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Das Tal des Grauens

Arthur Conan Doyle: Das Tal des Grauens - Kapitel 10
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typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleDas Tal des Grauens
publisherDürr & Weber m. b. H.
translatorH. O. Herzog
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
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2. Kapitel. Der Logenmeister.

McMurdo war eine jener Naturen, die sich schnell durchzusetzen verstehen. Man konnte ihn nicht übersehen, wo immer er auch sein mochte. In einer Woche hatte er sich bei Shafters bereits zu einer Persönlichkeit emporgeschwungen. Die zehn oder zwölf anderen Pensionäre, ehrenwerte Werkmeister oder kleine Angestellte aus den Kaufmannsgeschäften, waren Leute durchaus anderen Kalibers, als der junge Ire. Abends, wenn alle beisammen saßen, unterhielt er sie mit seinen Scherzen, mit seinen witzigen, lustigen Erzählungen und seinem fröhlichen Gesang. Er war der geborene Liebling der Gesellschaft. Die Macht seiner Persönlichkeit färbte stets auf seine Umgebung ab. Immer wieder zeigte er jedoch, ebenso wie im Eisenbahnwagen, eine Neigung zu plötzlichem, blinden Jähzorn, die allen, mit denen er zusammenkam, Scheu, vielleicht sogar Furcht einflößte. Vor dem Gesetz und allem, was damit zusammenhängt, zeigte er bittere Verachtung, die einige seiner Mitpensionäre zu erfreuen schien, andere dagegen beunruhigte. Er machte von Anfang an aus seiner Bewunderung der Tochter des Hauses kein Hehl und ließ erkennen, daß er an sie sein Herz verloren hatte. Als Verehrer war er keineswegs scheu und zögernd. Schon am zweiten Tag gestand er ihr seine Liebe und wiederholte dieses Geständnis tagtäglich, gleichgültig gegen alles, was sie dagegen einzuwenden hatte.

»Jemand anders!« pflegte er zu rufen. »Nun, dann sei der Himmel dem anderen gnädig. Er soll sich nur in acht nehmen. Soll ich mein Lebensglück und die Sehnsucht meines Herzens jemandem anderen zum Opfer bringen? Sie können nein sagen, so oft Sie wollen, Ettie, der Tag wird kommen, an dem Sie ja sagen, und ich bin noch jung genug, darauf zu warten.«

Er war ein gefährlicher Bewerber, dieser Ire, mit seiner glatten Zunge und seinem sympathischen, einschmeichelnden Wesen. Auch umgab ihn der Schimmer von Welterfahrung und des Geheimnisses, der niemals verfehlt, in einem weiblichen Wesen im Anfang Interesse und dann Liebe zu erwecken. Er konnte über die lieblichen Täler seiner irischen Heimat auf der fernen Insel, von den sanften Hügeln und saftigen Wiesen sprechen mit einer Beredsamkeit, die sie im Vergleich zu diesem Ort düsterer, schmutziger Häßlichkeit noch schöner erscheinen ließ. Außerdem erwies er sich vertraut mit dem Leben in den großen Städten des Nordens, Detroit, den großen Holzplätzen Michigans, Buffalo und Chicago, wo er in einer Sägemühle gearbeitet hatte. Danach kam die Romantik, die Andeutung von ungewöhnlichen Erlebnissen, die er in der einen jener großen Städte hatte, so ungewöhnlich und so geheimnisvoll, daß er darüber nicht sprechen konnte. Er ließ nur gelegentlich Bemerkungen über einen plötzlichen Abschied, den Bruch alter Bande und die Flucht in eine neue Welt fallen, die in diesem trübseligen Tal endigte. Ettie hörte ihm zu mit dem Schimmer von Mitleid und Mitgefühl in den dunklen Augen, zwei Gefühlsmomenten, die meistens so rasch und naturgemäß zu Liebe führen.

Es war McMurdo, als einem Menschen von guter Bildung, gelungen, zeitweise Beschäftigung als Buchhalter zu finden. Da ihn die Arbeit tagsüber gefesselt hielt, hatte er noch keine Gelegenheit gefunden, sich bei der Loge des Ordens der freien Männer zu melden. Er sollte jedoch bald daran erinnert werden, als ihm eines Abends Michel Scanlan, der Logenbruder, den er in der Bahn getroffen hatte, einen Besuch abstattete. Scanlan, ein kleiner, nervöser, dunkeläugiger Mann mit scharfen Gesichtszügen, schien sich über das Wiedersehen aufrichtig zu freuen. Nach einem oder zwei Glas Whisky kam er mit der Sprache über den Zweck seines Besuches heraus.

»Hören Sie, McMurdo,« sagte er, »ich erinnerte mich Ihrer Adresse und so habe ich mir erlaubt, Sie aufzusuchen. Ich bin erstaunt, daß Sie sich noch nicht dem Logenmeister vorgestellt haben. Warum haben Sie McGinty noch nicht aufgesucht?«

»Nun, ich mußte mich doch nach Arbeit umsehen. Ich hatte genug damit zu tun.«

»Sie müssen für ihn Zeit finden, und wenn Sie für nichts anderes welche haben. Großer Gott! Mensch, Sie sind ja geradezu verrückt, daß Sie nicht am ersten Morgen nach Ihrer Ankunft zur Union-Bar hinuntergegangen sind und Ihren Namen in die Liste eingetragen haben. Wenn Sie sich mit ihm überwerfen, – nun das darf eben nicht sein. Lassen Sie sich das gesagt sein.«

McMurdo zeigte sich gelinde überrascht.

