Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > François Coppée >

Das Stück Brot und andre Geschichten

François Coppée: Das Stück Brot und andre Geschichten - Kapitel 7
Quellenangabe
authorFrançois Coppée
titleDas Stück Brot und andre Geschichten
publisherVerlag von J. Engelhorn.
year1893
translatorE. Wulkow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171213
projectid74146dcb
Schließen

Navigation:

*

Die Löwenkralle.

Der Lieutenant zur See, Julien von Rhé, war in einem trostlosen Zustande von seiner Station in Cochinchina zurückgekehrt. Als er nach drei langen Monaten der Krankheit in seinem elterlichen Hause in der Touraine der Genesung entgegenging und wieder die ersten Schritte ins Freie wagen konnte, von der ihn zärtlich pflegenden Mutter und der Schwester geführt, da überfielen ihn doch noch zuweilen beunruhigende Frostanfälle bei den schon recht kalten Herbstwinden.

»Verbringen Sie den strengsten Teil des Winters in Pau,« riet der Arzt. »Da ist das Klima milde, ohne zu heiß zu sein, und stärkt und beruhigt die Nerven ungemein. Das ist gerade, was Sie brauchen, und in einem Vierteljahr sind Sie wieder der alte frische Junge.«

So kam es, daß Julien von Rhé Mitte November das herrliche Panorama der Pyrenäen durch das sonnenbeschienene Fenster seines Hotels bewunderte und eine duftende Cigarette dazu rauchte, die dem Genesenden ungewohnt herb schmeckte und ihm seine Flegeljahre ins Gedächtnis zurückrief, wo er so manches Kraut heimlich vertilgt hatte.

»Wer hätte das gedacht! Die Menge hübscher Frauen in dem Pau!« sagte sich der junge Mann, als er das erste Mal auf der Promenade die Militärmusik mit anhörte. Und trotzdem er weder Geck noch Roué war, fühlte er doch eine solche Daseinsfreude in sich erwachen, daß er seine beste Uniform anzog, den Rock mit den drei neuen Goldtressen, an dem die kleine Rosette der Ehrenlegion prangte, die ihm die Mutter während seiner schweren Krankheit aufs Bett gelegt hatte und von der er gefürchtet hatte, daß er sie nur noch einmal würde tragen dürfen – auf dem schwarzen Tuche seiner Totenbahre.

Wie recht hatte er daran gethan, nach Pau zu kommen; war doch alles da so wundervoll; die milde, nie zu heiß scheinende Sonne, der azurblaue Himmel, die weite Landschaft, der Rundblick auf die fernen Hügel und am Horizonte die schneebedeckten Gipfel der Berge! Und wie interessierte ihn die kosmopolitische Gesellschaft; die schönen Fremden und deren in allen Sprachen der zivilisierten Welt geführten Unterhaltungen, die wirr durcheinander klangen, wie das Gezwitscher gefiederter Sänger in einem großen Vogelbauer. Auch mancher traurige Anblick freilich blieb einem nicht erspart, wie der des jungen, hochgradig schwindsüchtigen Engländers, der, in Decken und Shawls eingewickelt, von seinem Diener in einem Rollwagen gefahren wurde, einen schwarzseidenen Respirator vor dem Munde hatte und die Vorübergehenden aus verglasten Augen anstarrte. In der That ein trauriger Anblick. Aber der Mensch ist so egoistisch, und nach einer kurzen Regung des Mitleids, dachte Julien, daß auch er nicht viel bester ausgesehen hatte, als er, zum Skelett abgemagert und mit tiefen schokoladfarbenen Ringen um die Augen in Toulon ans Land gestiegen war; und doch genas er, und war jetzt wieder vollständig hergestellt.

Und Julien von Rhé, frisch rasiert und aufs sorgfältigste gekleidet, sog mit Wollust die laue Luft des Südens ein, ließ sich die warme Sonne auf den Rücken scheinen, führte seine neue Rosette der Ehrenlegion mit Stolz spazieren, fühlte sich glücklich, daß er auf der Welt war, gab den Armen Nickelmünzen, schaute sich mit Behagen die hübschen Frauen an und blieb mit einem weichen Lächeln auf den Lippen bei den frischen, kleinen Amerikanerinnen stehen, die in kurzen weißen Kleidchen, mit schwarzen Strümpfen und schwarzen Handschuhen um einen Baum der Promenade eine Kette bildeten und nach dem schnellen Takte der Militärmusik tanzten.

