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Das Stück Brot und andre Geschichten

François Coppée: Das Stück Brot und andre Geschichten - Kapitel 8
Quellenangabe
authorFrançois Coppée
titleDas Stück Brot und andre Geschichten
publisherVerlag von J. Engelhorn.
year1893
translatorE. Wulkow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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*

Die Milchschwester.

Die schöne Madame Bayard saß in einem einfachen schwarzen Kleide, mit schlicht gescheiteltem Haare im Hintergrunde des Ladens in ihrem verglasten Comptoir und schrieb in ein großes messingbeschlagenes Hauptbuch, als ihr Mann von seinen morgendlichen Ausgängen zurückkehrte. Er blieb unter der Eingangsthüre stehen, um seine Hausdiener, die gar nicht mit dem Abladen von Fässern von einem auf dem Trottoir stehenden Karren fertig werden wollten, noch auszuschelten.

»Ich habe dir eine traurige Mitteilung zu machen,« sagte Madame Bayard zu ihrem Manne, als dieser zu ihr ins Comptoir getreten war, »die arme Voisin ist gestorben.«

»Léons Amme! Das thut mir leid. ... Und was wird aus ihrem Kinde?«

»Das ist eben das Schlimme. ... Eine Verwandte der Verstorbenen schreibt mir, daß sie nicht in der Lage seien, sich des kleinen Mädchens anzunehmen, und daß sie sich gezwungen sähen, es ins Waisenhaus zu geben ... oh, über solche Menschen!«

Herr Bayard schwieg eine Weile still, indem er sich mit der Hand über den blonden Bart strich, dann sah er plötzlich mit einem gutmütigen Blick zu seiner Frau hin: »Sag' mal, Mimi. ... Es ist doch Léons Milchschwester ... wenn wir für sie sorgten?«

»Ich habe auch schon daran gedacht,« erwiderte die schöne Kaufmannsfrau einfach.

»Wahrhaftig!« rief Herr Bayard aus, und ohne Rücksicht auf die anwesenden Buchhalter und Ladendiener küßte er seine Frau auf die Stirne; »wahrhaftig! Du bist ein braves Weib, Mimi. Wir nehmen Norine zu uns und erziehen sie mit Léon. ... Ruinieren wird uns dies nicht, wie? Ich habe ohnehin gerade einen hübschen Brocken an Chinarinde verdient. ... Sonntag fahren wir nach Argenteuil und holen uns die Kleine, nicht wahr? Das ist dann auch gleich ein netter Ausflug.«

*

Es waren brave Menschen, diese Bayards; die Zierde des Droguenhandels. Durch ihre Heirat hatten sie zwei Konkurrenzgeschäfte vereinigt, denn Bayard war der »Sohn« des »Silbernen Mörsers«, der im Jahre 1756 von seinem Urgroßvater gegründet worden war, und hatte die »Tochter« des »Aeskulap« zum Altar geführt. Brave Menschen, in der That! Und was man auch sagen mag, es gibt noch viele wie diese unter dem guten Pariser Kaufmannsstande, die an den alten Traditionen festhalten, ihrem Kirchspiel das geweihte Brot spenden, die am Sonntag auf die zweite Galerie in die Komische Oper gehen und noch nichts von falschem Gewicht beim Verkauf ihrer Ware wissen.

Die Heirat war durch den Pfarrer, der dem Vater Bayards auf dem Sterbebett die Sakramente gereicht hatte, und einen Amtsbruder von ihm zu stande gekommen. Der erstere fand es gar nicht in der Ordnung, daß ein junger fünfundzwanzigjähriger Mann einem so bedeutenden Hause, wie der durch seinen Handel mit Brechwurzel berühmte »Silberne Mörser« es war, allein vorstehen sollte, und dem andern Geistlichen lag viel daran, Fräulein Simonin unter die Haube zu bringen. Er hatte das junge Mädchen eingesegnet, und der alte Simonin, ihr Vater, dessen Firma eine Größe in Kampfer war, gehörte zu seinen angesehensten Beichtkindern. Die Bemühungen der beiden wurden von Erfolg gekrönt; der Kampfer und die Brechwurzel, diese einträglichen Spezialitäten, vereinigten sich durch die heiligen Bande der Ehe. Und seit zehn Jahren arbeitete Madame Bayard, Winter wie Sommer, in ihrem verglasten Comptoir, und die blasse, schöne Brünette mit der schlichten Frisur war das Entzücken sämtlicher Commis im Straßenviertel, die alle für sie schwärmten.

