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Das Tagebuch der Ottony von Kelchberg

Charlotte Niese: Das Tagebuch der Ottony von Kelchberg - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorCharlotte Niese
titleDas Tagebuch der Ottony von Kelchberg
publisherFr. Wilh. Grunow
printrunVierte Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071029
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Erstes Buch

Im Monat Juni 1789.

Die Demoiselle Kuntze hat sich in den Ehestand begeben, und Tante Amelie kann keine Lehrerin für mich ausfindig machen. Daher hat sie mir befohlen, jeden Tag ein weniges aufzuschreiben von dem, das ich erlebe. Sie sagt, daß solche Beschäftigung niemals schaden kann, und daß ich ohne Furcht meine Gedanken dem Papier anvertrauen solle, da sie meine Aufzeichnungen nicht lesen werde. Dies glaube ich von der Tante, da sie sehr aufrichtig und gut ist. Weil ich sie liebe, will ich also mit ihr zuerst beginnen. Tante Amelie heißt Fräulein von Montmédy und ist im Rheinlande zu Haus. Die Burg ihrer Väter ist leider zerstört, und sie hat wenig irdische Güter, daher sie das Anerbieten des Fräuleins von Ahlefeld angenommen hat, bei ihr in der kleinen Stadt Plön zu wohnen, in der besagtem Fräulein Ahlefeld ein Haus eignet.

Fräulein Ahlefeld und meine Tante haben sich irgendwo draußen im Reiche kennen gelernt, auf einer Reise; nun haben sie sich sehr lieb und wollen sich ungern wieder trennen. Zuerst war meine Tante zu stolz, alles von der Freundin annehmen zu wollen, dann aber schrieb sie an ihren Bruder in Paris, und dieser sendet ihr jetzt immer eine kleine Rente, so daß sie etwas für sich allein hat und mich zu sich nehmen konnte, als die guten Nonnen von Bacharach schrieben, sie könnten mich nicht mehr behalten. Meine Eltern, der Baron Kelchberg und seine Gemahlin, eine Montmédy, sind nämlich lange tot, und einige Verwandte, die nicht recht wußten, wohin mit mir, schickten mich ins Kloster, wo die guten Nonnen sehr lieb an mir handelten, wenn sie auch manchmal über meinen weltlichen Sinn seufzten. Wenn ich gewollt hätte, würden sie vielleicht ein Nönnchen aus mir gemacht haben, aber zum beständigen Beten hatte ich keine Lust; und dann war ich auch sehr arm. Die Nönnchen aber wollen doch eine Aussteuer für die, die sich dem heiligen Berufe widmen möchten. Dann lachte ich auch einmal über des Beichtvaters rote Nase: genug, ich bin mit einem reisenden Kaufmann, der nach Hamburg fuhr, in diese Stadt gesandt worden, und von dort hat mich Mosjöh Fuchs nach Plön gebracht.

Mosjöh Fuchs ist Peters Vater, und Peter fragte mich gestern, ob ich ihn nicht heiraten wollte. Ich war abweisend; denn erstens bin ich erst eben vierzehn Jahre alt, und Peter ist sechzehn, und dann würde ich auch nicht gern eine Madame Fuchs werden. Bin ich doch eine Baronesse Kelchberg und habe einen reinen Stammbaum. Peter lachte, als ich ihm dies erwiderte. Er sagte, daß ich blutarm wäre und mich freuen müßte, überhaupt einen Mann zu bekommen; und dann wollte er auch sehen, ein berühmter Mann und sehr vornehm zu werden.

»Es wird bald Krieg geben, und dann werde ich General oder gar ein Herzog!«

So prahlte er, und ich mußte lachen. Wer keine Ahnen hat, der wird kein Fürst, und es ist überall tiefer Frieden.

»Mein Vater sagt, die Welt ist unruhig,« schwatzte Peter weiter. »Da ist mein Onkel in Frankreich – er nennt sich Renard und wohnt in der Weinstadt Rheims. Der schrieb neulich einen langen Brief, und der Vater machte ein sehr nachdenkliches Gesicht dazu!«

Hier konnte ich ihm nun entgegnen, daß mein Onkel, der Marquis von Montmédy, der in Paris in der Nähe des Königs wohnt, meiner Tante gleichfalls einen Brief geschrieben habe, und daß darin nur von Vergnügen stand und davon, daß das Leben noch angenehmer sein würde, wenn es nicht Zwicken im Bein und Gliederschmerzen gäbe.

Da wandte sich Peter von mir ab, nannte mich eine dumme Liese und ging in seinen Garten. Ich bin ihm böse, denn ein adliges Fräulein ist keine dumme Liese, und ich will lange nicht mit ihm reden. Ihn auch nicht heiraten, was für ihn eine zu große Ehre wäre.

Sein Garten liegt dicht neben dem unsrigen. Es stehen Obstbäume darin, die im Frühjahr herrlich blühten, und jetzt schimmern die Beete rot von Erdbeeren. Wir haben keine, und wenn ich gut Freund mit Peter bin, dann krieche ich durch die Hecke und pflücke so viele Früchte, wie ich nur essen mag, aber wenn ich ihm böse bin, dann will ich ihm diesen Gefallen nicht tun. Denn es ist doch eine Ehre für seine Erdbeeren, wenn ein adliges Fräulein sie gern essen mag.

Andern Tags.

Tante Amelie rief mich, und ich mußte mit ihr ein Kleid betrachten, das ihr gehört und das für mich geändert werden soll. Es ist hellbraun mit kleinen schwarzen Punkten darin, und ich finde es sehr greulich. Aber ich darf nichts sagen, da ich sonst keine neue Robe erhalten würde. Das geht nicht, da ich doch auch manchmal aufs Schloß geladen werde, wo der Herzog Peter wohnt. Denn es gibt hier wirklich ein Schloß, das auf einem Hügelchen liegt, und darinnen wohnt der Herzog. Er ist aus dem fürstlichen Hause Oldenburg und ein sehr guter Mann. Aber Peter Fuchs behauptet, daß er keinen ordentlichen Verstand hätte und deshalb hier nach Plön geschickt wäre, wo er keinen Schaden stiften kann. »Aber,« setzte der dumme Junge hinzu, »die Fürsten haben meistens keinen Verstand, und das schadet nichts. Dann richten sie weniger Unheil an.«

Er berichtete, daß der König, der über Holstein regiert – er wohnt in Kopenhagen – auch keinen Verstand hätte, und daß sein Sohn für ihn regieren müßte.

Solche Reden liebe ich nun nicht, denn ich weiß, daß Peter gewöhnlich hinzusetzen wird: »Der Adel ist meistens auch dumm, und deshalb muß er abgeschafft werden!« Über diesen Punkt erzürne ich mich immer mit Peter. Aus ihm spricht nur der Neid, weil er kein Adliger ist – aber wenn ich dies sage, wird er böse, wie ich zornig werde, und wir nehmen uns immer vor, nie mehr miteinander zu sprechen. Dann tun wirs am anderen Tage wieder. Ich aber nur, weil ich sonst keinen Menschen habe, mit dem ich mich unterhalten könnte. Dieses aber behalte ich natürlich für mich.

* * *

Mein braunes Kleid ist von der Nähterin fertig gemacht worden und nicht so schlimm, wie ich fürchtete. Ich habe noch ein weißes Fichu dazu erhalten, und als wir am Nachmittage aufs Schloß zur Kartenpartie gingen, stand ich eine Weile vor dem Spiegel. Ich habe blonde Haare, eine weiße Haut und hellbraune Augen. Meine Nase ist ein wenig gebogen, und mein Mund ist klein. Peter Fuchs stand plötzlich hinter mir und lachte über mich.

»Du Hast ein zu spitzes Kinn!« sagte er, »und deine Ohren sind zu rot!«

Was nur daher kam, weil ich überhaupt errötete. Mit unbescheidenen Menschen umzugehen, ist sehr schwer, und ich sagte es ihm ordentlich, worauf er nur die Achseln zuckte und mir einen Brief für Tante Amelie gab, den sein Vater für sie aus Hamburg mitgebracht hatte.

Aber Tante Amelie fand keine Zeit zum Lesen, weil der Kammerherr von Treusch gerade in die Tür trat und fragte, ob er die Damen aufs Schloß begleiten dürfte. Meine Tante wurde rot, sagte aber, daß sie die liebenswürdige Gesellschaft mit Vergnügen annähme, und Peter stieß mich so in die Seite, daß ich beinahe »Au!« geschrien hätte. Aber ich tat es nicht, weil ich innerlich lachen mußte. Diese zwei alten Leute, der Kammerherr und meine Tante, lieben sich nämlich. Er ist vierzig und sie achtunddreißig; beide sollten mit dem Leben abgeschlossen haben, aber Peter sagt, daß sie sich heiraten würden, wenn sie die Mittel dazu hätten. Er hat einmal im Schloßpark hinter den Bäumen gestanden und gehört, wie die zwei von ihrer großen Liebe gesprochen, aber auch geseufzt haben, daß sie sich ohne Heiraten weiter lieben wollten. Peter sagt, daß diese Unterhaltung beinahe rührend gewesen wäre, ich aber finde es nicht rührend, wenn alte Leute verrückte Gedanken haben. Und wenn ich den Kammerherrn jetzt sehe, finde ich ihn töricht.