*

Kann man in einer besser vorbereiteten Stimmung sein, um sich zu verlieben? So blieb es denn auch nicht aus, daß Julien von Rhé sofort Feuer fing, als er eines Tages Fräulein Olga Babarin vor dem Hotel Gassion, in dem sie mit ihrer Mutter wohnte, vom Pferde steigen sah. Olga Babarin galt als das schönste Mädchen unter den in Pau anwesenden Russen.

Es war gegen Abend gewesen, und sie war eben von einer Fuchsjagd zurückgekehrt. Die sechs oder sieben Verehrer, die ihr beständiges Gefolge bildeten, waren rasch abgesprungen und rissen sich um die Ehre, wer ihr den Steigbügel halten durfte. Sie hatte die Hand des ersten besten ergriffen, und sofort, nachdem sie auf dem Boden angelangt und auf die Veranda getreten war, hatte sie mit der Reitpeitsche auf den Tisch geklopft, sich eine Tasse Milch bestellt und sie in einem Zug geleert. Als sie die Tasse wieder absetzte, lachte sie, mit einem kleinen Rahmbärtchen um die frischen Lippen und wie berauscht von dem kühlenden Trunke, übermütig auf. Wie eine Göttin der Jagd hatte sie dagestanden in ihrem Reitkleid, das die schlanken, herrlichen Formen umhüllte; mit dem rotblonden Haare, das unter dem Herrnhut hervorquoll und ihr in wildem Gelock auf die Schultern herabfiel; und die Sonne hatte mit ihren Strahlen das Haar vergoldet, so daß sie wie von einem Glorienschein umgeben schien.

Dann war sie plötzlich wieder ganz ernsthaft geworden, hatte die Tasse hingestellt, hatte sich mit einer leichten, fast verächtlichen Verbeugung von den Herren verabschiedet und war in königlicher Haltung, mit der Peitsche an ihr Kleid klopfend, ins Hotel hineingegangen.

»Wer ist sie? Ich bin sterblich in sie verliebt! Ich bete sie an!« Dies immer wieder seinen Bekannten zu sagen, wurde Julien von Rhé nicht müde, bis er sich drei Tage darauf Frau Babarin und ihrer Tochter vorstellen und in die Reihen der Verehrer Olgas aufnehmen ließ.

War sie eigentlich Russin, das berauschende Weib, das seit Anfang der Saison die Tage auf dem Pferde zubrachte und die Nächte durchwalzte? Von seiten ihres vermeintlichen Vaters, des ersten Mannes ihrer Mutter, war sie es. Aber die Welt wußte nur zu wohl, daß ihre Mutter, die Tochter eines New Yorker Bankiers Namens Jakobson, gerade zur Zeit der Geburt ihrer Tochter in Scheidung lag, und daß sie lange Jahre hindurch in engsten, fast offiziellen Beziehungen zu einem nordischen Prinzen aus königlichem Hause gestanden hatte. Gehörte sie irgend einer Nation an, die Bedauernswerte, die bald da, bald dort erzogen worden war, einmal in einer Kinderstube Schottlands, dann in einem neapolitanischen Kloster, dann in einem Genfer Pensionat; die ein Drittel ihrer Nächte auf den Polstern der Expreßzüge verbracht hatte, und in deren Gedächtnis sich, wie in einem Stereoskop, die Kurorte, Seebäder, Winterstationen und eleganten Städte Europas drängten, lauter Plätze, wohin die Langeweile der verblühenden Kokette ihre, trotz der geröteten Nase noch immer schöne Mutter, seit fünfzehn Jahren getrieben hatte. Sie hatte kein Vaterland, das sonderbare Mädchen, das in sich die Gegensätze jungfräulichster Scheu und jungenhaftester Keckheit vereinigte und das sich über sich selbst lustig machte:

»Ich bin weder von London, noch von Paris, noch von Wien, noch von St. Petersburg; ich bin von der Table d'hote.«

