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Gutenberg > Eduard Bauernfeld >

Das Tagebuch

Eduard Bauernfeld: Das Tagebuch - Kapitel 3
Quellenangabe
typecomedy
booktitleGesammelte Schriften Band 4
authorEduard v. Bauernfeld
firstpub1836
year1871
publisherWilhelm Braumüller
addressWien
titleDas Tagebuch
pages1-2
created20060803
sendergerd.bouillon
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Zweiter Act.

(Zimmer auf dem Landgute des Hauptmanns.)

Erste Scene.

Hauptmann Wiese und Lucie (sitzen auf dem Sopha. Er liest ihr vor, sie schläft).

Wiese (bemerkt, daß sie schläft). Sie schläft! Und zwar recht fest. (Steht auf.) Sie schläft bei der Lectüre von »Wilhelm Meister«. Gehört sie auch zu Goethe's Feinden? Drückt dieser Schlaf vielleicht eine Ansicht aus? Ist er eine kritische Beilage zum Menzel'schen Literaturblatt? Ach nein! Sie kennt ja Goethe kaum dem Namen nach, und von Menzel's Existenz hat sie vollends keine Ahnung. Doch was liegt daran? Man kann verständig und geistreich sein, ohne viel gelesen zu haben. Man kann! – Da liegt's! – (Betrachtet die Schlafende.) Wie schön sie ist! Auch mit geschlossenen Augen. Welche edlen Züge! Welch schelmisch lächelnder Mund! Nein, es ist nicht möglich, daß in solcher Hülle kein Geist, keine Seele wohnen sollte! – Es gab Momente in diesen acht Tagen unserer Ehe, wo ich glücklicher Pygmalion wähnte, meine schöne Bildsäule erwache zum Leben. Noch ist sie nicht erwacht; aber man muß die Hoffnung nicht aufgeben.

Lucie (im Schlafe). Ach!

Wiese. Was ist's? Sie träumt. Vielleicht von mir? (Nähert sich ihr.)

Lucie (wie oben). Wilhelm –

Wiese. Meister?

Lucie (wie oben). Führe die Kühe auf die Weide.

Wiese. Sie meint den Großknecht –

Lucie (wie oben). Gib Acht auf die scheckige. Sie bekommt frischen Klee.

Wiese. Welche landwirthschaftliche Phantasie! – Erwache, Unglückselige!

Lucie (reibt sich die Augen). Lieber Mann! Du bist hier? (Steht auf.)

Wiese. Ja, mein Kind. Du bist bei meiner Vorlesung eingeschlafen. (Steht auf.)

Lucie. Vergib! Die Hitze im Saal war zu groß. Welche Zeit ist es?

Wiese. Fünf Uhr.

Lucie. Nun muß ich meine Hühner füttern. Später gehen wir spazieren, nicht wahr?

Wiese (kleinlaut). Wie Du willst.

Lucie. Für den Abend hab' ich den Verwalter geladen. Er weiß so viel Schnacken. Na, leb' wohl.

Wiese. Lucie –

Lucie. Lieber Mann?

Wiese (nimmt sie bei den Händen, sieht ihr in die Augen, schüttelt den Kopf).

Lucie. Was hast Du denn?

Wiese. Sage, Lucie, wie hat Dir Wilhelm Meister gefallen?

Lucie. Soll ich aufrichtig reden?

Wiese. Das versteht sich.

Lucie. Nun denn: das Buch ist sehr langweilig.

Wiese (läßt sie los.) Langweilig!

Lucie (folgt ihm). Bist Du böse?

Wiese. Nicht doch!

Lucie. Ja, Du bist böse.

Wiese. Was fällt Dir ein?

Lucie. Wenn Du nicht böse bist, so gib mir einen Kuß.

Wiese. Wozu?

Lucie (hascht und küßt ihn). So. Und nun versprich mir, daß Du mich nicht mehr mit Vorlesen plagen willst.

Wiese. Gewiß nicht.

Lucie. Wir wollen lieber mit einander schwatzen.

Wiese. Von den Hühnern.

Lucie. Was es nun ist. Es gilt mir gleich, wenn Du nur bei mir bist.

Wiese. Liebst Du mich denn wirklich?

Lucie. Welche Frage! Ich bin so glücklich, so zufrieden –

Wiese. In der That?

Lucie. Du bist es auch, nicht wahr? – Die Mädchen führen doch ein recht trauriges Leben! Wie anders ist's um eine Frau! Haus und Garten, Küche und Keller stehen mir zu Gebote. Ich darf thun und lassen, was ich will, die Leute erweisen mir Respect, nennen mich »gnädige Frau« – wie das wohl klingt! – Das Alles hab' ich Dir zu danken – – Horch! Im Hofe wird's laut. Das Volk kennt meine Stimme. Gick gack! Hörst Du? Ich komme schon. Gickgack! Gickgack! (Ab.)

Wiese (allein). Aufrichtig ist sie. Sie liebt mich. Warum? Weil ihr das Verhältniß zu mir Freiheit und ein bequemes Leben verschafft. Die Hand auf's Herz, Ihr Damen: heirathet Ihr aus einem andern Grunde? Eure Gesinnungen sind mit schönen Worten verbrämt, Ihr schwatzt von Seeleneinklang, von ewiger Liebe: aber man nehme dem Abgott Eures Herzens seinen Rang, oder sein Amt oder sein Geld, und wir wollen sehen, ob der Ueberschuß Eurer Liebe dieses Deficit zu decken im Stande ist. Ich fürchte, es bleibt ein Bruchtheil, dessen Auszahlung die Mühe nicht lohnt. – Es ist wahr, meine Lucie ist an Geist mit Frau von Staël nicht zu vergleichen; aber sie ist doch nicht zänkisch, wie die Gemahlin des weisen Sokrates, oder geizig, wie die Ehefrau des großen Albrecht Dürer. Selbst mit Kaiser Augustus weltberühmter Gattin möcht' ich die meinige nicht vertauschen. So manche große Männer hatten Ursache, sich über einen gewissen Punkt zu beklagen, über den ich wenigstens, so scheint es, vollkommen ruhig sein kann. Meine Lucie liebt mich. Ich muß ihre Neigung mit Hühnern aus Wälschland und mit Kühen aus der Schweiz theilen, aber ich habe mindestens nicht Ursache, auf diese unschuldigen Thiere eifersüchtig zu sein. – Ich will mich nicht täuschen. Diese Ehe füllt mich nicht aus. Ich bin nicht glücklich. Aber wer ist denn glücklich? Ich bin nicht unglücklich; das ist viel. Ich bin ziemlich zufrieden; das ist genug. Man wird genügsam, je länger man lebt.

