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Das Tal des Grauens

Arthur Conan Doyle: Das Tal des Grauens - Kapitel 11
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typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleDas Tal des Grauens
publisherDürr & Weber m. b. H.
translatorH. O. Herzog
correctorreuters@abc.de
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3. Kapitel. Loge Nr. 341 Vermissa.

Am Morgen, der diesem ereignisreichen Tage folgte, verließ McMurdo seine Wohnung bei Jakob Shafter und bezog Quartier bei der Witwe McNamara am Rande der Stadt. Scanlan, seine erste Bekanntschaft, hatte Veranlassung, nach Vermissa zu übersiedeln und zog zu ihm. Die beiden waren die einzigen Mieter, und die Vermieterin, eine leichtherzige, alte Irin überließ sie ganz sich selbst, so daß sie jede Freiheit der Rede und des Handelns genossen, die Leute solcher Art, vereint durch ein gemeinsames Geheimnis, nur wünschen konnten. Shafter hatte so weit nachgegeben, daß er McMurdo gestattete, bei ihm die Mahlzeiten einzunehmen, wenn er wollte, so daß der Verkehr des jungen Mannes mit Ettie keine Unterbrechung erlitt. Im Gegenteil, er wurde im Verlaufe der folgenden Wochen immer enger und McMurdo fühlte sich in seinem neuen Heim so sicher, daß er in seinem Schlafzimmer die Banknotenpresse auspackte und einer Anzahl Logenbrüder unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit gestattete sie zu besichtigen und einige Muster mitzunehmen, die so geschickt nachgeahmt waren, daß sie ohne Gefahr und Schwierigkeit ausgegeben werden konnten. Warum McMurdo, im Besitze einer derartigen Kunst, sich herabließ zu arbeiten, war seinen Gefährten rätselhaft. Er machte ihnen jedoch klar, daß mangels offenkundiger Erwerbsquellen die Polizei bald hinter ihm her sein würde.

Ein Polizeibeamter hatte ihm tatsächlich bereits nachgespürt, aber das Glück wollte es, daß ihm der Vorfall eher nützte als schadete. Nach seiner Einführung in McGintys Gasthaus vergingen wenige Abende, die er nicht dort verbrachte. Es war seine Absicht, sich mit den »Jungens«, mit welchem freundschaftlichen Titel die gefährliche Bande, die diesen Ort bevölkerte, gewöhnlich belegt wurde, näher zu befreunden. Sein schneidiges Auftreten, die Kühnheit seiner Sprache machten ihn bald allseitig beliebt. Die Schnelligkeit und kunstvolle Geschicklichkeit, mit der er einmal einen Gegner in einem Raufhandel abfertigte, verschafften ihm die Achtung dieser gewalttätigen Gesellschaft. Der erwähnte Vorfall führte dazu, diese Achtung noch zu erhöhen. Eines Abends, zur Zeit des stärksten Besuches, öffnete sich die Tür und ein Mann trat ein, gekleidet in die blaue Uniform und Schirmmütze der Kohlen- und Eisenpolizei. Diese war eine von den Eisenbahnen und Bergwerksbesitzern organisierte Hilfstruppe, dazu bestimmt, die Arbeit der Zivilpolizei, die gegenüber dem organisierten Terror und Rowdywesen der Gegend vollkommen hilflos war, zu unterstützen. Schweigen senkte sich auf die versammelten Gäste, als der Mann eintrat, und gar mancher verstohlene Blick fiel auf ihn. Die Beziehungen zwischen Verbrechern und der Polizei sind indessen in den Vereinigten Staaten eigenartig. McGinty, der hinter dem Bartisch stand, zeigte keine Überraschung, als der Polizeiinspektor eintrat und sich unter seine Kunden mischte.

»Ein Glas puren Whisky, es ist bitter kalt draußen,« sagte der Polizeioffizier. »Ich glaube, wir haben uns noch nicht gesehen, Rat McGinty.«

»Sie sind wohl der neue Polizeikapitän?« fragte McGinty.

»Stimmt. Wir verlassen uns auf Sie und die anderen tonangebenden Bürger, uns zu helfen, Gesetz und Ordnung in dieser Stadt aufrechtzuerhalten. Kapitän Marvin ist mein Name – von der Kohlen- und Eisenpolizei.«

»Wir würden besser ohne Sie auskommen, Kapitän Marvin,« erwiderte McGinty kalt, »denn wir haben unsere eigene Polizei und haben keinen Bedarf für Importware. Was sind Sie anderes, als das bezahlte Werkzeug der Kapitalisten, von diesen gedungen, die ärmeren Mitbürger niederzuschlagen oder niederzuschießen.«

»Na, na, wir wollen uns darüber nicht streiten«, sagte der Polizeioffizier gutgelaunt. »Sie tun wahrscheinlich Ihre Pflicht oder was Sie dafür halten, worüber Sie und ich vielleicht verschiedener Meinung sind.« Er hatte sein Glas geleert und war eben im Begriff zu gehen, als sein Blick auf Jack McMurdo fiel, der finsterblickend an seiner Seite gestanden hatte.

»Hallo, hallo!« rief er, indem er ihn von oben bis unten musterte, »ein alter Freund, wenn ich mich nicht irre.«

McMurdo zog sich vor ihm zurück.

»Ich war niemals ein Freund von Ihnen oder der irgendeines anderen verdammten Polizisten,« sagte er.