»Ich bin jetzt über zwei Jahre in der Loge und habe noch niemals gehört, daß man es mit seinen Pflichten so genau nehmen muß.«

»Mag sein, vielleicht in Chicago.«

»Nun, es ist doch dieselbe Loge.«

»Wirklich?« Scanlan sah ihn lange und bedächtig an. In seinem Blick lag etwas wie eine Drohung.

»Oder nicht?«

»Darüber werden wir in einem Monat weiterreden. Ich habe gehört, daß Sie Zank mit den Polizisten hatten, nachdem ich ausgestiegen war.«

»Woher wissen Sie denn das?«

»Oh, es hat sich herumgesprochen – solche Dinge sprechen sich hier leicht herum, gute und böse.«

»Jawohl, ich hatte Zank. Ich habe den Hunden ordentlich meine Meinung gesagt.«

»Sie scheinen ein Mann nach McGinty's Geschmack zu sein.«

»Warum? Haßt auch er die Polizei?«

Scanlan brach in ein lautes Gelächter aus.

»Suchen Sie ihn sobald wie möglich auf, lieber Junge,« sagte er, als er sich empfahl. »Wenn Sie es nicht tun, wird er Sie bald noch mehr hassen als die Polizei. Folgen Sie einem freundschaftlichen Rat und tun Sie es sogleich.«

Am selben Abend sollte McMurdo ein weiteres Erlebnis haben, das diesen Rat noch eindringlicher machte. Vielleicht waren seine Aufmerksamkeiten für Ettie allmählich zu deutlich geworden; jedenfalls begannen sie sich sogar schon dem schwerfälligen Gehirn seines schwedischen Hausherrn aufzudrängen. Dieser winkte dem jungen Mann, ihm in sein Privatzimmer zu folgen, wo er ohne Umschweife auf den Gegenstand der Unterredung zu sprechen kam.

»Mir scheint, Herr,« sagte er, »daß Sie Ihre Augen auf Ettie geworfen haben. Stimmt das, oder irre ich mich?«

»Es stimmt,« antwortete der junge Mann.

»Nun gut, dann möchte ich Ihnen ohne Zeitverlust sagen, daß es zwecklos ist. Es ist Ihnen schon jemand zuvorgekommen.«

»Das hat sie mir schon gesagt.«

»Na also, wenn sie es Ihnen gesagt hat, können Sie Gift darauf nehmen, daß es wahr ist. Hat sie Ihnen aber auch gesagt, wer der Betreffende ist?«

»Nein. Ich fragte sie, aber sie wollte nicht recht mit der Sprache heraus.«

»Sieht ihr ähnlich, dem kleinen Racker. Vielleicht wollte sie Sie damit nicht erschrecken –«

»Erschrecken?« In McMurdo flammte es heiß auf.

»Jawohl, mein Freund, erschrecken. Sie brauchen sich nicht zu schämen, vor ihm Furcht zu haben. Es ist Teddy Baldwin.«

»Und wer, zum Henker, ist das?«

»Er ist ein Führer der Rächer.«

»Rächer! Von denen habe ich schon gehört. Jeder Mensch spricht von ihnen, aber nur im Flüsterton. Warum das? Wer sind diese Rächer?«

Der Pensionsinhaber dämpfte unwillkürlich seine Stimme, wie jeder Mensch, der über diesen fürchterlichen Geheimbund sprach.

»Die Rächer,« sagte er, »sind der Orden der freien Männer.«

Der junge Mann fuhr auf.

»Was? Ich gehöre selbst zu diesem Orden.«

»Sie? Ich würde Sie nicht in mein Haus aufgenommen haben, wenn ich das gewußt hätte, – nicht einmal, wenn Sie mir hundert Dollar wöchentlich zahlten.«

»Was ist denn los mit diesem Orden? Er bezweckt doch nur Wohltätigkeit und Kameradschaft. So steht es in den Statuten.«

»Vielleicht anderswo, aber nicht hier.«

»Und wie ist er denn hier?«

»Eine Mörderbande, das ist er hier.«

McMurdo lachte ungläubig –.

»Wie wollen Sie das beweisen?« fragte er.

»Beweisen! Haben wir hier nicht fünfzig Morde gehabt, die das beweisen? Man braucht nur an Milman und van Shorst und die Nicholson-Familie, an den alten Hyam, den kleinen Billy James und alle die anderen zu denken. Beweisen! Gibt es etwa in diesem Tal einen Mann oder eine Frau, denen all dies unbekannt ist?«

»Lieber Freund,« sagte McMurdo ernst, »entweder nehmen Sie zurück, was Sie da gesagt haben, oder Sie beweisen es. Eines oder das andere müssen Sie tun, bevor ich dieses Zimmer verlasse. Versetzen Sie sich doch in meine Lage. Ich bin hier ein Fremder und gehöre einer Verbindung an, die nach meinem besten Wissen vollkommen harmlos ist. Sie ist über die ganzen Staaten verbreitet. Überall gilt sie als ehrenwert und harmlos. Ich bin gerade im Begriff, mich hier eintragen zu lassen, und nun kommen Sie und erzählen mir, daß es eine Mörderbande ist, die sich die Rächer nennt. Nach meinem Dafürhalten müssen Sie sich entweder entschuldigen, oder mir eine Aufklärung über das geben, was Sie gesagt haben.«

»Ich kann Ihnen nur sagen, was die ganze Welt weiß, Herr. Die Leute hängen zusammen wie ein Clan. Wer einen von ihnen beleidigt, hat es mit der ganzen Bande zu tun. Das weiß jedes Kind hier.«

»Es handelt sich wahrscheinlich um ganz gewöhnlichen Tratsch. Was ich haben möchte, sind Beweise,« sagte McMurdo.