Zweite Scene.

Hauptmann Wiese. Lieutenant Born (in Uniform, dem ein Bedienter die Thür öffnet).

Born (Eilt mit offenen Armen auf ihn zu). Freund Wiese –

Wiese (freudig überrascht). Born –

Born. Lieber Bruder!

Wiese. Trefflicher Junge!

Born. Kannst Du mir verzeihen?

Wiese. Verzeihen?

Born. Daß ich Dir nicht schrieb, Dir nicht dankte.

Wiese. Bist Du klug?

Born. Sieh', Camerad, zwanzig Mal wollt' ich etwas von meinen Gefühlen auf's Papier kritzeln – aber mir gingen die Augen über. Nein, ich muß ihn sehen – rief ich aus – seine treue Seele in seiner Miene sehen, ihn fest an's Herz drücken, wie ich jetzt thue, und ihm selbst sagen: ich danke Dir.

Wiese. Liebster, bester Freund –

Born. Bruder, so ich Dir das je vergesse – – Ich kam nicht los. Das verwünschte Exerciren! Endlich erhielt ich Urlaub. Ich ritt die Nacht durch; in der Stadt sucht' ich Dich bei Deinem Advocaten, der wies mich hieher. Du weißt Alles. Mein Leichtsinn hatte mich in eine grenzenlose Verlegenheit gestürzt, und ohne Deine Hülfe – Du warst mein Retter, mein Engel. Das vergess' ich Dir nie.

Wiese. Ich schäme mich, daß Du mir den kleinen Liebesdienst so hoch anrechnest.

Born. Wenn ich Dir nur vergelten könnte! – Mir ist gründlich geholfen. Mein Schicksal hat sich günstig gewendet – ich erzähle Dir die Geschichte ein ander Mal. Auch Frauenzimmer kommen darin vor – wie in allen meinen Geschichten – Du weißt ja. Ich hab' eine derbe Lection erhalten! Uebrigens Dein Geld ist sicher.

Wiese. Still davon! Wir haben von andern Dingen zu sprechen.

Born. Ja, höre! Es sind Zeichen und Wunder geschehen! Du bist Gutsbesitzer geworden.

Wiese. Ein Stück davon.

Born. Bist verheirathet.

Wiese. Aus dem Stegreif.

Born. Verheirathet! Laß Dich einmal ansehen. – Richtig! Verheirathet! Ich wollt' es gar nicht glauben.

Wiese. Es muß wohl glaublich sein, da es wirklich ist. Und was wirklich ist, ist vernünftig. So lehrt wenigstens die neueste Philosophie. Glaube daher, daß ich eine wirklich vernünftige Ehe geschlossen habe.

Born. Vernünftig, aber toll. Darauf kenn' ich Dich.

Wiese. Im Gegentheil! Vernünftig zum Tollwerden. Ich will ebenso leicht mit einer Messerspitze voll Arsenik den Ocean vergiften, als ich mit all' meiner Narrheit im Stande bin, dem zahmen Wesen meiner Frau einen Beigeschmack von Tollheit zu geben.

Born. In der That, ich bin neugieriger auf Deine Frau, als sie es jemals auf ihren Mann sein konnte. Ich weiß, daß sie schön ist.

Wiese. Das weiß sie noch besser als Du, oder sie müßte keine Frau sein. Wenn sie so geistreich wäre, als sie schön ist, so wäre sie Minerva; aber sie ist wirklich so schön, daß sie einen Schnitten von dem Apfel der Venus ansprechen kann, der zu ihrem Glück für die Schönste, und nicht für die Geistreichste bestimmt war.

Born. Du sprichst in Räthseln.

Wiese. Ich weiß leider die Lösung. Meine Frau ist so schön, daß ich mir oft Argus zu sein wünsche, um ihre tausend Reize mit hundert Augen einzufangen; aber ihre Schönheit hat so häßliche Begleiter, daß ich ebenso oft versucht bin, meine beiden einzigen Augen vor ihnen zuzudrücken.

Born. Ich verstehe Dich nicht!

Wiese. Meine Frau ist leichter zu verstehen. Sie ist kein dunkles Buch. Sie trägt ihren Commentar mit sich. Aber lies selbst, denn da kommt sie.

Dritte Scene.

Vorige. Lucie.

Lucie. Lieber Mann – – (Erblickt Born, und bleibt unbeweglich, ihn betrachtend.)

Born. Wahrhaftig, eine reizende Frau! – Meine Gnädige, ich bin so glücklich, Ihnen einen Freund Ihres Mannes vorzustellen, welcher hoffen darf, unter diesem Titel den Zugang zu Ihrer Freundschaft zu finden.

Wiese. Das ist viel zu complicirt! – Lucie, das ist mein Jugendfreund, Lieutenant Born.

Lucie. Dein Jugendfreund?

Wiese. Du lachst?

Lucie. Weil mir einfällt, daß Du lange vor dem Herrn jung gewesen sein mußt –

Wiese. Wie?

Born. Vortrefflich! (Küßt ihr die Hand.) Ich danke für das Compliment. (Für sich.) Alle Wetter! Das war wie ein Händedruck. – Bruder, Du hast eine sehr geistreiche Frau.

Wiese. Das Erste, was ich höre. – Aber Du wirst müde sein von dem Ritt.

Born. Noch vor zwei Minuten. Jetzt nicht mehr. Der Anblick einer reizenden Frau hat eine eigene Restaurationskraft für mich.

Wiese. Immer der Alte! Lauter parfümirte Worte. Bist Du durstig? Freilich! (Ruft zur Thüre.) Wein! – Mach', als ob Du zu Hause wärest. Vor meiner Frau brauchst Du Dich gar nicht zu geniren. (Betrachtet Lucien, für sich). Was stiert sie ihn immer an? (Da der Bediente Wein bringt.) Wohlan! (Schenkt ein.) Edler Ritter, ich heiße Euch sammt meiner Hausfrauen willkommen auf meiner Burg. Ergreift den Humpen, und thut mir fröhlich Bescheid.

Born (zu Lucien). Wollt ihr mir nicht zutrinken, edle Frau? (Lucie nippt und credenzt ihm das Glas.)

Wiese (für sich). Wie graziös sie ist! Besonders wenn sie nicht spricht.

Born (für sich). Welch ein Blick!