Jetzt also ist die Tante mit ihm voran durch die enge Straße dem Schloßberg zu gegangen und Peter mit mir hinterher. Denn es ist schrecklich zu berichten, aber Mosjöh Fuchs mit seinem Sohn werden auch vom Herzog nachmittags zur Spielpartie geladen, obwohl sie nicht hoffähig sind.

Peter lachte wieder unangenehm, als ich ihm zuerst mein Erstaunen über diese Sonderbarkeit ausdrückte, und erwiderte, daß sein Papa dem Herzog Geld liehe und für seine fürstliche Gnaden eine viel wichtigere Persönlichkeit wäre als zum Beispiel eine gewisse Ottony von Kelchberg. Nun sage ich nichts mehr und finde mich seufzend in die rauhen Sitten eines barbarischen Landes.

Heute mußte ich überhaupt Herrn von Treusch betrachten und meine Tante. Der Kammerherr ist klein und zierlich, trägt eine kleine weiße Perrücke und nimmt sie gelegentlich in die Hand. Dann hat er graublondes Haar, einen schmalen Kopf, große, helle Augen und eine gerade Nase. Im ganzen ist er so übel nicht, besonders wenn er seinen guten grauen Samtrock mit der Silberstickerei trägt und die Weste mit den langen Schößen. Das aber ist sein bester Anzug, und er muß ihn schonen, weil sein Gehalt nur klein ist und er kaum davon leben kann. Zwei Zimmer bewohnt er im Schloß, und die sind sehr einfach eingerichtet. Nein, er kann nicht heiraten und meine gute Tante gleichfalls nicht. Der Marquis, ihr Bruder, schickt ihr nur so viel, daß sie anständig leben kann. Peter weiß es von seinem Vater, und ich kann den Onkel nur loben. Damen in Tante Ameliens Alter dürfen keine Heiratsgedanken mehr haben: damit machen sie sich lächerlich. Im übrigen macht Tante Amelie noch einen recht konservierten Eindruck. Ihr Haar ist nicht grau, und ihre Augen blicken hell und freundlich. Sie ist groß und schlank, und wenn sie lacht, zeigt sie zwei Grübchen, die ihr nicht übel stehen. Peter sagt auch, sehr alt schiene sie nicht zu sein, aber Frauenzimmer wären oft trügerisch und schminkten sich, um jung zu erscheinen. Dies tut Tante Amelie nun wirklich nicht; aber ich erwiderte nichts auf Peters Reden. Im Grunde hat er recht, solche alten Leute sollten keinen Anstoß erregen und sich nicht verliebt anblicken.

Sie taten es wirklich, sogar in Gegenwart der Durchlaucht, die heute, wie meistens, in guter Laune war und allerhand Witze machte. Sogar mit Mosjöh Fuchs, den er Füchslein nannte und auf die Knie schlug, welche Huld der Mosjöh damit erwiderte, daß er beide Hände in die Rocktaschen steckte und dazu den Kopf schüttelte. Gerade als wollte er nicht tun, was der Herzog wünschte. Der aber lachte noch mehr und rief den Lakaien, daß er Schokolade brächte. Mosjöh Fuchs erhielt die beste Tasse und nahm sie mit großer Eingebildetheit. Aber als der Herzog nachher mit ihm allein sprach, schüttelte er wieder den Kopf, eine Bewegung, die sich vor einer fürstlichen Persönlichkeit nicht ziemt.

Aber der Herzog nahm nichts übel, war über alle Maßen gnädig, und endlich schüttelte Herr Fuchs nicht mehr den Kopf, sondern griff in die Tasche.

Dann spielten die Herrschaften Karten, während Peter und ich nach der Schokolade – sie war sehr dünn – im Park spazieren konnten. Dieser Schloßpark gefällt mir gut. Er liegt am großen Plöner See, hat lange Baumreihen, verschnittene Hecken mit Figuren darin und dann auch Rosenbüsche, in denen die Nachtigallen singen. Wenn man in einer Rosenlaube sitzt und die Vögel singen hört, wird man ein wenig gerührt, und ich habe es geschehen lassen, daß Peter mich küßte und von unserer Hochzeit sprach. Er hat mich »kleine Puppe« genannt und versprochen, mich auf Händen zu tragen.

»Aber du kannst mich ja nicht ernähren!« sagte ich, worauf er mich sehr ernst ansah.

»Denkst du immer an diese häßlichen Dinge? Wenn ich dich heirate, werde ich dich schon ernähren. Mein Vater ist reich, und auch ich werde mein Brot verdienen. Drei oder vier Jahre können wir noch warten. In der Zeit bin ich viel geworden!«

Ich wollte erwidern, daß drei oder vier Jahre eine lange Zeit waren, schwieg aber lieber. Die Rosen dufteten so stark, und die Nachtigallen sangen.

Dann aber wurden wir gerufen, und Mosjöh Fuchs ging neben Tante Amelie nach Haus. Er fragte sie, ob sie den Brief aus Frankreich schon gelesen habe, und meine Tante erwiderte, daß sie noch nicht zur Ruhe gekommen wäre. Der Mosjöh stützte sich auf seinen Stock und zuckte die Achseln.

»Ich hoffe, daß Sie, gnädiges Fräulein, keine unangenehmen Nouvellen von Ihrem Herrn Bruder empfangen mögen, da es in Frankreich nicht gut aussieht, und das Volk stark irritiert ist.«

Tante Amelie machte große Augen. Sie war vorhin Hand in Hand mit dem Kammerherrn gegangen – ich hatte es gesehen. Nun erwiderte sie freundlich, daß sie immer gute Nachrichten von ihrem Herrn Bruder erhielte, und daß er ihr heute sicherlich wieder von den Festlichkeiten schreiben würde, die er am Hofe des Königs mitmachen durfte. Sie berichtete dann, was sie immer gern erzählt: nämlich, daß ihr Bruder eine reiche Dame in Frankreich geheiratet habe und dadurch in einer sehr angenehmen Lage wäre. Er ist in jungen Jahren an den französischen Hof gekommen und hat dort sein Glück gemacht. Leider ist seine Gemahlin vor einigen Jahren gestorben.

Mosjöh Fuchs kennt diese Erzählungen, hört aber immer wieder zu. Er hat nichts dagegen einzuwenden, daß wir einen reichen Verwandten in Paris haben, aber heute beginnt er von Politik und vom französischen König zu sprechen, an dem er einiges auszusetzen hat. Auch sein Sohn Peter vergißt, daß er mich eben geküßt hat und berichtet nur, daß die Königin Marie Antoinette nichts tauge und das Volk sie hasse. Die Königin geht mich nichts an. Aber ich finde es unfreundlich, Übles von ihr zu sprechen, da mein Onkel in ihrer Nähe weilt. Also antwortete ich höhnisch, daß Bürgerliche sich hüten sollten, über vornehme Leute zu urteilen. Da haben wir uns also wieder veruneinigt. Den Peter will ich sicherlich nicht heiraten.

Juli.

Eine ganze Woche nicht geschrieben, und ich werde lange nicht wieder an mein Tagebuch gehen können. Wir reisen nämlich nach Paris, und ich freue mich so sehr, daß ich manchmal nicht schlafen kann. Ich soll den König sehen, die Königin, den Hof, Paris. Tante Amelie weinte zuerst, dann aber tröstete sie sich auch. Wenigstens merkt man ihr nichts mehr an.

Aber nun will ich alles berichten. In dem Brief von Paris schrieb mein Onkel, daß Tante Amelie ihn besuchen sollte, und mich dürfte sie mitbringen. Wenn ich ihm gefiele, wollte er mich verheiraten. Tante Amelie wollte nicht, daß ich diesen Satz lesen sollte, aber ich bin an den Brief gegangen, als sie aus dem Zimmer gerufen wurde, und ich habe alles gelesen. Weshalb auch nicht? Ich komme doch jetzt in die vernünftigen Jahre, und schließlich muß meine Familie mich standesgemäß verheiraten. Peter habe ich nichts davon erzählt. Ich war gespannt, was er zu der Nachricht unserer Reise sagen würde, aber er blieb sehr ruhig.

»Geh du nur nach Paris!« sagte er. »Da wird dir die Zeit nicht lang, bis ich dich hole, übrigens werde ich auch wohl nach Frankreich zu meinem Onkel gehen und dann nach der Hauptstadt kommen. Ich denke mir, daß man dort allerhand erleben kann.«

»Vielleicht wird der König abgesetzt, und du kommst an seine Stelle!« sagte ich mit angenommenem Ernste, worauf Peter Fuchs seine blitzenden Augen auf mich richtete.