Einen Kummer jedoch hatte das glückliche Paar lange gehabt, eine Wolke hatte den Himmel dieser friedlichen Ehe getrübt: der Erbe hatte auf sich warten lassen, und erst nach fünf Jahren war der kleine Junge auf die Welt gekommen. Selbstverständlich war die Freude groß. Nun konnte man eines Tages ja auch auf das Firmenschild des »Silbernen Mörsers« setzen: »Bayard & Sohn«. Nur weil er gerade zur Zeit der dringendsten Geschäfte geboren wurde und Madame Bayards Gegenwart im Comptoir unumgänglich nötig war, durfte sie nicht daran denken, ihn selbst zu stillen. Sie verzichtete sogar darauf, eine Amme ins Haus zu nehmen, da ihr die Luft in dem Teile der Pariser Altstadt, den sie bewohnten, nicht gesund genug für den Neugeborenen schien; so brachte sie denn das Opfer, den Knaben aufs Land, nach Argenteuil zu Frau Voisin zu geben, wohin sie dann jeden Sonntag mit ihrem Manne pilgerte, schwer mit Zucker, Kaffee, Seife und andern Herrlichkeiten für des Kindes Nährmutter beladen. Nach Verlauf von achtzehn Monaten lieferte Frau Voisin den Kleinen in einem prächtigen Zustande ab, und seit zwei Jahren verpflegte ihn eine mit Vorsicht ausgewählte Bonne, die ihn täglich auf dem benachbarten freien Platze spazieren führte und mit Stolz die runden Beine und sonstigen Herrlichkeiten des zukünftigen Droguenhändlers bewundern ließ.

So war es denn den Bayards ein unerträglicher Gedanke, als ihnen der Tod der Frau Voisin mitgeteilt wurde, daß Norine, die an derselben Brust mit Léon auferzogen worden war, jetzt der öffentlichen Wohlthätigkeit anheimfallen sollte. Deshalb begaben sie sich nach Argenteuil, um sie zu holen.

Armes Kind! Seit den vierzehn Tagen, die ihre Mutter nun schon auf dem Kirchhofe ruhte, war sie bei einem Verwandten, der eine Schenke hielt, untergebracht, und trotzdem Norine kaum vier Jahre alt war, mußte sie schon Gläser ausspülen helfen.

Herr und Frau Bayard fanden Norine reizend mit ihren himmelblauen Augen und ihrem blonden Haar. Léon, der mit seiner Bonne mitgekommen war, küßte seine Milchschwester, und der Schenkwirt, der erst am Morgen noch dem Kinde ein paar Ohrfeigen versetzt hatte, weil es nicht ordentlich ausgefegt hatte, that nun vor den Fremden, als ob er den Abschied von Norine nicht überwinden könne. Die Bestellung eines reichlichen Frühstücks gab ihm indes seine gewohnte Heiterkeit zurück.

»Solch einen schönen Junitag auf dem Lande sollten wir ausnützen,« meinte Herr Bayard. »Nicht wahr, Mimi?« Und während die schöne Frau ihr Kleid mit Stecknadeln hochschürzte und mit der Bonne und den Kindern fortging, um auf einer benachbarten Wiese Blumen zu suchen, hielt es der joviale Kaufmann nicht unter seiner Würde, neben dem mit Fliegenleichen übersäten Billard ein Glas Wermut mit dem Wirte zu leeren.

Sie frühstückten dann in einer schattenlosen, kahlen Laube, auf die eine glühende Mittagssonne ihre Strahlen herabsandte. Aber das schadete nichts; sie hatten es sich ja bequem gemacht. Madame Bayard hatte ihren Hut an den Bändern als Schirm zwischen dem Holzgitter befestigt, und Herr Bayard hatte sich einen vom Wirt geborgten Strohhut auf den Kopf gestülpt und tranchierte vergnügt an einer Ente herum. Die beiden Kinder hatten sich rasch angefreundet und naschten aus einer Schüssel.

