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Das Stück Brot und andre Geschichten

François Coppée: Das Stück Brot und andre Geschichten - Kapitel 4
Quellenangabe
authorFrançois Coppée
titleDas Stück Brot und andre Geschichten
publisherVerlag von J. Engelhorn.
year1893
translatorE. Wulkow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171213
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*

Die alte Uniform.

Zur Zeit, als ich noch Expedient im Kriegsministerium war, arbeitete mit mir auf demselben Büreau einer Namens Jean Vidal, ein ehemaliger Unteroffizier, dem der linke Arm im italienischen Feldzug amputiert worden war, der aber mit seiner rechten Hand kalligraphische Wunder an gotischer und an Rundschrift ausführte und mit einem einzigen Federstrich ein kleines Vögelchen in den Schnörkel seiner Unterschrift zeichnen konnte.

Ein braver Mensch war dieser Vidal! Der Typus eines echten Soldaten, bieder und rechtschaffen. Trotzdem er kaum mehr als vierzig Jahre alt sein mochte und sich erst einige graue Haare in dem blonden Backenbarte des einstigen Zuaven zeigten, hieß er bei uns auf dem Büreau doch schon »Vater Vidal«, eine Bezeichnung, die weniger der Vertraulichkeit als der Ehrerbietung entsprang; denn wir kannten und schätzten das entsagungsreiche, ehrenhafte Leben Vater Vidals, der in seiner kleinen, billigen Wohnung eine verwitwete Schwester mit einer Schar Kinder aufgenommen hatte. Mit seinem spärlichen Einkommen, das ihm aus seiner Invalidenpension und seinem Beamtengehalt zufloß, erhielt er die ganze Familie. Dreitausend Franken für fünf Personen! Aber Vater Vidals Röcke, deren linker leerer Aermel stets am dritten Knopfe eingehakt wurde, waren immer so sauber gebürstet, als hätten sie die Prüfung des Generalinspektors zu bestehen, und das rote Band seines Kreuzes schonte er in einer Weise, daß er es jedesmal aus dem Knopfloche nahm, wenn er ein Paket auf der Straße trug – irgend ein Paar Schuhe oder eine Strapazierhose für die Kleinen.

Da ich damals in der gleichen Vorstadtgegend mit ihm wohnte, so ging ich sehr häufig mit ihm denselben Weg nach Hause. Besonderes Vergnügen machte es mir, wenn er aus seinen Feldzügen erzählte, während wir auf Schritt und Tritt in dem Stadtviertel, wo sich die Kriegsakademie befindet, den prächtigen Gestalten der kaiserlichen Garde begegneten: grüne Jäger, weiße Ulanen und Artillerieoffiziere in Schwarz und Gold, eine Uniform, in der es der Mühe verlohnte, sich tot schießen zu lassen.

Manchmal, an heißen Sommerabenden, bot ich meinem Gefährten ein Glas Absinth an, eine Labung, die sich Vater Vidal aus Sparsamkeit sonst nie gönnte. Dann setzten wir uns ein halbes Stündchen in das hauptsächlich von Militär besuchte Café. An solchen Tagen stand der ehemalige Unteroffizier, der sich zum soliden Familienvater herangebildet und sich geistiger Getränke vollkommen entwöhnt hatte, stets etwas angeheitert vom Tische auf, und ich konnte für den Rest des Weges mit Zuversicht auf eine schöne Soldatengeschichte rechnen.

Eines Abends – ich glaube wahrhaftig, Vater Vidal hatte zwei Glas Absinth getrunken – als wir über das häßliche Boulevard Grenelle kamen, blieb er plötzlich vor einer jener Trödelbuden stehen, wie es so viele in jenem Stadtteile gibt, und in denen gebrauchte Militäreffekten feilgeboten werden. Es war ein dunkler, schmutziger Laden, in dessen Schaufenster verrostete Pistolen und Epauletten mit rot gewordener Vergoldung lagen, während außen zwischen schmutzigen Lappen ein paar alte, vom Regen vermoderte und von der Sonne versengte Offiziersuniformen hingen, die aber, da sie die Schlankheit der Taille und die Breite über die Schultern noch erkennen ließen, einen gewissermaßen menschlichen Anblick boten.

