Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > François Coppée >

Das Stück Brot und andre Geschichten

François Coppée: Das Stück Brot und andre Geschichten - Kapitel 17
Quellenangabe
authorFrançois Coppée
titleDas Stück Brot und andre Geschichten
publisherVerlag von J. Engelhorn.
year1893
translatorE. Wulkow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171213
projectid74146dcb
Schließen

Navigation:

*

Die Denkmünze.

Das Gewitter war losgebrochen, und der warme Regen fiel in schweren Tropfen hernieder. Die Straßen waren menschenleer geworden, und die Droschkenpferde, die unbeweglich, vor Nässe glänzend auf dem Halteplatz standen, sahen wie lackierte Tiere aus einer Spielschachtel aus.

Der Omnibus, der von der Chaussee du Maine nach dem Nordbahnhofe geht, kam eben um die Ecke der Rue Abbé-Grégoire; die beiden Grauschimmel geben dem Wagen noch einen tüchtigen Ruck, indem sie durch eine Pfütze patschen, und wie römische Soldaten hinter ihren Schildern stürzten die Leute unter ihren triefenden Schirmen herbei, um einzusteigen.

»Nach dem Nordbahnhof!« rief der Kondukteur. ... »Innen sind nur noch drei Plätze frei. ... Eins ... zwei ... drei. ... Niemand antwortet? ... Vier ... fünf ...«

»Hier ist vier und fünf,« sagte die milde Stimme einer barmherzigen Schwester aus dem Orden Saint-Vincent, und, nachdem sie ihre enormen Regendächer aus blauem Wollstoff, wie man sie nur noch bei geistlichen Orden und Marktleuten trifft, geschlossen hatten, stiegen die zwei barmherzigen Schwestern in den Omnibus.

»Es ist noch ein Platz frei!« begann der Kondukteur wieder. ... »Nr. 6!«

Auch diesmal trat ein weibliches Wesen heran und wies ihre Nummer. Es war eine etwa fünfundzwanzigjährige Frau aus dem Volke, die einen hohläugigen, blaßwangigen Knaben, der sie um den Hals gefaßt hielt, auf dem Arme trug und ihn, so gut es eben ging, unter ihrem kleinen Schirme vor dem strömenden Regen schützte.

»Sie, Madamchen, der Junge muß bezahlen, der ist schon zu alt. ...«

»I bewahre!« erwiderte die Frau mit möglichster Sicherheit im Tone ihrer Stimme. »Der Kleine ist erst drei und ein halb Jahre alt. ...«

»Ja, die letzten! Na, steigen Sie meinethalben ein; das Wetter ist gar so schlecht. ...«

Etwas beschämt setzte sich die Frau, mit dem Jungen auf dem Schoße, auf den einzig freien Platz an der Thüre, den barmherzigen Schwestern gegenüber, und – bum bum bum – holperte der volle Omnibus rasselnd und klirrend durch die Straßen weiter.

Die beiden Schwestern hatten trotz der ganz gleichen Tracht auch nicht eine Spur von Aehnlichkeit in ihrer Erscheinung.

Die ältere, eine Person von vielleicht fünfzig Jahren, besaß die behäbige große Gestalt und die frischen Farben einer derben Bäuerin. Sie reichte dem Kondukteur das in Papier gewickelte Geld, das einzige, das die armen Schwestern bei sich hatten, und das ihnen die Oberin mit einem Auftrag, zu dem sie den Omnibus benützen mußten, eingehändigt hatte. Dann stellte sie ihren großen Korb mit einer bäuerischen Bewegung zwischen die Kniee und faltete die Hände über dem Henkel. Sie war eine Dienerin Gottes – ancilla Domini – aber eine Dienerin für die gewöhnlicheren Aufgaben, für die grobe Arbeit.