Nach dem Frühstück ruhten sie im Grase und dann machten sie eine Kahnfahrt; kurz, sie kosteten die ganze Wonne eines solchen Tages auf dem Lande aus, diese armen Stadtmenschen, die in einer Straße von Paris wohnten, wo es selbst in den Hundstagen feucht und schmutzig war.

Im Boote, wo Herr Bayard in Hemdärmeln die Ruder führte, stimmte Madame Bayard, die ernste Madame Bayard, die mit einem Blicke ihre Untergebenen in Schreck zu versetzen wußte, ein lustiges Volksliedchen an, zu dem der rhythmische Wellenschlag die Begleitung bildete.

Beim Diner, das sie wieder in der Laube einnahmen, waren sie weniger heiter. Die Kinder fürchteten sich vor den um die Lichter flatternden Nachtfaltern, und Madame Bayard fühlte sich zum Umsinken müde.

Aber es war doch ein herrlicher Tag gewesen. Als sie in der ersten Klasse nach Hause fuhren – sie hatten es sich nach jeder Richtung hin heute wohl sein lassen – legte Madame Bayard den Kopf auf die Schulter ihres Mannes, und indem sie die beiden Kinder, die todmüde auf dem Schoße der Bonne eingeschlafen waren, liebevoll beobachtete, sagte sie mit froher Stimme: »Siehst du, Ferdinand, es ist eine gute That, daß wir die Kleine bei uns aufnehmen. ... Aber sie wird auch unserm Léon eine Spielgefährtin sein ... sie werden wie Bruder und Schwester zusammen aufwachsen.«

*

So war es denn auch in Wirklichkeit. Sie machten keinen Unterschied zwischen der armen Waise und ihrem Sohne, der eines Tages unter der Firma Bayard & Sohn den Handel mit Rhabarber monopolisieren und sämtlichen Kampfer aufkaufen sollte. Sie liebten das zierliche, intelligente Geschöpfchen wie ihre eigene Tochter.

Die Bonne führte nun bei schönem Wetter zwei Kinder spazieren, und am Abend standen zwei hohe Stühlchen um den gedeckten Tisch.

Herr und Frau Bayard bemerkten auch bald, daß Norine den besten Einfluß auf Léon ausübte. Sie war lebhafter, empfänglicher und leichter zu erziehen, als der vollsaftige, ein wenig träge Junge, auf den sie etwas von ihrem regen Temperament zu übertragen schien.

»Sie rüttelt ihn auf,« sagte Madame Bayard oft; denn seitdem Léon sein Milchschwesterchen um sich hatte, taute er sichtbar auf und wurde mit jedem Tag munterer.

Als sie zusammen in einer Fibel lesen lernten, wo das E unter einem Elefanten und das Z unter einem Zuaven steht, rückte Léon nicht von der Stelle und brachte seine Mutter zu heller Verzweiflung; sowie aber Norine, die sehr schnell auffaßte, dem kleinen Manne zu Hilfe kam, machte er in kürzester Zeit merkliche Fortschritte.

So ging es auch, als man sie beide in dieselbe Vorbereitungsschule schickte, die von einem alten Fräulein Merlin gehalten wurde. Der trügerischen Reklame gemäß, die Fräulein Merlin an die Kaufleute des umgebenden Stadtviertels sandte, befand sich ein Garten bei der Schule; in Wahrheit ein sandiger, mit vier Besenstielen bepflanzter Hof. Hier war es, wo ein fürchterlicher Schreck den kleinen Léon überfiel, als er in der Erholungspause die Lehrerin ihre Strickerei unterbrechen und die lange Nadel mitten in ihre auswattierten Reize stecken sah. Eine »Große« setzte zwar Léon und Norine die Ungefährlichkeit dieses Phänomens auseinander, aber es half nichts, der gute Junge überwand nie mehr eine abergläubische Furcht in Fräulein Merlins Gegenwart.

