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Gutenberg > Eduard Bauernfeld >

Das Tagebuch

Eduard Bauernfeld: Das Tagebuch - Kapitel 2
Quellenangabe
typecomedy
booktitleGesammelte Schriften Band 4
authorEduard v. Bauernfeld
firstpub1836
year1871
publisherWilhelm Braumüller
addressWien
titleDas Tagebuch
pages1-2
created20060803
sendergerd.bouillon
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Erster Act.

(Im Hause des Advokaten Raschler.)

Erste Scene.

Hauptmann Wiese (im Civilkleide) und Raschler (sitzen an einem Tisch mit Papieren).

Raschler. Ich muß Sie warnen –

Wiese. Machen Sie mich nicht toll!

Raschler. Ich bin Ihr Advokat –

Wiese. Born ist mein Freund.

Raschler. Sie wollen die Summe für ihn bezahlen?

Wiese. Ja, Herr.

Raschler. Es sind zehntausend Thaler!

Wiese. Ich wollt', es wäre weniger.

Raschler. Beiläufig der dritte Theil Ihres Vermögens –

Wiese. Schlimm genug für mein Vermögen!

Raschler. Und doch –?

Wiese. Wissen Sie ein anderes Mittel, meinen Freund zu retten?

Raschler. Nein.

Wiese. Guter Born! Jugendgenosse! Waffengefährte!

Raschler. Schuldenmacher!

Wiese. Pah! Er hat oft den Inhalt seiner Feldflasche mit mir getheilt. Er ist das redlichste Herz unter der Sonne. Der liebe, leichtsinnige Junge! Soll er in die Hände der Wucherer und Blutsauger? Was wär' ich für ein Camerad, wenn ich – darum wenig Worte! (Ergreift die Feder.)

Raschler. Aber –

Wiese (schreibt). Da haben Sie meinen Namen. Und nun beschleunigen Sie den Gang der blinden Themis. Bedenken Sie, daß mein Freund eine Tagereise von hier entfernt ist, und daß er in jeder Minute mit Bangigkeit auf die Entscheidung seines Schicksals wartet.

Raschler (klingelt). Wem nicht zu rathen ist – vergessen Sie nicht, ich habe Sie gewarnt. (Zu dem eintretenden Bedienten.) Dies Papier zu meiner Frau. (Zu Wiese.) Sie kennt alle meine Geschäfte. (Bedienter ab. Sie stehen auf.)

Raschler. Ich habe Sie gewarnt!

Wiese. Nun ist mir wieder leichter.

Raschler. Ich glaub's. Um zehntausend Thaler.

Wiese. Born muß seine Percente zahlen.

Raschler. Und das Vermögen geht zum – ich kenne das.

Wiese. Jetzt zu unserm zweiten Geschäft.

Raschler. Das hat Zeit. Meine Frau lädt Sie zu Tische.

Wiese. Danke. Aber das Gut –

Raschler. Mein Mündel siedet und bratet bereits.

Wiese. Schön. Der Kauf des Gutes, mein' ich –

Raschler. Was wollen Sie von Gütern und Kaufen schwatzen, Sie, der Sie Ihr Hab' und Gut verschenken? Wozu brauchen Sie einen Advokaten? Da, nehmen Sie Ihre Papiere, stellen sich damit auf die Gasse, und rufen Sie aus: Wer will Obligationen und Haussätze? Sie werden Liebhaber genug finden.

Wiese. Nun regt sich wieder Ihre mürrische Laune, die Sie immer befällt, so oft Sie für Ihre Clienten Geld auszahlen müssen. Ich weiß doch, daß Sie meinen Schritt im Grunde Ihres Herzens billigen.

Raschler. So? – Warum nahmen Sie Urlaub? Warum verließen Sie Ihre Garnison? Warum kamen Sie gestern hieher?

Wiese. Weil ich des Soldatenlebens im Frieden überdrüßig bin. Ich halt' es für vernünftiger, meinen Kohl zu pflanzen, als auf die Wachparade zu ziehen.

Raschler. Richtig! Sie wollen das Gut Fridau, den ehemaligen Besitz Ihrer Vorfahren, an sich kaufen.

Wiese. So ist es.