Hatte sie eine Familie? Auch das nicht. Ihr wirklicher Vater, der Oskar oder Christian des Nordens, auf den Madame Babarin ohne Unterlaß anspielte, war schon seit mehreren Jahren tot, und was ihren gesetzlichen Vater anbelangte, so kümmerte sich der niemals um sie. Total ruiniert, blieb dem Grafen Babarin nur noch das eine Existenzmittel, sein unfehlbarer Pistolenschuß, mit dem er alle Preise bei den Taubenschießen gewann. Die Gräfin nun gebot – trotz ihrer periodischen Ausbrüche von mütterlicher Zärtlichkeit, die mit anzusehen einem wehe that, so geschauspielert waren sie – über einen vollkommen ausgebildeten, ihr nie versagenden Egoismus. Während eines typhösen Fiebers, das Olga in ihrem achten Jahre fast dahingerafft hätte, vergaß Madame Babarin, die aus Rücksicht vor der Welt bei ihrem Kinde wachte, auch nicht in einer einzigen Nacht, die eingefetteten Handschuhe anzuziehen, um sich die schönen Hände weiß zu erhalten.

All dies wurde Julien von Rhé erzählt, nachdem er in die reitende Schar, die täglich Fräulein Olga Babarin umkreiste, getreten war. Mit allen Fasern seines Herzens liebte der junge Marinelieutenant das eigentümliche, berückende Wesen, das sich in die Augen sehen ließ, ohne sie niederzuschlagen, und das, als ein gemeinschaftlicher Bekannter Julien vorstellte, sich eine Cigarette angesteckt und gesagt hatte:

»Also Sie sind so verliebt in mich. ... Es ist mir ein außerordentliches Vergnügen, Ihre Bekanntschaft zu machen.«

Und dann hatte sie ihm derb, als wäre sie ein Junge, die Hand geschüttelt.

Er liebte sie um so tiefer, der redliche, brave Seemann, je mehr er sie verstehen und beklagen lernte. Er täuschte sich nicht. Olga war zwar phantastisch und schlecht erzogen, aber sie war keine Kokette, und ihre Seele war stolz und edel. Vielleicht fühlte sie die ganze Hohlheit ihres bewegten und vergnügungssüchtigen Daseins. Aufs strengste verurteilte Julien die jungen Leute, die sich um sie auf den Fuchsjagden tummelten und sich allabendlich auf ihrer Tanzkarte einschrieben. Keiner hatte sich bisher dazu entschließen können, um sie anzuhalten, und keiner begegnete ihr mit der gebührenden Achtung. Sie behandelte sie aber auch deshalb danach, und oft verwies die schöne Reiterin die Zudringlichen mit einem Peitschenhieb in die nötigen Schranken, wenn sie sich einfallen ließen, ihr die Worte zu nahe ins Ohr zu flüstern oder die Hand, die sie ihnen kameradschaftlich bot, zu lange zu drücken.

Oft sehen die Harmlosen am klarsten, und Julien, dem sein angeborenes Zartgefühl Scharfsinn verlieh, fand gar bald den verborgenen Schatz von Rechtschaffenheit heraus, der in dem Herzen des wilden, im Grunde so unglücklichen Mädchens verborgen lag. Er liebte freilich auch ihre Schönheit, und es schwindelte ihm, wenn sie in einer Tanzpause ihren Arm in den seinen legte, ihn mit ihren strahlenden schwarzen Augen, mit dem süßen Hauch ihres Mundes berauschte, wenn das rote Haar ihn streifte und der zarte Teint sich höher färbte, während sie lebhaft zu ihm sprach. Aber er liebte sie vor allem um ihrer Schmerzen willen, die sie so stolz zu tragen und zu verbergen wußte. Das Herz zog sich ihm in der Brust zusammen, wenn die Gräfin Babarin in ihren Theestunden, zwischen vier und sechs Uhr, wo sie gegen das Licht zu sitzen pflegte, um die roten, vergebens bekämpften Flecken auf ihrer Nase weniger sichtbar werden zu lassen, wenn sie da in möglichst deutlichen Anspielungen über ihre königlichen Eroberungen an den nordischen Höfen sprach, und Olga dann ihrer Mutter einen finstern, peinvollen Blick zuwarf.