»Wer weiß, kleine Puppe, was noch wird! Vielleicht kriege ich noch einmal ein kleines Königreich, und du wirst meine Königin. Aber vielleicht suche ich mir dann eine hübschere Prinzessin: eine, die nicht so unausstehlich ist wie du!«

Ich wollte ihn schlagen, da nahm er mich in die Arme und küßte mich. Als er mich wieder los ließ, weinte ich. Peter ist sehr frech, aber ich fürchte, daß ich mich nach ihm sehnen werde. Besonders, wenn mein Onkel nicht gleich einen passenden Mann für mich hat.

Die Plöner sind aufgeregt, daß wir wegreisen. Der Herzog hat uns eine Schokolade gegeben und dabei viel von den Franzosen gesprochen, denen er nichts Gutes zutraut. Er sagt, wenn er König Ludwig wäre, würde er es anders machen. Aber bald vergißt er die Franzosen und will seine Kartenpartie haben. Herr von Treusch ist sehr blaß und scheint mit jedem Tage magerer zu werden. Aber Tante Amelie hat ihm versprochen, bald wiederzukehren. Ihr Bruder hat sie auch nur auf ein Jahr eingeladen. Seine Gesundheit ist wankend, und sein Hauswesen scheint nach dem Tode seiner Frau nicht mehr sehr in Ordnung zu sein. Nun wünscht er den Besuch seiner Schwester, und sie ist natürlich verpflichtet, seinen Wunsch zu erfüllen. Es ist auch ein großes Glück für sie, eine solche Reise machen zu dürfen, und über allem Schönen, das sie sehen wird, kann Herr von Treusch bald vergessen werden. Jedenfalls ist es ihre Pflicht, sich keinen lächerlichen Träumen hinzugeben.

Auch Fräulein von Ahlefeld fällt es schwer, sich von der Freundin zu trennen. Die zwei Damen haben friedlich zusammengelebt; und wenn Fräulein von Ahlefeld nach Itzehoe reiste, um dort in dem Damenkloster einige Monate zuzubringen, dann hat Tante Amelie ihr dies Haus in Plön verwaltet und behütet. Nun muß sie sich nach einer anderen Freundin umsehen und schilt auf die Franzosen, die doch keine Schuld haben. Aber so sind die Menschen: sie müssen immer unzufrieden sein. Ich bin es nicht: ich freue mich auf die Reise und darauf, daß ich wieder in ein katholisches Land komme. Denn ich bin einmal katholisch und mag nicht immer unter Ketzern leben, wenn sie auch mehr Religion haben, als ich ihnen zutraute. Jedenfalls hat diese ketzerische Religion das Angenehme, daß man eine Klosterdame sein und doch heiraten kann. Fräulein Georgine erklärt allerdings, daß sie nicht so verrückt sein und noch heiraten würde; aber wenn ich Tante Ameliens blasses Gesicht sehe und höre, wie ihre Stimme zittert, wenn sie mit dem Kammerherrn spricht, dann traue ich auch der Klosterdame allerhand Törichtes zu.

Herr von Treusch wird uns nach Hamburg begleiten, wo er etwas zu tun hat. Von dort nehmen wir einen Wagen, der uns allmählich in das schöne französische Land führen wird. Mosjöh Fuchs besorgt alles. Er weiß von einigen Hamburgern, die nach Paris wollen; da schließt man sich zusammen, erstens der Ersparnis wegen und dann auch, weil es noch überall Räuber geben soll. Ich möchte ihnen wohl begegnen, aber Peter Fuchs sagt, solchen Unsinn sollte ich mir nicht wünschen, besonders da er mich nicht begleiten kann. In diesen letzten Tagen ist er recht unleidlich gegen mich. An allem, was ich sage, hat er etwas auszusetzen. Nun, ich lasse ihn gewähren. Von dem Satze in meines Onkels Brief ahnt er nichts. Er soll meine Vermählung auch erst erfahren, wenn sie vollzogen ist. Hoffentlich ist es ein Herzog, mindestens ein Marquis! Dann heiße ich Madame la Marquise, und wenn ich wieder nach Plön komme, dann trage ich nur seidene Kleider, bin schneeweiß gepudert und esse nur den feinsten Braten, den schönsten Kuchen. Ich freue mich wie ein Kind!

Paris im August.

Nun sind wir schon vierzehn Tage in Paris, und ich suche mein Tagebuch wieder heraus. Immer kann man doch nicht Tanzstunde haben und Französisch lernen. Koralie spricht sehr gut, natürlich, aber sie ist auch eine Französin, Onkel Montmédy braucht sie mir nicht gerade täglich als Beispiel zu nennen. Ich verstehe überhaupt nicht, daß er so freundlich gegen sie ist, da sie doch nur meine Kammerjungfer ist. Ich kann sie auch nicht hübsch finden. Sie ist viel kleiner als ich, hat schwarze Haare und runde schwarze Augen, ein verschmitztes Lachen und kleine, weiße, spitze Zähne. Wie ein kleines Raubtier kann sie aussehen, und ich sage es ihr täglich. Aber dann spreche ich Deutsch mit ihr, und das versteht sie nicht. Abscheuliche Sprache, dies Französisch! Dabei so schwer, und mein Akzent übertrieben gewöhnlich. So wenigstens sagt der Onkel Marquis, und ich darf ihm keine Antwort geben, wie ich wohl möchte. Den Herrn Onkel habe ich mir anders vorgestellt. Es ist kaum zu glauben, daß er ein richtiger Bruder von Tante Amelie, von meiner verstorbenen Mutter ist. Von meiner Mutter weiß ich nicht mehr viel: nur, daß sie sehr gut und sanft war. Ebenso wie Tante Amelie, die immer gütig ist und niemand ein unfreundliches Wort sagen kann.

Der Onkel Montmédy ist ein mittelgroßer schlanker Herr mit einem kleinen, hochmütig getragenen Kopf, mit stahlharten Augen, glattrasiertem Gesicht, schmaler Nase, spöttischem Mund. Mit Tante Amelie spricht er noch Deutsch, aber man merkt, daß es für ihn eine fremde Sprache ist. Den längsten Teil seines Lebens hat er Französisch gesprochen; daß seine Wiege jenseits des Rheins stand, weiß er kaum mehr. Als Tante Amelie vor ihm stand, schien er sich zu freuen. Mir reichte er eine schmale Hand, voll von kostbaren Ringen, und er schien erstaunt, daß ich sie ihm nicht küßte. Aber ich küßte doch auch nicht dem guten Herzog Peter die Hand, ich glaube, der hätte sich sehr gewundert.

Der Onkel betrachtete mich lange durch ein Augenglas, sagte einige Worte, die ich nicht verstand, und rührte eine silberne Glocke. Als Koralie eintrat, ließ er mich von ihr in mein Zimmer bringen.

Das liegt im zweiten Stock und ist hübsch eingerichtet. Ein großes Bett steht darin, feines Waschgeschirr, ein kleines bequemes Sofa. Durch das Fenster sieht man in den grünen Garten. Onkels Haus liegt nämlich mitten in einem Garten, der von einer hohen Mauer umgeben ist. Das Haus hat große Räume und gewebte Tapeten, die man Gobelins nennt. An den Wänden hängen Ölgemälde, und kostbare Mobilien stehen in den Zimmern. Bei Tisch kommen manchmal silberne Teller und Schüsseln, und jeden Tag wird Wein getrunken. Tante Amelie wohnt neben mir. Ihr Zimmer ist größer und viel prächtiger eingerichtet als das meine. Sie schüttelte ein wenig den Kopf, als sie es zuerst sah: aber sie hat sich natürlich in diese Pracht gefunden. Sie ist übrigens nicht viel darin. Onkel Marquis braucht sie zu seiner Gesellschaft. Er klagt über seine Gesundheit und sagt, daß er nicht mehr so viel ausgehen möchte wie früher. So also muß Tante Amelie neben ihm sitzen, eine Stickerei machen und mit ihm sprechen. Ich dagegen hätte viel freie Zeit, wenn nicht dieser langweilige Abbé wäre, der mich Französisch lehren muß, und der Tanzmeister, bei dem ich Verbeugungen und Tanzschritte machen muß. Koralie nimmt die Tanzstunden mit mir: sie ist viel graziöser als ich, aber sie bekommt den Tadel, und ich das Lob. Bei dem Abbé muß ich jetzt meine Reise beschreiben. Eigentlich ist nichts daran zu beschreiben. Der Wagen schaukelte sehr, zweimal fiel er um, und die Nachtquartiere waren erbärmlich. Die Hamburger Herren sprachen wenig und dann meistens mit Tante Amelie, die recht traurig war. Der Abschied von dem Kammerherrn ist ihr sehr schwer geworden, und obgleich ich diese späte Liebe einen Wahnsinn finde, so habe ich doch nicht hingesehen, als sich die Zwei zum letztenmal die Hände gaben. Die Hamburger Herren müssen gleichfalls etwas bemerkt haben, sonst wären sie vielleicht nicht so freundlich gegen die Tante gewesen und hätten sich mehr um mich bekümmert. Allerdings habe ich dem einen gesagt, ich könnte Hamburg und seine Pfeffersäcke nicht ausstehen: aber ich meinte es mehr im Scherz, und er brauchte es nicht übel zu nehmen. Einige Menschen können aber keinen Spaß verstehen.