Sie würde in dem Knaben jede Fähigkeit, dem Unterricht zu folgen, im Keime erstickt haben, wenn Norine ihm nicht hilfreich zur Seite gestanden hätte. Gleich von Anfang an war das aufgeweckte Mädchen die beste Schülerin der Klasse, und so wurde sie dem trägen und langsam begreifenden Knaben eine kameradschaftliche Gefährtin und eine Art von liebevoller Nachhilfslehrerin. Gegen vier Uhr setzten sich gewöhnlich die beiden Kinder, die von der Bonne in den Laden gebracht worden waren, neben Madame Bayard ins Comptoir; dann konnte die Mutter beobachten, wie Norine dem Jungen eine Aufgabe erklärte, die er nicht recht begriffen hatte.

»Der liebe Gott belohnt uns,« sagte Madame Bayard zuweilen zu ihrem Manne. »Norine ist ein wahrer Schatz für uns ... so vernünftig schon, und so fleißig. Heute habe ich ihnen wieder beim Lernen zugehört ... ich glaube ohne sie hätte er niemals seine Rechnung herausgebracht.«

»Ich werde ihr das nie vergessen, Mimi; du kannst ganz ruhig sein. Unser Geschäft blüht; ich werde Norine ausstatten und verheiraten, wenn sie erst einmal in dem Alter ist, nicht wahr?«

*

Und dies Alter kam! Die Zeit vergeht ja so schnell, und nun sitzt am Pulte im Comptoir eine hübsche, schlanke Blondine neben Madame Bayard, in deren schwarzen Haaren schon ein paar Silberfäden erglänzen. Norine schreibt jetzt in das große messingbeschlagene Buch, während ihre Pflegemutter an irgend einer Stickerei arbeitet.

Es ist sieben Uhr! Wo nur die Herren bleiben? Da endlich kehren sie zurück. Herr Bayard hat sich inzwischen ein ziemliches Embonpoint angelegt, und Léon, der vor vier Wochen das Apothekerexamen bestanden hat, ist ein bildschöner junger Mann geworden.

»Guten Tag, Mimi ... guten Tag, Norine ... Wir wollen gleich zum Essen gehen. Ich weiß etwas ganz Neues; das erzähle ich euch bei der Suppe,« sagte der Droguenhändler.

Sie stiegen in die Wohnung hinauf, und während Madame Bayard die Suppe servierte, steckte sich Herr Bayard mit Gemütsruhe die Serviette vor, blinzelte seine Frau schalkhaft an und beginnt: »Na, Mimi, es ist in Ordnung.«

»Die Forgets willigen also ein?«

»Mit Vergnügen. Die Hochzeit wird in einigen Monaten sein, und unsere Schwiegertochter wohnt dann mit Léon bei uns. Ja, Norine, du weißt noch nichts davon, denn man bespricht solche Dinge nicht gern vor jungen Mädchen; aber schon seit einem Jahre ist Léon in Hortense Forget verliebt und quält uns, daß wir sie ihm zur Frau geben sollen. ... Es hielt nicht allzu schwer; ich brauchte nur ein Wörtchen fallen zu lassen. ... Léon ist eine gute Partie. ... Die einzige Schwierigkeit war, daß wir unsern Sohn bei uns behalten wollen. ... Es hat sich jedoch alles zur beiderseitigen Zufriedenheit geordnet, und dein Milchbruder bekommt die Frau, die er sich wünscht. ... Ich hoffe, du bist recht glücklich darüber.«

»Sehr glücklich!« antwortete Norine.

Oh, über die Tauben! Oh, über die Blinden! Sie hörten nichts aus Norines Stimme heraus, als sie antwortete, und doch lag in dem schmerzlich bebenden Klang das Echo eines brechenden Herzens! Sie sehen nicht, wie das arme Mädchen erblaßt und wie ihr Köpfchen, als sei es plötzlich zu schwer geworden, fast bewußtlos zurücksinkt. Sie merken nichts und werden noch eine ganze Weile lang nichts merken. Und doch lieben sie ihre Norine, den Sonnenschein und den Zauber ihrer Häuslichkeit; sie denken sogar daran, sie demnächst mit ihrem ersten Buchhalter zu verheiraten, einem gut situierten Witwer, der alles besitzt, was eine Frau beglücken kann. Auch Léon hat Norine gern, und zwar von Herzen gern, aber wie seine liebe, gute Schwester, und er hat keine Ahnung davon, der verzogene, verwöhnte Junge, daß das arme Mädchen sterblich in ihn verliebt ist. Sogar heute abend, wo er ihr unwissentlich den Todesstreich versetzt hat, errät er die Wahrheit nicht und wird ganz friedlich, von hellen Zukunftsträumen umgaukelt, einschlummern, während sie in ihrem Zimmer, das nur eine ganz dünne Wand von dem ihrer Pflegeeltern trennt, von Schmerz überwältigt aufs Bett sinken und in die Kissen beißen wird, um ihr Schluchzen zu ersticken.

