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Das Stück Brot und andre Geschichten

François Coppée: Das Stück Brot und andre Geschichten - Kapitel 9
Quellenangabe
authorFrançois Coppée
titleDas Stück Brot und andre Geschichten
publisherVerlag von J. Engelhorn.
year1893
translatorE. Wulkow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171213
projectid74146dcb
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Das Nippfigurenkind.

Als man erfuhr, daß sich die hübsche Madame Tischler in interessanten Umständen befand, ging eine Bewegung des Staunens durch die Welt der Finanzaristokratie. Man konnte sich die Persönlichkeit dieser vergnügungssüchtigen, eleganten Pariserin gar nicht als Mutter vorstellen.

Warum hatte eigentlich der protzige, fünfzigjährige Tischler die um so viel jüngere Frau geheiratet, da er doch erst kurz zuvor seinem Schützling, der Luise Cavalier, eine kleine Villa hatte bauen lassen? Tischler war ein Schlaukopf und wußte wohl, was er that, indem er der Schwiegersohn eines der achtbarsten Makler an der Pariser Börse wurde, eines fast armen Maklers, der seiner Tochter kaum zweimalhunderttausend Franken mitgeben konnte. Tischler machte trotzdem ein brillantes Geschäft, als er ein paar ehrlich verdiente Goldstücke mit seinen in schlechtem Rufe stehenden Millionen vermischte. Jetzt erschienen sogar die Spitzen der Finanzaristokratie zu seinen Gesellschaften, bei denen die junge Frau die Honneurs machte, und er lachte in seinen grauen Bart hinein, blähte seinen mit Trüffeln gefüllten Bauch und gedachte der Zeiten, wo er, der eben erst aus Frankfurt eingewanderte jüdische Trödler, mit ein paar über die Schulter geworfenen, vertragenen Röcken durch die hügeligen Gassen des Pariser Studentenviertels gewandert war und ausgerufen hatte: »Alte Kleider! Kauft alte Kleider!«

Teuer war sie, zweifellos sehr teuer, die Frau, die er sich zum Staate genommen hatte, und manchmal machte er beim Anblick der Schneider- oder Juwelierrechnung ein langes Gesicht; dann aber fielen ihm sofort wieder die guten Unternehmungen ein, die ins Leben zu rufen ihm nur durch seine neuen, angeseheneren Beziehungen möglich geworden war, und während er an die sehr vielversprechende Ultimoliquidation dachte, sagte er sich mit seinem breiten Lächeln auf den dicken Lippen: »Auch das ist Profit.«

So war denn seine Freude durchaus aufrichtig, als seine Frau ihm mitteilte, daß er bald Vater werden würde. Sobald die Kunde von dem bevorstehenden Ereignis in die Oeffentlichkeit gedrungen war, nahm er in untadelhafter Haltung, mit jenem Anfluge von Stolz, der einem Fünfzigjährigen in solcher Lage gebührt, die Glückwünsche der jungen Makler entgegen, die ihn mit einem: »Verfluchter Kerl Sie!« unter der Säulenhalle der Börse begrüßten.

Also sie sollte ein Kind bekommen, diese zarte Pariserin mit den blauen Augen und dem mattgelben Teint, die für ihre Abendtoiletten einen so herausfordernden herzförmigen Halsausschnitt erfunden hatte; sie sollte Mutter werden, diese Königin des Cotillons, die bei einem Bazar dem tollsten unter den Geldaristokraten für die Gunst, seine Lippen oberhalb des langen schwedischen Handschuhes auf die bräunliche Haut ihres runden Armes drücken zu dürfen, fünfundzwanzig Louisdor abgenommen hatte! Die alte Madame Bader, die böseste Zunge im Faubourg Saint-Honoré, hatte am Hochzeitstage der Madame Tischler behauptet: »Diese Frau wird mit fünfzig Jahren eine Vogelscheuche sein!« Und jetzt erklärte sie – und es war ihr gleich, wer immer es hörte – daß eine solche Närrin, um nicht mehr zu sagen, nicht die geringste Fähigkeit für die Pflichten einer Mutter besitze.