Wiese. Wie mundet Euch mein Nierensteiner?

Born. Es ist ein Göttertrunk – da solche Lippen ihn berührten.

Wiese. Wollt Ihr Euch's nicht bequem machen, und Eure Rüstung ablegen? – Lucie, die Gastzimmer sind doch in gutem Stande? Hörst Du?

Lucie (die immer auf Born sieht, nickt bejahend).

Born (halb nach Lucien gewendet). Fast hätte ich vergessen – Du bekommst noch einen Gast. Doctor Raschler trabt auf der Heerstraße. Sein Gaul, der vermuthlich nie einen Preis im Wettrennen gewann, konnte mit meiner Ungeduld nicht gleichen Schritt halten. Ich ritt voraus, und versprach, ihn anzumelden.

Wiese. Mein wackerer Freund! Welche Freude! Lucie, sieh' nach den Zimmern.

Born. Sieh' Du nur selbst, mein Schatz. Ich will indeß den Faden meiner interessanten Bekanntschaft weiter spinnen.

Wiese. Du willst mit meiner Frau allein bleiben?

Born. Allerdings.

Wiese. Allein? Ganz allein?

Born. Bist Du eifersüchtig?

Wiese. Nicht im Geringsten. Aber – (Für sich.) Einmal muß er doch erfahren, daß sie albern ist. (Zu Born.) Nun, gute Unterhaltung. Eröffne die Schleußen Deiner Galanterie. Ich gebe Dir volle Freiheit, meiner Frau so viele schöne Dinge zu sagen, als je einer von Deinen zahllosen Liebschaften. (Leise.) Aber, Bruder, laß das Gespräch ja nicht drucken, wie's jetzt Sitte ist unter den reisenden Memoirenschreibern, den harmlosen Cirkel, der sie vertraulich aufnahm, öffentlich vor dem Publikum zu compromittiren. Also, ja nicht drucken, hörst Du? (Laut.) Herr Ritter, ich gehe, um für Ruhelager und Nachtimbiß zu sorgen. (Ab.)

Vierte Scene.

Lucie. Born.

Born. Gnädige Frau, ich komme wohl recht zur Unzeit, nicht wahr?

Lucie. Wie so?

Born. Sie leben in den Flitterwochen. Neuvermählte haben sich so viel zu sagen.

Lucie. Ich wüßte nicht.

Born. Nicht?

Lucie. Mein Mann spricht wenig.

Born. Das ist sonst nicht sein Fehler.

Lucie. Er ist das stille, einsame Leben nicht gewohnt.

Born. An seiner Stelle wär' ich bereit, mein ganzes übriges Leben, wie König Enzio nach der Versenkung, unter dem Podium zuzubringen.

Lucie. Mein Mann liebt die Geselligkeit. Er war mürrisch, verdrießlich. Seit Ihrer Ankunft ist er wie neu belebt.

Born. Mürrisch? Verdrießlich? Ich erstaune. Sonst war er die Munterkeit selbst.

Lucie. Ihr seid munter für alle Welt, nur an der Frau laßt Ihr Eure Launen aus.

Born. Was muß ich hören? Sie sind mit meinem Freunde unzufrieden?

Lucie. Das sag' ich nicht.

Born. Aber ich fühl' es. Ich will ihm den Text lesen.

Lucie. Beileibe nicht!

Born. Was? Eine so reizende, so liebenswürdige Frau, und er trägt sie nicht auf den Händen? Er liest nicht jeden Wunsch in so schönen Augen, und er erräth ihn nicht, bevor er ihn gelesen?

Lucie. Im Ganzen behandelt er mich gut –

Born. Im Ganzen? Gut behandeln? Das ist nichts. Er sollte Sie anbeten. Ich fühle einen wahren Grimm gegen ihn. Er ist ein Barbar, ein Tyrann.

Lucie. Gemach, gemach! Er ist mein Mann.

Born. Er soll erst verdienen, es zu sein. Doch nur ruhig! Ich will ihn in die Cur nehmen. Ich weiß ein Mittel.

Lucie. Ein Mittel?

Born. Was meinen Sie? Er erlaubte mir, Ihnen den Hof zu machen. Ist das nicht beleidigend für uns beide? Wie, wenn wir uns dieser Freiheit im vollsten Maß bedienten? Ich meine so. Wir ignoriren ihn gänzlich; ich bin Ihr beständiger Begleiter; wir lachen, wir scherzen mit einander, ich lisple Ihnen etwas in's Ohr, Sie schlagen mich mit dem Fächer, ich hasche Sie, Sie fliehen vor mir, ich laufe Ihnen nach, wir lassen ihn allein – und so weiter.

Lucie. Und so weiter? Das Mittel scheint mir gefährlich.

Born. Warum? Er soll sehen, daß es einer schönen Frau niemals an Männern fehlt, die ihr Aufmerksamkeiten erweisen, und soll dadurch doppelt aufmerksam für Sie werden. Sie sehen meinen edlen Zweck. Ich schmiede Intriguen, aber aus purer Freundschaft.

Lucie. Nur aus Freundschaft?

Born (ergreift ihre Hand). Es sei denn, dieser Blick erlaubt mir, in eigenem Interesse zu handeln.

Lucie (entzieht sich ihm). Ich weiß von keinem Blick.

Born. Die Blicke reisen gern incognito.

Lucie. Ein Incognito muß man respectiren.

Born. Verdächtige Leute fragt man um ihren Paß.

Lucie. Der Frager müßte sich erst selbst legitimiren.

Born. Ich bin ein guter Mensch –

Lucie. So sagen sie Alle.

Born. Ein discreter Jüngling –

Lucie. Ein treuer Freund!

Born. Treu und verschwiegen.

Lucie. Suchen Sie einen Dienst?

Born. Eine Stelle in Ihrem Herzen.

Lucie. Es ist kein Platz leer.

Born. Sie trauen mir nicht, schöne Frau? Wenn ich mich erst einige Wochen hier aufhalte –

Lucie. Sie wollen hier bleiben?

Born. Ich komme nicht los. Die herrliche Gegend – die Freundschaft – die schönen Unbekannten, die incognito herumschwärmen –

Lucie (wie nachdenklich). Sie wollen hier bleiben?

Born. Wenn Sie mich nicht fortschaffen.

Lucie. Ich sollte fast!

Born. Bitte, nein!

Lucie. Nun denn – Sie dürfen bleiben.

Born (küßt ihr die Hand). Tausend Dank!

Lucie. Aber Sie müssen mir etwas versprechen.