»Nun gut, dann also ein Bekannter,« sagte der Polizeikapitän. »Sie sind Jack McMurdo aus Chicago, ich irre mich nicht. Es hat keinen Zweck, zu leugnen.«

»Ich leugne es nicht,« antwortete McMurdo achselzuckend, »glauben Sie, ich schäme mich meines eigenen Namens?«

»Sie hätten aber alle Ursache dazu.«

»Was, in des Teufels Namen, wollen Sie damit sagen?« brüllte McMurdo mit geballten Fäusten.

»Ruhe, Ruhe, Jack. Dieses Poltern macht auf mich keinen Eindruck. Bevor ich in diesen gottverdammten Kohlenspeicher kam, war ich Polizeioffizier in Chicago und erkenne jeden unserer Galgenvögel, wenn ich ihn sehe.«

»Sie wollen doch nicht sagen, daß Sie Marvin von der Zentrale in Chicago sind?« rief McMurdo bestürzt.

»Jawohl, noch immer derselbe alte Teddy Marvin, zu dienen. Wir haben dort die Erschießung von Jonas Pinto noch nicht vergessen.«

»Ich war es nicht.«

»So, Sie waren es nicht. Das ist eine beweiskräftige, unparteiische Zeugenschaft, nicht wahr? Immerhin ist Ihnen sein Tod sehr gelegen gekommen, sonst hätte man Sie gefaßt, wegen Ihrer schönen Banknoten. Wir wollen das jedoch dahingestellt sein lassen, denn, unter uns gesagt – vielleicht sage ich damit mehr, als meine Pflicht zuläßt – wir haben gegen Sie keinen einwandfreien Beweis gehabt, und Sie können jederzeit nach Chicago zurück, schon morgen, wenn Sie wollen.«

»Ich bin hier ganz zufrieden.«

»Mir recht. Ich habe Ihnen einen nützlichen Wink gegeben, und Sie sind ein eigensinniger Tropf, wenn Sie ihn zurückweisen.«

»Nun gut, Sie haben es wahrscheinlich gut gemeint und ich muß Ihnen wohl danken,« sagte McMurdo keineswegs freundlicher.

»Mir soll es recht sein, solange Sie sich auf der richtigen Seite des Gesetzes halten« sagte der Kapitän. »Aber so wahr ich hier stehe, wenn Sie mir in die Quere kommen, dann gibt es etwas. Also gute Nacht – und auch Ihnen eine gute Nacht, Rat McGinty.«

Dieser Vorfall hatte McMurdo den Nimbus eines Helden eingetragen. Man hatte sich schon vorher über seine Taten in Chicago Verschiedenes zugeraunt. Er hatte aber alle Fragen nach dieser Richtung mit bescheidenem Lächeln abgewehrt, wie einer, der eine Huldigung für unverdiente Größe ablehnt. Jetzt aber war die Sache amtlich festgestellt. Die Besucher der Bar umringten ihn und schüttelten ihm erfreut die Hand. Er war einer der Ihren geworden. Obzwar er viel ertragen konnte, würde der gefeierte Held an jenem Abend die Nacht unter dem Bartisch beschlossen haben, wenn ihn nicht Scanlan beizeiten nach Hause geführt hätte.

Am Abend des folgenden Sonnabends wurde McMurdo in die Loge eingeführt. Da er bereits Mitglied einer Loge in Chicago war, glaubte er, daß dies ohne weitere Förmlichkeiten vor sich gehen würde. Die Loge in Vermissa hatte indessen ihren eigenen Ritus, auf den sie stolz war und dem jeder Bewerber sich unterwerfen mußte. Sie versammelte sich in dem großen Raum, der eigens für diesen Zweck im Unionhaus reserviert war. Etwa sechzig Mitglieder waren versammelt, die indessen nicht die ganze Macht der Loge darstellten, da es in den anderen Niederlassungen des Tales und jenseits der Berge auf beiden Seiten des Tales mehrere Schwesterlogen gab, die untereinander ihre Mitglieder austauschten, wenn es Ernstliches zu tun gab, so daß Verbrechen meistens von ortsfremden Mitgliedern ausgeführt wurden. Insgesamt zählte die Loge in dem gesamten Kohlenbecken nicht weniger als fünfhundert Mitglieder.