Ihre Begleiterin dagegen war noch sehr jung, höchstens vierundzwanzig Jahre alt, und aus ihrer Persönlichkeit sprach jene Verfeinerung und jenes aristokratische Wesen, das nur ein Wort auszudrücken vermag: Rasse. Nur der Pinsel eines Philippe de Champaigne, des »Seelenmalers«, hätte das Gesichtchen mit den rehbraunen Augen und den leichten Schatten auf den blassen Wangen wiedergeben können. Die durchsichtigen Hände mit den langen, schlanken Fingern, die den Horngriff ihres alten Regenschirmes umfaßt hielten, waren einer Fürstin würdig.

*

Die Frau aus dem Volke hatte sofort mit dem Kondukteur, einem schmächtigen Männchen mit grauem Soldatenbart und dem verblichenen Bande einer Kriegsdenkmünze im Knopfloch, ein Gespräch angeknüpft, da er, als er die dreißig Centimes für die Fahrt in Empfang nahm, dem kränklich aussehenden Kinde ein paar herzliche Worte gesagt hatte.

»Ja, das arme Kerlchen ist sehr krank gewesen,« begann sie, »und jetzt eben erst habe ich ihn aus dem Kinderspital abgeholt, wo er sechs Wochen lang war. ... Er sieht noch recht elend aus, aber der alte Doktor, der so grob thut und ein so gutmütiges Gesicht hat, meinte vorhin, wenn er tüchtig Leberthran nehme, dann würde er schon wieder gesund werden. ... Nicht wahr, Poldchen? ... Er heißt Leopold. ... Du wirst keine Gesichter schneiden und den Leberthran hübsch artig hinunterschlucken. ... Du hast es ja Mütterchen versprochen.«

Dann fragte sie plötzlich in verändertem Tone: »Haben Sie keine Kinder?«

»Doch, drei,« erwiderte der Kondukteur. »Drei Töchter, aber sie sind schon erwachsen; die älteste ist seit einem Jahre verheiratet, und die jüngste habe ich vor kurzem in die Lehre gegeben.«

»Dann wissen Sie ja, was es heißt. ... Es war gerade in der allerschlimmsten Zeit, im Juli, wo es für den Handwerker nichts zu thun gibt, als uns der Kleine da zu ängstigen anfing. ... Mein Mann ist Buchbinder und hat eine recht gute Kundschaft; im Sommer verreisen ja aber die Leute alle aufs Land und an die See, Gott weiß, wohin. Am vierzehnten wurde das Kind unwohl, es hatte sich erkältet, hing den Kopf und bekam Atemnot. ... Sein Vater war eigensinnig und spielte mit ihm wie immer; die Männer sind eben alle gleich ... was ich mich da geärgert habe! Den Tag darauf ließ er es schon von selber bleiben, wir mußten den Arzt rufen. ... Der zog eine sehr ernste Miene und setzte dem Jungen ein Zugpflaster auf den Rücken, so groß wie meine Hand. ... Eine Lungenentzündung! Sollte man das in dem Alter denken? Wir hatten gerade kein Geld; ich kann es, ohne mich zu schämen, eingestehen. ... Mein Mann präsentierte verschiedene ausstehende Rechnungen ... überall waren die Leute verreist. ... Unser armer Engel schien bei uns auch nicht zum besten aufgehoben. ... Wir wohnen in zwei dumpfen Stuben, und unser Schlafzimmer geht auf einen Lichthof. ... ›Sie müssen ihn ins Krankenhaus bringen, ich werde Ihnen eine Empfehlung an einen Freund von mir, der Spitalarzt ist, mitgeben,‹ sagte der Doktor. Ach, wie schrecklich war das alles! Wir trugen ihn in eine Droschke ... vorher hatte ich einiges versetzen müssen, um die Fahrt bezahlen zu können. ... Vor der Spitalthüre küßte mein Mann den Kleinen, den ich in eine Wolldecke gehüllt, auf dem Arme hatte, und sagte: ›Bringe du ihn nur allein hinein, ich kann nicht mit, mir fehlt der Mut dazu!‹ ... Mütter sind immer die Starken. Ich ging also allein hinein; wie mir aber die Schwester das Kind abnahm, meinte ich, das Herz müsse mir brechen. ... Als ich wieder zu meinem Manne auf die Straße kam, der mich rauchend erwartete, warf er die Pfeife aufs Pflaster, daß sie in tausend Scherben ging ... und dann wandelten wir stillschweigend nebeneinander her ... nach Hause. ... Die sechs Wochen, die Leopold im Spital verbrachte, werde ich nie vergessen! Es war Sommer, das Wetter war schön, und doch schien mir die ganze Zeit über, als gebe es keine Sonne mehr. Sonntags und Donnerstags durfte ich ihn besuchen, und trotz des Verbotes brachte ich ihm heimlich unter meiner Schürze Näschereien mit. ... Man sagte mir bald, es stehe besser ... auf dem Heimwege heulte ich mich halt doch halb tot. ... Ich mußte mich aber zusammennehmen, denn ich durfte mich meinem Mann nicht mit rotgeweinten Augen zeigen ... er konnte mich nie begleiten, da er wieder Arbeit gefunden hatte. ... Er litt unter Leopolds Abwesenheit ebenso sehr, wie ich, trotzdem er es zu verbergen suchte. Einmal, als ich vom Markte kam, überraschte ich ihn, wie er laut schluchzend vor einem alten Spielzeug des Kindes saß, das er vor sich auf seinen Werktisch gestellt hatte! ... Gottlob, jetzt ist alles überstanden!« rief die Frau aus, indem sie ihr Kind über und über mit Küssen bedeckte. »Jetzt darfst du wieder zu Papa, der uns was Gutes zu essen herrichtet, bis wir nach Hause kommen, und du wirst hübsch gesund bleiben und recht groß und stark werden. ... Er sieht doch schon recht ordentlich aus, mein Kleiner, nicht? ... Und deinen Leberthran nimmst du recht artig und machst deiner Mutter Freude, ja, mein Herzchen?«