»Wenn Sie lange genug hier gewohnt haben, werden Sie sich um Beweise nicht zu sorgen brauchen. Aber Sie sind doch selbst einer von der Bande. Es wird nicht lange dauern, bis Sie genau so schlecht sind, wie die anderen. Sie müssen sich nach einem anderen Quartier umsehen, Herr, hier können Sie nicht bleiben. Es ist schon schlimm genug, daß einer von euch meiner Ettie nachstellt und ich es nicht wagen kann, ihm das zu verbieten. Muß ich da noch einen Zweiten unter meinem eigenen Dach dulden? Nein, heute nacht können Sie noch hier schlafen, aber morgen müssen Sie hinaus.«

So wurde McMurdo nicht allein aus seinem gemütlichen Heim, sondern auch von dem Gegenstand seiner Liebe verbannt. Er fand sie am selben Abend allein Wohnzimmer sitzen und schüttete ihr sein Herz aus.

»Ihr Vater hat mir gekündigt,« sagte er. »Ich würde mir nichts daraus machen, wenn es sich nur um mein Zimmer handelte. Aber, Ettie, obwohl wir uns erst eine Woche kennen, sind Sie bereits mein Alles geworben, und ich kann nicht mehr ohne Sie leben.«

»Seien Sie doch still, Mr. McMurdo, Sie dürfen so nicht sprechen,« sagte das Mädchen. »Ich habe Ihnen doch schon gesagt, daß es für Sie zu spät ist. Es ist bereits ein anderer da, und wenn ich ihm mein Jawort auch noch nicht gegeben habe, so kann ich es doch keinem anderen geben!«

»Wenn ich der Erste gewesen wäre, hätte ich dann Aussicht gehabt, Ettie?«

Das Mädchen schlug die Hände vors Gesicht.

»Wollte Gott, daß Sie der Erste gewesen wären,« schluchzte sie.

McMurdo fiel vor ihr auf die Knie.

»Ettie! Ich beschwöre dich, daran festzuhalten,« rief er. »Wärest du imstande, diesem Manne dein und mein Lebensglück zu opfern? Folge der Stimme deines Herzens, Liebste. Sie ist ein besserer Wegweiser als all das, was man dir vorerzählt.«

Er hatte eine von Etties weißen Händen ergriffen, die er in seinen eigenen starken, braunen gefangenhielt.

»Sage, daß du die Meine sein willst, und wir werden der ganzen Welt trotzen.«

»Nicht jetzt.«

»Doch! Sogleich.«

»Nein, nein, Jack.«

Er schlang seine Arme um sie.

»Ich kann es hier nicht sagen. Kannst du mich nicht mit dir fortnehmen?«

Ein innerer Kampf zuckte einen Augenblick lang über McMurdos Gesicht, wich jedoch in wenigen Sekunden einem Ausdruck starrer Entschlossenheit.

»Warum nicht hier?« fragte er, »Du bist mein, und ich laße dich nicht, was auch immer kommen möge.«

»Warum können wir nicht zusammen fortgehen?«

»Nein, Ettie, ich kann nicht fort.«

»Aber warum?«

»Ich könnte niemals wieder der Welt in die Augen schauen, wenn ich mich von hier vertreiben ließe. Außerdem, was haben wir denn zu fürchten. Sind wir nicht in einem freien Land und Mitglieder eines freien Volkes? Was können uns denn die Leute anhaben, wenn ich dich liebe und du meine Liebe erwiderst?«

»Das verstehst du nicht, Jack. Du bist noch nicht lange genug hier. Du kennst diesen Baldwin nicht. Du kennst noch nicht McGinty und die Rächer.«

»Nein, ich kenne sie noch nicht, aber ich fürchte sie auch nicht und halte nichts von den Leuten,« sagte McMurdo. »Ich habe oft genug unter rauhem Volk gelebt, Liebling, und anstatt mich vor den Leuten zu fürchten, ist es gewöhnlich dazu gekommen, daß sie mich zu fürchten lernten. Jawohl, Ettie, die ganze Sache ist ein aufgelegter Wahnsinn. Wenn dein Vater recht hat und diese Leute hier im Tal tatsächlich Verbrechen über Verbrechen begangen haben, warum, frage ich dich, ist noch keiner zur Rechenschaft gezogen worden? Kannst du mir das sagen, Ettie?«

»Weil kein Mensch wagt, gegen sie als Zeuge aufzutreten, er würde es nicht vier Wochen überleben. Dagegen haben die Leute immer Zeugen in Bereitschaft, die beschwören, daß die Täter zur Zeit der Tat meilenweit von der Stätte des Verbrechens entfernt waren. Das alles mußt du doch gelesen haben, Jack. Man sagt doch, daß die Zeitungen in den ganzen Staaten voll davon sind.«

»Nun, ich habe einiges darüber gelesen, aber ich muß gestehen, daß ich es für müßiges Gerede hielt. Vielleicht auch haben die Leute Grund zu dem, was sie tun. Vielleicht werden sie unterdrückt und können sich nicht anders helfen.«

»Oh, Jack, ich kann dir nicht zuhören, wenn du so redest. Es ist genau dasselbe, was er immer sagt, – er, der andere.«

»Du meinst Baldwin? Er sagt dasselbe?«

»Jawohl, und deswegen hasse ich ihn aus ganzem Herzen. Aber ich fürchte ihn auch. Ich fürchte ihn wegen meiner selbst, aber noch mehr wegen Vater. Ich weiß ganz genau, was uns zustoßen würde, wenn ich verlauten ließ, wie es mir ums Herz ist. Darum habe ich ihn immer mit halben Versprechungen hinzuhalten gesucht. Darin liegt unsere einzige Rettung. Wenn du aber mit mir fliehen willst, Jack, könnten wir Vater mitnehmen und weit, weit fortgehen, wo uns die Leute nichts mehr anhaben können.«

Wieder spiegelte sich in McMurdos Gesicht ein innerer Kampf, und wieder erschien nach kurzem die steinerne Maske.