Die Versammlung saß in dem kahlen Raum an einem langen Tisch. Ein zweiter an der Seite war mit Gläsern und Flaschen beladen, auf die einige Mitglieder schon verlangend ihre Blicke richteten. McGinty saß am Kopfende des Tisches mit einer flachen, schwarzen Sammetmütze auf seinen strähnigen, dunklen Haaren und einer purpurfarbenen Stola um den Hals, die ihm das Aussehen eines Priesters in der Ausübung eines teuflischen Rituals verliehen. Zu seiner Rechten und Linken befanden sich die höheren Würdenträger der Loge, unter ihnen das grausame, interessante Gesicht Ted Baldwins. Jeder von ihnen trug eine Schärpe oder eine Medaille als Abzeichen seiner Würde. Der Großteil bestand aus Männern im reifen Alter. Die übrigen indessen waren junge Burschen zwischen achtzehn und fünfundzwanzig, die stets willfährigen und fähigen Werkzeuge zur Ausführung der Befehle der älteren. Unter den letzteren bemerkte man Gesichter, in denen sich eine raubtierartige, verbrecherische Veranlagung deutlich abspiegelte, aber der Durchschnitt war derartig, daß man in diesen Reihen aufgeweckter, offenblickender junger Leute schwerlich eine gefährliche Mörderbande vermutet hätte: Verbrecher, die schon längst bis zu einem Grade sittlicher Verderbtheit heruntergesunken waren, daß sie mit grauenerregendem Stolz über die Kunstfertigkeit der Ausführung ihrer schrecklichen Taten prahlen konnten, und den Mann, der sich durch besondere Rohheit hervortat, mit auszeichnender Verehrung behandelten. Es erschien ihrer verzerrten Lebensanschauung als eine mutige und ritterliche Tat, sich freiwillig zur Ermordung eines Mannes anzubieten, der ihnen niemals etwas zuleide getan hatte, und den sie in den meisten Fällen nicht einmal von Angesicht kannten. Es konnte geschehen, daß sie nach vollbrachter Tat um die Ehre stritten, wer den tödlichen Streich geführt habe, und daß sie sich und die anderen damit vergnügten, zu schildern, wie sich ihre Opfer im Todeskampf wanden und ihr Wehklagen nachzuahmen. Zuerst wurden diese Taten mit dem strengsten Geheimnis umgeben, aber zur Zeit dieser Erzählung sprach man darüber ganz freimütig, denn wiederholte Fehlschläge der Gerichte, die Verbrecher zur Rechenschaft zu ziehen, hatten sie in Sicherheit darüber gewiegt, daß kein Zeuge es wagen würde, gegen sie aufzutreten, zumal ihnen stets eine beliebige Anzahl von Entlastungszeugen zur Verfügung stand. Außerdem gestattete es ihr wohlgefüllter Bundesschatz, sich die besten Rechtsanwälte des Landes zu sichern. In den zehn langen Jahren dieses schandbaren Zustandes war es noch zu keiner einzigen Verurteilung gekommen, und die alleinige Gefahr, die den Rächern drohte, kam von den Opfern selbst, von denen gelegentlich eines, obwohl überraschend und von einer großen Überzahl angefallen, seinen Angreifern einen ernstlichen Denkzettel zu versetzen vermochte.

Man hatte McMurdo darauf vorbereitet, daß er eine Art Feuerprobe zu gewärtigen habe. Aber niemand wollte ihm sagen, worin sie bestehe. Er wurde von zwei feierlich aussehenden Brüdern in den Außenraum geführt. Durch die hölzerne Zwischenwand konnte er das Murmeln vieler Stimmen im Versammlungssaal hören. Ein- oder zweimal fing er seinen eigenen Namen auf und schloß daraus, daß seine Bewerbung zur Verhandlung stand. Danach trat ein Funktionär ein, der eine grün-goldene Schärpe über der Brust trug.

»Der Logenmeister befiehlt, ihn zu fesseln, ihm die Augen zu verbinden und ihn dann hereinzuführen.«

Die drei entfernten seinen Rock, rollten ihm den rechten Hemdärmel auf und schlangen dann ein Seil um seinen Körper, mit dem sie seine Arme über den Ellbogen am Körper festbanden. Dann zogen sie ihm eine dicke schwarze Kappe über den Kopf und den oberen Teil des Gesichts. Derartig blind gemacht, wurde er in den Versammlungsraum geführt. Kein Lichtstrahl drang durch seine Vermummung, die Mütze verursachte ihm eine drückende Schwüle. Er hörte das Geräusch und Gemurmel der Leute um ihn. Dann drang die Stimme McGintys, dumpf und entfernt klingend, durch die Umhüllung an sein Ohr.

»John McMurdo, Ihr seid bereits ein Mitglied des ehrwürdigen Ordens der freien Männer.«

McMurdo verbeugte sich zustimmend.

»Eure Loge ist Nr. 29, Chicago.«

Er wiederholte seine Verbeugung.

»Dunkle Nächte sind bedrückend,« sagte die Stimme.

»Jawohl für einsame Wanderer,« antwortete er.

»Die Wolken hängen schwer.«

»Jawohl, ein Sturm ist im Anzug.«

»Sind die Brüder befriedigt?« fragte der Logenmeister.

Ein allseitiges, zustimmendes Murmeln folgte.

»Durch unsere Zeichen und Gegenzeichen wissen wir, Bruder, daß Ihr einer der Unseren seid,« sagte McGinty.

»Ihr müßt jedoch auch wissen, daß in unserem und einigen benachbarten Sitzen unserer Loge bestimmte Gebräuche bestehen und auch bestimmte Pflichten auf unsere Mitglieder fallen, die eine besondere Eignung erfordern. Seid Ihr zur der Prüfung bereit?«

»Ich bin es.«

»Habt Ihr starke Nerven?«

»Jawohl.«

»Dann macht einen Schritt vorwärts, um es zu beweisen.«

Bei diesen Worten fühlte er zwei scharfe Spitzen, die auf seine Augen drückten, so daß es ihm kaum möglich schien, vorwärts zu schreiten, ohne sie in seine Augen zu bohren. Er nahm jedoch seinen ganzen Mut zusammen und schritt entschlossen aus. Als er dies tat, wich der Druck von seinen Augen. Ein leises beifälliges Murmeln war seine Belohnung.

»Er hat gute Nerven,« sagte die Stimme. »Könnt Ihr Schmerz ertragen?«

»So gut wie jeder andere,« antwortete er.