*

Der Ball ist vorüber. In den leer gewordenen Räumen sind die Kerzen heruntergebrannt, und die Scherben von einigen gesprungenen Lichtmanschetten liegen auf dem Parkett umher.

Die Bayards hatten darauf bestanden, daß die Hochzeit bei ihnen gefeiert werden solle, und mit einer Unmenge Blumen war es ihnen auch gelungen, dem alten Kaufmannshause einen festlichen Anstrich zu geben.

Das junge Paar hatte sich eben in die für sie bestimmten Räume zurückgezogen.

»Geh schlafen, mein Kind,« sagte Madame Bayard zu Norine, die den Dienern noch die Lichter löschen hilft. Dann umarmte die glückliche Mutter ihre Pflegetochter und fügte mit einem Lächeln bei: »Jetzt ist die Reihe bald an dir!«

Und endlich ist Norine allein in dem finstern, nur noch von einer auf dem Flügel stehenden Kerze erhellten Salon.

Mein Gott! Wie es nach Blumen riecht, und wie ihr der Kopf weh thut!

Was war das für ein schrecklicher Tag gewesen! Und welche Qualen hat sie ausgestanden von dem Momente an, wo sie vor Hortense hingekniet war und ihr die weiße Atlasschleppe geordnet hatte, bis vor einer Viertelstunde, wo sie Léon, der seine Frau umfaßt hielt, an sich gezogen und die beiden Gatten ihr fast gleichzeitig einen Kuß auf die Stirne gedrückt hatten!

O, der Blumenduft ist unerträglich, und Norine fühlt sich ganz betäubt davon.

Sie läßt sich in einen Lehnstuhl sinken und drückt beide Hände gegen die hämmernden Schläfen, aber sie schließt die Augen nicht. Sie schaut nach jener Thüre, hinter der das junge Paar verschwunden ist. Wie sie bei dem Gedanken von einer Art Delirium erfaßt wird, wie ihr der Blütenduft die Sinne verwirrt, wie sich Tausende von Erinnerungen in ihrem schmerzenden Gehirne drängen! Sie sieht sich als ein Kind in der Schenke von Argenteuil; die schön geputzten Städter kommen und streicheln sie, und der hübsche kleine Junge mit der weißen Feder auf dem Hute küßte sie. ... Andre Bilder ziehen ihr durch die Seele. ... Fräulein Merlin, die sich die Stricknadel in den Busen stößt; das dunkle Droguenmagazin, wo sie am Sonntag, wenn alle Läden geschlossen waren, hinter Säcken und Fässern Versteckens gespielt. ...

Mein Gott! War sie denn verrückt? Da trällert sie die Melodie des Walzers vor sich hin, den sie heute mit Léon getanzt hat. ... Das ist ja zum Ersticken in dem mit Blumen überfüllten Raume; sie muß in ein andres Zimmer gehen oder wenigstens das Fenster öffnen. ... Sie fühlt sich zu schwach, um vom Stuhle aufzustehen. ... Wird sie denn sterben müssen? Auf ihrem Gehirn lastet ein Druck, als ob man es zwischen zwei Schrauben eingeklemmt hielte! Ach, die Rosen! Die Orangenblüten vor allem! Endlich erhebt sie sich mit äußerster Anstrengung, schneeweiß im Gesicht, so weiß wie das Kleid, das sie trägt. ... Plötzlich verlassen sie die Kräfte, sie sinkt in die Kniee erst, dann schlägt sie Kopf und Schultern auf dem Boden auf und fällt ausgestreckt an der Thüre hin, die zu den Räumen des jungen Paares führt. Norine ist tot. An gebrochenem Herzen und am Blumenduft ist sie gestorben.

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