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Das Stuttgarter Hutzelmännlein

Eduard Mörike: Das Stuttgarter Hutzelmännlein - Kapitel 9
Quellenangabe
typefairy
booktitleDas Stuttgarter Hutzelmännlein
authorEduard Mörike
year1996
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-004755-2
titleDas Stuttgarter Hutzelmännlein
pages1-95
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1853
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Derselbe hatte allezeit, besonders auf die Krämermärkte, dergleichen eben wieder einer vor der Türe war, einen großen Vorrat seiner Ware in einer obern Kammer, die nach dem See hinausging, liegen. Nach zwölfe in der Nacht vernahm die Schusterin ein seltsamliches Pflatschen auf dem Wasser, stieß und erweckte ihren Mann, damit er sehe, was sei. – »Ei, was wird's sein! Die Fisch' hant öfters solche Possen.« – Er war nicht wohl bei Mute, hatte gestern beim Wein einen Bösen getan, und hub gleich wieder an zu schnarchen und zu raunsen. Sie ließ ihm aber keine Ruh', bis er herausfuhr und ein Fenster auftat. Erst rieb er sich die Augen, alsdann sprach er verwundert: »Der See ist schwarz und g'rutzelt voll mit Wasserratten! Weit hinein, wohl fünfzehn Ellen von der Mauer. Junge und alte, Kerl' wie die Ferkel sind darunter! Man sicht's perfekt, es ist sternhell. Ei, ei, sieh, sieh! die garstige Kogen! Wie sie die Schwänz' für Wohlsein schwenken, schlurfen, rudern und schwimmen! Ursach' ist aber, weil es diese Zeit so heiß gewesen, da bad't das Schandvolk gern.«

Dem Bläse kam es so besonder und kurzweilig vor, daß er sich einen Stuhl ans Fenster ruckte, die Arme auf den Simsen legte und das Kinn darauf. So wollte er der Sache noch eine Weile warten. Die Augen wurden ihm allgemach schwer und fielen ihm gar zu, doch fuhr er fort zu seinem Weib zu sprechen, welches inmittelst wieder eingedoset war, unsinnige verkehrte Reden, wie einer führt im Traum und in der Trunkenheit. »Du, Narr«, sprach er, »was Armbrust, Bolz und Spieß, in solchen Haufen! Das würd' viel batten!... Mordsakerlot, ich wollt', das Bulver wär' erfunden allbereits! Mit drei, vier TraubenschußTraubenschuß: ein Schuß mit vielen Schroten aus kleinem Gewehr, hier angewendet auf grobes Geschütz, dergleichen die Quartanschlange war, welche zehnpfündige Kugeln schoß, und der Tarras, der übrigens auch als Büchse genannt wird., aus einer Quartanschlang' oder Tarras, wollt' ich nicht schlecht aufräumen da unter der Bagasche!« –

Jetzt aber tat es wiederum Patsch auf Patsch. Der Schuster streckte seinen Kopf hinaus und wußte nicht, woran er sei mit allen seinen fünf Sinnen. Denn es flog nur so mit denen Tierern aus dem Kammerladen über ihm, ja unversehens fuhr ihm deren eines an den Schädel, und wie er's packt in seiner Faust, da sah es wahrlich einem schweren Bauernstiefel von seiner eignen Arbeit gleich aufs Haar! Voll Schrecken rief er seinem Weib, schrie die Gesellen aus dem Schlaf, und bis sie kamen, pflanzet' er sich selbst mit einem Prügel an die Tür der obern Bodenstiege, damit ihm der Spitzbuben keiner entkomme. Allein es ließ sich niemand sehn noch hören, und als die Gesellen erschienen, die Bühne wohl umstellten und der beherzteste von ihnen die Kammertür aufriß, und keine Menschenseele zu verspüren war, fiel dem Bläse das Herz in die Hosen. Er sagte leis zu seiner Frau: »Die Sach' steht auf Saufedern, Weib – es steckt, schätz ich, ein anderer dahinter, der ist mir zu gewaltig!« Und nannt' ihr den Pechschwitzer. Die Schusterin, die sonst ein Maul als wie ein ScharsachScharsach: Schermesser; als ain geschliffen Scharsach – Psalm 52. führte, war da auf einmal zahm, bebte an allen Gliedern, und so die Tochter auch. Der Bläse aber sprach zu den Gesellen. »Macht keinen Lärm! Geht vor in Nachbar Lippens Hof, des Fischers, macht in der Stille ein paar Nachen los, nehmt, was ihr findet an Stangen und Netzen: wir müssen alle Ware noch vor Tag zusammenbringen, sonst hab ich Schand' und Spott der ganzen Stadt.«

