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Das Sünderglöckel

Peter Rosegger: Das Sünderglöckel - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorPeter Rosegger
titleDas Sünderglöckel
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Unverläßlichkeit.

Ich war stets ein eigensinniger Schriftsteller, der immer nur das schrieb, was er wollte, nie was andere wollten. Vor dreißig Jahren den Leuten zu modern, heute zu altmodisch. So kram' ich auch jetzt aus Urvaters Hausrat ein altes Zeug hervor, das ganz verrostet ist und voll Spinnweben. Die Tugend der Verläßlichkeit. O je. Was ist denn das, Verläßlichkeit, in welchem neuen Wörterbuch ist es denn zu finden?

Na, ich meine, so was auf Treue und Glauben geschieht. Glauben? Nicht mehr am Leben, hat sich an dem Haken eines Fragezeichens erhängt. Treue? Haben die Zigeuner gestohlen. Wenn du heute von jemand Verläßlichkeit heischest, so mußt du ihn erst an einen Gesetzparagraphen anschmieden; einen Advokaten dazusetzen und rechts und links zwei Gendarmen postieren. Die moderne Verläßlichkeit läuft wie eine Strolchin herum in allen Weiten, nur das Muß treibt sie an ihren Platz. Unser Geschäftsmann – bitte! ich meine nur, die ich meine; die anderen meine ich nicht – doch, derselbige, der gewisse Geschäftsmann kann das Versprechen und Beteuern so gut, daß man – sechs Mal angeführt, das siebente Mal wieder aufsitzt. »Wer sich auf ihn verläßt, ist verlassen genug.« So fest kann man auf ihn bauen.

Allerdings, die Schneider waren unverläßlich schon bei Erschaffung der Welt. Waren sie – wie sie jedenfalls versprochen – schon in der ersten Woche gekommen, so würde nie das Feigenblatt aufgekommen sein. Da wurde man gewitzigt. Sagen die Schneider zu ihrem Ster-Kunden: »Am Montag kommen wir!« so erwartet man sie erst in vierzehn Tagen. Und kaum hat man sich an diese Regel gewöhnt, kommen sie plötzlich einmal wirklich am versprochenen »nächsten Montag«. Nicht einmal auf ihre Unverläßlichkeit ist ein Verlaß.

Allein – um ernsthaft zu sein und später zornig zu werden – die Unverläßlichkeit, die sich früher fast nur auf das Nichteinhalten der Zeit bezog, hat sich in unseren Tagen nach allen Richtungen des Geschäftslebens ausgebreitet, hat – nebenbei gesagt – sogar tief eingerissen in die Kreise professioneller Ehrenmänner, das heißt, solcher Kavaliere, deren Hauptberuf es ist, ihre Ehre mit Säbeln oder Pistolen zu verteidigen. Nichts ist auch von solchen billiger zu haben als eine Versicherung. – Der Maurer gibt sein Ehrenwort für den unmöglichen Arbeitstermin, der Tischler für einen schlechten Kasten, der Kaufmann für gefälschte Ware, der Baron aber für ein Darlehen, an das er sich nie wieder erinnert. Durchaus vorurteilslos wird das Ehrenwort – gebrochen.

Einmal wollte ich ein Buch für ein Hochzeitsgeschenk binden lassen. Der Buchbinder wurde gleich hochnotpeinlich befragt, ob er wohl ganz sicher sei, die Arbeit rechtzeitig machen zu können, sonst müßte ich einen andern Buchbinder suchen. Der Mann tat mehr, als ich verlangte. Mit treuherzigen Augen blickte er mich rührend an, hob den rechten Arm, streckte drei Finger und schwur einen Eid, das Buch am Vorabende der Hochzeit fertig zu haben. Der Tag kam, das Buch war richtig – nicht fertig. Es sei ein Kreuz mit den Gehilfen, lauter Sozialdemokraten! »Und der Eid?« fragte ich. »Welcher Eid?« fragte der Meister und setzte, sich besinnend, dazu: »Ach, ja so! Lieber Gott, das war doch kein Eid gewesen, es hatten keine Kerzen dabei gebrannt.«

Ja, ja – treuherzige Augen sind gut, aber ein auf Nichteinhalten gesetztes Pönale ist besser.