In Frankreich wurden die Wege besser, aber wir sahen viele Bettler, und die Dörfer, durch die wir kamen, waren armselig. Hier soll manchmal Hungersnot sein, und Räuber gibt es auch. Wir haben keine gesehen; in Aachen nahmen wir eine junge Französin in den Wagen, die auf uns wartete. Ihr Vater ist Parlamentsrat und ein Bekannter vom Onkel, obgleich er nicht adelig ist. Er heißt Renaud und die Tochter Cécile. Sie ist jünger als ich, aber sehr lieb und gut. Wenn sie auch nicht zum Adel gehört, so will ich sie doch als Freundin behalten.

Nun will ich über diese Reise einen Aufsatz machen, und Koralie muß mir helfen.

Ende August.

Der Abbé hat meinen Aufsatz sehr gelobt, und Tante Amelie las ihn dem Onkel vor, der mir hinterher ein freundliches Wort sagte.

»Im allgemeinen war deine Arbeit nicht schlecht,« sagte er. »Es waren aber noch manche Fehler darin, die du dir abgewöhnen mußt. Auch mußt du nicht von Cécile Renaud sprechen, als wäre sie weniger vornehm als du. Das ist nicht graziös.«

»Aber sie ist doch nicht von Adel!« entgegnete ich, und der Marquis nahm langsam eine Prise Schnupftabak.

»Mein Kind, du kannst dich daran freuen, daß du von altem Adel bist, aber du mußt nicht davon sprechen. Das klingt eingebildet und ist nicht artig gegen deine Freundin! Unsere Vorzüge sollen wir für uns behalten!«

Dies verstand ich nicht, aber der Onkel sprach schon von anderen Dingen. Er fährt in diesen Tagen nach Versailles, und Tante Amelie begleitet ihn vielleicht. Der Hof wohnt nämlich in Versailles, und dort tagt auch eine Nationalversammlung, die dem König beistehen soll, gute Gesetze zu machen. Der Onkel gehört zum Hause des Königs, und er muß sich gelegentlich bei ihm zeigen. Für das Hofleben hat er sonst nicht mehr viel übrig; der König liebt es mehr, auf die Jagd zu gehen und Schlosserarbeiten zu machen, als irgendwo steif zu stehen und Audienzen zu erteilen. Aber ich möchte ihn wohl sehen und auch die Königin und die Kinder, aber der Onkel nimmt nur die Tante mit. Er hat viele Freunde am Hofe, und Tante Amelie kann einen von ihnen besuchen, bis ihr Bruder wiederkommt.

Anderen Tags.

Der Onkel und Tante Amelie sind in einer großen Kalesche mit gepuderten Lakaien weggefahren, und ich bin allein im Hause mit Koralie und den Dienstboten. Zuerst weinte ich; aber Koralie sagte, sie wollte mich schon trösten. Manchmal ist sie wirklich ganz nett, und sie hat mir jetzt das ganze Haus gezeigt. Im Kellergeschoß bin ich noch nicht gewesen. Nun führte sie mich in die große Küche, in die Räume, wo die Dienerschaft wohnt und die Vorratskammern sind. Hier gibt es eine alte Köchin, die mit drei anderen Mädchen die Küche besorgt; der Kammerdiener Charles hat ein schönes Zimmer, und die anderen Dienstboten sind gleichfalls gut untergebracht. Alle waren sie freundlich gegen mich, als ich hinunterkam. Die Köchin fragte gleich, ob sie mir Sauerkraut kochen sollte oder Leberwurst. Ich dankte für beides und bat um Geflügel, worauf alle sehr lachten und durcheinandersprachen. Sie meinen, Deutsche leben von Sauerkraut und Leberwurst.

Den Kammerdiener Charles kenne ich natürlich schon gut, weil er bei Tisch bedient und meistens um den Onkel ist. Er ist schon ältlich und hat Augen, die immer seitwärts blicken. Aber er ist höflich wie die anderen.

Als wir unsere Besuche beendet hatten, führte mich Koralie noch einmal in die Vorratskammer. Hier hingen Geflügel, große Stücke Fleisch und geräucherte Schinken. Dazu viel frisches und in große Steintöpfe eingekochtes Gemüse. Koralie erzählt, daß diese Dinge von den zwei Gütern kommen, die der Marquis in der Nähe von Fontainebleau besitzt. Jede Woche kommt ein Wagen voll von Vorräten, und der Haushalt wird davon besorgt.

Diese Güter hat die Frau Marquise ihrem Manne mit in die Ehe gebracht. Sie war sehr reich und hatte auch viel Geld und Schmuck. Vor zwei Jahren ist sie gestorben, und es ist schade um sie, denn sie war eine sehr gute und fromme Frau.

»Mich hat sie damals gleich ins Haus genommen, als Großmutter mit mir kam!« setzte Koralie hinzu, während sie einen großen Korb mit Fleisch, Obst und Gemüsen füllte. »Der Marquis hatte keine rechte Lust dazu, aber sie sagte, wer Unrecht tut, der muß es wieder gutmachen! Also bin ich geblieben, und er ist sehr ordentlich gegen mich!«

Ich mußte sie erstaunt angesehen haben, denn sie lachte plötzlich. »Das verstehen Sie wohl noch nicht, Mademoiselle!«

Ich schüttelte den Kopf, und sie streichelte meine Wange.

» Eh bien, kleine Unschuld, dann wollen wir von anderen Dingen reden! Nehmen Sie diesen Korb, ich hole noch etwas Wein, und Sie können mich zur Großmutter begleiten. Sie ist einmal wieder krank und kann nicht kommen; da muß man sie etwas trösten!«

Sie erschien gleich wieder mit einem großen Korb voll Wein, und wir haben, als es dunkel wurde, diese zwei Körbe zu Frau Lenoir getragen. Ich war noch niemals auf der Straße von Paris; nun banden wir uns schwarze Kragen um und stahlen uns aus dem Gartentor. Das war lustig und unheimlich zugleich, aber ich freute mich über die Abwechslung.

Wir wohnen in der Rue Richelieu, von dort bis zur Rue St. Honoré ist's nicht weit, aber es war viel zu sehen. Eine Menge von Menschen ging und stand auf der Straße, es brannten Laternen, einige Leute schrien und lachten, und an den Ecken hielten einige Männer Reden. Mit unseren Körben huschten wir an den Häusern entlang, und niemand beachtete uns. Dann traten wir endlich in ein kleines Haus, wo im Erdgeschoß Koralies Großmutter wohnt.

Es war eine kleine, nett eingerichtete Stube, und im Hintergrunde stand ein Bett, aus dem eine verdrießliche Stimme kam.

»Nun, Koralie, kommst du endlich? Du wirst am Ende auch ein Aristo und denkst nicht mehr an deine Großmutter! Und wenn ich nicht gewesen wäre, du liefest noch in Lumpen!«

Eine kleine rauchende Öllampe verbreitete so viel Licht, daß ich die alte Frau recht gut sehen konnte. Sie hatte ein gelbes Gesicht, verquollene Augen und eine knarrende Stimme.

Koralie packte die Körbe aus.

»Ich konnte nicht eher kommen!« entschuldigte sie sich. »Die alte Minette will alles für ihre Schwester haben und wird böse, wenn sie merkt, daß ich auch etwas nehme. Und Charles braucht eine Menge für seinen Bruder!«

»Diese Kanaillen!« Frau Lenoir streckte die Hand nach einem großen Kuchen aus und biß gleich hinein. »Dieses Dienstbotenvolk bestiehlt seinen Herrn auf schamlose Manier! Aber das kommt, weil der Umgang mit den Aristos den Charakter verdirbt! Weg mit den Aristos! Das Volk muß regieren!«

Koralie öffnete eine Flasche, nahm einen silbernen Becher, auf dem ich das Wappen der Montmédy erkannte, schenkte ihn voll und gab ihn ihrer Großmutter.

»Du mußt den Mund halten,« sagte sie dabei. »Ich habe dir eine kleine Aristo mitgebracht. Die wahrhaftige Nichte vom Marquis! Sie ist noch sehr unerfahren!« setzte sie hinzu, während die alte Frau ihre schwimmenden Augen auf mich richtete.

»Was will sie hier? Alle Aristos, die in Paris nichts zu tun haben, sollten wegbleiben! Artois ist schon weg, und mit ihm sind eine Menge davongelaufen!«

»Mach die kleine Demoiselle nicht bange, Großmutter! Sie hat's gut beim Marquis, und wenn sie groß ist, wird sie Jean heiraten. Du weißt, Jean de Barival! Seine Güter sind verschuldet, und die Güter des Marquis sind's nicht.«

Koralie sprach lachend, aber ihre Augen blitzten mich boshaft an, während Frau Lenoir den Becher mit Wein austrank, ihn dann noch einmal füllen ließ und lustiger wurde.

