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Das Sünderglöckel

Peter Rosegger: Das Sünderglöckel - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
authorPeter Rosegger
titleDas Sünderglöckel
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Venus im Hemde.

I.

Bei uns kichert manchmal der Teufel. Adam und Eva kriegen eine Ausstattung. Für Eva ein Leibchen, für Adam ein Beinkleid. Der Apfel der Schlange darf nur in Seidenpapier geschlagen überreicht werden. – Zu Venus und Apollo kommt die Nähterin und der Barbier, die drei Grazien bestellen sich Friseuse, pudern die Wangen und schminken die Brauen.

Der Teufel reibt sich die Klauen und kichert. Wenn der Natur ein Schnippchen geschlagen wird, da kichert er immer. Und seiner Großmutter liebstes Wirtshausschild ist – eine Schürze. O heilige Heuchelei – Vettel, verdammte!

Als ob mit dem Dekorum alles in Ordnung wäre! Gibt es etwas Keuscheres, als die sich unbewußte Nacktheit? Die reinen Geister, die Engel, werden selbst von der katholischen Kirche als nackte Kinder dargestellt. An manchem Hochaltar stehen oder knien die Gestalten nackter Jünglinge, die kaum eine andere Hülle an ihrem schönen Leibe haben, als zwei goldene Fittiche. Eine Dorfkirche weiß ich, in der stehen seit einem Jahrhundert solche Engel, kein Mensch nimmt Ärgernis daran. Da kam eine alte Baronin in die Gegend, und diese erklärte, nicht in die Kirche gehen zu können, solange die nackten Figuren am Altar stünden. Nun, sie muß wissen, was ihrer Tugend gefährlich wird.

Den Polizeibeamten will man entscheiden lassen, was züchtig oder unzüchtig ist. Nun, dem Reinen ist alles rein, der Unreine wird alles – konfiszieren.

Bevormundet mir die Künste nicht! Ob sie an der menschlichen Gestalt alle Schönheit schlicht und naiv eingestehen, ob sie das Geheimnis der Natur unauffällig verhüllen, weil es seiner selbst wegen Geheimnis bleiben will – es geschieht nach einer höheren Ordnung, an der kein plumper Gesetzparagraph anhaken soll.

Nun gibt es neben dieser göttlichen Kunst eine zynische Afterkunst, die mit ihren Erzeugnissen auf die Lüsternheit und Unzucht spekuliert, teils um Aufsehen zu erregen, teils um Geld zu gewinnen. Gegen eine solche »Kunst« protestieren wir alle; doch auch für sie haben wir ein berufeneres Gericht, als die Polizei es ist. Mit ihr muß der Zorn des gesunden Menschen fertig werden.

Ich weiß zwei besondere Sünden gegen das sechste Gebot. Erstens, wenn man Bilder, denen das geile Laster auf der Stirn steht, öffentlich ausstellt, und zweitens – eine wahre Notzucht an der Kunst – wenn man der Venus von Milo ein Hemd über den Kopf wirft.

II.

Der Chef des großen Verlagshauses trat rasch in die Redaktionsstube: »Wollen Sie mir denn das Blatt zu grunde richten, Doktor?«

»Wieso?« fragte der Redakteur. »Sie wissen, daß es mir gelungen ist, mich mit den ersten literarischen Kräften in Verbindung zu setzen, daß ich Tag und Nacht darauf sinne, unsere Zeitschrift nicht bloß zur ersten in Deutschland zu machen, sondern sie auch in fremden Weltteilen, überall, wo Deutsche wohnen, zu verbreiten. Ja, ich denke sogar an eine englische und französische Ausgabe.«

»Lesen Sie das!« sagte der Chef und hielt dem Doktor einen Brief hin. Dieser las: »An den Herausgeber des ›Allgemeinen Moralischen Familienblattes‹. Euer Wohlgeboren belieben zur Kenntnis zu nehmen, daß ich mit Ihrem Blatte seit einiger Zeit nicht mehr zufrieden bin. Es werden in dieser Zeitschrift Dinge erörtert, die durchaus nicht in eine Familienstube gehören. Politik, Sozialdemokratie! Wie kommt da Pilatus ins Credo! Und lassen Sie doch die Religion aus dem Spiele, oder lassen sie die Artikel von Geistlichen schreiben, damit keine solchen Schnitzer entstehen wie das letzte Mal, als Sie den Buddhismus für den Vorläufer des Christentumes erklärten. Mein zehnjähriger Knabe kann Sie an der Hand des Katechismus eines Besseren belehren. Wenn ich im Blatte noch einmal dergleichen finde, werde ich ersuchen, mich aus Ihrer Abonnentenliste zu streichen.

Mit Achtung

J. Mickeli, Hofrat.«

»Nun?« sagte der Redakteur und gab den Brief mit Schmunzeln zurück.