Hast du eine größere Arbeit ohne vorher vereinbarte Kosten machen lassen, dann wird sie deine hochgespannte Erwartung übertreffen – die Rechnung nämlich. Wenn du dem Mann davon fünfzig Prozent abziehst, so kann er dich darob nicht einmal bei Gericht verklagen, seinen bürgerlichen Gewinn hat er wohl immerhin noch. Für die Haltbarkeit oder Ersprießlichkeit der Arbeit hat der Mann vielleicht zehnjährige Garantie geleistet. Schon im zweiten Jahre fällt vom neuen Hause der Verputz, im vierten das Gesims herab. Was gehe das den Baumeister an, was könne er für Wetterschäden! Wird das Angefriemte nicht nach vereinbarter Weise hergestellt, dann ist der Mann nicht verlegen. Da war der Stoff nicht vorrätig, der mußte erst bestellt werden. Regen hat die Arbeit aufgehalten. Ein Arbeiter ist krank geworden, der Ersatzmann hatte eine andere Art zu arbeiten und dergleichen. Waren verschiedene Handwerker an einer schlecht gemachten Arbeit beschäftigt, so redet sich einer auf den andern aus. Kurz, Ausreden stehen so viele in Bereitschaft, als früher Versicherungen. Zum Donnerwetter! Hat der Gewerbsmann bei den Verpflichtungen, die er übernimmt, nicht schon im voraus Zufälle und Hindernisse miteinzurechnen, weil sie ja stets in irgend einer Weise vorzukommen pflegen?! Ach nein, der Tischler weiß recht gut, daß er den innerhalb acht Tagen versprochenen Schrank nicht werde liefern können, er will den Kunden nur einmal an sich hängen, damit der zu keinem andern Tischler geht. Er denkt weniger an die Befriedigung des Kunden als an die Übervorteilung des Konkurrenten.

Darf man's ohne weiteres wagen, eine Roßhaarmatratze zum Ausbessern aus dem Hause zu geben, oder einen Diamantring dem erstbesten Goldarbeiter anzuvertrauen? Anstatt Roßhaare kann Seegras zurückkommen, und der Ring mit einem falschen Auge. Doch heute meine ich ja nicht die ausgemachten Spitzbuben, sondern die braven, biederen Leute, die dich positiv – betrügen. Ein Gärtner rechnet dir zehn Tagwerke an, während er – deine Abwesenheit benützend – kaum zehn halbe Tage in deinem Garten gearbeitet, die andere Hälfte der Tage vielleicht für den Garten eines Nachbars verwendet hat, um auch diesem zehn ganze Tagwerke anzurechnen. Bei den Maurern weiß man's, daß ihnen ihr Tabakszeug tagsüber weit mehr zu schaffen gibt als Kelle und Hammer. Diese deutschen Herren von Stein dürfen sich wahrlich nicht wundern, wenn man die fleißigen italienischen Arbeiter ihnen vorzieht. Dann die lieben Zimmerleute. Ich hatte einmal zwei Zimmerleute, die im Taglohn arbeiteten und die, wenn sie sich unbeachtet glaubten, sich auf einen Balken ihrer Zimmerung setzten und – Strümpfe strickten! Habe ich eines Tages mehrere Freunde eingeladen, um die Zimmerleute anzuschleichen und durch die Wandfuge zu beobachten, wie die großen Lackeln gleich alten Weiblein ihre Winterstrümpfe strickten und dabei nicht schlecht tratschten. Als sie hernach am Samstag zur Auszahlung erschienen, habe ich bloß die Auslieferung der Socken verlangt. Einen rotbärtigen Schuster kannte ich, der war so schrecklich deutschnational, daß er vor lauter Politisieren, Agitieren und Biertrinken seines Handwerks völlig vergaß. Dem schrieb jemand auf seinen Knieriemen: »Ein Schuster, der gute Stiefel macht, leistet für seine Nation mehr als der nationale Schwadronär!« Wochenlang stand das Verslein auf dem Riemen, bevor es der Meister bemerkte. – Verläßlich im Erscheinen sind unsere Kleinbürger nur beim Biertisch, und zuverlässig ist auch ihr darauffolgender Ruin.

Und damit berühre ich die ernsteste Seite meines Gegenstandes. Die Unverläßlichkeit und Untüchtigkeit unserer Gewerbetreibenden ist nicht allein Mitursache daran, daß das Kleingewerbe zu grunde geht, sie schädigt die bürgerliche Leistungsfähigkeit überhaupt und damit die Nation. Alle Welt zieht es vor, bei internationalen Großunternehmungen ihren Bedarf zu decken, weil es damit immerhin noch sicherer steht, als wenn man sich auf unsere braven Handwerker verläßt.