Raschler. Ja, aber womit? Vor wenig Minuten fehlte Ihnen ein Viertheil des Kaufschillings, da hätte sich Rath finden lassen; jetzt mangelt Ihnen die Hälfte, morgen vielleicht das Ganze, wenn wieder ein Freund bankerott wird, der mit Ihnen aus einer Branntweinflasche getrunken.

Wiese. Darum schaffen Sie Geld. Ich hab' einmal eine unwiderstehliche Begierde nach dem Sitze meiner Ahnen.

Raschler. Hm! Es gäbe vielleicht noch ein Mittel –

Wiese. Sprechen Sie!

Raschler. Ich ließ schon einmal ein Wort fallen –

Wiese. Ich hab' es nicht aufgehoben.

Raschler. Eine Heirath – was meinen Sie?

Wiese. Eine Heirath?

Raschler. Warum nicht? Eine reiche Heirath hat schon Manchem geholfen.

Wiese. Herr Doctor, das geht nicht.

Raschler. Ich dächte doch –

Wiese. Ich habe kein Glück mit Frauenzimmern. Bis jetzt hat mich noch eine Jede betrogen, mit der ich in einem Verhältniß stand; ich rächte mich, indem ich sie wieder betrog. Das geht recht gut in der Liebe; aber in der Ehe reicht man mit diesem Reciprocitätssystem nicht aus.

Raschler. Abscheulich, Hauptmann! Was muß ich hören? Sie sind noch immer ein Ehefeind, ein Weiberfeind?

Wiese. Nicht im Geringsten. Mir gefällt jede Ehe, die ich nicht selbst schließe; ich liebe jedes schöne Weib, so lang es ihm nicht einfällt, mich zu seinem Mann machen zu wollen. Verheirathet sein, ist eine herrliche Sache; aber sehen, wie Andere verheirathet sind, ist noch weit herrlicher. Talente sind verschieden. Man kann ein Virtuos in der Liebe sein und ein Stümper in der Ehe bleiben.

Raschler. So seid Ihr Junggesellen, die in den Hagestolzen übergehen. Ihr werdet ekel in der Wahl; Ihr sucht einen Engel, um an seiner Seite recht schwache Menschen zu bleiben.

Wiese. Nicht so, alter Freund. Wenn ich eine Frau nehme, so soll das übrige weibliche Geschlecht für mich nicht mehr existiren; aber ich kenne mein Schicksal: meine Frau, und wäre sie das unschuldigste, genügsamste Geschöpf, wird erst nach der Ehe finden, daß ihr ein Anderer besser gefällt als ich.

Raschler. Das sind Grillen. – Wenn ich nun ein Mädchen wüßte, das vollkommen für Sie paßt?

Wiese. Ans welchem Teig ist sie geknetet? Wenn sie munter ist, so werd' ich glauben, sie lacht über mich; ist sie schwermüthig, so trägt meine Bewerbung die Schuld. Eine schöne Frau zügelt mir Hausfreunde, wie der Jagdfalke die Vögel; eine häßliche läßt mein Haus so leer, wie eine Kirche bei einer Nachmittagspredigt im Sommer. Eine reiche Frau müßt' ich immer »Euer Gnaden« tituliren; einer armen gegenüber käme ich mir vor wie die Einlage in die Sparkasse. Eine geistreiche ist unbequem, eine alberne langweilig, einer geizigen könnt' ich kein gutes Gesicht zeigen, von einer verschwenderischen ließ' ich mich scheiden. Ehe ich eine lebhafte Frau nehme, will ich ledig bleiben; aber ich will lieber den Satan heirathen, als eine stille und ruhige Frau. Zudem ist mir an einem Weibe nach der Zanksucht nichts unerträglicher als die Nachgiebigkeit, obwohl mir eine mit geselligen Talenten am unausstehlichsten wäre, wenn mich eine Häusliche nicht vollends zur Verzweiflung brächte.

Raschler. Nach all dem werden Sie gar keine Frau finden.

Wiese. Ich will auch keine suchen.

Raschler. Zwar – das Mädchen, das ich meine, hat von allen Eigenschaften etwas.

Wiese. Wahrhaftig? Dann muß sie eine Närrin sein. Das macht mich lüstern; denn ich glaube, eine närrische Frau paßt für mich am Besten.