»Es wird dir nichts geschehen, Ettie, – weder dir noch deinem Vater. Und was diese Bösewichte anbelangt, so fürchte ich, daß du in mir, bevor noch viele Wochen vergangen sind, einen ebenso schlimmen erkennen wirst.«

»Nein, nein, Jack, das kann ich nicht glauben.«

McMurdo lachte bei diesen Worten bitter auf.

»Du lieber Gott! Wie wenig du mich kennst, Liebling. Du könntest dir in deiner Unschuld nicht einmal vorstellen, was in mir vorgeht. Aber wen haben wir denn da?«

Die Tür wurde in diesem Moment aufgerissen, und herein schlenderte ein junger Mann, in der Haltung eines Menschen, der sich ganz zu Hause fühlt. Es war eis hübscher, verwegen aussehender Bursche, ungefähr im selben Alter und von demselben Wuchs wie McMurdo. Sein anziehendes Gesicht, mit geschwungener Nase, war halb von einem breiten Filzhut beschattet, den abzuziehen er sich nicht die Mühe nahm. Ein Paar wilder, herrschsüchtiger Augen stierten zornig auf das Paar am Ofen. Ettie war erschrocken und in voller Verwirrung aufgesprungen.

»Ach, Sie sind es, Mr. Baldwin,« sagte sie. »Sie kommen früher, als ich dachte. Bitte nehmen Sie Platz.«

Baldwin stand da, die Hände auf die Hüften gestützt und glotzte McMurdo an.

»Wer ist das?« fragte er brüsk.

»Ein Freund von uns, Mr. Baldwin, – ein neuer Pensionär. Mr. McMurdo, darf ich Sie mit Mr. Baldwin bekannt machen?«

Die jungen Leute nickten sich mit saurer Miene zu.

»Miß Ettie hat Ihnen wohl schon erzählt, wie es zwischen uns beiden steht?« sagte Baldwin.

»Wenn Sie bestimmte Beziehungen meinen, von denen ich gehört haben soll, befinden Sie sich im Irrtum.«

»So, so, nun dann hören Sie eben jetzt davon. Diese junge Dame gehört mir, lassen Sie sich das gesagt sein. Und ein Spaziergang draußen wird Ihnen sehr gut tun.«

»Danke verbindlichst, aber ich habe keine Lust dazu.«

»Nein?« Grimmiger Zorn flammte dabei in den frechen Augen des Mannes auf. »Vielleicht haben Sie Lust, mit meinen Fäusten Bekanntschaft zu machen, Herr Pensionär.«

»Das habe ich,« rief McMurdo aufspringend. »Sie könnten mir nichts Angenehmeres vorschlagen.«

»Um Gottes willen, Jack, um Gottes willen,« rief Ettie entsetzt. »Er wird dich umbringen.«

»Also so weit sind wir schon?« sagte Baldwin mit einem Fluch. »Bis zu ›lieber Jack‹ seid ihr schon gekommen?«

»Ted, seien Sie doch vernünftig, – seien Sie doch lieb, um meinetwillen, Ted; wenn Sie mich wirklich liebhaben, zeigen Sie sich großmütig und nachsichtig.«

»Ich glaube, Ettie, wenn du uns allein lassen würdest, könnten wie unseren Streit besser und schneller schlichten,« warf McMurdo schnell ein. »Oder vielleicht kommen Sie mit mir ein bißchen auf die Straße hinunter, Baldwin. Wir haben einen schönen Abend, und sicherlich gibt es irgendwo einen freien Platz in der Nähe.«

»Mit Ihnen werde ich schon fertig werden, ohne mir die Hände beschmutzen zu müssen,« sagte der andere. »Sie werden sehr bald wünschen, niemals einen Fuß in dieses Haus gesetzt zu haben.«

»Warum nicht gleich jetzt?« rief McMurdo.

»Ich tue, was mir beliebt, Mister, und suche mir den Zeitpunkt, der mir paßt, selber aus. Sehen Sie her!« Er rollte seinen Ärmel auf, unter dem am Unterarm ein eigenartiges Mal, ein Dreieck innerhalb eines Kreises, anscheinend eingebrannt war. »Wissen Sie, was das bedeutet?«

»Ich weiß es nicht und habe nicht den Wunsch, es zu wissen.«

»Nun, Sie werden es erfahren, – darauf können Sie Gift nehmen, – und zwar bevor Sie einige Tage älter geworden sind. Miß Ettie kann Ihnen etwas davon erzählen. Und du, Ettie, du wirst noch auf den Knien vor mir herumrutschen. Hörst du, Mädel? Auf den Knien! Und dann werde ich dir sagen, was deine Strafe sein wird. Du hast gesät, und, so wahr ich hier stehe, du wirst ernten.« Mit einem wütenden Blick auf beide schwang er sich herum, und einen Augenblick später hörte man die Eingangstür mit Getöse zuschlagen.

