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Das Stück Brot und andre Geschichten

François Coppée: Das Stück Brot und andre Geschichten - Kapitel 6
Quellenangabe
authorFrançois Coppée
titleDas Stück Brot und andre Geschichten
publisherVerlag von J. Engelhorn.
year1893
translatorE. Wulkow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171213
projectid74146dcb
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*

Das geweihte Brot.

Kurz bevor das Hochamt begann, trat ich durch die gepolsterte Thüre in die Kirche.

Die warme, von Weihrauchduft erfüllte Luft und der Dunst der brennenden Kerzen strömte mir entgegen; das Klirren der in den Beutel der Almosenempfängerin fallenden Kupfermünzen tönte gleichzeitig mit dem lauten, näselnden Unisonogesang der Chorsänger zu mir herüber:

»Et cum spiritu tuo«

Ich wandte mich nach links und ging durch eine kleine, gewölbte Pforte. Hier hörte man ganz plötzlich nichts mehr von all den Geräuschen der Kirche, man atmete eine feuchte Kellerluft ein, die einem eisigkalt über den Rücken fuhr. Ich befand mich unter der Wendeltreppe, die zur Orgel führte, wohin ich an jenem Sonntage gehen wollte, um meinen Freund Hermann zu besuchen.

Die Aehnlichkeit solcher Orgeltreppen mit denen in eleganten Wein- und Bierlokalen ist mir oft aufgefallen. Vielleicht liebt mein Freund darum ein leckeres Frühstück mit einem guten Glas Chablis so sehr und sind deshalb beständig Flecken auf seiner ewigen weißen Krawatte, was ihn jedoch nicht hindert, ein grundgelehrter Kontrapunktist und ein vorzüglicher Komponist zu sein. Ich werde die Variationen nie vergessen, die er mir einmal vorspielte und die als Grundgedanken die melancholische, in den Straßen von Paris so populäre Melodie enthielten:

»Lumpen zu verkaufen!«
»Die Lumpenfrau ist da!«

Bach hätte es nicht schöner machen können, und ich bin fest überzeugt, daß sämtliche Engel und Erzengel, Cherubim und Seraphim in den Gefilden der Seligen vor Wonne geweint haben.

In meinem Normalzustand kann ich Musik gerade noch aushalten, wenn ich aber traurig und verstimmt bin, dann liebe ich sie über alles, namentlich Kirchenmusik. Dies war der Hauptgrund, warum ich zu meinem Freunde Hermann ging.

Denn ich war traurig an jenem Tage, so traurig wie ein Regenmonat in einem Seebade. Warum? Das weiß ich wirklich nicht mehr. Vielleicht über den nach Ruß riechenden Nebel, der einem englischen nichts nachgab; vielleicht einfach aus Spleen, weil das Leben kurz und die Tage endlos lang sind; vielleicht über einen Freund, der mich verleugnet, oder eine Frau, die mich verraten hatte. Das ist ja gleichgültig. Kurz, ich war eben verstimmt, sah alles Schwarz in Schwarz und haderte mit dem Schicksal, das uns das Glück nur in homöopathischen Dosen zumißt.

Hermanns Orgel ist eine der größten in ganz Paris. Der mächtige Bau ist im Rokokostil gehalten und nimmt sich prächtig aus mit seinen hohen Pfeifentürmchen, mit den riesigen Pfeifen und den großen eichengeschnitzten, in reichdrapierte Faltengewänder gehüllten Engeln, die die Backen so furchtbar aufblasen, um in ihre goldenen Trompeten zu stoßen. Die steile, ausgetretene Treppe, die zu Hermanns Platz in der Orgel führt, ist denn auch mindestens so hoch wie drei gute Etagen in einem modernen Hause. So kletterte ich sie also hinauf, still vor mich hinseufzend, allerdings weniger vor Müdigkeit, als vor weltschmerzlichen Empfindungen.

*

Ich fand meinen Freund vor der Orgel sitzend, und im selben Augenblick hörte ich die ferne Stimme des Kaplans näseln:

»Sequentia sancti Evangelii secundum Matthaeum.«

Sofort sanken die fünfklauigen Pfoten, die meinem Freunde als Hände dienen – echte Pianistenhände – auf die Tasten hinab, und ein harmonisches, donnerähnliches Geräusch ertönte, das mich bis ins tiefste Innere erschauern ließ, Klänge von solcher Erhabenheit und solcher Kraft, daß sie den Gesang der Gemeinde fast übertäubten, die gleichzeitig mit dem

Gloria tibi, Domine

einfiel.

Da hatte ich ja nun den musikalischen Rausch, um dessentwillen ich gekommen war.

Indes schwieg die Musik jetzt bis zum Ende des Evangeliums still, und ich lehnte mich inzwischen, nachdem ich Hermann herzlich die Klaue gedrückt hatte, über die Balustrade, neben einen der in die Posaune stoßenden Engel, der sich in der Nähe mit seinen enormen Pausbacken ganz fürchterlich ausnahm.

Der Blick von oben herab ist herrlich. Man übersieht die Kirche bis in den fernsten Hintergrund des Chors. Die korinthischen Säulen, die in einem unruhigen und überladenen Stil gehaltenen Statuen, die mit gewundenen Postamenten gezierten Kanzeln, die buntscheckigen Baldachine, die funkelnden Altäre mit ihren marmornen Wolken und aus vergoldetem Holz gefertigten Sonnen, all dies ist zwar von keinem guten, aber doch von reichem und prächtigem Geschmack, und ich liebe diese Jesuitenkirchen aus dem 18. Jahrhundert, in denen der bläuliche Dunst des Weihrauchs in die Sonnenstrahlen aufsteigt, die durch die nicht bemalten großen Fenster einfallen können.