»Noch ist nicht aller Tage Abend! Alles kann anders werden! Vor einem Jahr hat die Bastille noch großmächtig dagestanden: nun ist sie dem Erdboden gleichgemacht worden. Hat die Demoiselle den Platz gesehen, wo sie stand?«

Ich schüttelte den Kopf, von Paris hatte ich überhaupt nichts gesehen.

Frau Lenoir lachte.

»Ach, die Aristos sind dumm, ich habe es immer gesagt! Der 14. Juli war ein großartiger Festtag für die Franzosen, und die Demoiselle hatte den Spaß miterleben müssen! Ich habe selbst gesehen, wie die Köpfe der Offiziere auf einer Pike durch die Straße getragen wurden. So müssen alle gestraft werden, die nicht wissen, wie die Franzosen behandelt werden wollen!«

»Großmutter, halte den Schnabel!« rief Koralie. »Du mußt die Demoiselle nicht einschüchtern, sonst trägt sie dir keinen Korb voll Wein hierher, und das würde dir doch unangenehm sein!«

Die Alte begann zu weinen. »Ich muß viel Wein haben! Hab ich ihn nicht verdient, da ich dich aufgezogen und ins Haus von Montmédy gebracht habe? Er würde nicht nach dir gefragt haben, der Spitzbube! Und es war doch meine Tochter« –

Koralie unterbrach sie. »Nun ist's genug, Großmutter! Trink keinen Wein mehr, denn du bist schon betrunken, und dann sprichst du Unsinn! Kommen Sie, Mademoiselle, wir wollen nach Hause gehen!«

Also sind wir wieder durch die dunklen Straßen gelaufen und in den Garten und das Haus gelangt.

Hier war's unheimlich still, nur im Kellergeschoß hörte man die Dienstboten singen. Es roch nach gebratenem Geflügel und nach Wein. Koralie sagte, sie feierten wohl irgendeinen Namenstag. Sie ging mit mir in mein Zimmer und erklärte, für mein Abendbrot sorgen zu wollen. Bald brachte sie mir allerhand Gutes, das sie den anderen weggenommen hatte, und wir aßen behaglich gebratene Hühner mit feinen Gemüsen, tranken Wein dazu und hatten auch noch Kuchen.

Es gibt viel besseres Essen beim Onkel als in Plön; vom Kloster nicht zu reden, aber so gut wie dies Essen schmeckte mir noch nichts.

Koralie lachte, als ich es sagte: »Minette kocht immer besser für die Domestiken als für die Herrschaft. Sie muß eben für sie sorgen, die sich mit dem Dienen abquälen. Die Aristos sorgen für sich selbst!«

Dann berichtete sie von der Bastille. Ich hatte nur ganz flüchtig davon gehört, nun erfuhr ich, daß es ein scheußliches Gefängnis gewesen wäre, und daß die Pariser es im Juli zerstört hätten. Der König hatte sich geärgert und die Königin noch mehr. Das aber schadete nichts. Die Österreicherin durfte sich schon einmal ärgern. Sie zog das Land aus und brauchte viel Geld für ihr Vergnügen, während die armen Leute hungerten.

Koralies Augen blitzten, als sie sprach. Sie haßte die Königin, wie alle Franzosen sie haßten.

Mir wurde unheimlich zumute, und ich wollte von anderen Dingen sprechen.

»Wer ist eigentlich Jean de Barival?« fragte ich.

Mein Kammermädchen warf mir einen schiefen Blick zu.

»Ja, wer ist das wohl? Sie werden ihn schon kennen lernen, Mademoiselle!«

»Du kennst ihn gut?«

Wieder der schiefe Blick.

»Mademoiselle wird schon sehen!«

Sie trank den Rest Wein aus und half mir dann beim Entkleiden. Ein wenig betrunken schien sie mir auch, aber nicht so unangenehm wie Madame Lenoir.

Die letzte Nacht habe ich von Jean de Barival geträumt. Er kam zu mir und faßte mich bei der Hand. Dann standen wir zusammen in einem großen Raum, und ich trug ein weißes Kleid. Endlich erwachte ich und sah, daß es schon lange Morgen war. Koralie, die bei mir schlief, schnarchte noch. Im Schlaf ist sie nicht so niedlich wie im Wachen, sie liegt mit offenem Munde und zeigt ihre spitzen Zähne. Wirklich, sie hat ein Raubtiergesicht, und ich kann auch nicht begreifen, daß sie so viel Wein trinkt. Aber ich werde sie gleich mit Wasser begießen, um sie zu erwecken.

Anderen Tags.

Koralie war böse, als ich sie bespritzte. Sie schalt auf die Aristos und drohte mit allen möglichen Strafen. Dann spricht sie so schnell, daß ich sie nicht verstehe, und das ist vielleicht gut. Sie ist doch sehr gewöhnlich, und ich wundere mich, daß sie sich so viele Freiheiten herausnehmen darf. Ich war heute fleißig, las dem Abbé Französisch vor und wurde von ihm belobt. Meine Aussprache bessert sich; wenn ich mir weitere Mühe gebe, kann ich es noch so weit wie die Königin bringen. Ihre Majestät hat wenig Französisch gekonnt, als sie als junge Prinzeß herkam. Jetzt hat sie ihre Muttersprache so verlernt, daß sie vor einigen Jahren Unterricht im Deutschen nehmen mußte, um es nicht ganz zu vergessen. Aber das Lernen wurde ihr so schwer, und sie gab es auf.

»Finden Sie es gut, Herr Abbé, wenn man seine Muttersprache verlernt?« mußte ich fragen, und der würdige Herr strich an seiner etwas fadenscheinigen Soutane.

»Mademoiselle, eine Königin von Frankreich muß Französin sein!«

»Ist sie das denn nicht?«

»Ich kenne Ihre Majestät nicht, Mademoiselle, und man kann niemand ins Herz sehen. Aber eine Königin von Frankreich muß ihr Vaterland sehr lieben!«

Dann berichtet mir der alte Herr von den Kindern des Königspaares. Da ist Madame Royale, die älteste Tochter, dann der kleine Dauphin. Er heißt Karl Louis und ist ein so liebes Kind. Madame Royale, die Marie Therese getauft ist, ist ernsthaft und wenig freundlich. Ich höre gern dem alten Abbé zu. Er weiß gut zu erzählen, und sein Gesicht ist so milde, daß man Vertrauen zu ihm haben muß. Sein Vater hat einmal mit Ludwig dem Vierzehnten gesprochen, und darauf ist er noch heute stolz. Ludwig den Fünfzehnten hat er selbst öfters gesehen, aber es scheint, daß er nicht gern an ihn denkt. Dieser König soll nicht immer nett gewesen sein, ich habe es einmal gelesen. Nun liegt er in St. Denis begraben, und der jetzige König ist sein Enkel.

Nach dem Abbé kam dann der Tanzmeister, und heute tanzte ich besser als Koralie. Sie hat von gestern abend Kopfschmerzen, weil sie zu viel Wein trank. Aber als ich sie ein wenig aufzog, wurde sie zornig.

Also bin ich nachher allein in unserem Garten spazieren gegangen. Er enthält schöne alte Bäume, und man kann lange darin gehen. An einer Stelle der Gartenmauer ist ein kleines Loch, dadurch sieht man auf die Straße mit den vielen Menschen. Dort fahren Wagen und es werden Sänften getragen. Es steht auch wohl ein Mensch auf einem Hausvorsprung und redet mit dem Volk. Er spricht dann nur von Politik und daß der König schlecht regiert. Warum sind sie wohl alle so unzufrieden?

Nach drei Tagen kehrten der Onkel und Tante Amelie zurück. Die letztere war ordentlich angegriffen von der Reise, worüber der Onkel lachte. Sie erwiderte ihm natürlich nichts, denn er kann keinen Widerspruch vertragen; aber als sie nachher mit mir allein war, klagte sie doch.

»Lauter fremde, vornehme Leute, die sich wenig um mich bekümmerten,« berichtete sie. »Alle sprechen sie von den Ministern und von der Nationalversammlung, und die meisten wollen ins Ausland reisen.«

»Weshalb?« fragte ich, und sie zuckte die Achseln.

»Es scheint mancherlei hier nicht ganz in Ordnung zu sein – ich kann's aber nicht verstehen, und mein Bruder sagt, ich sollte mich nicht aufregen. Alles käme schon wieder zurecht!«

Sie berichtete dann, daß sie den König und die Königin gesehen hatte. Die Herrschaften aßen ihr Mittagbrot so, daß jedermann sie sehen konnte. Die Königin trug ein Kleid aus rosa Atlas und der König einen einfachen blauen Rock. Er hatte einen immensen Appetit – die Leute, die auf der Galerie dem Essen zusahen, lachten laut über ihn. Die Königin hatte wenig gegessen und sich mit den Damen unterhalten, die ihr die Schüsseln reichten. Es war alles sehr prächtig gewesen, aber doch auch ungemütlich, wie die Tante sagte.