Raschler. Sie ist nicht reich; aber sie hat gerade Geld genug, um die Herrschaft Ihrer Ahnen zu kaufen.

Wiese. Wenn sie dazu meine Ahnen aus ihren Gräbern wieder erwecken kann, so will ich sie nehmen. Aber im Ernst, so wenig ich eine Frau verlange, so sehr verlangt's mich nach der Herrschaft, und so kann ich sagen, daß ich beinahe Lust habe, unter die Herrschaft einer Frau zu gerathen.

Raschler. Wenn es wirklich Ihr Ernst ist – Sie kennen das Mädchen. Sie haben es gestern im Theater gesehen und gesprochen. Es ist meine Mündel Lucie.

Wiese. Aha!

Raschler. Wie hat sie Ihnen gefallen?

Wiese. Ich wüßt' es nicht zu sagen. Ich war zerstreut. Ich dachte an Born.

Raschler. Und seine Feldflasche. Sie haben das Mädchen doch angesehen?

Wiese. Mit halbem Auge, wie der Dieb den Galgen.

Raschler. Ist sie nicht hübsch?

Wiese. Ja, aber sie ist zu braun.

Raschler. Warum nicht gar! Sie ist blond. Ein liebes, munteres Kind! Sie ist erst seit einem halben Jahre bei uns im Hause, ward auf dem Lande erzogen – das paßt zu Ihrem neuen Lebensplan – und, wie gesagt, das Vermögen meiner Mündel – aber Sie hören mich nicht!

Wiese. Vergeben Sie! Meine lebhafte Phantasie riß mich fort. Ich sah mich bereits im Geiste verheirathet. Wer konnte sich denken, daß die blonden Frauen so böse sind! Wir lebten noch in den Flitterwochen und sie zankte täglich mit mir.

Raschler. Immerhin! Besser man zankt mit seiner Frau, als man gähnt in der Einsamkeit. Betrachten Sie mich. Wer sieht mir den Fünfziger an? In Ihren Jahren war ich ein Pedant, ein Gesundheitsmensch, ein Wassertrinker. Als ich meine Philisterei gewahrte, was that ich da? Ich macht' es wie gewisse Fische, die zur Herbstzeit aus ihrem süßen Wasser ins Meer spazieren; auch ich sprang aus meinem süßen, faden, einsamen Alltags- und Gewohnheitswasser in die salzige Flut des Ehestandes. Das erhält frisch. Hauptmann, auch Sie haben hohe Zeit, die Seebäder zu brauchen. Ihr Herz kommt mir ein bischen matt und welk vor, und Ihre gute Laune wird sich nicht lange frisch erhalten, wenn sie keinen gesunden Lebensstoff aus dem Herzen zieht.

Wiese. Sagen Sie das noch einmal. Das hat mir gefallen. Ich fühle, Sie haben ein Stück von mir getroffen.

Raschler. Ihr Gemüth ist der beständigen Feiertage satt; es sehnt sich nach tüchtiger Werktagsarbeit, wozu der Witz die Speisen würzt, anstatt sich selber zu verspeisen. Alle Ihre Seelenkräfte rufen Ihnen laut zu: sei ein Mann und nimm ein Weib, und nur Ihr Egoismus, in den löcherigen Mantel des Humors gewickelt, schießt mit matten Pfeilen nach Hymens Fackel, die in hellem lockenden Glanze fortlodert.

Wiese (parodirend). Wahr! Sehr wahr! Nur weiter!

Raschler. Was weiter! Ich kann nicht weiter.

Wiese. Der Pater in den »Räubern« hat mehr copia verborum.

Raschler. Ich will gar nichts mehr sagen, aber Sie sollen selbst sehen und zwar – mein häusliches Glück.

Wiese. Alle Sonn- und Feiertage. Standespersonen zahlen nach Belieben.

Raschler. Ich hab' eine Frau – Sie kennen sie nur von ferne – aber heute sollen Sie Zeuge sein unseres ächt patriarchalischen Familienlebens.

Wiese. Zeuge, so viel Sie wollen, nur nicht Partei.

Raschler. Noth lehrt spotten. Ich habe immer gehört: worüber sich Einer am meisten lustig macht, darnach sehnt er sich am meisten.

Zweite Scene.

Vorige. Frau Raschler.