Indem sie gingen, rannte schon der Fischer über die Gasse und auf sie zu. Der hatte eben auf den See gehn wollen etlicher Karpfen wegen auf die Freitagsfasten, sah das wunderliche Wesen und lief, es dem Schuster zu melden. Indem sie nun zu sieben samt dem Lipp, in zwei Schifflein verteilt, bald hier, bald dorthin stachen, faheten und suchten, begann es von neuem zu werfen, und war es damit merklich auf ihre Köpfe abgezielt. Zwar kamen weder Schuh' noch Stiefel mehr, dafür aber Leisten, deren auch eine Last droben lag; nicht alte garstige Klötze allein, vernutzet und vom Wurm zerstochen, auch schöne neue zum Verkauf, sämtlich von gutem hartem Holz, und kamen tapfer nacheinander durch die Luft daher. Da schrie denn einer bald in dem, bald in dem andern Schifflein: »Hopp! Schaut auf!« – und schlug doch links und rechts ein mancher Donnerkeil nicht unrecht ein.

Der Fischer sagte zu dem Bläse: »Auf solche Weis', Gevatter, möcht ich mein Handwerk nicht das ganz Jahr treiben. In allweg aber sei's bezeugt, Ihr wisset mit dem Netz wohl umzugehn. Von heut an möget Ihr als Obermeister einer ehrsamen Stuagarter Schuhmacherzunft ganz kecklich einen Hecht so kreuzweis übern Leist in Euer Zeichen lassen malen, dem Sprichwort zum Trutz.«

Der Morgen kam schon hell herbei, als sie nach vielem Schweiß, Angst, Not und Schrecken dein Weiher wieder glatt und sauber hatten. Der größte Nachen wurde voll des nassen Zeuges, auch war wieder ziemlich alles beisammen, nur da und dort fand man am Tag ein und das andre Stück noch im Röhricht versteckt.

Von dieser Geschichte erging das Gerücht natürlicherweise gar bald an die Einwohnerschaft. Die mehrsten achteten's für Satanswerk, und schwanete es dem Meister schon, daß sich ein manches scheuen werde, ihm seine Ware abzunehmen, wie sich's in Wahrheit auch nachher befand. Nach einem Scherzwort etlicher FazvögelFazvögel: von fazen, spotten. Ital. fazio, Possenreißer; lat. facetiae, witzige Scherze. aber ward von dort an lange Zeit eine besondere Gattung grober Schuhe, so hier gemacht und weit und breit versendet wurden, nicht anderst mehr verschrieben oder ausgeboten als mit dem Namen: echte, genestelte Stuttgarter Wasserratten,

Jetzt war des Meisters erste Sorge, daß das gestohlene Gut nur wieder fort aus seinem Haus und an die Eigentümerin komme. Zwar seiner Frauen war am lichten Tag der Mut wieder gewachsen; ja, meinte sie, es sollte lieber alles, Kundschaft und Haus und Hof hinfahren, nur diese Schuh', wenn sie behielten, da rindere ihnen (wie ein Sprichwort sagt) der Holzschlegel auf der Bühneder Holzschlegel auf der Bühne (auf dem obern Boden unter dem Dach): ohne Aufwand und Mühe gelinge ihnen alles.. Der Bläse aber schüttelte das Haupt: »Meinst du, er könne uns nicht auch am Leib was schaden? Behüt' uns Gott vor Gabelstich, dreimal gibt neun Löcher!« – Er drohte seinem Weib mit Schlägen, wenn sie noch etwas sage, ging unmüßig im ganzen Haus herum, von einem Fenster zum andern, und wollte fast verzwatzeln, bis es dunkel ward, wo seine Tochter die vermaledeiten Schuhe unter den Schurz nahm und forttrug.