Born. Sie immer anzubeten?

Lucie. Nicht doch! – Geben Sie mir Ihr Wort?

Born. Und die Hand dazu.

Lucie. Das Wort ist genug. – Sie sollen nicht mehr mit mir allein bleiben.

Born. Wenn es aber Ihr Mann befiehlt?

Lucie. Dann – aber er wird es nicht.

Born Ich glaube doch.

Lucie. Ja, wenn er es befiehlt –

Born. Liebenswürdige Frau!

Lucie. Sonst aber – nicht – niemals.

Born. Niemals!

Lucie. Schwören Sie!

Born. Ich schwöre!

Lucie. Niemals!

Born (zärtlich). Niemals – (Tritt näher.) niemals –

Lucie. Nein, nein – niemals – auch wenn er's befiehlt – hören Sie? Niemals, niemals! (Ab, zur Seite.)

Born (allein). Holde Naivetät! Reizende Koketterie! Da spinnt sich ein Roman an, der gar nicht herrlicher – – sie ist entzückend, bezaubernd, ganz geschaffen, um mich mein letztes Malheur vergessen zu machen – ich glühe, ich zerschmelze vor Liebe – – aber halt, halt! Wohin reißt Dich Dein heißes Blut? Hast Du vergessen –? Es ist die Frau Deines treuesten Cameraden, Deines besten Freundes. – Armer Freund! Eine solche Erzkokette zur Frau zu besitzen! Denn das ist sie mit all' ihrem Wesen. Nun begreif' ich, warum er so zweideutig von ihr sprach. Es ist aber auch entsetzlich! Erst acht Tage verheirathet, und mit einem Fremden in der ersten Stunde – ich bin freilich außerordentlich liebenswürdig, aber es gibt deren, die mir gleichen, und wie bald kann sich ein Zweiter hieher verirren, der minder gewissenhaft ist als ich. Und warum soll ich nicht der Erste sein? – Nein, nein! Das dunkle Verhängniß mag ein Anderer über Wiese bringen. Armer Freund! Doch so sind die Philosophen! Sie kennen den Menschen im Allgemeinen perfect, aber jeder besondere Mensch führt sie hinter's Licht.

Fünfte Scene.

Born. Wiese (steckt den Kopf zur Thür herein).

Wiese. Born, bist Du allein?

Born. Lieber Wiese, komm' nur herein. (Für sich.) Der arme Teufel! Er dauert mich.

Wiese. Du hast meine Frau allein gesprochen?

Born. Ja, lieber Bruder.

Wiese (erwartungsvoll). Nun, was sagst Du?

Born. Was soll ich sagen? Sie ist schön wie ein Engel.

Wiese. Ja, aber – es hat ein nisi, nicht wahr?

Born. Ich wüßte nicht – (Für sich.) Der arme Mann! Er scheint sein Schicksal schon zu wissen.

Wiese. Du willst nicht mit der Sprache heraus.

Born. Bester Freund –

Wiese (drückt ihm die Hand). Ich verstehe Dich. Ja, ja, es ist kein Zweifel, es fehlt hier. (Deutet auf die Stirne.)

Born (ebenso). Hier? Wem?

Wiese. Meiner Frau. Ihre Schönheit verblendete mich – der Herrschaftskauf steckte mir im Kopf – eine Laune riß mich hin, ich war verheirathet, eh' man sich umsieht. Raschler ist an Allem Schuld. – Ist sie Dir denn ganz geistlos, ganz albern vorgekommen?

Born. Wer?

Wiese. Meine Frau.

Born. Hm! Verstand hat sie wohl genug –

Wiese. Ich sage Dir, sie versteht nichts als die Hühnerzucht und die Kochkunst.

Born. Sie versteht noch ganz andere Künste.

Wiese. Ich lese ihr täglich die besten Bücher vor, sie schläft dabei ein.

Born. Wer wird seiner Frau in den Flitterwochen vorlesen?

Wiese. Gedruckte Worte sind das Surrogat der gesprochenen. Meine Frau weiß nicht zu reden.

Born. Und Du weißt sie nicht reden zu machen. Wecke ihren Geist, suche ihn an den Deinigen zu ketten. Ich kenne Deine Frau erst seit einer halben Stunde, aber ich finde, sie hat mehr Witz als Du.

Wiese. Ist sie denn nicht albern?

Born. Sie ist das reizendste, bezauberndste und – gefährlichste Wesen von der Welt.

Wiese. So ist sie mir niemals erschienen.

Born. Weil Du nicht in sie verliebt bist, wie ich.

Wiese. Was? Du bist in meine Frau verliebt?

Born. Ich bin in einer Viertelstunde lebendigen Gesprächs weiter mit ihr gekommen, als Du jemals hoffen kannst, wenn Du ihr auch die ganze Bibliothek aller Classiker vorliesest. Aber ich will nicht weiter kommen. Ich bin Dein Freund. Ich reiße mich los. Bewundere meine Größe. Der römische Scipio ist in der Tugend ein Stümper gegen mich. Das herrlichste Abenteuer, die schönste Gelegenheit – ich will nicht mehr sagen. – Lebe wohl! Ein Gang im Garten soll mich abkühlen; dann sattle ich mein Roß, und – auf und davon. – Bruder, laß Dich warnen: gib Acht auf Deine Frau. Ich bin ein tugendhafter Mensch, ich bin ein Dummkopf. Leb' wohl! Leb' wohl! (Ab.)

Wiese (allein). Wie ist mir denn? Er ist in meine Frau verliebt? Das freut mich. Aber er will mich warnen. Wovor? Ich soll auf sie Acht geben. Wozu? Sie wird doch nicht –? Nein, nein! Es ist unmöglich. Sie ist die Unbefangenheit, die Unschuld selbst.

Sechste Scene.

Wiese. Lucie.

Wiese. Da kommt sie! – Ganz langsam, ganz schwermüthig? Was soll das?

Lucie (setzt sich, stützt den Kopf auf den Arm). Ach!

Wiese (nähert sich ihr). Sie seufzt? Sie bemerkt mich nicht?– Lucie!

Lucie. Lieber Mann! (Steht auf.)

Wiese. Bist Du traurig?

Lucie. Ach nein!

Wiese. »Nein« heißt: nein, aber »ach nein« heißt: ja.

Lucie. Ich weiß selbst nicht, was ich bin.

Wiese. Ist denn etwas vorgefallen?

Lucie. Ach ja!