»Prüft ihn.«

Er hatte die größte Mühe, einen Aufschrei zu unterdrücken, als ein entsetzlicher Schmerz durch seinen Unterarm schoß. Fast wäre er durch den plötzlichen Schreck ohnmächtig niedergesunken, aber er biß die Zähne zusammen und krampfte die Hände ineinander, um seine Qual zu verbergen.

»Ich kann noch mehr vertragen als das,« sagte er.

Diesmal grüßte ihn lauter, rückhaltsloser Beifall. Kaum jemals zuvor hatte ein Mitglied der Loge die Prüfung so gut bestanden. Er fühlte einige Hände, die ihm beifällig auf den Rücken klopften, die Mütze wurde ihm vom Kopf gezogen. Blinzelnd und lächelnd stand er da, am die Glückwünsche seiner Brüder entgegenzunehmen.

»Noch ein Wort, Bruder McMurdo,« sagte McGinty. »Ihr habt bereits den Eid der Verschwiegenheit und Treue abgelegt, haltet euch gegenwärtig, daß die Strafe für einen Bruch dieses Eidschwures der sofortige und unabwendbare Tod ist.«

»Ich bin mir dessen bewußt,« sagte McMurdo.

»Und Ihr seid bereit, die Anordnungen des jeweiligen Logenmeisters unter allen Umständen zu befolgen?«

»Ich bin es.«

»Dann begrüße ich euch als Mitglied der Loge 341, Vermissa. Ihr seid von nun an aller Rechte und Pflichten dieser Loge teilhaftig. Stellt die Getränke auf den Tisch, Bruder Scanlan, wir wollen auf unseren würdigen neuen Bruder trinken.«

Man hatte McMurdo wieder seinen Rock gebracht. Bevor er ihn anzog, untersuchte er seinen rechten Unterarm, der ihn noch heftig schmerzte. Er fand in das Fleisch eingebrannt einen klar gezeichneten Kreis mit einem Dreieck im Innern, tief und rot, wie ihn das Brandeisen hervorgebracht hatte. Einige seiner Nachbarn zogen ihre Ärmel hoch und zeigten ihm dasselbe Mal.

»Wir haben es alle,« sagte einer, »aber nicht alle haben es so tapfer empfangen.«

»Schon gut,« meinte McMurdo, »es will nicht viel besagen. Aber es schmerzt und brennt höllisch.«

Nachdem die Trinksprüche, die der Einweihungsfeierlichkeit folgten, erledigt waren, wurde zur Tagesordnung der Loge geschritten. McMurdo, der nur an die harmlosen Veranstaltungen in Chicago gewöhnt war, horchte dem, was folgte, mit gespitzten Ohren und größerer Überraschung zu, als er sich zu zeigen gestattete.

»Der erste Punkt der Tagesordnung,« sagte McGinty, »ist die Verlesung eines Briefes des Distriktmeisters der Grafschaft Merton, Loge 249. Der Brief lautet:

Geehrter Herr!

Wir haben eine Arbeit an Andrew Rae, Teilhaber der Firma Rae & Sturmash, Kohlenbergwerksbesitzer in unserer Nähe, auszuführen. Sie werden sich wohl erinnern, daß Ihre Loge uns einen Dienst zu erwidern hat, in Anbetracht der Arbeit, die zwei unserer Brüder im letzten Herbst an einem Polizeimann geleistet haben. Belieben Sie zwei gute Leute zu uns zu senden, die von unserem Schatzmeister Higgens, dessen Adresse Ihnen bekannt ist, in Empfang genommen werden. Er wird ihnen mitteilen, wo und wann sie zu handeln haben.

Im Namen der Freiheit!

J. W. Windle D. M. E. O. F.

 

Windle hat uns noch nie eine Absage erteilt, wenn wir Anlaß hatten, einen oder zwei Leute von ihm auszuborgen, und wir dürfen ihn daher nicht im Stich lassen.«

Mr. Ginty hielt inne und ließ seine dunklen, bösartigen Augen über die Versammlung schweifen.

»Wer meldet sich freiwillig?«

Einige der jungen Leute hielten ihre Hände hoch. Der Logenmeister blickte sie beifällig lächelnd an.

»Gut, Tiger Cormac, Sie sind der Richtige. Wenn Sie die Sache ebenso gut machen wie das letztemal, kann es nicht fehlgehen. Sie auch, Wilson.«

»Ich habe keine Pistole,« antwortete der Freiwillige, ein junger Mensch, fast noch im Knabenalter.

»Es ist Ihr erster Fall, nicht wahr? Sie müssen auch einmal die Feuertaufe empfangen. Es ist eine große Sache für Sie. Und was die Pistole anbetrifft, darüber brauchen Sie sich kein Kopfzerbrechen zu machen, die wird man Ihnen geben. Wenn Sie sich am Montagmorgen melden, ist es früh genug. Wir werden euch bei eurer Rückkehr festlich empfangen.«

»Gibt es eine Belohnung diesmal?« fragte Cormac, ein untersetzter, brünetter, brutal aussehender junger Mann, dessen Wildheit ihm den Beinamen Tiger eingetragen hatte.

»Ihr dürft nicht an Belohnung denken. Es ist eine Ehrensache der Loge. Möglicherweise werden sich am Boden unserer Schatztruhe einige Dollar finden, wenn ihr eure Sache gut macht.«

»Was hat der Mann getan?« fragte der junge Wilson.