Sie schlich sich damit an der Kiderlen Scheuer von hinten und stellte sie in eine Fensterluke, wo sie die Vrone, als sie früh in Stall ging, ihre Kuh zu füttern, auch sicherlich gefunden hätte, wenn sie vom Pechschwitzer nicht über Nacht wären wegstipitzt worden.

Indessen trug die gute Dirne das falsche Gemächt sonder Schaden, und wenn ein Tag herum war, hieß es beim Bettgehn allemal: »Jetzt aber, Mutter, glaubt Sie doch, daß es nicht Not gehabt hat selletwegen?« – Die Mutter sprach: »Beschrei es nicht.« – Auf solche Weise kam denn alles wiederum in sein Geleis', und galt die Vrone wie vordem für ein kluges, anstelliges Mädchen.

Geraume Zeit nachdem sich dieses zugetragen, saß der Bläse in seinem Weinberg draußen beim Herdweg auf der Bank am Gartenhaus, bekümmerten Gemüts, weil es die Zeit her stark hinter sich ging in seinem Geschäft. Indem er nun so in Gedanken den heurigen Herbst überschlug, was er ertragen könne, samt den Zwetschgen, davon die Bäume schwer voll hingen – horch! Vispert etwas hinter ihm, und wer steht da? der Pechschwitzer, der Hutzelmann, der Tröster. Mein Schuster wurde käsebleich. »Erschrecket nicht, Zunftmeister! Ich komme nicht in bösem. Wir haben einen Stuß miteinander gehabt, das ist ja wieder gut, und wär' es nicht, will ich's vergüten, soviel an mir ist. Jetzt aber hätte ich ein kleins Anliegen, Obermeister.« – »Und in was Stücken, liebes Herrlein, kann ich Euch dienstlich sein?« – »Mit Erlaubnis«, sprach der Hutzelmann und nahm Platz auf der Bank und hieß den andern zu ihm sitzen. »Seht, jensmal in der Nacht, da ich auf Eurem obern Boden war und Ihr am Fenster unten, hörte ich Euch ein Wörtlein sprechen, das will mir nimmer aus dem Sinn. Ihr habt gesagt: ›ich wollt' nur, daß das Bulver schon erfunden wär'!‹ Was meintet Ihr damit?«

Der Bläse, sich besinnend, machte ein Gesicht, als wenn ein Mensch aufwacht bei Nacht in einem Kuhstall, darein er seines Wissens mit eigenen Füßen nicht gekommen ist, lachte und sprach: »Herrlein – das hätte der Bläse gesagt? Nun, wenn ich es noch weiß, soll mich der Teufel holen!« – »Ei, schwöret nicht, mein Freund«, entgegnet ihm der andere, »warum wollt Ihr es leugnen? Vertrauet mir's; nur so beim Beilichen, was das Bulver ist. Ich bin einmal in derlei Heimlichkeit ein stiegelfizischer, seht. Euer Schaden soll's nicht sein, und möget Ihr dafür etwas von meinen Künsten lernen.« – Da stellte sich der Bläse an, als wenn er freilich etwas wüßte, und sprach: »Weil Ihr es seid, Pechschwitzer, so möcht ich Euch wohl gern zu Willen sein; vergönnt mir nur Bedenkfrist einen Tag, damit ich doch mein Weib auch erst darum befrage.« – Der andre fand das nicht unbillig, bat ihn beim Abschied inständig nochmals, gelobte ihm Verschwiegenheit und wollte morgen wiederkommen.