»Ich mußte an mein kleines Plön denken, und wie mir manchmal die Buchweizengrütze mit Milch dort schmeckte,« setzte sie hinzu. »Das war einfaches Essen, aber die silbernen Schüsseln voll Leckereien, die der Königin gereicht wurden, schienen ihr nicht zu munden!«

Die arme Tante Amelie! Sie sehnt sich natürlich nach ihrem Kammerherrn, sonst würde sie nicht von Plön und der Buchweizengrütze reden! Ich freue mich, daß ich ihr entronnen bin. Hoffentlich sehe auch ich bald einmal den König speisen!

* * *

Der Onkel ist bettlägerig, und ich sehe Tante Amelie wenig. Sie sitzt bei dem Kranken und empfängt seine Freunde. Manchmal fahren schöne Karossen vors Haus, und ein gepuderter Herr in glänzender Tracht steigt aus, oder es kommt eine Sänfte, und eine Dame erscheint. Neulich hatten wir vornehmen Besuch. Es kam eine Prinzessin von Lamballe, eine wirklich sehr schöne Frau, die eine Hofdame bei sich hatte. Sie ist aus königlichem Geblüt, und der König nennt sie »meine Base!«

Der Abbé war gerade bei mir, und wir sahen aus dem Fenster, um die schöne blonde Frau und ihr brokatnes Kleid zu bewundern.

»Sie ist die Freundin der Königin und sehr gut!« berichtete der Abbé. »Hoffentlich hat sie einen guten Einfluß auf Ihre Majestät!«

Nachher stand ich mit Koralie an der Treppe und sah die vornehme Dame wieder weggehen. Koralie steckte die Zunge hinter ihr aus: »Diese Aristo! Vorhin ist sie an meiner Großmutter vorübergegangen und hat ihr keinen Blick gegeben! Ich werde es ihr schon entgelten!«

Madame Lenoir war nicht so aufgeregt. Sie saß vor der Küche, aß Geflügel und trank Wein dazu. Als sie mich sah, blinzelte sie mit den Augen.

»Also die Demoiselle ist noch da und nicht wieder weggereist, wie so viele Aristos! Seien Sie nur brav, dann dürfen Sie auch bleiben!« Sie steckte sich die Taschen voll Weißbrot und ließ sich von Koralie wieder einschenken. Diese tat es, schalt aber dabei.

»Großmutter, wenn du so viel trinkst, dann lebst du nicht mehr lange. Der Medikus, der neulich beim Marquis war, hat ihm dasselbe gesagt: Wenig Wein trinken, Herr Marquis, sonst erleben Sie ein Unglück. – Und der Herr von Montmédy trinkt lange nicht so viel wie du!«

Die Alte ließ sich nicht stören und trank ruhig weiter.

»Koralie, es hat manches Jahr gegeben, daß ich keinen Tropfen zu trinken hatte, während der Marquis natürlich immer getrunken hat. Also habe ich was nachzuholen, und wenn ich dann mal sterben muß, so will ich vorher noch gut gelebt haben!«

»Ich kann dir aber nicht immer was bringen. Minette schilt bereits, und Charles macht falsche Augen.«

»Diese Hallunken!« Die Alte drohte mit der Faust. »Sie sollten mir was gönnen, und du mußt es auch. Denn wenn ich nicht gewesen wäre, dann liefst du noch in Lumpen! Ich ging doch zum Marquis! Er war nicht zu sprechen, da besuchte ich die Frau Marquise! Madame, sagte ich. Hier ist die kleine Koralie! Sie ist« – –

Ihre Enkelin hielt ihr die Hand vor den Mund. »Laß das Geschwätz! Sonst bringe ich dir niemals wieder was Gutes!«

Koralie war so zornig, daß sie auch mir ein böses Gesicht machte.

»Was wollen Sie hier, Mademoiselle! Sie müssen oben in den Zimmern der Herrschaft bleiben! Meine Großmutter ist betrunken und redet Unsinn!«

Frau Lenoir begann zu fluchen, schwur, daß sie nie betrunken gewesen wäre, und ich rettete mich wirklich nach oben. Im Grunde genommen mußte ich doch lachen. Es ist zu komisch, wenn die Alte so entsetzlich schnell spricht und Worte gebraucht, die ich nie gehört habe. Ich glaube, es sind Schimpfworte, aber ich will meinen guten Abbé nach ihnen fragen.

Ich habe ein weißes Kleid bekommen und einen großen Strohhut. Die Königin trägt mit Vorliebe diese Zusammenstellung, wie mir die Modistin berichtete, zu der Tante Amelie und ich uns tragen ließen. Wir hatten jede eine Sänfte, und ich kam mir sehr vornehm vor, als wir so durch die Straßen schaukelten. Aber einige Leute sahen uns nach und schalten. Ich weiß nicht worüber. Der Onkel sagte nachher, es gäbe augenblicklich sehr viel Unzufriedene in Paris. Weil das Korn so teuer wäre und die Steuern wohl reichlich hoch. Bald würden neue Gesetze erlassen werden. Dann käme alles wieder in Ordnung.

Den Abbé fragte ich doch nicht nach den Schimpfworten. Ich glaube, er wäre traurig geworden, und das möchte ich nicht gern. Koralie lacht über ihn. Sie sagt, sein Vater wäre Schuster gewesen, und daher könnte er nie was Besonderes werden!

»Solche Leute dürften eigentlich nicht in vornehme Häuser kommen!« setzte sie hinzu.

Ich wollte entgegnen, daß sie hochmütiger wäre als die Aristokraten, dann aber schwieg ich lieber. Wenn sie böse wird, dann spricht sie einen ganzen Tag oder noch länger nicht mit mir, und das ist sehr langweilig. Denn ich sehe wenig von Tante Amelie und fast nichts von meinem Onkel. Wenn er nicht im Bett liegt, fährt er aus oder hat Besuch. Erzürne ich mich also mit Koralie, bin ich ganz einsam oder muß unten bei der alten Minette sitzen, die immer sehr ehrerbietig und zugleich langweilig ist. Also lasse ich mir manches von Koralie gefallen und besuche mit ihr, wenn niemand es bemerkt, die alte Lenoir. Sie ist possierlich und weiß viele Neuigkeiten. Manchmal schilt sie auf alle Aristos und vor allem auf die Königin, dann verspricht sie wieder, daß sie mich beschützen will, wenn es Ernst wird.

Ende September.

Heute hat mich Cécile Renaud besucht, was mir große Freude machte. Sie war bis dahin mit ihren Eltern auf dem Lande und ist eben erst in die Stadt zurückgekehrt. Sie ist sehr sanft und freundlich, fast zu gut für meinen Geschmack; aber sie ist wirklich so gut, und es ist nichts Gemachtes an ihr. Onkel Marquis kam ordentlich, als er von ihrer Anwesenheit hörte, und gab ihr die Hand. Fragte nach ihrem Vater und nach ihrer Großmutter. Der Onkel kann sehr artig sein, wenn er will, dann nimmt sein kaltes Gesicht einen anderen Ausdruck an, und in seine Augen kommt es wie ein warmer Schein.

Cécile berichtete, daß auf dem Lande, wo sie mit ihren Eltern gewesen wäre, die Bauern verschiedene Schlösser angezündet hätten. Sie würden aufgereizt durch Männer, die aus Paris kämen und große Reden hielten. Dann erzählte sie von anderen Dingen, denn sie merkte, daß der Onkel diese Geschichten nicht gern hörte. Nächstens kommt sie ins Kloster zum Heiligen Herzen Jesu. Das liegt in einem Vorort von Paris, und es werden dort die vornehmen jungen Mädchen erzogen.

»Sie sollten auch hingehen, Mademoiselle!« wandte sich Cécile an mich.

Aber ich schüttelte den Kopf.