Wiese. Ach ja? Ist mehrmals ja. Geschwinde, sprich –

Lucie. Ich getraue mich nicht – zwar hab' ich Dir versprochen – aber wie soll ich es sagen?

Wiese. Versprochen? Was hast Du mir versprochen?

Lucie. Du weißt ja. An dem Tage, wo wir uns kennen lernten –

Wiese. Nun?

Lucie. Du sagtest, wenn der Fall einträte, daß –

Wiese. Der Fall? Ich bin des Todes!

Lucie. Ich fürchte, der Fall ist eingetreten.

Wiese. Mein Schicksal! Mein Schicksal!.

Lucie. Ich bin seitdem ganz verändert.

Wiese. Seitdem? Seit wann? Wodurch?

Lucie. Seit der Ankunft Deines Freundes.

Wiese. Mein Schicksal! Und so bald! – Born hat also – Du bist – er hat Eindruck auf Dich gemacht?

Lucie. Den größten.

Wiese. Mein Schicksal! – Du wirst Dich irren, liebe Lucie. Das ist nicht der Fall, von dem ich Dir sagte.

Lucie. Ach ja! Er ist es ganz gewiß.

Wiese. So? Und woraus schließest Du –?

Lucie. Darf ich Alles sagen?

Wiese. Du darfst – Du sollst – Alles, Alles.

Lucie. Du wirst aber wieder böse werden –

Wiese. Nein doch!

Lucie. Er ist ein schöner junger Mann –

Wiese. Mittelschlag.

Lucie. Wie knapp ihm die Uniform sitzt!

Wiese. Wir hatten sonst dasselbe Maß.

Lucie. Er trat in's Zimmer –

Wiese. Ich wollt', er wäre draußen geblieben.

Lucie. Ich hatte das Gefühl, als würd' es plötzlich hell und licht.

Wiese. Mir wird gelb und grün vor den Augen.

Lucie. Mein Herz schlug –

Wiese. Warum nicht gar!

Lucie. Er sprach –

Wiese. Lauter Albernheiten.

Lucie. Mit einem Ton –

Wiese. Wie ein anderer Mensch.

Lucie. Süß wie Musik.

Wiese. Sie wird ganz poetisch!

Lucie. Da rief eine innere Stimme –

Wiese. Lucie, bist Du besessen?

Lucie. Lucie, Dein Mann liebt Dich nicht.

Wiese. Die Stimme lügt.

Lucie. Und weiter rief es –

Wiese. Es ruft schon wieder?

Lucie. Das ist der Mann Deines Herzens!

Wiese. Solche innere Stimmen verbitt' ich mir.

Lucie. Nun zürnst Du? Ich wußt' es ja. Du bist mit mir nicht zufrieden. Ich weiß es längst. Aber es mußte so kommen. Warum verdarb mir der Kuchen am Verlobungstag?

Wiese. Sei ruhig, liebes Kind, der Kuchen, den wir damals aßen, war vortrefflich.

Lucie. Aber es war nicht mein Kuchen!

Wiese. Nicht der Deinige?

Lucie. Mein Kuchen mißlang. Ich stellte ihn nicht auf den Tisch. Ich nahm fremdes Gebäck, aber es half nichts. Das Unglück war geschehen.

Wiese. Wie zweideutig die Orakel sind!

Lucie. Nun kommen die Folgen. Du wirst krank werden, ich werde –

Wiese. Treibe Deinen gefährlichen Aberglauben nicht zu weit.

Lucie. Mir ist so ängstlich zu Muth –.

Wiese. Auch ich fühle einige Bangigkeit –

Lucie. Es droht uns so manches! Was wäre erst geschehen, hätt' ich den Kuchen auf den Tisch gestellt!

Wiese. Mit Deinem Kuchen! Weißt Du, daß ich nun im Ernste böse bin? Es ist begreiflich, daß Du albern handelst, wenn Du an Albernheiten glaubst. Wie hast Du Dich mit Born benommen? Er ließ einige Worte fallen – ich will nicht hoffen, daß Du ihm Veranlassung gegeben, Dich für leichtsinnig zu halten.

Lucie. Ich Unglückliche! Du sagst mir so harte Worte, und versprachst doch, mich mit Güte und Sanftmuth zu behandeln.

Wiese. Güte! Sanftmuth! Und sie erzählt mir von einem Liebhaber. –

Lucie. Du selbst hast verlangt, daß ich Dir Alles aufrichtig gestehen soll, was in meinem Innern vorgeht.

Wiese. Aber dergleichen soll nicht vorgehen!

Lucie. Fast muß ich glauben, Du hast mich nie geliebt; Du nahmst mich nur des Geldes wegen –

Wiese. Wie?

Lucie. Das hätte Dein Freund nicht gethan. Er mag leichtsinnig sein, flatterhaft – aber er verachtet mich nicht wie Du, er geht nicht mit mir wie mit einem Kinde um –

Wiese. Gib Dich nur zufrieden –

Lucie. Er ist galant, zuvorkommend – das gefällt mir – was ist da Böses? Du bist unfreundlich, ja tyrannisch – das duld' ich nicht.

Wiese. Aber liebes Kind –

Lucie. Ich bin sanft, nachgiebig, aber ich kenne meine Rechte. Bist Du der Mann, bin ich die Frau, keine Magd, keine Sclavin. Ist Dir mein Geist zu gering – o ja, ich weiß es wohl, wenn Du es auch nicht geradezu sagst – so hättest Du das bedenken sollen. Mit Drohen und Schelten richtet man bei mir nichts aus. Ich habe meinen Kopf. Du magst viel gelesen haben, aber wie man eine zärtliche junge Frau behandelt, das weißt Du so wenig wie Dein langweiliger Wilhelm Meister. – Nun geh' ich auf mein Zimmer, und weine und grolle und schmolle so lange, bis Du Dein Unrecht einsiehst, bis Du mich um Verzeihung bittest. (Ab.)

Wiese (allein). Ich falle aus den Wolken. Ist das meine Frau? Wie viele böse Geister sind in dem kleinen Wesen verborgen? Eine Frau ist launisch – man kann sie heilen; zänkisch – man kann sie bändigen; kokett – man kann sie bewachen. Aber was thut Ihr mit einer Frau, die alles dies und noch tausendfach Schlimmeres dazu ist? Warum war ich ein so großer Feind meiner Freiheit und Freund meiner Unruhe, mir diese ewige Unruhe auf den Hals zu laden? Aber wo ist der Menschenkenner, der hinter ihren Kochtöpfen und welschen Hühnern die Capricen und Liebhaber lauern sah? Bei alledem gefällt sie mir jetzt besser als damals, und meine größte Verzweiflung ist die, daß ich verzweifeln muß, ihr zu gefallen.