Er wollte sie zu seinem Weibe machen, sie aus dieser gefahrvollen Umgebung hinwegführen; wollte sie zu der edelsten aller Frauen, zu seiner Mutter bringen, in die stärkende und reine Atmosphäre eines echten Familienlebens; kurz, retten wollte er sie! Er dachte nur noch an dies Eine! Zuweilen meinte er sogar, daß Olga diesen seinen Wunsch erraten habe, denn wenn in den Empfangsstunden ihrer Mutter das junge Mädchen all die andern Verehrer mit ihrer gewohnten burschikosen Ungeniertheit behandelte, und sie Julien den Thee reichte, dann leuchtete ihm, wie als Antwort auf seinen Blick voll edlen Mitleids und unendlicher Zärtlichkeit, ein milder Strahl aus den Tiefen ihrer seelenvollen Augen entgegen.

*

»Ja, gnädiges Fräulein, mein Urlaub läuft nächste Woche ab. Ich verlasse Pau schon morgen, werde einige Tage in der Touraine bei meiner Mutter und Schwester verbringen, und reise dann nach Brest, wo ich dem Seepräfekten als Adjutant zugeteilt bin, und in einem bis anderthalb Jahren gehe ich wieder auf See.«

Sie waren allein in dem Lesezimmer des Hotels und standen am offenen Fenster, wo am nächtlichen Himmel Tausende von Sternen zu ihnen hereinblinkten.

»So leben Sie denn wohl, und glückliche Reise!« erwiderte Olga mit ihrer frischen, klaren Stimme. »Ich habe nur noch eine Bitte an Sie, Herr von Rhé. ... Sehen Sie, die Löwenkralle, die Sie in Gold gefaßt an Ihrer Kette tragen, die hat es mir angethan. ... Nicht wahr, sie ist von einem Löwen, den Sie einmal in Afrika auf der Jagd erlegt haben? ... Ich bin so eine Art von wildem Tierchen. ... Das Ding da würde mir so gefallen, wollen Sie es mir geben? Ich würde es zum Andenken an Sie behalten.«

Julien machte das Uhrgehänge los und legte es in Olgas Hand. Dann plötzlich nahm er diese Hand, und indem er sie leidenschaftlich drückte, flüsterte er ihr leise zu: »Ich liebe Sie; wollen Sie meine Frau werden?«

Olga löste langsam wieder ihre Hand aus der seinen; dann kreuzte sie die Arme über die Brust und schaute dem jungen Manne ein paar Augenblicke ohne sichtbare Erregung in die Augen.

»Nein,« sagte sie endlich. ... »Und doch! Sie sind der erste, der mich wirklich liebt und der es mir in dieser Weise gesteht. Gerade deshalb aber muß ich Sie zurückweisen ...«

»Olga!« rief Julien bestürzt aus.