McMurdo und das Mädchen verharrten eine Zeitlang in völligem Schweigen. Dann schlang sie ihre Arme um ihn.

»Oh, Jack, wie tapfer du bist! Aber es hat keinen Zweck. Du mußt fliehen noch heute nacht, Jack, heute nacht. Es ist deine einzige Hoffnung. Er wird dir ans Leben gehen. Ich las es in seinen entsetzlichen Augen. Was hast du für eine Aussicht gegen diese Bande mit Meister McGinty und der Macht der Loge hinter sich?«

McMurdo löste sich zärtlich aus der Umarmung, küßte sie und schob sie sanft auf ihren Stuhl zurück.

»Nein, nein, du kannst über mich ganz beruhigt sein. Ich bin selbst einer von den Freimännern, wie ich deinem Vater bereits gesagt habe, und bin wahrscheinlich nicht einmal besser als die anderen. Darum darfst du keinen Heiligen aus mir machen. Vielleicht wirst du auch mich hassen, nachdem ich dir das gesagt habe.«

»Dich hassen. Jack? Das kann ich nicht und wenn ich hundert Jahre alt würde. Ich habe gehört, daß es anderswo nichts Schlimmes ist, ein Freimann zu sein, und warum sollte ich daher etwas Schlechtes von dir denken? Wenn du aber einer bist, Jack, weshalb gehst du dann nicht hinunter und machst dich mit McGinty bekannt? Geh doch, Jack, geh schnell! Sieh zu, daß du der Erste am Platz bist, bevor er die Hunde auf deine Fährte hetzen kann.«

»Daran habe ich schon gedacht,« sagte McMurdo. »Ich werde sofort gehen und die Geschichte ins reine bringen. Du kannst deinem Vater sagen, daß ich heute nacht noch hier schlafe, mir aber morgen ein anderes Quartier besorgen werde.«

Die Bar von McGintys Gasthaus war wie gewöhnlich überfüllt, denn sie war das Rendezvous der ziemlich zahlreichen gewalttätigen Elemente der Stadt. McGinty war unter diesen Leuten ziemlich beliebt. Seine gerade, aber herzliche Manier, mit ihnen umzugehen, war indessen nur eine Maske, hinter der sich gar manches verbarg. Abgesehen von seiner Beliebtheit war schon die Furcht, die er der ganzen Stadt, vielleicht sogar der ganzen Gegend einflößte, Veranlassung genug, um seine Bar zu füllen, denn jedermann wollte sich mit ihm gut stellen.

Außer der geheimen Macht, über die er verfügte, und die er, wie man sagte, in einer rücksichtslosen Weise gebrauchte, besaß er noch eine öffentliche Machtstellung als Stadtrat und Referent des Verkehrswesens, die er sich mit den Stimmen seiner zahlreichen Anhänger aus den untersten Schichten der Bevölkerung ergattert hatte, denen er seinerseits mancherlei Dienste zu erweisen verstand. Obgleich die Steuern drückend waren, wurden alle öffentlichen Einrichtungen völlig vernachlässigt. Die Prüfung der städtischen Ausgaben lag in den Händen bestochener Revisoren. Der anständige Bürger war derartig verschüchtert, daß er sich ohne Widerstreben und ohne mit der Wimper zu zucken, den Erpressungen der herrschenden Gilde unterwarf, aus Furcht, ihm könne sonst noch Schlimmeres widerfahren. So geschah es, daß von Jahr zu Jahr McGintys Brillantnadeln aufdringlicher und die goldenen Ketten, die sich über seine prächtigen Westen spannten, schwerer wurden; sein Gasthaus erweiterte sich ständig, so daß man den Eindruck gewann, es würde einmal eine ganze Seite des Marktplatzes verschlingen.

McMurdo stieß die Drehtür zu der Bar auf und bahnte sich einen Weg durch die Menge, die in dem von Tabakrauch und den Dünsten geistiger Getränke geschwängerten Raum lärmend herumsaß. Der Raum war prächtig erleuchtet. Das Licht der zahllosen Lampen wurde von den schwervergoldeten Spiegeln, mit denen die Wände bedeckt waren, allseitig zurückgeworfen. Einige Mixer hatten alle Hände voll zu tun, um den Wünschen der Männer, die den schwer mit Messing beschlagenen Bartisch umlagerten, gerecht zu werden. An einem Ende der Bar stand, an den Bartisch gelehnt, ein großer, stattlicher Mann mit einer Zigarre im Mundwinkel, der niemand anderen als der vielgenannte McGinty sein konnte. Er war ein Mensch von riesenhaften Ausmaßen mit einer schwarzen Mähne, die vorn bis tief in die Stirn und hinten bis auf den Kragen fiel. Seine Gesichtsfarbe war so dunkel wie die eines Italieners. Seine kohlschwarzen Augen, die im Zorn leicht schielten, verliehen ihm ein eigenartig drohendes Aussehen. Aber trotz allem paßte das rustikale Äußere dieses Mannes sehr gut zu dem offenen Wesen und zu der fast herzlichen Manier, die er seinen Mitmenschen gegenüber zur Schau zu tragen pflegte. Hier, würde man sich denken, haben wir einen offenen, ehrlichen Menschen vor uns, der das Herz auf dem rechten Fleck hat, wie brüsk und rauh auch seine Ausdrucksweise sein mag. Erst wenn man einen Blick in seine glanzlosen, schwarzen Augen getan hatte, die tief und drohend in ihren Höhlen lagen, fühlte man jenen geheimen Schauder, den wir empfinden, wenn wir einem Menschen gegenüberstehen, in dem wir ungeahnte Möglichkeiten zum Bösen, gepaart mit Kraft, Mut und List erkennen. Nachdem McMurdo seinen Mann einer eingehenden Musterung unterzogen hatte, schlenderte er mit der ihm eigenen sorglosen Keckheit auf ihn zu und schob sich durch die kleine Gruppe von Männern, die ihn umgab, Speichellecker, die sich in die Gunst des mächtigen Mannes einzuschmeicheln suchten, und über jedes geringste seiner Scherzworte in brüllendes Gelächter ausbrachen. Die grauen Augen des jungen Fremden blickten furchtlos durch die Gläser in die scharf auf ihn gerichteten schwarzen Augen vor ihm.