*

Aber es war gerade umgekehrt: die wohlmeinende Dame täuschte sich in ihren Prophezeiungen, oder vielmehr es hatte wohl den Anschein, als ob sie sich irrte. Madame Tischler genas eines prächtigen Jungen – ja wohl, eines ganz prächtigen Jungen – und die Geburt eines Dauphins von Frankreich hätte nicht höher aufgenommen werden können als die des kleinen Gustav. Freilich als der »erste Frauenarzt von Paris«, nachdem er den Neugeborenen von den Wärterinnen hatte waschen und in Windeln wickeln lassen, ihn der Wöchnerin darreichte, ein kahles, blindes, zahnloses Geschöpfchen mit verrunzelter Haut, da rief die junge Frau erst aus: »Mein Gott, wie häßlich!« Aber rasch gewann ihr Muttergefühl die Oberhand, und ohne Widerwillen küßte die mit so interessanter Blässe in den Kissen liegende Kranke das kleine fünf Minuten alte Wesen, das zur Zeit in seinen welken Zügen einem der bejahrten Mitglieder der Akademie für Wissenschaft und Litteratur nicht unähnlich war.

Der Vater nun gar benahm sich in der Sache ganz vortrefflich, zeigte die angemessenste Zärtlichkeit und – kaum zu glauben – kam eine Viertelstunde zu spät auf die Börse, wo er gerade an jenem Tage ein wichtiges Rendezvous mit dem Makler Sedelmayer hatte, dem schönen vollbärtigen Semiten, der dem König Assur-Banipal, wie er in der assyrischen Abteilung des Louvre steht, zum Verwechseln gleicht.

»Die Amme! Wo ist denn die Amme?« rief die Wöchnerin, sobald der junge Akademiker die ersten Laute von sich gab.

Die Amme war schon da, von dem »ersten Frauenarzt von Paris« im voraus gewählt. Ein derbes, gesundes Landmädchen aus der Pikardie, mit dem Teint einer in den Schmutz gefallenen Aprikose. Sie trug eine verwaschene Haube und ein großblumiges Kattunkleid in schreienden Farben.

»Sie sind ja schauderhaft angezogen! Das muß geändert werden!«

Man machte sich gleich daran. Der Kammerjungfer, die mit der gnädigen Frau an der See gewesen war, fiel die Tracht der Bretagnerinnen ein.

»Die gnädige Frau erinnern sich – der Brustlatz und das blaue ärmellose Mieder mit einer gelben Tresse um die Achsel, so wie bei den Zuaven?«

»Jawohl, Fanny, das ist eine gute Idee – die Haube dazu ist auch so entzückend.«

*

Zwei Wochen später, an einem herrlichen Apriltage, wo die Kastanien der öffentlichen Gärten in schönster Blüte standen, erregte die Amme des Sohnes der Madame Tischler Aufsehen im Parke von Monceau. Die Pikarde glich in ihrem bretagnischen Kostüm mit der großen Haube, zu dem ein der Familie befreundeter Maler eine Skizze entworfen hatte, einer Fregatte mit achtzig Geschützen, die in vollem Winde und mit vollen Segeln dahinfährt.

Die reizende Madame Hirsch, die auch ein kleines Mädchen bekommen hatte, versuchte mit Madame Tischler in die Schranken zu treten und kleidete ihre Amme in friesländische Tracht mit einer goldenen Mütze. Aber alle Mamas wurden bald darüber einig, daß in dem bretagnischen Kostüm viel mehr Charakteristisches liege. Was für ein Fiasko für Madame Hirsch!

Das unter Spitzen vergrabene Kind verlor täglich mehr von seiner pergamentenen Physiognomie. Es fing schon an, mit seinen kleinen Affenhändchen energisch nach den dicken, schrundigen Fingern seiner Amme zu greifen. Sein Mund verzog sich zu dem einfältig gutmütigen Lächeln der ganz Kleinen, und seine jetzt hell um sich blickenden Augen waren von einem herrlichen Himmelblau.

Seine Mutter liebte den Kleinen fast. Jedenfalls hatte sie früher, als sie noch klein war, nie eine so wunderhübsche Puppe besessen, und der niedliche Junge war entschieden amüsanter als die Bébés mit Wachsköpfen, denen man auf den Bauch drückt, damit sie »Mama« und »Papa« sagen. Sie bot daher auf, was in ihren Kräften stand und in ganz Paris lief keine prächtiger geputzte Amme herum. Die Taufe fand statt – fast alle reichen Juden sind ja zum Christentum übergetreten – und dabei ging es hoch her. Für Sedelmayer, der die Patenstelle übernommen hatte, war freilich das Glaubensbekenntnis eine harte Nuß gewesen, aber die Ceremonie vollzog sich in einer eleganten Kirche, und der Priester, der richtige Pariser Skeptiker, richtete die Sache schon ein, indem er so undeutlich als möglich und in einem Atemzug sagte: »Was Sind Sie? Sagen Sie: Ein Christ. Entsagen Sie den Verlockungen des Teufels? Sagen Sie: Ich entsage. Jetzt sprechen Sie mir das Glaubensbekenntnis nach: Credo in unum Deum m ... m ... m ... m ... et vitam aeternam. Amen.«

Madame Tischler hatte bei der Taufe ihres Sohnes einen wundervollen Hut auf, und so verlief alles großartig.