Frau Raschler. Raschler – Guten Morgen, Herr Hauptmann! – Raschler, die Parteien warten.

Raschler. Laß Sie warten.

Frau Raschler. Drei, vier Herren –

Raschler. Meinethalben zwölf.

Frau Raschler. Sie fragen nach Dir.

Raschler. Ich frage nichts nach ihnen.

Frau Raschler. Du sollst hinausgehen, sag' ich.

Raschler. Ich will hier bleiben, sag' ich.

Frau Raschler. Der Mann ist unerträglich! (Immer rasch und beweglich, wie ihr Mann.) Wir haben heute Mittags die Ehre, Herr Hauptmann?

Wiese (das Lachen verbeißend). Ich werde so frei sein.

Frau Raschler. Raschler –

Raschler. Was giebt's?

Frau Raschler. Soll ich mit den Leuten reden?

Raschler. Wenn's die Leute zufrieden sind.

Frau Raschler (nimmt eine Prise.) Wallmann's Tagsatzung –

Raschler. Wird erstreckt.

Frau Raschler. Die Herrschaft Thalheim –

Raschler. Sequestration.

Frau Raschler. Expensnote für Müller –

Raschler. Ist ausgefertigt.

Frau Raschler. Sonst –

Raschler. Nichts.

Frau Raschler. Gut.

Raschler. Marsch!

Frau Raschler. Halt!

Raschler. Was noch?

Frau Raschler. Bück' Dich.

Raschler. Wozu?

Frau Raschler. Wie siehst Du aus? (Richtet ihn am Halse.) Die ganze Binde schief.

Raschler. Was liegt daran?

Frau Raschler Du sollst Dich schämen –

Raschler. Bist noch nicht fertig?

Frau Raschler. Statt daß er sich bedankt –

Raschler. Laß uns allein.

Frau Raschler (schlagt ihn leicht auf die Wange). Da!

Raschler. Das Weib ist unausstehlich.

Frau Raschler. Brummbär!

Raschler. Willst Du gehen?

Frau Raschler. Brummbär! – Dienerin, Herr Hauptmann! (Ab.)

Dritte Scene.

Raschler. Wiese (der lachend auf und ab geht).

Raschler. Nun, was sagen Sie? Wie gefällt Ihnen meine Frau?

Wiese. Vortrefflich, bis auf Eins: daß sie kein Mann ist.

Raschler. Sie ist die Frau eines Advokaten.

Wiese. Und Sie sind der Advokat Ihrer Frau.

Raschler. Wir leben immer in Streit, zur Uebung in Geschäften. Unsere Liebe ist, wie die Ananas, in eine harte Schale und in Stacheln gehüllt. Die gewöhnlichen sentimentalen Weiber sind wie die Kirschen: hat man das Süße herunter gegessen, so bleibt blos der harte Kern.

Wiese. Ich ziehe die Pomeranze vor, bei der Schale und Inhalt genießbar ist.

Raschler. Jeder Vogel pfeift seine Weise. – Nun, wollen Sie die Herrschaft nehmen? Und meine Mündel dazu? Sie ist kein übles Appertinenzstück.

Wiese. Sie ist reizend, sehr reizend –

Raschler. Das will ich meinen.

Wiese. Romantisch –

Raschler. Das geht mit.

Wiese. Und dabei vom besten Ertrag.

Raschler. Wer?

Wiese. Die Herrschaft.

Raschler. Ja so!

Wiese. Freund, ich bin entschlossen, ich heirathe Ihre liebenswürdige Mündel.

Raschler. Bravo.

Wiese. Der Anblick Ihres häuslichen Glücks hat meinen Entschluß zur Reife gebracht.

Raschler. Das war vorauszusehen. Im Vertrauen: Sie haben auf Lucien einen äußerst günstigen Eindruck gemacht.

Wiese. Das ist mir nicht recht.

Raschler. Warum nicht.

Wiese. Ich würde ein Mädchen vorziehen, das bereits in einen Andern verliebt ist. Ich kenne mein Schicksal: das bleibt mir nicht aus. Geschieht es vor der Ehe, so hab' ich das Schlimmste überstanden.

Vierte Scene.

Vorige. Der Bediente.

Bedienter. Herr Doctor, die gnädige Frau ruft nach Ihnen.

Raschler. Laß sie rufen.