»Nun, junger Mann, Ihr Gesicht ist mir noch neu.«

»Ich bin hier noch ein Fremder, Mr. McGinty.«

»Aber nicht so fremd, daß Sie nicht einen Herrn mit seinem richtigen Titel ansprechen könnten.«

»Es ist Rat McGinty, junger Mann,« sagte eine Stimme aus der Gruppe.

»Tut mir leid, Herr Rat, ich bin noch gänzlich unvertraut mit den hiesigen Gebräuchen. Man hat mir empfohlen, Sie aufzusuchen.«

»Nun gut, das haben Sie nun getan. Hier stehe ich in Lebensgröße. Und was halten Sie von mir, wenn ich fragen darf?«

»Ich weiß es noch nicht, aber ich möchte sagen, daß, wenn Ihr Herz so groß ist, wie Ihr Leib, und Ihre Seele so schön wie Ihr Gesicht, ich mir nichts Besseres wünschen könnte,« sagte McMurdo.

»Bei Gott, der Mann hat eine glatte Zunge,« rief der Gastwirt, der sich noch nicht darüber einig war, ob er auf die familiäre Eröffnung der Bekanntschaft eingehen oder seine Würde herauskehren sollte. »Sie sind also so freundlich, mit meiner Erscheinung zufrieden zu sein?«

»Jawohl,« sagte McMurdo.

»Und man hat Ihnen empfohlen, mich aufzusuchen?«

»Sehr richtig.«

»Und wer war dieser ›man‹?«

»Bruder Scalan von der Loge 341, Vermissa. Herr Rat, ich trinke auf Ihre Gesundheit und auf unsere bessere Bekanntschaft.«

Er erhob hierbei das Glas, das man vor ihn hingestellt hatte, an seine Lippen, indem er den kleinen Finger in einer eigenartigen Weise emporstreckte.

McGinty, der ihn scharf im Auge behalten hatte, zog bei diesen Worten die Stirn kraus.

»Aha, das ist es also,« sagte er. »Das muß ich mir etwas genauer besehen, Herr – –«

»McMurdo.«

»Und lassen Sie sich gesagt sein, Herr McMurdo, daß wir die Leute nicht ohne weiteres als das nehmen, als was sie erscheinen wollen; wir glauben ihnen nicht alles, was sie sagen. Treten Sie näher; hier hinter die Bar.«

Es war ein kleiner Raum, auf allen Seiten von Fässern eingerahmt. McGinty setzte sich, nachdem er die Tür vorsichtig geschlossen hatte, auf eines von ihnen, biß nachdenklich in seine Zigarre und überflog McMurdo mit seinen unbehaglichen Augen. Ein paar Minuten lang herrschte völlige Stille.

McMurdo hatte die Musterung, der er unterzogen worden war, mit unbefangen heiterer Miene ertragen. Die eine Hand hielt er in seiner Rocktasche, mit der anderen zwirbelte er seinen braunen Schnurrbart. Plötzlich bückte sich McGinty und zog einen gefährlich aussehenden Revolver hervor.

»Passen Sie auf, junger Mann. Wenn Sie glauben, mit uns Ihr Spiel treiben zu können, würde es Ihnen schlecht gehen.«

»Das ist ein sonderbarer Empfang eines fremden Bruders seitens des Meisters einer verbündeten Loge,« erwiderte McMurdo mit Würde.

»Daß Sie ein Bruder sind, müssen Sie uns erst beweisen,« sagte McGinty, »und Gott sei Ihnen gnädig, wenn Sie es nicht können. Wo sind Sie eingetreten?«

»Loge 29, Chicago.«

»Wann?«

»Am 24. Juni 18...«

»Wie hieß der Logenmeister?«

»James H. Scott.«

»Und wie der Distriktsmeister?«

»Bartolomäus Wilson.«

»Hm! Ihre Antworten klingen ja recht sicher. Was machen Sie hier?«

»Ich arbeite, genau so wie Sie; verdiene aber wahrscheinlich weniger.«

»Sie sind wohl einer von denen, die stets das letzte Wort haben müssen?«

»Jawohl, das ist eine Eigenart von mir.«

»Und Sie sind im Handeln ebenso flink wie mit der Zunge?«

»Das haben Leute von mir behauptet, die mich gut kennen.«

»Das werden wir vielleicht schneller, als Sie glauben, auf die Probe stellen können. Haben Sie etwas über die hiesige Loge gehört?«

»Ich habe gehört, daß man ein Mann sein muß, um hier aufgenommen zu werden.«

»Stimmt auffallend, Herr McMurdo. Und warum sind Sie aus Chicago fortgezogen?«

»Ich will eher verdammt sein, als daß ich Ihnen das erzähle.«

McGinty riß die Augen auf. Er war nicht gewohnt, daß man in diesem Ton mit ihm sprach und war offenkundig darüber belustigt.