*

Während die arme Frau so aus ihrem vollen Herzen herausplauderte, hörten ihr der Kondukteur, der auch Familienvater war, und die gutmütige alte barmherzige Schwester mit einem aufmunternden Lächeln zu. An was aber dachte die andre so junge, so blasse, so aristokratisch aussehende Nonne, die indes mit geschlossenen Augen, in tiefes Nachdenken versunken, dasaß? Sie dachte, daß es also doch in Wirklichkeit zwei Wesen gebe, die in Freud und Leid vereint sind und die sich lieben und die ein Kind besitzen! Ach, es war schon lange her, noch ehe ihre milden Hände mit dem Elend dieser Welt in Berührung gekommen waren, da hatte sie einen Traum geträumt, einen reinen, schönen Traum, und aus den naiven Gefühlen der einfachen Frau sprach die Vergangenheit zu ihr. ... Die Erinnerungen an das Einst stiegen wieder vor ihr auf. ...

Damals hieß sie Annette von Cardaillan ... sie war eben aus der Pension zurückgekehrt und bewohnte wie früher in dem Schlosse des Herzogs, ihres Vaters, ihre Mädchenzimmer, deren hohe Fenster nach dem Garten gingen. Im Frühling war es gewesen, und in dem blühenden Kastanienbaum sangen die Vögel. ... Da hatte ihr Onkel, der Erzbischof, die Heirat vorgeschlagen ... Lord Cavendale, aus einem der ältesten Geschlechter Irlands. ... Sie hörte noch das traurige Mollthema des ungarischen Walzers, den das verborgene Orchester auf dem Balle bei ihrem ersten Zusammentreffen mit Lord Cavendale spielte. ... Wie war sie gleich für den jungen Mann mit den schwarzen funkelnden Augen, dem kurzen rötlichen Bart und der fürstlichen Haltung eingenommen gewesen ... Douglas hieß er ... und ein halbes Jahr lang hatte sie oft, heimlich, mit einem Glückslächeln auf den Lippen, diesen Namen halblaut vor sich hingesprochen. ... Aber einmal, da war ihr an ihm der zu kecke Blick, das häßliche Lachen aufgefallen ... Eines Tages reiste ihr Vater plötzlich mit ihr auf eines seiner entlegensten Schlösser in der Auvergne. Sie wagte nach ihrem Bräutigam zu fragen; der alte Herzog aber gebot ihr zornentbrannt, nie wieder den Namen Lord Cavendales vor ihm zu nennen. ... Sie gehorchte voll Schmerz, ohne zu wissen, warum dies von ihr gefordert wurde, bis ihr einmal ein merkwürdiger Zufall ein Zeitungsblatt in die Hände spielte und sie von dem nächtlichen Skandal erfuhr, von dem Streit um eine Theaterprinzeß und von dem Manne, den Lord Cavendale kalten Blutes mit einem Degenstoß getötet hatte! Und dann die ganze Schande vor dem Gerichtshof! ... Und die Einzelheiten, die schrecklichen Einzelheiten. ... Sie war in eine lange Krankheit verfallen und hatte im Delirium immer und immer wieder nach dem geliebten Mann gerufen. ... Und als die