Siebente Scene.

Wiese. Raschler.

Raschler. Hauptmann, da haben Sie einen Zeugen für Ihr eheliches Glück.

Wiese. Sie kommen um eine Stunde zu spät. Der Vogel ist ausgeflogen.

Raschler. Brav! So hab' ich's gern. Noch immer der alte Humor.

Wiese. Humor! Nennt mir das Wort nicht mehr. Ich hatte den Humor, eine Frau zu nehmen, und nun hat die Frau meinen Humor genommen.

Raschler. Was? Sprechen Sie im Ernst?

Wiese. Nein, ich spaße und lache, wie Einer, den man zu Tode kitzelt.

Raschler. Versteh' ich recht? Sie sind mit Ihrer Frau unzufrieden?

Wiese. Frau! War das eine Frau? Sie hatte schöne Augen, und reiche Locken, und weiße Hände, ein ganzes Arsenal von Reizen; aber mit alledem gab sie nur das Modell zu einer Frau.

Raschler. Nun, was fehlt ihr denn?

Wiese. Eine Kleinigkeit: Alles; was Gott zuerst geschaffen: das Licht. Sie war eine reizende Gegend bei stockfinsterer Nacht. Es gibt ein Ding, das die thörichten Menschen Verstand nennen, ein Privilegium unserer göttlichen Abkunft, worauf meine Frau großmüthig Verzicht geleistet.

Raschler. Sie beschuldigen Lucien der Albernheit?

Wiese. Ich nicht. Sie selbst plaudert ihr Geheimniß aus, so oft sie den Mund aufthut. Aber mein Entschluß ist gefaßt. Ich bin es satt, mit einer Puppe zu leben. Ich lasse mich scheiden.

Raschler. Das geht nicht an. Dummheit ist kein Ehehinderniß.

Wiese. Dann hat kein Weiser Eure Gesetzbücher gemacht.

Raschler. Ich glaube, Sie irren, lieber Freund. Lucie hat Verstand.

Wiese. Leider, leider! Ihr Witz erwacht, und ich bin mit dem meinigen zu Ende. Es ist Einer da, der sie witzig macht, aber dieser Eine ist nicht ihr Mann. Meine Frau ist eine Treibhauspflanze, sie kommt in meinem Erdreich nicht fort, sie will versetzt werden.

Raschler. Das klingt ja wie Eifersucht!

Wiese. Warum hat man den Schelm nicht gleich nach der Geburt erstickt, der mich zum Othello macht?

Raschler. Wer ist der Schelm?

Wiese. Ich selbst, denn ich nahm eine Frau. Kinder sollen keine Messer kriegen, und friedfertige Männer keine Frauen; denn solche Männer werden Kinder, und ihre Frauen Messer in ihren Händen.

Raschler. Nun ist's einmal geschehen –

Wiese. Ich wollt', es wäre die tugendhafteste Handlung meines Lebens, und ich hätte sie nie gethan!

Raschler. Sie wird ja wohl zu bessern sein. Man muß die Hoffnung nicht aufgeben.

Wiese. Das ist so die gesellige Trostscheidemünze, die man übereingekommen ist, statt des Goldes herzlicher Theilnahme, einander täglich zuzuwerfen. Ja, ja, wir wollen hoffen, daß der Dornstrauch Feigen trägt, und ich will den Strauch essen, ohne daß mich die Zunge brennt; wir wollen glauben, daß der Wolf die Lämmer schützt, und die Kammer der Schafe soll ihm dafür eine Dankadresse votiren. Ich will mich mit den neuentdeckten Mondmenschen in Correspondenz setzen, und zur Dankbarkeit für das Licht, das sie uns zusenden, die deutsche Journalistik bei ihnen einführen. Ich will mir von großen Herren etwas versprechen lassen, und will versprechen zu glauben, daß sie Wort halten; ich will an Gespenster glauben, an den ewigen Frieden und an die Vernunft aller Weiber, nur nicht der meinigen –

Achte Scene.

Vorige. Born.

Born. Bruder, ich scheide.

Wiese. Bleib' da und hilf die Katastrophe beenden. – Was hältst Du von meiner Frau?

Born. Soll ich offen reden?

Wiese. Das ist auch wieder eine von den nichtssagenden Redensarten! Rede, wie Du kannst, oder halte den Mund.

Born. Darf ich vor diesem Herrn –?

Wiese. Immerhin! Denn der hat mir die Katze im Sack verkauft.

Born. Nun denn, Bruder – es thut mir leid, daß ich es sagen muß – aber Deine Frau ist eine ausgemachte Kokette.

Wiese. Eine Kokette!

Raschler. Wie, Herr Lieutenant?

Wiese. Soll ich ihn fordern?

Raschler. Es war sehr unartig.

Born. Kindische Leute! Ihr habt es verlangt. Ich sagte die Wahrheit.

Wiese. Darum bist Du ein Thor. Einer sagt die Wahrheit, Tausende nehmen sie mit Jubel auf, aber hinterdrein stellt sich ein Jeder, als hätt' er nichts gehört. Was hilft's, daß Du in's Wasser springst? Du wirst nur die Fluth trüben. Die Wellen verschlingen Dich, und rollen glatt und gleißnerisch über Dich weiter.

Neunte Scene.

Vorige. Lucie.

Lucie (verändert in Ton und Benehmen). Lieber Vormund, ich heisse Sie herzlich willkommen.

Raschler. Exvormund, schöne Frau. (Auf Wiese.) Dort steht Ihr Vormund. Sind Sie mit dem Tausche zufrieden?

Lucie. Vollkommen. Mein Mann liebt mich, unser Glück wächst von Stunde zu Stunde, bald wird es seinen Gipfel erreichen.

Wiese (für sich). Was ist das? Welche Verstellung!

Born (für sich). Armer Freund!

Lucie. Ich habe Ihre Ankunft mit Sehnsucht erwartet. Sie wissen, warum. – Herr von Born, Sie sind der Freund meines Mannes?

Born. Das hab' ich ihm heute mehr bewiesen als je.

Lucie. Um so leichter werden Sie vergeben, was ich gegen Sie verschuldet.

Born. Verschuldet, gnädige Frau?

Lucie. Allerdings. – Ein Wort, lieber Doctor. (Spricht leise mit Raschler.)