»Das ist durchaus nicht der erste derartige Brief, mein Herr Doktor!« sprach der Chef mit Nachdruck. »Seit dem Beginn Ihrer glorreichen Regierung habe ich mehrere ähnliche erhalten. Zum Beispiel hier ist noch einer. Während der andere das Abonnement erst zu kündigen droht, tut der es bereits. Und warum? Haben Sie die Güte, zu lesen.«

Dieser Brief enthielt allerdings eine gewaltige Rüge. »Von heute an ersuche ich, von Ihrem sauberen allgemeinen Familienblatte mir nicht eine einzige Nummer mehr zu schicken. Ich habe Töchter – Jungfrauen – und Sie bringen ganz unverfroren in Ihrem ›Moralischen Familienblatte‹ Liebesgeschichten mitsamt ihren Folgen. Pfui!

In aufrichtiger Mißachtung

N. N.«

Der Doktor blickte verblüfft drein.

»Da haben Sie's!« sagte der Chef weinerlich, »nicht eine einzige Nummer mehr! Was sagen Sie? Da ich Ihnen das Gehalt gebe, damit Sie den Inhalt prüfen, glaubte ich selbst ihn nicht erst noch extra überwachen zu sollen. Glauben Sie, als Redakteur da zu sein, um sogenannte erste literarische Kräfte zu engagieren? Was heißt: literarische Kräfte? Leute, die nur Geld kosten und dann erst recht für häusliche Lektüre nicht zu brauchen sind! Die Obliegenheit meines Redakteurs besteht darin, daß er die von selbst einlaufenden Manuskripte prüft, sieht, ob sie für ein Familienblatt geeignet sind, und bei den annehmbaren etwa vorhandene einzelne Unsittlichkeiten ausmerzt. Und Sie Unglücksmensch bringen Liebesgeschichten mitsamt ihren Folgen!«

Der Doktor war während dieses Vorwurfes gelassen an der Ecke seines Schreibtisches stehen geblieben, hatte dabei sogar Bleistifte gespitzt, ohne eine Ahnung davon, daß er an diesem Tische nichts mehr zu schreiben haben würde. Und nun entgegnete er seinem Chef:

»In der vorigen Nummer unseres Blattes hat die meisterhafte Novelle eines jungen, ernst zu nehmenden Autors ihren Abschluß gefunden. Die Fabel – falls Sie die Novelle wirklich nicht gelesen haben sollten – ist gar nicht originell, aber wahr und glänzend behandelt. Ein hübscher, raffinierter Galan bemüht sich drei Nummern hindurch, ein unschuldiges Mädchen zu gewinnen, und dieser Teil der Erzählung hat allerseits unter den Familien den größten Beifall gefunden. Hier ist ein ganzes Bündel von Zuschriften, die voll des Lobes und der Begeisterung sind. Die vierte Nummer deutet in dezentester Weise die Verführung an, – das Publikum verharrt in Wohlgefallen, denn die Sache wird so verdeckt behandelt, daß es die naive Leserin gar nicht zu merken braucht. Die fünfte Nummer bringt als Schluß die natürlichen Folgen. Und das unglückliche Mädchen nimmt sich das Leben.«

»Na hören Sie!« rief der Chef, »das ist allerdings arg.« »Nun, Herr Chef, was wollen Sie denn?« fragte der Doktor. »Sollen wir uns zu Mitschuldigen des Schurken machen? Sollen wir in unseren Schilderungen den Verführungskünsten Vorschub leisten, den Abgrund mit Rosen verdecken und alle schönen Leserinnen glauben machen, daß die jungen Herren, die sich um sie bemühen, gar nichts anderes im wohlfrisierten Kopfe haben als den Wunsch nach dem Traualtar? Bringen Sie in Ihrem Blatte doch lieber gar keine Liebesgeschichten als falsche und lieber gar keine Venus, als eine im Hemd. Es gibt tausend andere Stoffe, die für das Haus, für die wirklich noch unschuldige Jugend wichtiger und interessanter sind als Liebesgeschichten!«

»Gott, Herr Doktor! Ein Familienblatt und keine Liebesgeschichte! Das wäre der Ruin. Alle Abonnentinnen fielen ab. Nur mit Liebesgeschichten kommt man auf einen grünen Zweig.«

»Also, wenn Liebesgeschichten sein müssen, dann verfahren Sie aufrichtig dabei. Ich traue Ihnen einige Menschenkenntnis zu, Herr Chef. Was glauben Sie, mit welcher Art von Liebesgeschichten die meisten Mädchen verführt werden: mit sentimentalen und dabei halb lüsternen Tändeleien oder mit offener Darstellung der Gefahr? Unsere Familienblätterliteratur läßt scheinbar hübsch platonisch lieben bis zum Traualtare. Wollten unsere Mädchen im Leben solchen Schilderungen trauen, wohin kämen sie? An den Traualtar gewiß die wenigsten. Solche Romanjünglinge sind viel braver und treuer als jene, die da in Fleisch und Blut herumgehen, radeln und reiten. Just als ob man täuschen wollte! – Trau, schau, wem! Dieser Ruf müßte durch alle Liebesgeschichten hallen, die für junge Mädchen geschrieben werden!«