»Das geht einen so jungen Menschen wie Sie nicht das geringste an. Das Urteil haben unsere Brüder drüben gefällt. Wir haben nicht mitzureden. Alles, was wir zu tun haben, ist, es auszuführen, genau so wie es die anderen für uns tun würden. Da wir schon einmal dabei sind, möchte ich erwähnen, daß zwei Brüder von der Mertonloge nächste Woche zu uns herüberkommen, um bei uns ein Geschäft zu erledigen.«

»Wer wird es sein?« fragte einer.

»Sie tun gut daran, nicht zu fragen. Wenn Sie nichts wissen, können Sie nichts aussagen und Sie laufen keine Gefahr. Es sind Leute, die ihre Sache richtig machen werden, darauf könnt ihr euch verlassen.«

»Es ist die höchste Zeit,« rief Ted Baldwin. »Die Leute werden hier schon wieder übermütig. Erst vorige Woche sind drei unserer Leute von Werkmeister Blaker entlassen worden. Der Mann hat schon längst einiges verdient, und wir müssen sehen, daß er es bekommt.«

»Was bekommt?« flüsterte McMurdo seinem Nachbar zu.

»Die Ladung einer Rehpostenpatrone«, rief der Mann, laut auflachend. »Was hatten Sie denn sonst erwartet, Bender?«

McMurdos verbrecherische Seele schien bereits den Geist seiner schändlichen Umgebung in sich aufgenommen zu haben.

»Es gefällt mir gut hier,« sagte er. »Die richtige Gesellschaft für einen ganzen Mann.«

Einige in seiner Umgebung hatten diese Bemerkung gehört und kargten nicht mit Beifall.

»Was ist los dort unten?« rief der schwarzhaarige Logenmeister vom Ende des Tisches herüber.

»Unser neuer Bruder hat eben gesagt, daß es ihm bei uns gefalle.«

McMurdo erhob sich augenblicklich von seinem Stuhl.

»Und ich möchte noch hinzufügen, verehrungswürdiger Meister, daß ich es mir zur Ehre anrechnen würde, wenn ein Mann gebraucht wird, ausgewählt zu werden.«

Diese Bemerkung wurde mit Applaus begrüßt. Einigen der älteren Mitglieder erschien sie jedoch etwas voreilig.

»Ich würde vorschlagen,« sagte der Sekretär Harraway, ein geierartig aussehender alter Graubart, der neben dem Vorsitzenden saß, »daß Bruder McMurdo wartet, bis es der Loge beliebt, ihn zu bestimmen.«

»Ich wollte nichts anderes. Es liegt ganz in Ihren Händen«, sagte McMurdo.

»Auch Ihre Zeit wird kommen, Bruder,« bemerkte der Vorsitzende. »Ich habe Sie bereits als geeignete Kraft vorgemerkt und bin der Ansicht, daß unsere Loge mit Ihnen Ehre einlegen wird. Wir haben heute eine kleine Sache zu erledigen, bei der Sie mitwirken können, wenn Sie wollen.«

»Ich möchte lieber warten, bis etwas vorkommt, das sich der Mühe lohnt.«

»Trotzdem können Sie heute mittun, damit Sie den Boden kennen lernen, auf dem wir hier stehen. Ich komme später noch darauf zurück. Inzwischen habe ich –« dies mit einem Blick auf seine Tagesordnung – »noch einige Punkte vorzubringen. Zunächst möchte ich unseren Schatzmeister fragen, wie wir in bezug auf unsere Geldmittel stehen. Wir haben Jim Carnaways Witwe eine Pension zu zahlen. Er wurde im Dienste der Loge getötet, und es ist unsere Pflicht, danach zu sehen, daß sie keine Not leidet.«

»Jim wurde im vorigen Monat erschossen, als versucht wurde, Chester Wilcox in Marley Creek zu töten,« wurde McMurdo von seinem Nachbar belehrt.

»Gegenwärtig stehen wir uns recht gut,« sagte der Schatzmeister mit dem Kontobuch vor sich. »Die Firmen haben sich in der letzten Zeit freigebig gezeigt. Gebrüder Walker schickten uns hundert, die ich aber zurückgeschickt habe, wobei ich fünfhundert verlangte. Wenn der Betrag am nächsten Mittwoch nicht eingegangen ist, wird dem Aufzug in ihrem Werk etwas zustoßen. Im vorigen Jahr mußte erst die Erzbrecheranlage in Brand geraten, bevor die Leute vernünftig wurden. Dann hat uns die Westsektion Kohlengesellschaft ihren Jahresbeitrag gezahlt. Wir haben genug in der Hand, um unsere Verbindlichkeiten zu decken.«

»Und wie ist es mit Archie Swindon?« fragte einer der Brüder.

»Er hat alles verkauft und ist fortgezogen. Der alte Halunke hat uns einen Brief hinterlassen, worin er sagt, daß er lieber ein freier Straßenkehrer in New York, als ein großer Bergwerksbesitzer in den Händen einer Erpresserbande sein wolle. Er kann froh sein, daß er weg war, bevor uns der Brief erreichte. Jedenfalls darf er sich hier nicht mehr blicken lassen.«

Ein ältlicher, glattrasierter Mann mit gutmütigem Gesicht und klarer Stirn erhob sich von dem Ende des Tisches, das dem Vorsitzenden gegenüberlag.