Born (zu Wiese). Deine Frau kommt mir ganz verändert vor.

Lucie (zu Raschler, auf Born). Wollen Sie diesen Herrn aufklären?

Raschler. Mit Vergnügen.

Lucie. Zur heitern Abendtafel sehen wir uns wieder.

Raschler. Zur Abendtafel? Hören Sie, Hauptmann? Ich fürchte sehr, Sie müssen Ihren Dornstrauch essen. – Kommen Sie, Herr Lieutenant! Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen.

Born. Wie es scheint, hab' ich mich wieder einmal lächerlich gemacht. (Beide ab.)

Zehnte Scene.

Lucie. Wiese.

Lucie. Lieber Mann, bin ich Dir so recht?

Wiese. Schöne Dame, ich kenne Euch nicht –

Lucie. Soll ich Dir aus »Wilhelm Meister« vorlesen? Soll ich französisch oder englisch mit Dir parliren? Willst Du mir auf Deinem Clavier eine Sonate von Beethoven vorlegen? Ich hoffe, meinem Meister keine Schande zu machen. Darf ich Dir meine Zeichnungen vorweisen? Auch Dein Portrait ist darunter. – Doch was nützt Dir dieser äußere Flitter! Dieses Rauschgold der weiblichen Bildung! Welche von uns spricht nicht in mehreren Zungen, und malt und musicirt? Du dringst auf das Innere, auf den Geist. Ich kann Dich versichern, daß ich Geist besitze, viel Geist, sehr viel Geist. Willst Du einen lebhaften, feurigen Geist? Ich kann damit aufwarten. Oder einen milden, sanften Geist? Ich lasse alle Geister erscheinen, die Du nur verlangst. – Aber Du sprichst nicht? Du schüttelst den Kopf, Deine Miene drückt Zweifel und Besorgniß aus – fürchtest Du Dich etwa vor Geistern?

Wiese (ernsthaft.) Ich bewundere Deine Gewandtheit, Deine Talente; aber Alles dies füllt die Kluft nicht aus, die uns trennt; es vergrößert sie vielmehr.

Lucie. Wie, mein Freund? So ist es Dir nicht recht, eine geistreiche Frau zu besitzen?

Wiese. Wärest Du blöde und unwissend, wofür ich Dich hielt, ich konnte Mitleid und Theilnahme für Dich fühlen, und von da ist der Weg zur Liebe nicht weit; so wie Du bist, muß ich Dich fürchten. Läßt mich Deine Verstellungskunst jemals Dein wahres Wesen sehen? Das Spiel, das Du mit mir triebst, war muthwillig, ja frevelhaft. Kann die Liebe so quälen und ängstigen? Gewiß nicht. So reich Du bist an Geist und Wissen, Dir fehlt doch das schönste, das beste: das Zartgefühl, die Weiblichkeit.

Lucie. Du erschreckst mich. Ich dachte, mein Humor würde Dich entzücken.

Wiese. Humor! Mißbrauche das Wort nicht. Ich sehe nichts als Frivolität.

Lucie. Wirklich? – Lies diese Blätter.

Wiese. Was soll das?

Lucie. Es ist die Geschichte meiner Liebe.

Wiese. Deiner Liebe? (Liest.). »Den 15. März« –

Lucie. Vor einem Vierteljahre. Bemerke das wohl.

Wiese (liest). »Heute erzählte mir der Vormund von einem Hauptmann Wiese; das muß ein närrischer Mensch sein.« (Sieht sie an.)

Lucie. Und so weiter. (Weist mit dem Finger.) Hier.

Wiese (schüttelt den Kopf, liest). »Den 18. Ich habe seine Briefe gelesen. Er hat Gemüth, aber er will nicht darnach scheinen. Er sucht sein Gefühl wegzuspotten, doch es gelingt ihm nicht.« – Sieh' doch! – (Liest.) »In allen Verhältnissen zeigt er sich herzlich und bieder. Er hat Geist, noch mehr Charakter. Der Mann gefällt mir.« – (Freundlicher.) Du hast Dich viel mit mir beschäftigt, ehe Du mich kanntest. Aber so ein Tagebuch ist nicht uninteressant. In diesem Styl solltest Du es fortsetzen, mein Kind.

Lucie. Lies nur weiter.

Wiese. Sehr gern. (Liest.) »Den 19.« – Das geht rasch aufeinander! (Liest.) »Wiese hat eine Abneigung gegen die Ehe; das gefällt mir, denn auch ich hatte bisher keine Lust am Manne. Ich möchte ihn wohl kennen lernen.« – Gehorsamer Diener! – (Liest.) »Den 21. – Wirklich eine interessante Lecture! – (Liest.) »Wie er nur aussehen mag? Den Vormund frag' ich ungern. Sein Gesicht ist gewiß nicht hübsch. Ich mag die hübschen Gesichter an Männern nicht leiden. Ich stelle mir ihn braun vor, und ein bischen fett.« – Bei dieser Personsbeschreibung hast Du Deine Phantasie nicht eben angestrengt.

Lucie. Es kommt doch der Wahrheit ziemlich nahe.

Wiese. Braun und fett! So sieht die halbe Menschheit aus. Aber weiter im Text! (Liest.) »Den 24. Er ist ein abscheulicher Mensch.« – Was? (Liest) »Wer hätte die Geschichte von ihm geglaubt? Er ist eben wie die Andern.« – Was ist das für eine Geschichte?

Lucie. Eine gewisse Liebesaventure, die mir eine Freundin mittheilte.

Wiese. Ueber diese Freundinnen! Aber die Geschichte –

Lucie. Ich hörte sie in der Folge anders erzählen, und mehr zu Deinem Vortheil. Mein Zorn legte sich.

Wiese. Es war im Grunde gar keine Geschichte. (Will weiter lesen.)

Lucie (blättert herum). Ich bitte, hier.

Wiese. Du überschlägst viel.

Lucie. Privatnotizen. Laß mich lesen. (Liest.) »Den 20. April.«

Wiese. Eine lange Pause! (Sieht ihr über die Achsel.)

Lucie (liest.) »Ein Brief von Wiese. Er schreibt anders als vor Jahren, ernster, tiefer. Er will quittiren, sich neu rangiren. Der Vormund meint, er denke an Heirath. Er sah mich dabei so bedeutend an, daß ich anfing, ganz unbarmherzig über seinen Freund loszuziehen, und den guten Doctor in Harnisch brachte.«

Wiese (lacht). Das sind so Eure Künste!

