Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Eduard Mörike >

Das Stuttgarter Hutzelmännlein

Eduard Mörike: Das Stuttgarter Hutzelmännlein - Kapitel 11
Quellenangabe
typefairy
booktitleDas Stuttgarter Hutzelmännlein
authorEduard Mörike
year1996
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-004755-2
titleDas Stuttgarter Hutzelmännlein
pages1-95
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1853
Schließen

Navigation:

Die andre Nacht gleich wurden ihrer zween nacheinander eingebracht, die dritte wieder einer und alsofort bis auf die dreißig, lauter Bupsinger. Denn weil sich jeder schämte, sagt's keiner, die andern zu warnen. Der gute Knecht verfehlte nicht leicht seinen Mann; ein einzigmal kam er mit einem leeren Stiefel angerutscht und hielt denselben bis zum Morgen unverruckt mit großer Kraft in seinen Zangen, bis ihn von ungefähr der Herr vom Haus erblickte. Das Schuhwerk aber nagelte der Diener alles nach der Reih' im leeren Pferdstall an der Wand herum. – Es gibt noch ein liebliches Stücklein davon: wie nämlich einst der Graf mit seiner Frauen und zwei Söhnlein auf Besuch bei dem Veylland gewesen. Herr Konrad bauete bei dessen Garten eine Stutereieine Stuterei: Gabelkhover, in seiner handschriftlichen Chronik vom Jahr 1621, will den Platz noch wissen, wo das alte Stutenhaus gestanden. Zwanzig Schritt ohngefehrlich, sagt er, von der jetzigen Stiftskirche gegen Mitternacht, da Paulus Sautter, Provisor sitzt. Dieser Sautter saß aber, einer Hausurkunde zufolge, in dem jetzigen Weinschenk Thumschen Haus, und nach einer bekannten Überlieferung wäre dies Haus das älteste der Stadt. – daher nochmals die Stadt Stutgarten hieß –, beschied seinen Werkmeister her auf den Platz und zeigte selbst, wie alles werden sollte. Es wollte aber gern der Doktor denen kleinen Junkherrn eine Kurzweil schaffen und bat den Hutzelmann derhalben, um daß er ein unschuldig ZinselwerkZinselwerk: Gaukelwerk. Celestinus hat den introitum mit anderen zinselwerk hin dar gesetzt. Spreter, Bericht von der alt. christl. Meß. – on unser verdienst, vergebenlich, nit durch ablas oder eygen zinßelwerk. Spreter, Christl. Instruction. bereite; der versprach's. Als nun die Knaben nach der Mahlzeit in dem Garten spielten, da ward's lebendig in dem Stall, und kam bald aus der Tür hervor ein ganzer Zug von kleinen zierlichen Rößlein, lauter Rappen mit Sattel und Zeug, und das waren die Stiefel gewesen; sie gingen zwei und zwei und wurden von kleinen Roßbuben geführt, und das waren die Bundschuh'. Die Junker hatten ihre Freude mit den ganzen Abend. Auf einmal tat es außen an dem Garten einen Pfiff, der ganze Troß saß wie der Blitz ein jeder in seinem Sattel, die Rößlein aber waren zumal Heupferde geworden, grasgrün, einen Schuh lang, mit Flügeln, die setzten all über die Mauer hinweg und kamen nicht mehr. Doch nachderhand fand man so Stiefel als Schuh' wie zuvor an die Stallwand genagelt.

Vor Jahren habe ich zu Stuttgart auf dem Markt ein Spiel gesehn in einem Dockenkasten, so auch von diesem handelte. Hätt' ich nur alles noch so recht im Kopf! Da wird gesagt zum Vorbericht in wohlgesetzten Reimen, was ich Euch erst erzählt, und sonst noch, was voraus zu wissen nötig ist, von Bernd Jobsten, dem Hofnarrn. Der ward denselben Spätling fortgejagt vom Grafen, weil er nicht wollte seiner bösen Zunge Zaum und Zügel anlegen, absonderlich gegen die fremden Herrschaften und Gäste. Nun klagte er sein Mißgeschick dem Doktor, als welcher ihm schon einmal Gnade beim Herrn derhalben ausgewirkt, jetzt aber sich dessen nicht mehr unterstand; doch steuert' er ihm etwas auf den Weg und hieß ihn auch die Schuh' im Stall mitnehmen, wofern er etwa meinte, sich ein Geldlein mit zu machen. ›Ja‹, sagte der Narr, ›das kommt mir schon recht – vergelt' es Gott!‹ – und holte sie gleich ab in einem großmächtigen Kräben und trug sie auf dem Rücken weg, talabwärts, wußte auch schon, was anfangen damit.