Bedienter. Sie sagt, Sie sollen augenblicklich kommen.

Raschler. Augenblicklich! Alle Wetter! – Hauptmann, Sie dürfen vor Tisch nicht fort. – Augenblicklich! Seht doch! Ich komme nicht. – Ich sende Lucien her. Sie soll Ihnen Gesellschaft leisten. – Augenblicklich! Ich will doch sehen – (Läuft fort.)

Wiese (allein). Dieser Freund ist ein unschädliches Gewitter. Er blitzt nicht, er donnert blos. Was doch das Geschäftsleben für Sonderlinge bildet! Die Seele dieses Mannes ist aus Processen und Plaidoirien zusammengesetzt. Glücklich, wer sich in ein Stück der Wirklichkeit einspinnt, wie der Seidenwurm in seine Hülle! Glücklich, wer einem bestimmten Zuge seines Herzens folgt, und wem die ganze übrige Welt zum Symbol seines Treibens wird! – Er will mich verheirathen. Natürlich! Dabei ist wieder ein Geschäft zu machen, ein Contract aufzusetzen. Zum Heirathen gehört auch eine Frau. Item eine Frau. Was immer für eine, das gilt ihm gleich. Ich bin doch begierig, was er mir für ein Exemplar ausgesucht.

Fünfte Scene.

Wiese. Lucie (tritt auf, strickend).

Lucie (mit einem Knix). Guten Morgen, mein Herr.

Wiese (für sich). Strickzeug und ein Knix – bleibe ledig.

Lucie. Der Vormund bittet Sie, ein wenig zu verziehen. Er kommt gleich selbst. Ich soll Ihnen Gesellschaft leisten. Ist's gefällig? (Bietet ihm einen Stuhl.)

Wiese. Danke, mein Fräulein.

Lucie (setzt sich und strickt weiter, indem sie bisweilen den Hauptmann betrachtet).

Wiese (in einiger Entfernung von Lucien, nach einer Pause, für sich). Das nennt sie Gesellschaft leisten! – Doch in der That, sie ist hübsch, sehr hübsch. Ein geistvolles Auge –

Lucie (sieht ihn an, lacht).

Wiese. Sie lachen, mein Fräulein? (Nähert sich ihr.)

Lucie. Nun ja, es ist im Grunde doch komisch – Sie wissen ja –

Wiese (setzt sich zu ihr). Was soll ich wissen?

Lucie. Sie müssen sich nicht verstellen, daß wir – (lacht.)

Wiese. Nun?

Lucie (ruhig, legt das Strickzeug weg). Daß wir uns heirathen sollen.

Wiese (erstaunt). Wir sollen uns heirathen?

Lucie. Wissen Sie's denn nicht?

Wiese. Ja, ich habe wohl davon gehört, aber –

Lucie. Der Vormund sagt, es sei eine ausgemachte Sache.

Wiese. Meinen Sie? – Wann ist denn die Hochzeit?

Lucie. In acht Tagen.

Wiese. So?

Lucie. Zwar – wir kennen uns kaum.

Wiese. Das schadet nichts.

Lucie. Wir müssen uns kennen lernen.

Wiese. Thun wir das.

Lucie. Ich weiß Ihre ganze Biographie.

Wiese. Ich will nicht hoffen –

Lucie. Der Vormund erzählte mir täglich von Ihnen.

Wiese. Der liebe Mann!

Lucie. Von mir werden Sie noch nichts wissen.

Wiese. Was ich soeben unter der Hand erfahre –

Lucie. Wenn Sie mehr wissen wollen, so fragen Sie mich nur, ich sag' Ihnen Alles.

Wiese. Wirklich? So sagen Sie mir denn, schöne Lucie: wie kommt es, daß Sie so schnell bereit sind, in den Plan Ihres Vormunds einzugehen? Andere Mädchen zieren sich in solcher Lage.

Lucie. Ich bin ein einfaches Landmädchen. Heirathen ist einmal unsere Bestimmung. Der Vormund ist ein kluger und guter Mann. Sie sind sein Freund. Er sagt, daß wir für einander passen. Ich nehme Sie auf sein Wort.

Wiese. Das ist recht vernünftig und solid gedacht!

Lucie. Nicht wahr?

Wiese. Sie haben wohl gar keine Anlage zur Schwärmerei?