»Doch – man muß gerecht sein,« sagte der Flickschneider, da stahl er nicht bloß von der Hose, sondern auch von der Jacke die übriggebliebenen Flecken. Alles hat zwei Seiten. Vielleicht sind gerade die vorausgegangene gesetzliche Schädigung des Kleingewerbes, die wahnsinnige Konkurrenz, die dadurch notwendig gewordenen Finten und Winkelzüge Hauptursachen des moralischen Verfalls. Es kann schon sein. Schlechte Zeiten machen immer Lumpen. Was begründet zwar die Sache, rechtfertigt sie aber nicht. Das einmal gegebene Wort darf niemals unter fremden Händen verbleiben, wo es leicht geohrfeigt wird. Es muß eingelöst werden um jeden Preis. Es muß eingelöst werden, auch wenn es nicht gerade ans Papier genagelt gesetzlich faßbar ist. Es wird ja niemand zu einem Versprechen gezwungen. Wer's tut, der legt damit seine Ehre freiwillig aufs Brett. Vorsichtig im Versprechen, streng im Halten. Man kann trotz allem immer noch finden, daß diese Geschäftspraxis sich rentiert.

So viel von der Unverläßlichkeit der Geschäftsleute. Und die der Kunden? Ich erinnere vor allem an die Unsitte des Schuldigbleibens. Oft im Sinne Eulenspiegels, der stets so gründlich schuldig blieb, daß er niemals zahlte. Ich rede nicht von solchen Kunden, die beim Gewerbsmann, beim Kaufmann nicht zahlen können, also schuldig bleiben müssen, falls sie überhaupt etwas geborgt bekommen. Freilich steht es so, daß man gerade solchen nichts borgen will, die kein Geld haben, jenen aber mit der größten Bereitwilligkeit, die heute so gut oder besser zahlen könnten als in einem Jahre, wo sie ihr Vermögen vielleicht verschwendet, verspielt, im Sport vertan haben. Die Geschäftsleute glauben mit solchem Borgen ihre noblen Kunden leichter zu größeren Einkäufen zu verlocken – die brauchen ja nicht gleich bezahlt zu werden. Wer nicht bezahlt, dem sind auch die überhaltenen Preise nicht empfindlich. So spekuliert der Kaufmann, läßt den »ordinären« Mann, der das Geld schon in der Hand hält, unbedient im Winkel stehen und schwänzelt entzückend artig um die Frau Gräfin herum, die fort und fort Einkäufe macht und nicht ein Wörtchen vom Zahlen sagt. Ist es nicht edel von dem Mann, dem Adel die gebührende Achtung zu erweisen und den Mammon zu verachten? Hohe Herrschaften wollen eben niemals an ihre Pflichten erinnert werden. Pflichten zu haben ist plebejisch. – Nein, sich stets auf Rechnung schreiben lassen und um die Rechnung sich nie kümmern, das mag nach anderer Auffassung nobel sein, nach meiner Meinung ist es lumpig. Ich halte es vielmehr für vornehm, möglichst niemandem etwas schuldig zu bleiben, will mit jedermann an jedem Tage quitt sein, und jeder Geschäftsmann ärgert mich, der mit Zustellung der Rechnung säumt. Wie auch kann ich von meinem Kaufmann, von meinem Schneider verlangen, daß er mir unverzinst Geld leihe? Darf er, aber, ohne mir's zu sagen, Zinsen berechnen? Kurz, das hinhängende Schuldigbleiben des Kunden hat etwas Faules.

In dieses Kapitel gehört auch die Unpünktlichkeit im Gesellschaftsleben, das trotz Zusagen gleichgültige Sichgehenlassen. Wenn Pünktlichkeit eine Eigenschaft der Großen ist, dann finde ich nicht, daß wir an Größenwahn leiden. Wir versprechen zu bestimmter Stunde einen Besuch und erscheinen nicht. Wir laden einen Besuch ein, und wenn er kommt, sind wir nicht zu Hause. Eine briefliche Nachricht wird zugesagt, sie trifft nicht ein. Die Sendung eines Buches wird versprochen, man vergißt darauf. Ein Buch wird entlehnt, man stellt es nicht zurück. Einen Regenschirm hat man ausgeborgt und weiß nicht mehr, bei wem. Das sind kleine Schlampereien, wachsen sich aber leicht aus zur Pflichtvergessenheit im großen.

Verläßlichkeit ist ein schlichtes Wort, doch enthält es fast alles, was wir unter Rechtschaffenheit verstehen. Der Mann, er mag noch so ungebunden sein, darf nie vergessen, daß ein hoher Herr über ihm steht – sein eigenes gegebenes Wort. Studenten und Kavaliere besitzen nebst diesem Worte allerdings noch ein »Ehrenwort«. Doch ein Mensch, der viel mit seinem »Ehrenwort« arbeitet, beweist, daß sein Manneswort nicht verläßlich ist.

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