»Jetzt, Sante Blasi, hilf!« – so rief der Alte aus, wie er allein war. »Jetzt muß das Bulver raus aus meinem dicken Schustersgrind, und wenn's die halb' Welt kostet!« – Da saß er, hatte beide Ellenbogen auf den Knien und beide Fäuste an den Backen. »Vor die Ratten«, sprach er, »kann's nichts sein, warum? Sott's Bulver hat man lang. Selle Nacht aber ist es mir wampelwampel: wimbel, übel, magenschwach; ähnlich to wamble im Englischen. gewesen, mag leicht sein, hat mir's traumt vom güldnen Magen-TrietTriet (die): ein Magenpulver. Frz. trisenet., so allein der König in Persia hat. – – Es gibt ein Kräutlein, heißt Allermanns-HarnischAllermanns-Harnisch: runde Siegwurz (Gladiolus communis), ehmals in medizinischem Gebrauch; wurde als Amulett gegen Verwundungen und verschiedene Krankheiten sowie zu andern abergläubischen Zwecken getragen und wird zuweilen noch vom Volke gebraucht., und gibt ein anders, das heißt DierleteiDierletei: nicht näher bekanntes Ingrediens einer Salbe; in der Mörin des Herm. v.  Sachsenheim erwähnt., und wieder eins, Mamortica: kein Wurzler hat's noch Krämer. Daraus hat meiner Mutter selig ihre G'schwey eine Salben gemacht, die war vor alles gut. – – Ich will halt einmal gehn und schauen, was zu machen ist, und will erst Spezies kaufen; Probieren ist über Studieren.«

Auf seinem Weg zur Stadt sann er scharf nach. Auf einmal schnellt' er mit dem Finger in die Luft, und – »Wetter!« rief er aus, »kann einer so ein Stier sein und noch lang sinnieren hin und her, wo doch ein Ding glatt auf der Hand liegt! Was mag ein Schuster bei dem andern sonst für einen Vorteil suchen zu erfahren, wenn es nichts aus dem Handwerk ist? Da laß ich mich schon finden.«

Er lief zum Krämer stracks, zu holen, was er brauchte. Daheim in einer hintern Stube setzt er sich an einen langen Tisch mit einer Halbmaß Wein, macht allda unterschiedliches Gemeng' mit seinem besten Essig an zu einem schwarzen Quatsch, knetet und knauzet's wohl unter dem Daum', probiert's auf alle Weise, und war ihm lang nicht fein genug. Das dauerte bis an den andern Abend.

Wie nun der Hutzelmann auf die gesetzte Stunde pünktlich kam und ihm der Bläse mit Geschmunzel seinen Teig hinhielt, roch der daran und sagte: »Lieber Mann, da hätten wir halt eine neue Schuhwichs?« – »Aufzuwarten, ja.« »Mich will bedünken«, sprach lächelnder Miene der Kleine, »Ihr habt selbst noch weit hin, bis Ihr das Bulver findt, und habt jetzt nur viel Arbeit, Müh' und Kösten unnötigerweis gehabt mit mir. Dafür, wie auch um andrer Einbuß' willen, soll Euch indes Vergütung werden. Ich will Euch das Rezept zu meiner Fett-Glanz-Stiefelwichsen geben, die mögt Ihr schachtelweis mit gutem Vorteil verkaufen.«

Das Männlein wußte wohl, was es hiermit verhieß, denn Meister Bläse ward ein reicher Mann mit solcher Handelschaft in wenig Jahren. Seine Erben bewahren annoch das Geheimnis, und allen feinen Leuten unsrer Tage (da zwar ein mehr belobtes Pulver zeither gefunden ist) wüßt' ich fürwahr eine bessere Wichs nicht zu nennen; obwohl ich nicht verschweigen darf, was der Pechschwitzer dazumal eben dem Bläse gar ehrlich bekannte: »Ein LedderLedder: statt Leder, sprechen alle gereisten Schuster in Schwaben. wohl zu halten, nach Ledders Natur, ist das fürnehmst der Schmer allezeit, und hat er Glanzes genug an ihm selbsten.« Welcher Ausspruch indes hier dahingestellt bleibe.

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