Lucie. Nicht die geringste.

Wiese. Fühlen keine Leidenschaft?

Lucie. O, doch.

Wiese. Wofür denn?

Lucie. Für die Landwirthschaft.

Wiese. Nützliche Leidenschaft!

Lucie. Ich bin ein völliger Oekonom.

Wiese. Wie alt sind Sie, mein Fräulein?

Lucie. Neunzehn Jahre.

Wiese. Neunzehn Jahre und ein Oekonom mit Leidenschaft. O über unser praktisches Jahrhundert! (Steht auf.)

Lucie (folgt ihm). Ich weiß auch noch andere Dinge.

Wiese. Was denn? Ich hoffe, Musik oder Zeichnen und Malen.

Lucie. Nein, aber nähen, sticken, kochen –

Wiese. Lauter nützliche Künste!

Lucie. Das Kochen ist wichtiger als man denkt. Eine Frau muß für ihren Mann kochen. Jede gute Schüssel ist ein Beweis ihrer Liebe.

Wiese. Bravo! Sie kochen mit Ansichten. Sie haben vermuthlich Herrn von Rumohr's »Geist der Kochkunst« gelesen?

Lucie. Das Lesen ist nicht meine Sache.

Wiese. Es wär' auch Schade um die schönen Augen.

Lucie. Ich lasse mir lieber vorlesen.

Wiese. Von mir?

Lucie. Wenn Sie mein Mann sind. – Sie mein Mann! Ich eine Frau! Ich kann mich noch nicht recht in den Gedanken finden. Werden Sie auch ein guter Ehemann sein? – Ich will Ihnen etwas vertrauen: Sie fragten zuvor, wie ich denn so schnell in den Plan des Vormunds einginge. Ich will offen sein. Sie sind nicht mehr ganz jung, Sie waren auch nicht besonders galant gegen mich. Aber es ist ein Etwas in Ihrer Miene, in Ihrem ganzen Wesen, das mir gefällt. Ich glaube, ich kann Ihnen gut werden. Fühlen Sie was Aehnliches für mich? Ist das genug für eine Ehe? Sie sind ein Mann, Sie müssen das verstehen. Denken Sie darüber nach. Bin ich Ihnen nicht zu blöde, zu ungebildet? Werden Sie mich immer mit Nachsicht und Güte behandeln? Denken Sie recht ernstlich nach. Hören Sie? – Leben Sie wohl. (Ab.)

Wiese (allein). Was ist das für ein Geschöpf? Man konnte sie im ersten Augenblick für ein Gänschen halten; aber ihre Augen sagen das Gegentheil, und ihre letzten Worte führten fast die Sprache ihrer Augen. – Ich soll dieses Wesen heirathen! Heirathen! – Hm! Auf Reisen gehen, Soldat werden, ein Weib nehmen – gehörte bei den alten Griechen zu den gleichgültigen Dingen. Es mag gleichgültig sein, ein Weib zu nehmen, aber es ist nicht gleichgültig, welches Weib man nimmt. – Wie soll denn eigentlich meine Frau beschaffen sein? Das frag' ich mich schon seit meinem zwanzigsten Jahre und leider beinahe durch zwanzig Jahre. So viel ist gewiß: sie muß anders sein, als diese Lucie. Aber wie anders? Schöner? Nein. Klüger, geistreicher? Vielleicht. Kenn' ich nicht Mädchen, die ebenso schön als geistreich sind? Ja. Möcht' ich sie heirathen? Nein. Warum nicht? Ich weiß nicht. Was fehlt ihnen? Gemüth, Gefühl. Und wenn sie es hätten? Ich nähme sie doch nicht. Und weßhalb? Ich suche ein bestimmtes Gemüth, ein a parte Gefühl, ein Gefühl, das für meinen Humor taugt, und einen Humor, der mein Gefühl nicht verletzt. Hat Lucie das Alles? Nein. Haben es die Andern? Auch nicht. – Ei nun! Man kann nicht Alles haben. Und Lucie hat vieles, was allen Andern fehlt. Man kennt sie in der ersten Stunde. Es ist ihr, wie den alten Gemälden, die Erklärung beigeschrieben. Erstens ist sie gutmüthig und sanft, wie ein Lamm – eine lobenswerthe Eigenschaft; heiter und unbefangen, wie ein Kind – eine seltene Eigenschaft; treu und gehorsam, trotz Griselden – eine fast unmögliche Eigenschaft. Geistreich nicht besonders das ist wahr. Doch wer weiß! Es schlummert viel in einem Menschen, besonders in einem Mädchen. Jeder Berg kann ein Vulcan werden. Sie hatte den Verstand, mich liebenswürdig zu finden; darf ich ihr vorwerfen, daß sie nicht den Verstand hat, ihre Neigung zu mir zu verbergen? Alles erwogen: es ist ein Wesen, mit dem sich's leben läßt, aber wir können immer noch eine Weile bedenken, ob wir miteinander leben wollen.