»Und warum nicht, wenn ich fragen darf?«

»Weil kein Bruder den anderen belügen darf.«

»Ist denn die Wahrheit so schlimm?«

»Das können Sie halten, wie Sie wollen.«

»Nun gut, Mister, Sie können doch nicht erwarten, daß ich als Logenmeister jemanden in die Loge aufnehme, für dessen Vergangenheit ich nicht einstehen kann.«

McMurdo war etwas verblüfft. Dann zog er aus einer inneren Tasche einen Zeitungsausschnitt.

»Sie werden doch einen Kameraden nicht verraten?« sagte er.

»Ich werde Ihnen mit der Faust über das Gesicht wischen, wenn Sie so etwas noch einmal sagen,« rief McGinty zornig.

»Sie haben recht, Herr Rat,« warf McMurdo verschüchtert ein. »Ich muß um Entschuldigung bitten. Es war gedankenlos von mir. Ich weiß mich nun in sicheren Händen. Werfen Sie bitte einen Blick auf diesen Ausschnitt.«

McGinty überflog ihn und entnahm daraus einen Bericht über die Ermordung eines gewissen Jonas Pinto in der Lake-Bar, Marktstraße, Chicago.

»Ihr Werk?« fragte er, indem er das Papier zurückreichte.

McMurdo nickte mit dem Kopf.

»Und warum haben Sie ihn niedergeschossen?«

»Ich half Onkel Sam Dollar erzeugen. Die meinen waren vielleicht nicht so gut wie die seinen, aber sie sahen ebensogut aus und waren billiger in der Herstellung. Pinto half mir, sie zu verschieben.«

»Was zu tun?«

»Ich meine, er half mir, sie unter die Leute zu bringen. Dann drohte er mir, mich zu verraten, aber das hat er nicht getan. Ich habe nämlich nicht darauf gewartet, sondern habe ihn niedergeschossen und bin hierher gekommen, so schnell ich konnte.«

»Warum gerade hierher?«

»Weil ich in den Zeitungen las, daß man hier bei Einstellungen nicht besonders eigen ist.«

McGinty lachte.

»Also Sie waren zuerst ein Falschmünzer, sind dann ein Mörder geworden und darauf zu uns gekommen, weil Sie glaubten, hier mit offenen Armen aufgenommen zu werden.«

»Stimmt ungefähr,« rief McMurdo.

»Sie scheinen ein ganz geriebener Junge zu sein. Sagen Sie mal, können Sie diese Dollar noch immer machen?«

McMurdo zog etwa ein halbes Dutzend dieser Geldscheine aus der Tasche.

»Diese haben die Banknotendruckerei in Washington niemals gesehen,« sagte er.

»Was Sie nicht sagen!« McGinty hielt sie in seiner riesigen Hand, die behaart war wie die eines Gorilla, gegen das Licht. »Ich kann keinen Unterschied entdecken. Bei Gott, Sie werden einen brauchbaren Bruder abgeben, wenn mich nicht alles täuscht. Wir können einen oder zwei der gefährlicheren Sorte unter uns noch recht gut gebrauchen, Freund McMurdo, denn wir leben in Zeiten, wo wir uns gehörig umzusehen haben. Wir würden sehr bald an die Wand gedrückt werden, wenn wir diejenigen, die uns drücken, nicht wieder zurückstoßen würden.«

»Nun, ich bin gern bereit mein Teil an dieser Arbeit zu übernehmen.«

»Sie sind ein kaltblütiger Bursche, das muß ich sagen. Haben nicht mit der Wimper gezuckt, als ich die Pistole auf Sie richtete.«

»Nicht ich war dabei in Gefahr.«

»Wer denn?«

»Sie selbst, mein lieber Herr Rat,« sagte McMurdo, indem er einen gespannten Revolver aus der Seitentasche seiner Jacke zog. »Ich hatte Sie die ganze Zeit über auf dem Korn, und mein Revolver wäre wohl ebenso schnell losgegangen, wie der Ihrige, wenn nicht schneller.«

Eine Zornesröte ergoß sich bei diesen Worten über McGintys Gesicht. Dann brach er in ein schallendes Gelächter aus.

»Bei Gott!« sagte er. »Es sieht so aus, als ob Sie der Stolz unserer Loge werden würden. Wir haben seit Jahren keinen so frechen Burschen mehr bei uns gehabt. – Was in des Teufels Namen wollen Sie hier? Kann man sich denn nicht fünf Minuten mit einem Herrn allein unterhalten, ohne gestört zu werden?«

Ein Mixer stand vor ihm, ganz betroffen.

»Ich bitte um Entschuldigung, Herr Rat, aber Mr. Baldwin ist da und sagt, er müsse Sie dringend sprechen.«

Diese Anmeldung war überflüssig, denn das harte, grausame Gesicht des Angemeldeten blickte bereits über die Schulter des Barmannes. Baldwin schob den Eingeschüchterten hinaus und schloß die Tür hinter ihm.

»Aha!« sagte er mit einem wütenden Blick auf McMurdo. »Sie sind mir zuvorgekommen. Ich möchte mit Ihnen über diesen Mann reden, Herr Rat.«

»Dann sagen Sie, was Sie zu sagen haben, sofort und mir ins Gesicht,« rief McMurdo.

»Ich werde es sagen, wie und wann ich will.«

»Zur Ruhe, meine Herren,« sagte McGinty, indem er sich von dem Faß erhob. »Das kann ich nicht zulassen. Dies hier ist ein neuer Bruder, Baldwin, und es geht nicht an, ihn in dieser Weise zu begrüßen. Geben Sie ihm die Hand, Mann, und machen Sie Frieden.«

»Niemals,« rief Baldwin wütend.