Vidal packte mich mit der ihm noch gebliebenen Hand am Arme, und indem er mich mit seinen vom Absinth ein wenig unstät gewordenen Blicken anschaute, wies er mit seinem Stumpf nach einem der Waffenröcke; es war die Uniform eines afrikanischen Offiziers mit dem vielgefalteten Schoß und der dreifachen auf der Achsel eine Acht bildenden Goldtresse.

»Sehen Sie mal ... das ist die Uniform meines früheren Corps ... der Rock eines Hauptmanns.«

Er trat ein paar Schritte näher, um das Ding zu mustern, und als er auf den Knöpfen die Nummer las, rief er begeistert aus: »Der ist von meinem Regiment ... vom ersten Zuavenregiment!«

Mit einemmale jedoch verharrte Vidals Hand, die nach dem Schoße der alten Uniform gegriffen hatte, unbeweglich auf derselben Stelle; seine Lippen zitterten, und indem er die Augen zu Boden heftete, murmelte er mit einer von Schreck erfüllten Stimme vor sich hin: »Gütiger Gott, wenn es die seinige wäre!«

Dann kehrte er mit einer raschen Wendung den Rock nach der andern Seite, und ich sah mitten auf dem Rücken ein kleines Loch, das von einem schwarzen Fleck umrandete Loch einer Kugel; der Fleck zweifellos geronnenes Blut. Der Anblick war fast so abstoßend, wie der einer Wunde selbst.

»Das ist eine häßliche Narbe,« sagte ich zu Jean Vidal, der das Kleidungsstück sofort wieder losgelassen hatte und mit gesenktem Kopfe weiter gegangen war.

Da ich eine interessante Geschichte ahnte, fügte ich, um meinen Begleiter anzustacheln, hinzu: »Gewöhnlich lassen sich die Zuavenoffiziere nicht von rückwärts treffen.«

Aber er schien mich gar nicht zu hören, sprach nur immer vor sich hin, indem er an seinem Schnurrbart kaute: »Wie ist die nur hierher gekommen? Es ist weit vom Schlachtfelde von Melegnano bis nach dem Boulevard Grenelle. ... Freilich, ich weiß wohl, die Raben, die der Armee folgen, die Leichenfledderer. ... Aber warum gerade hierher ... zwei Schritte von der Kriegsakademie, wo sein Regiment liegt, dem andern seines. Und er hat doch gewiß schon hier vorbei gemußt ... er hat sie wiedererkennen müssen. ... Oh, das ist ja wie ein Gespenst!«

»Hört mal, Vater Vidal,« sagte ich aufs höchste neugierig geworden, indem ich ihn am Aermel zupfte; »Sie werden doch nicht länger in Rätseln sprechen wollen; erzählen Sie mir doch die Erinnerungen, die jene durchlöcherte Uniform in Ihnen wachgerufen hat.«

Ohne die beiden Gläser Absinth hätte ich wohl nichts erfahren; denn er warf mir einen mißtrauischen, fast angsterfüllten Blick zu; dann schien er es sich zu überlegen und begann mit rauher Stimme:

»Schön, ich will Ihnen die Geschichte erzählen ... vor allem auch, weil Sie ein vernünftiger und gebildeter junger Mensch sind, und wenn ich zu Ende bin, müssen Sie mir sagen – aber Hand aufs Herz – daß Sie aufrichtig sein werden – ob Sie meinen, daß ich richtig gehandelt habe. ... Wo soll ich nur anfangen? ... Wie er heißt, der andere, kann ich Ihnen nicht sagen; er lebt noch. Ich werde ihn mit dem Spitznamen bezeichnen, den er im Regiment führte: ›Der Saufaus‹. Ja, so hieß er, und mit Recht; denn er gehörte zu denen, die nie aus der Schenke weichen und mit den zwölf Schlägen der Uhr zwölf Schnäpse je auf einen Zug trinken. ... Er diente als Unteroffizier in der vierten Kompagnie des zweiten Bataillons, in der ich Fourier war, und stand neben mir im Glied. ... Ein tüchtiger Soldat, ein vorzüglicher Soldat ... ein Trunkenbold und ein Marodeur zwar, der das Raufen, kurz alle schlechten Gewohnheiten des afrikanischen Lebens liebte, aber tapfer war, wie keiner; mit ein paar kalten, stahlblauen Augen in dem wettergebräunten Gesicht, denen man es sofort ansah, daß mit dem Menschen nicht gut Kirschen essen war. ... Kurz nachdem ich aus dem Depot in das Kriegsbataillon kam, war die Dienstzeit unsers Saufaus abgelaufen; doch kapitulierte er, ließ sich gleich die Prämie auszahlen und trieb sich drei Tage lang in den schlechtesten Stadtvierteln Algiers mit noch ein paar liederlichen Kerls umher, bis man ihn mit einer tiefen Säbelwunde am Kopfe in die Kaserne zurückbrachte. Er hatte sich mit Trainsoldaten bei einer maurischen Frauensperson herumgeschlagen, die bei der Prügelei einen solchen Stoß vor die Brust bekam, daß sie daran starb. Als Saufaus wieder hergestellt war, steckte man ihn vierzehn Tage ins Loch und nahm ihm seine Tressen. Dies war schon das zweite Mal, daß er sie verlor. Er gehörte einer anständigen Bürgersfamilie an, hatte eine ordentliche Erziehung genossen und wäre gewiß längst Offizier geworden, wenn er sich besser aufgeführt hätte. ... Also nach der Affaire mit der Maurin nahm man ihm die Tressen, aber anderthalb Jahre darauf schon erhielt er sie, dank der Nachsicht unseres Hauptmanns, eines echten afrikanischen Offiziers, wieder.

»Dieser Hauptmann nun wurde zum Bataillonschef befördert, und an seine Stelle rückte ein kaum achtundzwanzigjähriger Korse, Namens Gentile, ein kaltblütiger, ehrgeiziger Offizier – von Verdienst, wie man sagte – der aber sehr strenge mit seinen Leuten verfuhr, viel von ihnen verlangte und einen wie nichts um eines Rostflecks am Gewehr oder eines fehlenden Knopfes willen acht Tage einsteckte. Er hatte nie zuvor in Afrika gedient und ließ auch nicht den geringsten Verstoß gegen die Disziplin durchgehen, aber auch nicht den geringsten. Daß sich da gleich eine Feindschaft zwischen Saufaus und dem neuen Hauptmann aufthat, ist selbstverständlich. Das erste Mal, als der Unteroffizier beim Appell fehlt, gibt's gleich acht Tage Arrest, das erste Mal, daß er betrunken ist, vierzehn Tage. Als der Hauptmann, ein kleiner, kerzengerade gewachsener Mensch, mit einem großen, schwarzen Schnurrbart, ihm die Strafe zudiktierte und in trockenem Tone sagte: › Sie kenne ich: ich werde Sie schon schlauchen!‹ da erwiderte Saufaus kein Wort und entfernte sich mit langsamen Schritten. Aber der Hauptmann würde vielleicht etwas geschmeidiger geworden sein, wenn er das zorngerötete Gesicht und den Ausdruck von Wut in den schrecklichen blauen Augen des Unteroffiziers noch hätte sehen können.