Lucie. Meinst Du? (Blättert um, liest, indem er sich an ihren Arm hängt.)»Den 1. Mai. Heute kam Einer, der mir schon lange den Hof macht, und nun plötzlich die Miene annahm, um mich zu werben. Ich trumpfte ihn tüchtig ab.

Wiese (lacht zufrieden). Das war recht!

Lucie (liest). »Den 6. Wiese zahlt seit Jahren eine Pension an die Witwe eines wackeren Cameraden. Ein junger Laffe spricht ehrenrührig von der braven Frau. Mit diesem schlägt er sich, und zeichnet ihn, wie sich's gebührt. Ist das nicht hübsch?«

Wiese. Woher weißt Du die Geschichte?

Lucie. Man erfährt die guten wie die schlimmen. (Liest.) »Den 20. Er soll mit Nächstem ankommen. Der Vormund lobt und preist ihn, daß es ein Aerger ist. – Den 2. Junius. Er ist hier. Ich bin doch begierig, wie das Wunder aussieht.«

Wiese. Ich bin selbst neugierig auf meine Ankunft!

Lucie (liest). »Abends 11 Uhr. Er wurde uns im Theater aufgeführt. Er sprach wenig, schien zerstreut, sah mich kaum an. Hübsch ist er richtig nicht. Beim Souper stimmte der Vormund sein altes Lied an, und, wie es mir vorkam, mit einer gewissen Absicht. Ich schimpfte mehr als je. Im Grunde hab' ich mir den Mann auch anders vorgestellt. – Den 6. Morgens. Heute Nacht geschah ein Wunder! Ich konnte nicht einschlafen. Ich träumte von ihm, und erwachte seufzend. Was ist das? Wo ist meine Laune, mein Muthwillen? Ich glaub', ich bin böse, weil mich der garstige Mensch nicht angesehen.«

Wiese. Lucie, warum hab' ich Dein Tagebuch nicht früher gelesen? Grausame, wie hast Du mich so lange martern können?

Lucie. Höre nur weiter. (Liest.) »Gegen Mittag. Es ist Alles aus. Dem Menschen kann ich niemals gut werden. Ich sitze im Zimmer, die Hände im Schoß – plötzlich ertönt seine Stimme – mir pocht das Herz – die Thür war nur angelehnt – ich saß unbeweglich. Der Vormund trug ihm meine Hand an, und er, der Abscheuliche, stimmt zu, ohne mich zu kennen, nur um meines Vermögens willen. Ich kann nicht weiter schreiben – die Thränen laufen auf's Papier –« (Hält inne.)

Wiese. Weiter, weiter!

Lucie. Hier reißt das Tagebuch ab, vermuthlich für immer. (Steht auf.)

Wiese (gleichfalls aufstehend). Ich bin beschämt – selig beschämt – ich ahne, was kommt – o sprich, sprich!

Lucie. Mein Stolz war erwacht, aber auch meine Liebe. Wunderliche Mädchen! Ihr Stolz ist ein Zwerg, ihre Liebe ein Riese. Tausend Gedanken schwirrten mir durch den Kopf. Zeige Dich ihm, wie Du bist, sagte die Liebe; er muß Dich wieder lieben, bemerkte die Eitelkeit; aber er verdient Strafe, flüsterte der Muthwille, indem er mir die Thränen abtrocknete. Schnell war ich gefaßt; es sollte eine Rolle gespielt werden. Zwei Worte zogen den Vormund in's Vertrauen; er billigte die gefährliche Tollheit wie jede andere. Mir ward bang, als Ernst aus der Sache wurde; aber ich liebte Dich – ich wagte das Höchste für Dich – ich wurde Deine Frau. Aber ich wollte geliebt sein um meines eigentlichen Selbst willen; ich wollte Dir zeigen, wie wenig Du Dein eigenes Herz kanntest, als Du in toller Laune eine alberne Frau nahmst; Du solltest erkennen, daß auch Geist und Talente die liebende Seele nicht ersetzen. Zagend setzte ich mein Spiel fort, der Verabredung gemäß, bis zu Raschler's Ankunft. Es wurde mir nicht leicht. Selbst in die Verstellung mischte sich ein Theil meines Wesens. Mit zweifelnder Freude glaubte ich zu gewahren, daß Dir dieses Wesen nicht mißfalle. Du wurdest eifersüchtig auf Deinen Freund. Du liebtest mich, ohne mich zu kennen, Du ahntest meine Liebe. Mit Mühe hielt ich an mich. – Du kennst mich nun ganz; mein Gemüth liegt offen vor Dir. Wie wirst Du mein Geständniß aufnehmen? Wird Dir meine Liebe so genügen? Hast Du den Muth, sie zurückzustoßen?

Wiese. Lucie! Liebes, einziges, himmlisches Wesen! Wahrhaftig, Du bist die Frau, die für mich paßt, oder ich passe für keine Frau.

Lucie. Und ich für keinen Mann.

Wiese. Wie ist mir denn? Wie Gewitterschwüle lag es mir die Tage auf der Brust; nun ist die Luft wieder hell und klar. Ich werde jung, ich blicke in das Märchenland meiner Kindheit: die Sonne spielt auf grünen Teichen mit Marmorufern; seltsame Blumen duften und nicken mit den Häuptern, und wunderbare Vögel singen Opernarien. Ach, ist denn Alles Wahrheit? Bist Du ein wirkliches Wesen und bist Du so närrisch als ich?

Lucie. Drüber oder drunter! Ich theile Dein Entzücken –

Wiese. Mir ist zu Muthe wie dem Papageno, als er seine Papagena zum ersten Male sah. Pa –

Lucie. Pa –

Wiese. Pa pa –

Lucie. Pa pa pa –

Wiese. Papagena!

Lucie. Papageno! (Sie umarmen sich.)

Eilfte Scene.

Vorige. Raschler und Born.

Raschler. Alles in Ordnung?

Born (seufzend). Das muß man mit ansehen!

Wiese. Verzeiht – wir waren im Paradiese. Freunde! Gott hat seine Geschöpfe paarweise geschaffen, und hier hat sich ein Paar der wunderlichsten zusammen gefunden.

 


 

Anmerkung zu »Das Tagebuch«.

Mein junger Freund Alexander Baumann hatte mich auf eine Erzählung von Gustav Schilling: »Die Flitterwochen« aufmerksam gemacht, auf deren Inhalt ich mich gegenwärtig kaum mehr erinnere, deren Grundgedanke aber die Entstehung des oben genannten Lustspiels veranlaßt haben mag.

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