»Ich war schon im Kloster zu Bacharach, das ist genügend!«

»Du hast noch kein Urteil, was für dich genügt!« sagte mein Onkel, und sein Gesicht wurde wieder kalt. Ach, er ist kein sehr angenehmer Onkel! Ich möchte wissen, ob Peters Onkel in Reims ebenso unfreundlich ist wie der meine. Ob Peter wohl zu ihm geht und dann auch nach Paris kommt? Im ganzen paßt er ja nicht für Paris und für meinen Umgang; aber ich möchte ihn doch einmal wieder sehen. Er war oft wirklich nett, und wenn ich ihm auch übelnahm, daß er mich küßte ohne meine Erlaubnis, so will ich ihm verzeihen. Eigentlich soll man nicht von einem männlichen Wesen träumen, aber ich träume manchmal von ihm. Dann sind wir zusammen im Garten, essen Erdbeeren, und er gibt mir die besten. Im Traum zanken wir uns niemals, was sehr merkwürdig ist, da wir es in Wirklichkeit immer taten. Ob Tante Amelie wohl manchmal von ihrem Kammerherrn träumt? Sie hat schon mehrere Briefe von ihm erhalten, die sie immer wieder liest. Sie trägt sie in der Tasche oder schließt sie in eine kleine Kommode, aber neulich habe ich doch einen erwischt und ihn heimlich gelesen. Es stand nichts Besonderes darin. Nur vom Herzog Peter, daß er ein wenig Fieber gehabt hätte, was vom verdorbenen Magen gekommen wäre. Daß Fräulein Georgine von Ahlefeld nach Itzehoe gegangen wäre, um einige Monate bei den Stiftsdamen zu verbringen, und daß es in diesem Jahre viel Kernobst geben würde. Kein Wort von Liebe. Nur, daß es einsam im schönen Plön wäre. Ich schämte mich, diesen Brief heimlich gelesen zu haben. Der Kammerherr hätte gern ein Wort von Peter Fuchs oder wenigstens von seinem Vater schreiben dürfen. Aber er war immer so langweilig.

Tante Amelie geht jeden Morgen in die Messe und hat Freundschaft mit einem alten Pfarrer geschlossen, der sie manchmal besucht und ihr von armen Leuten berichtet. Für diese strickt sie Strümpfe und arbeitet Hemden und Kleider. Unsere Diener lachen über die gute Tante. Natürlich heimlich, aber Koralie erzählt es mir. Sie nennen sie eine Betschwester und wundern sich, daß in Deutschland die Leute noch so dumm sind und an Gott glauben. Das tun in Frankreich selbst nicht mehr die Aristos!

»Ist es denn nicht gut, den Armen zu helfen?« erkundigte ich mich, und Koralie hebt die Schultern.

»Lieber Gott, es muß einmal Arme geben, die schafft man nicht aus der Welt! Es ist ihre eigene Schuld, wenn sie sich nicht zu helfen wissen und arm bleiben. Jedermann muß sich selbst helfen können!«

»Glaubst du denn auch nicht an Gott?«

Sie stellte sich vor meinen Spiegel und ordnete ihre Haare. »Das ist alles Ammenglaube! Eigens dafür erfunden, damit wir gehorsam bleiben und die Aristos uns regieren sollen! Unsere großen Gelehrten sagen alle, daß es keinen Gott gibt, und die müssen es doch wissen!«

Koralie hat schon manche Bücher gelesen und spricht manchmal mit dem Kammerdiener über Philosophie. Charles liest auch unten die Zeitung vor und bringt sonderbare Bilder und Gedichte nach Haus, die an den Straßenecken feilgeboten werden. Ich verstehe die Verse nicht, und alle Bilder werden mir nicht gezeigt. Aber ich kenne schon die Karikatur vom König und von der Königin. Sie tragen manchmal Bäckerkleidung oder sammeln Geld in großen Mehlsäcken. Die Pariser haben keine Ehrfurcht vor ihrem Könige, und die Königin soll doch sehr angenehm sein. Jedenfalls wird der Onkel zornig, wenn man etwas gegen sie sagt. Er ahnt nicht, daß sich viele häßliche Bilder und Schriften in seinem eigenen Hause befinden.

Ende September.

Jean de Barival ist hier! Ich bin aufgeregt, denn er ist sehr hübsch und hat ein artiges Wesen. Sehr fein und zart gebaut, mit großen, blauen Augen und einem Gesicht wie Milch und Blut. Ach, welch ein dummer Vergleich, aber mir fällt nichts Besseres ein! Er tragt einen Rock von hellblauer Seide, weißseidene Kniehosen und ebensolche Weste mit reicher Stickerei. Sein Degen ist mit Edelsteinen besetzt und seine Schuhschnallen gleichfalls – wahrlich, ich freue mich, daß er mein Mann werden soll. Denn so wird es natürlich kommen. Tante Amelie will mir allerdings nicht antworten, wenn ich sie mit Fragen bestürme, aber Frau Lenoir, die gerade heute wieder Lebensmittel und Wein holt, stieß mich in die Seite, als sie Jean aus der Ferne sah.

»Aha, da haben wir ja den Mann für Demoiselle! Ja, nachgerade wird's Zeit, an eine Heirat zu denken. Beinah fünfzehn Jahre alt und noch immer ledig! Mit dreißig Jahren müssen Sie eigentlich Großmutter sein, Mademoiselle!«

Ich bekam einen kleinen Schreck.

»Aber Madame Lenoir, erst muß ich doch selbst Kinder haben, ehe ich Großmutter werde. Und vielleicht kriege ich zuerst einen Sohn. Der darf doch nicht so früh heiraten!«

»Nun, wir wollen sehen! Aber eilen müssen Sie sich, Mademoiselle, sonst werden Sie eine alte Jungfer und müssen ins Kloster!«

Frau Lenoir ist immer ganz nett mit mir. Sie trinkt leider zu viel Wein und braucht schreckliche Worte, aber ich halte sie für besser als Koralie, die manchmal sehr häßlich mit der alten Frau umgeht. Sie gibt ihr jedes Schimpfwort reichlich zurück und hätte sie neulich fast geschlagen, wenn ich sie nicht daran hinderte. Nur deswegen, weil die Alte wieder darauf zurückkam, daß sie es war, die Koralie der Frau Marquise brachte. Davon will Koralie aber nichts mehr wissen. Sie gehört ins Haus Montmédy und will niemals wieder heraus. Es sei denn, daß sie sich sehr gut verheiratet.

Augenblicklich ist sie sehr guter Laune, obgleich ich den ganzen Morgen mit Jean spazieren gegangen bin. Zuerst in unserem Garten: dann hat er Tante Amelie und mich in den Tuileriengarten geführt. Zum erstenmal sah ich das Schloß aus der Nähe. Es ist groß und hat viele Fenster. Aber es soll unangenehm zu bewohnen sein, und daher sind die Majestäten immer in Versailles. Jean hat jetzt Dienst beim König. Er muß immer in seiner Nähe sein und ist Ehrenkavalier. Er erzählt eine Menge Geschichten vom König, von der Königin und den Kindern. Offenbar liebt er sie alle sehr und freut sich, in ihrer Nähe zu sein. Aber er freut sich auch, nach Paris zu kommen und mich kennen zu lernen.

Bei diesen Worten macht er verliebte Augen und drückt mit die Hand. Ich beginne zu zittern. Will er mich schon gleich heiraten? Aber Jean spricht schon von anderen Dingen. Er hat noch einen Vater, der auf einem Gut an der Loire lebt. Aber es ist einsam dort, und Jean liebt den Hof, die vornehmen Leute, die er dort trifft. Vielleicht wird er noch einmal Zeremonienmeister oder ähnliches, vorläufig muß er sich mit einem kleineren Amt begnügen. Er hat auch wenig Geld. Sein Vater machte als junger Mann große Schulden, und die sind noch nicht ganz abbezahlt.

Bei diesen Worten seufzte er, betrachtete seine kostbaren Spitzenmanschetten und die Knöpfe seiner Weste, die aus Rubinen waren.

»Sehr arm scheinen Sie noch nicht zu sein, Herr von Barival!« sagte ich.

»Mademoiselle, man schlägt sich so durch mit seinen Gläubigern. Ich muß doch anständig aussehen, wenn ich bei den Majestäten erscheine!«

»Der Marquis von Montmédy ist ja auch reich,« begann ich und wurde dann rot. Jean warf mir einen lächerlichen Blick zu.

»Und Sie sind seine Nichte und Erbin!«

Darauf erwiderte ich nichts. Erstens, weil ich keine rechte Antwort wußte und Tante Amelie sich mit einer Frage an Jean wandte. Sie will immer etwas von der Königin und den königlichen Kindern wissen und scheint viel an sie zu denken. Nach meiner Ansicht brauchte sie nicht immer zu fragen, wie es ihnen geht. Die fragen doch auch nicht nach uns.

Oktober.

Ich habe einige Tage nicht geschrieben. Jean und ich sind viel zusammen gewesen, und ich liebe ihn sehr. Er ist ein schöner, vornehmer Mann, mit dem ich eine glückliche Ehe führen werde; und wenn ich wirklich die Erbin von meinem Onkel bin, dann wird dieser hoffentlich Jeans Schulden bezahlen, damit wir keine Sorgen haben. Geldsorgen sind sehr unangenehm: ich habe es in Plön gesehen, wo eigentlich alle Menschen kein Geld hatten. In solche kleine langweilige Stadt will ich nie wieder. Es ist auch keine Gefahr. Jean weiß gar nicht, wo dieses Städtchen liegt, und er sagt, als echter Franzose müßte er in seinem schönen Lande bleiben, wenn er nicht einmal als Gesandter nach Rom ginge; denn diese Stadt möchte er wohl einmal sehen. Ich habe noch niemals daran gedacht, nach Rom zu reisen. Allerdings wohnt dort der Heilige Vater, aber wenn es doch bald keine Religion mehr geben soll, hat auch der gute Papst nichts mehr zu tun. Heute ist Jean nach Versailles gegangen, wo er wieder Dienst hat.