»Mittlerweile hatte Kaiser Napoleon den Oesterreichern den Krieg erklärt, und man schiffte uns nach Italien ein. ... Ich will ja aber hier keine Schilderung des Feldzugs geben ... ich komme zur Hauptsache. ... Am Vorabend der Schlacht von Melegnano, Sie wissen ja, da, wo ich meinen Arm eingebüßt habe ... lag unser Bataillon in einem kleinen italienischen Dorfe, und bevor wir ins Quartier entlassen wurden, hielt uns der Hauptmann eine Rede, und er that ganz recht daran. Er erinnerte uns wiederholt, daß wir uns in Freundesland befänden, daß unsere Ehre eine musterhafte Aufführung von uns erforderte, und daß, wer den Einwohnern auch nur das geringste Leid zufüge, exemplarisch bestraft werden solle. Saufaus, der neben mir stand und, auf sein Gewehr gestützt, etwas hin und her schwankte, da er seit dem Morgen schon die halbe Feldflasche der Marketenderin ausgetrunken hatte, zuckte bei den Worten des Hauptmanns leicht die Achseln; zum Glück bemerkte es dieser nicht.

»Mitten in der Nacht erwachte ich plötzlich. Ich sprang von dem Bündel Heu, auf dem ich in einem Gutshofe schlief, auf und sah im Mondschein eine Schar Soldaten und Bauern, die dem wütend um sich schlagenden Saufaus eine Bauerndirne entrissen. Das schöne, ganz zerzauste Mädchen flehte alle Heiligen in ihrer Verzweiflung an. Ich eilte hinzu, um hilfreiche Hand zu leisten, aber schon war mir Hauptmann Gentile zuvorgekommen. Mit einem einzigen Blick, einem wahren Herrscherblick, wußte der kleine Korse den erschreckten Unteroffizier zur Ordnung zu verweisen, und nachdem er die Lombardin mit ein paar italienischen Worten beruhigt hatte, trat er auf den Schuldigen zu, und indem seine drohend erhobene Hand zitterte, rief er: ›Einen elenden Hund, wie Sie, sollte man niederschießen. Sobald ich den Oberst gesprochen habe, werden Ihnen die Tressen genommen, diesmal aber für immer. ... Morgen kommt es zum Kampf. Sehen Sie zu, daß Sie auf dem Schlachtfelde bleiben.‹

»Wir legten uns wieder auf unsere Streu; aber der Hauptmann hatte richtig prophezeit: noch ehe der Tag graute, wurden wir von Flintenschüssen geweckt. Wir griffen zu den Waffen, traten an, und Saufaus, dessen böser Blick mir nie so aufgefallen war, stellte sich neben mich. Das Bataillon setzte sich in Marsch. Es handelte sich darum, die Weißröcke, die sich mit schwerem Geschütz in dem Dorfe Melegnano festgesetzt hatten, zu verdrängen. Vorwärts! Marsch! Wir waren noch keine zwei Kilometer weit gekommen, als auch schon österreichische Kanonen fünfzehn bis zwanzig Mann unsrer Kompagnie niederstreckten. Unsre Offiziere, die nur auf den Befehl zum Angriff gewartet hatten, ließen die Mannschaft ausschwärmen und in den Maisfeldern Deckung nehmen; sie selbst blieben natürlich stehen, und ich kann Sie versichern, unser Hauptmann stand nicht am wenigsten aufrecht da. Wir knieten zwischen dem Korne und feuerten auf die in Schußweite befindliche Batterie. Plötzlich stieß mich etwas am Ellenbogen, ich drehte mich um und bemerkte den Saufaus, der eben lud und mich mit triumphierender Miene anblickte.

»›Siehst du unsern Hauptmann dort?‹ sagte er, indem er mit einer leichten Neigung des Kopfes nach dem Korsen hindeutete.

»›Gewiß ... warum denn?‹ fragte ich und schaute auf den Offizier, der kaum zwanzig Schritt vor uns stand.