Sechste Scene.

Wiese. Raschler.

Raschler. Lieber Hauptmann –

Wiese. Sieh' da, Herr Eheprocurator!

Raschler. Eine Neuigkeit! Soeben hat sich ein Käufer für Fridau gemeldet.

Wiese. Alle Wetter!

Raschler. Der Fremde ist bereit, den Kaufschilling zu erlegen, und der Sitz Ihrer Vorfahren geht in fremde Hände über, wenn Sie sich nicht rasch entschließen.

Wiese. Wozu?

Raschler. Ein schönes Mädchen und vierzigtausend Thaler anzunehmen.

Wiese. Ich dachte eben darüber nach –

Raschler. Es ist keine Zeit, um nachzudenken. Ja oder nein.

Wiese. Nun denn: nein!

Raschler. Adieu!

Wiese. Wohin?

Raschler. Mit dem Käufer abzuschließen.

Wiese. Halt! Wenn ich »ja«« sage?

Raschler. Dann sind Sie Erb-, Lehen- und Gerichtsherr von Friedau.

Wiese. Eine reizende Perspective!

Raschler. Der Ahnherr eines neuen Geschlechts.

Wiese. Ein Ahnherr! Wenn nur die Ahnfrau nicht wäre –

Raschler (auf dem Sprunge). Ja oder nein?

Wiese (wie für sich). Ein Weib nehmen, ist eine gleichgültige Sache –

Raschler. Also ja?

Wiese. Aber eine unbequeme Sache –

Raschler. Also nein?

Wiese. Bisweilen eine reizende Sache –

Raschler. Also ja?

Wiese. Aber meistens eine gefährliche Sache –

Raschler. Also nein?

Wiese. Wer nicht in's Wasser springt, lernt nicht schwimmen –

Raschler. Also ja?

Wiese. Es ist ein Unsinn – aber ja.

Raschler. Victoria! (umarmt ihn.) Herzenshauptmann! Du bist ein Glückskind. Du weißt nicht, Du ahnst nicht – ich darf nichts ausplaudern – aber Du wirst Dinge erfahren – na, wie gesagt, ein Glückskind. – Lucie! Lucie!

Siebente Scene.

Vorige. Lucie.

Raschler. Lucie, umarmen Sie Ihren Bräutigam. – Nun hab' ich alle Hände voll zu thun. Ehecontract, Kaufcontract, Mitgift, Morgengabe. – Welche Feste! Welche Geschäfte! Wo ist meine Frau? (Ab.)

Achte Scene.

Wiese. Lucie.

Wiese. Meine holde Braut –

Lucie. Ist's denn wirklich?

Wiese. Bald meine liebe Frau.

Lucie. Haben Sie denn nachgedacht?

Wiese. Worüber?

Lucie. Ueber meine Zweifel.

Wiese. Sie sagen, daß Sie mir gut sind –

Luise. Wahrhaftig, das bin ich.

Wiese. Wahrhaftig, ich bin's Ihnen auch.

Lucie. Das ist etwas für den Anfang.

Wiese. Es ist auch genug bis zum Ende.

Lucie. Meinen Sie?

Wiese. Gewiß. Besonders wenn Sie so sind, wie Sie scheinen.

Lucie. Wie schein' ich denn?

Wiese. Sehr aufrichtig.

Lucie. Ja, das bin ich.

Wiese. Wollen Sie es bleiben?

Lucie. Ich versprech' es.

Wiese. Immer, in jedem Fall?

Lucie. In jedem – was soll's denn für Fälle geben?