»Herr Schatzmeister,« sagte er, »darf ich fragen, wer den Besitz des Mannes gekauft hat, den wir aus unserer Gegend vertrieben haben?«

»Jawohl, Bruder Morris, es war die State & Merton County Eisenbahngesellschaft.«

»Und wer kaufte das Bergwerk von Todman und das von Lee, die im vorigen Jahr aus ähnlichen Gründen auf den Markt kamen?«

»Dieselbe Gesellschaft, Bruder Morris.«

»Und wer kaufte die Eisenwerke von Manson und von Shuman und die von van Dehor und von Atwood, die alle in der letzten Zeit veräußert wurden?«

»Der Käufer war die West Gilmerton Allgemeine Bergwerksgesellschaft.«

»Nach meiner Ansicht kann es uns völlig gleichgültig sein, Bruder Morris, wer sie kauft, da der Betreffende sie doch nicht aufpacken und davontragen kann.«

»In aller Ehrerbietung möchte ich dem erwidern, daß es für uns nicht gleichgültig sein kann. Dieser Eigentumswechsel dauert nun schon an die zehn Jahre. Wir haben allmählich fast alle kleinen Besitzer vertrieben mit dem Ergebnis, daß wir an ihrer Stelle heute die großen Gesellschaften, wie die Eisenbahngesellschaft, die Allgemeine Bergwerksgesellschaft usw., finden, die ihren Sitz in New York oder Philadelphia haben und sich aus unseren Drohungen nicht das geringste machen. Wir können uns zwar an die ortsansässigen Betriebsleiter halten, aber was dann geschieht, ist, daß man einfach andere senden wird. Wir beschwören dadurch für uns eine sehr gefährliche Lage herauf. Die kleinen Leute konnten uns nichts anhaben. Sie hatten weder das Geld noch die Macht dazu. Solange wir sie nicht bis auf den letzten Blutstropfen ausgepreßt hatten, blieben sie hier unter unserer Macht. Aber wenn diese großen Gesellschaften einmal entdecken, daß wir zwischen ihnen und ihren Dividenden stehen, werden sie keine Mühe und keine Ausgaben scheuen, uns nachzuspüren und vor die Gerichte zu bringen.«

Ein vielsagendes Schweigen senkte sich bei diesen Worten auf die Versammlung, und die Gesichter verdüsterten sich im Austausch finsterer Blicke. So allmächtig und sicher hatten sie sich gefühlt, daß ihnen niemals auch nur der Gedanke einer möglichen Vergeltung zu Bewußtsein gekommen war. Selbst die Verwegensten unter ihnen durchfuhr bei den Worten ein eisiger Schreck.

»Ich möchte raten,« fuhr der Sprecher fort, »daß wir die kleinen Leute nicht allzu derb anfassen. Wenn sie eines Tages samt und sonders vertrieben sind, wird die Macht unseres Bundes gebrochen sein.«

Unangenehme Wahrheiten sind nicht beliebt. Ärgerliche Ausrufe wurden hörbar, als der Sprecher wieder seinen Sitz einnahm.

McGinty erhob sich mit finster gekräuselter Stirn.

»Bruder Morris,« sagte er, »Sie waren immer ein Flaumacher. Solange die Mitglieder dieser Loge zusammenstehen, gibt es keine Macht in den Vereinigten Staaten, die uns etwas anhaben kann. Haben wir nicht schon oft genug vor Gericht gestanden? Nach meiner Ansicht werden es die großen Gesellschaften bequemer finden zu zahlen, als zu kämpfen, genau so wie es die Kleinen getan haben. Und nun« – McGinty nahm bei diesen Worten seine schwarze Sammetkappe und seine Stola ab – »komme ich zum Schluß der Tagesordnung, auf der nur noch eine kleine Sache steht, die ich vorhin schon erwähnt habe, und die wir, bevor wir auseinandergehen, erledigen können. Wir wollen jetzt zu brüderlichen Erfrischungen und geselliger Unterhaltung schreiten.«

Wahrlich, sonderbar ist das Wesen des Menschen. Hier waren Männer, denen Mord wohl vertraut war, die oftmals den Vater einer Familie niederschlagen, einen Mann, gegen den sie persönlich nicht das geringste hatten, – ohne auch nur einen Funken Reue oder Mitleid, selbst angesichts seiner jammernden Frau und hilflosen Kinder, zu fühlen; und doch konnte sie das Zarte und Traurige in der Musik zu Tränen rühren. McMurdo hatte eine schöne Tenorstimme, und wenn er sich noch nicht die Gunst der Loge errungen hätte, so würde er dies jetzt durch den Vortrag einiger volkstümlicher, sentimentaler Gesänge getan haben. Schon am ersten Abend machte sich der junge Rekrut zu einem der beliebtesten Mitglieder, zu baldiger Beförderung und höheren Würden vorbestimmt. Es bedurfte indessen noch anderer Eigenschaften, als die des guten Gesellschafters, um einen würdigen Freimann abzugeben, und darüber wurde er belehrt, bevor die Nacht zu Ende war. Die Whisky-Flaschen hatten bereits die Runde gemacht. Das Blut war erhitzt und der Geist bereit zu Untaten, als sich der Logenmeister nochmals zu einer Ansprache erhob.

»Jungens,« sagte er, »wir haben hier in der Stadt einen Mann, dem wir ein wenig die Flügel beschneiden müssen, und es liegt an euch, dies zu tun. Ich spreche von James Stanger, Redakteur des ›Herald‹. Ihr wißt doch alle, wie er über uns schon wieder das Maul aufgerissen hat?«

Ein zustimmendes Murmeln folgte, vermengt mit einigen kräftigen Flüchen. McGinty zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche.