Die alte Madame Bader, die bei den Herren ihres Bekanntenkreises wegen ihrer üblen Angewohnheit, beim Whist zu bemogeln, in schlechtem Rufe steht, war in der That ein boshaftes Weib. Sie hatte Madame Tischler verleumdet. Die arme kleine Frau! »Sie vergöttert ja ihr Kind; meinen Sie nicht auch, meine Beste?«

Ja, sie liebte es; aber wie eine Nippsache, nicht mehr und nicht weniger; denn daß eine so elegante, so mit der Mode und mit dem Geschmack ihrer Zeit gehende Persönlichkeit wie Madame Tischler in altes Porzellan und allerlei Nippes vernarrt war, läßt sich doch denken. Es ist die Manie des Tages, die in keinerlei Beziehung zur wirklichen Kunst steht, die jedoch den meisten reichen Leuten Gelegenheit gibt, ihren Freunden und sich selbst einzureden, daß sie ein feines Kunstverständnis haben, und ihnen zugleich ermöglicht, die erschreckliche Leere ihres Gehirns und ihres Herzens mit etwas auszufüllen.

Das Boudoir und die Salons waren denn auch förmlich mit Nippsachen überladen; sie störten sogar recht sehr, denn wenn man zu Tischlers jour fixe kam, mußte man jeden Schritt sorgfältig überwachen, aus Furcht, eines der kostbaren venetianischen Gläser oder ein seltenes Stück Sèvres zu zerbrechen. Von den Stühlen gar nicht zu reden, die natürlich alle »stilvoll«, aber die reinen Marterwerkzeuge waren! Auch Japan war stark im Hause vertreten; Madame Tischler hatte ihren Gemahl sogar ein wenig in die Bronzen und Cloisonnés eingeweiht, und nicht selten begegnete man dem einstmaligen Trödler im Hotel Drouot, wo er für einen Stoß Stammbücher oder Säbelgriffe die höchsten Preise bot.

*

Der kleine Gustav wurde also eine der Nippfiguren, die schönste allerdings in der Kollektion Tischler. Sobald er gehen konnte, ließ seine Mutter ihrem Toilettengenie freien Lauf und kleidete ihren Kleinen wie einen Balletttänzer. Auf seinen Hüten entfalteten die bunten Vögel des Südens ihre Schwingen; auf den Schnallen seiner Schuhe leuchteten Rheinkiesel; er bekam teure Spitzenkragen, Anzüge aus braunrotem Samt oder goldgelbem Atlas, und mit anderthalb Jahren trug er schon Handschuhe. Weil er aber sehr schöne Waden hatte, und diese doch angestaunt werden mußten, ging er bei Wind und Wetter mit nackten Beinchen und fror wie ein Bettelkind.

Das Lobgehudel hörte gar nicht mehr auf. Wie hatte man sich in der Frau Tischler getäuscht! Eine bessere Mutter konnte man gar nicht sein; der Knabe war ja vorzüglich gehalten. ... Wie er gedeiht! ... Haben Sie ihn auf dem Kinderball bei Pereiras in seinem Incroyablekostüm gesehen? War er nicht putzig mit seiner Lorgnette und seinem spiralförmigen Spazierstock?

Es nahm schon an allen Festlichkeiten teil, das Nippfigurenkind! Vor allem an Maskenbällen! Eine bessere Gelegenheit zur Entfaltung von geschmackvollen Kostümen gab es ja nicht. Man hatte ihn schon als Heinrich III. en miniature, als Ludwig XV., als Ungarn und als italienischen Bauern bewundert. Er war aber in der That auch ein reizender Junge mit seinem braunen Haarschopf und seinen tiefblauen Augen. Er wurde eine Berühmtheit, denn man hatte sich schon angewöhnt, zu sagen: »Schön wie der kleine Tischler«. Und als er fünf Jahre alt war, da hielt es seine Mutter nicht mehr aus: sie ließ ihn malen.

Das Porträt machte Furore im Salon und war gewiß eines der gelungensten des berühmten Malers Petrus Bertran. Von Anfang an hatte man es »das weiße Kind« genannt. Vor einer weißseidenen Draperie stand Gustav auf einem Eisbärenfell; er war in ein weißes Samtkostüm gekleidet, mit weißen Schuhen; auf dem Kopfe trug er einen weißen Filzhut mit weißer Schwanenfeder, in der einen Hand hielt er eine Lilie und mit der andern stützte er sich auf einen weißen Windhund.