»Ich habe ihm angetragen, mit ihm zu kämpfen, da er glaubt, mir grollen zu müssen,« sagte McMurdo. »Ich bin bereit, mit ihm zu kämpfen, mit meinen Fäusten, oder, wenn ihm das nicht paßt, auf jede andere Weise, die er vorschlägt. Das ist die ganze Sache, und ich bitte um Ihr Urteil, Herr Rat, als das eines Logenmeisters über zwei streitende Brüder.«

»Um was handelt es sich denn?«

»Eine junge Dame. Ich meine, sie kann wählen, wen sie will.«

»So, glauben Sie?« rief Baldwin.

»Jawohl, das ist auch meine Ansicht,« sagte McGinty. »Als Brüder derselben Loge seid ihr gleich.«

»Das ist also Ihre Entscheidung?«

»Sehr richtig, Ted Baldwin,« sagte McGinty, ihn bösartig anstierend. »Wollen Sie vielleicht dagegen Widerspruch erheben?«

»Sie entscheiden also zugunsten eines Mannes, den Sie heute das erstemal sehen, gegen einen, der seit fünf Jahren mit Ihnen durch dick und dünn geht? Sie sind nicht auf Lebenszeit gewählt, Jack McGinty, und bei Gott, wenn es wieder zur Wahl kommt, –«

McGinty sprang wie ein Tiger auf ihn zu. Seine Faust schloß sich um des Anderen Gurgel. Mit der Riesenkraft, deren er fähig war, stieß er Baldwin zu Boden, so daß er über die Fässer fiel. Er hätte ihn zweifellos erwürgt, wenn nicht McMurdo dazwischen getreten wäre.

»Ruhe, Herr McGinty, um des Himmels Willen, bewahren Sie doch Ruhe,« rief er, indem er den Logenmeister von seinem Opfer trennte.

Baldwin hatte sich auf eines der Fässer gesetzt, tödlich erschrocken und verschüchtert. Er rang nach Atem und zitterte an allen Gliedern, wie einer, der dem Tod ins Auge gesehen hat.

»Sie haben das schon lange haben wollen, Ted Baldwin, und jetzt haben Sie es,« rief McGinty, dessen riesenhafte Brust heftig wogte. »Sie glauben wohl, wenn ich bei der nächsten Wahl zum Logenmeister durchfalle, daß Sie dann in meine Schuhe treten würden? Darüber hat die Loge zu entscheiden. Aber das sage ich Ihnen, solange ich der Loge vorstehe, wird kein Mann seine Stimme gegen mich oder meine Entscheidungen erheben.«

»Ich habe nichts gegen Sie,« murmelte Baldwin, seine Kehle betastend.

»Nun gut,« rief der andere, indem er in seine gewohnte Manier brüsker Herzlichkeit zurückfiel, »dann sind wir also alle wieder gute Freunde und damit Schluß.«

Er nahm von einem der Regale eine Flasche Sekt und entkorkte sie.

»Kommt her,« fuhr er fort, indem er drei hohe Gläser füllte, »wir wollen den Versöhnungstoast der Loge trinken. Der löscht, wie ihr wißt, jede Feindschaft aus. Also, mit der linken Hand an der Kehle frage ich euch, Ted Baldwin, um was war der Streit?«

»Die Wolken sind schwer,« antwortete Baldwin.

»Aber sie werden sich auf ewig aufhellen.«

»Und das beschwöre ich.«

Die beiden tranken ihren Sekt, worauf dieselbe Zeremonie zwischen Baldwin und McMurdo wiederholt wurde.

»Nun also,« rief McGinty, sich befriedigt die Hände reibend, »jetzt kein böses Blut mehr, sonst kommt die Sache vor die Entscheidung der Loge, und solche Entscheidungen sind streng hier bei uns, wie Bruder Baldwin bereits weiß und auch Sie, Bruder McMurdo, würden es bald erfahren, wenn Sie Streit suchen.«

»Fällt mir nicht ein,« sagte McMurdo und streckte Baldwin die Hand entgegen. »Ich bin rasch dabei, einen Streit zu beginnen, aber ebenso rasch im Vergeben; wahrscheinlich eine Schuld meines irischen Blutes. Für mich ist die Sache erledigt, und ich hege keinen Groll mehr.«

Es blieb Baldwin nichts anderes übrig, als die gereichte Hand zu ergreifen, denn die drohenden Augen des schrecklichen Meisters ruhten auf ihm. In seinem finsteren Gesicht deutete indessen nichts darauf hin, daß ihn die freundschaftlichen Worte des anderen berührt hatten.

McGinty klopfte beiden auf die Schulter.

»Diese Weibsbilder, diese Weibsbilder,« rief er, »man sollte nicht glauben, was sie für Unfrieden unter meinen Jungen stiften können. Der Teufel soll sie holen. Die letzte Entscheidung in dieser Sache liegt aber bei der Frauensperson. Wir in der Loge befassen uns mit solchen Entscheidungen nicht, und der Herr sei bedankt dafür. Wir haben schon genug mit uns selbst zu tun. Sie müssen in unsere Loge 341 eingeweiht werden, Bruder McMurdo. Wir haben hier unsere eigenen Arten und Methoden, die von denen in Chicago verschieden sind. Sonnabend abend ist unser Sitzungstag, und wenn Sie am nächsten Sonnabend zu uns kommen, werden wir Sie zu einem der Unsrigen machen.«

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