Wiese. Ich meine, Sie sollen mir in Zukunft nichts verbergen, was in Ihrem Herzen vorgeht. Versprechen Sie das?

Lucie. Ich verspreche – aber es wird nichts vorgehen.

Wiese. Wenn aber doch der Fall eintritt –

Lucie. Schon wieder der Fall? Geben Sie mir ein Beispiel.

Wiese. Es ist nicht nöthig. Der Zustand, den ich meine, verkündigt sich durch eine gewisse Bangigkeit – durch Unruhe im Gemüth – Herzklopfen – wenn Sie diese Symptome spüren, dann ist es die höchste Zeit –

Lucie. Zu einem Arzt zu gehen.

Wiese. Allerdings. Nämlich zu mir.

Lucie. Zu Ihnen?

Wiese. Mir Alles offen zu bekennen –

Lucie. Alles, Alles. Aber sorgen Sie nicht! Der Fall wird niemals kommen. Ich habe keine Anlage zu solchen Krankheiten.

Wiese. Ich seh' es mit Entzücken. Wir werden recht zufrieden sein.

Lucie. Ich bin es schon.

Wiese. Bald fehlt nichts zu unserm Glück.

Lucie. Es fehlt doch etwas.

Wiese. Was denn?

Lucie. Wir sind nicht so recht in einander verliebt.

Wiese. Wo Knospen sind, werden Blüten.

Lucie. Sehen Sie Knospen?

Wiese. Ich fühle sie keimen.

Lucie. Mir kommt es auch so vor.

Wiese. Ich glaub', es blüht schon.

Lucie. Das geht schnell.

Wiese. Das Herz treibt mächtig –

Lucie. Wie Unkraut.

Wiese. Wie Frühlingsveilchen, die über Mittag aufschießen.

Lucie. Das thut der Salat auch.

Wiese. Salat! Nicht doch! Wer wird das Herz mit einem Küchengewächs vergleichen!

Lucie. Küche! Ach Gott!

Wiese. Was haben Sie?

Lucie. Ich muß in die Küche.

Wiese. Jetzt, wo wir von unserer Liebe sprechen?

Lucie. Eben darum. Sie speisen hier. Heute darf nichts fehlen. Wenn ein Gericht verdirbt!

Wiese. Was liegt daran?

Lucie. Daran liegt Alles. Die Suppe verbrannt, der Braten verdorben – und die unglückliche Ehe ist fertig.

Wiese. Was fällt Ihnen ein!

Lucie. Sie glauben's nicht? Da hilft keine Freigeisterei. Ich weiß Beispiele. Einer Braut, der am Verlobungstage eine Speise mißlang, wurde ihr Mann in den ersten acht Tagen ihrer Ehe sterbens krank.

Wiese. Darauf lass' ich's ankommen.

Lucie. Und die Frau wurde ihm untreu.

Wiese. Wenn es sein muß, so gehen Sie in die Küche.

Lucie. Nicht wahr? Nun, Sie sollen meine Liebe in jedem Bissen spüren.

Wiese. Daß nur die Suppe nicht verbrennt! Daß keine Speise mißlingt! Das entgeht mir nicht. Ich hab' einen feinen Geschmack.

Lucie. Ohne Sorge. Sie sollen mit mir zufrieden sein. An meiner Kochkunst soll's nicht liegen, wenn irgend ein gefährliches Ereigniß das Glück unserer Ehe stört. (Ab.)

Wiese (allein). Ihre Naivetät entzückt mich. Es ist sogar etwas Geistreiches darin. Sie ist in mich verliebt. Soll sie vergebens schmachten? – Schloß meiner Väter! Du blickst so schwärmerisch-feudalistisch von Deinem waldigen Hügel herab! Dort oben hausten meine Aelter-Mütter und lächelten hold und kochten, wie meine Lucie, und meine Aelter-Väter waren glücklich, obwohl sie was Weniges dabei gähnten. Süßes Glück der Beschränkung! Ich will Dich auch einmal verkosten. Die Welt ist weit, aber das Herz ist eng – es verlangt ein Stück Welt für sich. Lenkt, Ihr guten Väter, einen Strahl Eurer Genügsamkeit in das Herz Eures Enkels, und er wird glücklich sein, und ein bischen gähnen wie Ihr!

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