»›Warum? Weil er nicht gut daran that, mir gestern abend so zu begegnen.‹

»Mit schnellem, sicherem Griff legte er die Flinte an, gab Feuer, und dann sah ich, wie der Hauptmann, dessen Körper sich nach rückwärts bäumte, mit den Händen in die Luft schlug und schwer und leblos zu Boden sank.

»›Mörder!‹ schrie ich auf, indem ich den Unteroffizier am Arm packte.

»Aber Saufaus versetzte mir einen Kolbenstoß, daß ich drei Schritte weit flog.

»›Dummkopf, beweise doch, daß ich es gethan habe!‹

»Wütend erhob ich mich wieder; zur selben Zeit jedoch standen auch all die andern Tirailleure aus den Feldern auf. Unser Oberst, der ohne Kopfbedeckung auf seinem Pferde heransprengte und mit seinem Säbel nach den österreichischen Kanonen wies, brüllte uns zu: ›Vorwärts Zuaven! Mit dem Bajonett!‹

»Was sollte ich also thun? Mich den andern anschließen, nicht wahr? Und was ist das großartig gewesen, dieser Ansturm der Zuaven vor Melegnano! Haben Sie mal die Wellen gesehen, wenn sie gegen eine Klippe schlagen? Ja! Nun, das war etwa so: Jede Kompagnie kletterte da hinauf, wie die Wogen an einem Felsen. Dreimal wimmelte die Batterie von blauen Jacken und roten Hosen und dreimal tauchte der Erdwall wieder unbeweglich mit seinen Kanonenschlünden auf, wie die Klippe nach dem Anprall des Meeres.

»Aber die vierte Kompagnie, die unsre, trug schließlich den Sieg davon. Ich drang bis zur Schanze vor, und mir mit meinem Gewehrkolben Bahn brechend, überschritt ich die Böschung; ich fand jedoch nur Zeit, einen blonden Schnurrbart, eine blaue Mütze und einen auf mich gerichteten Flintenlauf zu bemerken, dann fuhr es mir durch die linke Schulter, als ob mir der Arm weggeflogen wäre, die Waffe entsank mir, Schwindel ergriff mich, ich fiel an dem Rade eines Proviantwagens zu Boden und verlor das Bewußtsein.

*

»Als ich wieder zu mir kam, hörte ich nur noch fernes Musketenfeuer. Die Zuaven standen im Halbkreis, aber in großer Unordnung umher und schrieen, während sie die Flinten schwangen: ›Es lebe der Kaiser!‹

»Ein alter General sprengte mit seinem Stab herbei, lüftete sein vergoldetes Kepi, schwenkte es fröhlich und rief: ›Brave Zuaven! Ihr seid die ersten Soldaten der Welt!‹

»Ich saß neben dem Proviantwagen und faßte jammervoll mit meiner rechten Hand nach der verstümmelten linken. Da fiel mir plötzlich das scheußliche Verbrechen des Saufaus ein, der seinen Offizier hinterrücks auf offenem Schlachtfelde erschossen hatte.

»Und da trat er aus dem Glied und ging auf den General zu. Ja, er, der Saufaus, der Mörder des Hauptmanns! Er hatte seinen Fez im Kampfe verloren und auf dem kahlen Schädel war ein Säbelhieb sichtbar, aus dem ihm das Blut über Stirn und Wangen niederrieselte. Mit der einen Hand stützte er sich auf sein Gewehr, und in der andern hielt er eine mit Blut bespritzte, ganz zerfetzte österreichische Fahne, die er erobert hatte.

»Der General schaute ihn mit bewundernden Blicken an.

»›Sie, Bricourt‹, wendete er sich an einen seiner Ordonnanzoffiziere, ›das nenne ich 'mal Soldaten! Was!‹

»Mit seiner frechen Stimme mischte sich da Saufaus drein.