Darauf der Chef: »Also meinen Sie, daß der Naivetät unserer Töchter nicht Rechnung getragen werden soll? Daß man bei einem siebzehnjährigen Kinde schon alles Wissen und Verstehen voraussetzen dürfe?«

Der Doktor: »Ein Mädchen, das Liebesgeschichten liest, ist kein Kind mehr, seine Ahnungen trachten dem Wissen und Verstehen zu. Wenn ihr ihm schon mit solchen Sachen kommt, so laßt es klar sehen. Ein verstehendes Mädchen wird der Männerwelt mit weit größerer Zurückhaltung begegnen als ein romantisch angehauchter Backfisch, dem immer das Unerläßlichste scheint, einen schönen sentimentalen Jüngling im Herzen zu tragen. ›Naiv‹, sagen Sie. Und führen Ihr Töchterlein ins Theater zu Ibsen, Sudermann und den Franzosen! Und lassen zu Hause die Tagesblätter herumliegen mit ihren famosen Gerichtssaalberichten! Aber im Familienblatte muß geheuchelt werden. Da ist die heiligste Unschuld daheim. Da wird der Rosenstrauch auf das Entzückendste geschildert, aber die Schlange gänzlich verschwiegen, die darunter lauert. Heißt das nicht, systematisch verführen? Macht's der Lüstling anders, der ein Mädchen herumkriegen will? Ich bin dafür, mein Herr, daß man der Jugend das menschliche Leben von seiner edelsten Seite vorstelle, aber es darf nicht bis zur Unwahrheit idealisiert werden, es muß immer noch das menschliche Leben sein. Soll schon eine Abschreckungstheorie walten, so mag es eine klug pädagogische sein. Schildern Sie dem jungen Manne die Sünde abscheulich, so wird er's nicht glauben, denn so viel er schon zu wissen meint, soll sie sehr angenehm sein. Schildern Sie ihm die unheilvollen Folgen, da wird er stutzen. Allerdings hört man gern sagen, daß die Mädchen Engel seien, – gut, so mache man nur kein Hehl daraus, daß viele darunter gefallene Engel sind, unglückliche Menschen, die in täppischer Vertrauensseligkeit ihr Leben verspielt haben. Zeigen Sie diese ernsten Wahrheiten und die jungen Leserinnen werden nicht leicht auf schlimme Gedanken kommen. Mein Grundsatz ist: fern von aller Frivolität und fern von allem gleißnerischen Geflunker in der Literatur. Ich halte es für kein gutes Zeichen, daß man jetzt überhaupt wieder prüde wird. Prüderie ist das untrüglichste Merkmal des moralischen Verfalls und manche Courtisane wird in ihren alten Tagen eine Betschwester. Man ist prüde und zu gleicher Zeit lüstern; man will mancherlei, nur die offene, ernste Wahrheit nicht, nur die redliche, erziehende, warnende Wahrheit nicht. Schildert einmal die Lust, wie lockend und wie falsch sie ist, schildert sie in ihrer wahren Gestalt, schildert das, was nach ihr kommt, – und Ihr werdet unvergleichlich mehr Abscheu gegen sie einflößen, als wenn die Bestie in neckischer Verhülltheit gleichsam durch die Blume spricht. Das verderblichste aller Modekleider ist das Feigenblatt. Merken Sie sich das derbste aller Sprichwörter: »Den Reinen ist alles rein, den Schweinen ist alles Schwein!«

»Aber mein Gott, Doktor!« weinte der Chef, »Ihre Prinzipien! Da würden uns ja alle Exemplare zurückgeschickt. Bedenken Sie, mein Blatt ist ein Geschäft. Wir haben große Konkurrenz, wir müssen dem Geschmack der Menge entsprechen, wir dürfen nicht eine Zeile bringen, die bei irgend einem Leser Anstoß erregen könnte. Man muß die Leute nehmen, wie sie einmal sind, ändern können wir sie ohnehin nicht. Und dann: am Text liegt es bei einem Familienblatte überhaupt nicht. Trachten wir nur, daß jede Nummer reich illustriert ist; Bilder ersetzen den Text. Text von großen Namen rentiert sich nicht mehr, aber die Illustrationen rentieren sich. Glauben Sie mir, Doktor, ich kenne das Geschäft!« »Es ist die höchste Zeit!« sagte jetzt der Doktor und begann an seinem Tische zu kramen. »Es ist die höchste Zeit, daß ich zusammenpacke. Auf das Äußerste könnte ich Ihr Geschäft schädigen. Ich bin kein Abonnentenagent und kein Bildertextler, ich bin nur ein Schriftsteller und habe so meine besondere Auffassung von Literatur. Ich bitte, mein Herr, sich nicht zu bemühen; ich habe die Ehre, mich zu empfehlen!«

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