»Gesetz und Ordnung! Das ist die Überschrift. ›Der Terror regiert im Kohlen- und Eisengebiet. Zwölf Jahre sind nunmehr seit den ersten Verbrechen vergangen, die das Bestehen einer Mörderbande in unserer Mitte bekundeten. Seit dieser Zeit gab es keine Pause in der Kette der Freveltaten, und wir haben nun einen Zustand erreicht, der uns zum Schandfleck der ganzen zivilisierten Welt macht. Ist dies der Lohn dafür, daß unser großes Land alle, die dem Zwang Europas entrinnen wollen, an seinen Busen nimmt? Können wir es zulassen, daß diese Leute sich zu Herrschern über uns, die ihnen Schutz und Zuflucht gewährten, aufwerfen? Daß eine Schreckensherrschaft und Gesetzlosigkeit in dem Schatten der geheiligten Falten unseres sternengeschmückten Freiheitsbanners errichtet wird, die uns mit Entrüstung erfüllen würde, wenn wir zu lesen bekämen, daß dergleichen unter einer despotischen Monarchie der alten Welt vorgekommen sei. Wir alle kennen diese Leute. Die Organisation ist offenkundig und greifbar. Wie lange werden wir sie noch dulden?‹ –

»Genug von diesem schmierigen Geschreibsel,« rief der Vorsitzende, indem er die Zeitung mit einer Hand vom Tisch fegte. »So drückt sich der Mann über uns aus. Ich frage euch, was sollen wir darauf antworten?«

»Umbringen!« riefen einige Dutzend erhitzter Stimmen.

»Ich protestiere dagegen,« rief Bruder Morris, der Mann zaghaften Gemüts. »Ich sage euch, Brüder, unsere Hand ist in diesem Tal bereits zu schwer geworden, und der Zeitpunkt ist vielleicht nicht mehr fern, wo sich die Leute im Selbstschutz zusammenfinden werden, um uns zu zermalmen. James Stanger ist ein alter Mann. Er ist in der ganzen Stadt und in der Umgebung hoch geachtet. Seine Zeitung steht immer für das Volkswohl ein. Wenn ihr den Mann umbringt, wird eine Bewegung durch unseren Staat ziehen, die nur mit unserer Vernichtung enden kann.«

»Und wie stellen Sie sich diese Vernichtung vor, Sie Hasenfuß?« rief McGinty. »Durch die Polizei? Die eine Hälfte steht in unserem Sold und die andere hat Angst vor uns. Oder durch die Gerichte? Ist das nicht schon vorher versucht worden und mit welchem Ergebnis?«

»Es gibt aber einen gewissen Richter Lynch, der vielleicht angerufen werden wird,« sagte Bruder Morris.

Ein allgemeiner Ausbruch des Zornes folgte dieser Bemerkung.

»Ich brauche nur meinen Finger zu heben,« rief McGinty, »um zweihundert Leute auf die Beine zu bringen, die diese Stadt von einem bis zum anderen Ende ausräuchern.«

Plötzlich erhob er seine Stimme, und sein dunkles Gesicht verzog sich zu einer schrecklichen Grimasse des Zornes:

»Bruder Morris, nehmen Sie sich in acht. Ich habe bereits seit längerem ein Auge auf Sie. Sie sind ein Feigling und wollen auch die anderen zu Feiglingen machen. Es wird für Sie ein böser Tag sein, Bruder Morris, wenn Ihr Name auf der Geschäftsordnung erscheint, und ich glaube, er gehört schon jetzt darauf.«

Morris war bei diesen Worten totenbleich geworden, und seine Knie schienen zu schlottern, als er sich in seinen Stuhl zurückfallen ließ. Mit zitternder Hand erhob er sein Glas und trank, bevor er Worte der Antwort fand.

»Ich bitte um Vergebung, verehrungswürdiger Meister, – Vergebung von Ihnen und jedem Bruder der Loge, – wenn ich mehr gesagt habe, als ich durfte. Ich bin ein treues Mitglied – ihr alle wißt es – es ist nur die Furcht, daß unserer Loge etwas zustoßen könnte, die mir diese Besorgnisse eingegeben hat. Aber ich habe mehr Vertrauen zu Ihrer Urteilskraft, verehrungswürdiger Meister, als zu meiner eigenen, und ich verspreche, künftighin den Mund zu halten und Sie nicht mehr zu erzürnen.«

Das düstere Gesicht des Logenmeisters erhellte sich etwas bei diesen unterwürfigen Worten.

»Nun gut, Bruder Morris, es würde mir sehr leid tun, wenn es sich als notwendig erweisen sollte, Ihnen eine Lehre zu erteilen. Solange ich in der Loge den Vorsitz führe, soll es eine einige Loge sein, einig in Wort und Tat. Und nun, Jungens,« fuhr er fort, indem er seine Blicke über den Tisch schweifen ließ, »nun möchte ich das Folgende sagen. Wenn wir Stanger so behandeln würden, wie er es verdient, würden wir vielleicht mehr Unannehmlichkeiten haben, als sich lohnt. Diese Zeitungsschreiber halten alle zusammen, und jeder verdammte Wisch im ganzen Land würde nach Polizei und Truppen schreien; aber ihr könnt ihm eine eindringliche Warnung geben. Wollen Sie die Sache übernehmen, Bruder Baldwin?«

»Selbstverständlich,« rief der junge Mann eifrig.