»Hören Sie mich an,« unterbrach sie ihn mit einer leichten Bewegung des Kopfes, »ich will Ihnen erklären, warum ich ›nein‹ sage. ... Ich fühle mich Ihrer nicht würdig und würde Sie unglücklich machen. ... Sie erinnern sich des Briefes Ihrer Schwester, den Sie vergebens suchten? Sie hatten ihn hier verloren, ich habe ihn aufgehoben und gelesen. ... Ihre Schwester antwortete Ihnen auf das, was Sie ihr in Bezug auf Ihre Gefühle für mich mitgeteilt hatten ... Gefühle, über deren Charakter ich mir schon lange klar war. ... Sie freut sich darüber, wie ein gutes, unschuldiges Kind, das sie ja auch ist, und in einer Art, die mir zeigte, welch ein himmelweiter Unterschied zwischen einem wirklichen jungen Mädchen und mir besteht! Beim Lesen dieses Briefes, der so viel rührende Einzelheiten über Ihr Heim enthält, wurde mir klar, aus was für Elementen Ihre Familie zusammengesetzt ist, aus lauter guten, ehrlichen Menschen, in deren Mitte Sie nur eine brave Frau führen dürfen. ... Danken Sie Gott, Herr von Rhé, daß Sie eine Mutter haben, an die Sie nur mit den Empfindungen ehrerbietigster Zärtlichkeit denken können. ... Meine Mutter habe ich verurteilen müssen; Sie haben nur die lächerlichen Seiten an ihr bemerkt; ich kenne auch die andern. Wenn Sie bei ihr um meine Hand anhalten wollten, sie würde sie Ihnen verweigern, da Sie von niederem Adel sind und kein großes Vermögen besitzen. ... Meine Mutter hat mich für eine vornehme, reiche Heirat bestimmt ... sonst ... sonst wird sie etwas andres für mich finden ... ich habe Erfahrung für ein neunzehnjähriges Mädchen! Nicht wahr, wie schrecklich? Aber es ist nun einmal so! ... Deshalb waren wir vergangenen Winter in Nizza, im verflossenen Sommer in Scheveningen, und deshalb sind wir jetzt in Pau! Deshalb rollen wir wie Frachtstücke von einem Ende Europas zum andern, schlafen beständig in Hotelbetten und essen nur an der Table d'hote. Sie wissen ja, daß meine Mutter fast eine königliche Prinzeß geworden wäre, und seit meinem fünfzehnten Jahre gab sie mir zu verstehen, daß ich mindestens eine Erzherzogin werden müsse und wäre es nur zur linken Hand. ... Eine Ehe mit einem kleinen Adeligen, der fast ein Bürgerlicher ist ... das wäre in ihren Augen ein Hinabsteigen. Ach! Ich muß Ihnen ja Verachtung einflößen, und ich schäme mich vor mir selber! Widersprechen Sie nicht. ... Nein, Sie wollen Ihrer Mutter keine Frau zuführen, der man den Schmelz von der Seele gestreift hat. ... Und dann bin ich ja auch nur ein teurer, unnützer Luxusgegenstand, den Sie nicht brauchen können und der Sie nicht beglücken würde. ... Ich liebe Sie nicht; liebe keinen ... die Liebe gehört zu den Dingen, die mir untersagt sind. ... Leben Sie wohl, Herr von Rhé; gehen Sie, gehen Sie ohne ein Wort weiter, ich beschwöre Sie. ... Aber Ihre Löwenkralle, die darf ich behalten, nicht wahr? Sie wird mir stets einen ehrlichen Menschen ins Gedächtnis zurückrufen, gegen den ich als ehrliches Mädchen gehandelt habe. ... Kein Wort, bitte. Trennen wir uns für immer ... leben Sie wohl!

*

Drei Jahre später lief der von Senegal kommende Dampfer De Couëdic in einem Hafen der Canarischen Inseln ein, um Post in Empfang zu nehmen. Während das Fahrzeug in einer stürmischen Nacht wieder in See stach, trat der Proviantmeister in die Offizierskajüte und legte ein Paket Zeitungen auf den Tisch.

Julien von Rhé entfaltete ein fast drei Wochen altes Pariser Blatt und las unter der Rubrik »Aus den Bädern« folgende Notiz:

»Seine Majestät der König von *, der, wie man weiß, im strengsten Inkognito unter dem Namen eines Grafen von Augsburg reist, befindet sich seit gestern in unsern Mauern.

»Bei der Ankunft des Königs ereignete sich ein unangenehmer Zwischenfall. Die Baronin von Hall, die nur in Begleitung ihrer Mutter, der Gräfin Babarin, die Reise mit dem Könige zurückgelegt hatte, verlor ein unbedeutendes Schmuckstück, dem sie aber, wie es scheint, einen großen Wert beilegt; es ist eine einfache, in Gold gefaßte Löwenkralle.

»Baronin von Hall hat dem Finder dieses Gegenstandes eine Belohnung von zweitausend Franken ausgesetzt.«

»Sie, Julien!« rief da einer der Offiziere, »Sie versäumen ja die Stunde, Sie haben die Wache!«

»Ich danke, Sie haben recht!« sagte Julien von Rhé, indem er die Zeitung wegwarf und wie aus einem Traume aufzuschrecken schien.

In jener Nacht sah der Untersteuermann, der sich allein mit dem wachthabenden Offizier auf der Schiffsbrücke befand, wie dieser sich mehrmals mit dem Taschentuch über das Gesicht fuhr, und wenn es auch sehr windig war und die See hoch ging, so spritzte doch kein Schaum bis zu ihnen herauf.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.