Am Necker unterm Kahlenstein fand er des Grafen Schäfer auf der Weid' und stellte seine Bürde ein wenig bei ihm ab, erzählte ihm, wie er den Dienst verscherzt und was er da trage. Hiermit hebt denn die Handlung an, und spricht sofort der Narr:

Ich bin jetzt alt und gichtbrüchig,
Und meine Sünden beißen mich;
Drum will ich baun ein Klösterlein
Und selber gehn zuerst hinein,
In angenehmer SchauenlichkeitSchauenlichkeit: Kontemplation, beschauliches Leben. Nit minder vorhalt mich vor disen gesellen, die allein der Schawenlicheit gleben (geleben) wend. Spreter, Christl. Instr.
Verdrönsgendrönsgen: Intensivform von trehnsen, langsam etwas verrichten; entspricht dem frz. traîner, ziehen, dem engl. to train, to drone und to drowse, schlummern, schläfrig sein. dieses Restlein Zeit.

Spricht der Schäfer: Klöster bauen kost't halt viel Geld.

Der Narr: Just darauf ist mein Sinn gestellt.
Hiezu bedarf es ein HeiltumHeiltum: Reliquie. Der Pfarrer zu Leipheim, im Jahr 1500, bestrich die Leute für ein Opfer mit dem Heiltum St. Veits.,
Daß alle Leut' gleich laufen drum.
Ein Armes bringt sein Scherflein her,
Der Reich' schenkt Acker, Hof, Wald und mehr.
Der Schäfer: Solch Heiltum kriegen ist nichts Kleins.
Der Narr: Hat mancher keins, er schnitzet eins.
Ich, Gott sei Dank, bin wohl versehn.
– Diese Schuh', mußt du verstehn,
Der vielberühmt Doktor Veylland
Nächst an der Stadt Jerusalem fand,
Unterm Schutt in einer eisen Truh',
Ein gar alt Pergament dazu
Mit Judeng'schrift. Selbes bekennt:
Als Mose nun hätt' Israels Heer
Geführet durch das Rote Meer
Und König Pharao, Reiter und Wagen,
Ersäufet in der Tiefe lagen,
Frohlockt' das Volk auf diesen Strauß,
Zog weinend Schuh' und Stiefel aus,
Am Stecken sie zu tragen heim,
Ins Land, wo Milch und Honigseim,
In ihren Häusern sie auf zuhenken
Zu solches Wunders Angedenken.
Aus sechshunderttausend ohngefahr
Erlas man diese dreißig Paar'
Und brachte sie an sichern Ort,
Als einen künftigen Segenshort;
Daß, wer das Leder küssen mag,
Sei ledig seiner Lebetag'
Von Allerweltsart Wassersnot,
Auch Wassersucht und sottem Tod.
Der Schäfer: Hast du das G'schrift auch bei der Hand?
Der Narr: Das, meint' ich, gäb' dir dein Verstand.
Es liegt im Kräben unterst drin;
Und hätt' ich's nicht, gält's her wie hin.
Die War' blieb trocken auf Meeres Grund,
Und ist brottrocken auf diese Stund'!

Nun kenn ich einen guten Pfaffen,
Der soll mir helfen mein Ding beschaffen,
Soll es anrühmen dem Provinzial,
Der meld't's gen Rom dem General.
Da wird sehr bald Bescheid ergehn,
Man wöll' der Sach' nit widerstehn,
Sie solln nur forschen bei diesem Jobst,
Was er lieber wär', Prior oder Propst.