Genesende im Herbste auf der Terrasse des Schlosses, die von den welken Blättern der Platanen übersät war, ihre ersten Gehversuche machte, da fühlte sie sich so trostlos traurig, während sie die Hügelreihe des Gebirges betrachtete und dem eilenden Zuge der Wolken mit ihren Blicken folgte, bis an die Berge, wohin sie der Nordost trieb. ... Endlich hatte sie den schweren Entschluß gefaßt, und trotz der Verzweiflung ihres Vaters und der Warnung ihres Onkels, des Erzbischofs, der in großer Erregung aus seiner Diöcese herbeieilte, war sie bei den barmherzigen Schwestern eingetreten ... Seit sechs Jahren verband sie Wunden, die ihr weniger unheilbar schienen, als die ihres Herzens, wachte sie bei Sterbenden, die sie beinahe darum beneidete, daß sie früher gehen durften, als sie selbst. Und jetzt plötzlich erinnerte sie sich daran, daß, so tot sie sich für die Welt geglaubt hatte, sie trotzdem noch immer eine kleine, vom Papst geweihte Denkmünze, die ihr Lord Cavendale einmal von einer kurzen italienischen Reise mitgebracht hatte, an ihrem Halse trug.

Armes schwaches Menschenherz!

*

In diesem Augenblicke stieß ihre Begleiterin, die sie eingeschlafen glaubte, sie leicht an.

»Aufwachen, Schwester Ursula! Wir sind am Ziele.«

Schwester Ursula, die einstige Annette von Cardaillan, schlug ihre Augenlider auf, und ihre Blicke fielen zuerst wieder auf die Frau und das Kind, die unbewußt den Anstoß zu ihren Träumen gegeben hatten.

Mit einem raschen Entschluß und mit einiger Schwierigkeit faßte sie unter dem gestärkten Linnen ihres Brusttuches nach einer goldenen Denkmünze, die sie an einer dünnen Schnur um den Hals trug, und riß sie los. Dann legte sie den noch von ihrem Körper warmen Gegenstand in die Hand der überraschten Frau.

»Erweisen Sie mir die Freude,« sagte Schwester Ursula zu der Mutter des Kindes, »und lassen Sie ihren kranken Knaben dies kleine Andenken um den Hals tragen. ... Es ist eine vor sechs Jahren in Rom von unserm heiligen Vater, dem Papste, geweihte Münze.«

Und indem sie sich den verlegenen Dankesäußerungen der Frau entzog, folgte sie ihrer derben Begleiterin, die schon aus dem Omnibus gestiegen und mutig durch den Schmutz gewatet war.

Der »aufgeklärte« Kondukteur hätte gern ein paar unpassende Worte dazwischen geworfen, aber er war Soldat gewesen und hatte zuviel Achtung vor den Damen. Ueberdies betrachtete die glückliche Mutter die geweihte Denkmünze mit bewegter, gläubiger Miene, so daß der gute Mann es aus Rücksicht für das schöne Geschlecht vorzog, zu schweigen, und sich mit einem mitleidigen Lächeln begnügte.

 

Ende.

 

 << Kapitel 16 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.