»›Ja, Herr General ... aber wir reichen höchstens noch für einmal.‹

»›Für dieses Wort möchte ich dich küssen, Kerl!‹ rief der General. ›Und das Kreuz sollst du haben.‹

»In dem Moment schmerzte mich mein Arm furchtbar, ich fiel von neuem in Ohnmacht und hörte und sah nichts mehr.

»Das übrige wissen Sie. Ich habe Ihnen ja schon oft erzählt, wie man mich amputierte und wie ich zwei Monate lang in den Feldlazaretten im Fieber lag. In schlaflosen Stunden fragte ich mich, was ich betreffs des Saufaus thun sollte. Ihn denunzieren? Meine Pflicht war es. Beweise freilich hatte ich keine. Er ist zwar ein Schuft, aber ein tapferer Soldat, sagte ich mir dann wieder; er hat den Hauptmann Gentile ermordet, aber er hat dem Feinde eine Fahne genommen! Und ich kam zu keinem Entschluß. Als ich endlich wieder gesund wurde, erfuhr ich, daß Saufaus eine Auszeichnung für seine glänzende Waffenthat erhalten habe und zu den Gardezuaven versetzt worden sei. Dies entleidete mir zuerst mein Kreuz, das mir der Oberst im Lazarett auf den Spitalrock geheftet hatte; aber schließlich gehörte ja dem Saufaus auch eins, nur hätte das Ehrenzeichen dem Exekutionspeloton, das ihn von rechtswegen zu erschießen gehabt hätte, als Zielscheibe dienen sollen ... All dies liegt weit in der Vergangenheit zurück; ich bin dem Saufaus, der noch aktiv ist, nie wieder begegnet. Eben jedoch, als ich die Uniform mit dem Loche im Rücken wiedersah, und noch dazu bei einem Trödler, dessen Laden keine zehn Schritt von der Kaserne des ungestraft gebliebenen Mörders entfernt liegt, da war mir, als schreie der Hauptmann nach Gerechtigkeit.«

*

Ich that mein Möglichstes, um Vater Vidal, den seine Erzählung in große Aufregung versetzt hatte, zu beruhigen, indem ich ihn versicherte, daß er so und nicht anders habe handeln können.

Einige Tage darauf, als ich ins Büreau kam, trat mir Vidal mit einem Zeitungsblatt entgegen, und während er vor sich hinmurmelte: »Habe ich's nicht gesagt?« ließ er mich unter der Rubrik »Vermischte Nachrichten« folgendes lesen: »Wieder ein Opfer der Unmäßigkeit.«

»Gestern nachmittag wurde auf dem Boulevard Grenelle ein Unteroffizier von den Gardezuaven Namens Mallet, genannt ›Der Saufaus‹, der mit zwei andern Kameraden in den benachbarten Kneipen überreichlich gezecht hatte, beim Anblick alter Uniformen, die vor einem Kleiderladen hingen, von einem Anfall des delirium tremens befallen.

»Vollständig tobsüchtig rannte er mit gezogenem Yatagan, und die Vorübergehenden in panischen Schrecken versetzend, durch die Straßen. Seinen beiden Begleitern gelang es nur mit größter Mühe, des Rasenden Herr zu werden, der ununterbrochen schrie: ›Ich bin kein Mörder. ... Ich habe bei Melegnano eine österreichische Fahne erobert!‹

»Und in der That hören wir, daß Mallet seinerzeit für diese Waffenthat eine Auszeichnung erhielt und daß nur seine eingewurzelte Neigung zum Trunke im Wege stand, daß er Offizier wurde.

»Mallet ist in ein Militärspital verbracht worden, von wo aus er demnächst in ein Irrenhaus überführt werden soll, denn es ist höchst unwahrscheinlich, daß der Unglückliche je wieder seinen Verstand erlangen wird.«

Als ich Vater Vidal das Blatt zurückgab, meinte er, indem er mir mit einem vielsagenden Blicke in die Augen sah: »Der Hauptmann Gentile war Korse. ... Er hat sich gerächt!«

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