit, mit Schimpfworten und Flüchen.

»Hängt den verfluchten Rächer auf!« riefen sie. »An die Laterne mit ihm!« Sie lachten und verhöhnten ihn, als er in das Polizeigebäude gestoßen wurde.

Nach einem kurzen, rein formellen Verhör seitens des diensthabenden Beamten wurde er in eine Zelle geführt. In dieser fand er bereits Baldwin und drei andere seiner Genossen von gestern abend vor, die alle am Nachmittag in Haft genommen worden waren und nun der Verhandlung am nächsten Morgen entgegensahen.

Der lange und mächtige Arm der Freimänner reichte indessen sogar in diese inneren Ringmauern des Gesetzes hinein. Spät abends kam der Gefängniswärter und brachte für jeden ein Bündel Bettzeug, aus dem er einige Flaschen Whisky, Gläser und ein Spiel Karten entnahm. Zechend und ohne der am folgenden Tag bevorstehenden Verhandlung auch nur einen Gedanken zu widmen, verbrachten sie die Nacht.

Ihre Sorglosigkeit war, wie sich alsbald herausstellte, nur zu berechtigt. Der Untersuchungsrichter konnte auf Grund des Tatbestandes allein zu keinem Schuldspruch kommen. Es stellte sich heraus, daß die Setzer und Drucker infolge des trüben Lichtes und ihrer Bestürzung die Identität der Verbrecher nicht feststellen konnten. Sie erklärten sich außerstande zu beschwören, daß sich die Beschuldigten unter den Angreifern befunden hatten, obwohl sie dies glaubten. Als sie der gewandte Rechtsanwalt, den McGinty für die Verteidigung bestellt hatte, einem Kreuzverhör unterzog, wurden ihre Aussagen noch unbestimmter. Das Opfer der Tat hatte bei seiner kommissarischen Vernehmung bereits zu Protokoll gegeben, daß er durch die Plötzlichkeit des Überfalles so überrascht worden war, daß er nichts anderes aussagen könne, als daß der erste Mann, der ihn schlug, einen Schnurrbart trug. Er fügte hinzu, daß die Angreifer unzweifelhaft zu der Gesellschaft der Rächer gehören müßten, da niemand anderer in der ganzen Stadt einen Groll gegen ihn haben könne, und weil er von deren Seite wegen seiner freimütigen Leitartikel schon verschiedene Drohbriefe empfangen habe. Außerdem ergab sich aus der übereinstimmenden und im bestimmtesten Ton vorgebrachten Aussage von sechs Bürgern, einschließlich jenes hohen städtischen Würdenträgers, des Rates McGinty, ganz einwandfrei, daß die Beschuldigten zur Zeit der Tat und weit darüber hinaus im Unionhaus Karten gespielt hatten. Es erübrigt sich, zu sagen, daß sie alle vom Gericht mit einer Begründung freigelassen wurden, die fast einer Entschuldigung für die ihnen auferlegten Unannehmlichkeiten gleichkam. Daran schloß sich eine ziemlich unverblümte Verwarnung Kapitän Marvins wegen Übereifer in der Ausübung seiner Pflicht.

Die Entscheidung des Gerichtes wurde von den Zuhörern der Verhandlung, unter denen McMurdo viele bekannte Gesichter wahrzunehmen glaubte, mit lautem Beifall aufgenommen. Die Logenbrüder lachten und schwenkten die Hüte, andere dagegen saßen mit zusammengekniffenen Lippen und düsterblickenden Augen da, als die Beschuldigten die Anklagebank verließen. Einer von den letzteren, ein kleiner, dunkelbärtiger, entschlossener Mensch, faßte seine Gedanken und die seiner gleichgesinnten Freunde in Worte, als die freigelassenen Häftlinge an ihnen vorüberzogen:

»Ihr verfluchten Mörder!« rief er. »Wir werden doch noch mit euch abrechnen!«

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