»Wieviel Leute wollen Sie haben?«

»Etwa ein halbes Dutzend und zwei Aufpasser. Sie kommen mit, Gower, und Sie, Mandsel, und Sie, Scanlan, und die zwei Willabys.«

»Ich habe dem neuen Bruder versprochen, daß er mittun darf.«

Ted Baldwin warf auf McMurdo einen Blick, der zeigte, daß er weder vergeben noch vergessen hatte.

»Er kann mitkommen, wenn er will,« sagte er schroff. »Mehr brauchen wir nicht. Vorwärts, je eher wir an die Arbeit gehen, desto besser.«

Die Gesellschaft zerstreute sich mit Schreien, Kreischen und Bruchstücken trunkenen Gesanges. Die Bar war noch immer von nächtlichen Zechern umlagert, und viele der Brüder schlossen sich ihnen an. Die kleine Bande, die für den Auftrag ausgewählt worden war, gelangte unbemerkt auf die Straße, wo sie sich in Gruppen zu zweien und dreien teilte, um kein Aufsehen zu erregen. Die Nacht war bitter kalt, der Halbmond warf sein helles Licht aus einem frostigen, sternbesäten Himmel. Sie versammelten sich wieder in einem Hof neben einem großen Gebäude. Zwischen den hellerleuchteten Fenstern prangte in großen Goldbuchstaben die Aufschrift »Vermissa-Herald«. Von innen heraus drang das Getöse und Rollen der Druckpressen.

»Sie bleiben hier bei der Tür stehen und passen auf, daß die Straße für uns freibleibt,« sagte Baldwin zu McMurdo. »Arthur Willaby bleibt bei Ihnen, die anderen kommen mit mir. Ihr braucht keine Angst zu haben, Jungens, denn wir haben ein Dutzend Zeugen, die, wenn nötig, beschwören werden, daß wir jetzt in der Union-Bar sind.«

Es war fast Mitternacht geworden, und die Straßen lagen verlassen da. Bis auf einige Zecher auf dem Nachhauseweg war niemand zu sehen. Der kleine Trupp überschritt die Straße und stieß die Tür zu dem Zeitungsgebäude auf, worauf Baldwin und seine Leute die Treppen hinaufsprangen. McMurdo und sein Begleiter blieben unten. Von oben ertönte plötzlich ein gellendes Hilfegeschrei, gefolgt von dem Lärm stampfender Füße und fallender Stühle. Einen Augenblick später stürzte ein grauhaariger Mann auf den Treppenpodest, wo er indessen ergriffen wurde, bevor er weitergelangen konnte. Seine Augengläser fielen klirrend die Treppe hinunter, bis vor McMurdos Füße. Dann folgte ein dumpfer Fall und lautes Stöhnen. Der Alte lag mit dem Gesicht zur Erde, während ein halbes Dutzend Stöcke auf ihn niedersausten. Er wand und krümmte sich; seine langen, dünnen Glieder zuckten unter den Schlägen. Nach einer Weile hielten sie inne; nur Baldwin schlug mit einem teuflischen Lächeln in seinem grausamen Gesicht weiter, auf den Kopf des Mannes los, den dieser vergeblich mit seinen Armen zu schützen suchte. Sein weißes Haar war bereits von breiten Blutstreifen durchzogen. Baldwin war noch immer über sein Opfer gebeugt und ließ kurze, scharfe Schläge niedersausen, wenn ein Teil des Kopfes sichtbar wurde, als McMurdo die Treppe hinaufstürzte und ihn zurückstieß.

»Sie werden den Mann umbringen,« sagte er, »hören Sie auf.«

Baldwin sah ihn verblüfft an.

»Der Teufel soll Sie holen,« rief er. »Was haben Sie sich einzumischen, das jüngste Mitglied unserer Loge? Zurück!« Er erhob seinen Stock, aber McMurdo zog mit Blitzesschnelle seine Pistole aus der Hüftentasche.

»Jawohl, zurück! Aber Sie! Ich schieße Ihnen Ihr Gesicht entzwei, wenn Sie Hand an mich legen. Und was die Loge betrifft, war es nicht der Befehl des Logenmeisters, daß der Mann nicht umgebracht werden soll? Und was wollten Sie eben anderes tun, als ihn töten?«

»Recht hat er,« sagte einer der Leute.

»Schnell, schnell, macht daß ihr fortkommt,« kam die Stimme des Mannes, der unten Wache hielt. »Alle Fenster sind schon erleuchtet, und wir werden in fünf Minuten die ganze Stadt auf unseren Fersen haben.«

In der Straße hörte man bereits Rufe, während unten in der Halle sich eine kleine Gruppe von Setzern bildete, die allmählich eine drohende Haltung einnahm. Die Bande ließ den leblosen Körper des Redakteurs am Kopfe der Treppe liegen, stürmte hinunter und ins Freie, worauf sie sich zerteilte. Wieder beim Union-Haus angelangt, mischten sich einige davon unter die Menge in der Bar und gaben dem Meister flüsternd zu wissen, daß die Arbeit gründlich besorgt sei. Andere wieder nahmen ihren Weg durch Seitenstraßen und erreichten auf Umwegen ihr Heim.

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