Als denn der Narr zum Pater in seine Zelle kommt und ihm den Antrag stellt, begehrt derselbe allererst das Pergament zu sehen. Ja, sagt der Schelm, vorm Jahr noch hätt' er's ihm wohl weisen können, allein, ganz schrumpflig, mürb und brüchig, wie er es überkommen, sei es ihm nach und nach zuschanden gegangen. Dafür zieht er aus seinem Korb hervor ein alt schwer eisen MarschloßMarschloß, Maderschloß, Malschloß (schweizerisch: Malle, Tasche; frz. malle), Vorlegschloß., vorgebend, es sei vor der Truchen gelegen. Der Mönch, wie leicht zu denken, hält ihm nichts drauf, verachtet ihm sein ganz Beginnen, verwarnet und bedrohet ihn gar. Der Narr, weil er vermeint, die Sach' an ihr selbsten gefiel' ihm schon, sie möchte wahr sein oder nicht, er scheue minder den Betrug als den Genossen, erboset er sich sehr in anzüglichen Reden und spricht mit der Letzt:

Sag, Pfaff, tust du die Bibel lesn?
Der Pater: War die ganz Wuchn drüber g'sessn.
Der Narr: Ich dacht' nur, weil sie in Latein.
Der Pater: Wohl! Daß nit jeds Vieh stört hinein.
Der Narr: Wohlan, so weißt du baß dann ich,
Was dort geweissagt ist auf dich
Und die Frau Mutter der Christenheit,
Wie ihr es nämlich treibt die Zeit.
Zum Exempel Proverbia
Im dreiß'gisten, was steht allda?
Die Eigeldie Eigel: der Blutigel; in den älteren Ausgaben der Lutherischen Bibel, Sprüche Sal. 30, 15. hat zwo Töchter schnöd:
Bringher, Bringher, heißen alle beed'.
Die ein' hat einen Ablaßkram,
Die ander' heischet sonder Scham.
– Ei, das hofft' ich nur auch zu nutzen.
Pfaff, du tätst mit, hätt's nit sein Butzen!

So zieht er ab mit seinem Kräben, unter heftigem Schelten und Drohen des Mönchs. Noch aber läßt er sein Vorhaben nicht, ein Kloster zu erbauen, und sollen ihm die Bundschuh' und die Stiefel inallweg dazu helfen. Sobald er wieder auf der Straßen ist, spricht er:

Jetzt, wüßt' ich nur 's Pechfisels Haus!
Der macht' mir ein Trupp Münchlein draus;
Die schicket' ich dann in die Welt,
Zu kollektiern ein Gottesgeld.
Vielleicht er macht sie mir gleich beritten
Auf Saumrößlein mit frommen Sitten:
Sie kämen doch viel 'ringer so 'rum
Als wie per pedes apostolorum.

Nachdem er lang vergebens überall dem kleinen Schuster nachgefragt, so findet er denselben von ungefähr beim Bupsinger Brünnlein sitzen, an dem Berg, darin seine Wohnung und Werkstatt ist und wo er eben einen Becher Wassers schöpfte. Der Narr mit großer Scheinheiligkeit entdeckt ihm sein Anliegen, doch der Pechschwitzer antwortet ihm:

Ich dient' Euch gern, mein guter Freund,
Aber was geistlich Sachen seind,
Laßt meine Kunst mit unverworrn;
Es brächt' mir eitel Haß und Zorn.
Mein Rat ist darum: geht zur Stund',
Verkauft, so gut ihr könnt, den Schund.
Bei die Bupsinger droben, hör ich, wär'
Großer Mangel eine Weil' schon her.
So brauchet es kein lang Hausieren.
Doch müßt Ihr nicht Eur Geld verlieren,
Wolln sie mit dem Beutel nit schier heraus,
Droht, es käm' ihnen der Werr ins Haus,
Der Presser; das werden sie schon verstehn.

Darauf der Narr:

Ich folg Euch, Meister, und dank Euch schön.

Jetzt kommt das Lustigste, das aber muß man sehen: wie nämlich Bernd Jobst in dem Dorf seinen Korb auf der Gasse ausschüttet, die Bauren aus den Häusern kommen und gleich ein groß Geriß anhebt, da jeder mit Geschrei sein Eigentum aussucht, und alle sich untereinander als Diebe verraten. Sie weigern sich der Zahlung gar hartselighartselig: hartnäckig; durch wunderzeichen wil Gott das hartsälig volck ziehen und berüffen. Spreter Instr., bis sich der Jobst anstellt zu gehen und sich etwas verlauten läßt vom Werr, daß er ihn schicken wolle. Auf dieses ist mit eins ein jeder willig und bereit, ja auch der gröbst Torangel zahlt, was ihn ein neues Paar vom Krämermarkt nicht kostete.

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.