Die hübsche Madame Tischler war fast den ganzen Tag in der Ausstellung, wo sie in mütterlichem Stolze ihr Kind mit durch die Säle zog, das selbstverständlich genau wie auf seinem Porträt angezogen war, und mit freudiger Genugthuung hörte sie hinter sich flüstern: »Seht doch ...« – »Das ist er ...« – »Das ist das weiße Kind.«

Und wenn sie ihren Bekannten begegnete: »Ach, meine Beste, welcher Erfolg! Kaum durchzukommen vor dem Gemälde. ... Das ist etwas Herrliches!«

Und alle küßten das kleine Modell, das schon seit Stunden vor Ungeduld und Hunger trippelte und vor Müdigkeit fast umsank.

*

Von da ab begleitete das Nippfigurenkind, das sich im Zenithpunkte seines Ruhmes befand, seine Mutter durch den ganzen Strudel ihrer Vergnügungen. Abgespannt durch die Luft, halb blind vor Staub, und von dem lauten Getriebe benommen, saß es sonntags im Landauer und verging vor Langeweile. Bei den Premieren im Theater hob sich sein blasses, verschlafenes Gesicht von dem roten Samt der Prosceniumsloge ab. Man kannte es überall, wo die elegante Welt sich traf, in Nizza, an allen Kurorten, in den Seebädern, und wenn die Hotelwirte es auf einem Esel in Gebirgstracht vorüberreiten oder in einem koketten Matrosenanzug einer Partie Lawntennis zuschauen sahen, rieben sie sich vergnügt die Hände und sagten: »Da ist ja der kleine Gustav Tischler; da gibt es heuer eine gute Saison.«

Die Jahre vergingen, die unwiederbringlichen Jahre. Der kleine Gustav Tischler war größer geworden, und der ewige Fasching, in dem er lebte, neigte seinem Ende zu. Man mußte daran denken, den Knaben einigermaßen wie die andern zu kleiden. Madame Tischler, die schon ein wenig zu verwelken anfing, die hübsche Madame Tischler fand schon einen Ausweg, um in die Anzüge ihres Sohnes noch immer »Chic« zu bringen. Sie ahmte die schwarzen Beinkleider mit den kurzen schwarzen Jacken, die umgeschlagenen weißen Kragen und den schwarzen Cylinderhut nach, wie sie am Sonntag jene pausbackigen boys tragen, die zum divine service in eines der Privathäuser gehen, an deren Thüren auf einem Messingschild steht: »Englischer Gottesdienst im dritten Stock.«

Aber wahrhaftig, die alte Viper, die böse Zunge, die Madame Bader hatte ja recht gehabt, wenn sie behauptete, mit der Mutterliebe der Madame Tischler sei es nicht weit her. Seitdem das Nippfigurenkind in einen Engländer verwandelt worden war, könnte man es fast für einen jungen Mann halten, und die guten Freunde verfehlten auch nicht, dies zu bemerken.

»Ach, meine Verehrteste, was Sie schon für einen großen Jungen haben! Da sieht man erst, wie alt man wird!«

Man sah es so gut, daß Gustav in eine Pension gesteckt wurde und letzten Oktober – was doch die Zeit vergeht – ist er schon nach Sekunda versetzt worden.

Jetzt ist er ein strammer Gymnasiast von mindestens fünfzehn Jahren. Durch das Pensionsleben verwildert, ist er ein sehr schlechter Schüler, der in allen Ecken herum heimlich raucht und aus dem Hausarrest gar nicht herauskommt. Darüber grämt sich nun seine Mutter nicht allzu sehr; sie ist froh, daß man dem Jungen mit den zu kurz gewordenen Beinkleidern nicht oft bei ihr begegnet. Wenn zufällig einmal am Sonntag keine Strafe über ihn verhängt und er zu den Eltern darf, so essen Herr und Frau Tischler gerade in der Stadt. Er hat immer Pech. Dann wird ihm am Ende der langen Tafel im großen Speisesaal gedeckt, und nach dem einsamen Mahle wartet er in dem verlassenen Salon, den eine einzige Lampe mangelhaft erhellt, bis ihn der Diener in die Pension zurückbringt. Und während durch das Halbdunkel das »weiße Bild« zu ihm herüberleuchtet, gedenkt er der Zeiten, wo ihn die Mutter zu lieben schien, und er weint, der große Junge, auf dessen Oberlippe schon ein Bärtchen sproßt.

Armes Nippfigurenkind! Du hast eben aufgehört zu gefallen!

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