Einige Tage später.

Es ist etwas Sonderbares geschehen: die ganze königliche Familie ist nach Paris gekommen und wird in den Tuilerien wohnen.

Das Volk holte sie. Wie es gekommen ist, weiß ich nicht recht, der Onkel mag nicht darüber sprechen, und Tante Amelie ahnt noch weniger als ich von diesen Dingen. Unten im Souterrain wissen die Dienstleute schon mehr, ich höre sie lachen und allerhand Geschichten erzählen, aber im ganzen ist mir die Sache gleichgültig. Die Hauptsache ist, daß einige Verwegene gekämpft haben müssen, und daß Jean de Barival verwundet ist. Ich verstehe den König nicht, daß er solche Gemeinheit duldet, aber er soll ja sehr schläfrig sein. Jean ist noch nicht hier, er hat eine Estafette geschickt und will gern geholt werden. Sein Fuß scheint verletzt zu sein, daß er nicht gehen oder reiten kann. Ich ängstige mich sehr. Der arme Jean! Wie tapfer ist er wohl gewesen! Der Marquis hat seinen Wagen und zwei Diener nach Versailles geschickt, damit er geholt wird.

Nun will ich meinen zukünftigen Gemahl sehr gut pflegen. Hoffentlich wird er bald wieder gesund und kann mit mir spazieren gehen!

Jean ist gekommen. Er trägt den Arm in der Binde, und er hinkt. Es ist in Versailles schlimm hergegangen. Eine Horde Abscheulicher hat das Königspaar töten wollen, aber es ist ihr nicht gelungen. Jean und einige andere Edelleute haben es großartig verteidigt.

Der Arzt ist gekommen und hat Jean verbunden. Es ist ein unfeiner Mann, er sagte, die Verwundungen wären nicht schlimm, und Jean dürfte bald wieder ausgehen. Dabei lachte er und sprach von einigen Braven, die ihr Leben für ihren Herrscher eingebüßt hätten. Der Doktor unterhielt sich mit dem Marquis; ich horchte ein wenig an der Tür und wunderte mich, daß der Onkel so ruhig blieb. Aber er antwortete fast nichts und sprach dann von dem Einzug des Königspaares. Er scheint sehr böse auf das Volk zu sein, das sich schlecht gegen die königliche Familie benommen hat. Der Doktor verteidigte die Leute. Der König dürfte nicht immer in Versailles sitzen und dort auf die Jagd gehen, wenn die Zustände des Landes schlecht wären. Ich hörte nicht mehr zu, sondern klopfte leise bei Jean an, der in einem rosaseidenen Schlafrock auf der Bergère lag und mich lächelnd betrachtete.

»Nun reizendes Kind, wollen Sie mir Gesellschaft leisten?«

Gerade wollte ich seine feine Hand fassen, als Koralie eintrat. Sie warf mir einen unfreundlichen Blick zu und sagte, Tante Amelie hätte nach mir gerufen. Dies war eine Lüge, denn wie ich Tante Amelie nun aufsuchen wollte, war sie gar nicht da, sondern zu ihrem geliebten Pfarrer gegangen. Gerade wollte ich wieder zu Jean, da begegnete mir Madame Lenoir auf der Treppe. Sie hatte rote Augen, wie immer, wenn sie getrunken hatte, und faßte mich am Arm.

»Mademoiselle, hörten Sie schon, wie wir den Bäckermeister und seine Sippschaft nach Paris gebracht haben? Ich hab den Zug kommen sehen: es war großartig, sage ich Ihnen. Ein paar abgehackte Köpfe wurden vorweg getragen. Ja, ja, ein paar Köpfe müssen immer bei solchen Gelegenheiten springen!«

Dann berichtete sie mir noch einige Einzelheiten. Wie das Volk das Schloß in Versailles belagert hatte, und wie mehrere Menschen getötet wären. Das letztere schien ihr am meisten Vergnügen zu machen. Als sich dann die Tür von Onkels Zimmer öffnete, lief die Lenoir eilig davon, zu den Mädchen und Lakaien im Keller, denen sie ihre Geschichte weiter erzählte. Sie war nicht selbst in Versailles gewesen, aber mehrere Freundinnen von ihr, die sich köstlich amüsiert hatten. Einige waren allerdings auch krank geworden, weil sie die ganze Nacht im Freien kampiert hatten. Aber für sein Vaterland mußte man etwas tun, und dafür waren die Vetos auch jetzt in Paris und sollten so bald nicht wieder weg!

Ich war der Lenoir nachgegangen und hörte ihr aus der Ferne zu.

Als ich mich umdrehte, stand Tante Amelie hinter mir, die gleichfalls zuhörte. Sie war blaß und hatte Tränen in den Augen.

Leise zog sie mich mit sich fort.

»Die armen Majestäten!« sagte sie. »Ach, die müssen viel leiden! Wenn sie doch wegreisen wollten!«

Sie erzählte mir, daß sich alles wohl so zugetragen hätte, wie die Lenoir berichtete. Ihr Pfarrer hatte ihr fast dasselbe erzählt. Auch er meinte, es wäre gut, wenn die Majestäten weggingen. Mein Onkel sollte es ihnen sagen.

Tante Amelie hatte mich in ihr Zimmer genommen und sprach eingehend mit mir, wie sie es selten tat. Sie sah wohl ein, daß ich allmählich groß und vernünftig wurde.

»Wir sollten gleichfalls Paris verlassen!« setzte sie hinzu und sah unwillkürlich nach ihrem Schreibtisch, auf dem ein Brief lag. Der war natürlich wieder von Herrn von Treusch und meldete, daß der Herzog Peter einen Schnupfen hatte, und daß es in Plön viele Gravensteiner Äpfel gab.

»Weshalb sollen wir weg, liebe Tante?« fragte ich ungeduldig. »Hier ist es doch sehr viel besser als in dem langweiligen Holstein!«

»Findest du das?«

»Aber gewiß, und außerdem« – ich stockte. Es wurde mir schwer, von der Heirat mit Jean zu reden, weil niemand mit mir über diese Sache sprach. Aber Tante Amelie konnte doch verstehen, was ich meinte. Sie strich auch leise über meine heißen Wangen.

»Liebes Kind, die Zukunft liegt dunkel vor uns. Wir dürfen keine Pläne machen!«

Natürlich erwiderte ich nichts. Tante Amelie ist sehr gut, und ich liebe sie von ganzem Heizen. Aber sie ist eben alt und kann junge Menschen nicht mehr verstehen. Außerdem wäre es ja ein Unsinn, wenn sie wieder nach Plön ginge, wo sie halb von der Gnade einer Freundin lebt, und der Kammerherr sie doch nie heiraten kann. Hier ist sie eine große Dame, dort nur ein armes Fräulein. Sie mochte meine Gedanken erraten, denn sie wandte sich von mir ab und sah durchs Fenster in den Garten. Zwei Sänften wurden gerade durchs Tor und vors Haus getragen. Das war Besuch vom Hofe für den Onkel. Eilig lief ich hinunter, versteckte mich hinter dem Treppenabsatz und sah eine sehr aufrechte Dame und einen kleinen Herrn die Treppen hinaufsteigen. Ein Lakai lief voran und meldete mit lauter Stimme Madame von Tourzel und einen Herzog, dessen Namen ich nicht verstand.

Der Onkel ging ihnen entgegen, und alle drei verschwanden in seinem Zimmer, während ich zu Jean schlüpfte, bei dem noch immer Koralie saß. Ich trug ihr eine Arbeit für mich auf und setzte mich dann neben den allerliebsten Menschen, der mir gleich die Hand küßte und mich fragte, wo ich so lange geblieben wäre. Er hatte Sehnsucht nach mir und ich nach ihm. Aber er wollte nicht vorgelesen haben und sich lieber mit mir unterhalten. Er lachte, als ich ihm berichtete, daß Tante Amelie abreisen wollte. Alte Leute wären immer so ängstlich, sagte er. Gefahr wäre absolut nicht vorhanden, auch nicht für den König, wenn er nur vernünftig wäre und nicht alles täte, was das Volk wollte.

Die Frau von Tourzel, die ich eben kommen sah, ist die erste Gouvernante der königlichen Kinder und noch etwas mit der verstorbenen Frau des Onkels verwandt. Wahrscheinlich wird sie allerlei von Versailles erzählen.

Jean hat mir versprochen, daß ich die königlichen Kinder kennen lernen soll. Jetzt, da sie in den Tuilerien wohnen, wird's eine Kleinigkeit sein, ihnen nahezukommen, besonders, wenn man vom alten Adel ist. Die Fischfrauen und die Händlerinnen aus den Markthallen sollen sich allerdings in die Tuilerien drängen, um mit der Königin zu sprechen, aber diese Leute sind eben sehr ungebildet, und Jean wundert sich, daß sie nicht hinausgeworfen werden.

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