Aber an jenem Tage, wie gesagt, war ich todestraurig; nichts konnte mich zerstreuen, und während der Kaplan seine eintönige Litanei durch die Nase ableierte, lehnte ich nachlässig neben dem pausbackigen Ungetüm und schaute verstimmt auf die Menge hinab.

Sie nimmt sich recht wunderlich aus, die Menschheit, in solcher Verkürzung gesehen. Alle Augenblicke kamen und gingen Leute durch die gepolsterte Thüre, die geräuschvoll hinter ihnen zufiel und eine unrhythmische Begleitung zu dem fernen Gesang des Kaplans bildete. Ein dicker Mann, dessen Umfang die Beine verdeckte, schien auf seinem Wanste dahinzurollen; von einem Infanteristen, der die Mütze unter dem Arme trug, sah man nur den Kopf mit dem kurzgeschorenen blonden Haar und den obern Rand seiner Ohren und roten Epauletten; zwei weiße Hauben, die wie Schmetterlinge ungeschickt hin und her flatterten, deckten zwei barmherzige Schwestern zu. Besonders komisch machten sich die Kahlköpfe aus der Höhe, und ich begriff den Irrtum des Adlers vollständig, der eine Schildkröte gefangen hatte und den Schädel des Aeschylos für einen Stein hielt, an dem er die Schale des Tieres zerschellen wollte, wodurch der berühmte Grieche eines so tragischen Todes verstarb.

Endlich war das Evangelium zu Ende.

Das Dominus vobiscum begann wieder, das Credo war gesprochen und nun kam das Offertorium.

Dabei spielt bekanntlich die Orgel allein. Nachdem Hermann eifrig einige Register gezogen hatte, entlockten seine langen, knochigen Finger dem herrlichen Instrumente eine feierliche Hymne, und drunten im Sanktuarium, wo die Chorknaben die Weihkessel schwangen, hatte man eben das geweihte Brot hereingebracht.

*

Das herrliche Brot! Es thronte auf einer blendend weißen Serviette und man ahnte, auch aus der größten Entfernung, wie prachtvoll es roch und wie heiß es sein mußte.

Nach dem Gebet wurden zwei umfangreiche Körbe voll von größeren und kleineren Stücken des geweihten Brotes von vier Chorknaben umhergereicht. Was das schönste Stück anbelangte, so war es schnell verschwunden; wahrscheinlich hatte man es für den Herrn Pfarrer zurückgelegt.

Erst wurden die Körbe den Kirchenvorstehern angeboten, behäbigen in dicke Winterkleidung gehüllten Leuten, die in der selbstbewußten Haltung des Reichtums in ihren eichenen Stühlen saßen. Sie nahmen ohne weiteres die größten Stücke zwischen ihre pelzgefütterten Handschuhe, schlugen das Zeichen des Kreuzes und aßen mit Behagen. Einige genierten sich sogar nicht, noch einmal, ja sogar ein drittes Mal zuzugreifen und das Brot in eine aus der Tasche gezogene Zeitung zu wickeln, um es mitzunehmen.

Als die Körbe in den ersten Reihen der Gemeinde anlangten, fehlte schon ziemlich viel daraus. Doch waren es noch immer Bevorzugte, denen man sie reichte: als sehr fromm und wohlthätig bekannte Damen, Beichtkinder des Herrn Abbé so und so, lauter angesehene Bürger des Kirchspiels, deren Namen oder Initialen auf einer Metallplatte an der Rücklehne ihres Betstuhles eingraviert waren.

Auch diese aßen reichlich von dem Brot und nahmen einen kleinen Vorrat mit. Für die zehnte bis zwölfte Bank blieben nur noch recht dürftige Stückchen übrig, und nachdem die in schwarze Häubchen und blaue Mäntel gekleideten Waisenkinder, trotz der Anwesenheit einer Schwester, nicht allzu bescheiden gewesen waren, suchten die Leute in den hintersten Reihen vergebens in den Körben herum; sie fanden nur noch Brosamen.

Die Armen nun gar, die ich beim Eintritt in die Kirche unter dem Orgelgehäuse hatte stehen sehen – schlimm genug, daß sie nicht einmal fünf Centimes übrig haben, um sie der Stuhlvermieterin zu geben – alte Weibchen mit ihren Rosenkränzen, Greise, die auf ihren Mützen knieten, Dienstmädchen in ländlicher Tracht, sie alle sahen die leeren Körbe an sich vorübergehen, die von den Chorknaben mit einer gassenjungenartigen Bewegung hin und her geschaukelt und in die Sakristei zurückgetragen wurden.

In der ohnehin schlechten Laune, die mich beherrschte, ärgerte mich diese Ungerechtigkeit doppelt. Mochte mein Freund Hermann so viel Register öffnen und wieder schließen, als er nur wollte, mochte er die weichsten Flötenklänge, die rührendsten Baßpfeifentöne ertönen lassen, mochte er den vollen Chor der himmlischen Stimmen loslassen und die ganze Kirche mit einem Hymnus des heitersten Friedens erfüllen, in mir war und blieb Empörung. Und damals war es, daß ich eine Bemerkung niederschrieb, die ich neulich in einem alten Notizbuche wiederfand:

»Das Glück gleicht dem geweihten Brot des Hochamts; man bekommt nur ein kleines Stückchen davon, und zwar nur am Sonntag, und da bekommen nicht einmal alle davon.«

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